GESCHICHTE
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Date Due
Librrrj Bums Cat. no. 1137
Geschichte der Musik
von
August Wilhelm Ambros.
Mit zahlreichen Notenbeispielen und Musikbeilagen.
Zweite unveränderte Auflage.
Erster Band.
Leipzig, Verlag von F. E. C. Leuckart
(Constantin iSnncter). »^^
1880.
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Der Verfasser behält sich das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen vor.
Vorrede.
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Die Musik ist die mit Vorliebe gehegte Kunst unserer Zeit;
Lust und Yerständniss für sie ist weiter verbreitet als je. Die
Frage, ob die durch fast drei Jahrhunderte in lebenskräftigster
Triebkraft sich manifestirende Entwickelung der Tonkunst, wo
die grossen Meister nicht einzeln, sondern gleich in ganzen
Gruppen herantraten, wo eine grosse Erscheinung die andere
drängte — ob diese Entwickelung nicht einstweilen einen Ab-
schluss gefunden habe, mag offen bleiben; gewiss ist es, class
wir "Werth und Bedeutung jeder dieser Epochen besser zu be-
greifen und gerechter zu würdigen wissen, als es je früher der
Fall gewesen ist, vielleicht eben weil uns das Selbst- und Neu-
schaffen bedeutender Kunstwerke nicht in gleichem Masse ver-
gönnt ist, wie es jener Zeit vergönnt war, wo die Meister Ita-
lien's und Deutschlands die Welt nicht dazu kommen liessen über
grosse Kunstwerke zti reflectiren, da, ehe das Bedeutende noch
vollständig ergründet war, schon das Bedeutendere neu auftauchte
und die Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nahm. Daher ist
es denn vorzüglich die kritische, kunstphilosophische, biographi-
sche, historisirende Richtung unserer Zeit, der es gelungen ist
vieles früher nicht Geleistete zu erringen — und ich denke, wir
können mit diesem filowinn unserer o-eisticen Arbeit in Ehren
bestehen. Die Arbeit des Aesthetikers, des Kunsthistorikers darf
gegenüber dem Kunstwerke selbst immer ihren Werth behaupten,
und nicht umsonst legt der Dichter der höchsten Autorität die
Worte in den Mund :
— — was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget in dauernden Gedanken.
IV Vorrede.
Die Arbeit des rechten Kunsthistorikers wird aber auch für die
neuschaffende Kunst ein Segen. Auf dem Territorium der bil-
denden und bauenden Kunst hat sich dies auffallend bewährt.
Es ist z. B. noch nicht sehr lange her, dass man „gothisch" zu
bauen meinte, wenn man Spitzbogen und dazu allerlei Geschnör-
kel hinstellte. Die Arbeiten Kallenbach's, Schnase's, Kugler's
und anderer ehrenwerther Forscher haben unstreitig das rechte
Verständniss wieder anzubahnen mitgeholfen, und was eben jetzt
am Kölner Dom, an der Wiener Votivkirche geleistet wird, darf
sich neben den Arbeiten der Blütezeit der alten Gothik sehen
lassen. Ein ähnliches Verständniss haben auf musikalischem Ge-
biete die Erörterungen Winterfehrs, Marx' u. s. w. für die alten
Kirchentöne geweckt, und man hat begreifen gelernt, dass der
Palestrinastyl nicht darin bestehe, dass man ZT-rnoll unvermittelt
neben Z?-moll setzt, und dass die von einer schwächlichen Zeit
herb gescholtenen Harmonien der alten Meister nicht etwa Ergeb-
nisse unbeholfener Ungeschicklichkeit waren, sondern auf einer
tiefsinnigen Anschauung beruhten. Der Künstler lernt aus der
Kunstgeschichte eine ernste Wahrheit, die er ausserdem oft nicht
begreifen mag, die Wahrheit: dass auch in Zeiten, welche die
bunte Welt des Tages nicht mehr kennt, die Edelsten gelebt
und gewirkt und für die Menschheit reiche Schätze hinterlegt
haben, dass auch auf dem Gebiete der Kunst, wie anderwärts,
wohl die Summe unserer Erfahrungen, aber nicht Geist und Ta-
lent grösser geworden ist, und dass es nicht leicht einen schlim-
meren Irrthum geben kann als den von Jean Paul mit den Wor-
ten bezeichneten : „in den Jahrhunderten vor uns scheint uns
die Menschheit heranzuwachsen, in denen nach uns abzuwelken,
in unserm herrlich blühend aufzuplatzen." Ein Kern- und Ehren-
mann wie Leopold Mozart hatte für AHegri's Miserere kein besse-
res Urtheil als „die Art der Production müsse mehr dabei thun
als die Composition selbst." Das war dieselbe gesegnete Zeit,
wo man alte Wandmalereien „aus der Kindheit der Kunst"
resolut übertünchte, „altfränkische" Kirchen des 12. und 13. Sae-
culums geschmackvoll d. h. zopfgerecht restaurirte, wo der geist-
vollste aller Könige über das Nibelungenlied äusserte, er würde
„solches Zeug" in seiner Bibliothek nicht „dulden". Verständniss,
Liebe, Werthschätzung des Edeln, aber dem Zeitgeschmacke ent-
Vorrede. V
fernt Liegenden zu wecken ist eine der Aufgaben des Kunsthisto-
rikers. Nur muss er der rechte Mann dazu sein und muss sich als
Musikschriftsteller z. B. nicht wie Oulibicheff einbilden, dass Gott
■die Welt erschaffen habe, damit darin die Ouvertüre zur Zauber-
flöte componirt werde.
Solche Betrachtungen können wohl bewegen sich an eine
Geschichte der Tonkunst in ähnlicher Tendenz zu wagen, wie
etwa Kugler die Geschichte der Malerei, der Baukunst behandelt
hat. Der Sammel- und Forschergeist speichert neues und aber-
mals neues Material fast von Tag zu Tag auf, und es ist sehr
verlockend eine Ordnung und Sichtung des gegebenen Stoffes
und endlich eine das Geordnete zu einem überschaulichen Ganzen
zusammenstellende Gruppirung zu versuchen. Aber der Historio-
graph der bildenden Kunst ist weit besser daran als der
Musikhistoriker. Jener kann z. B. von dem eigentlichen tech-
nischen Theile seines Gegenstandes Umgang nehmen und vor-
wiegend den geistigen, den ästhetischen Gehalt der Kunsterschei-
nungen jeder Epoche betonen. Die Geschichte der Musik kann
und darf von der mühsamen, Jahrhunderte langen Arbeit den
Tonstoff zu bewältigen nicht schweigen, sie muss sich nothwendig
mit der oft dunkeln, oft abstrusen musikalischen Theorie ver-
•ransrener Jahrhunderte befassen, sie muss es darauf ankommen
lassen stellenweise den Leser zu ermüden, wenigstens von ihm
ein nichts weniger als müheloses geistiges Mitarbeiten und Nach-
studiren zu verlangen. Das belebende Element der Kunst, jenen
-•■i^tigen, ästhetischen Gehalt an Tonstücken zu demonstriren,
die nicht gleich unmittelbar in tönender Erscheinung oder wenig-
stens in Tonschrift beigebracht werden können, ist eine fast un-
mögliche Aufsrabe. Winterfeld redet z. B. in seinem Buche über
Gabrieli von den Werken der alten Meister mit Geist und mit
Begeisterung; will aber der Leser mehr haben als blosse Worte,
so muss er nothwendig zum dritten Bande greifen, der die Noten-
beispiele enthält. Der Nachweis des constructiven Theiles der
Tonwerke kann sie allenfalls als ein edel Gebildetes legitimiren,
führt aber nothwendig zu trockenen harmonischen, rhythmischen
u. s. w. Anatomirungen , mit denen höchstens der Musiklehrer
dem Schüler nützt, sonst aber nichts gewonnen ist. So lange
nicht „historische" Concerte. wie man dergleichen in Paris, Leipzig
VI Vorrede.
u. s. w. vereinzelt wirklich gegeben hat, zu einem bleibenden
Institute werden, das für den Musikfreund wird, was für den
Freund der Malerei Gemäldegalerien sind, ist und bleibt die
Arbeit des Historiographen der Musik eine nur halb lohnende,
und die tüchtigen Männer, welche in gediegenen Werken dem
eben nur halb Lohnenden Zeit und Kräfte gewidmet haben, ver-
dienen gewiss mit Ehren genannt zu werden. Ganz abgesehen
von den älteren Arbeiten des Michael Prätorius (im Syntagma),
P. Kircher, Bontempi (1695 zu Perugia), Bonnet (1715 zu Paris),
Printz von Waldthurn, Mattheson u. s. w. — liegt selbst das
Werk des Mannes, der weiland Bologna zu einem musikalischen
Delphi machte, wo sich die Musiker Orakelbescheide holten, das
Werk P. Martini's voll tiefer Gelehrsamkeit, schwer und kostbar
wie Gold, unserer Zeit schon durch seine Form und seine breiten
ragionamenti ziemlich fern und macht in der That den Eindruck
eines verstaubten Museums, avo die kostbarsten Antiquitäten in
übel beleuchteten Sälen unscheinbar durcheinander stehen. Ein
ähnliches Museum voll Kostbarkeiten ist Gerbert's Buch „de cantu
et musica sacra" (1774). Für den Forscher wird es neben den
(trotz aller Ungenauigkeit im Einzelnen sehr viel Dankenswerthes
enthaltenden) Büchern von Burney und Hawkins stets eine Stätte
willkommener Belehrung, ja eine wahre Fundgrube bleiben, wie
denn z. B. Forkel daran eine tüchtige Vorarbeit für sein Werk
fand. Diese zwei Bände Musikgeschichte unseres Forkel sind mit
Recht geschätzt, aber mehr genannt als gekannt und brechen
leider mit der Zeit Josquin's des Pres ab. Schreiend ungerecht
ist das Urtheil, welches Zelter in einem seiner Briefe an Goethe
(vom 3. December 1825) über den tüchtigen Mann fällt : „Forkel
war Doctor der Philosophie und Doctor der Musik zugleich, ist
aber sein Leben lang weder mit der einen noch mit der andern
in unmittelbare Berührung gekommen, er hat eine Geschichte
der Musik angefangen, und da aufgehört, von wo für uns
eine Historie möglich ist" u. s. w. Man traut den Augen
nicht. Und das schrieb derselbe Mann, dessen eigene Kennt-
nisse weit genug reichen, dass er am 1. August 1816, nachdem
er sich eine Belehrung ausgebeten „was denn Byzanz gewesen",
wörtlich also schreibt: „auch das mumienhafte des musikalischen
Styles — besser hiesse es fötusartig unentwickelte, hässliche —
Vorrede. ' VI
noch im fünfzehnten und sechzehnten (!) Säculo trifft zu, dem-
zufolge das Aeussere, Melodische (?) regelmässig, treu, ernsthaft
gegliedert, aber hohl, leblos und traurig dasteht und völlig ge-
mäss ist dem Dienste einer Kirche, die sich nur äusserlich noch
zu erhalten strebte. Hier fehlt in der Geschichte der Musik die
Brücke vom Antiken zum Neuen" u. s. w. Wenn Goethe's olym-
pisches Haupt für die „lieben, belehrenden Blätter" Dank nickte,
so soll der Respekt vor ihm uns Andere nicht abhalten darüber
anders zu denken. Forkel's Hauptfehler war, dass die Kunst und
"Weise Sebastian Bach's für ihn der absolute Kunststandpunkt war,
und hätte er seine Musikgeschichte beendigt, so würde muthmass-
lich Bach darin dieselbe Rolle spielen, wie sie in Oulibicheffs
bekanntem Feuilletonartikel, der im zweiten Bande, seiner Bio-
graphie Mozart's steht, der Componist des Don Giovanni spielt
— die Rolle des stolz in seinem Triumphwagen dahinrollenden
Siegers, um dessentwillen der ganze Vortrab in langer Reihe
voranmarschirt, und dem sich nur noch allerlei obskurer Plebs
nachdrängt. Forkel hat seinen Credit durch seine eigentlich ein
ganzes Buch bildende Riesenrecension über Gluck ruinirt; nicht
leicht hat sich ein Missgriff so schwer gerächt! Für den Griechen
Gluck konnte Forkel, das Prototyp eines Magisters und Stuben-
gelehrten, der ungriechischeste Geselle von der Welt, freilich keine
Sympathie hegen. Dieser antigriechische Geist oder Nichtgeist
Forkel's macht eben aus dem ersten Bande seiner Musikgeschichte
ein bei allem werthvollen Inhalte doch eigentlich völlig unleid-
liches Opus. Forkel hat die alten Schriftsteller gelesen, excerpirt;
wo in einem Winkelchen der Deipnosophistai oder des Pollux'schen
Onomastiken eine kleine Notiz über Musik steht, sucht er sie
sicherlich heraus, aber die „Antike" (nach des Dichters Worten)
„bleibt ihm Stein." Es ist spasshaft, wenn er die Musik „unter
den Göttern" und „den Halbgöttern" so trocken pragmatisch ab-
haspelt, als schreibe er etwa eine Chronik der Thomanercantoren;
und wahrhaft unvergleichlich ist seine Behandlung der Mythen,
wenn er z. B. als Erz - Euhemerist versichert: es lasse sich aus
vielen Stellen alter Schriftsteller schliessen, „dass wirklich einmal
eine Person unter dem Namen Apollo gelebt haben müsse, welche
ihrer grossen, schönen und dem menschlichen Geschlechte nütz-
lichen Handlungen wegen nach ihrem Tode vergöttert und für
VIII Vorrede.
die Sonne gehalten worden ist", und dass Apoll die Lyra und
Pfeife nach damaliger Art vorzüglich gut zu spielen gewusst und
wahrscheinlich durch diese Geschicklichkeit sich den Namen eines
( '< ottes der Musik erworben habe" ; dass ferner „Bacchius in sei-
nen Jüngern Jahren Trinkgelagen sehr ergeben gewesen sein soll"
und folglich bei seinen Festen „die Trunkenheit nebst ihren Fol-
gen unvermeidlich war", dass die Satyrn, Feld- und Waldgötter
wahrscheinlich „nichts anders als Orangutangs" gewesen sind.
Natürlich, wenn die Götter Menschen sind, so müssen die Halb-
götter Orangutangs und die Heroen vermuthlich gemeine Paviane
sein. Die Perle des Ganzen aber ist der Paragraph zwanzig, wo er
die Liebesgeschichte des Attys und des Apoll mit Cybele völlig
im Sinne der skandalösen Chronik einer deutschen Kleinstadt
erzählt, gleichsam als sei Fräulein Cybele die Tochter des Herrn
Bürgermeisters, die sich mit dem Stadtschreiber verging und dann
mit einem Orchestergeiger in die weite Welt lief. Dieser erste
Band erschien 1788, wo Deutschland schon längst einen Lessing
und Winckelmann besass, die Forkel beide kennt und citirt.
Wer dem antiken Geiste so völlig fremd bleiben konnte, für den
war auch die antike Musik etwas völlig Unverstandenes, und so
wurde Forkel, wie ihn August Böckh (de metr. Pindari) nennt,
vetenim castigator acerrirmis. Seine Verachtung der antiken Musik
ist wenigstens für Deutschland massgebend geworden, zumal die
trefflichen neueren Arbeiten eines Friedrich Bellermann u. A. vielen
schon durch ihre streng philologische Fassung unzugänglich ge-
blieben sind.
Im zweiten Bande der Forkel'schen Musikgeschichte, der
1801 erschien, hat der Autor mit einem Fleisse, einer Gewissen-
haftigkeit und einem kritischen Blicke und Tact, welche gar nicht
genug anzuerkennen sind, ein unschätzbares Material gesammelt,
woran aber freilich seinem Vormanne Gerbert ein nicht unbe-
deutender Antheil gebührt. Es zu gruppiren gewinnt Forkel
keine Zeit, er ladet seine kostbare Fracht ab, wie es fallen und
liegen mag, kaum dass er nothdürftig die chronologische Ordnung
einhält. Zu irgend einer Uebersicht, geschweige denn zu einer
Gesammtanschauung bringt er es nirgends, höchstens sagt er ge-
legentlich und beiher über eines und das andere kurz und trocken
seine Meinung, dann aber mit Einsicht und Verstand. Lesen
Vorrede. IX
lässt sich sein Buch gar nicht, aber mit grossem Nutzen studiren.
Es bleibt bis jetzt noch immer ein Hauptwerk. Die trockene
Verständigkeit Forkel's, der magisterhafte, breitprosaische Grund-
zug seines Wesens gibt ihm eine gewisse Aehnlichkeit mit Gott-
sched und Nicolai, merkwürdigerweise aber konnte er seinem
Sebast. Bach gegenüber doch zum Enthusiasten werden. In der Vor-
rede zu Bach's Leben und im Schlusskapitel dieses Werkes wach-
sen seinem Geiste ordentlich poetische Flügel!
Das allbekannte Buch des Mannes, in dem ich einen nahen
Verwandten verehrend werth halte, und durch den ich persönlich
zu dem Studium der musikalischen Archäologie zuerst geleitet
worden bin, die „Geschichte der europäisch-abendländischen Musik"
von Kiesewetter, ist der Fassung nach gerade das Gegen theil von
Forkel's Buche — sehr wenig Detail, dagegen fast Zeile für
Zeile ein Kesume, das nur als das Ergebniss tiefer und umfas-
sender Gelehrsamkeit anerkannt werden muss, wenn man sich die
Mühe gibt, es analytisch vorgehend, auf seine Gründe zurück-
zuführen. Der Autor bringt (der erste) in den Ungeheuern
Stoff Ordnung und Zusammenhang, wiewohl seine Anordnung
nach epochemachenden Häuptern der Kunst ihr Bedenkliches hat,
da er z. B. Sebastian Bach und Händel nicht einzureihen ver-
mag und sich mit der meines Erachtens sehr zu bestreitenden
Aeusserung hilft: „sie haben eine eigene Periode begonnen und
beschlossen." Kiesewetter's Buch hat zur Verbreitung von Kennt-
nissen über Musikgeschichte ohne Zweifel sehr viel beigetragen.
Kiesewetter hat die Paralipomena seiner Musikgeschichte, in wel-
cher er vorzüglich die Gesangmusik, die Contrapunktik und
die kirchliche Kunst im Auge behält, in seinen gehaltvollen
„Schicksalen des weltlichen Gesanges" zu einem höchst anregen-
den selbstständigen Werke ausgeführt, und hätte vielleicht, wäre
ihm die Zeit dazu gegönnt gewesen, in einem dritten Werke die
von ihm gar zu wenig berücksichtigte Geschichte der Instru-
mentalmusik nachgetragen und so seine Arbeiten vollständig ge-
rundet und geschlossen. Statt dessen hat er der Welt in seiner
., Musik der Araber" ein Geschenk gemacht, dessen Werth man
erst lebhaft fühlt, wenn man das früher über den Gegenstand
Geschriebene bei de la Borde, Villoteau u. a. vergleichend da-
nebenhält. Das Glück unter Leitung eines Orientalisten wie
X Vorrede.
Hammer -Purgstall die Originalquellen studiren zu können, hat er
mit aller Umsicht benutzt, und es wäre nur zu wünschen, dass
er Öfter, als er es gethan, den Text seiner Quellen wörtlich citirt
hätte. ') Höchst instructiv ist endlich die von ihm zusammenge-
stellte handschriftliche „Galerie alter Contrapunktisten" (d. h. eine
Auswahl in Partitur gesetzter, ihre Zeit und ihre Autoren charak-
terisirender alter Tonwerke), welche derzeit ein Besitzthum der
Wiener Hofbibliothek bildet. So durfte Coussemaker von dem
verdienstvollen Manne mit Hecht sagen: „un auteur, qui jouit en
Allemagne de la plus juste estime, et dont le nom seul fait pres-
que autorite en matiere musicale." -)
Seitdem hat die rastlos arbeitende Forschung neue Schachte
eröffnet und goldhaltiges Erz an's Tageslicht gefördert. Insbe-
sondere erscheint Coüssemaker's „Histoire de l'harmonie du moyen
age" durch die mitgetheilten Werke des Fra Angelico Ottobi u. a.
als eine höchst wichtige Ergänzung des Gerbert'schen Sammel-
werkes und leuchtet in jene dunkle Periode hinein, die Kiesewetter
als „Epoche ohne Namen" bezeichnet. Möge nur auch Fetis sein
in der „Biographie universelle des musiciens" gegebenes Verspre-
chen lösen und die so inhaltreichen, wichtigen Schriften des
Johannes Tinctoris , in deren Besitze er ist, veröffentlichen. 3)
Auf die tiefgelehrten Arbeiten des eben genannten belgischen
Forschers (dem nur leider zuweilen seine bewegliche Phantasie
einen Streich spielt), insbesondere sein vorhin erwähntes biogra-
phisches Lexikon, auf die geist- und inhaltreichen Bücher Winter1
feld's, auf die sich ehrenvoll anschliessenden Schriften Heinrich
Bellerniann's, Weitzinann's, Otto Lindner's u. s. w. brauche ich
wohl nur hinzuweisen;4) Viel geistreich verarbeitetes Material
1) Die entsprechende Abtheilung meines Buches basirt zum grossem
Theile auf die Daten der Kiesewetter'schen Monographie. Vielleicht rinde
ich in der Folge Zeit, mit Hilfe des gelehrten Orientalisten Hrn. Behrnauer
aus den wichtigen arabischen und persischen Handschriften der Wiener Hof-
bibliothek noch mancherlei neues Material herauszuheben.
2) In dem Traite sur Hucbald.
3) Ich mache Musikfreunde darauf aufmerksam, dass sich zu Wien in
der Bibliothek der Gesellschaft der Musikfreunde eine wortgetreue Abschrift
dieser Werke befindet.
4) Schade, dass Dehn, der gelehrte Kenner, nicht Zeit oder Stimmung
zu einem umfassenden Werke fand.
Vorrede. XI
für Musikgeschichte haben auch Otto Jahn und Chrjsander in
ihren klassischen Büchern über Mozart und über Händel nieder-
°-ele2:t. Endlich kann ich das mit allgemeinem und verdientem
Beifall aufgenommene brillante, ungemein geistvolle Buch Bren-
del's nicht mit Stillschweigen übergehen.
Nach diesen und ähnlichen Vorgängern möchte es leicht
kühn genannt werden, der Welt abermals eine Geschichte der
Musik zu bieten. Das ist aber das Schöne und Erfreuliche der
Wissenschaft, dass von ihr eine Bahn zum Wettlaufe nach dem
krönenden Ziele geöffnet wird, auf der für viele zugleich Baum
ist, und dass niemand so verblendet sein darf zu meinen, er
schliesse mit seiner Arbeit die Sache ein- für allemal ab. Insbe-
sondere bei dem Geschichtsschreiber (auch wenn es sich um Kunst-
geschichte handelt) kommt es, nebst der einfachen Kenntniss der
besprochenen Thatsachen, welche ohnehin vorausgesetzt werden
muss, auf Anordnung und Darstellung an. Ueber letztere sei
mir eine vorläufige Bemerkung erlaubt. Bei der Disposition des
Stoffes schwebte mir die völlig in der Natur der Sache liegende
Anordnung vor, welche auch Kugler für sein treffliches Handbuch
der Kunstgeschichte gewählt hat. Kugler beginnt mit den „Vor-
stufen künstlerischer Gestaltung", mit den ersten rohesten Aeusse-
rungen des bildenden Formeusinnes im nordeuropäischen Alterthum,
in Nordamerika, den Südseeinseln u. s. w., und lässt (bis dahin
mit Recht statt der rein chronologischen Darstellung den Cultur-
grad zum ordnenden Principe erhebend) dann erst das alte
Aegypten folgen, dem sich das hellenische u. s. w. Alterthum
anschliesst. Die Kunst Hindostan's und seiner Nachbarländer wird
erst nach den Anfängen der christlichen Kunst eingereiht.
Ich habe aber, da sich bei den primitiven Anfängen der Ton-
kunst ein stetigerer Fortschritt des Bildungsgrades zeigt, der in der
Kunst der Chinesen, Hindu's und der asiatisch -mahomedanischen
Völker seine relative Höhe erreicht, um das Zusammenhängende
nicht zu zerreissen, die Darstellung bis zu den genannten Völkern
in einem Zuge fortgesetzt, was mit Hinblick auf das uralte Reich
der Chinesen und die uralte Cultur Indien's nicht einmal ein Ver-
stoss gegen die Chronologie heissen kann. Die Perser und Araber
sollten freilich strenge genommen erst in den Zeiten des sieben-
ten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung und so fort weiter bespro-
XII Vorrede.
clien werden ; aber dort würde sich die Sache denn doch gar zu
episodisch und unbedeutend ausgenommen haben , und der schon nach
dem Masse der beiderseitigen geographischen Gebiete bedeutungsvolle
Gegensatz zwischen europäisch - abendländisch - christlicher Musik
und asiatisch- orientalisch -mahomedanischer Musik wäre nicht fühl-
bar geworden, wenn letztere nur als kleine Enclave der anderen
aufgetreten wäre. So hat denn das erste Buch mehr einen geo-
graphisch-ethnographischen Charakter angenommen, welcher aber
den historisirenden Hauptzug des Ganzen nicht verläugnet, und
ich durfte mich also nicht etwa auf Untersuchungen über
slavische, magyarische, finnische, skandinavische u. s. w. Volkslie-
der und Volkstänze einlassen. Das zweite Buch mit seinen
Schilderungen des alten Aegypten, Phönikien u. s. w. hat einen
gewissen culturhistorischen Grundzug. Erst mit dem dritten
Buche, mit Griechenland, tritt die eigentliche Musikgeschichte,
insbesondere in den der antiken Musiktheorie gewidmeten Abthei-
lungen entschieden hervor. Ich wage zu glauben, dass ich mit
der Besprechung Aegyptens zu der modernen Wissenschaft der
Aegyptologie, auf deren Resultate unsere Zeit stolz sein darf,
einen kleinen Beitrag geliefert habe, wiewohl schon im Texte des
toskanischen Expeditionswerkes (von Rosellini) sehr gute Bemer-
kungen über ägyptische Musik stehen. Diese Partie meines Buches
kurz abzuthun schien mir völlig unzulässig, da, wie man neuer-
lich mehr und mehr einsieht, die griechische Kunst und Cultur
auf dem Grunde der vorhellenischen ruht und nur von ihr aus
völlig verstanden werden kann. Wer nach wie vor bei dem gött-
lichen Volk der Hellenen beharren will, das als eine Art Kaspar
Hauser in seinem Ländchen von der ganzen übrigen nicht ganz
kleinen und nicht ganz uncultivirten Welt kein Wort wusste oder
erfuhr und seine Mythe, Kunst u. s. w. rein aus sich selbst
herausspann, mit dem wollen wir nicht rechten — und wer in
allem, was nicht griechisch ist, blos barbarische, des Ansehens
nicht werthe Curiosa findet, mag die wenigen Blätter getrost
überschlagen.
Eine Geschichte griechischer Tonkunst soll meines Erach-
tens etwas anderes sein als ein Potpourri von Mythen und von
Histörchen und Anekdoten aus dem Athenäus, Plutarch, Lukian
u. s. w., dem die Septem autores der Meibom'schen Sammlung,
Vorrede. XIII
Ptolemaeus u. s. w. im Auszuge augehängt werden. Zu zeigen,
dass die Tonkunst in dem reichen Leben der Hellenen
einen wesentlichen Faktor bildete und damit innig ver-
bunden war, dass zu einem vollen Verständnisse grie-
chischen Wesens neben der bildenden Kunst und Dich-
tung auch die Musik als ein jenen anderen Künsten
Gleichberechtigtes, Ebenbürtiges berücksichtigt werden
muss, war der Gesichtspunkt, von dem aus ich das dritte Buch
ganz vorzüglich abgefasst habe. Ich war bemüht zu zeigen, dass
die griechische Musik wurde und war, was sie nach ihrer ganzen
Stellung im griechischen Leben sein sollte, und dass es einerseits
ein völliges Missverstehen ist, wenn man sie als ein in stammeln-
der Unmündigkeit an angeborener Schwäche verstorbenes Kind
ansieht, als wenn andererseits die italienischen und sonstigen
Hellenisten des 16. Jahrhunderts von einer der modernen Musik
unerreichbar gebliebenen Herrlichkeit derselben träumten. In der
Darstellung der historischen Entwickelung hatte ich an den Ge-
schichten griechischer Literatur von Otfried Müller, Bernhardi
u. s. w. schöne Vorbilder, denen ich nachzukommen trachtete, so
gut ich es eben vermochte. Das Kapitel von der ethischen Be-
deutung, welche die Musik für die Griechen hatte, enthält, wie
mich dünkt, manche für unsere Zeit beherzigungswerthe Daten.
Wenn die folgenden Kapitel, welche die antike Musiktheorie
(freilich so präcis als möglich) behandeln, vielleicht den Vorwurf
der Langweiligkeit erfahren werden, so kann ich nur sagen:
die Wissenschaft hat das Recht zu Zeiten langweilig zu sein.
Auch diese wenigen Blätter überschlage, wer nur eine glatt fort-
gehende Lecture sucht; ich meinerseits konnte nicht übergehen,
was zum Verständniss der mittelalterlichen Musik so unentbehr-
lich ist, als das Verständniss der mittelalterlichen Musik zum
Verständniss der unseren. Noch bis in's 16. Jahrhundert hinein, ja
bis in den Anfang des siebenzehnten ist die Musik ein zugleich
zurück- und vorwärtsblickender Janus. Die antike Theorie
durchdringt und beherrscht sie noch immer, aber überall und
mehr und mehr zeigen sich schon die Ansätze zu der heutigen
Musik, die nach Kiesewetter's Ausspruch „mit der antiken nichts
mehr gemein hat, als das Substrat, Schall und Klang." Wer also
der Kunstgeschicht e eine Darlegung der organischen Ent-
XIV Vorrede.
wickelung der Kunst sucht, wird sich endlich auch mit diesen
Theilen bekannt machen müssen, die übrigens als Denkmal der
geistigen Arbeit eines hochbegabten Volksstammes auch an sich
anziehend genug sind. Der erste Band endet mit dem Untergange
der antiken Welt. Dieser Abschnitt in der Geschichte der Mensch-
beit ist zu wichtig, zu tief, als dass ich allenfalls dem äusseren
Gleichmass dieses und der beiden beabsichtigten folgenden Bände
zu Liebe noch etwas christliche Musikgeschichte hätte einbeziehen
sollen. Die Symmetrie der Buchrücken ist allerdings für den
Buchbinder die erste und wichtigste Bücksicht, aber für den
Autor sicherlich die letzte!
Zum Schlüsse sei mir noch gestattet eine Stelle aus den
kunsthistorischen Briefen meines werthen Freundes D. Springer
zu citiren : „Ohne innige Beziehung zum Yolksgeiste, ohne die
stete Berührung vom Hauche der Geschichte gibt es keine
wahrhafte Kunst: indem wir von der Kunst reden, stehen wir
im mittelsten Grunde der menschlichen Geschichte." Manchen
Blick auf gleichzeitige bildende Kunst, auf politische und sociale
Verhältnisse habe ich gerade aus dieser Rücksicht gethan, denn
das ganze Leben eines Volkes spriesst aus gemeinsamer Wurzel,
und der Ausspruch A. W. v. Schlegel^, um die griechischen
Tragiker zu verstehen, müsse man die Werke griechischer Skulptur
sehen, „vor der Gruppe der Niobe und des Laokoon werde man
den Sophokles verstehen lernen", ist nicht nur an sich ganz
richtig, sondern leidet auch eine anderweitige analoge Anwendung.
Prag, im September 1861.
A. W. Ambros.
Inhalt,
Seite
Vorrede .... III
Erstes Buch. Die ersten Anfänge der Tonkunst 3
Musik der Naturvölker 6
Die Südseeinsutaner 9
Die Neger 11
Die Nordasiate u IT
Die Chinesen 20
Lü- und Tonreihen der chines. Musik 24
Chinesische Musikinstrumente 28
Melodien 34
Inder 41
Tonsystem der Hindostaner 50
Melodien 58
Musikinstrumente 74
Araber 80
Tonsystem (älteres) 86
Symbolik 98
Neupersisches System 99
Melodien 100
Musik der Türken 108
Instrumente 112
Zusätze und Nachträge 124
Zweites Blich. Di e Musik d er an ti k en W el t.
A. Die Völker der vorhellenischen Cultur.
Aegvpter, Musik des alten Reiches '. . . 137
Die Harfe 148
Die Laute (Nabla) und Lvra 150
Die Flöte (Sebi) . . ." 154
Musik des neuen Reiches 159
Die Zeit des Verfalls 171
Die asiatischen, insbesondere semitischen Völker.
Assyrer 177
Babylonier . . . . : • 17!»
Perser und Meder IS.'!
Phöniker 1*4
Syrer 180
Phrvger 187
Lvd'er 191
Die Hebräer ' 193
Die Zeit Davids 195
Salomo 2(to
Musikalische Instrumente 204
Zusätze und Nachträge 212
XVI Inbaltsverzeichniss.
Drittes Buch. Die Musik der antiken Welt. Seite
B. Die Völker der antik-klassischen Cultur.
Die Musik der Griechen. I. Historische Entwickelung 217
Die Heroenzeit 229
Die Aoiden 230
Die Zeit nach der Dorischen Wanderung 233
Die Rhapsoden 241
Terpander 248
Kepion, der jüngere Olympos 252
Klonas, Thaletas 254
Xenodamos, Xenokritos 257
Alkaios, Sappho, Damophila 259
Stesichoros 264
Arion .' 266
Pythagoras und seine Schule 269
Pindar 275
Simonides, Bakchylides 279
Die Musik der dramatischen Darstellungen 281
Die Zeit nach dem peloponnesischen Kriege 29S
Die Dithyrambographen und Virtuosen 307
Aristoxenos 314
II. Die astronomische Symbolik der griechischen
Musik, ihre politische und ethische Bedeutung. 317
III. Die Musiklehre der Griechen 345
IV. Ton, Intervall, Klanggeschlecht 349
V. Die Tonarten 380
VI. Die Rhythmik 404
VII. Die Melodik 435
VIII. Die Homophonie ' 452
IX. Die Instrumentalmusik 461
Kithara und Lyra 462
Die Blasinstrumente 476
Die Orgel 489
Die Trompete und die Lärmgeige 492
X. Die Semeiographie 495
Die Musik der italischen Völker. Verfall und Untergang
der antiken Musik.
DieEtrusker 514
Die Römer 517
Der Dilettantismus 524
Luxus und Entartung * . . 526
Julian's Restaurationsveisuch 527
Zusätze und Nachträge 530
ERSTES BUCH.
Die Anfänge der Tonkunst.
Die Aeusserungen des Tonsinnes bei den Naturvölkern. — Die
asiatische Musik.
Ambros. Geschichte der Musik. I.
Die ersten Anfänge der Tonkunst.
JJie Anlage zur Tonkunst ist, gleich der Anlage zu den übri-
gen Künsten, dem Menschen angeboren. Dieser angeborene Kunst-
trieb äussert sich auch sogleich, sobald die äusseren Verhältnisse
dazu nur einigermassen Veranlassung bieten. Die bildenden Künste
und die Baukunst — vorläufig noch im unentwickelten Keime unter-
schiedlos vereint — nehmen ihren Anfang in der rohesten Form
des Denkmales. Das Grab des Helden wird zum Gedächtnisse mit
einem aufgeschütteten Erdhügel bezeichnet, der sich später zur Py-
ramide krvstallisirt. Der aufgerichtete kolossale Stein genügt der
kindlichen Phantasie des Naturvolkes, um darin etwa die äufgerich-
tete Gestalt des Helden oder die mächtige Erscheinung des Gottes
zu erblicken. Dann versucht es die kühner gewordene Kunstfertig-
keit der rauhen Felsensäule die Züge eines Menschenantlitzes einzu-
meisseln, bis sich aus der hermenartigen Bildung endlich die volle,
gerundete Menschengestalt loslöset. Jetzt erst scheidet sich jener
Keim in drei Herzblätter, die jedes für sich mächtig weiter spriessen:
in Baukunst, Sculptur und Malerei.
Das Verhältniss der Musik, wie sich im einfältigen Naturvolke
ihre ersten Regungen zeigen, ist ein der monumentalen Kunst diame-
tral entgegengesetztes. Wenn diese dauernd das Gedächtniss eines
zu Ueberliefernden den folgenden Geschlechtern aufbewahren will,
so dient die Fähigkeit, modulirte Töne an einander reihen zu können,
zunächst blos dazu, einer augenblicklichen Gemüthsstimmung Luft zu
machen, Freude oder Leid zu äussern und mit dem verwehenden
Klange ist alles aus, bis eine neue Gelegenheit Lust und Antrieb zu
neuer ähnlicher Aeusserung bietet. In Gesang bricht der wilde, bunt-
bemalte Krieger vor dem Kampfe aus — er leihet -seiner Verachtung
des Feindes, seiner Siegeszuversicht Worte, die er in irgend einer
improvisirten Weise absingt, der Rhythmus der geordneten Töne
regt seine Glieder zu harmonierenden Bewegungen an — er tanzt
keulenschwingend seinen Kriegstanz. So liegen auch hier die Künste
1 *
4 Die Anfänge der Tonkunst.
ungretrennt im Keime und scheiden. sich erst bei höherer Entwicke-
lung als Poesie, Musik und Mimik. *)
Den ungebildeten Menschen regt das rhythmische Element der
Musik zumeist an. Aeussert sich dieser Antheil schon in der stam-
pfenden Tanzbewegung, im taktmlissigen Zusammenklatschen der
Hände, so wird bald nach Mitteln gegriffen, die rhythmischen Ac-
cente schallkräftiger hören zu lassen — Klapperhölzer, Handpauken,.
Trommeln kommen in Gebrauch. Roheste Musikinstrumente solcher
Art stehen bei allen ungebildeten Völkern in besonderer Gunst.
Bald auch lernt man, dass durch Blasen in gehölte Röhren ein hell-
pfeifender Ton, durch Blasen in hornartig gekrümmte, oder kegelför-
mig gespitzte, als Thierhörner, Seemuscheln u. s. w., ein dumpf rau-
her und schmetternder hervorgebracht werde. Die Blasinstrumente
bezeichnen die zweite Entwickelungsstufe der Musik, so wie die
Lärmtonzeuge — die erste und roheste bezeichneten. Die dritte
wird mit der Entdeckung erreicht, dass gespannte Thiersehnen,
Fäden u. s. w. wenn man sie in Vibration versetzt, helle Töne
hören lassen, desto heller, je schärfer gespannt sie sind — und
wenn nun solche Sehnen neben einander in verschiedener Span-
nung geordnet werden, um sie im wechselnden Tonspiele erklingen
zu lassen. Die Saiteninstrumente haben nicht blos im gebildeten
Orchester, sondern schon in der Kindheit der Musik den Vorrang
vor den Blasinstrumenten, und bezeichnen den höheren Culturgrad. 2)
Es geschieht nun wohl, dass die Melodie eines kunstlos und
nach Drang und Bedürfniss des Augenblicks angestimmten Gesan-
ges den Hörern gefällt. Man versucht es, sie nachzusingen, sie
wird wiederholt, festgehalten und bei anderen Gelegenheiten wie-
der gesungen. Das Volkslied in seiner einfachsten Gestalt entstehet.
Die Beschäftigung mit den einfachen Instrumenten führt zu der
Erfahrung, dass sie bei einer bestimmten BehandlungKlänge von grösse-
rer oder geringerer Tonhöhe wechselnd hören lassen, dass die längere
Pfeife tieferklingt als die kürzere und diese tiefer als die noch mehr
verkürzte — eine Erfahrung, die gewiss sehr bald gemacht werden muss.
Es liegt nun der Gedanke ganz nahe, solche Pfeifen in geordneter
Reihe neben einander zu befestigen, und sie am Munde hin- und
herziehend statt eines einzigen Tones eine ganze Tonreihe hören zu
lassen — die Panspfeife ist gefunden. Höher steht schon die Ent-
1) Wagner will in seinem „Kunstwerke der Zukunft** diesen primitiven.
Zustand wieder herstellen — so dass die höchste Entwickelung (in seinem
Sinne) mit dem frühesten Anfange in gewissem Sinne zusammenfiele.
2) Die Griechen drückten dieses nach ihrer sinnigen Weise im Mythus von
Apollon und Marsyas aus. rDes Marsyas Instrumente'*, sagt Aristides Quin-
tilianus (II. S. 109), ..standen so tief unter jenen Apollons, wie Handarbeiter
und Ungelehrte (/»ocwdxTC; xai a/na&it.c av&tJ<imov) unter Weisen (<xo<jrwr)" —
oder wie Marsyas selbst unter Apollon." Auch Piaton, als er in seiner Re-
publik (III. Buch) die Flötenmusik verwirft, meint: ..was thun wir denn Beson-
deres, wenn wir Apollon dem Maryas vorziehen?".
Die Anfänge der Tonkunst. 5
decknng, daS3 man mit einem einzigen Flötenrohre auskommen
könne, wenn man Tonlöcher hineinschneidet, und sie durch das
Wechselspiel der Finger bald öffnet, bald schliefst. l) Die Bedingun-
gen, unter denen man diesen oder jenen Ton nach Belieben hö-
ren lassen kann, lernen sich bald — und damit ist auch die Fähig-
keit erreicht, eine bestimmte Melodie kennbar nachzuspielen. Bei
den, an sich höher stehenden, Saiteninstrumenten wiederholt sich der
gleiche Vorgang. So wie die längere Pfeife, gibt die längere Saite
den tiefern Ton — derlei Saiten gleich den Röhren der Panspfeife
in abnehmender Länge neben einander geordnet, bilden die Harfe,
deren aus jener Anordnung sich von selbst ergebende Triangelform
gewissermassen das Seitenstück zur Triangelform der Panspfeife ist.
Damit die Saiten einen klangvollen Ton hören lassen, müssen sie
gespannt werden — die Erfahrung zeigt, dass je schärfer ihre Span-
nung, desto höher ihr Klang ist. Diese Erfahrung wird benutzt
und eine Reihe gleich langer aber zunehmend schärfer gespannter
Saiten neben einander gestellt — es entsteht die Lyra. Endlich
lernt man, dass, so wie die durch das Spiel der Finger auf den Ton-
löchern der Flöte verkürzte Luftsäule höhere Töne gibt, die durch
Niederdruck des Fingers auf einen kürzern Schwingungsraum redu-
cirte Saite höher klingt — desto höher, je kürzer man sie fasst. Wie
mit einem einzigen Flötenrohr, lernt man mit einer oder doch mit
nur wenigen Saiten für das ganze Bedürfniss an Tönen, die man hören
lassen will, auskommen, und erhält die Guitarre, Laute, und G-eige.
Sie verhalten sich zur Harfe wie die einfache Flöte zur Pansflöte.
Aber die Saiten müssen an ein Gestell befestigt werden, von dessen
zweckmässiger Construction Schallkraft und Wohlklang gar sehr ab-
hängt, das einen sinnreichern Bau erheischt, und vieler Modificatio-
nen und Verbesserungen fähig ist. Darum ist das Vorkommen von
Harfen, Lyren und Lauten ein Kennzeichen, dass der Standpunkt
roh naturalistischen Musikmachens überwunden und eine wirkliche
musikalische Cultur bereits erreicht sei. Durch die Fähigkeit, auf den
Instrumenten Melodien hören zu lassen, lernt man, dass um das Be-
dürfniss nach Musik zu befriedigen, der Gesang auch wohl ent-
behrt werden könne und die Instrumente allein ausreichen. Damit
zweigt sich die Instrumentalmu?ik von der Vocalmusik ab, und trennt
1) Bei den Griechen finden wir alles dieses wieder höchst sinnig ausge-
drückt. Die Panspfeife ist das Instrument der halbthierischen Feld- und Wald-
gürtel-, der Ziegenfüssler, der Kentauren. Der junge Kentaur des Aristeas und
Papias im Capitolinischen Museum hat z.B. eine solche Pfeife neben fich an dem
Bauinstamme. Vornehmer ist schon die einfache Flöte oder Pfeife. Der rei-
zende, junge capitolinische Faun (nach Praxiteles), der von vorne angesehen,
fast einem jungen Hermes gleicht und dessen Gesicht erst im Profil etwas bedenk-
lich Bockartiges bekömmt, halt eine Flöte in der Hand (die Arme sind freilich
restaurirt). Trotz Marsjas' kläglicher Niederlage kommt die Flöte durch seinen
Zögling Olympos zu Ehren — und al» sie nun gar von den Musen selbst ange-
nommen wird (Entente führt Sie Doppelflöte), gehört sie fortan der edeln Kunst.
6 Die Anfänge der Tonkunst.
sich die Musik erst völlig von der Poesie. Andererseits lernt map
den Nutzen einsehen, wenn die Instrumente mit ihren sicher an-
sprechenden Tonen, den nicht mehr willkürlich in Tönen sich er-
gehenden, sondern kunstvoll geordneten Gesang begleiten und leiten.
Da Flötentöne eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Klange der
Menschenstimme haben, und sie leicht decken, so zieht man den zar-
tem, eigenthümlichen Klang der Lyren, Harfen und Lauten zu die-
sem Gebrauch vor — diese werden die eigentlichen Instrumente der
Sänger — und weil in einfachen Urzeiten Dichter und Sänger eine
Person ist . Instrumente der Dichter. Hier kehrt die ausgebildetere
Musik zur Poesie zurück, um sich bei noch höherer Ausbildung spä-
ter abermals zu trennen, und sich endlich in ihrer Vollendung mit
der Poesie ein drittes Mal und im höchsten Sinne zu einigen, in-
dem sie mit ihrer wundersamen Ausdrucksfähigkeit sich entweder
der selbstständiggewordenen Poesie als ebenbürtige Schwester, das
Wort unterstützend, gesellt, oder poetischen Inhalt ohne Wort durch
den blossen Klang und dessen gemüthanregende Wirkungen in sich
selbßt aufzunehmen und auszudrücken unternimmt.
Das einfache Musiktreiben der auf der untersten Culturstufe
weilenden Völker der Polargegenden, des innern Afrika, der Südsee-
inseln bestätigt vollkommen, was oben über die Art primitiver Musik
gesagt wurde. Den Nordpolfahrer EUsha Kent-Kane begrüssten die
Eskimos von Anoatok mit dem Gesänge:
*
-IpTT?:
imf P.
=£3=F
->-*-
?0-J 1 P
z -*■ -+
Am - na - ja, Am - na -ja, Am - na - ja, Am
na
ja
und improvisirten zu Ehren des Gastes gar eine Art Chor über die
stets wiederholten Worte: „o grosser Häuptling!" In ähnlicher Art
wurden europäische Reisende in Afrika (wie Major Laing) von den
Negern mit improvisirten Gesängen zu Ehren des „weissen Mannes"
begrüsst. Der im rohen Naturstande lebende Mensch fandet in solchen
Anregungen durch ein zufälliges Ereigniss, durch eine zufällige Be-
gegnung Stoff zum Gesänge, der sich freilich darauf beschränkt,
dass der Singende dieselben ihm für die Gelegenheit angemessen
scheinenden Worte und dieselbe Tonphrase unaufhörlich wiederholt.
So suchte sich der auf Kanes Schiff in Gefangenschaft gehaltene
junge Eskimo Myuk durch ein kurzes Solfeggio zu trösten, das er
immer und immer wieder absang:
E6EEi£EEE*£lE
In den von den Polarländern so weit entfernten abyssinischen Län-
dereien finden wir das Gleiche. Wen ein Kummer drückt, sucht
Die Anfänge der Tonkunst. 7
sich so lange durch unaufhörliches Herunterschreien einer kurzen
Melodiephrase zu erleichtern , bis er sich getröstet fühlt *)
in Tigre. in Amhara.
~ |— j^— fr— L—
Ha - da - ri - ye. Jan - choi Be -lul - choi.
Jenes Amna-Aja der Eskimos gehört ganz dieser rohesten Aeusse-
rung musikalischen Sinnes an — zeigt aber doch schon eine Art wei-
terer Entwickelung, da es aus zwei contrastirenden Melodiegliedern
zusammengesetzt ist. — Nicht viel entwickelter sind die Lieder, die
Tänze der Indianerstämme, Avelche die weiten, wilden, wüsten Land-
striche an den nördlichen Seen Amerikas, an den Wasserfällen des
Missisip.pl, die Wälder des weiten Westen durchstreifen. Inwiefern
die cultivirteren Urvölker Amerikas, die einst machtige, wohleinge-
richtete Staaten bewohnten, die Azteken, deren Hauptstadt Tenoch-
titlan mit 60000 Häussern, 2000 Tempeln und ^6<> Thürmen
prangte, die Peruaner, welche „Strassen bauten, wie man sie so
schön in der Christenheit nicht findet", etwa eine reichere, kunstge-
mässere, Musik gehabt, ist nicht sicherzustellen; die Spanier haben
dafür gesorgt, dass höchstens noch die Ruinen einiger grosser
Bauwerke von jenen Völkern Zeugniss geben. Im Ganzen scheint
ihre Musik trotz ihrer sonstigen, nicht unbedeutenden Bildung in
jenem völlig rohen Zustande gewesen zu sein, welcher die primitiv-
sten Anfänge der Tonkunst bezeichnet. Die mittelamerikanischen
Stämme am mexikanischen Meerbusen, die Indianer von Tabasco u.s.w.
machten mit Seemuscheln, Rohrpfeifen und Trommeln, die aus ge-
holten Baumstämmen verfertigt waren, eine wilde Kriegsmusik.
Es scheint, dass die ganze Tempelmusik des schrecklichen Kriegs-
gottes Huitzilopochtl aiis einer dumpftönenden Trommel bestand.
Sie hiess Huehuetl, war mit Damhirschhaut bespannt, zierlich ge-
schnitzt und bunt bemalt. Eine ähnliche Trommel hiess Teponazli.
Nicht bedeutender als Tonzeug war eine Klapperbüchse voll Stein-
chen, Ajacaztli genannt. -) Während die spanischen Berichte aus je-
ner Zeit von den Producten mexikanischer Industrie an Weberei,
Gold- und Silberarbeit u. s. w. nicht genug Rühmendes zu sagen
wissen: ist von Musik keine Rede — und Montezuma, der in seinem
zwanzigthorigen, mit kostbaren Steinen geschmückten Palaste, von
einem prunkenden Hofstaate umgeben, das intelligente, fleissige
Volk beherrschte, wurde nie durch das freundliche Spiel der Töne
ergötzt 3). Die alten Einwohner von Chili verfertigten nach der Er-
1) Forkei, Gesch. d. Musik. 1. Band, S. it4.
2) Die Damhirschfell-Trommel und die Klapper fand CapitainHall noch I ^2s
bei denCreek-Indianern. Diese Lärmzeuge dienten zurBegleitung des Gesanges.
3) Cortez schildert in seiner Beschreibung den Palast Montezuma's, seine
Gärten, Pavillons, Leibzwerge, Menagerien und den ganzen Hofstaat mit der
sorgsamsten Ausführlichkeit — so zwar, dass er sogar genau specitizirt, wie
g Die Anfange der Tonkunst.
X
Zählung des Jesuiten Alonzo de Ovalla aus den Knochen erschlage-
ner Feinde Hüten, die zum Gesänge gespielt und mit Trommelschall
begleitet wurden. Die Trommel war bei manchen amerikanischen
Völkern das geheiligte Tonzeug. Columbus fand bei den Urein-
wohnern von Hayti die Sitte, dass an einem bestimmten Tage des
Jahres das Volk in feierlicher Prozession ein Opfer von Kuchen zum
heiligen Hause brachte, wobei der Kazike die Trommel schlug. l)
Die Musik mag bei diesen Völkerschaften im glücklichsten Falle
höchstens nur denselben Standpunkt eingenommen haben, wie ihn
Cook, Forster u. a. bei den Völkern der Südseeinseln fanden, das heisst
den niederen Standpunkt einer sich in der naivsten, vorläufig unge-
schicktesten Weise äussernden Naturanlage: sie mögen sogar ganz ähn-
liche Tonwerkzeuge u. s. w. angewendet haben, denn die Aehnlich-
keit der Stufenpyramiden, der Morai auf Otaheiti, und der azteki-
viel Fische und Hühner den fisch- oder fleischfressenden Thieren in der Mena-
gerie täglich verabreicht wurden, und wie viele Diener zu ihrer Verpflegung
bestimmt waren — aber er erwähnt mit keinem Worte, dass sich etwa auch
Sänger oder Musikanten unter Montezuma's Dienerschaft befunden hätten.
Ebenso ausführlich schildert er das ganze Ceremoniel bei Tafel oder wenn
Montezuma sich öffentlich zeigte : auch hier wird von Musik keine Erwähnung
gemacht. So beschreibt er Handel und Wandel, Gewerbe, Marktpolizei u. s. w.
(„und wahrlich dasjenig, so ich erzähle, soh Euer kaiserl. Majestät nit unglaub-
lich dünken, dieweil es sich in der Wahrheit also befindt"). er schildert den
gräulichen Opferdienst — aber nirgends ein Wort von Musik. Er zählt die
Kunstprodukte der Mexikaner voll Bewunderung auf, Bilder in Farben und
Vogelfedern, Gold und Silber: „die guldine und silberne Bilder sein so kon-
terfetisch herfürgebracht. dass kein kunstreicher Maler bei uns es bass propor-
zioniret mitmachen konnte " — aber nirgends erwähnt er eines musikalischen
Instrumentes. In seinem ganzen Berichte ist nur zweimal die Rede von Musik,
und zwar an Stellen, wo sie im Grunde Nebensache ist — was sein Stillschweigen
an jenen anderen Stellen um so bedeutungsvoller macht. Das erste Mal, wo
er im 9. Capitel erzählt, wie ihn die Einwohner der Stadt Churultecal festlich
empfangen: „den andern Tag sein mir alle Bürger entgegen kommen mit Trum-
men und Pusonen mich zu empfahen mit vielen andern Personen, so bei ihnen
Priester gehalten, mit ihren gewohnten klaydern, gesang und psalliren
wie sie pflegen in ihren Meschiten (Moscheen, Tempeln) welche
sie als Kirchen haben:" das zweite Mal nach der Schreckensscene , wie
die gefangenen Spanier den Götzen geschlachtet werden, womach die Feinde
einen „grossen Triumph mit trummeten und baugken machten." So un-
genau Cortez die Instrumente bezeichnet, sieht man doch, dass es nur rohe
Lärminstrumente waren — wie jene der Indianer von Tabasco. Die bei-
läufige Erwähnung der Psalmodie zeigt, dass die Götzenpriester doch
auch ihre Tempelhymnen hatten. Nähere Angaben fehlen leider. In
Ermangelung des spanischen Originals oder der italienischen Uebersetzung des
Savorgnano sind obige Angaben und Ci täte der 1550 zu Augsburg unter dem Titel:
„Cortesii. von dem newenHispanienu. s. w." gedruckten deutschen Uebersetzung
des Xystus Betulius und Andreas Dietherus entnommen. Ob die Trompete Aco-
cotl, die durch Einziehen desAthems zumTönengebrachtwird, S — lOFusslang
und etwa Fingerdick ist. und zu deren Verfertigung der Stengel einer gleichfalls
Acocotl genannten Pflanze dient, schon bei den alten Mexikanern im Gebrauche
war. ist ungewiss (vgl. den Aufsatz von Sartorius in der Cäcilia VII. Bd. S. 109).
1) Sepp, Heidenthum. II. Bd. S. I55i Eine Abbildung amerikanischer
Trommeln findet sich in Prätorius, Theatrum instrumentorum. Tafel XXIX.
Die Anfange der Tonkunst. 9
sehen Teocallis, des OrnameÄtes an Schnitzarbeiten, Waffen, Götzen-
bildern, Tättowirungen und der bunten, reichen, einer burlesk-barbari-
schen Phantasie entsprungenen Denkmale von Tiguanaco, Ux-
mal ff. s. w. zeigt deutlich, dass sich der Kunsttrieb in allen diesen
weiten Landstrichen und Inselgruppen in verwandten Bildungen
äusserte und dass solches denn wohl auch in der Musik der Fall ge-
wesen sein mag. Auch bei den Südseeinsulanern finden sich Trom-
meln aus gehölten Klötzen, mit Haifischhaut bespannt u. s. w. Ihre
Musikanlage ist übrigens nicht überall die gleiche. Die Bewohner
des idyllischen Paradieses der Sandwichinseln, diese Naturkinder,
über welche trotz ihrer bedenklichen Neigung zum Menschenfressen,
das nichts weniger als idyllische oder paradiesische Siecle de Louis XY.
in Entzücken gerieth, haben eine weniger kindliche als kindische
Musik, Flöten von Bambus mit drei Tonlöchern, welche so leicht
ansprechen, dass sie mit der Nase geblasen werden, deren ganzer
Tonumfang sich aber auch nur auf die Töne
beschränkt; das obere, durch schärferes Anblasen hervorzubringende/'
ist überdies falsch. Forster nennt die Musik der Tahitier ein „ einschlä-
ferndes Gesumme ohne eine Spur von Melodie oder eine Art von Takt".
Anderwärts findet man schon wenigstens die tonreichere, aus Rohr ver-
fertigte Pansflöte — völlig der antiken Svrinx gleichend: so auf Ton-
gatabu. wo sie freilich auch nur 4 bis 5 Töne, und niemals die ganze
Octave begreift '), während die Syringen von der Insel Tanna bei
nicht ganz reiner Stimmung die Töne der Octave vollständig hören
lassen.2) Das mag nun insofern Beachtung finden, als es klar be-
weist, dass das diatonische Oetavensystem so sehr das natürliche
ist, dass sogar die einfältige Kunst einfacher Naturvölker darauf ver-
fällt, während die speculirende Theorie gebildeterer und sogar hoch-
gebildeter Völker gerade hier auf Abwege gerathen ist. Eine Paus-
pfeife, welche 1774 Capitain Fourneaux von der Insel Amsterdam
(oder Tonga- Tabu, einer der Freundschaftsinseln) mitbrachte, und
welche von Josua Steele untersucht und beschrieben wurde, hatte
sogar schon neun Röhren, in der Stimmung
£
iy ^-^--*-^-^g=fcLzgg
.-flg^gg-k
durch Modificirung des Anblasens liess sich jedoch auch die Ober-
quinte, Obersexte und Unterquinte jedes Tones und sonach ein Ton-
umfang vom kleinen b bis zum zweigestrichenen a herausbringen. 3)
Schwerlich aber wird dieser Tonreichthum verwerthet, denn insge-
mein bewegen sich die Melodien der Südseeinsulaner in nur wenigen
1) Forster, I. S. 221.
2) Förster, II. S. 252.
3) Jones, indische Musik, übers, v. Dalberg.
10
Die Anfänge der Tonkunst.
Tönen — meist innerhalb des natürlichen Tetrachords — höchstens
der Quinte. So hörte Forster auf Ea-Uwhe (Tasmanns Middelburg,
einer der Freundschaftsinseln) einen in seiner Art anmuthigen Gesang
von Frauenstimmen ausführen — erst sangen ihrer zwei bis drei —
dann traten drei andere an ihre Stelle und so ging es im Wechsel-
gesange fort, bis sich daraus zuletzt ein allgemeiner Chor ent-
wickelte. Die Bewegung der Melodie Avar feierlich langsam — zu-
weilen schloss sie mit dem vollen Dreiklan»e
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h3l
4-—L-
:p
Aehnliche Gesänge hörten die Reisenden auf dem benachbarten
Tonga - Tabu. Die Weiber bezeichneten dabei den Rhythmus des
Gesanges streng taktmässig durch hellschallende Knippchen mit
den Fingern — ihr Gesang und der Klang ihrer Stimmen fiel har-
monisch in's Ohr. Die Nasenllöten auf Tonga -Tabu sind auch
vorzüglicher als die Tahitischen — sie haben beinahe die Stärke un-
serer Flöten und sind mit 4 bis 5 Tonlöchern versehen. Auch eine
Trommel fand Forster im Gebrauch — ein geholtes Stück Holz, auf der
Seite mit zwei Trommelstöcken geschlagen. Forster hörte auf Neu-
seeland ein Lied nach folgender Melodie singen, wobei theilweise
einige Sänger in der Unterterz secundirten, jedoch jedesmal im Ein-
klänge schlössen:
Der Dreiklang jener Sängerinnen und dieses in Terzen erklingende
Zapfenstreichstückchen sind in ihrer Art eine MerkAvürdigkeit, Aveil
die Naturmenschen Avie im Traume gefunden haben, Avas der ganzen
antiken Welt — und bis in's 10. Jahrhundert auch der christlichen
verborgen blieb — Harmonie; Avenn auch nur gleichsam die ersten
Keime davon. Jedenfalls ist es interessant, diesem mächtigen Fak-
tor der Tonkunst selbst hier schon zu begegnen. Der Grabgesang
der Neuseeländer ist sogar für sinnen ZAveck ganz charakteristisch —
in jämmerlicher Klage steigt er die Tonstufen des Tetraehordes hin-
ab, um dann mit einem jähen Sturz in die Tiefe zu enden. Forster
hörte diesen melancholischen Gesang (melancholy dyrge) bei Gele-
genheit des Todes eines gewissen Tupaja, der sehr geachtet Avar,
anstimmen *) :
/7\
:t-
±z
:±
ä - gith, mat - te, ah, wäh, tup - pa - jah!
(gegangen, todt, o weh! Tuppa- ja)
1) Auch die menschenfressenden Neucaledonier haben Gesänge von auf-
fallend sanftem Charakter.
Die Anfänge der Tunkunst.
11
Der letzte Octavensprung wurde ausgeführt, als fahre man mit
dem Finger eine Violinsaite entlang. Bei Charlottensund (an der
Westküste von Neuseeland) gaben die Eingeborenen der Schiffs-
«•esellschaft Forsters einen „Haiva", d. i. einen Chortanz zum besten.
Sie stellten sich in eine Reihe, dann stimmte Einer ein Lied nach
einer höchst einfachen Melodie an, die aus einer Abwechslung
weniger Töne bestand, streckte die Arme aus und stampfte ge-
waltig, fast wie rasend mit den Füssen. Die Anderen ahmten seine
Bewecrunjren nach und wiederholten theihveise die letzten Worte
seines Gesanges wie einen Chorrefrain.1) Wie in den Schnitz-
arbeiten des Wilden ein leiser, kaum merklicher Schimmer von dem
aufdämmert, was unter dem Meissel eines Phidias die edelsten Ge-
bilde der Kunst schafft, mag der sinnige Betrachter auch in jenen
unbefangenen Aeusserungen des natürlichen Tonsinnes doch schon
deutlich die allerersten Keime dessen bemerken, was die gereifte
Kunst zu den bedeutendsten Leistungen auszuarbeiten vermag.
Die Negervölker des heissen Afrika sind ungefähr auf derselben
Stufe musikalischer Ausbildung, wie die Insulaner der Südsee. Als
leidenschaftliche Freunde von Gesang und Tanz besitzen sie die
Geschicklichkeit, lustige Tanzlieder anzustimmen, wie z. B. die aus
Sudan herrührende Melodie (in fünftaktigem Rhythmus)
welche sich in den Intervallen der Naturharmonie der Hörner und
Trompeten bewegend, die Bedeutung des tonischen Dreiklanges
wie der Dominantenharmonie entschieden zur Geltung bringt.
Entwickelter noch ist folgendes Tanzlied von Gorea
völlig entwickelt eines vom Senegal,
1) Vergl. Försters Reise 1. Band S. 166 u. 343 und II. Band S. 253.
12 Die Anfange der Tonkunst.
öv
wo neben dem Wechselspiele der Tonika und Dominante auch ein
Seitenblick auf die zweitwichtige Nebenstufe, die Unterdominante
geworfen wird. Und die ausgebildete, in dem senegalschen Liede
sogar ganz tadellose Rhythmik und Periodik hat zuverlässig ihren
Grund darin, dass hier die Tanzbewegung den Regulator der Me-
lodie bildet, Ueberall — nicht blos bei den Negern — ist es nur
der Tanz, der die Musik lehrt sich in geordneten Rhythmen zu be-
wegen. Unsere Musik verdankt den Gagliarden, Passepieds und
Hupfaufs der ihrerzeit von den Meistern der hohen Kunst mit tie-
fer Verachtung angesehenen Stadtpfeifer in dieser Richtung mehr, als
allen in Zentnernoten bewegten Chorälen und den contrapunktischen
Spitzfindigkeiten der älteren Niederländer.
An Musikinstrumenten besitzen die Negervölker ein ziemlich
reichhaltiges Inventar — sehr rohe, aber auch complizirtere und nicht
übel erdachte. Natürlich spielen die Trommeln, wie bei allen Na-
turvölkern, eine grosse Rolle — gehölte Baumstämme mit Thierhaut
bezogen — meist einem nach unten zu schmäler werdenden Becher
ähnlich. Pater Labat fand bei den Mandingonegern Trommeln,
eine Elle lang — der Spieler schlägt sie mit einem Klöppel und mit
blosser Hand zugleich zur Begleitung seines abscheulichen Heulge-
sanges. *) Eine mächtige Trommel (mit dem schallnachahmenden
Namen Tongtong bezeichnet), deren lauten Donnerschall man mei-
lenweit hören soll, dient nicht als musikaliches Instrument, sondern
als Sturmzeichen bei nahender Feindesgefahr u. dgl. Ausserdem
hat man an Klapper- und Klingehverkzeugen metallene Gabeln,
welche sehr häufig zur Begleitung des Tanzes dienen, Kupferschüs-
selchen mit Stäben zu schlagen, hölzerne, castaffnettenartise Hand-
klappern u. s. w. Das Kriegshorn wird aus den mit vieler Mühe gehöl-
ten, oft aussen mit roh geschnitzten Figuren von Menschen- und
Thiergestalten gezierten Stosszähnen des Elefanten verfertigt — es
fällt sehr in's Gewicht (bis zu SO Pfund Schwere), sein Ton ist
dumpf, rauh und erschütternd; derlei Hörner sind in den guineischen
Landstrichen sehr verbreitet, in Juida, inLoangho, wo sie „Rongo"
genannt werden u. s. w.
Die Flöte kommt bei vielen Negerstämmen vor — bald höchst
roh, wie die mit einem einzigen Tonloche versehene schreiende Pfeife
in Juida — bald ausgebildeter, wie die nicht unangenehm tönende,
in Congo gebräuchliche. Auch eine Art Dudelsack, von gleichfalls
leidlich klingendem Tone besitzen die Neger in Congo. 2) Aber
selbst die edleren Saiteninstrumente, welche den Südseeinsulanern
völlig mangeln, sind den Negern nicht ganz unbekannt. Zur Be-
gleitung von Liebesgesängen bedient man sich in Congo einer Art
Laute, deren Saiten von den Seh weif haaren des Elefanten oder von
1) Voyage en Guinee, II. S. 229.
2) De la Borde, Essai. I. Band.
Die Anfange der Tonkunst. 1 3
Palmeni'asern verfertigt sind; in ähnlicher Art ist die Guitarre
..Nsambi" mit Saiten von Palmeni'asern bezogen. Sie hat einen
tiefen, aber ansprechenden Klang. Beim Spielen wird sie gegen die
Brust gelehnt und mit den beiden Daumen gerührt. Eine Art Gui-
tarre fand Bar bot bei den Negern der Goldküste, Lemaire sah
ein rundes, lautenartiges Instrument, mit einem hölzernen Corpus
und mit Saiten von Rosshaar (crin). Die Krone der Negerinstru-
mente bleibt aber das von Lemaire, Jobson u. A. beschriebene
..Balafo", eine Art Ciavier. An einem Brett sind vorn Tasten,
und rückwärts zwei leere Kürbisse zur Schallverstärkung angebracht,
und nach der Länge darüber ziemlich starke Drahtsaiten gezogen. Der
Spielende schlägt dieClavesmit zwei Klöppeln, von denen metallene
Kettchen und Ringe herabhängen, die durch ihr Geklirr das Balafo
begleiten. Dieses tönt so stark, dass es Jobson auf eine englische
Meile Entfernung gehört zu haben versichert. *) Einige Neger-
stämme besitzen auch eine Art Geige. Major Laing wurde zu Se-
rn ira bei Kuranko von einem Griot oder königlichen Musiker, den
ihm König Bisimera zugesendet hatte, mit Gesang und Geigenspiel
unterhalten. Das Corpus des Instrumentes war ein Flaschenkürbis
mit zwei viereckigen Schalllöchern — es hatte eine einzige von
Pferdehaar gedrehte Saite und einen Umfang von nur vier Tönen.
Der Bogen war dem europeischen ähnlich.
Ein eigenthümlich complicirtes Instrument ist auch die in An-
gola heimische Marimba, eine Art Holzharmonika, aus 16 auf zwei
halbkreisförmig gebogene Reifen befestigten Calebassen und über
letztere gelegten abgestimmten Holzblättchen zusammengesetzt, letz-
tere werden durch Anschlagen mit Klöppeln in Vibration versetzt —
ungefähr wie die Zunge in unserer Maultrommel durch Anblasen —
und geben dabei einen sonoren, als orgelähnlich beschriebenen
Klang. Der Spielende hat das Instrument an einem Bande umge-
hängt — je rascher er seine Klöppel handhabt, für einen desto
besseren Musiker gilt er.
, Gegen das Cap zu spricht sich die Freude des Naturmenschen an
den Tönen in noch roherer Weise aus. Kein stärkerer Beweis aber,
wie tief die Anlage zur Musik dem Menschen eingeboren ist, als der
Umstand, dass sogar jene Buschmänner, bei deren Anblick dem Men-
schen „mit seiner Gottähnlichkeit bange wird", und die mit ihrem
Thun und Lassen und Aussehn und selbst mit ihrer bedenklichen
Wadenlosigkeit dem Herrn der Schöpfung seine nahen Beziehungen
zum Affengeschlechte unangenehm bemerkbar machen, der Musik
nicht ganz entbehren — mit Hilfe einer an einem Bogen aufgespann-
1) Julius Pollux spricht von einem Instrumente der Lybier oder Tro-
glodyten, das er Psithyra oder Askaron nennt, und als ein einfaches, mit Sai-
ten überspanntes hölzernes Quadrat schildert, dessen Klang einer Klapper ähn-
lich ist (x£ot«/w nctyctTiÄyoMtv). Diese Beschreibung passt recht gut auf das
Balafo.
J4 Die Anfänge der Tonkunst.
ten, durch einen Federkiel gezogenen Saite von Schafdarm, die sie
an den Mund führen und durch den Athem vibriren machen, wissen
sie allerlei Melodien herauszumoduliren. Dieses Instrument, das
auch sonst im westlichen Afrika bekannt ist, heisst Gongom.
Eine Art künstlerischen Anstriches gewinnt die Musik bereits
bei den Einwohnern von Dongola. Sie, die Einwohner von Nu-
bien, die an den Nilkatarakten hausenden dunkelfarbigen Barabra
(die in den Völkerlisten siegreicher Pharaonen mehr als einmal die
leidige Rolle eines unterjochten Stammes spielen) haben aus dem
Alterthum die Lyra übernommen, Avelche in der Sprache von Don-
gola Guisarke, in jener der Barabra aber Kissar genannt wird ') und
die Formen der antiken Lyra in roher Weise wiedergiebt. Die
Stelle der Chelys, der Schildkröte, vertritt eine Art Kesselpauke oder
Mulde von Holz, über welche ein Fell mit drei eingeschnittenen
Tonlöchern, gespannt ist — darüber erheben sich die geraden, runden
Arme, verbunden durch ein Querholz, so dass sie nahezu ein Drei-
eck bilden. Ein schlaffes, an dem Arme befestigtes Band dient
dazu, die Lyra zu tragen und den Arm des Spielenden zu stützen.
Die Saiten, fünf an der Zahl, sind, wie bei der altägyptischen Lyra,
fächerartig aufgespannt, d. h. ihre Abstände von einander sind am
obern Saitenhalter viel grösser als am untern, Die Stimmung
(i g a h e
ist keine zufällige oder willkürliche • — vielmehr augenscheinlich auf
den Quintenzirkel gegründet
[ g d a eh)
Mit dieser Lvra begleiten die Einwohner von Dongola ihre
meist sanften, melancholischen, in der Landessprache „Ghuma" ge-
nannten Gesänge in eigenthümlicher Weise. Die Lyra spielt innerhalb
der Quinte a bis e (der z weit-tiefsten und höchsten Saite) eine bunte
rasche Figur, ausgeführt von den Fingern der linken Hand, wäh-
rend die rechte mit Hilfe eines Piektrum auf der tiefsten Saite den
Ton g fortwährend wie einen Bass dazu anschlägt. Jene bunte Fi-
gur dient, unaufhörlich wiederholt, nicht nur als Vorspiel, sondern
auch zur Begleitung der selbstständigen Gesangmelodie. So roh
die Toncombinationen dabei auf einander treffen, und so monoton
die fortleiernde Begleitung auch ausfällt, der auf diese Weise her-
1) Beide Namen sind blosse Umformungen der Bezeichnungen „Gui-
tarre" oder „Kithara". In Kairo wird die nubische Lyra Kissara oder Kisarah
Barbaryeh d. i. Kithara der Barabra genannt. Man erinnere sich, dass auch
die Griechen das Theta wie ein gelindes t aussprechen, und folglich das Wort
xi9-d(ja „Kissara".
Die Anfange der Tonkunst.
1T)
vorgebrachte, ziemlich complicirte Tonsatz ist jedenfalls merkwür-
dig genug:
I
€
Die Tanzlieder der Barabra zeigen gegen die Tanzlieder der Ne-
ger gleichfalls einen erheblichen Fortschritt — sie sind unter zwei
Chöre vertheilt, die einander im Wechselgesange antworten. Der
Rhythmus wird in zweierlei Art angegeben — anders mit den klat-
schenden Händen, anders mit den stampfenden Füssen und ganz
anregend eombinirt, so dass hier mit den allereinfachsten Mitteln
ein nicht unangenehmes Ensemble hervorgebracht wird :
l. Chor,
E5
p=e=p=
*=*=+
^
ö^i
2. Chor.
J
H
Rhythmus der Hände.
'— } 0-0-0
A
Rhythmus der Füsse.
0-. 0-0
P
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¥=£=*=**
v-
nsTtt:
trrrtn
1. Chor.
=3=ftff
n-#v — 0-&—^0-.
II M II
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■+-0-i — »g-i/ij
*±-0
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2. Chor.
u. s. w.
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1
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Rhythmus der Hände.
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i
Rhythmus der Füsse.
-i-7"* — 0^-0^-0 0 ' 0*1 0 — #h-#-^-# »-
* Ul H : ^1 ' V
-0-t-0Jf-0 — 0 — I
v\ V i
\Q Die Anlange der Tonkunst.
Entschiedene Ausbildung gewinnt die Musik bei den christlichen
Abyssiniern, deren Tonkunst ein eigenthümliches Mittelding ist —
entstanden aus den Einflüssen der afrikanischen Natunnusik und der
orientalisch-arabischen von Aegypten herüberwirkenden Musik —
und modifizirt durch die Bedürfnisse des Cultus. Sie selbst schrei-
ben die Erfindung der Musik dem heiligen Yared aus der abyssini-
schen Stadt Semien zu, der zur Zeit des Negus (König) Kaleb lebte.
Unter einem Baume sitzend, sah der fromme Mann, wie sich ein
Wurm vergebens bemühte, den Gipfel des Baumes zu erkriechen —
siebenmal unternahm er es, siebenmal stürzte er, dem Ziele schon
nahe wieder herab. Da begriff der Heilige, es werde ihm im Bilde
gezeigt, Avie er selbst sieben Jahre lang fruchtlos gestrebt habe in
den Schulen Wissenschaft und Erkenntniss zu sammeln. Er ver-
schlang den Wurm wornach sich Erleuchtung, ja der heilige
Geist selbst in Taubengestalt auf ihn herabsenkte und er plötzlich
das Lesen, Schreiben und das ganze Wesen der Musik durch himm-
lische Offenbarung mitgetheilt erhielt — und insbesondere drei
Tonarten oder Modi ihm klar wurden. — Kraft dieser Legende
ist die Musik den Abyssiniern eine geheiligte Sache. Sie besitzen
auch schon eine aus 53 dem Amharischen Alphabete entnomme-
nen Zeichen bestehende Tonschrift. ') So weit ihre Volksgesänge
der afrikanischen Naturmusik angehören, sind sie höchst armselig
und nicht einmal mit den Negerliedern zu vergleichen. Ihr Kunst-
gesang ist mit seinen Schnörkeleien und Coloraturen entschieden
orientalisch-arabischer Abkunft, wie ihre kirchlichen Modi deutlich
erkennen lassen. Guez für Wochentage, Ezel für Fasttage und
Begräbnisse, Araray für die Hauptfeste. 2) •
Unter den Instrumenten der Abyssinier finden sich einige un-
verkennbar althgyptische Erbstücke: die Lyra, mit 5, 6 bis 7 Saiten
von roher Schafs- oder Ziegenhaut bespannt; die Langflöte, mittelst
eines Mundstückes zu blasen; das Sistrum, welches von ihnen
(wie einst von den Aegyptern) beim Gottesdienste angewendet wird.
Bei Dankpsalmen oder andern lebhaften Gesängen schwingt es der
Priester unter heftigem Tanze und reicht es dann mit heftiger Ge-
berde seinem Nachbar zu gleichem Gebrauche. — Die Abyssinier
selbst erklären dieses Klapperzeug, die Lyra und die Handtrommel
(Kabaro oder Hatamo) in uralter Zeit aus Aegypten erhalten zu
haben. Die Flöte, Kesselpauke (Nagaret) und Trompete (Meleket
oder Malakat) aber soll Menelek, Sohn der Königin von Saba aus
1) Mitgetheilt in der description de l'Egypte vol. XIV. S. 283 — 288.
2) Der Anfang des Modus Araray ist Ca. a. 0. S. 278)
Gue - on - - - e - Fi - so - ne.
Die Anfänge der Tonfeinst. ]7
Palästina von Salomo mitgebracht haben. Auffallend ist, dass die
Trompete wirklich auch mit dem hebräischen Namen Keren (Hörn)
bezeichnet wird. Der Name der Kesselpauke Nagaret klingt an ihren
arabischen Namen Nakarieh an. Sie ist das königliche Instrument
— der König lässt, wo er geht, 45 solcher Kesselpauken vorsieh her
schlagen. Die Trompete, 5 Fnss lang, gerade, aus Rohr verfertigt,
mit einem durchschnittenen Kürbis als Schallbecher versehen und nett
mit Pergament überzogen, gibt den einzigen Ton E rauh und fürch-
terlich an. Sie gleicht in Gestalt, und wie es scheint auch im Klange
der altägyptischen und althebräischen Trompete. Ihr Klang übt auf
die Abyssinier eine Art von Zauber aus , wird sie stark und laut-
schallend geblasen, so gerathen sie in unbändige, kriegerische Wuth
— ein eigentümlicher Commentar zu den bekannten ähnlichen
Wundern der griechischen Musik. l) — Die Länder der Abyssinier
und Nubier leiten in das Gebiet hinüber, wo die orientalisch-asiati-
sche Musik beginnt — nach Aegypten, mit dem es jetzt durch gleiche
Sprache, Sitte, Religion inniger vereinigt ist, als es in seiner Abge-
schlossenheit im Alterthume der Fall war.
Von dem angrenzenden Asien lassen wir jene Landstriche bei
Seite, welche von eisigen Stürmen durchbraust, durch kahle Gebirge,
öde Steppen und eisige "Wüsteneien unwirthlich, den Menschen
zwingen die ersten und notlvwendigsten Bedingungen seiner Existenz
einer widerwilligen Natur mühsam abzugewinnen. Die rohen Lie-
der und Tänze, welche auch diesen Völkern — den Bewohnern des
asiatischen Russland, der Tatarei u. s. w. — nicht fehlen, sind uns
nur aus beiläufigen, ungenügenden Berichten der Reisenden be-
kannt. Graf Johann Potocki hörte 1797 bei dem Kalmückenfürsten
Turnen einen Sänger mit Begleitung eines, Jalgha genannten, Sai-
teninstrumentes, das keinem europäischen Instrumente glich, aber
nicht unangenehm klang, verschiedene Lieder singen, wovon eines
sehr an das Savoyardenliedchen „rammonez ci, rammonez la" mahnte.
Nrben diesem Sänger suchte ein anderer Musikant mit einer Schar
junger Tänzerinnen die Gesellschaft zu unterhalten. Graf Potocki
erzählt auch, dass die Kalmücken gelegentlich „auf allerlei Instru-
menten eine tolle Musik machten" und dass er auch etwa 30 Gellongs
leine Art lamaitischer Mönche) in einem zeltartigen Räume unter Be-
1) Diese Notizen sind dem öfter abgedruckten Briefe entnommen, den der
Reisende Bruce in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an Burney
schrie!). Ausführlicher noch sind Villoteau's Nachrichten in der Descr. de
l'Egypte (XIII. Band. S. 532 und folgende), der sechszehn verschiedene abys-
sinische Instrumente aufzählt : das Massaneko (eine Art Geige mit einer Saite
— Laborde und Forkel schreiben fälschlich Messinko), die zehnsaitige Lyra Ba-
gana (mit in Octaven gestimmten Saiten), die dreisaitige LyraNzira, dieSchnabel-
tlöte Embilta, die Flöte Zaguf, dem ägyptischen Nay ähnlich (nach Laborde
Kwetz oder Agada) die Trompete Malakat, das Kand (aus einem Kuhhorn), das
ähnliche Ghenta, die Pauke Nagarit (was von ..nagara" herkommt — ..er hat
öffentlich verkündigt"), die Trommel Kabaro, Kanda u. s. w.
Ambros, Geschichte iler Mnsik. I. 2
Jg Die Anfänge der Tonkunst.
gleitung mehrer, den chinesischen ähnlicher Instrumente eine mono-
tone Psalmodie absingen hörte. *) Also Lied, Tanz, religiöser Ge-
sang, sogar bei diesem unsteten, tiefstehenden Nomadenvolke. Paw
erzählt von 8 bis 9 Schuh langen, 10 bis 12 Zoll weiten Oboen, de-
ren Schall den Ton der Trompete nachahmt, und die bei den Mon-
golen im Gebrauche sind. Zuweilen begleiten 10 bis 12 solcher
Oboen kupferne und eiserne Pauken, die bis zu (> Fuss Durchmesser
haben. Man kann darin eine Einwirkung mahomedanischer und
chinesischer Musik deutlich erkennen, wie denn die Mongolen wirk-
lich zwischen diesen zwei Regionen mitten inne liegen. -) Die Tur-
komanen haben einen Schlachtgesang: „Der Sohn des Blinden. Kuhr-
Oglu", den sie vor dem Kampfe anstimmen und sich dadurch in die
grösste Aulregung versetzen.
Das südliche Asien, welches durch die Mauern riesiger Hochgebirge
gegen die Nordstürme geschützt wird, und mit Ausnahme einiger
Wüstenstriche in gesegneter Fruchtbarkeit oder in der Ueberfülle
tropischer Vegetation prangt, beherbergt Völker, die bei namhaft
entwickelter C'ultur auch in Pnesie und Kunst eine mehr oder min-
der beachtenswerte Stufe erreicht, ja in Poesie, zum Theil auch
in Architektur Bedeutendes geleistet haben, und deren Musik jenen
rohen Anfängen der Südseeinsulaner und afrikanischen oder nordasia-
tischen Stämme gegenüber eine höhere Ausbildung zeigt. Durch
die ungemein spitzfindig entwickelte Musiktheorie aller dieser Völker,
der Araber, Perser, Chinesen, Hindostaner, so wie durch ihre prak-
tische Musik geht ein verwandter eigenthümlich phantastischer Zug.
Wie die orientalischen Völker sich zu einer ganz reinen Cultur em-
porzuschwingen durch Clima, Religion, Sitten u. s. w. verhindert
■worden sind, so wird auch ihre Musik bei mitunter sehr glücklichen
Anfangen durch barbaristische Elemente getrübt und in einem halb-
entwickelten Zustande festgehalten, aus welchem zu einer ganz
reinen Kunst zu reifen, sie nicht vermag. Bei der stark aus-
gesprochenen Sinnlichkeit des Arabers, bei dem träumerischen
Aufgehen des Hindu in das überüppige Naturleben seiner Heimat
wird ihnen die Musik die Sache eines passiv aufzunehmenden
Genusses, während bei den nüchtern verständigen Chinesen das
Musikmachen einem ganz rohen Handwerke anheimfällt, mit wel-
chem die musikalische Theorie als profunde Wissenschaft der Ge-
lehrten sich so gut wie nichts zu schaffen macht. Keines dieser
Völker besitzt musikalische Kunstwerke, welche gleich ausgezeich-
neten Dichtervverken unter bestimmten Titeln der Nachwelt aufbe-
1) Der recht interessante Reisebericht ist von A. v. Kotzebue in seiner,
bunte historisch -geographische Miscellen enthaltenden Sammlung ..Clios Blu-
men-Körbchen" veröffentlicht worden.
2) Ein mongolischer Tonkünstler, Namens Tan -Sien ist hinter Agni am
Soneri begraben. Das Grab wird von einem mächtigen Baume beschattet,
dessen Blätter die Eingeborenen kauen, meinem' dadurch eine melodische
Stimme zu bekommen.
Die Anfänge der Tonkunst. 1 9
wahrt würden — es ist beinahe nur die Tradition und Hebung,
welche die Dauer irgend einer Melodie sichern. - — Während die
Araber noch vor Muhamed schon ihre sieben gi*ossen Dichter hatten,
deren Dichtungen im Tempel zu Mekka aufgehängt waren, während
Hindostan die Dichtungen eines Kalidasa u. A. besitzt, bleibt der
Tonkünstler mit seiner Leistung ein etwas edleres Mitglied jener
Klasse von Lustigmachern. Gauklern u. s. w,, deren ganze Aufgabe
es ist, eine Stunde lang eine erheiternde Zerstreuung zu gewähren.1) In
den theoretischen Schriften wird die Musik als eine würdige, wich-
tige Sache behandelt und gepriesen, aber in ihrer unmittelbaren,
wirklichen Erscheinung vermag sie nicht die Würde zu behaupten,
wie sie einer Kunst zukömmt.
Im Allgemeinen kann man sagen, dass die ganze Musik des öst-
lichen Asien, d. i. China's, Japans, der indischen Halbinsel jenseits
des Ganges. Java's u. s. w. einen wesentlich von der Musik des öst-
lichen Asien, d. i. Arabiens, Persiens, Kleinasiens u. s. w. verschie-
denen Charakter hat. Die Länder des asiatischen Osten könnte
man als den Yerbreitungskreis der chinesischen — jene des
Westen (wozu noch das mahomedanische Nordafrika und die europäi-
sche Türkei zu rechnen wäre), den Verbreitungskreis der arabisch-
persischen Musik nennen. Es sind mit dieser Bezeichnung die
beiden Hauptländer — China und Arabien — genannt, wo die eigen-
thümliche Physiognomie dieser zwei Hauptarten asiatischer Musik
am schärfsten hervortritt. Hier entscheidet nun geographische Lage
und Stammverwandtschaft sehr viel — und es ist merkwürdig und
anziehend, die allmäligen Abstufungen und Uebergänge in's Auge
zu fassen, die sich mehr und mehr fühlbar machen, je weiter ein
Land und Volk von jenen zwei Culturmittelpunkten gelegen ist. Als
dritte und letzte Hauptart asiatischer Musik ist die hindostani-
sche, nämlich jene des eigentlichen Indien, diesseits des Ganges zu
nennen. Den allgemeinen asiatischen Zug hat sie mit den beiden
anderen Hauptarten gemein, aber sie muss, ungeachtet Indien zwi-
schen dem arabischen und chinesischen Musikgebiete mitten inne
liegt, doch als ein von beiden ursprünglich Unabhängiges und Eige-
nes anerkannt werden. Wo Jahrhunderte langer Verkehr ist, da
gehen freilich die Fäden und Verknüpfungen hinüber und her-
über, und Spuren wechselseitiger Einwirkung sind an mehr als einer
Stelle deutlich genug zu erkennen.
Als Hauptland im Osten Asiens begegnet also unseren Blicken
1) In dem berühmten französischen Expeditionswerk Description de l'Egypte
drückt sich Villoteau darüber aus: „aussi les Orientaux et surtout les Egyptiens
considerent-ils comme un me'rite fort estimable dans im musicien celui de dis-
siper lern- nielancolie, de les faire rire, de leur procurer un doux sommeil et
de les reveiller agreablement par les charnies de son art" (XIII. Band S. 223).
Der Schlaf meint Villoteau. sei in diesem brennenden Clima so sehr Bedürf-
niss und Genuss. dass es eine Ehre für einen Musiker ist und mit Dank ent-
gegengenommen wird, wenn er sein Auditorium zum Einschlafen bringt.
2Q Die Anlange der Tonkunst.
das weite, dichtbevölkerte, durch Ackerbau, Industrie und uralte
bis auf den heutigen Tag in strengstem Conservatismus unverändert
erhaltene Cultur höchst merkwürdige Reich der
Chinesen,
welches in seiner Eigentümlichkeit einen so wunderlichen Eindruck
macht, und sich halb patriarchalisch ehrwürdig, halb burlesk komisch
ausnimmt. Anscheinend höchst phantastisch, ist das chinesische Leben
im Grunde nüchtern rationell — wobei Alles ganz vortrefflich geräth,
was durch Aufmerksamkeit, emsigen Fleiss und saubere Arbeit hervor-
gebracht werden kann, und alles sehr schlecht ausfällt, wozu Geistr
Schwung und Phantasie *) nöthig ist. Die Lackwaaren , das Porzellan,
die Stickereien, die gewebten Zeuge und Seidenstoffe der Chinesen sind
so respektabel, wie ihre seit uralter Zeit aufbehaltenen genauen Notizen
über Sonnen'- und Mondfinsternisse; desto schlimmer steht es um
die Künste. In der Architektur macht sich jene burleske Seite des
chinesischen Lebens in der barocksten Weise Luft — in der Male-
rei hilft ihnen ihre scharf aufmerkende Beobachtung Naturproduc'te
an Pflanzen, Insecten, Fischen u. dgl. zierlich und sauber abconter-
feien, und allenfalls genrehafte Scenen naiv auffassen — im Grunde
sind es doch nur Producte des geschickten Handwerkes. Die chinesi-
sche Poesie, so weit wir sie kennen, hat einen gewissen pedanti-
schen Zug. Was nun aber die Musik betrifft, so ist es ganz conse-
quenter Weise im chinesischen Wesen begründet, dass sie bei ihnen,
soweit fleissige Beobachtung ihrer physikalischen Grundlagen rei-
chen kann, zu einer neben einzelnen phantastischen Zügen wissen-
schaftlich wohl durchdachten, geordneten Musiklehre ausgearbeitet
ist, welche in sehr Vielem das Richtige und Wahre trifft. Nach
Amiot's Bericht ist die Musik bei den Chinesen seit uralter Zeit
eine hochgehaltene Wissenschaft, und als solche betrachtet, er-
freut sie sich einer Summe richtig verstandener Beobachtungen und
Grundsätze. Wo aber das eigentlich Künstlerische der Sache be-
ginnt, ist die chinesische Musik roh, barbarisch und wüst. Die
chinesische Musikwissenschaft zeigt eine Art Entwickelung, eine
Art Geschichte, sie zeigt Gelehrtencontroversen. Die kaiserliche
Bibliothek in Peking (Wen-ghuan-khe) besitzt in der vom Kaiser
Khiang-lung im Jahre 1773 angelegten grossen Büchersammlnng.
genannt „vollständige Bücher der vier Magazine Sse-khou-thsiouan-
1) Nur die Gartenanlagen der Chinesen verrathen in ihrem durch sinn-
reiche Contraste u. dgl. bewirkten märchenhaften Beiz, wirklich Phantasie. Die
..lachenden Scenen, Schauerscenen und romantischen Scenen". in welche die
chinesische Gartenkunst ihre Parke thcilt, und mit deren Hilfe sie eine oft
bezaubernde Scenerie zu schaffen versteht, erinnern an Jean Paul's Lilar (im
Titan) mit seinem Elysium und Tartarus — und man nmss es den Chinesen
nachsagen, dass ihre Schauerscenen sinnreicher angelegt sind, als die klein-
lichen Tartarusschrecken Lilar's.
China. 2 1
schu, laut Katalogs nicht weniger als 48*2 Bücher über Musik. *)
Was praktische Musik betrifft, sind die Chinesen in der Kindheit des
Musikmachens, auf ganz primitiver Stufe stehen geblieben. Wäh-
rend ihre Musikwissenschaft, seit mehr als zwei Jahrtausenden, die
Feinheiten des Quintenzirkels, die zwölf Halbtöne der Octave, die
zwei Halbtöne der Scala u. s. w. kennt, tobt ihre ausübende Musik
mit Liirmbecken, Trommeln und andern strepitosen Hall- und Schall-
werkzeugen gleich der Musik irgend eines wilden Volksstammes,
und da sie zur Melodiebildung keine solchen Vorbilder in der Na-
tur landen, wie zu ihren zierlich lackirten Malereien, so sind ihre
Theebüehseniiguren noch wahre Kunstwerke gegen ihre National-
melodien, die beinahe des Sinnes und Zusammenhanges entbehren.
So macht denn chinesische Musik den Eindruck entweder eines sinn-
losen Lärms, oder, zumal in den skurrilen Nasentönen des Gesanges
den Eindruck einer unwiderstehlich komischen Posse. Das Zusam-
menspiel eines chinesischen Orchesters klingt, als höre man eine
Schar Kinder, Avelche ohne Kenntniss der Musik und der Behand-
lung der Instrumente die Tonwerkzeuge nur dazu benutzt, um will-
kürliche Töne möglichst spektakulös hervorzubringen.
Anders ist es in der Theorie, wo nur einzelne Züge durch etwas
befremlich Seltsames verrathen, dass auch hier die Stufe der reinen,
eigentlichen Wissenschaft (zu der, so gut wie zur Kunst, Geist,
Schwung und Phantasie gehört) doch nicht erreicht worden ist. Die
Musik wurde bei den Chinesen zu einer Zeit geübt, und in scharf-
sinnigenTraktaten behandelt, wo die Geschichte der andern Völker —
Aegypten allein ausgenommen — noch im Dunkel liegt; freilich
sind die Nachrichten der Chinesen über die Anfange ihrer Tonkunst
eben auch stark mythisch gefärbt. Als Hoang-Ty, 2700 Jahre v.
Chr., das Reich von dem Kaiser Tsche-Yeu erobert hatte, war er
sogleich auch für Künste und Wissenschaften eifrig besorgt, und
befahl dem Ling-lun , die Musik auf Regeln und feste Grundsätze
zurückzuführen. Ling-lun (erzählt die Sage) begab sich in das Land
Si-Yung, an die Quellen des Hoangho, wo er auf einem hohen
Berge, an dessen Fusse reiche Rohrwaldungen von Bambus wuch-
sen, in tiefem Nachdenken über seine Aufgabe verweilte. Er kam
auf den Einfall, aus dem Bambus Pfeifen von verschiedener Länge
zu schneiden, als er den Wundervogel Fung-Hoang, der stets nur
erscheint, wenn es gilt, den Menschen irgend eine Wohlthat zu brin-
gen erblickte. Das Männchen Fung sang sechs Time und das
Weibchen Hoang, sechs andere Töne (die sechs vollkommenen
männlichen und die sechs unvollkommenen weiblichen Halbtöne
der Octave). Er ahmte die gehörten Töne auf seinen Pfeifen nach
1) Nach den Mittheilungen des Archimandariten Hyakinthos Bitschurin.
Man vergleiche die überaus interessante Beschreibung der Stadt Peking im
1 1. und 12. Heft der Fürster'schen allgemeinen Bauzeitung Jahrgang 1S5(.>.
S. 32 i — 346.
22 Die Anlange der Tonkunst.
u.
— und zwar als den tiefsten Ton/' — genannt kung der ..grosse
Ton. Für diesen Grundton, den ..Kaiserpalast", von wo die andern
Töne aus gehen, schnitt er die tiefste Röhre Huang-tschung ..die gelbe
Glocke". Denselben Ton hatte auch der Wundervogel Fung-Hoang an-
gegeben; das Rauschen des Hoang-ho, und der Ton von Ling-lun's
Sprache tönte damit im Einklänge, und Ling-lun schloss, es müsse die-
ses der rechte Grund- und Urton in der Natur sein. Er kehrte nun an
den Hof zurück. Es kam aber jetzt auch darauf an, für die gefun-
denen Töne die rechten Maasse unverrückbar zu bestimmen. Ling-
lun kam auf den sinnreichen Einfall, den Inhalt der Pfeifenröhre
nach eingeschütteten Körnern einer gewissen, Chou genannten.
Hirsenart zu bestimmen, welche schwarz und sehr hart sind, und von
Insecten u. dgl. nicht angegriffen werden. Den Umfang jenes
Grundtones bildeten gerade 100 neben einander gelegte Körner.
So wurde Ling-lun gewissermassen der Pythagoras oder Guido von
Arezzo der chinesischen Musik — und es kann schwerlich eine
seltsamere Mischung von mythisch gefärbter Sage und trockenem
Pragmatismus geben als obige Erzählung. Kaiser Tschun (Chun),
der edle Adoptivnachfolger Kaiser Yao's (um 2300 v. Chr.), die
beide als vortreffliche Regenten bei den Chinesen noch jetzt sprich-
wörtlich sind — gab seinem musikkundigen Diener Quei Aufträge,
welche die Veredlung der Musik bezweckten — denen genug zu
thun das künstlerische Vermögen der Chinesen freilich nicht aus-
reichte, obschon sich Quei rühmte, ..dass, wenn er die klingenden
Steine seines King ertönen lasse, sich die Thiere um ihn versam-
meln und vor Freude beben"'. Freilich waren Quei's Compositionen
von solcher Schönheit, dass Conlücius, als er eine davon zu hören
bekam, drei Monate lang an nichts Anderes dachte, und nicht einmal
essen wollte, obwohl man ihm die köstlichsten Speisen vorsetzt''.
Tschun's Auftrag lautete aber also: „Lehre die Kinder der Grossen,
damit sie durch deine Sorgfalt gerecht, milde und verständig werden
— stark ohne Härte, ihres Ranges Würde ohne Stolz und Anmassung
behaupten. Diese Lehren wirst du in Gedichten ausdrücken, da-
mit man sie nach passenden" Melodien singen und mit dem Spiele
der Instrumente begleiten könne. Die Musik soll dem Sinne der
Worte folgen l), lass sie einfach und natürlich sein, denn eine eitle,
leere und weichliche Musik ist zu verwerfen. Musik ist Ausdruck
der Seelenempfindung — ist nun die Seele des Musikers tugendhaft.
so wird auch seine Musik edlen Ausdrucks voll sein und die Seelen
der Menschen mit den Geistern des Himmels in Verbindung setzen."
Fo-Hi, der Religionsstifter, soll der Erfinder des unter dem Namen
Kin noch jetzt gebräuchlichen Saiteninstrumentes sein. — Wenn
die chinesischen Nachrichten von ihm melden, dass er durch Spie-
1) Buchstäblich dasselbe sagt Piaton in seiner Republik (III. Buch) —
axo/.oi &tiv ()fl rw z.oyw.
China. 23
len auf seinem Instrumente erst „sein eigenes Herz in Ruhe und
Ordnung brachte" und es dann dazu benutzte, auch die Anderen
friedlich und betriebsam zu machen, so fühlt man sich auf das Leb-
hafteste an Pythagoras erinnert. Vom Quintenzirkel spricht schon
mehrere hundert Jahre vor unserer Zeitrechnung Hoang-Nan-tsee
als von einer von Alters her bekannten Sache. Zur Zeit desKong-
fu-tse (Confucius, 500 v. Chr.) schrieb Tso-Kieu-Ming, ein Freund
des Weisen, seinen musikalischen Commentar — ein anderes be-
rühmte- musikalisch -theoretisches Werk, aus derselben Zeit, ist
das Buch Lin-tscheu-kieu. Die Chinesen besitzen aber noch äl-
tere Schriften als das Buch Tscheu-ly von Tseheu-Kung 1100
vor Christo. — Das Buch Lu-lan von Koang-Tsee, 600 v. Chr.
— das Kone-yu betitelte Buch u. s. w. In grossem Ansehen stehen
insbesondere die Werke des Ly-koang-ty. Ein besonderer
Freund und Kenner der Musik war auch der Prinz Tsay-yu, welcher
nicht allein den Volksgesang förderte, sondern auch die Quarte und
Septime in die Tonleiter einführte — nämlich die früher unan-
gewendet gebliebenen Töne h und c „Ohne diese zwei Halbtöne,"
sagte er, ,.gibt es gar keine wahre Musik." Damit waren die ge-
lehrten Vertreter der alten Schule und alten Tonleiter freilich nicht
einverstanden — und insbesondere traten Ho-Sui, Tschen-yang und
Su-kueials Gegner auf: „Diese zwei Halbtöne der Scala aufzwingen,
heisst so viel, als der Hand einen sechsten Finger ansetzen." Aber
die Neuerung behauptete sich. Jene ursprüngliche alte Tonleiter
ging von dem Tone /'aus und war folgende
f\ genannt Kunir — der Stammton, von dem all*1 andern Töne
entspringen — die Modulation, der er
zu Grunde liegt, bedeutet den „Kaiser"
voll Würde und Erhabenheit.
(/, genannt tschang — die entspringende Modulation ist scharf und
strenge — der „Minister".
ö, genannt kio — sanft und milde — das unterthänig gehor-
chende Volk.
c, genannt tsche — schnell und energisch — die „Staatsange-
legenheiten".
//, genannt yu — glänzend und prächtig — das Gesammtbild
aller Dinge.
Dazu kommen nun noch die Zusatztöne: c, genannt pien-kung
oder auch tschung, der „Vermittler", und //, genannt pien-tsche oder
„ho", der „Führer" — weil diese Töne nicht eigentlich als selbst-
ständig, sondern nur als Vermittler und Führer zu den folgenden /'
und c gelten, zu denen sie einen blossen Halbtonschritt bilden. ')
Da aber diezwölf Halbtöne, in welche sich dieOctave (heilt, schon von
1) Bei den Griechen erschienen umgekehrt /' und c als Conseqnenzen von
e und h , als deren Halbtoncrhöhnngen. genannt Limma.
24 Die Anfänge der Tonkunst.
Alters, angeblich schon von Ling-lun's Zeiten her bekannt waren,
so dachte man daran, sie in das System einzureihen. Diese Halb-
töne heissen Lü, das ist so viel als „Gesetz". Man hatte den Ein-
fall, die Rohrpfeifen, welche dieLü angeben, aneinander zu reihen;
weil aber diese Anordnung sich den uralten Hymnengesängen nicht
anbequemen wollte, trennte man wieder je sechs Röhren und ge-
wann so zwei, aus je sechs ganzen Tönen bestehende Chöre oder
Tonreihen, wobei die Töne der alten Scala, statt der eben angege-
benen neuen Benennungen bekamen:
e
I. Reihe, vollkommen, yang. 2. Reihe, unvollkommen, yn.
1. Lü f Hoang-tschung
IS
Ta lu
2. - fi&
3. - tf Tay-t.-u
4. - gis . . , Kia-tschung
5. - a Kii-si
6. - ais tschung-lu
7. - h Jui-pin
g, . c lin-tschung
9. - eis y-tse
10. - d nan-lu
11. - dis Ou-v
12. - e yng-tschung.
Diese Unterscheidung der Lü in vollkommene (yang) und un-
vollkommene (yn) gründet sich auf die Anschauungen chinesischer
Naturphilosophie, wornach dem Vollkommenen: „Himmel, Sonne,
Mann" u. s. w. ein entsprechendes Unvollkommene: „Erde, Mond,
Weib" u. s. w. gegenüber stehen muss. Aber man musste wohl bald
bemerken, dass die gesonderten Tonreihen /', g, a, /i, cis1 dis und fis,
gis, tiis, c, d. e aus lauter Fortschreitungen in ganzen Tönen be-
stehend, kein, entsprechenden Scalen sind. Man dachte daran, sie wie-
der zu vereinigen. Prinz Tsay-yu, der einsichtsvolle Schutzherr
der Halbtöne. st. -Ute ein Tonsystem von dreierlei Lü (tiefen, mitt-
leren, hohen), mit Hilfe von 36 Bambuspfeifen zusammen. Die
Töne in ihrer wechselseitigen Verbindung heissen Yn — Melodien
werden yo genannt — darum wird die Musik von den Chinesen
mit dem Worte Yn-yq bezeichnet.
Endlich stellte sieh eineaus ldTönenbestehendeScalafest, welche
mit einem Tetrachorde h, c, d, e beginnt, an das sieh eine Octave und
drei Töne anreihen. In jeder Tonreihe hat der entsprechende Ton
den gleichen Namen, so dass also die Chinesen ihrer Musik das natur-
gemässe Octavensystem zu Grunde gelegt haben. So wie nun die
Chinesen, wie im Eigensinne in gar Vielem gerade das_ Ent-
gegengesetzte von dem annehmen, was bei den andern Völkern gilt.
so nennen sie „tiefe Töne", was wir „hohe" nennen, lind umgekehrt.
-
China- 25
Obschon nun der „höchste" (nach unserer Anschauung „tiefste")
Ton des Systems h ist, SO bleibt doch /' nach wie vor der Stamm-
vater aller Töne. Aber es konnte doch keinen weiteren Ton aus
sich erzeugen, wenn ihm nicht Heiter beispringen, welche die
weitere Fortschreitung vermitteln — die nächst angrenzenden
Time fis und e. Darum heisst ta-lu (fis) der „grosse Mitwirker"
oder „Helfer", und den gleichen Titel eines Helfers führt der Ton
yng-'tschung (e). Ferner wird /' von zwei Unterstützern, den
Tönen tschung-lu {ais enharmonisch für b) und Lin-tschung (c)
gefördert, mit deren Hilfe es alle andern Töne hervorbringt —
nämlich von der Ober- und Unterquinte — ans deren ferneren Fort-
schreitungen der vollständige Quintenzirkel entsteht, der alle Töne
berührt und wieder in den Aniangstan zurückkehrt:
/' c. g, d, a, <\ h fis, eis, gis. dis. ais, eis (/') in Quinten
/' ais (b), dis, gis, eis, fis, //, e, a, d, </, c, f in Quarten
Nach chinesischer Anschauung stehen hier /'und /; in Opposi-
tion, die andern Töne von fis an heissen „Enden". Der Theoreti-
ker Tschu-hi nennt jene „die sieben Principe" — diese „die fünf Er-
oränzuneen" — weil erstere der einfachen diatonischen Ursprung-
liehen Scala angehören, letztere aus den zwischengesetzten Lü zu-
sammengestellt sind. *•) Hier spielt nun wieder mystische Natur-
philosophie herein. Die 12 Lü bedeuten zwölf Monde oder Monate
oder Mondenläufe des Jahres. Der erste Mond d erzeugt den zwei-
ten ft, dieser den dritten e u. s. w. Die Astronomie mag gegen
diese Mondgenealogie ihre Einwendungen maehen — die Musik
hat gegen die damit verbundene Quintengenalogie keine Einwen-
dung. Mahnt dieser musikalisch -astronomische Zug einerseits an
Pythagoras, andererseits an Aehnliches in der arabischen Musiklehre,
so liegt eine noch stärkere Mahnung an beides in der Zahlen- und
Elementenmystik, welche Tso-kiu-ming in seinem Buche Tschu-en
entwickelt. Er sagt: „aus der Vereinigung der vollkommenen und
unvollkommenen Zahlen entsteht erst die rechte Vollkommenheit:
1. 2. 3. 4." Also etwas der heiligen Tetraktys des Pythagoras
Aehnliches, • — vollends aber klingt es pythagoräisch, wenn wir wei-
terhin lesen, eins sei der Anfang, zehn die Erfüllung — die fünf
ersten erzeugend, die andern fünf erzeugt — wornach folgendes
Schema entsteht, in welches die fünf Elemente, welche die Chinesen
annehmen (Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde), hineingezogen
sind: Aus eins und sechs entsteht "Wasser und der Ton yu Ul), aus
zwei und sieben Feuer und der Ton tsche (c), aus drei und acht
1) Eine Art „harmonischer Hand", wovon die Abbildung in der Encyclo-
pädie von Ersch und Gruber zu finden ist, erinnert sehr an die Guidonische und
möchte wohl erst durch europäische Missionäre nach China gekommen sein.
2g Die Anfänge der Tonkunst.
Holz und der Ton fco (a), aus vier und neun Metall und der Ton
ebang (<y), aus fünf und zehn Erde und der Ton koung(/') —
die fünf Töne der alten Scala. Diese mystische Auffassung ge-
hört also der alten Zeit der chinesischen Musik an. Zur Begleitung
tiefer (d. h. hoher) Töne, wenden die Chinesen die Quinte, für die ent-
gegengesetzten die Quarte an, es hat dies die chinesische Musik vor
der antiken voraus. Die Quinte heis<t Ta-kiuen-keu, das grosse
Intervall — die Quarte Tschao-Kiuen-Keu, das kleine Intervall.
Jeder Lü, jeder Halhton kann nun ..kung" (gross), d. h. Grundton
einer Tonleiter werden — da zwölf Lü existiren, so kann dieselbe
Scala zwölfmal transponirt werden. Noch mehr, der Lü kann in
dieser Scala, die aus ihm entspringt, seinen Platz siebenmal wech*
sein — nämlich erste, zweite, dritte u. s. w. Stufe werden — je
nachdem man den Umlauf bis zur Octave von ihm selbst oder vom
nächsten, vom dritten u. s. w. Tone seiner Scala anhingt. Sonach
o-ibt iede der zwölf Tonarten sieben Tonreihen (oder Tonarten), und
es ergeben sich sonach in Summa S4 Tonarten.
Etwas Aehnliches findet sich in der Musiklehre der Griechen,
die aber freilich das Prinzip nicht bis in die letzten Consequenzen
verfolgten, und daher nur 12, später ] "> Tonarten wirklich gelten
Hessen. Solcher zufälligen Aehnlichkeiten finden sich übrigens noch
mehr. Wenn die Griechen der Musik einen höchst bedeutenden
moralischen Werth zuschrieben und in ihr eine für das Gedeihen des
Staates wichtige, daher durch Staatsgesetze zu regelnde, von Staats-
wesen zu überwachende Kunst erblickten, wenn Gesetze und Sitten-
sprüche bei ihnen in ältester Zeit nicht Mos poetisch gefasst, son-
dern auch gesangweise vorgetragen wurden, so enthält schon jenes
Decret des Kaisers Tschun sehr ähnliehe Züge. Wie die griechi-
schen Philosophen gegen gewisse Harmonien als zu üppig und weich-
lich eifern, so erfahren wir aus einem Decrete des Kaisers Ngai-Ti
(der die Regierung 364 n. Chr. antrat, aber schon zwei Jahre später
im 25. Lebensjahre starb), dass die Musik von Tschin und Wei, zwei
kleinen Königreichen, schon von Alters her wegen Weichlichkeit
verrufen war. Solche Musik ist nach den Ansichten der chinesi-
schen Weisen Für den sittlichen Werth und die politische Bedeutung
der Länder, wo sie herrscht, das übelste Zcugniss. ..Wollt ihr wis-
sen." ruft Confucius, „ob ein Land wohl regiert und gut gesittet ist?
Hört seine Musik!" ') Und Ma-Tuan-Li sagt: „wer gut Musik ver-
steht, ist auch fähig zu regieren." Es ist daher die Musik auch ein
• Gegenstand der besondern Obsorge und Pflege von Seite des Kai-
sers, der selbst Musik zu üben nicht verschmäht, wie sich denn meh-
rere Kaiser das ehrwürdige, hochsymbolische Kin (die chinesische
Lyra) spielend abbilden Hessen, als die Musik mit den anderen Wis-
1) Einen sehr verwandten Gedanken äussert der heil. Augustinus (de civ.
Dei XVII. 14): ..diversorum sonorum rationahilis, modevatusque concentus con-
oordi varietate rompaetam bene ordinatae civitatis insinuat unitatem.
China. 27
senschaftep und Künsten (246 v. Chr) durch den bildungsfeindlichen
Sehi-lioang-ty fast in Vergessenheit gerathen war, der wohlgesinnte
Kaiser Tay-tsong (im 7. Jahrhundert n. Chr.) der alten Musik eitrig
nachforschen Hess '% Kaiser Kang-hi (um 1680) sicli mit Glück in
Composition von Melodien versuchte, aus den musikalischen Schrif-
ten der alten Weisen Rath holen Hess, sogar eine Academie
der Musik stiftete, welcher er seinen drittgeborenen Sohn als Prä-
sidenten vorsetzte, und ein musikalisches Compendium ..die wahre
Lehre desLy-lu" in vier Büchern ausarbeiten Hess, dem ein fünftes
Buch , über die europäische Musik angehängt wurde. Auch die chi-
nesischen Gesetzesannalen enthalten merkwürdige Proben der lan-
desväterliclien Sorgfalt für eine gehörige Musikpflege, besonders
jenes Decret des Kaisers Ngai-ti über die Reform der Musik, welches
wörtlich also lautet: ..Heutzutage herrschen bei uns drei grosse
Uebelstände: der Luxus bei den Mahlzeiten, im Anzüge u. s. w., die
Sucht nach tausenderlei eiteln Schmucksachen, und die Vorliebe für
die weichliche und weibische Musik von Tschin und Wei. Dem
Luxus folgt der Ruin der Familien — in der dritten Generation ge-
hen sie zu Grunde und das ganze Kaiserthum verarmt allmälig. Die
Sucht nach eiteln Schmucksachen bewirkt, dass sich eine grosse
Zahl von Leuten mit höchst unnützen Künsten belasst, statt sich
mit dem Ackerbau zu beschäftigen. Endlich führt weibische, weich-
liehe Musik zur Sittenlosigkeit. Trotz alledem in einem Reiche
Wohlsein und Rechtschaffenheit zur Herrschaft bringen wollen,
heisst so viel als verlangen, eine verschlammte Quelle solle einen
reinen Bach geben. Confucius hatte Recht zu sagen, man solle
die Musik von Tschin vermeiden, sie führe zu ungeregelten Sitten.
Wir finden hiernach unsere ganze Musik und die mit der Besorgung
derselben betrauten Angestellten ihres Dienstes zu entheben, was
die Musik für die Ceremonie Tiao betrifft, so wollen wir darin kei-
nerlei Abänderung veranlassen, ebenso wenig in den Musikinstru-
menten für den Krieg. Das sind Dinge, die bereits in unseren
King (alten Gesetz- und Gewohnheitsbüchern) festgestellt sind, nicht
aber sind es die dazu Angestellten; man hat also zu erwägen und
Uns andere Personen namhaft zu machen, denen die Sorge darüber
anvertraut werden könnte." ')
Kaiser Kang-hi machte, als die Gesetze in eine Sammlung re-
digirt wurden, zu dieser alten Verordnung den Zusatz: „Die Musik
besitzt die Kraft, das Herz zu beruhigen, und dieses ist der Grund,
warum der Weise sie liebt. Uebrigens kann er, während er sieh
daran ergötzt, sich zugleich im gut Regieren üben, indem er in
einer richtigen und leicht auszuführenden Weise die Grundsätze der
Regierung auch auf die Musik anwendet. Was aber leichtfertige
Musik betrifft, so lässt diese eine solche Vergleiehung gar nicht zu.
1) P. du Halde: deser. de la Chine. II. Band S. 483.
2S Die Anfänge der Tonkunst.
Zu was also sieh ihretwegen noch in Unkosten setzen? Ngai-ti hat
ganz Recht gethan, sie abzuschaffen. "
Es wird versichert, däss durch die getroffenen Massregeln die
Erhaltung von 440 Personen erspart wurde.
So ist auch (wie bei den Griechen) die Auswahl der zulässigen
und nichtzulässigen Musikinstrumente ein Gegenstand, aufweichen
die Gesetzgebung ihr Augenmerk richtet. Man muss bei den Chi-
nesen zwischen den alten Instrumenten, den Instrumenten der Re-
form Kang-Hi's und den nebenbei in Gebrauch gekommenen unter-
scheiden. Am strengsten sind die altehrwürdigen Musikinstru-
mente in acht Kategorien geordnet Denn was das Hervorbringen
musikalischer Töne betrifft , so unterscheiden die Chinesen für ihre
alten, geheiligten Instrumente acht Arten von Klängen, nach dem
Unterschiede des Stoffes, aus dem das Ton Werkzeug gemacht ist.
Auf Befehl des Kaisers Young-Tscheng wurde ein Katalog der offi-
ziellen Instrumente nach dem Stoffe geordnet und zusammenge-
stellt: Gegerbte Thierhaut dient zur Verfertigung von Pauken
und Trommeln (Hiuen-ku oder Kou). Aus klingenden reihenweise
aufgehängten Steinen, die mit Klöppeln angeschlagen werden, ist
eines der chinesischen Hauptinstrumente, das King, verfertigt.
Den edelsten, Yu genannten, Klingstein liefert die Provinz Leang-
tscheu; das daraus verfertigte Nie— King darf von niemand gespielt
werden als vom Kaiser selbst. Die 16 Steinplatten, welche in zwei
Reihen über einander hängen, sind nach den 12 Eü der Octave und
vier Zusatztönen gestimmt.
Metall dient zur Verfertigung der Glocken, deren Speise aus
sechs Theilen Kupfer und einem Theile Zinn gemischt ist: Po-
tschung. womit das Zeichen zum Beginne der Musik gegeben wird.
Te-tschung zum Markiren des Rhythmus; Pien-tschung, viele kleinere
Glöckchen, in 16, an einem Gestelle, gleich den Steinen des King, auf-
gehängten Rahmen und gleich jenen gestimmt; beim Spielen schlägt
man auf die Rahmen. Aus gebrannter Erde besteht das uralt-
ehrwürdige Hiuen, ein hohles Thongefäss, in Eorm eines Gänse-
eies, oben offen, an der Vorderseite drei Tonlöcher in Form eines
auf die Spitze gestellten Dreiecks, auf der Rückseite zwei Seiten-
löcher. Es lässt die fünf Töne der alten Scala hören.
Die dem ,.Holze" zugewiesenen Tonwerkzeuge verdienen
kaum den Namen musikalischer Instrumente : Das Schnitzbild eines
liegenden Tiegers. Ou genannt, welches vorzugsweise dazu da ist,
um durch drei Schläge auf seinen Kopf anzudeuten, die Musik sei
aus, wobei mit einem Stöckchen (tschen) über eine Reihe auf sei-
nem Rücken angebrachter Wirbel hingefahren wird; eine Art Holz-
büchse, Tschou, welche inwendig mit einem Hammer geschlagen
wird, und Klapperbretchen, Tschong-tou, zwölf an der Zahl (als
Beziehung auf die 12 Lü). mit denen man nach dem Takte auf die
Handfläche schlägt.
China. 29
Aus Bambus bestehen die Flöten: Yo mit drei, später sechs
Seitenlöchern, nach der Länge zu blasen; Tsche mit dem Mund-
loch in der Mitte und an jeder Seite je drei Tonlöchern: Siao, eine
1 'auspfeife von 16 Bambusröhren.
Gedrehte Seide bildet die Saiten des schon erwähnten, von
Fohi erfundenen Kin. Das Kin ist bei flachem Boden und gewölbter
Decke mit 25 Saiten bespannt, ursprünglich mit fünf Saiten als
Sinnbild der fünf chinesischen Elemente oder der fünf Planeten (ohne
Sonne und Mond). Das Che (Tsche, das heisst „wunderbar") gilt auch
für eine Erfindung Fo-hi's (es ist ein tafelförmiges Psalter), 9 Fuss
lang, dem arabischen Känun ähnlich. Die 50 Saiten, womit es ur-
sprünglich bezogen sein soll, reduzirte Tschen-nung auf 25, welche
nach der Ordnung der 12 Lü gestimmt sind. Jede Saite hat ihren
eigenen beweglichen Steg1, um mit dessen Hilfe die Stimmung an-
dem zu können: diese Stege sind zu fünf nach den fünf Hauptfar-
ben (blau, roth, gelb, weiss und schwarz) abgetheilt. Dieses ..Wun-
derbar" gilt für ein sehr edles Instrument, „wer es spielen will."
sagen die Chinesen, „muss seine Leidenschaften überwunden und
die Tugend in sein Herz gegraben haben, sonst wird er nur un-
fruchtbare Töne hervorbringen." l) Der Spieler steht während des
Musizirens an der breiten Seite des Instrumentes.
Der Flaschenkürbis wird zu dem Cheng(Tscheng) verwen-
det, einem sehr eigenthümlichen Instrumente, das ein Mittelding
zwischen einer Panspfeife und einer kleinen Orgel darstellt Der
Kürbis bildet die Windlade, darüber erheben sich 12 oder 24
Bambuspfeifen in symmetrischer Ordnung, gegen die "Windlade mit
Metallplatten geschlossen, an Avelchen sich in Einschnitten durch-
schlagende Zungen befinden, unmittelbar über der Lade ist in jeder
Pfeife eine kleine Oeffhung, welche der Spielende mit dem Finger
schliesst, wenn die Pfeife ansprechen soll. Der nöthige Wind wird
dem Instrumente durch eine S-förmig gebogene Röhre, die Amiot
mit einem Gänsehalse vergleicht, durch Blasen zugeführt. Das
Cheng ist zugleich das Normal- und Stimmungsinstrument für die
andern. Amiot sendete einige Exemplare nach Paris, Kratzen-
stein entnahm diesem chinesischen Musikapparate die Idee der jetzt
häufig an den Kirchenorgeln angebrachten durchschlagenden Zun-
gen. 2)
Musik, als eine altehrwürdige, geheiligte Kunst wird von
den Chinesen besonders bei feierlichen Gelegenheiten angewendet.
Amiot beschreibt eine in der That solenne und würdige, unter den
1) Amiot fand den Ton des Che schöner als den irgend eines europäi-
schen Instrumentes. Zamminer bemerkt dagegen mit Recht, man müsse die
Vorlielie dieses würdigen Mannes für alles Chinesische dabei mit in Rechnung
setzen.
2) Zamminer „Die Musik und die musikalischen Instrumente in ihren Be-
ziehungen zu den Gesetzen der Akustik, S. 372
30
Die Anfange der Tonkunst.
Auspizien des Kaisers selbst jährlich im Tempel vor dem „Thore
der reinen Wolken" (Thsing-yun-men) ') stattfindende Feier zu Eh-
ren der Seelen der Ahnen, die dabei, wie man glaubt, vom Himmel
herabkommen. Es wird eine uralte Hymne gesungen, deren erster Theil
hier als Probe chinesischer religiöser Musik eine Stelle finden möge.
Sie bezieht sich in der That auf den Hauptton /' und ist nur aus den
fünf Tönen der alten Scala zusammengesetzt:
E
-&-
—&-
\ ■g\ I
See hoang lien tsou vo ling u. s. w.
S=
:st
^
■J&.
f r i r J i f c t ^ r i r r i J^Fp^
Eine besondere Feinheit des Vortrages dabei ist, dass die Sän-
ger in der zweiten Strophe, wo von der eigenen Ünwürdigkeit die
Rede ist. die "Worte mit leiser, bebender Stimme vortragen, was
ohne Zweifel sehr gut gemeint, aber eben so sicher von höchst skur-
riler Wirkung ist. -) Die Anwendung solcher solennen Festmusiken
ist für die besonderen Anlässe streng etikettenmäsig geordnet, nach
der Zahl der Musiker, den auszuführende]! Stücken u. s. w. : die
Wichtigkeit des Aktes entscheidet über die Zahl der bei der Musik
beschäftigten Tonkünstler und Beamten, von zwei Mandarinen, zwei
Sängern und zwölf Instrumentalisteil bis zu dreizehn Mandarinen.
vier Sängern und zweiundfünfzig Instrumentalisten. Bei einer
solchen ceremoniösen Feierlichkeit, wo alles bis auf die kleinste
Verbeugung und Wendung genau angeordnet ist. und mit der gan-
zen pagodenhaften Gravität, welche dem Reiche der Mitte eigen ist
durchgeführt wird, hat man das Gefühl als haben sich die Figuren
einer chinesischen Wandtapete belebt, und als gestikulirten sie nun
voll komischer Würde gegen einander. Für den Geburtstag des
Kaisers 3). für den fünfzehnten Tag des ersten Mondes, für den Tag
1) Nach Bitschurin.
2) Die alten Tempelhymnen haben durchaus diesen Charakter. Eine ganz
ähnliche habe ich mehrmal von einer jungen, gebildeten chinesischen Dame
singen hören. Der züchtige Ausdruck, der gesenkte Blick, mit dem das Fräulein
sang, contrastirte seltsam mit den gedehnten näselnden Tönen des Gesanges
selbst. Jedesmal brachte >ic an einer gewissen Stelle ein Grupetto an
m
±i
-*mr
Der Gesang wurde durch anscheinend regellose hart, hell und trocken klin-
gende Schläge auf eine kleine Trommel begleitet, wozu sich der Spielende
kleiner, dünner Stäbchen bediente.
3) Lord Macartney beschreibt eine solche Geburtstagsmusik, die er am
IT. September 1793 in dem kaiserlichen Schlosse Djehol. wo sich der Kaiser
eben auch befand, zu hören bekam. Man hurte, sagt er, eine langsame, feier-
liche Musik, gedämpfte Trommeln und tieftönende Glocken in der Ferne.
Diese Musik wurde zuweilen durch plötzliche Pausen unterbrochen. Eben so
China. 31
des Ernteopfers und das Fest der Feldarbeit, wo der Kaiser, nach-
dem er im Thronsaal der mittleren Eintracht (Tschung-ho-tian) das
Getreide und das Ackergeräthe untersucht, selbst mit Hand anlegt.
ist die sogenannte „Musik des Yorsaales" tan-pi-schang bestimmt,
bei der zw ei Sänger und achtundz wanzig Instrumentalisten (nicht
mehr, nicht weniger) zusammenwirken. Am Neujahrstage ertönt im
Tai-ho-tian. dem Saal der höchsten Eintracht, tschung-ho-schao-yo,
die „Musik der wahren Eintracht"; an dem Tage, wo das Lob des
Kaisers vorgelesen wird (sehr zweckmässig) die „Musik der Aufre-
gung" tao-vng-vo. Bei Tafel hört der Sohn des Himmels die dafür
bestimmte Musik tschuiig-ho-tsing-yo; opfert er aber am Eeste der
Sonnenwende am runden Altare der Erde (Thi-than) vor dem Thore
der Ruhe und Stille, so erklingt dazu die yeu-ping-tsche-tschang ge-
nannte Festmusik. Ehemals bekam er zuweilen auch wohl weniger
Willkommenes zu hören. In einer chinesischen Schrift „Worte de-
Tadels im Reiche der Han". welche freimüthige Briefe eines ge-
wissen Mei-sching und Tseu-Yang an den König Pi von U. dann
eines gewissen Leu-Aven-sehü an Siuen und eines gewissen
Ku-san enthält (und welche beweist, dass sich China seinen Herr-
schern irearenüber etwas anders äusserte, als etwa das ehema-
lisre Frankreich ffesrenüber seinem vierzehnten und fünfzehnten
Ludwig), kommt folgende Stelle vor: „in der alten Zeit wa-
ren die Einrichtungen der höchst weisen Könige wie folgt: Die
Geschichtsschreiber standen vor dem Herrscher und schrieben
dessen Fehler nieder, die Künstler sangen die Stachehvorte
und tadelten, die Blinden sangen die Gedichte und ta-
delten. Die Fürsten und ersten Räthe des Reiches machten
Vergleiche und tadelten. Die ausgezeichneten Männer überliefer-
ten einander Worte und tadelten; die gemeinen Menschen, die vor-
übergingen, schmäheten auf den Wegen. Die Kaufleute gingen zu
Rathe auf den Märkten. Nur so bekommt der Landesherr zu hören
seine Fehler." l) Zu den Einrichtungsstücken des Kaiserpalastes in
Peking gehören auch grosse, reich vergoldete Musikinstrumente.
Sie sind, nach van Braam's in einer eigenen, prachtvoll gezierten
Gallerie neben Pao-ho-tian, dem „Thronsaale der beschützenden Ein-
plötzlich brachen alle Sänger und Instrumentalisten mit voller Kraft los, so-
gleich fiel der ganze Hof auf's Angesicht und dies wiederholte sich, so oft der
Refrain ertönte: „Beugt eure Häupter, alle Bewohner der Erde, beugt eure
Häupter vor dem grossen Kien-long!" Der Kaiser selbst blieb während der
Ceremonie unsichtbar. Wem fällt dabei nicht die Erzählung aus Daniel (III. 5)
ein?
1) Mitgetheilt von D. August Plitzmeier. Nach Bitschurin haben eigene
Mitglieder der kaiserlichen Academie zu Peking (Han-lin-vuan) das Recht, jeder-
zeit und überall dem Kaiser wie dem geringsten Untenhan Ermahnungen und
Verweise zu geben. Die Academie von Peking zählte (wie die französische)
ursprünglich 40 Mitglieder, jetzt ist sie zahlreicher besetzt. Sie führt den omi- /j
nöseu Namen „Wald von Pinseln"' (Han-li) . weil nämlich diese Gelehrten ihre
Schriften nach chinesischer Sitte mit dem Pinsel niederschreiben.
OZ
Die Anfänge der Tonkunst.
tracht" aufgestellt, eines mit 16 Glocken, eines mit 16 Metall-
stüeken u. s. w., die wohlbekannten Apparate, hier auf prächtigen
Piedestalen und Gerüsten. Bei dem Tempel des Himmels (Hoang-
kiung-yü) in Peking befindet sieh ein eigenes Magazin zur Aufbe-
wahrung der musikalischen Instrumente. *) Die kaiserlichen Musi-
ker stehen unter der Hof Intendanz (NeT-wu-fu ) , welcher ein eigenes
Gebäude neben dem westlichen Blum^nthor (Si-hoa-men) des Kaiser-
palastes, oder vielmehr der kaiserlichen Palaststadt (der rothen, ver-
botenen Stadt Tseu-kin-tsehing) eingeräumt ist. Man kann sich
vorstellen, mit welcher Strenge die Intendanz auf Ordnung sieht.
So genau nun aber der kaiserlichen Kapelle und überhaupt ganz
China vorgeschrieben ist, was zu thun und was zu lassen sei, den-
noch hat sich das himmlische Reich dem Einflüsse der Zeit nicht
ganz entziehen können, und jener musikliebende Kaiser Kang-hi
!<i--te 1679 sogar den Gedanken, die Musik vollständig zu reformi-
ren. Er hatte durch den Jesuiten Pereira, einen Portugiesen von
Geburt, und den Missionär der Propaganda P. Grimaldi einige
Kenntniss von europäischer Musik erlangt, und fand daran, gegen
die gewöhnliche Ansicht der Chinesen, Geschmack. Er konnte sich
besonders über die ihm von P. Pereira bewiesene Fertigkeit, jede
gehörte Melodie sogleich in Notenzeichen aufzusetzen und getreu nach-
zusingen, vor Bewunderung kaum fassen. Er befahl den beiden Geist-
lichen, die Hauptgrundsätze der Harmonie niederzuschreiben, und das
Compendium wurde sofort im Palaste selbst in sehr zierlicher Ausstat-
tung gedruckt. Die Chinesen lernten europäische Melodien ausfüh-
ren, sie spielten sie in schuldigster Unterthänigkeit notengetreu nach,
doch nicht ohne Seufzen; denn es war gegen ihre uralte, herrliche,
hochsymbolische Musik doch nur leeres Geklingel. Kurz. Kang-hi
sah ein, dass er seine Reform ohne geradezu Schreckensmassregeln
zu ergreifen, nicht durchführen könne und stand von dem Unter-
nehmen ab. Aber der Reformirgeist war einmal in ihm geweckt,
so machte er sich denn daran, die Instrumentalmusik umzugestalten.2)
Doch nicht ohne in dein darüber erlassenen Edicte zu erklären „die
alten Instrumente seien sehr gut, schon so abgebraucht, dass
sie nur noch dumpfe Töne hören lassen"'. 3) Ganz ungenügend
aber seien die «.Instrumente der vorigen Dynastie", massen damit
1) Nach Bitx-hurins Beschreibung.
2) P. du Halde erzählt diese Geschichte im 3. Bande seiner Desmption de
la Chine.
3) Als im Jahre 1673 die unter der mongolischen Dynastie von dem Astro-
nomen Ko-seheou-tsing gesammelten astronomischen Instrumente auf dem kai-
serlichen Observatorium Knan-ssiang-thai zu Peking vor Alter unbrauchbar be-
funden wurden, bedurfte es eines Befehls der Regierung zur Anschaffung der
sechs neuen. (Bitschurin.) Die Analogie des Falles ist immerhin bemerkens-
werth, und zeigt, wie in diesem einzig merkwürdigen Reiche alles nach gleicher
Schnur und Reirel gebr.
China. 33
keinerlei ..Feinheit des Ausdrucks und Schönheit des Vortrages" zu
erzielen. Hiernach fand sich Kaiser Kang-hi bewogen (wie er aus-
drücklich bemerkt: nach reiflicher Ueberlegung mit den Ministern
und Anhörung des hohen Rathes), ein unumstössliches Regulativ über
die zulässigen und anzuwendenden Instrumente zu erlassen, deren
Verzeichnis sofort in's Buch der Gebräuche des Reiches eingetragen
wurde. Es sind ihrer fünfundzwanzig, an der Spitze steht, als Num-
mer eins, eine — Standarte, Hoei genannt, welche aufgepflanzt
wird, so lange die Musik dauert. Von den alten Instrumenten
wurde das thönerne Hiuen, das hölzerne Tigerthier Ou, das Kin
und Che u. s. w. beibehalten, das King verbessert und einige neue,
ihm verwandte Instrumente eingeführt, als: das Fang-hiang, an
dem, statt der Steine, 16 nach den Lü gestimmte Holzplatten hän-
gen; das Tschung und das ähnliche Kin-Tchung, bestehend aus J 6 an
einem Gerüste aufgehängten Glöckchen, gleichfalls nach den Lü ge-
stimmt und durch Anschlagen mit einem Holzklöppel zu spielen, und das
Yün-lo, ein Gestelle mit JO kupfernen gestimmten Platten. Unter
Kaiser Kang-hi's Reforminstrumenten nehmen die Klapper-, Klingel-
und Trommelzeuge überhaupt mehr Raum ein als billig, von den
grossen Trommeln (Kou), die zum Theil von riesiger Grösse und
auf prächtigen Postamenten aufgestellt sind, bis zur Handtrommel
Po-fu und bis herab zu dem Pan, das ganz einfach aus zwei Stöckchen
besteht, die man an einander schlägt. Doch findet sich auch eine Oboe,
Koan, mit einem Rohrblatte, die Flöten Siao, Ty, Yo, Tsche
und die Pansflöte Pai-Siao. Daneben allerlei Trompeten mit
dünnem Rohr und trichter- oder kolbenförmigem Schallbecher,
eine davon fast wie eine Tabakpfeife rückgebogen u. s. w. Wie es
scheint von Persien und Hindostan stammen die in China ge-
bräuchlichen Mandolinen und Guitarren, mit birnförmigem oder auch
rundem Corpus und Bunden auf dem Griffbrete, ferner seltsam ver-
kümmerte, langhalsige, mit winzigem, hammerkopfartigem, rein cy-
lindrischem Schallkasten versehene Geigen mit Saiten von Seide,
durch welche der Bogen durchgezogen ist. Jene Geigen, Guitar-
ren u. s. w. werden, wie billig, nicht zu den edeln, alten, durch Ge-
setz und Herkommen geheiligten Instrumenten gerechnet, sondern
bilden das musikalische Handwerkszeug herumziehender Musikan-
ten, Sänger u. dgl. Wo man über so mannigfache Instrumente ver-
fügen kann und die Musik auch zu einer Sache der Erheiterung
dient, kann es natürlich nicht bei lauter ernsten Hymnen bleiben
und so besitzen denn auch sogar die Chinesen lebhaftere, profane
Melodien, welche sich zu der oben mitgetheilten Hymne etwa ver-
halten wie der Volkstanz zum Choral. Während jene Hymnen trost-
los monoton und schwerfällig schleppend sind, bewegen sich die
Melodien der andern Art in bunteren Figuren, ohne dadurch mehr
als einen eigenthümlichen Charakter barocker Hässlichkeit zu er-
reichen — wie jene von P. Amiot und Barrow fast ganz überein-
Ambros, Geschichte der Musik. I. •>
34
Die Anfange der Tonkunst,
stimmend mitgetlieilte Melodie, genannt Lieu-ye- kin (welche C. M.
von Weber seiner Ouvertüre zu Turandot zu Grunde legte). Diese
Melodie ist auf die alte Scala ohne Quarte und Septime gebaut:
Die Bewegung ist auch hier gemässigt: „man dürfe sich beim Musik -
machen nicht übereilen", meinen die Chinesen.
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Ebenso wunderlich unscbön i-t eine von Eyles Irvin notirte Tsi-
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Barrow hat dieselbe Melodie. Den Tönen h und f ist durchweg
ausgewichen.
Nachstehende, gleichfalls von Eyles Irvin mitgetlieilte Weise.
Tsin-fa, lässt sich besser an (etwa wie chinesischen Malern zuweilen
ein niedlicher naiver Mädchenkopf glückt) , aber sie geräth nur allzu-
bald in das Absonderliche und Fratzenhafte hinein, welches den Fa-
milienzug aller chinesischen Melodien bildet. Auch in ihr ist der
Quarte und Septime ausgewichen:
Indien.
35
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Zwischen trocken Verständigem und Monströsem schwankt fol-
gende, von P. du Halde mitgetheilte Melodie, die auch bei Bar-
row um eine Terz höher, sonst aber völlig übereinstimmend vor-
kommt. Hier sind wieder die Töne d und a vermieden.
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1) JohnBarrow, Lord Macartney's Secretair, bringt dieselbe Melodie unter
dein Namen Mu-li-chwa — doch mit etwas abweichendem Schlüsse, — die letz-
ten Takte von * an haben bei ihm folgende Gestalt :
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DieBe Variante ist etwas weniger barbarisch, was das Verdienst des ausfüh-
renden chinesischen Musikanten sein mag, dem sie Barrow nachschrieb. Der
3*
36
Die Anfänge des Tonkunst.
Das Nützliche wissen die Chinesen zu erreichen, das G-esetzmässige,
das Wohlanständige und wenn man will : das moralisch Gute. Aber
das Schöne hervorzubringen bleibt ihnen versagt. *) Wo sie es doch
versuchen, kommen nur lächerliche Caricaturen heraus. Indessen
wird doch in China so fleissig musizirt, als in irgend einem andern
Lande. Bei Hochzeiten, religiösen Festen, Begräbnissen u. s. w.
wird Musik gemacht nnd das chinesische Theater (Sing-Song) kann
des Gesanges im Trauer- wie im Lustspiele nicht entbehren. Wo
eine Person des Dramas in eine erhöhte Gemüthsstimmung geräth,
bei wichtigen Scenenschlüssen u. s. w., tritt jedesmal eine Arie ein,
so dass also die Chinesen etwas jener Mischgattung unserer Oper,,
wo Dialog und Gesangnummern abwechseln, Aehnliches besitzen.
Da man im gemeinen Leben spricht und nicht singt, so ist es eine
poetische Extravaganz, dass das realistische China solche Darstellun-
gen nicht so gut als „unnatürlich" verbannt, wie in seinen Gemälden
der Schatten und die perspectivische Verkleinerung aus Gründen des
Verstandes beseitigt werden. Der eigentliche Dialog besteht in den
ernsten wie in den komischen Stücken aus einer Art eintönigen Reci-
tativs, das zuweilen um einige Töne steigt oder fällt, um leidenschaft-
liche oder klagende Accente auszudrücken. Absatzweise unter-
bricht den Reeitirenden eine gellende Musik von Blasinstrumenten,
während die Pausen von dem Getöse der Lärmbecken und Pauken
ausgefüllt werden. „Freude, Sehmerz, Wuth, VerzAveiflung, Raserei M,
Chinese begleitete seinen Gesang mit einer Guitarre. Der Text des Liedes
war das Lob der Blume Mu-Ii:
Wie lieblich ist dieser Zweig frischer Blumen
Morgens wurde er mir in das Haus geworfen
Nicht will ich vor die Thür ihn tragen,
Ich will halten die frische Blume und glücklich sein —
Wie angenehm ist dieser Zweig der Muliblume
Keine übertrifft sie in dem vollen Blumenbeete
Ich will den Zweig behalten — doch ihn fürchten —
Denn sehn die Menschen diese Blume, werden sie mich beneiden.
1) Die leidlichste chinesische Melodie ist — der Gesang beim Rudern.
Capitän solo.
Matrosen
Matr.
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33
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* (Nach Barrow.)
Das rhythmische Gleichmaass des Ruderns hat hier offenbar ungemein günstig
eingewirkt.
China. 37
erzählt John Barrow, „sucht man insgesammt auf der chinesischen
Bühne durch Gesang auszudrücken „und", setzt er hinzu, „ich gebe
nichts darum, ob unsere Liebhaber der italienischen Oper nicht an
diesen chinesischen Dramen Aergerniss nähmen, da sie völlig den Ein-
druck einer verspottenden Parodie unserer modernen Opernbühne
machen." Sogar jene Opfer der italienischen Ohrenschwelgerei, die
heutzutage glücklicherweise nicht mehr vorkommen und welche noch
Goethe inCimarosa's „Impresario in angustie" zu Rom als Frauenzim-
mer verkleidet agiren sah und zu loben fand *), sind dem chinesischen
Theater nicht fremd, wo sie gleichfalls in Frauenzimmerrollen figuri-
ren, weil wirkliche Frauenspersonen nach chinesischen Schick-
lichkeitsbegriff'en die Bühne nicht betreten dürfen. Wenn nun in
einem chinesischen Drama z. B. ein von seiner treulosen Gattin im
Schlafe durch einen Beilhieb in die Stirne tödtlich verwundeter
Mann sofort mit seiner Todeswunde auftritt, sein Schicksal in einer
Arie beklagt und endlich zu Boden stürzt und stirbt, so ist das frei-
lich eine sehr starke Mahnung an ähnliche Situationen der italieni-
schen Oper, wie sie schon Benedetto Marcello in seinem teatro alla
moda mit dem köstlichsten Humor satyrisirt 2). Jene chinesische
Klytemnästra wird im Verlaufe des Stückes ergriffen, vor die Obrig-
keit geführt und verurtheilt, lebendig geschunden zu werden. Nach
der Exemtion tritt auch sie sofort und zwar nackend, in scheusslich
treuer Nachahmung des Zustandes, in welchen sie die Strafe ver-
setzt hat, auf die Bühne und singt gleichfalls eine lange Arie voll
fürchterlicher Heultöne; es ist, wie Barrow versichert, eine Lieblings-
vorstellung des chinesischen Publicums. 3) Neben Grässlichkeiten
dieser Art tauchen wieder ganz kindische Züge auf, die mit der
grössten Ernsthaftigkeit hingenommen werden. Soll z. B. darge-
stellt werden, wie ein General einen Kriegszug in ein fernes Land
unternimmt, so besingt er solches in einer Arie, während welcher
er nach Knabenweise auf seinem Stocke reitend und eine kurze
Peitsche schwenkend einigemal die Bühne umkreist. Dieses China
macht wirklich den Eindruck, als sehe man die Cultur anderer Völ-
ker im Reflexbilde eines Caricaturspiegels.
Die einmal beliebt gewordenen Melodien scheinen sich in China
unveränderlich zu erhalten — es ist immerhin bemerkenswerth, dass
keineswegs gleichzeitige Berichterstatter, wie Amiot und Barrow,
dieselben Melodien in ganz gleicher Gestalt zu hören bekamen. Das
1) Ital. Reise, Brief vom 91'. Juli 17S7.
2) Die Sterbearie, welche Edgardo mit dem Dolch im Leibe in Donizetti's
Lucia die Lammermore absingt, und womit Moriani alle schönen Seelen hiu-
riss, erinnert auf die bedenklichste Weise an jenen chinesischen Agamemnon.
3) Das gebildete europäische Publicum fände dergleichen freilich zu stark ;
es verträgt aber doch ein schuldloses Mädchen in Gegenwart ihres Vaters in
einem Kessel voll heissen Oels absieden zu sehen — wie in der Schlussscene
von Ilalevv's Juive.
38 Die Anfänge der Tonkunst.
sind nun die vaterländischen Melodien, welche die Chinesen ein für
allemal beibehalten. Ob wohl Piaton, der einen ähnlichen Stand der
Dinge in Aegypten bewundert und preist, hier das gleiche Lob
spenden würde? — Die Chinesen finden die europäische Musik de-
testabel — „unsere Musik", sagten sie zu Pater Amiot, „dringt durch
die Ohren in das Herz und aus dem Herzen in die Seele, das ver-
mag eure Musik nicht! "
Die Nachbarn Chinas, die Bewohner des Inselstaates Japan,,
haben in äusserer Erscheinung, in Lebensweise, Sitte, Industrie und
Kunst die grösste Aehnlichkeit mit den Chinesen. Die Cultur Ja-
pans ist auch wirklich eine Tochter der chinesischen. Im Jahre
57 n. Chr. sendete der Dairi (König) des damals noch ganz uncul-
tivirten Japan eine Gesandtschaft mit Geschenken an den chinesi-
schen Kaiser, und der so angesponnene Verkehr, so wie chinesische
Ansiedelungen brachten die Einrichtungen des älteren China nach
Japan. Aber bei den Japanesen tritt an die Stelle der fratzenhaften
Gemüthlichkeit des chinesischen Wesens ein gewisser, mehr ernster
und gehaltener Ton; und während der Chinese allem Fremden einen
eiteln Dünkel entgegensetzt, weiss der Japaner es durch ein stolzes,
schroffes Ablehnen fernzuhalten, versteht es aber, wenn er sich in
einen Verkehr einlassen muss, sich mit Takt und nicht ohne Würde zu
benehmen. Die japanesische Musik kann als eine Schwester der
chinesischen gelten. Das „Kin" haben die Japaner mit den Chine-
sen gemein, nur ist es bei ihnen ärmer an Saiten und hat in seiner
Form etwas Roheres, Primitiveres. Sie nennen es Koto, und unter-
scheiden die Gattungen Kin-Koto und Jamato-Koto, letzteres ist ein
mit nur sechs Saiten bespanntes Bret. Das eigentliche Koto ist aus-
gebildeter, es hat dreizehn Saiten und einen gewölbten Schallboden.
Die Art, es zu spielen, ist dieselbe wie die bei dem chinesischen Kin.
Auch das kleine tragbare Orgelwerk Tscheng ist ein Hauptinstrument
japanischer Musik, es gleicht völlig dem chinesischen. *) In komi-
scher Mundart heisst dieses Instrument Saing-Hwang. Sonst be-
sitzen sie an Blasinstrumenten eine Menge von Flötengattungen von
Holz oder von Bambus, Langflöten und Querflöten (koraisch: Tjö),
theils mit vier, theils mit sieben Tonlöchern. Eine kurze Flöte der
letztern Art hat ein Mundstück nach Art unserer Oboen. Die
Holzflöten sind von zierlicher Arbeit und zu besserer Haltbarkeit
stellenweise mit breiten Querbändern aus fest und dicht umwunde-
nen Zwirn umgeben. Ein eigenthümliehes Instrument ist eine
trompetenartige Oboe mit weitgeöffnetem Schallbecher, sieben
Tonlöchern und einem Mundstück von Rohr, welche an die orienta-
lischen Zamar erinnert. Eine Seemuschel wird mit einem kurzen
röhrenartigen Mundstücke versehen und dient als rauhtönende
Trompete.
I) Nur hat es statt des „Gänsehalses" blos ein kurzes, starkes Mundstück.
Japan. 39
Unter den Saiteninstrumenten ist eine Art Laute, Samisen ge-
nannt, bemerkenswerth — sie hat einen Viereckigen, würfelförmi-
gen Schallkasten, ohne (Jeffnungen, einen sehr langen schlanken,
unten mit eigenthümlicher, sehwanenartiger Biegung an den Schau-
kasten befestigten Hals, und drei Saiten, welche unten von einem
Saitenhalter, oben von Wirbeln festgehalten werden und über einen
Steg gespannt sind. Das Instrument wird mit einem spateiförmigen
Piektrum gespielt — ein ganz ähnliches. Kokiu genanntes Instru-
ment dagegen mit einem ziemlich plumpen Bogen von Rosshaar, wo-
bei es der mit untergeschlagenen Beinen sitzende Musiker gleich
einer Gambe zwischen den Knien hält. Ein der arabisch-europäi-
schen Laute oder Mandoline völlig ähnliches Instrument, Biwa ge-
nannt, das einer halbirten Birne oder Feige gleicht, hat vier Saiten,
am Halse sechs Bunde zum Greifen der Töne, einen fast rechtwink-
lig zurückgebogenen Wirbelkasten und am Corpus zwei kleine halb-
mondförmige Schalllöcher, wie die ähnlichen Instrumente in China.
Gespielt wird es mit dem spatelförmigen Piektrum. Samisen, Ko-
kiu und Biwa dienen vorzüglich zur Begleitung des Gesanges.
Wenn alle diese Instrumente in ihrer, im Vergleiche zu den Instru-
menten der Chinesen, fast etwas reicher zu nennenden Ausbil-
dung dem japanesischen Musikmachen einen mehr kunstwür-
digen Anstrich zu geben scheinen, so tritt dagegen das Barbarische
in den Trommel-, Klapper-, Klingel- und Schlagzeugen, in denen
die Japaner mit den Chinesen wetteifern, hervor. Da gibt es Trom-
meln jeder Grösse, theils auf Gestellen, theils zum Umhängen, dar-
unter eine ganz eigenthümliche, die völlig die Form einer Sanduhr
hat, und liegend von beiden Seiten geschlagen wird J)i cylinderför-
mige Pauken, kleine Tambourins, Lärmbecken und Metallteller an
Gerüsten aufgehängt, Handlärmbecken mit dem Klöppel zuschlagen,
tellerförmige Schallbecken zum Zusammenschlagen, Glocken von
ansehnlicher Grösse auf eigenen Glockenstühlen, kleinere Hand-
Flocken, einen Apparat mit Schellen zum Schütteln, der ganz un-
sern Kinderklappern gleicht, kleine Metalldosen, die mit zwei Metall-
stäbchen gerührt werden, ein Instrument in Gestalt eines an Ketten
hängenden Seefisches, Klapperhölzchen an Schnüren gereiht u. s. w.
Die Abbildung eines japanischen Chores, in dem Werke Siebold's,
zeigt drei Männer und vier Weiber, eine der letztern bläst eine Quer-
flöte, eine andere schlägt eine kleine, auf einem Gestelle vor ihr
stehende Sanduhrtrommel, zwei schütteln Schellen — von den Män-
nern schägt einer zwei Klapperhölzer zusammen, die zwei andern
pauken auf kleine Sanduhrtrommeln los, die sie in Händen halten.
1) Dieses kleine, bei den Japanesen sehr beliebte Trommelchen ist eben
auch ein aus China herübergekommenes Instrument; die Chinesen nennen es
Tschang-Kou. Unter diesem Namen als chinesisches Instrument abgebildet in
de la Bordes Essai, 1. Bd., Kupfertafel zu Seite Uli.
40 Die Anfänge der Tonkunst.
Sonach sind sechs Lärminstrumente gegen die einzige Flöte in Be-
wegung. Ein anderes Bild, eine Musik am Hofe des Mikado vor-
stellend, zeigt ein Orchester, das aus einer Querflöte, einer kurzen
Pfeife, einer etwas grösseren Langflöte und einem Tscheng zusam-
mengesetzt ist; zu diesen Blasinstrumenten rührt ein hockender
Mann eine kleine Sanduhrtrommel, während hinten ein anderer
gleichfalls mit untergeschlagenen Beinen sitzender Musikant mit
zwei Klöppeln auf das Fell einer ungeheueren , vor ihm auf einem
Gestelle liegenden, fassartigen Trommel losschlägt.1) Die' Musi-
kanten stehen in Japan nicht eben in Achtung, sie gehören zur
vorletzten Rangklasse, während die Musik selbst für eine wür-
dige Sache angesehen, im Dienste der Kami, d. i. gewisser gött-
licher und halbgöttlicher Wesen, theils Aveltschöpferischer Ge-
nien, theils vergötterter Ahnen, angewendet wird und in diesem
Sinne Kamin-Gura, das ist Kami-Musik, oder zusammengezogen
Kagura heisst. Am 7. und 10. des Monates ist Kagura, d. i. Musik
mit Pantomimen. Bei den grossen Jahresfesten der einzelnen Kamis
(gleichsam Heiligenfesten) ertönt in den hellbeleuehteten Kamihallen
zum Gebete die Musik des heiligen Chores bis tief in die Nacht hin-
ein, ja oft noch den ganzen folgenden Tag, um dadurch dem Kami,
dem himmlischen Geist zu verkünden, wie sehr er auf Erden geehrt
und verherrlicht sei. „Festliche Umgänge, Musikchöre, panto-
mimische Tänze, Maskeraden, theatralische Vorstellungen, Beleuch-
tungen, Wettrennen, Bogenschiessen, Ringkämpfe, und andere
Leibesübungen wechseln mit Heldengesängen, Ablesung abenteuer-
licher Geschichten, öffentlichen Lotterien, Mahlzeiten, Trinkge-
lagen."2) Der Wassergott Midsuno-Kami wird durch gellende
Becken- und Trommelschläge geehrt. An den Kamihöfen liebt man
es, sich mit Musik und Gesang zu ergötzen, mit Versemachen, und
dazwischen mitSchmauss, Wohlleben und Spaziergängen in den oft
reizend angelegten, nachtigallenreichen Gärten. Die geheiligten
Musikchöre werden vorzüglich von den Frauen der Kamipriester
(Kami-nusi, Gotteswirthe, von „Kami'4 Gott und „Nusi" Wirth) im
Vereine mit den Priestern und mit Laien ausgeführt. Auch die
Schauspiele, welche den Kami zu Ehren aufgeführt werden, ent-
behren nicht der Musik. Otto von Kotzebue beschreibt in einem
seiner Reisebriefe die Aufführung eines Drama zu Nangasaki am
Feste des schützenden Stadtgottes Suwa: „Das Stück selbst war eine
Liebes- und Heldengeschichte in Versen, durch musikalische Chöre
und Tänze unterbrochen — zwei Pi-inzen stritten um einen Thron
und eine Geliebte u. s. w." Für ein europäisches Ohr klingt die Musik
der Japanesen freilich so wenig erbaulich als die chinesische. Der
1) Diese Bilder sehe man in Ph. Fr. von Siebold's Nippon. archief voor de
beschrijving van Japan, Tafel I bis XII. Abth. c.
2) Siebold. Pantheon von Nippon, S. !s.
Indien. 4 1
gedachte Reisende gibt eine humoristische Beschreibung der Musik
bei einer grossen Festprozession inNangasaki: „den prächtigen gol-
denen Sonnenschirm, der den Zug eröffnete, begleiteten verlarvte
Musikanten, die theils auf Flöten bliesen und auf kleinen Trom-
meln wacker herumschlugen, theils auch ihre lieblichen Stimmen
ertönen Hessen; es war eine verd — Katzenmusik, die höchstens
einem japanischen Götzen gefallen kann." *) Und an anderer Stelle
schreibt er: „wenn ein Kranker eben gestorben ist, so versammeln
sich Verwandte und Priester um ihn, singen fürchterliche Lieder
und läuten mit Glocken dazu. Trifft es sich vollends unglücklicher
Weise, dass die Chinesen eben ihre Götzen in Procession um einen
Tempel tragen, so schallen auch Trompeten und Pauken dazwischen
und der Teufelslärm ist vollständig." Die Darstellung einer ele-
ganten Gesellschaft bei Siebold zeigt, wie die theetrinkenden Herren
und Damen dem Grotesktanz eines Gauklers zusehen, zu dem mit
einer Laute und einer gewaltigen Trommel Musik gemacht wird —
allerdings eine Zusammenstellung, wie sie die ausschweifendste Phan-
tasie nicht toller ersinnen könnte.
Inder.
Neben dem rationalistischen China und dem trocken verstän-
digen Japan erscheint Indien als das Land überschwänglicher Poesie
— wenn dort der Verstand Alles und Jedes einfach realistisch und
nüchtern auffasst, so malt die ungezügelte Phantasie des Inders die
alltäglichsten Dinge in bunten Regenbogenfarben aus. Der Chinese
findet in der Musik eine Wissenschaft und ein moralisches Bes-
serungsmittel, dem Inder ist sie eine Sache der Phantasie und der
Gegenstand eines schwelgenden Genusses. Die Wissenschaft hat
nichts damit zu schaffen, ihre einzige Bestimmung, ist die Einbil-
dungskraft zu erfreuen.
Allerdings besitzen die Inder eine fein ausgebildete Musik-
lehre, aber es spielt eine magische Wunderwelt hinein, und die
Phantasie ergeht sich auch sogar hier in seltsam dichterischen Mär-
chenträumen. Die Musik ist nach den indischen Mythen geradezu
göttlichen Ursprungs; Sarasvati, die Gemalin Brahma's, brachte den
Menschen das schönste aller Instrumente, die Vina, welche dann
an dem halbgöttlichen Nared, dem sogenannten „indischen Gott der
Musik" einenPfieger fand. FünfTonarten (Raga)liessMaheda-Krishna
aus seinen fünf Köpfen entspringen, die sechste Tonart schuf seine
Gemahlin Parbuti. Dazu schuf Brahma selbst noch dreissig Ra-
ginit oder Nebentonarten — personificirt in eben so vielen Nym-
l) Ein Europäer kann über chinesische oder japanische Musik kaum spre-
chen, ohne in einen humoristischen Ton zu verfallen — ein Meisterstück von
Komik darf die Beschreibung eines chinesischen Concertes in Berlioz' soire'es
d'orchestre heissen. ■« ■■• i
42 Die Anfänge der Tonkunst.
phen. Die Musik ist zaubergewaltig. Den Ragas Maheda's und
Parbuti's gehorchten nicht allein Menschen, sondern auch Thiere
und selbst die unbelebte Natur wurde durch sie in Bewegung ge-
setzt. Gewisse Weisen durfte kein Sänger anstimmen, bei Gefahr
in Flammen aufzugehen. Zur Zeit Akbers, heisst es, wurde der
Sänger Naik-Gobaul, ob er gleich bis an den Hals im Flusse Djumna
stand, vom Feuer verzehrt, als er auf Befehl des Herrschers den
zauberkräftigen Raga sang. Eine andere Melodie bewirkte, dass
Wolken aufstiegen und Regen herabströmte, eine Sängerin rettete
damit Bengalen vor Misswachs und Hungersnoth. l) Wieder eine
andere Melodie machte die Sonne verschwinden, und verbreitete
Finsterniss; Mia-Tu-Kine, ein Sänger Akber's, bewirkte dieses Wun-
der, der Palast wurde durch seinen Gesang sogleich in tiefes Dun-
kel gehüllt. So hat also die Musik nach der Anschauung der Hin-
dus, gleich dem Gebete, dem Opfer und der Askese, götterzwingende,
magische Wirkungen. Auch Thiere widerstehen ihr nicht, sie be-
schwichtigt die Wuth der Schlange und zähmt den wilden Elephan-
ten. 2). Von den vier angenommenen Haupttonsystemen sind zwei
von den Göttern selbst angegeben , von Iswara und von dem wohl-
bekannten Hanuman — die beiden andern stammen von Bharata-
Muni (Berat), dem Erfinder der Nataks (d. i. der Dramen mit Musik
und Tanz) und von Calinath, einem gottbegeisterten Weisen her.
In der Periode Krislma's gab es nicht weniger als 1600,0 Tonarten,
da sich ebenso viele Gopi (Nymphen, Hirtenmädchen von Madura)
um die Liebe des als Hirt auf Erden weilenden Gottes bemühten
und eine jede, um sein Herz zu rühren, ihren Gesang in einer eige-
nen Tonart anstimmte. Jones hat eine ganze Folge Ragmalas, ge-
malter indischer Mythen oder Legenden, aus Hindostan mitgebracht,
die in zierlicher, naiver Weise und in einer mädchenhaft schüchter-
nen und anmuthigen Ausführung grösstentheils Scenen aus Krishna's
Hirtenleben und seinem Verkehre mit den Gopi darstellen. Hier
sieht man auf der einen Darstellung Krishna, kenntlich durch die
schwarzblaue Farbe und eine Zackenkrone, heiter scherzend mit
einer Zahl jener Hirtenmädchen, die ihn musizirend umgeben. Zwei
davon schlagen Castagnetten, eine dritte rührt mit der Hand eine
Trommel, die in Gestalt und Behandlungsweise völlig einer fäss-
chenartigen altägyptischen Trommel gleicht, eine vierte bläst eine
Art Schalmei, «leren obere Hälfte schlangenartig eingebogen ist.
1) W. Ouseley, Orient, collect. I. S. 74.
2) Dass die Schlangenbeschwörer in Hindostan sich einer Art Flöte, oder
auch wohl eines Saiteninstruments bedienen, ist bekannt. Strabo, XV. 1. 42
berichtet, dass die Indier gefangene Elephanten mit Gesang und Taubenschlä-
gen {ßthcfiM Tt?'i. xal TiLin<tvt.ci<ü)) zähmten. Dasselbe erwähnt Martianus
Capella de nupt. Mercurii et pfailolog. IX: Elephantos indicos organica per-
mulsos detineri voce compertum.
Indien. 43
Ein anderes, äusserst liebliches Bildchen zeigt eine Gopi im freund-
lichen Verkehr mit Gazellen, welche sieb zutraulich um sie drängen,
sie trägt eine Vina, und es sieht aus, als habe ihr Saitenspiel die
zierlichen Geschöpfe herbeigelockt. Die ganze Serie von Bildchen ist
eine schöne Illustration zu der gepriesenen, Krishna's Hirtenleben
schildernden dramatischen Idylle, der Gitagowinda. ')
Auch die Erfindung des Schauspiels wird von den Hindosta-
nern in die mythische Zeit verlegt; der schon vorhin erwähnte Er-
finder Bharata, genannt Muni, fasste, sagen sie, Schauspiele in eine
Sammlung von Sutra zusammen und führte sie vor den Göttern selbst
in Tänzen auf. Brahma selbst hatte die Vorschriften dafür aus den
Veda zusammengestellt und theilte sie dem Bharata-Muni mit. Jene
erste Darstellung vor den Göttern hatte die Geschichte Vishnu's, die
Gattinwahl der Lakschmi zum Gegenstande, und bestand in panto-
mimischen Tänzen, die in Indra's Himmel durch die Gandharven
und Apsarascn (die den Indra umgebenden Genien der Musik und
des Tanzes) ausgeführt wurden. -I Eine andere Mythe lässt das
..Sangita", das ist aus Musik, Gesang und Tanz zusammengesetzte
Darstellungen von Krishna und den ihn umgebenden Hirtenmädchen
ausgehen. 3)
Es ist bemerkenswerth, dass der hindostanische Götterkreis.
oder eigentlich der Himmelsgott Indra an den vorhin erwähnten
Gandharven eine ihn umgebende Schar von Sängern und Musikern be-
sitzt, und sonach die Tonkunst von der hindostanischen Mythe in
den Himmel selbst versetzt wird. Im Rigveda (I. 2. 44) wird noch
von einem einzelnen Gandharba gesprochen, der kein Sänger, son-
dern ein muthiger Kampfgenosse Indra's ist, wenn dieser auszieht,
die bösen Geister und den Einhüller Vritra zu bekämpfen. In den
grossen Epen lim Mahabharata in. 159. Vers 11656) erscheinen
schon Gandharven in der Mehrzahl. Ursprünglich , nach Lassen,
Symbole des Sonnengottes und kraft dessen auf Sonnenrossen rei-
tend4) , nach Duncker, an die Stelle der nach der altern Mythe, um
den Kämpfer Indra wehenden, die einhüllenden Wolken vertreiben-
den Winde getreten5), wurden sie in nicht bekannter Zeit und
aus nicht bekannt gewordener Veranlassung, jedenfalls vor Abfas-
sung der grossen Epen, zu Musikern und Sängern des Gottes.
Nach der Brahmanischen Theogonie schuf Brahma, nachdem er drei-
tausend Billionen und vierhundert Millionen Jahre im Brahma-Ei
gelegen, es dann durch die Kraft seines Gedankens in zwei
1) Nachbildungen in Dalberg's Uebersetzung von W. Jones' Schrift über
indische Musik.
2) Lassen, ind. Alterthumskunde, 2. Band. S 5<i2.
3) Lassen, ind. Alterthumskunde 2. Bd. S. 504.
4) A. a. O. 1. Bd. S. 773.
5) Duncker, Geschichte des Alterthums. 2. Bd. S. 154.
44 Die Anfänge der Tonkunst.
Theile gespalten, aus denen er Himmel und Erde machte, den
Manu — Manu schuf seinerseits die zehn grossen Weisen, welche
dann die Himmel, die Götter und neben andern guten und bösen
Geistern auch die Gandharven und die Apsarasen hervorbrachten.
Kraft dieser göttlichen Abstammung könnte man die „lotosäugigen"
Apsarasen, die Musikerinnen und Tänzerinnen Indra's, mit den
griechischen Musen vergleichen, wenn sie nicht allzuviel Bajaderen-
artiges an sich hätten. Galt es, einen frommen Büsser oder Einsied-
ler in Versuchung zu führen, so übernahm irgend eine reizende
Apsarase diese Mission. Dafür verwandelte Wasischta. der bekannte
Besitzer der Wunderkuh, bei solcher Gelegenheit die Apsarase
Rambha in Stein.
Gandharven und Apsarasen feiern frohe Ereignisse, an denen
die Götter Theil nehmen, durch Gesang und Tanz. „Nichts gibt
es," heisst es im Pantscha-tantram, „was in der Welt selbst Göttern
lieber wäre als Gesang; durch den Zauber der Saiten fing Ravana
den Siva selbst."
Als die Dasarathiden geboren wurden, der herrliche Rama,
Bharata und Lakshmana: da (heisst es im Ramajana) „sangen lieb-
lich die Gandharven, die Scharen der Apsarasen tanzten, die Pau-
ken der Himmlischen (deva-dundubhayo) tönten, und Blumenregen
fiel aus den Lüften. Aber in Ajodjha, der Stadt, feierte zahlloses
Volk herrliche Feste, vom frohen Schwärme, von Gauklern, Tän-
zern und Sängern wimmelten die weiten Strassen; sie ertönten von
mannigfachen musikalischen Instrumenten. l) Und als der König
Dasaratha, mit der schönen Tochter Santa und dem Sohne des
Weisen „leuchtend gleich der aufsteigenden Flamme", in seinen
Königssitz einzieht, als die Stadt von Wohlgerüchen dampft, die
Strassen mit Wasser besprengt sind, von den Häusern Fahnen wehen
und alles Volk sich freut, da „hält der König seinen Einzug in die
schöngeschmückte Stadt beim Ton der Muscheltrompeten und Pau-
ken."2) Derlei lautschallende Ton Werkzeuge vor dem Könige zu
spielen war Sitte. Strabo erzählt, dass vor den indischen Königen
Pauken- und Beckenschläger einhergehen. 3) Auch Ardschuna
wird, als ihm Indra Blitz und Donnerkeil übergibt und Urwasi, die
schönste der Apsarasen, sich ihm als Gattin gesellt, von den Göttern und
Heiligen mit Muscheltrompeten und Paukenschall begrüsst. 4) Aus
ähnlichen Instrumenten bestand auch die alte indische Kriegsmusik,
nach Strabo's Bericht haben die „ Archonten des Krieges Pauken- und
Beckenschläger beizustellen" :>). aber auch mit Muscheltrompeten und
1) Ramajana, I. 19. V. LO. 11. 12.
2) A. a. 0. I. 10. V. 32.
'■'>) TiQOTjyoT'VTcu dt Tvti7Ta.vi.c!Tn'i y.cii y.wdotvoqioQov. Strabo. XV. Cap.I. 55.
4) Bopp. „Ardschuna's Reise". 3. 10.
5) A. a. O. 52. y.wdo>vo<fö^o<;-
Indien. 45
mit Doppelpfeilen wurde kriegerische Musik gemacht und wurden
Signale gegeben. M Als die Könige von Mien (Ava) und Bengalen
im Jahre 1272 n. Chr. gegen den tatarischen Grosskhan Kublai
eine grosse Schlacht schlugen, liessen sie zum Angriffe, nach Marco
Polo's Erzählung, eine ungeheuere Menge von Kriegsinstrumenten
ertönen. *2) Krieg und Musik spielen in der mythischen Wunderzeit
seltsam ineinander. Der Wagenlenker der alten Könige von Hindo-
-tan, Suta, war zugleich ihr Barde- er hatte neben seiner Aufgabe
das Gespann im Kampfe zu leiten, noch die weitere, das Lob des
Königs zu singen und die alten Sagen vorzutragen. Er war ge-
mischter Abkunft, Sohn eines Kschatria und einer Brahmanin. In
der Ueberlieferung wurde Suta zu einem concreten historischen In-
dividuum, einem Schüler Vjasas, des Vedasammlers, und selbst Ver-
breiter der Purana durch sechs Schüler, die er ausbildete. 3)
Ehe sich noch die Arja zu Herren des Landes machten, hatten die
alten Ureinwohner Südindiens (nach Calci well, dem gründlichsten
Forscher und Kenner dieser Epoche) Barden, die bei den Festen
ihre Lieder sangen, obschon das Volk nicht keinmal die Schreibe-
kunst verstand.
In der Zeit, die uns (freilich phantastisch umgedichtet) aus dem
Spiegel der alten Epen entgegenleuchtet, war die Musik im Wesent-
lichen der Musik der ältesten Culturländer, Aegypten, Assyrien,
Babylon4), China, allem Anscheine nach ähnlich; nur wurde sie
einerseits duftiger, poetischer, phantastischer und phantasievoller
aufgefasst, andererseits befand sie sich noch sehr merklich auf dem
Standpunkte eines naiven Naturalismus. Die Trompete wird im
Ramajana geradezu „Cankha" Muschel genannt; und jenes uralter-
thümlichste Entlocken dumpfer Schmettertöne aus Muscheln, wie
die Griechen ihren Triton en zuschrieben, war also noch im Ge-
brauche, als Indien schon glänzende Städte, wie Ajodhja, Indra-
prastha und Hastinapura (das Ilion des Mahabharatal besass. Auch
die oft erwähnten Trommeln, mit dem den eben erwähnten, den
dumpfen Schall malenden Sanskritworte bezeichnet, sind für diesen
Stand der damaligen Musik kennzeichnend. — Es waren theils klei-
nere, aber doch umgehängt zu tragende Handtrommeln, dergleichen
die Himmlischen bei der Geburt der Söhne Dasaratha's zum Tanze
schlugen, theils wohl auch grössere Schallwerkzeuge, wie bei jenem
festlichen Einzüge. Doch gab es auch schon Saiteninstrumente,
selbst schon in den Händen der Himmelsbewohner und halbgött-
lichen Nymphen, die Vina ist ja (gleich der griechischen Lyra in
1) Vergl. Cunningham, the Bhilsa Topes. PI. 13.
2) Marco Polo. II. 42.
3) Lassen, ind. Akerth. 3. Bd. S. 503.
4) Ueber den Verkehr mit Babvlon, Assvrien u. s. w. s. Lassen, 1. Band.
S5^.
45 Die Anfange der Tonkunst.
Hella.-) das eigentliche Nationalin strument, Götterertiiulung. Götter-
gabe, und noch jetzt das Instrument der niahrattischen und benga-
lischen Brahminen. l) Manche noch heut angewendete Instrumente
scheinen sich aus sehr alter Zeit erhalten zu haben, so eine„Pambe"
genannte Pauke, die blos in den Tempeln Virapatrins, des Sohnes
Shivas, angewendet wird.
Als ältestes Denkmal hindostanischer Dicht- und Singekunst ist
unter den Yedas (den Büchern der liturgischen Gebete, Anrufun-
gen, Hymnen u. s. w.) der sogenannte Rigveda, d. i. Lob- und
Preisveda erhalten, welcher Loblieder und Gebete an die Götter,
Kriegsgesänge, Siegeshymnen enthält, und dessen einzelne Gesänge
mit den Namen der Priester und Sänger bezeichnet sind, denen sie
zugeschrieben werden. Es ist darin nur vom Fünfstromlande und
dem Landstriche am Indus als Wohnsitz der Arja die Rede und des
nachmals so heilig gehaltenen Stromes Ganga geschieht gar keine
Erwähnung. Da nun die Arja vom Gangeslande schon um 1 300
v. Chr. Besitz nahmen, so lässt sich auf das hohe Alter dieser Ge-
sänge schliessen. Wir wissen, das? bei Opferfesten grosse Tänze
ausgeführt, bei den ,.Rasa'4 genannten Festen Gesänge zu Ehren
Vishnu's angestimmt wurden -) und dass die hindostanische Litur-
gie, wo sie nicht von der Lehre Muhamed's verdrängt wurde, noch
heute solche Gesänge vorschreibt. 3) Wie die Worte der Dichtung
sind zuverlässig auch die Singweisen Denkmale einer uralten Zeit.4)
Die historisch beglaubigte Entstehung der Dramen fällt in die
Zeit der buddhistischen Könige und es werden solche Aufführungen
schon zur Zeit des Königs Acoka (um 230 v. Chr.) erwähnt. Nach
jenein mythischen Bharata-Muni heissen die Sänger noch jetzt in
Guzerat „Bharot" bei den Ragaputra „Bhat". Lassen vermuthet
dahin- . dass die ältesten dramatischen Darstellungen gesangweise
ausgeführt wurden.5) Wirklich besteht das idyllische Spiel „Gi-
tasrowinda1'. worin Krishna's Entzweiunsr und Versöhnung mit
seiner Geliebten Radha geschildert ist, aus Gesängen der Liebenden
und eines Chores von Freundinnen, ähnlich dem hohen Liede der
Hebräer. Wie in Griechenland das älteste Drama mit den Schick-
salen des Dionvsos, befasste sich in Indien das Drama ursprünglich
1) Nach Plinius bist, uat. IX. 13. und Pausanias VIII. 23. 6 verfertigten
die Indier aus den Schalen der Schildkröten auch Lyren.
2) Lassen, ind. Alterthuniskunde, 2. Bd. S. 504. öi'ö.
3) Graf Johann Potocky hörte in Astrachan eine Kolonie Hindostaner aus
Multan in einem zum Tempel eingerichteten Räume eine Abendhymne an
Vishnu singen, und fühlte sich .. gewissermassen religiös ergriffen von dem
Einklänge ihrer Cantilena . welche von Tamtamschlägen begleitet wurde".
4) Möge uns irgend ein kundiger und gewissenhafter Musiker recht
bald Proben davon aus Hindostan mitbringen, das uns ja. Dank sei es den
Verkehrsmitteln der Neuzeit bedeutend nähergerückt ist.
5) Lassen. 2. Bd. S. 502. 503.
Indien. 47
mit Darstellungen aus der Geschichte Wishnu's und Krishna's. Es
war olini- Zweifel gleich dem griechischen Drama ein Verein von
Poesie. Musik und Tanz, denn für die Vereinigung von Tanz mit
(reberden und Worten haben die Hindostaner das Wort „Katja"
und „Natakau heisst soviel als Schauspieler oder auch Schauspiel.
Pantomimischen Tanz ohne Worte nennen sie „Nritja", blossen
Tanz, der weiter nichts darstellt, „Nritta". Die asketische Lehre der
Brahmanen, und die in sich hineinsinnende Versunkenheit der Bud-
dhisten hinderte nicht die Ausbildung dieser heiteren Künste. Noch
jetzt sind mythische Dramen in Hindostan gebräuchlich, und es ist
ein Gegenstand grosser Heiterkeit, wenn der weise Gott Ganesa
mit seinem dicken Wanst und seinem Elephantenkopfe auftritt.
Auch dem Gottesdienste der Buddhisten fehlte es nicht an Musik,
die alten grossen Höhlentempel (z.B. in Salsette) haben oberhalb de-
Einganges eine eigene Galerie, in welcher man, nach Lassen, eine
Musikgalerie zu erkennen hat, da eine solche bei den Gajna-
tempeln noch jetzt vorkommt. ') Musikinstrumente wurden ge-
schätzt, unter den reichen Geschenken, welche Akabaros der König
von Arjake erhielt, befänden sich auch musikalische Instrumente. 2).
Die Dichter pflegten ihren Poesien die Bemerkung beizulegen, in
welcher Tonart jede davon vorzutragen sei, wenigstens that solches
der berühmte Dichter der Gitagovinda Jajadeva; für die schönste
seiner Oden wählte er die Tonart Vasanti. 3)
Als die Griechen mit den Indiern bekannt wurden, fänden sie
bei ihnen Musik, als eine Erheiterung für die Könige und deren Hof-
staat, in Uebung. Wenn der König jagt, erzählt Curtius, so erlegt
er die wilden Thiere mit Pfeilen, wahrend sein Harem dazu Preis?
Inder singt. Dass die Griechen in den festlichen Processionen,
wobei unter dem Getöne von Pauken, Zymbeln und Schallbecken
die Könige mit grossem Gefolge, in bunten Gewändern und mit
Stirnbinden. Krüge und Schalen in Händen, Panther und Löwen
mitfahrend, zum Opfer zogen, einen Dionysoscult erblickten, war
ganz natürlich.
In wiefern die jetzige Hindu-Musik, welche in ihrer Art theo-
retisch und praktisch eine beachtenswerthe Ausbildung zeigt, mit
der in alter Zeit gepflegten Kunst Aehnlichkeit hat und in wieweit
sie sich aus der früheren einfachen Tonkunst des alten Indien
entwickelt hat, dafür fehlen freilich genügende Anhaltspunkte. Man
1) Lassen, 2. Bd. S. 1172.
2) Ebendas., 3. Bd. S. 51.
3) Jones. S. 41. Die Bemühungen Sir William Junes, sich diese Melodien
zu Jajadeva's Gedichten zu verschaffen, waren vergebens. Die Pandits im Sü-
den verwiesen ihn nach Westen, die westlichen Brahminen nach Norden, und
jene von Nepaul und Cashemir erklärten, von keiner alten Musik zu wissen, und
verwiesen den eifrigen Forscher wieder auf den Süden als die Heimat Jajadeva's.
4S Die Anfange der Tonkunst.
darf nicht ausser Acht lassen, dass jene in die frühesten Zeiten der
Geschichte zurückgreifende Cultur, durch das Eindringen des Islam,
die Eroberungsziige Mahmud des Gazneviden zu Anfang des 1 1 . Jahr-
hunderts unserer Zeitrechnung, des Thamas Kulichan, das Begrün-
den der Mogulherrschaft u. s. w. ausserordentliche Erschütterungen
erlitten hat. Während China in seiner Abgeschlossenheit noch
heute so ziemlich dieselbe Gestalt des Lebens zeigt, wie das China
Yaos und Chuns, und selbst das Festsetzen der fremden Mandschu-
Dynastie der anerhörten Zähigkeit dieser Gewohnheiten, Sitten, Cere-
monien und Künste nichts anhaben konnte, ist das Indien, wel-
ches die Heldenkämpfe um die jetzt spurlos verschwundene Pracht-
stadt Hastinagura sah, in welchem die wundersam phantastischen
Pagoden von Tanjore, von Madura, die Höhlenwunder von Ellora
entstanden, etwas anders geworden, es wurde das heutige Hindo-
stan, in welchem der Alkoran den Triumph erlebte, dass eine neue
Grossstadt den Namen Allahabad (Gottesstadt) erhielt, dass sich zu
Delhi, Agra u. s. w. Bauten erhoben, deren Kuppeln und Minarets
von den persischen Moscheen herübergeholt sind; dass ein Theil
der Bewohner den Islam mit aller fanatischen Vertiefung, die dem
Hindu in Religionssachen eigen ist, ergriff. Hindostan bildet ge-
wissermassen den Ueberleitungspunkt zu der Musik der mahomeda-
nischen Völker, und wie es seinen natürlichen Grenzen nach an
Persien und Arabien stösst, so hat die Cultur (auch die musikalische)
hinüber und herüber in mannigfachen Wechselbeziehungen gewirkt.
Der anonyme Autor eines arabischen Buches „Blütenbaum, dessen
Kelche dieMu*iklehre enthalten", bezeichnet, das von ihm erklärte
System der Musik für indisch1); es stimmt in manchen Beziehun-
gen mit den hindostanischen Schriften überein, aber in andern
nicht, und diese sehr zahlreichen fremden Elemente sind (schon
nach den aus dem Persischen stammenden Kunstausdrücken), wenn
sie der Autor des Blütenbaumes wirklich aus Hindostan herüberge-
holt hat, dort doch nur eingeführtes oder eingedrungenes mahomeda-
nisch-persisches Gut gewesen. So deutet das geigenartige Rebah,
die den arabischen Guitarren (Tanbur) sehr ähnliehe Magoudi u. s. w.
den Einfluss an, den seinerseits Arabien auf Hindostan geübt. Die
Wechselströme der Cultur können erst dann völlig verstanden wer-
den, wenn man sich das Gesetz dieser Fluetuationen, das sich
überall und zu allen Zeiten in gleicher Art wiederholt, klar ge-
macht hat. In Hindostan selbst hält man die echte alte Kunst
für verloren. In den nördlichen Gegenden trägt man sich mit der
Meinung, es gäbe in den westlichen Districten noch Musiker,,
welche die ursprüngliche zaubergewaltige Musik besitzen. Dort
1) Villoteau hat in der descr. de l"Egypte, Bd 14, dieses Buch theils in
Uebersetzung, theils auszugsweise mitgetheilt.
Indien. 49
aber schreibt man die Existenz solcher Musiker nur noch der Pro-
vinz Bengalen zu. ')
Die indische, insbesondere die Sanskritliteratur zählt eine be-
träch fliehe AnzahlzumTheil sehr alter musikalisch-theoretischer Werke,
als: Raga-Derpan (Spiegel der Tonleitern), Sunjit-Derpan (Spiegel der
Melodien). Ragarnave (See der Affekte), Sabhavinoda(die Ergötzung
der Gesellschalten), das von einem tonkundigen Gelehrten Soma ver-
fasste Buch Ragavibhoda (Lehre von den Tonleitern), die Bücher
Naravan2). Damodora, Ratnacara, Sangita-narayana, Pariataka u. s. w.
Das Buch Soma oder Ragavibhoda setzt in seinem ersten,
dritten und vierten Capitel die Theorie der Töne nach ihrer Ein-
theilung und Folge, die Scalen nebst ihren Namen und ihren Ver-
änderungen durch die Temperirung. Das zweite Capitel ist dem
hindostanischen Hauptinstrumente, der Vina, gewidmet und be-
schreibt ihre verschiedenen Arten. Das fünfte Capitel fügt als Beispiel-
sammlung eine Anzahl von Melodien hinzu. Das Buch scheint sehr
alt, jedoch neuer als das darin öfter citirte Ratnacara des Saruga-
Deva, und ist durchweg in der anmuthigen Versart Arya geschrieben. 3)
Auch Narayan behandelt seine Lehre in harmonischen Versen. Die
Hindu sind wohl das einzige Volk der Welt, welches Lehrgedichte
über die Harmonielehre besitzt, und so den trockensten Gegenstand
mit poetischen Blumen überkleidet.4) Die Bücher behandeln erst die
poetische Rhythmik unter dem Titel „Gana" (Gesang), dann die
Instrumentalmusik „Vadya'" (Saitenspiel) und endlich die dramati-
sche Darstellung ,,Nritya"' (Tanz). Die Vereinigung dieser Künste
und die Zusammenstimmung (Harmonie) überhaupt, wTird mit dem
Worte „Sangita" ausgedrückt.5)
Der hindostanischen Musik liegen sieben Haupttöne (Swara)
zu Grunde, die sich in der Tonleiter (Swara-grama, oder Septaca;
— „saptan" sanskritisch: sieben) zu eiuem Ganzen verbinden. In
dem, etwa aus dem 5. Jahrhunderte unserer Zeitrechnung herrüh-
renden berühmten Thierfabelbuche Pantscha-tantram heisst es: .,höre
die Eintheilung des Gesanges — sieben Töne, und drei Octaven
und einundzwanzig Intervalle und neunundvierzig Taktarten
— Quantitäten und Zeitmasse drei. Drei Arten gibt es von Pau-
sen, sechs Sangweisen, neun Stimmungen, sechs und zwanzig Fär-
bungen; weiter vierzig Zustände dann. Dieses 185 Zahlen umfas-
1) Ouseley, in seinen Oriental Collections, London 1 797.
2) Sir William Jones erhielt es aus Benares.
3) William Jones, „über die Musik der Indier" (übers, v. Dalberg) S. 19.
Das Buch Soma wurde vom Obersten Pollier aufgefunden und war selbst den
Pandits von Calcutta, von Casi und Cashemir unbekannt gewesen.
4) Im Mittelalter liebte man es. Regeln und Lehren der Musik in Verse zu
bringen, Bei.-jdele linden sich bei Guido von Arezzo. Auch bei Johann de
Muris u. a. werden die Lehrsätze in lateinischen Versen besungen, doch sind
derlei Poetica nur Beigaben.
5) Jones, a. a. 0. S. 7.
Ambros, Geschichte der Musik. I ■*
50 Die Anfange der Tonkunst.
sende Sangsystem begreift, gut ausgeführt und fehlerlos, sämmtliche
Theile des Gesanges.'1 l)
Sieben Töne machen in dreimaliger Wiederholung in drei Oc-
taven richtig einundzwanzig Intervalle aus — sonach bildet bei der
indischen Musik die natürliche diatonische Scala und das Octaven-
system die Grundlage. Der grosse Ganzton Avird in vier Viertel-
töne eingetheilt; er kommt auf der ersten, vierten und fünften Stufe
des Swaragrama vor. Drei solcher Vierteltöne bilden zusammen
einen kleineren Ganzton — er erscheint auf der zweiten und sechs-
ten Stufe. Zwei Vierteltöne geben einen Halbton, welcher wie bei
uns. die dritte und siebente Stufe bildet. Diese 22 Vierteltöne oder
Struti machen zusammen eine Octave aus — eine Eintheilung bei der
kein Intervall rein herauskommen kann, und das Fundament allen
Zusammenklanges, die Octave, um einen Halbton zu tief ausfallen müsste
(da sie richtig aus 12 Halbtönen oder 24 Vierteltönen besteht, folg-
lich bei 22 Vierteltönen ein Abgang von '2 4 oder l 2 herauskommt),
wenn nicht zum Glücke die unabweislichen Forderungen des Ohres
in der Praxis den Fehler der Theorie verbesserten. Die indische
Urtonleiter enspricht also im Wesentlichen unserer Durscala, und
ihr Grund- und Hauptton ist .-/, genannt Sadrja oder Sarja oder
auch Swara, d. i. Ton (vorzugsweise), die übrigen Töne heissen
Rishabba, Gandhava, Madhyama, Panchama, Dhaivata und
Nishadda, oder in bequemer Abkürzung auf die Anfangssylben
reducirt:
Sa, ri. (ja. ata. pa, dha. ni,
was beinahe an das Guidonische at. re. mi, fa, sol, la erinnert.
Die indische Scala hat demnach folgendes Schema:
Ganzton. Ganzton. Halbton. Ganzton. Ganzton. Ganzton. Halbton.
Sa — ri — ga — ma — pa — dha — ni — sa
vJvJ1/«'1// ! V/'1/,'1/, i/,li/, ! i/ li/,ti/, !i/, i i/, li/, 1 1 .1 1 ', 1/.I1/.U/. l/li/,
/4 /4 M /4 /4 /4 ;4 /A 4 . /4 /4 ;A /4 /4 /4 , 4 -4 4 4 '4 ,4 '4
a 1 A cw I d e fis gis
4 Struti. 3 Struti. 2 Struti. 4 Struti. 4 Struti. 3 Struti. 2 Struti.
Sa ri ga ma pa dha ni sa
Dhj Töne behalten ihre Namen auch bei der Erhöhung, so dass
es bei der halbtönigen Fortschreitung nur die auf die zwei in der
diatonischen Scala ohnehin vorkommenden zwei Halbtonschritte
(3. zur 4.; 7. zur 8. Stufe) entfallenden Namen nur einmal vorkom-
men; die anderen dagegen zweimal, z. B. mit aia der Ton d und
dis bezeichnet wird u. s. w. Jones, der beste Berichterstatter, braucht
diese Benennungen constant für dieselben Töne, sa für a, ri für
h u. s. w. Sie werden aber anderwärts eben so auf die Scalen von
c angewendet, also bedeuten sie nicht sowohl bestimmte Töne als viel-
mehr die Stufen der diatonischen Scala, so dass sa so viel heisse als
1) Uebers. von Benfey.
Indien. 51
erste Stufe, vi so viel als zweite Stufe u. s. w. Die Wiederholung
ergibt dieselben Töne in der höheren und zweithöheren Oetave,
welche zusammen die vom Pantscha-tantram erwähnten 21 Intervalle,
die drei aufsteigenden As cht an (Octaven) ausmachen. Die Stimmung
und Stellung der Stege der Vina begreift aber nur die Töne vom
grossen A chromatisch in Halbtönen bis zum eingestrichenen h ;
also zwei Octaven und einen Ton — das Buch Soma bemerkt dazu,
dass sich Vierteltöne auf diesem Instrumente nicht angeben lassen:
jedoch könne dieselbe Wirkung durch verschiedene Anwendung der
Tonarten hervorgebracht werden.1)
Die Tonleitern der verschiedenen Tonarten werden theils durch
Beginn des Octavenumlaufes von stets anderen Stufen, durch Mo-
difikation der Intervalle, innerhalb der Scala, mittels Erhöhung oder
Vertiefung und zum Theil durch Auslassung und Ueberspringung
einzelner Tonstufen hervorgebracht. Wir werden auch in der an-
tiken Musik fünf Formen griechischer Tonarten begegnen, welche
Aristides Quintilianus die „allerältesten" nennt, die mit ihren Fort-
schreitungen in Vierteltönen und dem Ueberspringen einzelner Ton-
stufen auffallend an verwandte Gebilde indischer Musik mahnen.
Wir werden dort sehen, dass diese, von der natürlichen, d. i. rich-
tigen Stufenfolge der Töne so weit abweichenden Tonleitern doch
nur durch Verdrehung der natürlichen Scala entstanden sind. Aehn-
liches gilt augenscheinlich auch von den indischen Tonleitern, wobei
es freilich eitle Mühe bleiben würde, in diese sehr verwickelte, phan-
tastisch mit ihrem Stoffe spielende Doctrin Zusammenhang bringen
und den Nachweis der Gesetzlichkeit liefern, und darin einen
consequent durchgeführten, das fundamentale natürliche Verhält-
niss der Töne zu einander berücksichtigenden Grundgedanken finden
zu wollen. In der Möglichkeit der tausendfachen Toncombinatio-
nen verliert sich der überschwängliche Sinn des Orientalen, und
ohne das Zufällige von dem Wesentlichen unterscheiden zu können,
unfähig aus den concreten Erscheinungen einzelner von einander
verschiedener Kunstgebilde, das ihnen gemeinsam zu Grunde liegende
allgemeine Gesetz herauszufinden, stellt er ein wunderliches, zum
Theil sich selbst widersprechendes Tonsystem und eine Unzahl von
Tonarten zusammen. Aus den Büchern Soma und Narayan ist
(nach Jones' Bemerkung) zu entnehmen, „dass fast jedes Königreich.
ja jede Provinz (in Hindostan) ihren eigenen Styl von Melodien
habe, und dieselben, was Namen, Zahl und Zusammensetzung der
Tonarten betrifft, sehr voneinander abgehen." Da der Ton „Ansa"',
d. i. der in der Melodie zumeist berührte als Grundton, als Tonika
angesehen wird2), und in dieser oder jener Melodie zufällig einzelne
Töne der Scala gar nicht angewendet erscheinen, so lässt sich die
1) Jones, a. a. 0. S. 25
2) Jones, S. 36 und 37.
52 Die Anfänge der Tonkunst.
seltsame Fassung der indischen Tonarten, wenn sie aus solchen
Melodien abstrahirt worden sind, allenfalls erklären. Zwei Melodien
haben z. B. dieselbe Ansa, aber in jeder derselben sind andere Töne
der Scala unbenutzt, oder sie sind aus denselben Tönen zusammen-
gesetzt, aber jede hat eine andere Ansa, d.h. einen andern hauptsäch-
lich angeschlagenen Ton. Macht man nun diese Zufälligkeiten zu
wesentlichen, tonartenbegründenden Unterschieden, mid ordnet
diese disponibeln Töne nach der Analogie der natürlichen Scala, so
liegt schon hierin die Möglichkeit zu zahlreichen Tonarten. So
kann es geschehen, dass zehn verschiedene Melodien, die wir z. B.
alle als C-dur oder als A-moll ansprechen würden, nach hindostani-
scher Auflassung zehn verschiedenen Tonarten angehören können.
Dazu kommt aber noch, dass in ieder dieser Tonarten gewisse Töne
ihre feste Stimmung und unveränderte Gestalt haben, ähnlich den
sogenannten stehenden Tönen des griechischen Tetrachordensystems,
während andere durch Modificirung in der Stimmung erhöht oder
erniedrigt, oder durch Triller oder Grupettos colorirt werden dürfen,
gewissermassen den in ihrer Tonhöhe veränderlichen beweglichen
Tönen im griechischen Tetrachord ähnliche, oder der Unterscheidung
zwischen einlachen und colorirten Tönen , w eiche in Gottfrieds von
Strassburg Tristan angedeutet wird, wo der Held die Harfe „in
festen Grund- und raschen Wechselnoten" schläft.
Bei der zahllosen Menge von Tonarten, zu denen durch ein
solches Combinireu der Töne der Weg geöffnet ist (denn in der
That könnten hier selbst die 10000 Tonarten der Nymphen von Ma-
dura verwirklicht werden) und bei dem Umstände, dass ihre Zu-
sammensetzung eines festen, aus dem Naturgesetze der Töne und
Toncombinationen entnommenen Grundgedankens entbehrt, ist es
begreiflich, wenn aus diesem Reichthum eine praktische Auswahl
einiger Tonarten für den Gebrauch vorgenommen wird. So erkennt
das Buch Soma (Ragavibhoda) die Möglichkeit an, durch Tempera-
turwechsel 960 Tonarten zu erhalten, ja, dass durch Gesangmanie-
ren den Tonarten ,,wie Wellen im See" ins Unendliche vermehrt
werden können l), zählt aber nur sechsunddreissig davon ausdrücklich
auf, und erklärt auch von diesen nur "23 Tonarten für gut an-
wendbar. Wie die Zusammenstellung der Tonarten selbst, ist auch
die Auswahl der Willkür anheimgestellt. Die den Hindostanern
eigene Ausserachtlassung des mathematischen und physikalischen
Theiles der Tonlehre rächt sich hier in empfindlicher Weise. Wäh-
rend die Annahme von 36 Tonarten (6 Ragas und 30 Raginis) das
Gewöhnliche ist, und im Soma und Narayana vorkommt, werden
1) Da die Vina bewegliche, nur mit Wachs befestigte Stege hat, so kön-
nen zahllose Unterschiede der Stimmung entstehen, je nachdem der Spieler die
Stege auf dem Griffbrete anbringt. Natürlich begründen diese Unterschiede
in Wahrheit so wenig wirklich verschiedene Tonarten, als bei uns z.B. die ver-
schiedene Stimmung einzelner Pianoforte es thut.
Indien. 53
anderwärts wieder ganz andere Resultate gewonnen, zumal auch
die mvthologisirende, allegorisirende und poetisirende Phantasie der
Hindostaner darin ihr buntes Spiel treibt. Die gewiss merkwür-
dige Eigenheit so vieler Völker, zwischen den Tönen der Musik
und den kosmischen Erscheinungen der Sternenbewegung, mit dem
von dieser abhängenden Wechsel der Tage und Nächte, der Jahres-
zeiten u. s. w. eigentümliche Beziehungen zu finden, taucht auch
bei den Hindostanern auf. Da nun das Jahr der Hindu in sechs
„Ritus*, von je zwei Monaten eingetheilt wird, so sind jene 6 Ragas
zugleich ein Bild der sechs Jahreszeiten und ihre dichterische Phan-
tasie erblickt in dem Charakter der einzelnen Ragas hier die Ermat-
tung und müde Abspannung, welche die tropische Gluthitze der drei
heissen Zeiten hervorruft, dort die aufathmende Erquickung, beim
Eintreten des ersten Regens. Die Empfindung für diesen "Wechsel
der ganzen Naturstimmung ist in dem Hindostaner ganz besonders
lebhaft, da er von ihr, gleich der Natur, in welcher er selbst pflan-
zenhaft lebt und webt, auf das Innigste durchdrungen und in seinem
somatischen und psychischen Befinden gestimmt wird. „Mit be-
wunderungswürdiger Wahrheit", sagt A. v. Humboldt, „ist in dem
Gedichte vom Wolkenboten (Meghaduta) die Freude geschildert,
mit welcher nach langer tropischer Dürre die erste Erscheinung eines
aufsteigenden Gewölkes als Anzeige der nahen Regenzeit begrüsst
wird." *) Es ist also begreiflich, wenn diese Anschauung auch auf
Töne und Tonarten übertragen wird, und wenn auch die Freude
über die kommende Blütenzeit, wie die Trauer über ihr Welken und
Schwinden gewissen eigenen Tonweisen zugewiesen wurden. Diese
Anschauung wird so consequent festgehalten, dass es, nach Jones'
Erzählung, für sehr unschicklich und unpassend gelten würde, ge-
wisse Weisen zu anderer Tageszeit zuspielen, als für deren Eigenheit
und Charakter sie passend befunden worden sind.2) Da nun aber
die ganze Natur göttlich belebt ist (freilich aber von ziemlich phy-
siognomielosen Göttern und Geistern), so sind die sechs Ragas zu-
gleich sechs Genien , die recht eigentlich Götter der Tonarten heissen
können. Ihre zugleich nach der Folge der sechs Jahreszeiten ge-
ordneten Namen sind: Bhairava, Malava, Sriraga, Hindola (oder
Vasanta). Dipaca und Megha. Jedem davon sind fünf Nymphen
vermählt — dies sind nun wieder die dreissig Raginis — und jeder
hat acht kleine Söhne (Putras), deren es also zusammen achtund-
vierziij gibt.
Das System Pavän's nahm statt sechs vielmehr sieben Tonarten
an, augenscheinlich nach den sieben Timen der diatonischen Scala
und vielleicht nach den bekannten astronomischen Beziehungen der
Siebenzahl. Zu diesem Haupt- und Urtonarten kamen noch fünf
1) Kosmos. 2. Bd., S. 40.
2) Jones, a. a. <>. S. 16.
5.4 Die Anfänge der Tonkunst.
•
andere, nach den fünf Haupttheilen des Tages: Morgen, Mittag,
Abend (Trisandhya) , Vor- und Nachmittag. So entstanden zwölf
Tonarten, gerade so viel, als wir nach den zwölf Halbtönen der Scala
haben. Dagegen nahm Kallinatha 90 Tonarten an, und gesellte
jedem Tonartengenius sechs Nymphen. Damit nicht zufrieden, ver-
lobte Ferat jeden der 48 Putras noch mit einer Nymphe (Farja). Die
sechs Tonartengötter, mit ihren 30 Gemahlinnen, 4b Söhnen und
48 Schwiegertöchtern bilden zusammen eine stattliche Familie von
132 Köpfen, d. h. von eben so vielen Tonleitern l). Der Stamm-
baum der Götterfamilie, wie er im Buche Narajan vorkommt, um-
fasst folgende göttliche und halbgöttliche Wesen: Bhairava, den
Genius der Monate Aswin und Kortie und der Jahreszeit Sarad,
welche mit dem Eintritte des Vollmondes in der Herbstnachtgleiche
beginnt — ihm sind die Nymphen Varati, Medhiamadi, Bhairavi,
Saindhavi und Bengali vermählt — dem Sriraga, dem Genius der
kühlen Zeit (Hemanta) gesellen sich die Nymphen Malavasri, Maravi,
Dhanyasi, Vasanti und Asaveri; demMalava, dem Genius derThau-
zeit (Sisira) die Nymphen: Todi, Gaudi, Gonstaizi, Susthavati und
Caccubra. Hindola, der Genius des Frühlings (Vasanta) oder der
Blumenzeit (Pushpasamaya) hat zu Gattinnen die Nymphen Ramaeri,
Desaeshi, Lelita, Velawali und Pantamanjari — Dipaca, der Ge-
nius der heissen Zeit (Crishna) dagegen die Nymphen Desi, CambodL
Netta, Cadari und Carnati; Megha, der Genius der Regenzeit (Var-
scha) endlich die Nymphen Tacca, Mellari, Gurjari, Bupati und Desaeri.
An alle diese wohlklingenden Namen knüpfen sich Tonleitern, die
zum Theil viel weniger wohlklingend sind — lückenhaft, voll ver-
änderlicher Töne, welche der Sänger nach Geschmack und Einsicht
zu modificiren die Freiheit hat. Diese veränderlichen und die
Lücken ausgelassener Töne sind so zahlreich, dass das Buch Raga-
vibhoda keine einzige vollständige feste Siebentonreihe ausweisst
und in dem Narayan nur die Tonarten Saindhavi, Vasanti, Todi,
Desi, Carnati und Megha eine Ausnahme machen, wovon die erste
mit der sogenannten phrygischen, Todi mit der dorischen, Carmati
und Desi mit der mixolydischen und Megha mit der lydischen Ton-
art der mittelalterlichen Kirchentöne übereinkommt, Vasanti un-
serer A-dur-Tonleiter gleicht, während Desaeshi das diatonische
Hexachord c — a umfasst, Bildungen aber, wie Dipaca (nach dem
Soma H; d E F g A), Gostaizi (A H, c, D E, g), Velavali (f, g A c D)
und andere ähnliche höchst seltsam und eigen genannt werden
müssen.2)
Die beträchtlichen Abweichungen zwei so wichtiger Werke wie
das Ragavibhoda und das Narayan (so bedeutend , dass keine einzige
1) Jones, a. a. O. S. 38.
2) Das ausführliche Diagramm sehe man bei Jones. Hier genüge als
Indien. 55
der gleichbenannten Tonarten in ihnen zusammenstimmt) lassen
übrigens erkennen, dass diese Zusammenstellungen durch keinen
festen Grundsatz geregelt sind. Beinahe die seltsamste Eigentüm-
lichkeit sind jene lückenhaften .Scalen. Auch ist für die Auslassun-
gen kein leitender Gedanke zu finden , während die chinesische, auch
lückenhafte ältere Scala wenigstens in der Beseitigung zwei bestimm-
ter Töne Consequenz zeigt.
Glücklichenveise bewährt sich aber auch hier der Viers des
römischen Dichters, dass die Natur, man mag sie noch so entschie-
den verjagen wollen (naturam furca expellas), am Ende dennoch
gegen alle Verschrobenheit siegreich ihr gutes Recht zu behaupten
weiss.
So wie die römischen Rechtsgelehrten von einem natürlichen
Rechte sprechen „quod natura omnia animalia docuit" so könnte
man sagen: die diatonische Scala sei diejenige, welche die Natur
aDe Völker gelehrt hat, Sir William Jones erzählt: „nachdem ich
mir lange vergebne Mühe gegeben hatte, den Unterschied der indi-
schen Scala von der unsrigen aufzufinden, so ersuchte ich einen
deutschen Tonkünstler von vieler Fähigkeit, einen indischen Lauten-
spieler, der ein aufnotirtes Volkslied auf die Liebe Krishna's und
Radha s spielte, mit der Violine zu begleiten. Der deutsche Virtuos
versicherte mir, dass die Scala völlig die unserige sei. Auch erfuhr
ich später durch Herrn Shore, dass, wenn man einem indischen
Sänger den Klavierton l) angibt, und er sich in denselben versetzt,
die indische aufsteigende Tonreihe von sieben Noten eine grosse
oder Major-Terz, Avie die unsrige habe."
Die von Bird und Ouseley gesammelten Melodien entsprechen
mit Ausnahme einer, welche etwas haltlos zwischen a-moll und
c-dur, und einer andern, die zwischen g-dur und e-moll schwankt 2),
ganz entschieden unserer Dur- oder Molltonart. Die Mehrzahl der
Melodien gehört der Durtonart an, gegen 28 dergleichen Durmelodien
kommen nur vier Melodien in Moll voi in einigen ist aber sogar ein
mit wohlerwogener Absicht, nach Art eines Alternativs, eintretendes,
gegen die harte Tonart wirksam contrastirendes, Minore angebracht. 3)
Am häufigsten ist g-dur verwendet, zunächst c-dur; d-dur und a-dur
Probe die Zusammenstellung des Bhairava mit seinen Nebentönen; die kleinen
Buchstaben bezeichnen die veränderlichen Tüne :
nach dem Buchstaben Raghavibada. nach dem Buche Naravan.
Bhairava ...F gAH cDE FGAHcDE
Varati AHc d EFG AHCDeFG
Medhiamadi D E * g A * c G A * C D E F
Bhairavi. ...Ahc DEf g a*CD*FG
Saindhavi ...Ah * D E f * E F G A H C D (phrygiseh)
Bengali .. .aHcDEFg AHc DEF G
1) Dasheisst: demHindostaner einehestimmte Tonart z.B. c-dur anschlägt.
2) Nr. 12 und 24 bei Dalberg.
3) A. a. 0. Nr. 20 und 25, Seite »S und 22.
56 Die Anfänge der Tonkunst.
dagegen f-dur ein einziges Mal. Die Molltonarten sind durch c-,
d- und a- in oll vertreten. *)
Aus einer persischen , durch den berühmten Orientalisten Tych-
sen übersetzten Schrift über indische Musik '2) ergibt sich zweifellos,
dass der indischen Musiklehre auch die in der griechischen Musik,
wie in den Kirchentönen des christlichen Ritualgesanges so wichtigen
Octavengattungen, im Sinne von Tonarten aufgefasst, nicht fremd
sind. Für die Sanskritnamen sa , ?■/, u. s. av. werden hier zur Be-
zeichnung der Töne, die (auch von Ouseley erwähnten) persischen
Benennungen angewendet, denen sich unter den Ueberschriften
„Karedsch (der erste Ton, das ist Sa) als Grundton mit sieben Ver-
änderungen" sieben Diagramme mit beigeschriebenen Namen, Au-
termende, Renkhebi u. s. w. anschliessen, welche sieben Octaven-
umläufe darstellen; von A bis a, von H bis //, von Cis bis eis u. s. w.
Jede dieser Scalen kann aufsteigend (ardeh, gerade, recht) oder
absteigend (averdeh, umgekehrt) angewendet werden. Eben so er-
scheint der Ton Medhem {Ma) und Kendhar (Ga) als Haupt- und
Grundton, jeder mit sieben Veränderungen — Unterschiede, die
eigentlich illusorisch sind, da genau dieselben Tonfolgen schon in
den Octavengattungen des Karedsch vorkommen.
Diese Scalen, welche für die praktische, naturgemässe Musik
ungleich wichtiger sind, als die ganze poetische Mythologie des Soma
und Narayana, setzen die indischen Musiker in den Besitz von Mit-
teln, Melodien von sehr verschiedenem Charakter zu schaffen, und
ohne die Unterscheidung zwischen der Moll- und Durscala, wie sie
die Grundlage unserer Musik bildet, zu machen, oder auch nur zu
kennen, dennoch beim Zusammensetzen von Melodien etwas dieser
Unterscheidung ganz Analoges praktisch anzuwenden. Kommt dazu
noch die Einmischung der den Hindostanern wohlbekannten Erhöhun-
gen und Erniedrigungen der Töne um einen Halbton, so ist es er-
klärlich, dass die indischen Musiker mit ihrem natürlichen Sinne
und Talent für Musik in ihren Melodien musikalische Gebilde hin-
stellen, die der europäische Musiker seinem ausgebildeten Ton system
entsprungen glauben muss, und dass der auf theoretischem Gebiete
so grosse Unterschied zwischen europäischer und hindostanischer
Musik auf praktischem Gebiete, wie sich Jones überzeugte, eigent-
lich beinahe verschwindet. 3)
1) Ans g-dur gehen 1 1 . aus c-dur 7 . aus d-dur 5, aus a-dur 3 Melodien —
aus c-moll 2, aus f-dur, d-moll, g-moll und a-moll je 1 Melodie.
2) Sie kam von England aus in den Besitz Dalbergs, der sie Tychsen zur
Prüfung und Verdolmetschung übergab und Tychsen's Uebersetzung sodann
veröffentlichte.
3) Kiesewetter („über die Musik der neueren Griechen"4, S. 32) spricht sich
über diesen Punkt treffend aus: „überhaupt kann ich mich schon lange des Ge-
dankens nicht erwehren, dass die ausübende Musik verschiedener älterer und
neuerer asiatischer Völker ein ganz anderes Ding gewesen sein, oder noch sein
Imlien. 57
Haben die Sammler, wie man voraussetzen muss, richtig notirt,
so bewegt sich die musikalische Praxis der Hindostaner vorzüglich
in einfachen Kreuz- und ^-Tonarten, wie wir sagen würden. In-
dessen meint Ouseley doch: „Die Ragnis sind schwer in unser
Notensystem zu übertragen, weil letzterem die passenden Zeichen
mangeln, um die vielen fast unmerklichen Nuancen von Erhöhun-
gen und Vertiefungen, Verstärkung und Abschwächung der Stimme
bei dem Vortrage anzudeuten." Die 22 Struti oder der Vierteltöne
sind also doch keine blosse Spitzfindigkeit der Theorie. Sie wer-
den sogar, gleich den Tonarten, als eine Art von Nymphen personi-
fizirt. So heissen z. B. die vier Nymphen des Tones Panchama
(oder Pa) Malini, Chapala, Lola und Servaretna, der Ton Uha be-
sitzt die Nymphe Santa mit ihren Schwestern u. s. w. Wird der
letzte Ton von Pa (fis) nach Uha (c) hinübergezogen, d. h. stimmt
man Uha um einen Viertelton tiefer, so dass es mit dem höchsten
Viertelton des Pa (genannt Servaretna) identisch wird, so heisst das
in der blumenreichen, poetisirenden Sprache der indischen Musiker
„man habe Servaretna in die Sippschaft Santas und ihrer Schwestern
eingeführt."
Auffallend ist in den von den englischen Sammlern aufnotirten
Melodien das deutliche Gefühl für die gewählte Grundtonart , für die
Eigenheit der Dominante den Gang der melodischen Perioden an
gehöriger Stelle mit einem Halbschlusse zu markiren, für die Be-
deutung und Schlusskraft der Tonika, für melodischen Zusammen-
hang im Periodenbau, wie in consequenter Führung eines für die
Melodie gewählten thematischen Motives; häufig begegnet man Me-
lodieabsätzen von vier zu vier Takten, oft auch scheidet sich eine
müsse, als jene metaphysische oder mathematische Musik ihrer Philo-
sophen, deren Theorien, ein Werk blosser Specnlation, sich von der Praxis im-
mer entfernt gehalten haben mussten. Ich meine, dass wir immer in einem
Irrthnme befangen waren, wenn wir ans aufgefundenen Traktaten der Sy-
stematiker jener Völker, auf die Beschaffenheit der Kunst bei diesen ge-
'• schlössen haben, und nun diese selbst zu kennen glauben; ich glaube, dass man
demzufolge nicht sagen sollte: „die Musik der Chinesen, derlndier, der Araber,
der Perser u. s. w.", sondern „die musikalischen Systeme (oder Mysterien)
der chinesischen, der indischen, arabischen, persischen Philosophen". Viel-
leicht, dass es in der Musik der alten Griechen eben auch nicht anders gewesen,
und dass unter deren Commentatoren derjenige, der sie der unsrigen (mit
Ausnahme etwa des Contrapunktes) am meisten annähert, der Wahrheit noch
am nächsten gekommen sein möchte; lässt es sich ja mit Proben erweisen, dass
es auch in Europa im Mittelalter, und lange Zeit hindurch, zugleich eine gar
nicht zu verachtende populäre und eine gelehrte Musik gegeben habe;
jene kannte, übte und liebte schon lange die (nachmals irrig so genannten)
neuen Ton- und Taktarten, während die andern die vermeintlich von den
Hellenen geerbten „alten Tonarten" lehrte und verfocht, sich in den Spitzfindig-
keiten der Mensuralberechnungen und Proportionen begrub, und zu prakti-
scher Vollkommenheit erst dann gedieh, als sie um die Mitte des IT. Jahrhun-
derts sich zu jener demotischen Musik herabgelassen und diese in sich auf-
genommen hatte.
58
Die Anfänge der Tonkunst.
Melodie völlig liedmässig in einen ersten und zweiten Theil, oder
dreitheilig, mit erstem, zweitem und drittem (dem ersten analogen)
Theil, was nachstehende Proben bewähren mögen: *)
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1) Ich habe die Harmonisirung beigefügt, um den der europäischen Ton-
kunst verwandten Charakter auffallender zu machen und die merkwürdige
Schönheit der Melodien besser hervorzuheben. Wer die Sache im Originale
haben will, singe oder spiele die Oberstimme allein.
Indien.
59
Andante sostenuto.
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Die Anfange der Tonkunst.
(dritter Theil: symmctr. Gegenglied des I. Theiles u zugleich Schlussperiode.)
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Der ganz angemessene Gebrauch zufalliger Hilfs- und durch-
gehender Noten in der Melodie mit den entsprechenden Erhöhungen
und Erniedrigungen ist ebenfalls ein sehr beachtenswerter Beweis
des angeborenen Tonsinnes der Hindostaner. Sie selbst unterschei-
den in der Tonleiter und in der Melodie drei Haupttöne: die Graha,
die Nyasa und die Ansa. Im Narayan heisst es: „Graha steht
im Anfange des Gesanges, aber Nyasa am Ende. Die Ansa gibt
der Melodie ihre Eigenschaft, sie wird am meisten gebraucht, und
wie einem Herrscher dienen ihr die übrigen Töne."
Und in dem Gedichte Magha kommen die Verse vor: „vor
dem erhabenen, im Kriege rüstigen Helden stehen die anderen Kö-
nige unterwürfig da, wie vor der Ansa die anderen Noten." Die
characteristische Note jeder Tonart, „welche'' nach dem Ausdrucke
eines Commentators des Narajan „die Raga (Tonart) ankündigt und
vergewissert, heisst Vadi, aus ihr entspringen Graha und Nyasa."
Jones vergleicht Ansa, Graha und Nyasa geradezu mit Grundton,
Terz und Quinte — aber augenscheinlich nicht richtig.2)
Die hindostanische Melopöie kennt ausserdem eine Menge im
Einzelnen anzuwendender Manieren und Verzierungen, die in der
Tonschrift durch beigeschriebene Worte ersichtlich gemacht werden,
als: Istaud. langsam, ro, schnell, Jumbaum, Triller, kashedz,
gezogen u. s. w. — sogar unser all' ottava findet seine Analogie in
den Ausdrücken tip und kopauli. Die Theorie scheidet die Me-
lodiegattungen in vier Klassen: in Rektah, Terana, Tuppa und
Ragni. Bird sagt in seiner Vorrede zu den von ihm gesammelten
Originalmelodien: „die Rektah sind wegen ihrer leichten, Messen-
den Weise die beliebteste Gattung und musikalisch die regelmässigste.
\) Auf die grosse Verwandtschaft der Melodie Nr. 1 mit den Bajaderentän-
zen in Spohrs Jessonda hinzudeuten, dürfte kaum nüthig sein. Die absichtlich
der Spohr'schen Manier nachgebildete Harmonisirung trägt übrigens dazu das
Ihre bei. Wahrhaft schön und innig empfunden, so wie durch einen bewun-
dernswürdig regelmässigen Bau ausgezeichnet ist die zweite Melodie in D-moll.
2) So lange die musikalischen Traktate der Hindostaner, wie bisher, uns
nur in unvollständigen und obendrein sehr verworrenen Auszügen, wie bei
Jones, vorliegen, und wir über keine reicheren Quellen unserer Kenntniss ge-
bieten, als es bisher der Fall war. muss dieser Punkt, wie vieles Andere, einst-
weilen im Dunkel bleiben.
Indien. 61
Die Teranah werden von den Rohillas gesungen, und zwar nur von
Mannern; sie sind an Styl und Vortragsweise jenen ähnlich. Die
Ragni sind an sich selbst so sinn- und regellos, dass es beinahe un-
möglich ist, sie in ein bei uns Europäern übliches Zeit- und Ton-
mass zu bringen, nur ein Eingeborener von Hindostan vermag sie
vorzutragen — sie scheinen in der That blos Eingebungen einer
durch Liebe oder andere Leidenschaften erhöhten Phantasie zu sein
und können folglich ohne gleich tiefes Mitgefühl weder richtig gesun-
gen noch empfunden werden." *)
Affectvolles Wesen beherrscht überhaupt den Vortrag indischer
Musik, welche ja nach der Auffassung der Hindu die Aufgabe hat,
das Gemüth anzuregen. Ja, das Wort Raga bedeutet nicht blos
Tonart, sondern auch Affect, Leidenschaft; denn die Hindostaner
finden in jeder ihrer Tonarten ein gewisses Pathos, den Ausdruck
eines bestimmten Affectes. — „Die Tonkünstler", sagt ein Sanskrit-
vers, „wissen, dass Sa die Hauptnote ist und nebst dem gemilderten
Pa dem Ausdrucke edler Liebe und Tapferkeit dient." Ouseley
sagt, das Zeitmaass der Ragni sei meist unterbrochen und unregel-
mässig, ihre Modulation Avild und mannichfaeh. Und Bird ver-
sichert, es habe ihn keine geringe Mühe gekostet, die von ihm ge-
sammelten Lieder in ein regelmässiges Zeitmaass zubringen, welches
der indischen Musik überhaupt sehr mangelt. Ein angeborenes
natürliches Gefühl für Rhythmus, das sich auch in der indischen
Poesie bewährt, verhütet allerdings, dass die Melodik der Hindosta-
ner nicht in regellosen Tongängen herumtaumelt, aber andererseits
reisst sie ihr lebhafter Sinn, ihre leicht erregbare Gemüthsart aus
dem geregelten Gange eines streng gemessenen Taktes in eine Vor-
tragsweise hinein* die sich in freiem Schalten und Walten mit den
rhythmischen Qualitäten, in Dehnungen und Beschleunigungen ge-
fällt. Vollkommen regelmässig sind nach Bird die Lieder von Cal-
cutta und Rohilcund. Wenn Verse gesungen werden, so wird der
Rhythmus der Musik durch das Versmass bestimmt.
Die hindostanische Musik ist nicht frei von Zügen, welche sie
als eine wildgewachsene Blüte erkennen lassen, aber es findet sich
in ihr doch, was der übrigen asiatischen Musik fast völlig mangelt:
Sinn für Wohlklang und Schönheit. Die der Poesie so nahe ver-
wandte Tonkunst konnte bei dem Volke, das Dichterwerke, wie die
Sakuntala, Gitagovinda u. s. w. geschaffen hat, unmöglich so in kläg-
licher Phantasielosigkeit und barokker Hässlichkeit verholzen, wie
bei den Chinesen, noch in die schreckende Wildheit der arabischen
Musik ausschweifen. Richard Johnson, ein Freund und Kenner
indischer Musik schreibt ihr einen eigentümlich rührenden Charak-
ter zu, der besonders beim langsamen Vortrage hervortritt. „Viele
Volksgesänge der Hindu", sagt Ouseley, ..haben die schöne elegisch-
1) Die Erklärung der Tuppah bleibt der Sammmler schuldig.
62
Die Anfange der Tonkunst.
klagende Simplicität der schottischen und irischen Melodien, manche
einen unbeschreiblich zarten und anmuthsvollen Ton, andere einen
wildphantastischen, originellen Gang." Aus manchem dieser Lieder
tönt eine schwärmerische, weiche Träumerei, zuweilen erklingen
sie aber auch im Tone einer harmlosen Heiterkeit und fast muthwil-
ligen Lustigkeit. Die meisten haben einen eigenen Zug zarter Nai-
vetät, der ihnen etwas sehr Liebenswürdiges gibt — wäre der Ver-
gleich nicht gar zu kühn, so könnte man sagen, „sie seien so an-
muthig. schüchtern, harmlos und zierlich, wie Gazellen." Passen-
der wäre es jedenfalls, sie gewissen indischen Malereien zu ver-
gleichen, auf denen sich, vorzüglich in der Darstellung von Mädchen -
gestalten derselbe knospenhaft unentwickelte Schönheitssinn und
dieselbe fast graziöse Schüchternheit der Zeichnung auf liebenswür-
dige Weise zeigt. Gegen bis zum Scherzhaften frohsinnige Melo-
dien, wie nachstehende Tuppah:
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tragen andere wieder den Ausdruck tiefer Melancholie; wie die so-
genannte Djungel- Tuppah 1), in welcher (musikalisch) besonders der
lj Hier, wie in allen folgenden Proben indischer Melodik ist die Harmo-
nisirung von mir beigefügt. Sie ist ein Beweis, wie sehr diese Melodien im
Sinne europäischer Musik erfunden sind . da sie eine reiche harmonische Be-
handlung nicht nur gestatten, sondern beinahe verlangen. Eine Bear-
Indien.
63
durch die siebente und sechste Tonstufe der Mollscala motivirte über-
mässige Secundenschritt im vierten Takt merkwürdig ist: und welche
(ästhetisch) etwa den poetischen Eindruck einer „Mondnacht am Gan-
ges" macht, wenn sich die AVipi'el der Palmen dem eintönig fort-
rauschenden heiligen Strome träumerisch zuneigen.
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beitung dieser Meludien erschien zu London unter dem Titel : Indian nielodie.
arranged for the voice andPianoforte in songs duettos and glees by C E. Horns.
Thibaut (Reinheit der Tonkunst 3. Aufl. S. 91) tadelt sie als „galant und seicht".
Ich habe sie nicht geseheD.
64
Die Anfange der Tonkunst.
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Diese drei Melodien haben ein verwandtes thematisches Grundmotiv.
Kindliche Fröhlichkeit, etwa wie die Fröhlichkeit tanzender junger
Mädchen, spricht aus folgender Kektah:
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Strenge rhythmische Regelmässigkeit und eine symmetrische Wieder-
holung der Takte zeichnet dieses Lied besonders aus. Gang und
Haltung der meisten von diesen Melodien haben eine so entschiedene
Verwandtschaft mit der ausgebildeten europäischen Musik, dass es
in der That der Versicherung Bird's bedarf, er habe sich beim Sam-
meln streng an ihren Originalcharakter gehalten. l) Da sie vom
Sammler den Produktionen indischer Virtuosen entnommen sind
(unter denen er insbesondere eine Sängerin, Chanan, wegen ihres
anmuthigen Vortrages, und den Sänger Dilkuk von Calcutta, wegen
seines ausdrucksvollen Gesanges preist), da folglich keine Probe
dafür vorliegt, es seien wirklich, alterthüinliche Singweisen, so
ist es nicht unmöglich, dass sie vom Einflüsse europäischer Musik
nicht »anz frei sind. Hat sich doch das Liedchen „Marlbo-
rough" nicht allein bei den Arabern (nach ihrer Weise merkwür-
dig genug umgestaltet) eingebürgert, sondern hat auch unverkennbar
einem in Kairo gebräuchlichen Brautliede zum Vorbilde gedient.
Ein wirklich alterthümliches, von Jones mitgetheiltes Frühlingslied
auf Krishna hat mit seinem regellosen rhapsodischen Gange, seiner
hastigen, zuweilen plötzlich in langgedehnten Tönen anhaltenden
Bewegung einen ganz anderen Charakter und ein viel fremdartige-
res Ansehen.
12. Sehr rasch.
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Sehr lan£sam.
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1) Er giebt diese Versicherung in der Vorrede seines Sammelwerkes,
dessen Titel lautet: „the oriental miscellany being a collection of the most fa-
vouxite Airs of Hindostan, by W. Hainilton Bird. Calcutta, printed by J. Cooper
17S9." Richard Johnson fand indessen wenigstens in der Rhythmik ein-
zelne Abweichungen oder Accomodationen, mit denen sich Bird ans der Ver-
legenheit geholfen hatte.
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Die Anfange der Tonkunst.
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Sehr langsam.
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Sehr rasch.
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Das klingt beinahe wie Ritualgesang und hat in seinem de-
klamatorischen Gange, in seinem seltsam aufgeregten Wesen und
in den sich senkenden Schlüssen, bei denen man völlig den frommen
Hindu sein Haupt neigen sieht, etwas Feierliches, Erbauliches und
dabei heiss Fanatisches, gerade wie die Frömmigkeit des indischen
Büssers selbst ist. Es macht wesentlich den Eindruck des Seltsamen,
Exotischen, wahrend die von Bird mitgetheilten Melodien uns so
anheimeln, dass man sie mit sehr unbedeutenden Verbesserungen im
Einzelnes ohne Weiteres in die europäische Musik aufnehmen könnte,
wie denn der rasche Satz der vorhin mitgetheilten Melodie No. 5
fast wie ein Contretanz klingt, und die folgende Rektha, wie man
ohnehin bemerkt haben wird, ein strammes Trompeterstück abgäbe.
Man könnte sich sogar an europäische Volkslieder sehr verschiedener
Nationalitäten gemahnt finden. — Die Tuppah No. 3 mahnt stark
an die Lieder der Südslaven — der Tarantellasatz No. 7 an Itali-
sches, die Contretanzartigp Tuppah No 5 an Französisches — die
Stücke No. 8, 9 und 1 1 haben einen deutschen Charakter, das
Stück No. 10 könnte an schottische Liedweisen erinnern u. s. w.
Und das ist gar nicht ohne Bedeutung, wenn wir unserer arischen
Abstammung gedenken.
In Indien selbst zeigen die Volkslieder bei Verwandtschaft in
den Grundzügen doch nach den verschiedenen Landes- und Stam-
meseigenthümlichkeiten der einzelnen Landstriche auch einen man-
Indien.
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nichfach modificirten Charakter, wie man aus folgender Nebenein-
anderstellung eines malabarischen und eines bengalischen Liedes
entnehmen mag:
von Malabar (aus Fra Paolinos Reise nach Ostindien S. 36S)
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Diese und ähnliehe Melodien werden vom Lehrer dem Schüler
beim Musikunterrichte als ein künstlerisches Besitzthum zur eigenen
Benutzung übergeben und nach der Weise naiv betriebener Kunst
ähnlicher Culturgrade, wie sie Hindostan noch heute zeigt, beruht
die Kunstübung wesentlich auf blosser Tradition und gedächtniss-
mässierer Aufbewahrung des Ueberlieferten. Indessen besitzen die
Hindostaner, wenn auch keine ausgebildete Notenschrift, so doch
und zwar schon seit alter Zeit die Uebung, Melodien in Buchstaben
aufzusehreiben: fünf Töne der Scala werden durch die den Namen
der betreffenden Töne entsprechenden Consonanten, die zwei andern
durch die kurzen Vocale a und i bezeichnet. Die Anwendung lan-
ger Vocale verdoppelt den AVerth der Note, die übrigen Andeutun-
gen geschehen theils durch allerlei Kreislinien. Ellipsen u. s. w.
theils durch beigeschriebene Worte über die Art der Vortragsmanier.1)
Das letzte Capitel des Soma enthält durchaus mit Buchstaben notirte
Melodien. Es ist also im AVesentlichen ganz dasselbe Prinzip der
Tonschrift, wie bei den Griechen, denen auch die Buchstaben ihres
Alphabets als Vorstellungszeichen für Töne dienen mussten. Den
Schluss einer jeden Periode bezeichnen die Hindostaner, sinnig ge-
nug, durch eine beigesetzte Lotosblume. Sehr auffallend darf es
1) Fetis (resum. phil. als Einleitung seiner Biogr. universelle des musi-
ciens) hält diese Tonschrift für die ältest existirende.
74 Die Anfänge der Tonkunst.
heissen, dass die Lotosblume in die Tonschrift der Neugriechen über-
gegangen ist, wo sie indessen als ..Hemiphonion'" und „Hemiphtho-
ron" eine andere Bedeutung hat. Der Grund dieser Uebereinstim-
mung zweier Völker, die weit von einander getrennt leben und nie
in lebhaftem Wechselverkehre waren, in einem so besonderen
Zeichen, ist nicht aufzufinden. Nach Griechenland ist diese Lotos-
blume sicherlich als exotisches Gewächs verpflanzt, da ihr natür-
liches Vorbild der Flora Griechenlands nicht angehört.
Von Harmonie haben die Hindostaner keine Idee, und fühlen
auch kein Bedürfniss darnach. ■ — Nicht einmal der Begriff der Con-
sonanz und Dissonanz findet sicli in ihrer Musiklehre ausdrücklich
ausgesprochen. Bird hörte während eines mehrjährigen Aufenthalts
in Calcutta von keinem indischen Musiker auch nur eine Terz oder
Quinte anschlagen. Ihre ganze Musik strömt in Melodie aus. Die
natürlichen harmonischen Grundlagen, welche auf Melodiebildung
Einfluss nehmen, lehrt sie ihr angeborener Tonsinn berücksichtigen,
ohne dass sie sich des waltenden Gesetzes dabei bewusst sind.
Unter den Musikinstrumenten der Hindostaner steht die
Vi na obenan, die zuweilen von den Berichterstattern unrichtig als
..Lyra'' bezeichnet wird. Jene alten Nachrichten des Plinius und
Pausanias von indischen Lyren dürften also wohl auch nur die Vina
meinen , da sich auf den Abbildungen nirgends ein der hellenischen
Lyra annliches Instrument findet; die Notiz, dass die Inder ihre
Lyren aus Schildkrötenschalen verfertigen, ist ohne Zweifel nur eine
der unvermeidlichen antiken Wiederholungen der Wandermythe von
der Lyra des Hermes. Allerdings ist Nareda gleich dem Hermes der
Götterbote und Erfinder des Saitenspieles, aber (nach dem Gedichte
Magha) beschränkt sich seine Erfindung darauf, dass „als er über
die Vina in Betrachtungen vertieft sass, Töne, die ein leichter "Wind-
hauch den Saiten entlockte, sein Gehör entzückten — Klänge, die
in regelmässigen Tonverhältnissen fortschreitend, immer mehr Schön-
heit und Abwechslung zeigten." l) Die Vina ist kein harten- oder
lyraartiges Instrument, und gleicht eher der Guitarre oder Laute,
da sie mit einem Griffbrette versehen ist. Das Corpus der Vina be-
steht aus einem cylindrischen Rohre (oft einem Bambusrohre) von
etwa 3 Fuss 7 Zoll Länge, das Griffbrett ist 216/8 englische Zoll lang
und zwei Zoll breit. Hier sind 19 Stege, ähnlich dem Stege unse-
rer Geigen hinter einander angebracht. Die zunächst an dem , nach
Art eines Schwanenhalses umgebogenen Saitenhalter befestigten,
1) Hiernach hätte Nareda Erfinder der Aeolsharf'e werden können. Wenn
er über die Vina meditirte und der Wind dem vor ihm liegenden Instrumente
Töne entlockte, so kann er (auch der Mythus will seine Consequenz haben)
nicht erst davon Anlass zur Erfindung des schon vorhandenen Instrumentes ge-
nommen haben, sondern nur zur Ausbildung, indem er etwa jene reich abwech-
selnden, feinen Tonverhältnisse, die der Zufall hervorgebracht, aufgriff und ab-
sichtlich nachahmte.
Indien. 75
sind mehr als zollhoch, die anderen nehmen an Höhe etwas ab, bis
zn den am anderen Ende des Instruments, den Stimmwirbeln zu-
nächst befindlichen, welche nur 7/8 Zoll Höhe haben, so dass die
über die Stege gespannten Saiten in etwas schiefer Fläche ablaufen
und die Finger des Spielers nie das Griffbrett unmittelbar berühren.
Die Stege aber sind nicht gleich den Bunden unserer Guitarren oder
Lauten unbeweglich an das Griffbrett fixirt, sondern werden vom
Spieler mit Wachs befestigt, wobei er sich natürlich auf sein Gehör
verlassen muss, das jedoch die indischen Musiker selten trügen soll.
Die Stege sind in der Intervallfbrtschreitung chromatisch auf-
steigender halber Töne angebracht — nur fehlt in der höheren
Oetave die drittletzte Stufe. Die sieben Saiten sind von Metall und
an eben so viele Schrauben befestigt. Die Stimmung der leeren
Saiten ist
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Von diesen Saiten liegt nur die zweite, dritte, vierte und fünfte
auf den Stegen, die erste, sechste und siebente liegen frei da-
neben. Die sechste und siebente sind Stahlsaiten, die übrigen
aber Messingsaiten. Am meisten wird die d- und ^/-Saite (die
dritte und vierte) benutzt. Das Tonvermögen des Instrumentes
reicht, wie bereits bemerkt, von A bis eingestrichen h, chroma-
tisch aufsteigend, doch fehlt das eingestrichene g und b. Die in-
dischen Musiker wissen übrigens auch diese Töne durch schärfe-
ren Fingerdruck auf *£/' und a hervorzubringen, wie sie überhaupt
feinste Unterschiede der Höhe auf solche Weise bewerkstelligen, ob-
schon das Buch Soma der Vina die Fähigkeit dazu eigentlich ab-
spricht. Die Resonanz des Instrumentes wird durch zwei hohle
Kürbisse (Gourds) im Durchmesser von 15 Zoll bewirkt, die am
äussersten Ende eine 5 Zoll weite Oeffnung eingeschnitten haben, und
an der Rückseite des Bambusrohres ausserhalb der den beiden Enden
des Griffbrettes correspondirenden Stellen befestigt sind. Beim
Spielen lehnt der knieende Musiker die Vina fest an die linke Schul-
ter, so dass der den Wirbeln benachbarte Resonanzkürbis über die-
selbe ragt, während der andere dem Saitenhalter benachbarte das
rechte Knie berührt und das Instrument gegen den Körper des Spie-
lers in schräge Lage kömmt. Die zwei vorderen Finger der rechten
Hand werden mit einer Art von metallenem Fingerhut versehen, der
vorne eine Spitze zum Anschlagen der Saiten hat. Zuweilen wer-
den einzelne Töne auch mit dem kleinen Finger der linken Hand
angeschlagen. Der Ton der Vina ist voll und dabei doch zart, die
Saiten geben einen hellen, metallischen, sehr angenehmen Klang.
Da das Instrument weniger für langsame, getragene, als für rasche,
bunte Tonsätze geeignet ist, so werden meist Stücke der letztern
Art, zuweilen mit virtuoser Geläufigkeit ausgeführt, wie denn zu
76 Die Anfänge der Tonkunst.
Ende des vorigen Jahrhunderts ein gewisser Djivan-Shah als Virtuose
auf der Vina in Hindostan berühmt war. Da die Vina das Lieblings-
instrunient der Hindostaner ist, so wird sie oft im orientalischen
Gesehmacke reich und luxuriös ausgestattet. An einer Vina im Be-
sitze Richard Johnsons waren Bambusrohr und Kürbisse reich mit
Blumen und vergoldetem Laubwerk bemalt. Auch ein zweisaitiges
Geigeninstrument besitzen die Hindostaner an dem sogenannten Ra-
vanastron, ferner eine Violine Serinda mit drei von Seide gespon-
nenen Saiten und einem abenteuerlich geformten Schallkasten, der statt
der /-Löcher an den beiden Seiten sehr grosse Schallöffnungen hat.
Sie wird mit einem Bogen allereinfächster Art gespielt und ist in
Bengalen heimisch. Das Ravanastron ist vorzüglich das Instrument
der Pandarons, einer Art herumziehender Bettelmönche oder Ein-
siedler. ') Eine Art Guitarre heisst Magoudi, sie mahnt in der
Form sehr an die, unter dem Namen Tanbur, bei den Arabern ge-
brauchlichen Instrumente, oder an das verwandte Ieitali der Neu-
griechen. Unter den von Jones mitgetheilten Ragmalas sieht man
auf dem einen Bilde einen edeln Mann, angeblich Krishna. auf
einer Art von Thron sitzen, vor ihm steht eine Lautenspielerin;
sonst bedienen sich aber vorzüglich die Schlangenbeschwörer des
Magoudi, um ihre Thiere tanzen zu lassen. Ravanastron und Ma-
goudi gelten nicht für echt indisch, sondern als von den westlichen
Völkern, den Arabern und Persern herrührend. 2) Darauf deutet auch
wohl der Umstand, dass die Guitarre besonders bei den, jenen Län-
dern benachbarten. Sicks Eingang gefunden hat.
Mannichfacher als die Saiteninstrumente sind die Blas- und
Schlaginstrumente der Hindostaner. Der Reisende Sonnerat 3)
nennt insbesondere die Trommel Udukai (ein Tempelinstrument),
Naguar (eine hölzerne Paukel, Tamtam, eine flache und Dole,
eine längliche Trommel. Letztere gleicht sehr den uralten ägypti-
schen Kriegstrommeln, und gehört daher vermuthlich zu jenen Göt-
tertrommeln, deren die Epen gedenken. Die Tänze der Devaüasi
oder Bajaderen werden meist von solchen Trommeln, von Vinas
und Tamtams, auch wohl von klingelnden Metallinstrumenten mit
Schellen und Glöckchen begleitet, wobei die feinen, sinnlich
frischen Töne der Vina zusammen mit den orgiastischen, den
Rhythmus in wilder Kraft angebenden Schlag- und Klingelin-
strumenten seltsam und aufregend ineinanderklingen. Den antiken
Crotalen ähnliche Schallbecken heissen Tal an. Neben solchen
strepitosen Instrumenten dient auch eine Anzahl grösserer und klei-
nerer Flöten dazu, den Gesang und Tanz der Bajaderen zu beglei-
ten: ihre indischen Namen lauten: Nagassaran. Karna. Otou.
1) Serinda und Ravanastron scheinen nur Varianten desselben Instruments
zu sein.
2) Zamminer. die Musik und die musikalischen Instrumente S. 377.
3) Sonnerat. voyage aux Indes orientales. 1 T-.2. Tome I. Chap. 9. S. 178.
Indien. 77
Bilan, Cojel, Turti lein schalmeiartiges Instrument), Matalan
und Tal, letzteres dient wegen seines helleindringenden Tones den
Takt zu markiren. l) Die sogenannte Flöte Krishna's heisst Ba-
saree, es ist eine Schnabelrlöte mit sieben Tonlöchern, die so leicht
anspricht, dass sie, gleich den ähnlichen Instrumenten bei den Süd-
seeinsulanern, mit der Nase geblasen werden kann; kraft dieses
Umstandes und ihrer mythischen Beziehung gehört diese Flöte
wohl zu den ältesten hindostanischon Instrumenten. Ein seltsames
Instrument ist das Tumeri, welches vorzüglich im Dekan gebräuch-
lich ist. Es besteht aus einer Art Doppelrlöte, deren zwei von
Bambus verfertigte Röhren aus einem hohlen Kürbis (Gourd) oder
einer Cuddo-Nuss hervorragen, an welchem, gleichsam als Windlade
dienenden Apparat, oben ein Mundstück zum Anblasen angebracht
ist. Merkwürdig darf es heissen, dass auf einem aus dem lä. Jahr-
hunderte herrührenden, niederländischen, bei S. Pietro in vincoli
zu Rom aufbewahrten Teppiche2), auf dem die Anbetung der Hirten
dargestellt ist, der eine Hirt ein ähnliches Instrument bläst, nur dass
statt der Cuddo-Nuss der kugelförmige Windbehälter aus Thierhaut
zu bestehen scheint; eine Art Sackpfeife, wie sie schon der h. Hie-
ronynius unter dem Namen Chorus in seinem Briefe an Dardanus
beschreibt, und welche nach dieser Beschreibung die Codices des
10. und 11. Säculums mitunter abenteuerlich genug abbildeten.3)
Zur Todtenfeier dient die Tare, eine Posaune von dumpfem
und klagendem Tone4), im Kriege Averden die Trompeten Buri,
Tutare und Combou gebraucht. Nach Crawford's Mittheilung5)
wird in den Küstenstrichen noch immer die alterthümliehe Muschel-
trompete (Cankha) angewendet, wogegen sich die Gebirgsbewohner
öfter gekrümmter Hörner bedienen. In all' diesem Apparate tritt
ein bedeutend barbaristischer, speeifisch asiatischer Zug zu Tage,
und die edlere Instrumentalmusik wird in Hindostan eigentlich nur
durch die Vina repräsentirt.
1) Ueber die Bajaderen und ihre zum Theil der Musik gewidmete Be-
stimmung spricht schon Marco Polo. (XX. 4 von der Provinz Maabar.)
2) Abgebildet und beschrieben in Fürster 's Denkmalen, 5. Bd. S. 2. Abth.
Malerei.
3) Nachbildungen in Gerberts de cantu etc. 2. Bd. Tat'. XXX. 20.
4) Ist es nicht als habe Goethe in der Ballade „Brahma und die Bajadere"
gerade dieses Instrument im Sinne gehallt?
-Ertöne, Drommete, zu heiliger Klage!
0 nehmet, ihr Götter! die Zierde der Tage.
0 nehmet den Jüngling in Flammen zu euch!
Auch in Spohr's Jessonda sind die Anklänge an die eigenthümliche Instru-
mentalmusik des Tempeldienstes mit grossem Geschmack und Sinn ange-
wendet, gleich die ersten dumpfen Posannenaccorde. das phantastische Ge-
klingel der Bajaderentänze, die mächtigen Schläge der grossen Trom-
mel u. s. w.
5) Crawford, Sketches, relating to the history and manners of the Hindoos.
1792. 2. Bd. S. 94.
78 ^'e Anfange der Tonkunst.
Bis zu Fratzenhaftem abenteuerlichen Instrumenten begegnen
wir in Hinter-Indien, das zwischen der verhältnissmässig sehr be-
deiitender Cultur Vorderindiens und der urthümlichen Einfalt und
Roheit der Südseeinsulaner eine eigentümliche Mittelstellung ein-
nimmt und wo sich auch das geschnörkelte chinesische Wesen be-
reits ankündigt. Es ist sehr bezeichnend, wenn die Birmanen dem
Schallkasten einer sanften Guitarre, mit zwei seidenen und einer
kupfernen Saite, Patola geheissen, die Form eines eidechsenartigen
Ungethüms oder eines Alligators geben — gleichsam eine Mischung
von hindostanischer Sentimentalität und südseeinsulanischer Men-
schenfresserei. Am Corpus der geschnitzten Bestie sind drei Schall-
löcher angebracht, die der Resonanz zum Austritte dienen.
Ebenso fratzenhaft ist es, wenn an einer Harfe der Birmanen
der Schallkasten die Form einer Katze hat, in deren in weitem Reife
geringelten Schweif die Saiten gespannt sind. Ein anderes birma-
nisches Saiteninstrument gleicht einem Schiffsbauche. Die Takkag
der Siamesen entspricht der Patola der Birmanen. Neben diesen
Saiteninstrumenten deuten zahlreiche Trommeln, Gongs, Cymbeln
und andere ähnliche Instrumente die Nähe Chinas in bedenklicher
Weise an. 4)
Entschiedener noch tritt aber das chinesiche Wesen auf der
Insel Java hervor. Selbst die Tonleiter der Javaner ist die alte
chinesische, mit weggelassener Quarte und Septime, und auch die
Melodien sind wenigstens durch ihre Armseligkeit den chinesischen
verwandt. Was ihrer Musik an Reiz und Wohlklang fehlt, suchen
sie, wieder nach chinesischem Muster, durch eine Masse von dröhnen-
den Schallapparat eil und Schlaginstrumenten zu ersetzen. Dahin gehört
der Gong, ein drei Fuss weiter Metallkessel, der frei aufgehängt und
mit einem leinwandumwundenen Klöppel oder Hammer angeschlagen
wird, der Kumpul, eine an einem Gerüste aufgehängte grosse Metall-
platte, verschiedene Trommeln u. s. w. Selbst zu wirklicher Musik
in Klängen bestimmter Tonhöhe und Stimmung dienen wunderliche
Schlaginstrumente: der Gen der, welcher zwei Octaven umfasst und
aus 1 1 auf Schnüre aufgezogenen Metallplatten besteht, unter denen
sich schallverstürkende Resonanzröhren von Bambus befinden, der
Gambang-Kayu aus IS Holzplatten, die mit einem Hammer an-
geschlagen werden , und den bedeutenden Umfang dreier Octaven
und einer grossen Terz angeben, der beinahe einem Ruhebette oder
Di van gleichende Gambang, an dem die Stelle des Sitzes IG Holz-
oder Metallplatten, die nach der Scala gestimmt sind, und mit zwei
Klöppeln gespielt werden, einnehmen; die ähnlichen Instrumente
Saron, Damongund Selantam sind sämmtlich nahe Verwandte der
chinesischen King und Fang-Hoang. Dem gepriesenen Kin der
1) Vgl. Zamuiiner. a. a. 0. S. 378.
Indien. 79
Chinesen gleicht das 10- bis 15saitige Galempung, das ausge-
bildeteste Instrument der Javaner.
Wenn hier die Einwirkung chinesischer Musik unverkennbar
ist, so deutet eine zweisaitige, mit dem Bogen gespielte Geige nicht
allein durch ihren Namen Rebab. sondern auch durch ihren runden,
einer Pauke gleichenden Schallkasten, ihren stachelartigen Saiten-
halter und ihren abenteuerlich geschnitzten Hals, wodurch sie mit
dem arabischen, auch zweisaitigenKemangeh-a-guz, die grösste Aehn-
lichkeit zeigt, auf die Abstammung aus Arabien, woher auch die ärm-
liche Guitarre stammen dürfte, deren sich die herumziehendeu Sän-
ger zu ihren, nach den Berichten der Reisenden, einschläfernden
Productionen bedienen. Die Araber haben mit ihren Instrumenten
merkwürdigerweise dem äussersten Westen Europas in Spanien und
Frankreich, wie dem äussersten Osten Asiens in Java und Hinter-
indien bis nach Japan hinein ein Geschenk gemacht, und verdienen
schon deswegen in der Geschichte der Tonkunst eine besondere
Beachtung. Noch weniger zahlreich als die Saiteninstrumente sind
auf Java die Blasinstrumente: sie bestehen aus einer Trompetenart,
und zwei Gattungen Flöten, wovon die eine Suling, die andere
Garinding heisst. Letztere ist eine Bambuspfeife mit einem Zun-
genmundstück; ihre Länge beträgt etwas über einen Fuss.
So barbarisch das javanische Orchester auch heissen darf, so
soll ein nach bestimmtem Herkommen geregeltes Gambangspiel, das
ist ein Ensemble, wobei der Gambang. Gender u. s. w. zusammen
mit vielen anderen Instrumenten gespielt werden und wobei in ge-
wissen Absätzen der Gong seine dumpfzitternden Glockentöne darein-
mischt, von eigentümlich harmonischem, schwermüthigem Aus-
drucke sein. 1) Das ist nicht unglaublich, wenn man sich an die
ähnliche Wirkung erinnert, die bei uns zuweilen ein „melancholisch-
dumpf Geläute" hervorzubringen vermag, obschon in seinen Klän-
gen doch eigentlich keine Spur von Musik zu finden ist. Auf Java
geht die Tonkunst in barbarische Trübung über, so dass sich hier
ihre letzte Spur verliert. Das benachbarte Borneo, das nahe Neu-
Guinea, Neu-Holland. Neu-Caledonien u. s. w. bewohnen schon
wilde Stämme, sogar rohe Anthropophagen, und wir betreten wie-
der den Boden jener Naturmusik, von der wir bereits zu sprechen
Gelegenheit fanden. Wenden wir denn unsere Blicke westwärts
auf die Völker, bei denen die orientalische Musik ihren eigentlichen
Abschluss findet, auf die Araber und Perser. Wenn wir bei den
Chinesen neben einer in ihren Grundzügen verständigen Musiktheo-
rie eine klägliche, kaum nennenswerthe Musikpraxis fanden, wenn
die Hindostaner umgekehrt neben einer phantastisch verworrenen
\) Zu vergleichen Stamfoni Raffle'» history of Java und Pfyffer's
Skizzen von der Insel Java, endlich die sehr übersichtliche Darstellung ihrer Be-
richte bei Za in ini ner. a. a. O. S. 377.
£0 Die Anfänge der Tonkunst
Musiktheorie in ihrer ausübenden Musik uns Schönheitssinn erken-
nen Hessen, so tritt bei den Arabern die musikalische Theorie und
die ausübende Musik in ein gewisses, wechselseitig abgewogenes
Gleichgewicht. Aber freilich reicht ihre Musikanlage überhaupt
nicht eben weit. Dennoch erscheinen sie als die eigentlichen Re-
präsentanten jener orientalisch-asiatischen, oder: muhamedanischen
Musik, dem Gegenpol der abendländisch-europäischen christlichen.
Gleich dem Islam selbst beherrscht diese Musikweise Arabien,
Aegypten, Nordafrika, Persien, die anatolischen Lande und die
europäische Türkei, und hat selbst auch auf Indien Einnuss gehabt.
Ihr geographischer Verbreitungskreis, ihr Gebiet ist also grösser als
jenes der europäischen Musik. Freilich ist aber für den Geist und
die Würde und Bedeutung des Schönen der Maassstab nach Qua-
dratmeilen nicht der wahre. Wir standen (allenfalls Hindostan be-
dingt ausgenommen) bisher nur auf ethnographischem Standpunkte,
auf dem Standpunkte der Notiz, des Reiseberichtes, mitunter des Curio-
sums, den ästhetischen und eigentlich kunsthistorischen Stand-
punkt haben wir kaum noch betreten. Wir linden ihn eigentlich erst
dann, wenn wir an die Kunstgeschichte des alten Hellas gelangen, ver-
lassen ihn aber von da an freilich nicht wieder, da uns die antike Welt
zur christlichen hinüberleitet. Wäre auch die christlich-europäische
Musik selbst auf den kleinsten Fleck Erde beschränkt, und be-
herrschte die orientalische alle übrigen Gebiete, so könnte diese
gegen jene andere, wirkliche Tonkunst, doch nicht in Betrach-
tungkommen, und es bliebe der christlichen, abendländischen Kunst
auch hier vorbehalten, die Hüterin und Pflegerin des Schönen, die
Repräsentantin der Kunstwürde zu bleiben. Der vorzüglichste
Vermittler jener besonderen Entwickelung der muhamedanischen
Musik war der geistreiche, feurige und ritterliche Stamm der
Araber,
welcher die südwestliche grosse Halbinsel zwischen dem persischen
Meerbusen und dem rothen Meere bewohnt und durch den in seiner
Mitte entstandenen Islam für den ganzen Orient so überaus wichtig
geworden ist, der seine eigenthümliche Cultur, Schwert und Alko-
ran in der Hand, über ganz Aegypten und die afrikanischen Küsten-
länder am Mittehneere trug, in Spanien eindrang und erst nach
Jahrhundertelangen harten Kämpfen (711 — 1492) zurückgedrängt
werden konnte, nicht ohne eigenthümliche Spuren seines langen
Besitzes zurückzulassen. Die Märchenpracht des Alhambra, die
orientalisch-phantastischen und dabei so würdigen Moscheenbauten
Kairos, die Schriften arabischer Aerzte und Philosophen, die
Dichtungen arabischer Dichter legen Zeugniss für die Begabung
dieses merkwürdigen Volkes ab. Am Hofe Hakem IL zu Toledo
bildete sich im 10. Jahrhunderte jene Gesellschaft der Vierzig,
jene Akademie, welche in ihren Versammlungen orientalisches
Arabien. §1
Wohlleben mit wissenschaftlichem Forschen so geschickt zu ver-
einigen verstand. Vieles aus der arabischen Cultur ist direct und
indirect der Cultur der europäisch -christlichen Völker zu Gute ge-
kommen. So danken wir (wie wir weiterhin sehen werden) zwar
nicht unsere Instrumentalmusik, aber doch einen Theil unserer
Musikinstrumente den Arabern. Die Musik bildete sich bei ihnen
in eigentümlicher Weise aus, und ihre Musiktheorie steht an
spitzfindiger Scharfsinnigkeit der verwickelten altgriechischen
Musiklehre nicht nach, sie ist eigentlich noch schwieriger, weil
sich in ihr die richtigen Anschauungen der musikalischen Grund-
gesetze in allerlei phantastisches, orientalisch überschwängliches
Rankenwerk verlaufen, gerade wie im Alkoran erhabene Ideen
der Religion und Sittlichkeit von allerlei phantastischen Märchen,
im Geschmacke von „tausend und einer Nacht", fast zur Un-
kenntlichkeit überwuchert werden.
Die antike Welt schrieb den Arabern manche nicht unwichtige
musikalische Erfindung zu, was wohl nicht von den wandernden,
kriegerischen, dem Raube geneigten Hirtenstämmen, die für Künste
des Friedens nicht viel Zeit übrig hatten, sondern von den handel-
treibenden, städtebewohnenden, reichen Insassen des sogenannten
glücklichen Arabien , die selbst luxuriösen Lebensgenuss nicht ver-
schmähten, zu verstehen sein möchte.1) So soll nach Julius Pollux
das Monochord, welches in der griechischen Musiklehre eine so
grosse Rolle spielt , eine Erfindung der Araber sein, so dass also der
,. Kanon" oder Qänon der Araber, jener saitenbezogene Schallkasten,
obschon nach seinem Namen griechischer Abstammung, doch bei
seiner Annahme durch die Araber gleichsam in seine Heimat zurück-
gekehrt wäre, von wo sein Ahn das Monochord einst nach Griechen-
land gewandert. Indessen ist der Ursprung, wie deutliche Spuren
zweifellos zeigen, vielmehr im alten Assyrien zu suchen. Merk-
würdig ist die weitere Notiz des Julius Pollux, dass „jenes drei-
saitige Instrument, welches die Assyrer „Pandura" nennen, eine
arabische Erfindung sei". Bei den Assyrern, von welchen Julius
Pollux, der Zeitgenosse des Kaisers Commodus spricht, darf man
natürlich nicht an das Volk des damals längst zerstörten Ninive,
nicht an Tiglath-Pilesar und Senaeherib denken — in der That
zeigen uns die neuerlich wieder an's Tageslicht hervorgezogenen
ninivitischen Sculpturen kein Instrument, welches jener lauten-
artigen dreisaitigen Pandura gliche, die sich unter dem Namen
„Icitali" und „Sewuri" bei den Neugriechen bis auf den heutigen
Tag erhalten hat. Auffallend ist es, dass die Araber ihre, diesem
Icitali und Sewuri ganz ähnlichen Guitarren „Tanbur" oder „Dan-
bur" nennen, was nur eine Buchstabenversetzung von „Pandur" ist.
1) Darüber zu vergleichen: Herodot, III. 127. 12S. Diodor, III. 45.46
und Strabo.
Ambro 9, Geschichte der Musik. I. "
§2 Die Anfänge der Tonkunst.
Martianus Capeila schreibt die Erfindung der Pandura ausdrücklich
den Aegyptern zu.1)
Eine arabische Flöte war zur glänzendsten Zeit des alten
Griechenlands dort nicht nur bekannt, sondern sogar auch beliebt,
wenigstens gedenkt Menander in einem Verse seiner Messenierinnen
eines solchen Instrumentes.2)
Auch der Sammler griechischer Sprichworte, Zenobius er-
wähnt, dass die Araber, wenn sie Nachts ihre Herden hüteten, um
das Hirten feuer sitzend, auf einer langen Flöte abwechselnd bis
Sonnenaufgang zu spielen pflegten , daher das griechische Sprich-
wort entstanden sei: „arabischer Flötenspieler" (.'4^«^oc «iUr/T?}>).3)
Die Araber selbst haben noch heut ein aus uralter Zeit herrührendes
Sprichwort: „singender als die beiden Heuschrecken Moaawijes."
Der Amalekiterfürst Moaawije Ben Bekr hatte nämlich zwei Sänge-
rinnen, die er seine zwei Heuschrecken zu nennen pflegte.4) Die
Heuschrecke oder eigentlich Cicade galt bekanntlich im Alterthume
wegen ihres hellen Schrillens für ein gesangreiches Thierchen. Zu
Anfang des dritten Jahrhunderts n. Chr. lebte Dschodeima, König
von Hire, in dessen Geschichte gleichfalls eine Sängerin vorkommt,
welche die Dichter Molik und Okail in die Wüste begleitete.5)
Der arabische Schriftsteller Ibn Chaldun (gest. 1405 n. Chr.) er-
wähnt, dass die Araber schon vor dem Islam Poesie besessen; aber
Musik spricht er ihnen ab, es seien Nomaden gewesen, denen Künste
und Bildung fehlte, so dass ihr ganzer Gesang und ihre Musik
in den Rufen bestand, womit sie die Kamele antrieben, daher ihre
sogenannten Sänger auchHadi, d. i. Treiber genannt wurden.6) Bei
jenen rohen Hirtenstämmen (den Ismaeliten) äusserte sich also die
Musikanlage in einer entsprechend rohen Weise, während die Kö-
nige sich „Sängerinnen, die Wonne der Menschen" (wie der weise
1) In der Hochzeit des Mercur mit der Philologie (BuchlX), sagt die Göttin:
„Panduram Aegyptios attemptare permisi." Bemerkenswerth ist übrigens, dass
bei anderen Schriftstellern dasselbe Instrument unter die Blasinstrumente ge-
rechnet wird. So bei Cassiodor (bei Gerbert, Script. I. S. 16) „inflatilia
sunt, quae spiritu reflante completa in sonum vocis animantur, ut sunt tibiae,
calami, Organa, panduria et cetera hujusmodi." Und bei Isidorus Hispalen-
sis , einem Schriftsteller des 7. Jahrhunderts (a. a. O. S. 22) heisst es fast wörtlich,
so wie bei Cassiodor: „secunda divisio est organica in his quae spiritu re-
flante completa in sonum vocis animantur ut sunt tubae, calami, fistulae, Or-
gana, pandora et his similia instrumenta." Dagegen figurirt bei Prätorius
(Sciagraphia Taf. XVII. Fig. 1) und in der Vorrede Heinrich Albert's zu seinem
„poetisch -musikalischen Lustwäldlein" die Pandura schon wieder als Saiten-
instrument: „auf einem Instrumente aber, oder Clavizimbel (wie auch Laute,
Bandoer), weil der Ton einer gerührten Seiten sehr bald verfällt und schwach
wird, ist vonnöten, dass mit Aufhebung der Finger u. s. w."
1) ciQupiov u{J tyw xsxivrjxa uv/.or.
3) Hammer -Purgstall's Vorrede zu Kiesewetter's „Musik der Araber"
S. XI.
4) und 5) a. a. O.
6) Kiesewetter, a. a. O. S. lü.
Arabien. §3
Salomo sagt) schafften, deren Kunst wir uns wohl höchst einfach
und dürftig vorzustellen haben, und während in den reichen Küsten-
strichen des glücklichen Arabien, in den Weihrauchländern der
Himjariten, in der Stadt Saba, deren Tempel mit vergoldeten und
mit massiv silbernen Säulen prangten, die gewinnreichen Handel
treibenden, und folglich üppigen Einwohner, von deren Luxus und
Behagen alte griechische Nachrichten sprechen1), allem Anscheine
nach ihre Musik, deren sie wohl so wenig entbehrt haben werden,
als die übrigen Culturvölker des Alterthums, der Musik des benach-
barten Aegypten conformirt haben mögen. Nach Fresnel2) deuten
die erhaltenen Reste der Himjaritischen, von dem Arabischen ganz
verschiedenen Sprache auf Verwandtschaft mit der Sprache eines
anderen Handelsvolkes , der Phöniker. Auch jene Gold- und Silber-
säulen erinnern an phönikische Tempelpracht. Man darf sich also
wohl Sitte, Lebensart und folglich auch die Musik phönikischer Art
ähnlich denken, so dass die himjaritische Musik als ein Mittleres
zwischen ägyptischer und phönikischer Tonkunst (die übrigens selbst
unter einander ihre Beziehungen hatten) zu denken wäre.
Endlich trat Muhamed als der Prophet Allahs auf, er reinigte
die Kaaba von den Bildern jener Urotal und Alilat und wie die alten,
wilden, blutigen Götter seines Landes alle hiessen, und gab seinen
Landsleuten den Koran, der ihnen das Paradies öffnen sollte, und
das Schwert zur Bezwingung aller Völker, die sich weigern sollten,
die neue Lehre willig anzunehmen. Mohamed, selbst ein Dichter,
dessen Phantasie sich bei den Schilderungen von Himmel und Hölle
zu ungeheuerlichen Visionen entzündete, trat in seinem Koran
kunstfeindlich auf. Gleichwie der Gläubige, kein geschnitztes oder
gemaltes Bild verfertigen sollte, damit es nicht etwa am jüngsten
Tage von ihm eine Seele begehre, so sollte er auch Poesie und Musik
meiden. Aber schon unter den Omajadischen und Abassidischen
Kalifen gab es einzelne, die Freunde der Tonkunst waren und
selbst Melodien erfanden; Frauen fürstlichen Stammes zeichneten
sich als Sängerinnen aus; gesangkundige Sklavinnen wurden zu
hohen Preisen gekauft, und Dichter, Sänger und Musiker konnten
an den reichen, glänzenden Kalifenhöfen guter Aufnahme sicher
sein. Echt orientalisch ist der Zug, dass es vorzugsweise Frauen
waren, welche sich durch Spiel und Gesang auszeichneten und
selbst wieder Schüler bildeten. Eine Menge Namen aus dieser Zeit
«erden von den arabischen Schriftstellern Ali von Ispahan und
Ab dul-K ad ir genannt.3) Nur unsittlich wirkende Musik verbiete
1 ) Agatharchides von Knidos.
2) Fresnel: Journal Asiatique 1S37 lettre V.
3) Kosegarten: Alii Ispahanensis über Cantilenarum raagnus, und Ham-
mer-Purgstall im 91. Bande der Jahrb. d. Literatur. Kosegarten zählt 112 Namen
auf, Hammer -Purgstall nennt nach Abdul- Kadir noch zwei- und zwanzig.
6*
§4 Die Anfänge der Tonkunst.
der Prophet, meinten die haarfein unterscheidenden Commentatoren
und Ausleger des Alkoran. *) Geschickte Sänger erlangten an den
Kalifenhöfen selbst eine Art Einfluss. Harun al Raschid wurde
durch den Sänger Ishac el Mashouli mit Lautenspiel und Gesang um-
gestimmt, als er seine Geliebte Maride, die ihn beleidigt hatte, strenge
strafen wollte. Er verzieh, und belohnte natürlich den Musiker so
überschwänglich , als man es von einem Kalifen nur immer erwar-
ten durfte. Als die Araber die Lehre des Propheten annahmen,
kannten sie vorläufig neben der halbsingenden Deklamation ihres
Alkoran, welche sie Taghir nannten, nach Ibn Chaldun's Zeugniss
nichts als ihre alten rohen Wüstenlieder. Jenen grossen Umschwung
ihrer Cultur hatte die im 7. Jahrhundert n. Chr. gelungene Erobe-
rung Persiens bewirkt. Muhamed hatte, als der sassanidische Per-
serkönig Khosru Nuschirvan den Brief zerriss, worin ihn der Prophet
zur Annahme des wahren Glaubens ermahnte, den Sturz des Per-
serreiches verkündet und seinen Schaaren den Besitz des berühmten
weissen Palastes von Ktesiphon und seiner Schätze versprochen.
Zum wilden Jubel der Wüstensöhne glückte die Eroberung. Per-
sien aber bewahrte die Ueberlieferungen altassyrischer Cultur.
Schon unter Darius und Xerxes hatte es sich als den Erben
Assyriens angesehen2), und die Palastanlageu zu Persepolis mit
ihren Terrassen, ihren Flügelstieren an den Pforten u. s. w. erinnert
so sehr an die ninivitischen Paläste von Khorsabad und Kujund-
schik, dass über diesen Punkt so wenig ein Zweifel sein kann, als
darüber, dass Persien trotz der grossartigen Plane und culturanbah-
nenden Ideen des grossen Alexander die griechischen Bildungsele-
mente nicht in sich aufnahm. Die Traditionen alter asiatischer Sitte
blieben an dem Hofe der Sassaniden fortlebend. Der Sassaniden-
hof hatte seine eigene Musik, im asiatischen Geschmacke, wie die
merkwürdigen Felsenreliefs von Tak-i-Bostan noch heute zeigen.
Bei Jagden und Wasserfahrten musizirten ganze Orchester auf eige-
nen Tribünen oder in den Lustschiffen. Unter den Sagen, die sich
an den Namen des Khosru -Parviz, des Gemals der berühmten
Schirm knüpfen , kommen auch Erzählungen von wunderbar begabten
Sängern vor, „deren Stimme an Süssigkeit den Gesang der Nachtigal
übertraf." Besonders war es der Sänger Barbud, dessen bezaubern-
der Musik kein Herz zu widerstehen vermochte. Als Khosru von
seinem Vater Hormazd verbannt, in tiefe Schwermuth verfiel, er-
schien ihm im Traume sein Grossvater Nuschirvan der Gerechte.
„Was trauerst du, mein Sohn", sprach er; „sei ohne Sorgen, denn
1) Es existiren eigene Schriften über diese Frage. So „Das Buch des Ge-
sanges und des Nichterlaubtseins desselben, vom Richter Ebut-Taib Ahmed
ben Abdallah el Taberi" und ein Traktat Birgeiis „über Gesang, dessen
Achtung und die Nothwendigkeit den Kanzelredner anzuhören" u. a. m.
2) Der Krieg gegen Griechenland im 5. Jahrhundert v. Chr. wurde völ-
kerrechtlich durch diese Auffassung motivirt.
Arabien. 85
es werden dir vier Dinge zu Theil werden, deren jedes so viel werth
ist, wie die Herrschaft über Iran. Für das Ross, das du verloren
hast, wirst du zwei andere erhalten, deren Name sein wird Schebdiz
(dunkel) und Gülgun (rosenfarb). Die Nägel deines Lieblingsharf-
ners sind abgenützt, du sollst für ihn zwei andere bekommen, de-
nen nichts in der Welt gleicbkommt, und welche Barbud und
Nekisa heissen werden. Die dritte Gabe soll ein Maler sein, treff-
licher als Mani von Chin, die vierte Gabe aber Schirm, die schönste
der Frauen, deren Schönheit die Sonne verdunkelt" u. s. w.1) Als
die Araber das Reich übernutheten, wo man den Besitz zweier
Sänger der Herrschaft über Iran gleichschätzen konnte, waren sie
gerade gebildet genug, dass sie den im weissen Palast gefundenen
Kampher (der den Kerzen beigemischt zu werden bestimmt war)
statt Salz gebrauchten, und dass der Kalif Omar den berülnnten
gold- und edelsteindurchwirkten, ein Paradies darstellenden Tep-
pich , ein in seiner Art bedeutendes Kunstwerk , als Beute für seine
Krieger in Stücke schnitt. Aber mit überraschender Schnelligkeit
nehmen die Wüstensöhne die ihnen homogene orientalische Curtur
des besiegten Landes an, ja, sie überholten im Laufe der vier Jahr-
hunderte, während welcher sie es beherrschten, ihre Lehrmeister.
Die Tonkunst, die sie von den Persern annahmen, bildeten sie reich
und so sehr aus, dass sie ihrerseits Lehrer der Perser werden konn-
ten. Persische und arabische Musik gingen fortan wie zwei neben
und in einander fliessende Ströme dahin, und die Kunstgeschichte
vermag es daher auch nicht wohl, sie von einander getrennt zu be-
trachten. Persische Sänger wanderten an den Hof der Kalifen,
einer davon, Namens Naschid, ein Sklave des Abdallah ben Dja-
fer lehrte in Medina persischen Gesang , verschmähte es aber auch
nicht dort den arabischen zu lernen.2) „Die Araber", sagt Ibn
Chalduu, „bildeten sich nach persischem Geschmacke — Bagdad
war damals der Mittelpunkt der guten Musik — und seine Gesänge
bilden noch heute (d. i. 1400 n. Chr.) das Vergnügen der guten Ge-
sellschaft." Unter den Abbasiden, meint Ibn Chaldun, habe die
Tonkunst durch die grossen Meister Ibrahim Mehdi, Ibrahim
Mossuli, dessen Sohn Ishak und dessen Enkel Hamad, die glän-
zendste Höhe der Vollkommenheit erreicht. Schon im 8. Jahrhun-
dert trat el Chalil (gest. 786 n. Chr.) mit einem „Buch der Töne"
als Schriftsteller über Musik auf, ihm folgte el Kindi (st. 862 n. Chr.),
der allein nicht weniger als sechs Werke über Musik schrieb (über
Composition, über die Ordnung der Töne, über den Rhythmus, über
musikalische Instrumente, über die begleitende Musik zu Gedichten,
und eine Anleitung zur Musik überhaupt). Sein Schüler, der Arzt
1) Das persische Manuscript, in dem diese Geschichte erzählt wird, be-
findet sich im brittischen Museum.
2) Kosegarten a. a. 0. S. 10.
/
gß Die Anfange der Tonkunst.
und Philosoph Ahmed ben Mohammed ben Mervan es Ser-
chasi (starb 809 n.Chr.), hinterliess ein „grosses" und ein „kleines"
Buch über Musik und eine „Einleitung in die Wissenschaft der Mu-
sik." Es gehörte nach arabischer Ansicht zu dem Wissen eines
grossen Philosophen, sich der Musik zu verstehen ; viele arabische
Weise legten daher ihre tiefsinnigen Speculationen darüber in eige-
nen Schriften nieder — soThabit benKorra (st. 900 n. Chr.),
Abubekr ibn Badsche (st. 918 n. Chr.), Ibnol Heisem, der
Arzt (st. 10.38), der ein Werk über die Einwirkung musikalischer
Melodie auf die thierischen Seelen schrieb, der berühmte Arzt Avi-
cenna, der in seiner ,Schifa' (Heilung) auch von Musik spricht, vor
allen aber der hochgerühmte Philosoph Alfarabi und der neben ihm
als grösster Theoretiker anerkannte Schafheddin. Zu Kairo lehrte um
1344 der Soffi und Rechtsgelehrte Mohammed benlssa ben As-
sali ben Kerinsa Ebu Abdallah Hossameddin ben Fe-
theddin el Hamberi in öffentlichen Vorlesungen über Musik,
schrieb auch ein Werk „der ersehnte Zweck in der Wissenschaft der
Töne/'
Die musikalische Theorie dieser Weisen bildet ein sehr merk-
würdiges, eigentümliches System, von dem es freilich problema-
tisch bleibt, ob es erst den Arabern seine Entstehung dankt, oder
ob es Trümmer eines früheren asiatischen Tonsystems enthält, in
welch' letzterem Falle aber sicherlich bedeutendere Züge von Ver-
wandtschaft mit der Musik der Griechen, deren wenigstens theil-
weiser asiatischer Ursprung nicht wohl zu bezweifeln ist, aufzufin-
den sein müssten. Die alt arabische Tonleiter gleicht allerdings
jener griechischen, welche die Griechen selbst nach einem asiati-
schen Gau benannten, der tiefen phrygisehen (hypophrygischen).
Es ist die natürliche diatonische Scala, die jedoch ihren zweiten
Halbton statt ihn zwischen die siebente und achte Stufe zu setzen,
vielmehr zwischen der sechsten und siebenten Stufe anbringt , folg-
lich des Leitetons entbehrt.
Die arabische Theorie theilt diese Tonleiter entweder in zwei
Gruppen, von vier Tönen und von fünf Tönen, d. h. in das Te-
trachord D, E$ F, G und in das Pentachord G, J, B, c, d (eine Ein-
teilung, die in dem ganz richtigen Gefühle ihren Grund hat,
dass kraft der kleinen Septime nicht der erste und letzte Ton
der Scala, sondern der Mittelton, die Quarte, der eigentliche Grund-
und Hauptton ist), oder es wird eine Eintheilung in zwei verbundene
Tetrachorde gemacht, welche sehr folgenreich geworden ist, indem
sich durch die Fortsetzung dieser Tetrachorde von selbst ein Modu-
lationskreis bildete, der durch den Quintenzirkel fortschreitend alle
Töne und Halbtöne berührt, und sie alle zur Geltung bringt.
Arabien. S7
G-dur. F-dur.
ff
D E F G A H C. rlefgabedes u. s. w.
C-äur. ' B-duv.
Das System der verbundenen Tetrachorde, die nach der Tonart der
Oberquarte leitende kleine Septime (Trite synemmenori) findet sich
auch in der griechischen Musik. An einen Zusammenhang ist hier
nicht zu denken, eher möchte man auf eine gemeinsame Bezugs-
quelle schliessen, wären nicht Schlüsse von einzelnen äusseren Aehn-
lichkeiten dieser Art übereilt und gefahrlich.
Die gewonnenen Töne reihen die arabischen Theoretiker in
solcher "Weise aneinander, dass ihre Octave 17 Dritteltöne umfasst,
der Ganzton nämlich in drei gleiche Theile zerfällt, so dass (wenn
man in Ermangelung eigener Zeichen X hier für eine Erhöhung um
l/3, IC für eine Erhöhung um zwei Drittel gelten lassen will) dieEin-
theilung der Octave, von C. an gerechnet, folgende ist
1 2_J
1
Die Zwischentöne werden aber nicht als Erhöhungen des tiefern
oder Erniedrigungen des höheren Tones, also nicht als etwas unse-
rer Kreuz- und b- Tönen Analoges, sondern als selbständige
Töne angesehen, welche die arabischen Schriftsteller mit fortlau-
fenden Zahlen bezeichnen.
Man wird bemerkt haben, dass die Araber die Stelle unserer
zwei Halbtöne in der Scala nur für Dritteltöne rechnen. Der weise
Fakir Dschany-Muhammed-Essaad meint in seinem philoso-
phischen in persischer Sprache abgefassten "Werke Achlak Dschelaly:
„ein Tonverhältniss, welches nicht der Scala der organischen
Stimmung des Menschen entspricht, kann kein Gegenstand un-
serer Betrachtung werden." Indessen kennt die arabische Theorie
noch kleinere Intervalle, genannt Lahani, welche wieder in grössere,
kleinere und mittlere eingetheilt werden. Für die musikalische
Praxis haben sie wohl nie eine Wichtigkeit gehabt, so wenig wie
bei den Griechen die verwandten „Schattirungen" der Tongeschlech-
ter, oder bei uns die subtilen Distinctionen Chladnis oder Kirnbergers.
Die höhere Octave ist die genaue Wiederholung der tiefern. — Das
ganze Tonsystem umfasst 40 Dritteltöne, nämlich zwei Octaven zu
je 17 und in der dritten noch fünf Dritteltöne, so dass die erste
Octave mit 1, die zweite mit 18, die dritte mit 35 beginnt, und mit
gg Die Anfänge der Tonkunst.
40 endet. Die Töne werden entweder, wie schon vorhin Demerkt,
mit den entsprechenden Zahlen bezeichnet, in der diatonischen Scala
aber entweder (wie bei uns) nach den Buchstaben des Alphabets
„alif, be, gim, dal, he, wau, zain", oder mit den Namen der Zahlen
eins bis sieben: „jeg, du, si, tschar, peni, schesch, heft" bezeichnet.
Der tiefste Ton, der Ton der leeren Saite des Monochords heisst
der „rechte Ton", der Hauptton, der Ton an sich. Die Töne sind
theils consonirend, theils dissonirend. „Ein Ton", sagt Dschany-
Muhammed-Essaad , „ist ein mit einer gewissen Dauer erscheinender
Klang. Wenn ein solcher mit dem erforderlichen Grad von Höhe
oder Tiefe wiederholt wird, ohne jene Wirkung hervorzubringen,
welche der Harmonie eigen ist, so gehört er nicht in das Gebiet der
musikalischen Wissenschaft, deren Aufgabe sich auf Töne solcher
Eigenschaft beschränkt, dass deren Intervalle in Absicht auf Höhe
und Tiefe oder das Intervall zwischen denselben, mit Rücksicht auf
die Zeitdauer, ein harmonisches oder ein dissonirendes Verhältniss
hervorbringt. Das erste nennt man Harmonie, das andere Melodie.
Wenn nun zwei Töne genommen werden, welche an Höhe und
Tiefe verschieden sind, wird der Unterschied zwischen denselben
nothwendig ein Verhältniss ergeben, welches entweder ein harmoni-
sches oder ein discordirendes ist; denn wenn der Unterschied ein
Verhältniss wirklicher Gleichheit oder einer Aehnlichkeit der Wir-
kung nach zeigt, so ist es Harmonie, wenn nicht, so ist es eine Dis-
cordanz. Unter Avirklicher Gleichheit ist aber zu verstehen, wenn
das Mass des Intervalls gleich ist dem kleineren, welches der Fall
sein kann, wenn das eine das Doppelte des andern ist, wie 4 und 2,
oder fi und 3, dies nennt man Diapason (Octave)." Und Mahmud
Schirasi sagt in seinem Tractat „Dürret et Tadsch (die Perle der
Krone)": „die edelste der Consonanzen ist die Verdoppelung" d. i.
die Octave. Zur Feststellung dieser Verhältnisse bedienten sich die
Gelehrten, insbesondere der diesen Gegenstand gründlich behan-
delnde Abdolkadir ben Isa der gespannten Saite, die nach gewissen
Mensuren (Messel geheissen) eingetheilt, und hiernach die Quanti-
tät der Intervalle berechnet wurde. Es waren vorzüglich die per-
sischen Theoretiker, die hieran vielen Scharfsinn verwendeten.1)
Neben der Octave gilt den arabischen Musikgelehrten auch die
1) Die sehr verwickelte Lehre vom „Messel", die uns um so verwunderlicher
dünkt, als sie mit unserer Monochordeintheilung eine gewisse Analogie hat,
und dennoch davon gründlich verschieden ist, findet sich sehr gut erläutert
in Kiesewetter's Musik der Araber S. 24 — 37. „Wir vergleichen", sagt der
genannte Autor, „den klingenden Theil der Saite gegen den untern, gedeckten
stummen Theil , und drücken das Verhältniss beider zugleich mit dem Nenner
und Zähler eines gewöhnlichen Bruches aus. Nicht so die Orientalen. Sie
schätzen den klingenden Theil der Saite an und für sich selbst nach einem
Masse, welches sie eben in dem klingenden Theile der Saite suchen und finden.
Dieses Mass wird in der Kunstsprache ihrer Theorie das Messel genannt."
Wer sich gründlich belehren will, nehme das citirte Werk zur Hand.
Arabien. §9
Quarte als consonirend, die Quinte finden einige bedenklich. Die
Terzen gelten für nicht harmonisch. Je leichter das arithmetische
Verhältniss zweier Töne fasslich ist, desto vollkommener wird die
Consonanz. Alan bekommt vor dem Scharfsinn und der ernsten
Forschung der persisch-arabischen Theoretiker Achtung, wenn man
solchen Aussprüchen begegnet. Die geordnete Zusammenreibung
der Töne gibt die Tonarten (Makamat — in der einfachen Zahl
Makamet). Solcher Makamat oder Haupttonarten gibt es nun
zwölf. Hier beginnt freilich der Geist unserer weisen Orientalen
zu schwärmen und jenes wunderliche Combinationssystem, das uns
schon in Hindostan befremdlich begegnete, wird in der umfassend-
sten Weise zur Anwendung gebracht. Mit Zuhilfenahme der soge-
nannten Thabaka entsteht eine ungeheure Zahl von Tonarten oder
eigentlich Scalen , für deren Construetion kein anderes Gesetz und
kein anderer Grund zu finden ist, als die Möglichkeit, jene 17 Drittel-
töne verschieden zu combiniren. Doch bringen die sogenannten
stehenden, unbeweglichen Töne in dieses fluctuirende Durcheinan-
der eine Art Halt und Festigkeit. Die Octave fassen nämlich die
arabischen Musikgelehrten ganz richtig als die Verbindung eines
Tetrachordes mit einem Pentachord auf. Der erste und vierte Ton
des Tetrachords , der (erste) vierte und fünfte Ton des Pentaehords,
oder, wie wir sagen würden, die erste, vierte, siebente und achte
Stufe der Tonleiter sind unveränderlich ; dagegen der zweite und dritte
Ton im Tetrachord wie im Pentachord veränderlich. *) Im Tetra-
chord, oder wie sie es nennen, in der ersten Thabaka statuiren sie
durch abwechselnd combinirte Erhöhungen des zweiten und dritten
Tones um ein oder zwei Drittel Tonhöhe sieben Veränderungen, im
Pentachord auf gleiche Weise zwölf Veränderungen, wobei incon-
sequenter Weise der unveränderliche siebente Ton doch auch einige
Modifikationen erleidet. Da nun die Tonleitern daraus in solcher-
weise zusammengesetzt werden, dass jeder einzelnen von den sieben
ersten Thabaka nach einander die zwölf zweiten Thabaka angehängt
werden, so entstehen durch dieses, allerdings mechanische Verfah-
ren 84 Tonleitern oder Octavenumläufe, aus denen zwölf unter dem
Namen von Tonarten oder Makamat hervorgehoben wurden. Eine
dieser Tonarten (Newa) entspricht so ziemlich unserer absteigenden
Mollscala, eine andere (Uschak) der sogenannten mixolydischen Ton-
leiter des Mittelalters, d. i. der Durscala mit kleiner Septime. Da-
gegen kommen aber auch Missbildungen vor , wie die Tonart Ziref-
kend d X c X h h X g g f% d d-) und andere ähnliche.
Die sechs ersten Combinationen der ersten Thabaka in Ver-
bindung mit den sechs ersten Combinationen der zweiten Thabaka
1) Also D e$fG a h CD.
2) x bedeutet hier die Erhöhung um '/a Ton, $ um a/a Ton. Die Ver-
sinnlichung in den uns geläufigen Tönen ist hier und überall nur annähernd
richtig.
9() Die Anfange der Tonkun.-t.
(in denen beiderseits analoge Erhöhungen vorkommen, z. B. dass
der dritte Ton im Tetrachord und ebenso der dritte Ton im
Pentachord um ' 3 Ton oder der zweite und dritte Ton im Tetra-
chord und Pentachord um 2/3 Ton erhöht ist) geben die ersten sechs
Haupttonarten Uschak (die Liebenden), Newa (Klang), Buselik
(wie der persische Schriftsteller Mahmud von Amud angib nach
einem Lieblingssklaven des arabischen Königs Schetad also genannt),
Rast (die „rechte" oder gerade — recta — Tonart), Irak (Name
Arabiens), Isfahan (bekanntlich die ältere Hauptstadt Persiens).
Die symmetrische Anordnung der Erhöhungen in diesen sechs Ton-
arten zeigt noch immer eine Art System, eine, wenn auch nicht auf
die Naturgesetze im Tonreiche, so doch wenigstens auf eine ver-
standesmässige consequente Operation gegründete Combination der
Tonfolgen — aber in den folgenden sechs Haupttonarten wird uns
auch dieser Trost geraubt, und wenn der arabische Autor des Buches
„der blühende Baum" von der ihm unbekannt gebliebenen Tonweise
Isfahan mit echt orientalischer Resignation sagt: „Gott kennt sie",
so bleibt uns auch nichts anderes übrig, als in diesen Spruch einzu-
stimmen, wenn wir uns lange vergeblich abgemüht haben, den Grund
zu finden, warum z. B. gerade diese und keine anderen Tonfolgen
der sechsten Coinbinationsklasse die Ehre hatten, zu den Tonarten
Reha w i (Stadtname, wo Pythagoras übernachtend diese Tonart erfun-
den haben soll) und Büsürg (der grosse) erlesen zu werden, oder
welcherlei Gründe bei Fesstellung der Tonarten Zirefkend (die
kleine), Sengule (Schelle), Husseini (Klaggesang auf Alis Sohn
der Märtyrer Hussein) und Hidjas (Gegend im steinigen Arabien)
massgebend gewesen sind. Die letztgenannte Tonart enthält nicht
einmal acht Töne, sondern nur die folgenden sieben
d r Y k X g /' X d (I.
Wo möglich noch willkürlicher sehen die sechs Awasat oder
„Schalltöne" aus, Schehnas, 3Iaje, Selmek, Newrus, Gir-
danje und Gu was cht — Combinationen von fünf bis zu neun
Tönen, welche, mit Ausnahme des einer chromatischen absteigen-
den Scala nicht unähnlichen Girdanje, sämmtlich Bruchstücken von
Molodien gleichen, freilich von sehr barocken und unschönen Melo-
dien. Und da nun z. B. Schehnas so viel bedeutet wie der „Königs-
schmeichler", Girdanje „der Tanz" '), Newrus „der neue Tag",
so hat es allen Anschein , als seien diese Formeln aus alten Lieder-
melodien, deren Texte in den Namen dieser Awasat anspielend an-
gedeutet sind, abstrahirt und als stehen sie zu den Haupttonarten
in einem ähnlichen Verhältnisse, wie etwa die alten Formeln des
kirchlichen Psalmengesanges in sogenannten Tropen (primus tonus
1) Hammer- Purgstall übersetzt geradezu „der Walzer".
Arabien. 91
sie ineipit — sie medialur — vi sie finitur etc.), welche auch Melodie-
fragmente sind, zu den die eigentlichen Tonarten vorstellenden
Kirchentönen. Bemerkenswerth ist auch, dass nur die Benennungen
Uschak, Buselik, Irak, Rohawi und Hidjas arabisch sind, Husseini
einem Eigennamen nachgebildet ist, die übrigen Tonartenbezeich-
nungen aber der persischen Sprache angehören. Wenn also nicht
die Tonarten selbst, so rühren doch ihre Namen muthmasslich von
den späteren persischen Theoretikern her. Aus den Tonleitern werden
dann erst -wieder kleinere Viertonreihen herausgeschnitten, welche
Mer heissen. Aus der Octave ergeben sich ihrer fünf (das erste,
zweite u.s.w. Mer), je nachdem man von der Prime, Secunde u. s. w.
zählt, bis zur Quinte, welche der Stammton des fünften und letzten
Mer ist. Diese Tetrachorde sollen, nach Angabe der arabischen
Autoren die Entstehung der Tonarten erklären und ihre Zusammen-
setzung rechtfertigen, es ist aber nicht recht einzusehen wie.
Oleich den Namen der Tonarten sind auch die Namen der rhyth-
mischen Hauptformen bezeichnend: der „schwere" und der „leichte
Strick", der „Pflock" und das „Zwäckchen". ]) Sie konnten nur bei
einem Volke entstehen, bei dem Strick und Pflock, zur Spannung der
Zelte, wie zum Anbinden der edeln Rosse dienend, hochwichtige Be-
sitztümer sind. Der sogenannte lange Strick ist eine einfach gesetzte
Länge, der kurze Strick eine doppelt genommene Kürze, der Pflock
Kürze und Länge verbunden, das Zwäckchen zwei Kürzen und eine
Länge. 2) Die Rhythmik (Ikaa) ist ein gemeinsames Besitzthum der
arabischen Musik und Poetik. Die Metrik, welche damit im genauesten
Zusammenhange steht, reducirt sich auf die denkbar einfachste
Lehre, der Vocal, oder die mit einem Vocal endende Sylbe ist ein kur-
zer oder „bewegter" Laut, die Sylbe dagegen, welche mit einem Con-
sonanten endigt, ist ein langer oder „ruhender" Laut. Die Länge
ist (genau wie in der antiken Metrik) gleich einer doppelt genom-
menen Kürze. Aus diesen Längen und Kürzen werden nun jene
rhythmischen Eüsse des Strickes, des Pflockes u. s. w. combinirt,
und die Comhination dieser Füsse ergibt ihrerseits rhythmische
Hauptschemata — Versmasse , wie man sie nennen muss — von
zwei bis zu 22 verbundenen Längen und Kürzen, für welche die
Araber eigene syllabische Formeln und zum Theil eigene Benen-
nungen haben, z. B. das Versmass „Reml" besteht aus dreierlei ver-
schiedenen Combinationen des leichten Strickes und des Zwäekchens,
ein jedes zweimal genommen. 3) Der gedehnteste Rhythmus ist der
1) Kiesewetter, a. a. O., S 52.
2) Also: — , w w (Pyrrhichius), ^ - (Jambus), ^ w — (Anapäst).
3) Die Formeln dafür sind :
niöf- | täilön | möf | tällon
ten | ten | teneten | teneten |
fäälä- | tön | fäalä- | tön
Mehr solcher Formeln sehe man bei Kiesewetter a. a. O. S. 52.
g2 Die Anfänge der Tonkunst.
sogenannte erste schwere, er besteht aus folgender Combination:
Pflock zweimal, Zwäckchen; leichter Strick, Zwäckchen1), und kann
doppelt genommen werden, wodurch er bis auf 32 Schläge kommt;
denn die Länge gilt zwei Schläge, die Kürze einen Schlag. Das Grund-
mass der Dauer für alles dieses bildet die Zeit (taasif, tewid), die von
der kürzesten (ganz ähnlich dem in der antiken griechischen Khyth-
mik sogenannten Ckronos elachistos) bis zur fünffachen Dauer steigt.
Die einfache, kürzeste Zeit ist wenig gebräuchlich, „denn" sagt Mah-
mud Schirasi, ein persischer Theoretiker aus dem Anfange des
14. Jahrhunderts, „eine zu kurze Zeit ist der Melodie schädlich,
weil der zweite Ton schon eintritt , ehe noch der erste ausgeklungen
hat." Die fünffach genommene Zeit, obschon der weise Al-Farabi
sie noch billigt und als das höchste zulässige Mass bezeichnet,
kommt auch nur wenig in Anwendung, „weil sich" (wie Mahmud
Schirasi meint) „die Erinnerung des ersten Tones verliert, ehe der
zweite eintritt", was für die verklingenden Töne der arabischen
Lauten und Mandolinen allenfalls als eine nicht unrichtige Bemer-
kung gelten mag, aber für Flöten, Schalmeien und andere Instru-
mente, die den Ton gleichmässig zu halten vermögen, oder für den
Gesang keinen Sinn hat. In jenem fest bestimmten Zeitmass haben
die Araber also etwas, das an den integer valor notavum der mittel-
alterlichen Mensuralmusik erinnert. Die Zeiten sind entweder gleich
(hesedj) oder überschiessend (motefaszil muszil oder mofeszal), je
nachdem sie mit den die Längen und Kürzen bestimmenden Schlä-
gen völlig zusammenfallen, oder dass sich auf die Schläge einUeber-
schuss von Zeiten ergibt. Was Mahmud Schirasi darüber lehrt, klingt
allerdings unfasslich genug; wenn er aber sagt, dass drei Schläge
zwischen zwei Zeiten, vier zwischen drei Zeiten, fünf zwischen vier
Zeiten umfasst werden können, fühlt man sich lebhaft an die Pro-
portionenlehre der Mensuralmusik gemahnt, wo durch ähnliche Ver-
hältnisse zwischen dem gleichbleibenden Schlag und der Notengel-
tung Mannichfaltigkeit und eine beschleunigte oder verzögerte rhyth-
mische Bewegung erzielt wurde.2) Ein Arzt Abul Kasim Abbas Ibn
\S —
— ww —
D
mefa - ilon failon mot - tailon.
2) Die Stelle Mahmud Schirasis lautet nach v. Hammer-Purgstall's wört-
licher Uebersetzung (mitgetheilt bei Kiesewetter Seite 50) also: „Die iiber-
schiessenden Schläge beobachten entweder den Cyclus, sodass drei Schläge die
zwei überschiessenden in sich fassen, oder die drei andern fassen zwei Zeiten
in sich, so dass der zweite Cyclus einen Schlag mit dem ersten gemein hat, iind
die vier Schläge sind über drei Zeiten überschiessend, und ebenso die vier.
Alle diese Arten sind aber ausser Gebrauch, weil sie zu schwierig sind und die
Comopsition verderben: man nennt sie motefaszil muszil. Die zweite über-
schiessende nennt man mofeszal, und dieses beobachtet entweder der Cyclus
oder nicht — dieses letztere wäre verwerflich, jenes hingegen umfasst drei
Schläge zwischen zwei Zeiten, oder vier zwischen drei Zeiten, oder fünf zwi-
schen vier, oder sechs zwischen fünf Zeiten. Ein Mehreres wäre verwerflich;
man nennt es das erste, zweite, dritte, vierte Mofessal" u. s. w.
Arabien.
93
Firnaz, der im 9. Jahrhunderte in Andalusien lebte, soll nach der
Versicherung des Geschichtsschreibers Al-Makkari ein Instrument
zur Bestimmung des musikalischen Zeitmasses erfunden haben,
M-elches „al minkalah" genannt wurde. 1)
Entwickelte sich die Musik der Araber, nachdem diese von
Persien dazu die Anregungen her erhalten, in so ganz eigenthüm-
licher und in ihrer Art reicher Weise, so geschah zu Anfang des
10. Jahrhunderts ein merkwürdiger Versuch, an die Stelle des bereits
Gewonnenen die antike griechische Musiklehre zu setzen, ein Ver-
such, der an den Bestrebungen der Hellenophilen des 16. Jahrhun-
derts gegenüber der europäisch-abendländischen Musik ein Seiten-
stück findet, Als Reformator trat auf der berühmte Philosoph , der
zweite Aristoteles, wie ihn die Bewunderung der Araber nannte,
der „Scheich", der grosse Meister, dessen Ruhm auch in's christliche
1) Kiesewetter weist (S. 54) auf das Metronom hin. Ob das „al minkalah"
irgendwelche Aehnlichkeit mit dem Apparate Mälzel's hatte, muss freilich da-
hingestellt bleiben. Einen Taktmesser könnte man es schon darum nicht
nennen, weil bei dem Combinationsprincip jener arabischen Metrik von einem
gleichmässigen Takte keine Rede sein kann. Einen interessanten Beleg dazu
gibt ein in der Tonart Husseini stehender rhythmischer Gesang von Abdol-
kadir ben Isa, der von Kiesewetter als „vielleicht einzige Probe einer Ori-
ginalmelodie der alten Schule" mitgetheilt wird, und der als ehrwürdige
Antiquität auch hier eine Stelle finden möge.
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Etwas von dem emphatisch deklamatorischen Tone dieses alterthümlichen
Gesanges und von seiner ganzen Art, sich innerhalb einiger Töne gleich-
massig zu bewegen, lebt, wie mich dünkt, in den mahomedanischen Ritual-
gesängen noch heute fort, wozu freilich Schnörkeleien und Gurgeleien jeder
Art kommen. Man vergleiche weiterhin die Proben davon. Urthümliche
religiöse Gesänge (den gregorianischen Kirchengesang nicht ausgenommen)
haben alle einen gewissen verwandten Zug untereinander, der Grund liegt
wohl darin, dass das religiöse Gefühl eine gleichartige Grundlage der verschie-
densten Völker- und Cultusformen und dem Menschen überhaupt angeboren ist.
94 Die Anfänge der Tonkunst.
Europa herüberdrang, wo ihn die mittelalterlichen Schriftsteller als
„Alpharabius" citirten — jener schon genannte Farabi oder Alfarabi
— oder eigentlich mit seinem ganzen Namen Ebu Nassr M oha-
med Ben Tarchan el- Farabi, geboren in der zweiten Hälfte des
9. Jahrhunderts zu Farab (Otrar), gestorben um das Jahr 950.
Alfarabi, ein vielseitiger, reicher Geist, von tiefer Gelehrsamkeit und
grossem Scharfsinn, war unter andern auch ein genauer Kenner des
Griechischen, mit den Schriften des Euklid und Aristoxenos ver-
traut, und nebstbei als trefflicher Lautenspieler auch in der practi-
schen Musik wohl erfahren. Er fand in der Musik seiner Lands-
leute viel Irriges, und schrieb sein berühmtes Buch über Musik ganz
im Sinne der alten griechischen Autoren, so dass er für die Ton-
arten sogar die alten griechischen Benennungen beibehielt, das
System der Tetrachorde annahm u. s. w. Er tlieilt die Musik, nach
griechischer Weise in theoretische und praktische ein und definirt sie
fast wörtlich so wie Aristides Quiutilianus , als Kenntniss des voll-
kommenen Gesanges und was dazu gehört. Auch seine Definition
des Rhythmus als „Aufeinanderfolge der Töne in durch Verhältnisse
begränzten Zeiten" ist ganz im Geiste der griechischen Theoretiker
gedacht. Aber bei aller Verehrung für den „Meister", und ungeach-
tet ihn die arabische Sage zum musikalischen Wunderthäter und
Zauberer gemacht hat — Alfarabi drang mit seiner Reform nicht
durch. Wie die Musikschriftsteller des Alterthums gerne Pythago-
ras nennen, so lieben es die arabisch-persischen Musikschriftsteller,
ihren verehrten Alfarabi zu nennen, aber auch nur zu nennen; denn
seinen hellenisirenden Theorien bleiben sie fremd und was auf den
ersten Anblick verwandt scheint, zeigt sich bei genauerer Prüfung
gründlich verschieden. Die arabische Musik war bereits allzusehr
entwickelt und in allzu lebenskräftiger weiterer Entwickelung be-
griffen, als dass sie, die ein wesentliches Bildungselement der Na-
tion geworden, durch einen Machtspruch hätte beseitigt und ein
fremdes an ihre Stelle gesetzt werden können. Nur gewisse astro-
nomische Träumereien über die Beziehung der Töne auf Planeten,
Himmelszeichen , Elemente u. s. w. scheinen unter griechischem
Einflüsse hervorgerufen und zwar unmittelbar durch Ptolemäus, des-
sen astronomisches Hauptwerk die Araber bekanntlich als „Abna-
gest" übersetzten , und der in seiner Schrift über Musik über das
vermeinte Verhältniss der Töne zu den Planeten u. s. w. umständ-
lich handelt.
Mit dem Anfange des 14. Jahrhunderts traten plötzlich zahlreiche
persische Musikschriftsteller auf. — Einem geistvollen und lebhaften
Volke angehörend, arbeiteten sie die arabische Musiklehre mit grossem
Scharfsinne bis in's Spitzfindige hinein aus. Die Lehre von den
Tonarten, die Rhythmik, die Bestimmungen der Tonverhältnisse
wurden fein und sorgsam durchgebildet, besonders erfreute sich die
Lehre vom Messel einer höchst fleissigen Bearbeitung und scharf-
Arabien. 9")
sinnigen Behandlung, wobei unter anderm auch die bis dahin unter
die Dissonanzen gezählte grosse und kleine Terz als Consouanz an-
erkannt wurde. Freilich war es vorzugsweise der mathematische,
und, wenn wir es so nennen wollen, philosophische Theil der Mu-
siklehre, dem die Perser sich zuwendeten, für die practische Musik
hatten also ihre Traktate, so viel Geist und Scharfsinn sie daran
wendeten, doch nur mittelbar Nutzen und Brauchbarkeit. Be-
merkenswerth ist es übrigens, dass der als Stifter der „persisch-ara-
bischen Schule" genannte Gelehrte Shaffieddin Ab do Im um in
Ben Fachir el Ormevi el Bagdad i1) von Geburt gar kein Per-
ser, sondern ein Araber war. Sein unter dem Titel Schereffije be-
kanntes Buch (also genannt nach Scherefeddin Harun, für den es ge-
schrieben war) konnte an Berühmtheit und Autorität mit dem Werke
Alfarabis wetteifern. An ihn schlössen sich die Perser Ebul
Feredsch, Ali ben Hassan aus Ispahan (Verfasser des Buches:
„Die Ergötzung der Könige und Vornehmen in dem Erkennen der
Sängerinnen und der Musik), Musa Rüstern Ben Seijar (Ver-
fasser der Abhandlung „der Ausbund der Kreisläufe-) im Begehren
der Geheimnisse"), der schon genannte Encyclopädist Mahmud
Schirasi, Mahmud von Amul u. a. Auch in Spanien traten um
diese Zeit nennenswerthe Musikschriftsteller auf — als: der Wesir
LisaneddinBen el Chatib, der aus Alpuxarra gebürtige Moham-
med ben Ahmed ben Habr u. a. Die persische Schule Hess
eigentlich nur vier Haupttonarten gelten: Uschak, Rast, Husseini
und Hidjas — alle anderen sollten sich auf diese vier zurückführen
lassen; trotzdem blieben sie bei der alten Eintheilung der 12 Ma-
kamat und 6 Awasat: ja, sie bereicherten das System mit noch 24
sogenannten „Schaabe" d. i. Zweigen, welche Ausschnitte und Frag-
mente aus den Tonleitern sind, und zum Theil aus nur wenigen Tö-
nen bestehen. So bildet die erste und zweite Stufe, oder vierte und
fünfte, siebente und achte Stufe der Tonart Uschak die Zweigton-
art Dugjah u. s. w. Die merkwürdigste ZAveigtonart ist Mahur,
welche bis auf die etwas zu hohe Septime unserer Durscala gleich-
kommt. Ueberhaupt aber war die Schule an Distinctionen , Divisio-
nen und Subdivisionen ungemein reich, und ihre „starken" und
„gelinden Gattungen", die jede wieder in „ordnende, formende und
färbende" zerfallen, welche letztere wieder in „heftige, massige und
schwache" subdividirt werden, wozu denn auch eine endlose Menge
mikroscopisch fein bemessener Intervalle dienen muss, geben an
Spitzrindigkeit den „Schattirungen" der griechischen Theoretiker
nicht das Geringste, nach.3) Indessen war man einsichtsvoll und
ehrlich genug, die practische Unbrauchbarkeit solcher Feinheiten
1) Kiesewetter nennt ihn den „Zarlino der Orientalen".
2) Um el edwar Kunde der Kreisläufe (d. i. Tonleitern) bedeutet so viel
als Musik.
3) Kiesewetter, a. a. O. S. 43.
Qß Die Anfänge der Tonkunst.
gewissermassen anzuerkennen, wie schon aus dem Umstände erhellt,
dass die Tonleitern durch eine Reihe ganz bestimmt vorgeschriebener
Griffe auf der Laute für jede derselben erklärt werden, also eine
bestimmte Tonhöhe für jede davon festgesetzt erscheint. Wichtiger
war es, dass die persischen Theoretiker über die Art eine Tonart in
die Quarte oder Quinte zu transponiren handelten — eine Opera-
tion , die den früheren arabischen Autoren fremd war. Durch die
Transponirung in die Quarte oder Quinte verschwand das Wesent-
liche einer Tonart aber so wenig, als es bei den Kirchentönen der
Fall ist, weil jenes Wesentliche nicht auf der Tonhöhe, sondern
auf der Intervallenfolge beruhte.
Interessant ist es zu sehen , wie die Perser auch auf Ausdruck
und Stimmung der Färbung Rücksicht zu nehmen anfangen. Der-
gleichen taucht in der Musikgeschichte überall auf dem Punkte
auf, wo die Theorie des Tonmaterials ihre Arbeit zu etwas Rundem
und Abgeschlossenem gebracht hat — freilieh aber vorerst nur in
DO
den allgemeinsten Umrissen und Andeutungen. Als zu Ende
des 15. Jahrhunderts die Theorie der europäisch -abendländischen
Musik ein geordnetes Ganze heissen durfte, gab Franchinus Gafor
den Tonsetzern (aber gleichsam nur beiher) den Rath, auch den
Ausdruck zu beachten „der Tonsetzer denke daran den Gesang den
Worten anzupassen, so dass, wenn vom Verlangen nach Liebe oder
Tod oder von irgend einer Klage die Rede ist, er nach Art der Ve-
netianer möglichst klagevolle Töne wähle und setze. Ein Gesang
im vierten oder sechsten Tone, oder auch wohl im zweiten wird
nach meiner Meinung dazu besonders tauglich sein, weil diese Töne
etwas Abgespanntes haben, also eine solche Wirkung leicht hervor-
zubringen vermögen. Wo es sieh um Worte des Zornes und hefti-
gen Vorwurfs handelt, sind rauhe harte Töne angemessen, derglei-
chen man insgemein dem dritten und siebenten Tone zuschreibt.
Worte des Lobes oder der Mässigung verlangen mittlere Töne, wie
sich solche schicklich im ersten und achten Tone finden." *)
Ganz ähnlich klingen nun die Lehren, welche die persischen
Theoretiker dem Tonsetzer geben. Wenn er ein Gedicht in Musik
zu setzen habe, solle er es sich angelegen sein lassen, diejenige
Tonart dafür auszuwählen, welche zu dem Inhalt der Worte am
1) Studeat insuper cantilenae compositor cantus suavitate cantilenae verbis
congruere, ut quum de amoris vel mortis petitione autquavis lamentatione fue-
rint verba, flebiles pro posse sonos (ut Veneti solent) pronunciet et disponat.
Huic et plurimum conferre existimo cantilenam in quarto et sexto tono seu
etiam in secundo dispositam, qui quidem toni, cum remissiores sint, noscuntur
hujusmodi effectum facile parturire. Quum vero verba indignationem vel in-
crepationem dicunt, asperos decet sonos et duriores emittere, quod tertio ac
septimo tono plerumque solitum est ascribi. Verum laudis et modestiae verba
medios quodammodo sonos expetunt, primo atque octavo tono quam decenter
inscripta (Mus. pract. III. 15).
Arabien. 97
besten passt. Denn einige Tonarten erwecken in der Seele Tapfer-
keit, Lust und Fröhlichkeit, als Uschak, Newa und Buselik; sie
passen daher vorzüglich für Türken, Aethiopier und die persischen
Gebirgsbewohner. Rast, Newrus, Irak und Isfahan sind von ruhiger
gemässigter Wirkung, daher eignen sie sich für Leute von ruhigerem
Gemüthe, besonders für Bewohner gemässigter Landstriche. Bü-
surg, Rohawi, Zirefkend, Sengule und Husseini sind schwach,
traurig und wirken abspannend.1)
Bald nach der Periode der persischen Theoretiker tauchte ein
neues Tonsystem auf, dessen Eindringen und Verbreitung in Persien
durchaus räthselhaft erscheint- — es ist das System der sieben ganzen
und fünf halben Töne, wie es sich auch in Europa festgestellt hat und
die Grundlage unserer Tonkunst bildet. Die Vermuthung Kiese-
wetter's, dass es im 13. und 14. Jahrhundert durch Missionäre oder
europäische Gesandtschaften nach Persien verpflanzt worden sein
möge, ermangelt wenigstens der positiven Bestätigung. Missionäre
und Gesandte hatten im Orient schwerlich Zeit und Lust Musiklehrer
abzugeben. Und hätten die Orientalen, welche eine eigene reiche
Musikliteratur aus der Feder ihrer berühmtesten Weisen txnd Ge-
lehrten und eine bunte lebhaft betriebene Musikübung seit Jahr-
hunderten besassen, den Lehren der verachteten Ungläubigen Gehör
geliehen? Freilich hat ein Theoretiker augenscheinlich zur Nach-
ahmung des Cesolfaut, Delasolre u. s. w. der Solmisation die Na-
men Alif-mim-lam, Be-fin-sin, Gim-fad-dal u. s. w. zusammen-
gesetzt.2) Glaubhafter möchte sein, dass neben der tiefsinnigen
Arbeit der gelehrten Zunft in der Studierstube, es die ungelehrten
praktischen Musikanten, die wenig oder gar nicht geachteten Spiel-
leute, welche ihrerseits auch wieder nicht Zeit, nicht Lust, ja
nicht einmal die nöthige Bildung dazu hatten, die Traktate eines
Schaffieddin und anderer Philosophen zu studieren, gewesen sind,
welche, indem sie täglich ungenirt und kunstlos darauf losmusizir-
ten, Melodien nachspielten und neue erfanden, wie sie eben ver-
mochten , auf dem Wege der Uebung wie von selbst auf den rech-
ten Weg kamen und das Richtige wie zufällig fanden. Dieses
Verhältniss der Tongelehrten und der Musikanten zeigt sich ja in
sehr analoger Weise auch im mittelalterlichen Europa, und wie wir
aus Glareanus wissen, besassen die Pfeifer und Geiger bereits
die einfache Moll- und Durscala, während die Gelehrten noch
stritten, ob es acht, zwölf oder fünfzehn Tonarten gebe.3) Nach
1 ) Kiesewetter a. a. 0. S. 46.
2) A a. O. S. 22.
3) Nempe de duodecim priscorum mnsicorum modis ut diguam tractationem
nostrae aetatis hominibus ostendamus docemusque non temeie initio horum li-
brorum Dodecachordon hanc commentationem a nobis appellatam. Multis
sane eruditis viris hac tempestate napddo^ov visum est cum de duodecim modis
a nobis fieret mentio, qui ipsi octo dumtaxat novant, alii tres etiam sufficere
clamitant, ut, re, mi, quemadmodum ludionum vulgus habet. (Do-
Arabros, Geschichte der Musik. I. '
98 Die Anfänge der Tonkunst.
Villoteau's Mittheilung bedienen sich die arabischen Musikanten
in Aegypten nachstehender Tonleiter:
Rast. Dukah. Sikah. Girkeh. Navae. Husseini. Erak. Kirdan.
Die Töne der tieferen Octave werden durch den Zusatz
Kab, die der höheren durch den Zusatz Gawab bezeichnet, z. B.
Kab -el- rast, Kab -el- dukah u. s. w. Wird ein Modus auf eine
andere Tonstufe transponirt, z. B. auf die dritte, so heisst dieses
dann Rast des Sikah u. s. w. Jeder Ton heisst „Bordah", da-
zwischen steht ein „halber Bordah". Der Autor des „blühenden
Baumes" sagt: „ein halber Bordah steht zwischen einem Bordah
und dem folgenden — wisse auch, dass der halbe Bordah, von dem
wir eben gesprochen, die Hälfte eines Tones ist; das ist schwer
mit der Stimme auszuführen, aber wenn man ein Instrument zu
Rathe zieht, wird man die Richtigkeit erkennen, denn auf einem
Instrumente kann man zwischen zwei Tönen zwei oder drei andere
hervorbringen: begreife dieses, und du wirst auf gutem Wege sein."1)
Allein dieser in der That gute Weg führte weder den ausüben-
den Musikus, der sich über die Halbbildung einer im Grunde doch
nur barbarischen Kunstübung nicht zu erheben vermochte, zum
Ziele, noch den Theoretiker, der das glücklich Gefundene durch
orientalisch -phantastische Auffassung trübte. Wie der Hindostaner
in jedem Tone ein belebtes mythisches Wesen erblickt, so gestal-
tet sich der lebhaften Phantasie des Arabers der Zusammenhang
der Töne zu dem Bilde eines Baumes, der aus der Wurzel sprossend
sich in Aeste und Zweige theilt. Von der Hauptwurzel Rast (Z>)
gehen drei andere Wurzeln oder Stämme aus , die nächst angränzen-
den Töne jjrf, <% f. Jeder dieser Stämme theilt sich in zwei Aeste
(seine Ober- und Unterterz), so dass zu der Wurzel d die Aeste TLf
und /;, zur Wurzel Tu/ oder pe die Aeste g und //, zur Wurzel e
die Aeste fjig und c, zur Wurzel f endlich die Aeste a und \}d gehören.
Nach der aufsteigenden Reihenfolge geordnet, ergeben diese Töne
die Reihe e \?d \d Pefjlfg ug et b, h — das heisst die chromatisch
aufsteigende Scala bis zu der nächsthöheren Octave. Jeder dieser
decachordon II. 1.) — quemadmodum hoc quoque tempore tibicines fidicines-
que in usu habent. Sex enim modos: Ionicum, Hypoionicum, Lydium, Hy-
polydium, Mixolydium, Hypomixolydium in /// modulantur. Quatuor vero: Do-
rium, Hypodorium Aeolium,Hypoaeolium, et si addere licet Hypermixolydium in
re. (ibid. II. 11) Das heisst mit andern Worten: die praktischen Musikanten
bedienten sich der Dur- und Mollscala, ersterer von C, letzterer von D aus.
1) Villoteau, a. a. 0. Die Zeichen 3 und V in der folgenden Darstellung
sind nur andeutende Nothbehelfe.
Arabien. 99
Töne bezieht sich auf die Elemente, als den Grundstoff aller Dinge,
auf die zwölf Himmelszeichen , die Planeten und die Tage und
Nächte der Woche. „Die Verschiedenheit der Elemente", sagt der
Autor des Blütenbaumes , „ist folgende und genau dieselbe ist auch
die Verschiedenheit der vier Wurzeln. Das Feuer, als das erste
der Elemente, ist warm und trocken, es gehet in die Luft über, welche
warm und feucht ist, dann in Wasser, Avelches kalt und feucht ist,
und endlich in Erde, die kalt und trocken ist."1) Dem Feuer oder
dem Trocknen und Warmen entspricht die Wurzel Rast, sie ent-
spricht zugleich dem cholerischen Temperament und dem Himmels-
zeichen des Widders. Die folgende Wurzel Erak (&/ oder V e) ist
analog der warmen und feuchten Luft, dem sanguinischen Tempera-
ment und dem Himmelszeichen des Stieres, die dritte Wurzel Ziref-
kend (r) gleicht dem Wasser, dem phlegmatischen Temperament
und dem Zeichen der Zwillinge, die vierte Wurzel Isfahan (/') da-
gegen der Erde, dem melancholischen Temperamente und dem Zeichen
des Krebses u. s. w. — die „Aeste" haben gleiche igenschaft mit
ihren „Wurzeln."2) Hier zeigt sich der Grund der angeblichen Ver-
wandtschaft jener „Wurzeln" und „Aeste", der freilich ein ganz ausser-
musikalischer ist. Da nach der Reihenfolge der Elemente das Feuer
nebst der Wurzel Rast wieder in der Tonreihe auf jj/' und b trifft,
so werden diese drei Töne als zusammengehörig angesehen und
ebenso bei den übrigen.
Die grösste Confusion riss mit dem neupersischen Tonsysteme
in der Lehre der Tonarten ein. Die heilige Zwölfzahl der Makamat
und der sechs Awasat wurde beibehalten, aber die ersteren sind gar
keine Tonleitern mehr, sondern aus mehr oder weniger Tönen zu-
sammengesetzte Phrasen, deren jede nach der Höhe und Tiefe zu
zwei andere Tongebilde als Zweigtonarten entsendet. Ein anony-
mer, von Kiesewetter im Auszuge mitgetheilter persischer Autor
beschreibt umständlich jeden Tonschritt einer jeden Tonart — Rast
z. B. „fängt in yek (den ersten Ton) an, geht von da in's untere
lieft (den siebenten Ton) in's untere schesch (den sechsten Ton),
dann nochmals in's untere lieft und dann in's yek, wo sie bleibt."
Den Sinn der so beschriebenen Phrase c, b, a, b, c als Tonart zu
fassen, ist allerdings eine unlösbare Aufgabe. — Aehnliche melodische
Phrasen bilden die Tonart Irak (d c d r &), die verwandten Ton-
arten Uschak, „die verliebte" (a g /' e) und Newa (f e des c), welche
letztere mit ihrem Halbtone (/>) als Fortsetzung der „verliebten"
anschliesst. Keine dieser Tonarten erreicht den Umfang einer
1) Uebereinstimmend sagt Piaton imTimäos: ylyve&tttl rs ix nvQog atjQ, t|
ut(JO£ vS(OQ. Der Zusammenhang dieser Anschauungen unterliegt wohl keinem
Zweifel. Aehnliehes auch hei de Muris, Summa Musicae XIV (s. Gerbert,
script. III. S. 217).
2) Alles Vorstehende ist dem „blühenden Baume" entnommen.
7*
100 Die Anfange der Tonkunst.
Octave, selbst die zwei ausgedehntesten Buselik und Hussein! er-
strecken sich nicht über eine Quinte. Die zugehörigen Lauttonarten
haben wieder Beziehungen auf Planeten, so Girdanije auf den Mond,
das Kalte und Feuchte, Selmeck auf den Mars, das Warme und
Trockene u. s. w.
Jenes eigenthümliche Commando, mit dem der vorhin erwähnte
Perser die Tonarten erläutert, musste auch die Dienste einer Tonschrift
leisten, z. B. wird eine Melodie der Tonart Zirefkend also beschrieben :
„nimm den Ton vier, steig' herab in den Ton drei, von da gehe in
den Ton sechs, dann schnell herab durch alle Töne bis zum Ton
zwei; dort mach' eine Pause; dann steig' wieder in den Ton drei;
schliesse im Tone zwei".1) Diese lebhaft an ein Kochbuch erin-
nernde Manier der Versinnlichung wurde durch gezeichnete Kreise,
mit einbezogenen Linien, auch wohl durch Zuhilfenahme von Farben
unterstützt. In den Manuscripten der neueren Perser, erscheint der-
gleichen nicht selten. Die älteren Theoretiker bedienten sich zur
Xamhaftmachung der Töne der Zahlen 1 bis 18, für die höhere
Octave 18 bis 35.
Vor etwa 150 Jahren kam Demetrius von Cantemir auf den
Einfall, die Buchstaben des arabischen Alphabets zur Bezeichnung
der Töne zu verwenden. Die orientalischen Musikanten haben aber
auch von dieser Erfindung keinen Gebrauch gemacht, da es ihnen
genügt, eine Anzahl von Melodien auswendig zu wissen, als ein
Capital, das ihnen Zinsen an Geld und Beifall tragen muss. Von
Harmonie haben sie ohnehin keinen Begriff, sie erscheint den Orien-
talen als etwas nicht blos Ueberflüssiges, sondern auch Störendes.
Das bei der Doppelflöte der ägyptischen Fellah (dem Argul) die eine
Röhre wie ein Orgelpunkt, oder besser wie ein Dudelsack zu der
Melodie der andern Flötenröhre mit bourdonirt, kann keine Harmo-
nie vorstellen.
Die arabischen Melodien sind mitunter nicht ohne einen ge-
wissen fremdartigen Reiz, doch öfter noch sind sie rohe, ungeschickte
Gebilde einer kaum halbcultivirten Kunstfertigkeit. Oft auch werden
sie mit bunten Gurgeleien und allerlei Coloraturen so verschnörkelt,
dass die eigentliche Melodie darunter fast völlig verschwindet.
Manches erhält durch den Localton der Umgebung etwas eigenthüm-
1) De la Borde Essai. Dalberg entziffert das Recept folgenderruassen:
4 3 6 2 3 2
i
^^
was Kiesewetter (da nicht die A-moll-Tonleiter, sondern die Durtonleiter die
ursprüngliche ist) folgender Art berichtigt:
m^^^^mmm^
Arabien.
101
lieh Anziehendes, der gesungene Ruf des Mueddin zum Gebete,
vom Balkone des hohen Minarets, ist nach der Versicherung der
Reisenden seltsam feierlich und phantastisch zugleich anzuhören,
mit seinen abwechselnd gehaltenen Tönen und bunten Läufen und
Trillern. A cimlich in der Stimmung, aber einfacher und des Colo-
raturgeschnörkels entbehrend ist das Singen des Alkorans und der
Gesang der Derwische; diese Ritualgesänge haben alle etwas Feier-
liches1) und Ergreifendes, ein bis zum Leidenschaftlichen energi-
sches Gefühl einer tiefen, aber nicht geklärten Religiosität spricht
sich darin in sehr charakteristischer Weise aus. Die Begräbniss-
gesänge sind düster, eintönig, trauervoll. Die Kriegsmärsche
drücken eine wilde Aufregung aus und haben etwas barbarisch
Trotziges in dem regellosen Gange ihrer Melodie. Das Rudern,
Wasserschöpfen u. s. w. wird mit Gesang begleitet, dessen Rhyth-
mus den Bewegungen der Arbeit entspricht. Machen die Nilschifte
Abends Station, so setzen sich die Schiffsleute am Ufer im Kreise
auf den Erdboden nieder und führen händeklatschend ihren Ge-
sang aus, während einer mitten im Kreise tanzt. Soll der Gesang
recht schön sein, so muss er in einem gewissen näselnden Tone vor-
getragen werden. Den Rhythmus mit Händeklatschen anzugeben
ist noch jetzt, wie einst in der uralten Zeit üblich, sie haben ein
eigenes Wort und nennen es „Schaks".
Eine kleine Auswahl von Melodien möge hier die unmittelbare
Anschauung ihrer Eigenthümlichkeiten vermitteln 2) :
Massig bewegt.
No. 1.
(Villoteau.)
Xo. 2.
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(Jomard.)
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U-JU-=:
1) Sie mahnen auffallend an die Synagogengesänge der Juden.
2) Wer mehr davon kennen zu lernen wünscht, rindet einen ziemlich
bedeutenden Vorrath im 14. Bande der Description de l'Egypte, in Lane's
aecount of the manners and customs of the modern Egyptians, und in De la
Borde, Essai sur la musique.
102
Die Anfänge der Tonkunst.
No. 3.
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(Villoteau.)
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etc.
No. 4.
Oboeumelodie ■ Braullied.
(Villoteau.)
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No. 5.
Marsch.
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(Villoteau.)
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Arabien.
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No. 6.
Gesang der Ruderer.
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No. 7.
Beim Wasserschöpfen in Esneh.
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yaal-lah om-my Be - da - wy
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No. 8.
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(In Keuneh.)
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No. 9.
Bettlerlied aus Kairo.
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Gesang
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eines Fakirs aus Girgeh,
(Villoteau S. 241.)
104
Die Anfänge der Tonkunst.
No. 10.
Begräbnissgesäuge. a)
(Villoteau S. 211.)
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lah-el-la - Iah moha- med rasulal - Iah
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Ruf /.um Gebete.
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(Villoteau S. 192.)
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Arabien.
105
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Morgengesaog des Mueddin. (Villoteau S. 194.)
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Iah - el allah!
Su-be-han al - Iah a - ba-tly el a
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106
Die Anlange der Tonkunst.
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su-be-han al - Iah.
Singweise des Korau.
(Lane.)
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minar rah - manir rahhi-mi
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T— ß-ß #r— •
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ma - liki you mid din Ey - a ka - na - bu - du - wa
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i ya ka - ne - sta in Ih - di na - si ra - tal
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musta kima si
ra-ta le zina an am ta a lei him
Arabien.
107
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ghiril niug du bi a lei him walad da
Hin A - min.
Gesaug der Derwische.
(Lane.)
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La il
a - ha il lal'
Iah
ha il
laha il lal'
Ganz interessant ist es, zu sehen, wie sicli die Araber, wenn
ihnen einmal eine europäische Melodie in die Hände fällt, solche
nach ihrer Weise umgestalten. Das bekannte französische Liedchen
Marlborough s'en va t'en guerre aus dem Anfange des vorigen Jahr-
hunderts, ist zu einem arabischen Gesänge zurechtgemacht worden:
No. 1 ist ein Liebeslied, wie es die „Alatyeh'*, d. i. die Musiker von Pro-
fession zu singen pflegen , „o du , die ein Blumengewand trägt und einen Gürtel
von Cachemir u. s. w." (mitgetheilt von Villoteau descr. de l'Egypte XIV. Bd.
S. 135. Das Lied steht auf der dritten Tonstufe Sikkah.)
No 2 ein Liedchen, das Hr. Jomard, Mitglied der Akademie, aus Aegypten
mitgebracht hat. Beide Gesänge sind von natürlichem Tonsinn eingegebene
Melodien.
No. 3 ist ein Liebeslied im Modus Nawa: „mein Lieb^er trägt einen
Hut" u. s. w. Die Melodie ist mit dem ganzen Uebermasse orientalischen Ge-
schnörkels ausgestattet. Auch Fe'tis (biogr. univ. des musiciens) sagt: „l'exces-
sif emploi des ornements et la division d'echelle par des tiers de tons donnent ä
cette chanson le charactere de la musique arabe dans toute sa purete'." Kiese-
wetter meint dagegen: „diese sogenannten Verzierungen seien nur eine einge-
lernte Unart der heutigen arabischen Sänger in Aegypten."
No. 4. Melodie welche zum Brautzuge auf Oboen (Zamr) gespielt wird;
auffallende Keminiscenz an Meyerbeer's Rataplan aus den Hugenotten (oder
vielmehr umgekehrt.) Die zwei ersten Takte sind Vorspiel.
No. 5. Marschmelodie, mit welcher Behörden und Volk von Kairo dem
von der syrischen Expedition heimkehrenden Napoleon entgegenkamen. Die
Melodie spielten Oboen , wozu Trommeln aller Art den Rhythmus schlugen.
No. 5. 6. 7. 8. Gesänge beim Arbeiten.
No. 9. Bettlergesänge.
No. 10. Gesänge bei Beerdigungen: ä) für Vornehme; b) für den Mittel-
stand; c) für gemeine Leute.
108
Die Anfänge der Tonkunst.
Original.
Arabische Bearbeitung
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Die Türkische Musik hängt, wie die relative Cnltur der
europäischen Türken überhaupt von dem arabisch - sarazenischen
Wesen ab. Wir finden daher auch in der Musik dieser Völker,
wie auch in jener der Syrer, Armenier, der Jezidi (von der Layard
Proben mitgetheilt hat) überall ein sinnlich üppiges Schwelgen in
unbestimmten, wenig scharf ausgeprägten, in einander verschwim-
menden Tönen und überreich und phantastisch angewendeten Co-
Arabien.
109
loraturen. Doch sollen die persischen Melodien etwas gehaltener
sein als die eigentlichen arabischen. Folgende Melodienpro ben
lassen (trotz des etwas barbaristischen ►Schlusses beider nnd der
hastigen, unvermittelten Intervallschritte der zweiten Melodie) den-
noch Musikanlage erkennen
(Nach Chardin.)
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(Nach Ouseley.)
fijjuqj^terft^?fy|
Derlei Melodien sind Liebeslieder, wie sie die „Mutreb", die wan-
dernden Sänger zur* Laute Barbit, oder zur Harfe Chenk singen.
Gegen das einfach Ausdrucksvolle dieser Weisen contrastiren die
Gesänge der den Persern tiefverhassten „Tenfelsanbeter" der Jezidi
im benachbarten Kurdenlande, welche in ihren Sehnörkeleien nnd
ihrem langathmigen Halten arabischen Einrlnss erkennen lassen,
z. B. nachstehender Gesang der Priester:
(Nach Lavard.)
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110
Die Anfänge der Tonkunst.
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In manchen türkischen Liedern ist ein gewisser, nach der
europäischen Musik hingewendeter Zug zu spüren, wie in dem von
Villoteau mitgetheilten :
(nach Villoteau.)
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(Harmonisirt v. A. W. A.)
Arabien.
111
Was dieser Melodie den so sehr fühlbaren Unterschied gegen
die arabischen, persischen u. s. w. gibt, ist das deutlich durch-
blickende Gefühl einer Tunart im Sinne europäischer Musik, der
Hauptbedeutung von Grundton, Terz und Quinte, des Subsemito-
niums u. s. w. Sie klingt daher auch beinahe wie europäische
Musik. Aber bei anderer Gelegenheit tritt das asiatische Element
mit aller Kraft zu Tage, z. B. in dem in der türkischen Musik höchst
beliebten Schritt von der kleinen Terz zur übermässigen Quarte, wie
in folgendem türkischen Liede
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iE
m^=F^=
^6E5gfeJE3Ep
(mitgetheilt von August v. Adelburg.)
Und liegt in den peinlich sonderbaren, ohne Ende und Ziel
herumtaumelnden Gängen jenes Liedes nicht etwas vom türkischen
Nationalcharakter'? Etwas, das an träges Haremleben und wilde
Grausamkeit zugleich mahnt? Ein Volk, bei dem man Melodien
112
Die Anfänge der Tonkunst.
dieser Art als Nationalgesänge zu hören bekommt, ist noch sehr
weit von europäischer Cultur ! ])
Wichtiger als durch ihre Theorie sind uns die Araber durch
ihre Musikinstrumente geworden, die Lauten, Mandolinen, Gui-
tarren, ferner unsere Oboen, unsere Trommeln und Pauken sind
directer arabischer Abkunft — und die Geigeninstrumente sind
zwar nicht erst durch das arabische Geiglein Rebec, zur Zeit der
Kreuzzüge, in Europa bekannt geworden (denn schon im 8., 10 und
11. Jahrhundert kommen Abbildungen von Bogeninstrumenten vor,
und Constantinus Africanus im 11. Jahrhundert spricht von der
„Fidula" und „Rotta" wie von allbekannten Instrumenten), aber
die Annahme des Rebec durch die Trouveurs hat zur Verbrei-
tung dieser Gattung Instrumente sicher viel beigetragen. Bei
vielen Instrumenten (der Laute u. s. w.) wird der arabische Ursprung
schon durch die Etymologie ihrer Namen bezeugt.
Die Krone der arabischen Instrumente ist die Laute, welche in
ihrem Bau völlig der im christlichen Europa seit erst etwa einem
Jahrhunderte ausser Gebrauch gekommenen gleicht. Die Araber
nennen sie l'eud oder el'eud, das heisst buchstäblich „Holz" und
zwar Aloenholz. Durch die Bekanntschaft mit den Saracenen lern-
ten die Europäer das Instrument kennen, dessen Namen von den Spa-
niern mit laudo, den Italienern mit leuto oder liuto, dem arabischen
Stammworte nachgebildet wurde. Das Instrument scheint zu An-
fang des 12. Jahrhunderts, also in der Epoche der Kreuzzüge nach
Europa gekommen zu sein, da erst auf Malereien dieser Epoche
lauten- und guitarrenartige Instrumente erscheinen.2) Bei Alfarabi
(also zu Anfang des . 10. Jahrhunderts) findet sich schon eine ge-
naue Beschreibung der Laute, welche sowohl ihm als auch den
späteren Autoren dazu dient, den Nachweis für ihre Lehren zu
geben , daher sie den Handschriften öfter zur Erläuterung die Zeich-
nung des Griffbretts beifügen. Die Araber selbst schreiben die
Erfindung der Laute dem Pythagoras und ihren früheren Besitz
den Persern zu. Nach der Angabe des arabischen Autors Nobata
1) Eine wilde türkische Tanzmeledie findet sich in de la Borde, Essai
Th. I. S. 385:
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ppzzpfif^izp:
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i-Ü^E^£ÖHgg=^I^igi§j
von daher hat sie wohl C. M. v. Weber für den Mohrentanz in Oberon ge-
nommen.
2) Man sehe bei Coussemakers „Hucbald" die Nachzeichnung eines laute-
oder guitanespielenden Engels nach einer Malerei aus dem 13. Jahrhundert.
Arabien. 113
(ans dem 13. Jahrhundert), soll ein gewisser Nadhr Ben el Hares
Ben Kelde von Hira an den Hof des Königs Chosru Parviz abge-
sandt worden sein und dort das Lautenspiel und persische Melodien
erlernt haben , die. er dann seinerseits in M ecca lehrte. l) Als einer
der frühesten Lautenspieler in Arabien wird ein Victualienhändler
Saib Chatir aus Medina genannt, der übrigens selbst persischer
Abkunft war (um 680 n. Chr.), und als um dieselbe Zeit persische
Arbeitsleute mit Ausbesserung der Kaaba beschäftigt waren, lernte
Ebn-Sorreidsch von ihnen Lautenspiel und Gesang.2)
Gegen diese übereinstimmenden Zeugnisse ist füglich nichts
einzuwenden, und eine Hypothese, wie jene Kiesewetter's, dass die
Perser ihrerseits als Herren Aegyptens (seit Kambyses) dort das auf
den ägyptischen Monumenten häufig abgebildete lauteähnliche In-
strument kennen lernten, hat manches für sich, seit uns die ninivitischen
Ausgrabungen über den Mangel ähnlicher Instrumente bei den As-
syriern bestimmt belehrt haben. Nach der Beschreibung, welche
Ebu Abdallah Mohammed Ben Ahmed Ben Jusuf Chua-
resmi (aus dem Ende des 10. Jahrhunderts) in seinem in arabischer
Sprache geschriebenen „Schlüssel der Wissenschaften" (Mefatih ol
olum) von der Laute gibt, hatte sie ursprünglich vier Saiten (Bern,
Mosseles, Mossena und Zir) und auf dem Griffbrett Bunde, d. i. Ab-
theilungen zum Greifen der Töne, während die arabische Laute heut-
zutage keine Bunde hat und mit vierzehn Darmsaiten bezogen ist,
die je zAvei und zwei in demselben Ton gestimmt sind.3) Gespielt
wird die Laute mit einem stählernen Plectrum (zakmeh) oder einer
Adlerfeder (ryschet en nesr). Erinnern wir uns, dass das Eud als
Laudo nach Spanien und als Biwa bis Japan vorgedrungen, so müssen
wir über die weite Verbreitung dieses Instrumentes nach West
und Ost wohl erstaunen.
In die Klasse der Lauten- und Guitarreninstrumente gehört
das Tanbur, das mit seinem kreisrunden oder ovalen Corpus
und dem sehr langen dünnen Halse noch entschiedener als die
Laute an altägyptische, ganz ähnliche Instrumente erinnert. Schon
Alfarabi erwähnt das Tanbur von Khorassan (also Avieder eine
persische Provinz) und das Tanbur von Bagdad. Heutzutage
haben sie eine Menge Spielarten mit vier, sechs bis acht Saiten,
die sich insgemein durch ihre Grösse von einander unterscheiden,
1) Kiesewetter, a. a. 0. S. 9 u. 56.
2) Kosegarten, S. 10 u. 12.
3) Villoteau fand die Stimmung X c X /' h e a d a ; d. h. im Quinten-
zirkel. Er bemerkt dazu : ce qui est tres curieux et tres important a observer
que l'accord de l'instrument comprend tous les sons qui resultent de la division
de la corde en ses principales et primitives parties aliquotes (descript. de l'Egypte
XIII. Bd. S. 238). Kiesewetter meint, diese Stimmung müsse von irgend einem
neuern Praktiker berrühren.
Ambroa, Geschichte der Musik. I. °
114 Die Anfange der Tonkunst.
als das grosse türkische Taubur (tanbur kebyr turky), das grosse
Tanbur (taubur büsürk), das Kiudertaubur (taubur baglamah) u. a.
Sehr merkwürdig ist eine Art Hackbrett, jenes schon erwähnte
Kanun, ein niederer, viereckiger Schallkasten, mit zAvei Schall-
löchern, einem grossen runden und einem kleinen rautenförmigen,
mit 75 Darmsaiten bezogen, die je zu dreien in denselben Ton
gestimmt sind, vom grossen E bis zweigestrichenen a. Beim
Stimmen wird mit dem Normaltone „Rast" angefangen, dann dessen
Unterquarte rein gestimmt u. s. w. Dieses Instrument diente ur-
sprünglich (gleich dem Monochord, aus dem es als durch Ver-
vielfältigung der Saiten entstanden, erklärt werden könnte, käme
es nicht schon im alten Assyrien vor) zur Regelung der Töne,
und noch jetzt, wo es auch zum Musikmachen benutzt wird, be-
trachten es die Araber als die Grundlage ihrer Musik. Gespielt
wird es mit einer kleinen stählernen Zunge. Dieses Instrument
(das Pianoforte der Orientalen) ist im Mittelalter nach Europa her-
übergekommen. Die berühmten Wandmalereien im Campo santo zu
Pisa zeigen einigemal sein Bild , auf Orcagua's trionfo della morte
(dieser erschütternd ernsten Antwort auf Boccaccio's Decamerone)
spielt es die Sängerin, welche mit der vornehmen Gesellschaft
im Orangenhaine sitzt — und auf den Darstellungen aus dem
Leben des heiligen Ranieri hat es der Heilige, da er noch als
Weltkind eiteln Vergnügungen nachjagt, in Händen. Somit war es
jenen alten Malern ein Symbol der leichtsinnigen Weltlichkeit. Die
Scheidung der Saiten zu je drei ist auf der Darstellung Orcagua's
auffallend sorgfältig beobachtet, daher sogar die Stimmung mit
dem arabischen Originalinstrumente gleichartig gewesen zu sein
scheint. Das „Hackbrett" ist ebenfalls eine Nachbildung des Kanun.
Ein verwandtes aber weniger geachtetes Instrument ist der Santur
oder Santir. In dem Worte Pi-Santir (kleiner Santir) meint Fetis
das Wurzelwort des griechischen Psalterion zu finden.
Unter den Saiteninstrumenten, welche mittelst eines Bogens
gespielt werden, ist vor allen das Rebab bemerkenswerth — eine
kleine Geige mit einer oder zwei Saiten; im ersteren Falle heisst
es rebab ech chaer, Rebab des Dichters, im zAveiten wird es re-
bab el moghanni, Rebab des Sängers, genannt. Es dient nie als
Orchesterinstrnment, sondern stets nur zur Begleitung der Stimme,
besonders der poetischen Recitation. In diesem Falle wird, wäh-
rend die Stimme eine Art monotonen Recitativs, das selten mehr
als fünf Töne umfasst, ausführt, auf dem Rebab fortwährend
eine Figur
'9— i+Tj-TziAr1^ i?J]^-\—^-\:-z>-±-<z)—4+R
*±S=S?Z
oder
Arabien. 1 \ 5
ausgeführt, welche wie ein Orgelpunkt dazu fortklingt. Der Um-
fang des Rebab ist gering — ■ von d bis h. Die ägyptischen
Minstrels oder Rhapsoden unterhalten unter Begleitung ihres Re-
li.ili das Volk meist mit der Geschichte des Helden Antar. Durch
die Kreuzzüge kam das Rebab unter dem Namen Rebec in die
christlichen Abendländer (nachweisbar schon im 12. Jahrhundert),
und wie es in Arabien „Rebab des Poeten" heisst, war es hier
Rebec des Trouveurs und begleitete seine Recitation. Es war,
wie Hieronymus de Moravia, ein Autor des 13. Jahrhunderts,
mittheilt, mit auch nur drei Saiten bespannt, wogegen die Vielle
(Viola, Vinel, d. i. Fidula von Fides, Saite) deren fünf oder sechs
hatte. Ein höchst abenteuerliches Geigeninstrument ist das Ke-
mangeh a guz — eine kleine Pauke aus Cocosnuss, mit einem
Felle bespannt als Corpus, woran ein unendlich langer Geigen-
hals und auf der andern Seite eine lange eiserne Spitze, die zu-
gleich als Saitenhalter dient, angebracht ist. Beim Anblick des
sonderbaren Instrumentes denkt man eher an gewisse wunderlich
gestaltete Seekrebse oder Heuschrecken, als an ein Werkzeug
zum Musiziren. Bespannt ist die Kemangeh a guz mit zwei Ross-
haarsaiten in der Stimmung q — rf.2) Aehnlich ist die Kemangeh
farkh oder soghiar, deren Saiten in der Stimmung e — // stehen.
Ebenso seltsam abenteuerlich ist die einsaitige Marraba, deren Cor-
pus ein viereckiger, oben und unten mit Thierhaut bespannter
Kasten ist, mit Geigenhals und spitzem Saitenhalter, so dass die-
ses musikalische Zwittergeschöpf zugleich als Geige und als Trom-
mel dient. Der Spielende singt und accompagnirt seinen Gesang
mit der Marraba, indem er die Saiten streicht und zuweilen mit
dem Frosch des Bogens das Fell ertönen macht.
Die Oberstelle unter den Blasinstrumenten nimmt die Oboe ein,
Zamr oder Zurna genannt. An dem metallenen Mundstück be-
findet sich ein Rohr von Durrahstroh, aber nicht so elastisch, wie
das Rohr unserer Oboen, und nicht gleich diesem mit den Lippen
I) Niebuhr hörte zu Semendje nachstehende Melodie auf dem Rebab
spielen und dazu von Tänzerinnen singen
E^wm^^m^m^^^^^m
0. M. v. Weber hat dieses Motiv im ersten Final seines „Oberon" sehr geist-
voll verwerthet.
2) Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien besitzt ein sehr zierliches
Exemplar, dessen Hals geschmackvoll mit Perlenmutter eingelegt ist.
8*
116 Die Anfänge der Tonkunst.
zusammenzupressen, vielmehr muss der Spieler das Rohr nebst einem
Theil des Mundstückes beim Spielen in den Mund nehmen. Das
Instrument hat sieben grössere, und drei kleinere Tonlöcher, keine
Klappen. Man hat drei Arten, eine grosse, mittlere und kleinere, sie
begreifen einen Tonumfang von //, dem tiefsten Ton unserer Oboe,
bis d, dem Tone bis zu dem man für unsere Oboe im Orchester zu
schreiben pflegt. Mit seinem scharfen, hellen Tone ist die arabische
Oboe das Hauptinstrument bei Märschen u. dgl.1) Ein ähnliches,
doch mehr clarinetteartiges Instrument ist das Erakich (von „Irak"),
dessen Umfang e — c begreift und dessen Scala, echt arabisch, in
Dritteltönen fortschreitet. Kaum minder wichtig und berühmt als
die Zurna ist die Flöte Nay, die man in allen möglichen Arten
und in jeder Grösse hat, als Flöte der Bettler, Derwische, Musikan-
ten u. s. w. Sie wird der Länge nach geblasen, jedoch dabei etwas
schräg gehalten, gerade so wie die Flötenbläser auf altägyptischen
Monumenten abgebildet sind. Ihr Umfang ist entweder von d — a
oder von a — e. Eine Gattung davon heisst Nay-Daud, Davidsflöte.
Die Fellahs (ägyptischen Bauern) haben sogar eine Abart der antiken
Doppelflöte, unter dem Namen Argul, auf unsere Zeit gebracht; die
tiefere Röhre gibt einen einzigen Ton (welcher jedoch durch zwei
Ansätze modificirt werden kann), auf der andern wird modulixt, so
dass eine Art Dudelsackmusik entsteht. Eine Schnabelflöte, welche
die Töne von // — e besitzt, ist die sogenannte Chabbabah, oder
Suffarah (von Safara, er hat gepfiffen), sie gibt die Dritteltöne gleich-
falls mit grosser Leichtigkeit an. Vielleicht dieselbe Flöte hat unter
dem Namen Zuffolo in den europäischen Orchestern bis zu Anfang des
18. Jahrhunderts mitgewirkt; noch Reinhard Keiser wendete in den
Partituren seiner Opern „Crösus" (1710) und „Diana" (1712) den
Zuffolo an.
Auch der im 16. Jahrhunderte in der europäischen Musik eine
*) Von der Zurna spricht auch Prätoriiis in der Dedicationsvorrede seines
Syntagma an den Leipziger Magistrat, welche der pünktliche Mann datirt: „im
Jahre nach Christi Geburt stylo vulgari 1619, nach dem exacten calculo aber
1621, nach erschaffung der Welt 556S, der Sündfluth 3912, aussgang aus
Egypten 3116, Erbawung der Stadt Rom 2371 in der 599. Olympiade." Er
sagt: „es hat Mohamed zur Fortpflanzung seines tyrannischen Regiments,
Teuffelischen Sect und groben unmenschlichen Barbarey nicht allein die freyen
Künste, so zur Freundlichkeit, sondern auch alles, was zur Fröhlichkeit dienlich
als Wein und Sayttenspiel in seinem ganzen Lande verbotten und an deren Stadt
eine Teuffels -Glocke und Rumpelfass mit einer schnarrendenundkikaken-
den Schalmeyen verordnet, welche annoch bey den Türken in hohem Wert
und sowohl auff Hochzeiten und Frewdenfesten als im Kriege gebrauchet
werden. Diese Lumpen-Music wird noch heutigen Tages bei den Türken
in hohem Wert geachtet unsere aber dagegen zum eussersten verachtet" u. s. w.
Arabien. 117
ganze Familie von Blasinstrumenten bildende Bommer, Pommer
oder Bombard ist dem arabisch-orientalischen Zamar oder Zamr im
Bau so ähnlich, dass beide so ziemlich für dasselbe Instrument
gelten können. *) Aus dem Diskantpommer ist unsere jetzige Oboe
entstanden, die also ihren Stammbaum ebenfalls im Orient suchen
mag. Denn die arabischen Zamar werden von den orientalischen
Schriftstellern nicht als melodische Instrumente, sondern meist im
Sinne kriegerischer Trompeten erwähnt, und es ist höchst wahr-
scheinlich, dass sie, so wie die übrige kriegerische Musik der Sara-
cenen , durch die Kreuzfahrer nach Europa gebracht wurden. Der
Ton der Bommer oder Bombarde war gleichfalls schallkräftig, rauh
schnarrend und dem Oboentone an Klangfarbe Zwar ähnlich, aber
der feinen Eindringlichkeit und zarten Färbung des Letzteren keines-
wegs zu vergleichen. Im 14. Jahrhundert war diese Gattung In-
strumente in Europa bereits völlig eingebürgert: Giotto hat auf den
Malereien der Incoronata zu Neapel einen Musikanten dargestellt,
der eine kleine Diskantschalmei 2) bläst.
Auch die der antik-römischen Musik ganz fremde Kesselpauke
danken wir den Arabern3), sie heisst bei ihnen Nakarieh — die
1) Die äussere Gestalt ist dieselbe, der Bau des Mundstückes mit einem
eigenthümlichen breiten Schälchen unter dem Rohre, wie au einem wohlerhal-
tenen Exemplare der Ambraser Sammlung zu Wien zu entnehmen, ist auffal-
lend ähnlich. Die Etymologie des Zamar ist echt arabisch ; „Zamara" wird
in Frevtags arabischem Wörterbuch erklärt „cecinit organo, quod ore inflatur.
Aber auch das Wort Bommbart ist echt deutsch, bommaert ist ein niederdeut-
sches Wort und bedeutet so viel als klingen oder hallen, resonare (s. Tilling's
Versuch eines bremisch niedersächsischen Wörterbuches) das Wort ist ver-
wandt dem altnordischen „bumbl" (resonantia S. Grimm, deutsche Gramma-
tih 3. Aufl. 1 Bd. S. 445).
2) Vergl. Prätorius, Sciagraph. Taf. XI. 4. 5; bei Virdung, Schalmay,
Bombart, und Mersenne, harmonic. IL S. 84.
3) Der wackere Sebastian Virdung ist freilich auf die „Heerpaucken,
Trumcln und klein Peucklein" sehr übel zu sprechen. In seiner „Musika ge-
tutscht" (1511) sagt er: „diese baucken alle seind , wie sie wellen, die machen
viel onruwe (Unruhe) erbern, frummen alten Leuten, den siechen und kran-
ken, den andächtigen in den clöstern, die zu lesen, zu studieren und zu beeten
haben, und ich glaub und halt es für war, der teufel hab die erdacht und
gemacht, dann kain holtsäligkeit noch guts daran ist, sunder ein vertempfung
und ein nydertruckung aller süssen melodeyen und der gantzn Musica. Darumb
ich wol geachten kann, dass dazTympanumvil ein ander Ding muss gewesen sein,
das man zu dem Dienst Gottes gebraucht hat, dann yetz unser baucken ge-
macht werden, und das wir on billich den namen der teufelischen Instrument
zu geben, das doch nit wirdig ist zu der Musica zu brauchen, noch vil mynder
zuzulussen, derselben wirdigen kunst ain instrument zu sein. Dann wann
das klopffen oder boltern Musica solt sein, so müssten die Bin-
der oder küffer oder die fesser machen auch musici sain — das
ist aber alles nichts". Die Pauken wurden freilich oft ganz kolossal gemacht.
So erzählt die Lothringer Chronik von riesenhaften, von Pferden gezogenen
Heerpauken, welche Ladislaw von Pohlen mit sich führte und welche in Nancy
allgemeine Verwunderung erregten.
Hg Die Anfänge der Tonkunst.
Poeten und Romanciers des 12. und 13. Jahrhunderts bezeichnen
die Pauken mit dem gleichlautenden Worte Naquaires1); der arabi-
sche Name selbst trifft mit dem abyssinischen zusammen, „er
hat öffentlich angekündigt", denn zu öffentlichen Verkündigungen,
z. B. dass der König nahet, dient dort das Paukenschlagen. Die
orientalische Kriegsmusik wendet stets (wie es auch bei uns ge-
schieht) zwei Pauken an, eine grössere und eine kleinere. Die
Form ist ganz die unserer Kesselpauken, sie sind in die Quinte
gestimmt, und die Stimmung ist unveränderlich. Es gibt auch
sehr kleine Pauken, von hellem scharfem Tone, die besonders in
Persien beliebt sind. 2)
Die kleine runde Handpauke, vorzüglich von den Almehs
(Tänzerinnen) benützt, die Darbukah, eine kleine Handtrommel,
aus einem mit dem Paukenfell bespannten irdenen Trichter be-
stehend und bei Gesängen der Schiffer u. s. w. sehr beliebt, die
Handtrommel Döff kommt in ähnlicher Gestalt schon bei den alten
Aegyptern vor; kleine, metallene Zimbeln, die gleich Castagnetten
an Daumen und Zeigefinger befestigt den Tanz mit hellen Klängen
begleiten, können ihre antike Abstammung gleichfalls nicht ver-
leugnen. Grosse Schallbecken werden Kas genannt.
Die arabische Trompete (Nefyr) gleicht mit ihrem gedrehten
Rohr, dem Schallbecher und Mundstück wesentlich der europäischen.
Das christliche Europa hat seine jetzige Kriegsmusik, wie schon er-
wähnt, in den Kreuzzügen aus dem Orient geholt. Die nordischen
Völker waren von Alters her nicht bei Trompetenschmettern, son-
dern bei dem Klange wildtönender Hörner, von deren schrecklichem
Dröhnen die alten Schriftsteller nicht genug zu sagen wissen, und bei
den Harfenklängen der Barden, bei dem Gesänge des Bardiets in
den Kampf gezogen. Der Einfall der Mauren in Spanien und die
Kreuzzüge machten das christliche Abendland mit der saraceni-
schen und orientalischen Kriegsmusik bekannt. Trommeln wurden
in Spanien schon im 8. Jahrhundert durch die Mauren in Aufnahme
gebracht3), wiewohl Julius Cäsar Scaliger ihre dortige Anwendung
erst vom Jahre 1457 an datirt. Von Trompeten sprechen schon die
französischen Chronisten des 12. Jahrhunderts, aber die Trompeten
bestanden, gleich der antiken Tuba, aus einem gerade, oder gleich
dem antiken Lituus oder der Buccina aus einem einfach gebogenen,
vorne sich trichterförmig erweiternden Rohre; erst zur Zeit
1) So heisst es in der poesies du Roy de Navarre:
La je vi — — — — ■
Harpe, Tabour, Trompes, Naquaires
Orgues, Cornea, plus dex paires u. s. w.
2) Zierliche Exemplare kleiner persischer Pauken befinden sich in der
Ambraser Sammlung zu Wien.
3) Vergl. Georg Kastner: manuel gene'ral de musique militaire.
Arabien. 119
Ludwig XII. erhielt die Trompete ihre jetzige Gestalt.1) Die
auffallend ähnliche arabische Nefyr dürfte also ihrerseits wieder
von Europa hergeholt sein.
Die Orientalen besetzen ihre Kriegsmusik vorzüglich mit je-
nen Zamr- Oboen, Nefyr -Trompeten und allerlei Trommeln, welche
den Rhythmus in scharfer, dabei strepitoser Weise angeben. Die
sogenannte „türkische Musik" unserer Militaircapellen ist die Ver-
edelung davon. Je vornehmer ein Pascha, desto mehr Trompeten
u. dgl. darf er schmettern lassen. Der Eindruck dieser mahome-
danischcn Kriegsmusik ist der des Wilden, Barbarischen. Sonst
wirken in den arabischen Orchestern die Instrumente in mannig-
facher Zusammensetzung mit"2), Lauten, Guitarren, Geigeninstru-
mente u. s. w. Fremdartig drängt sich zu Kairo der Unterschied
zwischen orientalischer und occidentalischer Musik auf, da man
dort in der Esbekieh arabische und Prager Musikanten neben-
und nach einander zu hören täglich Gelegenheit hat.3)
Kein anderes Volk des Orients oder Asiens überhaupt hat
die Instrumentalmusik mit so viel Vorliebe ausgebildet oder vielmehr
betrieben, wie die Araber, man müsste denn die Chinesen in An-
schlag bringen wollen, deren Besitz an musikalischen Instrumenten
aber doch den Vergleich nicht aushält, zumal er durch Gesetz und
Herkommen auf bestimmte Grenzen reducirt ist, und deren Instru-
mentalmusik mit ihrem sinnlosen Lärmen den Namen Musik noch
viel weniger verdient, als die Synphonien der arabischen Musikanten,
in denen sich wenigstens einzelne Brocken einer wilden, aber nicht
immer ungefälligen Melodie finden, und die doch einen bestimmten
Charakter besitzt, mag er dem Abendländer auch wunderlich und
fremdartig genug vorkommen, während das Volk des Reichs der
Mitte mit seinen Instrumenten ein Getöse hervorbringt, das eben
zu sehr blosses Getöse und nichts weiter ist, um überhaupt irgend-
welchen Charakter haben zu können, welches freilich forden Chine-
sen doch Sinn und Zusammenhang hat, während wir andern, nach
unserer Auffassung des Tonspieles, ihn darin vergebens suchen.
1) Vergl. darüber Handbuch der Erfindungen.
2) Eine sehr hübsche Darstellung im Bilderatlas zum Werke des Grafen
Forbin. Zu einem „ordentlichen" Concert gehören (nach de la Borde, Essai,
l.Bd. S. 168) r<>i/d, die Laute, naij , die Flöte, nefir, Trompete-Oboe, laclac,
die Trommel, der gdnon kemaiigeh , die Geige, und ein Sänger, der mit zwei
kleinen Metallzimbeln zugleich den Takt schlägt und das Ganze leitet.
3) Jul. Braun, Kunstgesch. l.Bd. Niebuhr sagt in seiner Beschreibung
von Arabien u. s. w. : „für einen angesehenen Türken oder Araber wird es für
unanständig gehalten , die Musik zu verstehen oder zu tanzen. Ein grosser
Zeitvertreib der Aegypter, Syrer und Araber ist es, Abends in den Kaffee-
häusern zu sitzen, eine Pfeife Tabak zu rauchen und ihre Musikanten,
Sänger und Geschichtenerzähler zu hören, welche diese Oerter besuchen, um
eine Kleinigkeit zu verdienen. Hieran finden die Morgenländer, welche oft
ganze Stunden in Gesellschaft sitzen , ohne ein Wort mit ihrem Nachbar zu
sprechen, ein grosses Vergnügen.
120 Die Anfänge der Tonkunst.
Die bisher benannten Instrumente werden noch jetzt bei den
Arabern, insbesondere aber in Aegypten von den Musikern ge-
braucht. ') Es ist aber damit der Reichthum des arabischen Or-
chesters bei weitem noch nicht erschöpft. Die orientalische Musik
besitzt oder besass nicht weniger als 32 Spielarten von Lauten,
12 Abarten des Kamms, 14 Geigeninstrumente, 3 Arten Lyren,
28 Sorten von Schnabelpfeifen (darunter die Doppelflöten Argul
und Sumara), 22 Oboen, unter denen die eine genannt „Bok"
auch als „albog" in Spanien Eingang fand, 6 Arten Flöten oder
offen liegender Pfeifen, zu denen auch eine „Musikar" (das ist auf
persisch der „Musikus") geheissene Panspfeife gehört; fünf Sack-
pfeifen, deren eine Arganun heisst, was wenigstens Klangver-
wandtschaft mit Organum hat, viererlei Hörner, deren einfachste
Art Pai sutur nichts weiter ist als ein hohler Eselsknochen, und
unter denen auch die Gerichtsposaune Ssur bemerkenswerth ist,
8 Arten Trompeten. An Schlag- und Klingelinstrumenten ist
grosser Ueberfluss, achtzehnerlei Trommeln, zwanzigerlei Schellen-
Klingeln und Klappern. Neben diesen , theils noch jetzt gebräuch-
lichen, theils von den arabischen und persischen Autoren benannten
Instrumenten kommen in den Schriften noch an dreissig Namen
von Instrumenten vor , deren Beschaffenheit uns unbekannt ist,
und wovon eines den seltsamen Namen „der Dummkopf" (arabisch
Zelami) führt.
Es erübrigt noch, auf den sittlichen Werth, die ethische Be-
deutung, welche die Araber ihrer Tonkunst zuschreiben, einen Blick
zu werfen. Dass ein Volk von so eigenthümlich poetischer Anlage,
von leicht erregbarer Begeisterung, von feuriger Phantasie und von
einem seinen Grundzügen nach stolzem, edlem und freiem Wesen
für den magischen Reiz der in dem wohllautenden Wechselspiel der
Töne liegt, nicht unempfindlich bleiben konnte, ist ganz natürlich.
In der Abhandlung der „Brüder der Reinheit" wird Musik in persi-
schen Versen mit orientalischem Redeschwunge gepriesen. Mild
wie Milch, feurig wie Wein klingt Musik, sie lockt wilde Thiere,
bezwingt menschliche Herzen, und der Liebe Lust und Leid tönt
aus ihr, ein Lob , welches gegen des grossen brittischen Dichters be-
rühmte Worte zum Preise der Tonkunst (im „Kaufmann von Vene-
dig") nicht zurücksteht, obschon der christliehe Dichter den Nach-
druck entschieden auf die ethische, der orientalische Dichter aber
auf die sinnliche Seite der Musik legt. Ein arabisches Sprichwort
sagt: „wer nicht jagt, wer nicht liebt, wer von den Tönen der Musik
1) Sehr deutliche, instructive und detaillirende Schilderungen bei Villo-
teau, im 13. Bande des franz. ägyptischen Expeditionswerkes. Er hat sie
mit grosser Gewissenhaftigkeit bis in die Details ihrer Technik hinein unter-
sucht. Dazu gehören drei grosse Kupfertafeln im Bilderatlas, die nicht
minder treue Darstellungen und Detaillirungen enthalten.
Arabien. 121
nicht durchbebt und vom Blumendufte nicht entzückt wird, der ist kein
Mensch"; die Araber wissen viel von der Macht der Musik auf das Ge-
müth zu erzählen. So wie Harun al Raschid durch Ishac el Mashouli's
Melodien zur Verzeihung: gestimmt wird, rettet ein anderer Musiker
einen Verurtheilten vom Tode, indem er das Herz des strengen Rich-
ters zum Mitleiden rührte; nach anderer Version derselben Erzählung
sollen gar nach dem Sturze Bagdad's dreissigtausend dem Tode be-
stimmte Gefangene auf solche Weise dem sie bedrohenden Ge-
schicke entrissen worden sein. Alfarabi soll nach der Erzählung
des Buches Ressai akhuan el Safä im Hause des Veziers Ismail
Sahib als zerlumpter Bettler eintretend die Anwesenden durch
sein Spiel auf dem Instrumente Kashbad abwechselnd zu aus-
gelassener Lustigkeit und tiefer Melancholie zu stimmen gewusst,
und endlich in tiefen Schlaf versenkt haben1), eine orientalische
Umdichtung der bekannten griechischen Erzählung von dem Ton-
künstler Timotheus, der auf den grossen Alexander mit seiner Musik
ähnliche Zauberwirkungen hervorgerufen haben soll. Abd-ol-Kadir
war ein so herrlicher Künstler, dass sich, wie die arabischen Schrift-
steller sagen : „die Laute vor ihm verneigte". -) Hie Laute ist
übrigens selbst eine Art Wunderthäterin. So wie in der Natur-
mystik der Töne, wie wir sie nach den Anschauungen der Araber
kennen gelernt, pythagoräische und platonische Reminiscenzen
durchklingen, so haben die Araber auch ihre Traditionen von der
heilkräftigen Wunderwirkung der Musik, welche sehr auffallend an
Aehnliches hei den Griechen erinnern. Diese Eigenschaft wohnt
aber eben nur der Laute, dieser Krone aller Instrumente inne. Wie
Pythagoras in den Tönen der Lyra ein Abbild des Weltalls fand,
so nennen die arabischen Philosophen ihr altes viersaitiges Eud (nach
ihrer Angabe des Pythagoras' Erfindung) ein Abbild der Natur. Die
höchste Saite zir entspricht dem Feuer, ihre Klänge sind hell und
wann, die zweite Saite metsni gibt leicht Klänge und entspricht der
Luft, die dritte Saite motsellets lässt kalte Töne hören und gleicht
dem Wasser; die tief, schwer und gewichtig- klingende vierte Saite
bem stellt die Erde vor. Da nun die Elemente, wie wir schon
hörten, mit den Temperamenten in engem Zusammenhange stehen,
so haben sie Heilkräfte gegen Krankheiten, die aus den einzelnen
Temperamenten entspringen. Nach dem Buche ressail akhuan el
Safa hilft der Ton des zir gegen die Krankheit balgham, welche bei
phlegmatischen Personen vorkommt ; Melancholiker müssen den Ton
der Saite metsni mothlik hören : Krankheiten der Jugend (des cho-
lerischen Temperaments) heilt der Ton der Saite motsellets, insbe-
sondere aber ist er auch gegen Gelbsucht und Bleichsucht dienlich,
1) Vergl. de la Borde, Essai.
2) A. a. 0.
122 Die Anfänge der Tonkunst.
Sanguiniker fühlen sich durch den Ton des Bern gestärkt.1) Also:
contraria contrariis; dem Sanguinikus hilft bem, der Ton der Erde,
d.i. der Melancholie; dem Phlegmatikus hilft zir, der Ton des Feuers,
d. i. des cholerischen Temperaments, dem Cholerikus hilft motsellets,
der Wasserton, d. i. der Ton des Phlegma, dem Melancholiker
metsni mothlik der Ton der Luft, des Sanguinischen Temperaments.
„Ein kluger Musiker", sagen die Araber, „musizirt nicht ohne Aus-
wahl darauf los, sondern ordnet seine Stücke nach einem klugen
Plane: er fängt bei Festen mit der Weise an, welche Muth, edle
Freude und Freigebigkeit einflösst, geht dann in die liebeathmen-
den Melodien hezej und remel über, lässt sofort die Tanz an-
regende Weise makhouri hören, und schläfert endlich die ermüde-
ten Gäste mit der Melodie tsakil ein." 2)
Aber selbst jene Auffassung ist ihnen nicht fremd, die in der
Musik eine höhere Arznei als nur des Körpers, die in ihr eine
Seelenarznei, eine Seelenspeise erblickt, und wenn wir lesen,
Hadji Chalfa habe gelehrt, „dass die durch die Melodien entzückte
Seele sich nach der Anschauung höherer Wesen sehnt, nach der
Mittheilung einer reineren Welt, so dass auch die von der Dicht-
heit der Körper verdunkelten Geister durch sie vorbereitet und
empfänglich werden zum Umgange mit den Lichtgestalten, die um
den Thron des Allmächtigen stehen"3), so glauben wir Piaton
sprechen zu hören, und es bleibt kaum noch ein Zweifel, ob man
in einer solchen poetischen, reinen, überschwänglichen Würdigung
der Musik, die hier geradezu zur Pförtnerin des Reiches jener
Ideen gemacht wird, deren an der Wand unseres Kerkers* hin-
ziehende Schatten wir für die Urbilder selbst halten, den Einfluss
platonischer Weisheit suchen dürfe.
Mit der arabisch-persischen Musik wäre die Umschau im Ge-
biete der uns fremdartig entgegentretenden asiatischen Musik ge-
schlossen. Der Naturforscher Oerstedt macht die sehr gute Be-
merkung, man müsse ein jedes Geschöpf, was den ästhetischen
Eindruck seiner Erscheinung betrifft, in der Umgebung denken,
auf welche es in der Schöpfung angewiesen erscheint, der könig-
liche Schwan, der im stillen Weiher so majestätisch seine Kreise
zieht, wird ein hässliches Thier, wenn er auf dem festen Lande
ungeschickt einhergeht, der Affe erscheint mit seinen tollen Sprüngen
und Possen in den Wipfeln tropischer Bäume ganz an seiner Stelle
und verliert seine Hässlichkeit, die ihn, im Käfig angesehen, zur
verzerrten Parodie der Menschengestalt macht, das an sich hässliche
Kamel passt zur weiten Wüste, deren „Schiff' es ist u. s. w.
Etwas Aehnliches gilt von den Künsten. Allerdings gibt es ein
1) De la Borde, Essai, I. Bd. S. 194.
2) De la Borde, a. a. 0. S. 195.
3) Carriere, Aesthetik, IL Bd. S. 347.
Arabien. 123
ewiges, ein absolutes Schöne, und es besteht dieses nicht etwa in
dem, was dieser oder jener geistreicheren oder beschränkteren Na-
tion gefällt. "Will man aber nicht auf den Standpunkt einer eng-
herzigen Geschmäcklerästhetik gerathen, die ihren akademischen
Zollstab überall anlegt, wo er hingehört und wo er nicht hingehört,
die das Nibelungenlied und die Sakuntala und den Shakespeare und
Dante nach denselben Boileau'schen Prinzipien misst, und den
Werth der Bauwerke des alten Aegypten und Indien nach ihrem
Vignola taxirt, so muss man jede Kunst, auch die Musik, im Zu-
sammenhange mit der ganzen Cultur und dem ganzen Zustande,
ja mit der Geschichte des Volkes betrachten, dein sie angehört. Die
orientalische Tonkunst, und ganz besonders jene der Araber ist,
wenn man sie aus diesem Zusammenhange reisst, und sie ohne alle
und jede Rücksichtnahme darauf in eine Musikgeschichte oder
Musikästhetik placirt, das exotische Geschöpf, das im engen Käfig
fremdartig und abstossend erscheint, während es in seiner wilden
Freiheit den Eindruck des Nothwendigen, des Gehörigen macht.
Als ein Theil arabischer Cultur betrachtet, jener Cultur, die sich
unter den eigenthümlichen Landes- und Lebensverhältnissen des
Orients geradeso und nicht in anderer "Weise entwickeln konnte,
deren Denkmale in den Schriften der arabischen "Weisen niederge-
legt sind, in den wunderbar charakteristischen Bauwerken vor aller
Augen stehen, die in der erzählenden Märchendichtung, in Spraeh-
und Ausdrucksweise, in Sitte und Gebrauch, in Ethik und Religio
sität, in den kriegerischen, wie in den friedlichen Aeusserungen des
ganzen Volkscharakters ein so eigenthümlich gefärbtes, in seiner
Eigentümlichkeit anziehendes Bild gewährt — in diesem Zusam-
menhange erscheint auch die orientalisch arabische Musik als ein dem
grosser) Ganzen, dessen integrirenden Bestandtheil sie bildet, orga-
nisch Eingefügtes, als ein Dazugehöriges, an jener eigenthümlichen
Färbung in ihrer Weise Theilnehmendes und als ein eben dadurch
in der Art seiner Erscheinung Berechtigtes, wie grosse Aberatio-
nen vom absolut Schönen sich auch im Einzelnen nachweisen lassen;
oder vielmehr wie viel auch dazu fehlt, dass das absolut Schöne
auch nur annäherungsweise erstrebt und erreicht worden Aväre.
Zusätze und Nachträge. l)
Zu Seite 7. Ueber die Musik der alten Mexikaner enthält der Aufsatz von
Christian Carl Sartorius „Zustand der Musik in Mexiko" im 7. Bd. der Cäcilia
S. 199 — 222 einige dankenswerthe Andeutungen. Der Berichterstatter erzählt
freilich , dass er während eines Aufenthalts von acht Monaten bei den India-
nern von ihnen kaum etwas Anderes zu hören bekommen habe, als spanische
Tanzweisen oder „Jaraves", und das in Tlascala, dem „Athen der mexikani-
schen Indianer", zwar alte indianische Liedertexte, aber nach der Melodie spa-
nischer Volksweisen gesungen werden, so dass wirklich Beste wirklicher alt-
aztekischer Musik wenigstens eine höchst problematische Sache sind. „In den
vom Verkehre ganz entfernt liegenden Theilen der Gebirges", sagt Sartorius,
„sollen sie noch ihre eigenen Lieder und Melodien haben, höchst einförmig
und traurig, namentlich in der Huasteca und dem Lande der Otomi. Von den
alten Indiern wissen wir nur, dass sie mit kriegerischer Musik zum Kampfe
zogen und dass sie bei ihren Opfern Trommeln und Pfeifen gebrauchten. Da
indessen die heutigen Indier in vielen Stücken dieselbe Lebensart führen, wie
ihre Väter unter Monteuczoma, so kann man theilweise von dem jetzigen Zu-
stand auf den früheren schliessen. Nach diesem war die Musik der alten Indier
freilich noch auf einer sehr niederen Stufe. Sie bedienten sich Trommeln aus
Stücken hohler Baumstämme, mit Hirschfellen überzogen und Pfeifen aus Bohr
oder gebranntem Thon. Ich hatte Gelegenheit, mehre dieser Instrumente unter
den Indiern zu sehen. Die Pfeife ist von der Grösse eines Flageolets , meist aus
Bambus und der Ton wird wie bei jenem erzeugt. Sie haben 3 auch 4 Ton-
löcher und sind, namentlich die alten aus Thon, nicht ohne Zierlichkeit ge-
arbeitet. In den ganz indischen Dörfern bedient man sich bei kirchlichen
Festen, namentlich am Tage des Kirchenpatrons und bei den Processionen
und Functionen der semane santa (Charwoche) der Trommel und Pfeife, es
werden einzelne Schläge auf die Trommel gethan, wie auf eine Pauke
i und dann auf der Pfeife vier langausgehaltene Töne angegeben
c, d, e, c. Diese einförmige, traurige Musik wechselt ab mit einem andern,
den Indiern gleichfalls eigenen Instrument, Clarin genannt, wo möglich noch
trauriger als das vorige." Dieses Clarin ist mit dem Acocotl ein und dasselbe
Instrument; Sartorius meint, „es gehöre eine fürchterliche Lunge dazu." Das
Mundstück besteht aus einer Art Clarinettenschnabel, die Schallöffnung gleicht
der eines Alpenhomes. Ausserdem nennt Sartorius eine kleine Schalmei
Chirimia. 8 Zoll lang, mit fünf Tonlöchern, sehr gellenden und starken Tones
1) /// diesen Anhang habe icli lanciere wörtliche Citate und einzelne
Excurse aufgenommen, die im Texte den Gang der Darstellung gehemmt,
als Anmerkungen aber zu viel Raum eingenommen hätten, und deren Auf-
nahme in das Buch mir dennoch wünschenswert!) schien. Einzelne Ex-
curse oder Beweisstellen , von denen ich wünschte, dass sie der Leser unter
dem frischen Eindrucke des Textes lese, habe ich gleich an Ort und Stelle
als Anmerkung beigesetzt. So viel zur Erklärung und Rechtfertigung der
Anordnung.
Nachträge. 125
und vorzüglich auf der Hochebene von Tenochtitlan im Gebrauche. Die Indianer
spielen darauf zur Trommel verschiedene Melodien, die aber nie den Umfang
einer Octave erreichen. Eine kleine Guitarre mit vier Saiten, Jarana genannt,
dient meist zur Begleitung von Gesang und Tanz; zum Corpus dieses Instrumen-
tes dient zuweilen ein Armadilpanzer, eine Galabasse oder die grosse, runde,
hartschalige Frucht Zacuelli. Auch die Musik der Indianer von Chili wird von
Tschudi (Reiseskizzen aus Peru 1S46) als sehr düster geschildert. Ein Blasin-
strument Jaina, eine Art Clarinette aus Schilfrohr, klingt höchst melancholisch.
Ausserdem haben sie eine Art Trompete aus einer Seemuschel. Diese Trompete,
Pututo genannt, wird nur an den Tagen der Erinnerung an die Incas geblasen,
und scheint also aus jenen Zeiten herzurühren.
Zu Seite 20. Die Hauptquelle über chinesische Musik, aus der bisher alle
Berichterstatter geschöpft haben, und welche grossentheils auch meiner Dar-
stellung zu Grunde liegt, ist P. Amiot's Schrift, welche den 6. Theil der Samm-
lung bildet: Memoire, concemant l'histoire, les sciences , les arts, les moeurs,
les usages etc. des Chinois, par les Missionnaires de Pe-kin. Amiot war (wie
sein moderner Nachfolger Gützlatf) für China ganz ungemein eingenommen,
aber auch die Philosophen aus der Schule der Encyclopedie erblickten bekannt-
lich in China das Muster eines ehrwürdigen, weise eingerichteten Staates. Es ist
im gewissen Sinne zu bedauern, dass uns die Mandate der chinesischen Kaiser,
die Aussprüche der dortigen Gelehrten und Denker u. s. w. zumeist durch fran-
zösische Uebersetzungen aus jener Zeit vermittelt sind, wo schon die feingebil-
dete Sprache eine Färbung hineinbringt, die dem Originale vielleicht fremd ist.
Amiot ist geneigt, in den Chinesen geradezu die Erfinder des wissenschaftlich
geordneten Tonsystems zu erblicken, von denen die Aegypter und die Griechen
(durch Pythagoras) es entlehnt haben sollen.
Zu Seite 23 und 24. Die profunden Speculationen chinesischer Philosophie
über Wesen und Ursprung der Töne, über die Töne an sich (tscheng) und die
Töne in ihrer untrennbaren Verbindung (yn), über die 8 Koa (Trigramm) des
Fu-hi, in denen aller Bildungs- und Gestaltetrieb liegt, und denen folglich
auch die Lü ihr Dasein danken, und über die 64 Chennung (Hexagramme),
über die Entwickelung der Lü nach Zahlen u. s. w., findet sich das Ausführliche
bei Amiot II. art. 7 bis 1 1. Ganz besonders bemerkenswerth ist die Auseinander-
setzung, welche Hoai-nan-tsee einige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung
über diesen Gegenstand gegeben hat. Eins ist das Prineip aller Lehre. Eins allein
könnte an und für sich nichts weiter erzeugen , aber es erzeugt alles Andere, in-
dem es zwei Principe enthält, deren Vereinigung Alles hervorbringt. In diesem
Sinne erzeugt eins die zwei, zwei die drei; von dreien sind aber alle Dinge her-
vorgebracht: „Le ciel et la terre forment en general ce qne nons appelons le
tems , trois lunaisons forment une saison, c'est ponrquoi, Porsquc anciennement
on faisait les cere'monies respectueuses en l'honneur des ancetres, on faisait trois
offrandes, ou pleurait trois fois. (Sogar das Weinen ist in China gemassregelt!)
II est ainsi pour les lu. Un engendre trois, trois engendre neuf, neuf engendre
vingt-sept". Wird diese geometrische Progression bis zum zwölften und letzten
Lü fortgesetzt, so ergeben sich für dieLü folgende Zahlen 1, 3, 9, 27, 81, 243, 729,
2187, 6561 , 19683, 59049, 177147 und in der That umfassen nach der Theorie,
die bis auf die ältesten Zeiten des chinesischen Reiches zurückreichen soll, die
Zahlen 1 — 177147 die gesammten Proportionen der Lü. Charakteristisch ist es,
dass jede Dynastie die zur Regierung gelangte, die Masse der Lü änderte, bis
endlich Prinz Tsay-yn es mit seinen 12 tiefen (Doppel-Lü), 12 mittleren und 12
hohen Lü (Halblü) unternahm, die entstellte Musik zu ihrem anfäng-
lichen Glänze zurückzuführen. (Vgl. De la Borde, Essai, I. S. 132, 133 und
Amiot S. 99.)
Zu Seite 26. Dass man keinerlei Harmonie anwenden dürfe und warum
man keine anwenden dürfe, begründen die Chinesen durch den Grundsatz,
das» die Musik Ausdruck der Leidenschaft sein soll. Die Musik (sagen sie) ist
eine Art von Sprache, deren sich der Mensch bedient, um seine Empfindungen
126 Die Anfänge der Tonkunst.
auszudrücken. Wenn uns Leiden oder trauerndes Mitgefühl für unsere Freunde
bewegt, werden unsere Töne Trauer und Gedrücktheit erkennen lassen, em-
pfinden wir Freude, so klingt unsere Stimme hoch und hell, wir lassen die
Worte in raschem, ununterbrochenen Flusse hinströmen. Beim Zürnen wird
der Klang unserer Sprache drohend, die Ehrfurcht gibt ihr einen sanften und
bescheidenen Klang, und wenn wir lieben, wird sie nichts Rohes haben. Jede
Leidenschaft hat ihre eigene Sprache und folglich muss die Musik, wenn sie
gut sein soll, im Einklänge mit den Leidenschaften stehen, die sie ausdrücken
will, sie muss gerade den rechten, eigentümlichen Ton anschlagen, denn jeder
Ton hat ja einen besonderen Ausdruck, der nur ihm angehört. (Vergl.
Amiot III. art. 3 und de la Borde I. S. 134.) Alle diese schönen Sachen (die
beiläufig gesagt, Manches mit Gluck's und Richard Wagner's Principien gemein
haben), sagten die Chinesen wohl erst, als sie durch P. Amiot, der ihnen Stücke
von Rameau: les Sauvages, les Cyclopes u. a. vorspielte und sonst euro-
päische harmonisirte Musik kennen lernten, und sich bewogen fühlten, ihre
der Harmonisirung entbehrende Musik philosophisch zu rechtfertigen. Die
Anwendung der Quarte oder Quinte zur Begleitung kann in der Art, wie sie
die Chinesen anwenden oder ehedem anwendeten, natürlich auf den Namen
einer Harmonie noch keinen Anspruch machen. Man hat sich darunter kein
Quarten- oder Quintenorgan um, wie es im Mittelalter in Europa zur Geltung
kam, vorzustellen, sondern eine Art Orgelpunkt, einen armseligen Dudeback-
effect, wie ihn auch die ägyptischen Fellahs mit ihrem Argul zu Stande bringen.
Unter eine (relative) höhere Melodie einen fortsummenden Ton zu setzen , ist
etwas so Einfaches, dass es selbst bei dem rohesten Standpunkte der Musik
zuweilen durch das blosse Verlangen nach verstärkter Klangwirkung hervor-
vorgerufen wird. Die Chinesen machten dabei freilich jene Unterscheidung,
von welcher Amiot (III. art. 4) berichtet, dass sie nämlich für die höheren, hel-
leren Töne insbesondere die Quinte, für die tiefern, dunklem dagegen die
Quarte in Anwendung bringen. Wie diese feine Distinction aber in der prak-
tischen Ausführung anzuwenden und welches ihr eigentlicher Grund sei, dürfte
wohl für jeden andern, als einen alten gelehrten chinesischen Theoretiker ein
allzuschweres Problem sein. Dieser erste, roheste und entfernteste Anfang zu
einer Mehrstimmigkeit der Musik hat übrigens für die chinesische Tonkunst
keine weiteren Consequenzen gehabt. Das Kin und das Che haben bei Be-
gleitung des Gesanges zu der vom Sänger angegebenen Note die Quinte anzu-
schlagen.
Zu Seite 28. Nach dem thönerneu Hiuen, dem angeblichen Ur-Instru-
mente der Chinesen gehört die Trommel zu den ältesten Instrumenten in China
und es ist bezeichnend, dass sie sich dort zu mehr Arten und Unterarten aus-
gebildet hat, als sonst irgend ein musikalisches Instrument, man hat achterlei
Trommeln, nach Grösse und Form verschieden. Die Ahnfrau der chinesischen
Trommeln war die Tau-kou genannte, sie bestand aus einem Corpus von ge-
branntem Thon, mit einem Thierfelle bespannt. Trommeln von Thon kom-
men auch ausserhalb China vor. Sie sind bei den Siamesen noch jetzt im Ge-
brauche, sie haben eine lange enge Röhre, sind an dem einen Ende mit Büft'el-
haut bespannt, am andern offen, und werden mit der blossen Hand geschlagen
(de la Borde, I. S. 435). Auch die arabisch-ägyptische Darbukah ist ein mit
einem Trommelfelle bezogener Topf. Der dem frühen Mittelalter angehörige
Johann Cottonius spricht von einer „olla, pergamento superdueta unde pueri lu-
dere solent" (de mus. IV). Als die Chinesen anfingen dieses ihr Lieblingsintru-
nient colossal zu bilden, hingen sie neben ihr Hiuen-kou rechts und links zwei
kleine Nebentrommeln. Da man aber den gebrannten Thon für so grosse Ap-
parate zu gebrechlich fand, so nahm man an seiner Statt Holz und zwar Cedern-
holz oder Sandelholz, dessen süssen Geruch die Chinesen sehr lieben, oder
anderes kostbares und wohlriechendes Holz.
Zu Seite 30. Die Anordnungen über die Besetzung und Art der von dem
Kaiser und sonst bei Hofe oder in den Tempeln auszuführenden Musik rühren
Nachtrüge.
127
von dem Kaiser Yung-Tscheng her (1723 — 1736) dem Nachfolger Kang-his, dem
gerechten Monarchen, der den eigenen Lieblingssohn, wegen eines begangenen
Todtschlags hinrichten Hess. „Dans la seconde annee de son regne l'empereur
Young-Tscheng ordonna, que le chef de la musique des descendans de Confucins
viendrait prendrc du Tay-tschang-see les ordre s et les intruetions necessaires
pouv l'cxecution de la nouvelle musique dans la famille de Confucius. Sa Majeste
donna les memes ordres pour tous les antres musiciens de l'empire qni avaient
soin de la musique des temples, salles et antres lieux ou se fönt les ceremonies
pnbliqnes. II fut e'tabli aussi une musique particuliere pour la cere'monie du la-
bourage de la terre, qui se fait une fois chaqne anne'e et une autre pour le festin,
qui la suit.u Von einer solchen chinesischen Hof- und Festmusik gibt Lord
Macartney's Bericht eine Vorstellung. Der Gipfel der Seltsamkeit aber darf die
Art und Weise heissen , wie die Hymne, deren Anfang Seite 30 mitgetheilt i-t.
vorgetragen wird. Nachdem drei Schläge auf die Trommel Tao-kou und ein
Glockenschlag den Anfang der Festmusik angedeutet, lassen die Sänger die
erste Textessylbe hören, dann pausiren sie, während der angegebene Ton f
(hoang-tschung) nach einander von einzelnen Instrumenten wiederholt wird,
dann singen die Sänger die zweite Sylbe hoang
Sänger. Glocke. Trommel Pofti. Kin u. Che.
See
ls::
~32ZL
Pofu. Kin u. Clie. Sänger.
1
hoans
darnach wieder die Instrumente und so Note für Note bis zum Schlüsse. Natür-
lich verschwindet aller melodische Zusammenhang und die Production wird zu
massloser Länge auseinandergezerrt. Nach jeder Strophe geschehen drei
Schläge auf die Trommel Yng-kou, und so weiter, bis endlich das hölzerne
Tigerthier seinen Schlag auf den Kopf bekommt und mit dem Stabe über
seine Rückenwirbel hin- und hergefahren wird: wonach Jedermann weiss, jetzt
sei die Sache wirklich aus. Man sieht, dass jener Tiger gar kein so überflüs-
siges Stück ist , als es den Anschein hat. Allerdings aber hört bei dieser Art,
ein Tonstück vorzutragen , aller Humor auf, sogar jener, zu dem chinesische
Musik sonst anregt.
Zu Seite 32. Trotz Kaiser Kang-hi's Bewunderung haben die europäischen
Musiknoten in China keinen Eingang gefunden. Doch haben die Chinesen seit-
dem eine Art Tonschrift angenommen, die den Charakteren ihrer Buchstaben-
oder eigentlich der Wortschrift entnommen ist. auch fangen, wie bei letzterer,
die Zeilen rechts an. Die für die sieben tiefsten Töne bestimmten Charaktere
heissen ho, see, y, schang, tsche, kung, fan ; wozu noch die Charaktere Heu
und ou kommen , welche die Octaven der zwei eisten Noten ho und see repräsen-
tiren, zur Andeutung der höhern Octave der übrigen Töne wird dem Zeichen
noch der Charakter Gin beigesetzt. Ausserdem gibt es noch Zeichen der Quan-
tität, Wiederholung, YortragszeicKen u. s. w. Näheres darüber und Proben der
Schrift selbst bei de la Borde S. 1 14. Trotz alledem will von chinesischen
Musikalien nichts verlauten und beruht, nach wie vor, die Musik des Reiches
der Mitte auf Gedächtniss und Uebung.
Zu Seite 33. Sehr bezeichnend ist es für die chinesischen Instrumente, dass
manche Lärm- oder Klingelzeuge selbst wieder zu grossen Lärm- und Klingel-
apparaten zusammengestellt werden, um in dieser Form neue Instrumente unter
neuen Namen vorzustellen. So wurden 18 kleine MetallgJöckchen , nach den
hohen Lü gestimmt, in einen Rahmen befestigt, und es entstand das Glocken-
spiel Te-Tschung. Man trieb die Sache aber sofort in's Grosse, man nahm
lfi Rahmen, deren jeder für sieh gleichgestimmte Glöckchen enthielt, und
welche alle zusammen wieder nach den Lü geordnet und gestimmt wurden, und
man nannte das Instrument Pien-tschung. Grössere Glöckchen ordnete man
zu dem Glockenspiele Kin-tschung u. s. w. Das Yün-lo mit seinen Metalltellern
128 Die Anfänge der Tonkunst.
ist gleichsam eine Zusammenstellung kleiner gestimmter Tamtams; denn ge-
stimmt und geordnet sind alle diese Apparate, und wenn es ein Charivari ist,
so ist wenigstens Methode darin. Freilich ist es bei dem Yiin-lo , dessen Klang-
becken folgender Art angeordnet sind:
c
f a d
g b h
e iv %f
etwas schwer, den leitenden Grundsatz dieser Auswahl und Anordnung heraus-
zufinden. Diese Gerüste alle , voll Glockengebimmels , voll Klingsteine oder
abgestimmter Holzplatten , sehen auch bei der einfachsten Ausstattung aben-
teuerlich genug aus, nun aber haben die Chinesen ihre Lust daran, sie mit
Vergoldung, Bemalung und Schnitzwerk , mit Drachen, Paradiesvögeln und
anderem Gethier, mit Quasten und Federbuschartigen Aufsätzen in der uner-
hörtesten Weise herauszuputzen. Gleichen Luxus treiben sie mit den Trom-
meln, die bald aufrecht zwischen vier Säulen stehen, bald auf einer geschnitz-
ten Postamentsäule querliegend von einem prächtigen zeltartigen Schutzdach
halb bedeckt sind u. s. w. Man sieht wie sehr ihnen alle diese Instrumente an's
Herz gewachsen sind. Dagegen sind die Guitarren oft von kaum geglättetem
rohen Holze, schlecht und nachlässig verfertigt, und eben so roh sind die
Geigen, welche beim Spielen gegen das Knie gestützt werden, „Mais quel
violon", ruft Berlioz aus. „C'est un tube de gros bambou long de six pouces,
dans lequel est plante un autre bambou tres mince et lang d'un pied et demi a
peu pres, de maniere ä figurer assez bien un marteau creux, dont le manche
serait flehe pres de la tete du maillet au lieu de l'etre au millieu de sa masse.
Deux fines cordes de soie sont tendues, n'importe comment, du bout supe'rieur
du manche ä la tete du maillet. Entre ces deux cordes, legerement tordues
l'une sur l'autre, passent les crins d'un fabuleux archet, qui est ainsi force'
quand on le pousse ou le tire, de faire vibrer les deux cordes ä la fois. Ces
deux cordes sont discordantes entre elles, et le son, qui en resulte est affreux."
(Soirees de Torchestre. S. 280.) Etwas besser sehen die Blasinstrumente aus,
unter denen das Tscheng und die Oboe Koan den Vorrang verdienen. Letztere
ist von Elfenbein oder Ebenholz recht zierlich gedreht, und zuweilen mit
Schnüren und Quasten herausgeputzt. Einen Schallbecher hat sie nicht, daher
sie mehr wie eine Langflöte aussieht. Die Japaner besitzen ein ähnliches In-
strument, wenn es nicht etwa dasselbe ist. Selbst das armselige Klapperzeug
Pan (zwei kurze Holzstöcke oder Holzplatten, die zwischen den Fingern wie
Castagnetten geschlagen werden) geniesst der Ehre eines zierlichen Aufputzes
mit Quasten und Schnüren. Die alten heiligen Instrumente des Hiuen, Che
und Kin hat, vermuthlich um ihres ehrwürdigen Alterthums willen, der chine-
sische Verschönerungstrieb nicht angetastet, sie sind einfach geblieben; freilich
aber ist auch das King eins der alten Reichsinstrumente, es wurde ehedem
sogar Kuan-king, Staatsking genannt, sein Erfinder Wu-kin soll zu Yao's
Zeiten gelebt haben, und bei den Opfern für Tien war es das Hauptinstrument.
Ein Mittelding zwischen dem Kin und Che ist das Lü-tschün, zwischen 10 und
b' Fnss lang, mit 12 oder 13 Saiten, zum Prüfen der Lü bestimmt. Schon um
500 v. Chr. war es im Gebrauche. Prinz Tsay-yn brachte dabei einige
Verbesserungen an. — Anziehende Notizen über die chinesischen In-
strumente enthält das auf Befehl des Kaisers Kang-hi von 120 Gelehrten
verfasste, von Se. Majestät selbst mit einer Vorrede versehene chinesische
Wörterbuch in 31 Bänden. Ohne Zweifel werden dem Leser einige Aus-
züge daraus, welche ich der gütigen Mittheilung des Sinologen, Herrn
Schulrathes Köhler in Prag verdanke, willkommen sein. Vom Kin wird
erzählt, Fo-hi habe es aus dem Holze eines Oelbaumes Tung verfertigt. Das
ganze Instrument ist symbolisch, es stellt die Verbindung des Himmels mit
der Erde vor, denn sein Deckel ist gewölbt, gleich dem Himmel, sein Boden
Nachträge.
129
flach und viereckig gleich der Erde. Das Instrument hat Haupt, Zopf (Schweif),
Lippen, Füsse, Bauch, Rücken, Weichen und Schultern. Die Lippen heissen
Drachenlippen, der Fuss heisst „Fuss des Vogels" (hong). Die tiefste Saite
heisst der Drachenteich (tung-tschi), Fo-hi machte sie 8 Zoll lang „durch-
dringend die 8 Winde". Die höchste Saite, genannt der „Teich des Vogels
Hoang", ist 4 Zoll lang, was den vier khi (Ursubstanzen) entspricht. Das Kin
ist 3 Fuss (tsche) und 6 Zoll (tsun) oder 136 tsun lang, als Sinnbild der 360 Tage
des Jahres, es ist 6 Zoll breit, als Bild der sechs ho (Himmel, Erde und die
vier Weltgegenden), dass das Instrument vorne breit ist und hinten schmäler
zuläuft, symbolisirt Ehre und Erniedrigung; zu den fünf Saiten, welche die
fünf Elemente, aber auch den Kaiser, den Minister u. s. w. bedeuten, fügte
Kaiser Wen-wu noch zwei hinzu, „um das Wohlwollen des Fürsten und des
Dieners zu verbinden" (doch eigentlich wohl um die Scala zu ergänzen. Das
Kin ist jedenfalls uralterthümlich und dürfte der Stammvater des ähnlichen alt-
assyrischen Instrumentes, des hebräischen Psalters, des griechischen und später
arabischen Kanon u. s. w. und somit in letzter Instanz auch der Stammvater
unseres Claviers sein. Näheres darüber im zweiten Bande). Das Che, Sehe
oder Tsche ist ein bereits vervollkommnetes Kin, das Corpus läuft in einem
stumpfwinkelig umgebogenen Anhang aus, wodurch die hier über einen Steg
(den die Chinesen „Pferd" nennen) gezogenen Saiten an fester Spannung ge-
winnen. Das beiden Instrumenten sehr ähnliche Lüt-tschün bedeutet seinem
Namen nach „Prüfung der Lii" (Abbildungen aller drei Instrumente bei de la
Borde, Essai I. Theil, zu Seite 126). Das siebensaitige Kin des Kaisers
Wen-wu heisst tsi-hien-kin (tsi sieben, hien Saiten). Jene Symbolik der
Saiten und Tone ist überaus reichhaltig — man höre, was Kang-hi's Wörter-
buch darüber sagt:
K/tng : der Mittelton der fünf Töne entspricht folgenden Dingen : Planet
Saturnus, Magen, Erde, gelb, süss.
Chang: Venus, Lunge, Metall, weiss, scharf, West, Herbst (der Dinge
Reife).
Kio: der Ton des Ostens: Jupiter, Leber, Holz, Grün, sauer, Ost,
Frühling.
Tsching: Mars, Herz, Feuer, Roth, bitter, Süd, Sommer.
Yu: Mercur, Nieren, Wasser, schwarz, salzig, Nord, Winter.
In dem Dictionary of the Chinese language von Morrison steht Seite
287 eine von Bletterman Esq. vorgenommene genaue Vergleichung der chi-
nesischen Scala mit der Scala der europäischen Flöte, wo man denselben
Namen (mit englischer Orthographie) begegnet:
Ho oder Kio entspricht dem eingestrichenen d unserer Flöte.
Sze „ yu „ „ „ e
Yih „ Pwan-sching „
Shang (hoch) „
Chili od. Ching (Mass) „
Kling „ (der Meister, der Palast) „
Fan „ Pan sang (halbes Shang) „
Wu
Luli „
Sh (ii/g „
Laborde bringt S. 146 folgenden
notes Europeennes"
Ho.
Y. chang. tsche. Koung.
» »
/'
» »
g
» »
a
» »
h
„ zweigestrichenen
c
» «
(1
» n
e
n 9t
r
„Rapport des
notes
Chinoises aux
Pan. Lieou. ou
y. Chang. tsche.
iE=fE=I^S±^f
Aiiibr os, Geschichte der Musik. I.
G-
IgQ Die Anfänge der Tonkunst.
also dieselbe Tonreihe wie Bletterrnan. Das wäre also wohl die Scala der mo-
dernen chinesischen Musik, das Resultat ihrer Praktik. Die alte Fünftonscala
und selbst die von Tsay-yn vervollständigte (Siebentonscala) ist, wie man schon
bemerkt haben wird, kein Product der einfachen Beobachtung der natürlichen
Stufenfolge der Töne, sondern ein Product philosophischer Speculation. So
ist es auch mit den 12 Lü oder Halbtönen der Octave. Wir fassen sie als un-
mittelbare Fortschreitung von Halbton zu Halbton (f. fis, g, gis, a, ais, //, c,
eis, u. s. w.). Die Chinesen erreichen sie auf ganz anderem Wege, nämlich im
Wege des Quintenzirkels {f— c — gu.s. w.) in der Zahlenfortschreitung von
1, 3 u. s. w. bis 177147 (siehe oben). — An den Glockenspielen, Klingstein-
gerüsten u. s. w. ist die Zahl der Töne durchweg sechszehn. Unter den Saiten-
instrumenten nennt Kang-hi's Wörterbuch die zweisaitige Geige ul-hien und ty-kin,
die dreisaitige san-hien (ul zwei, san drei, hien Saite). Das in der Mandarinen-
sprache san-hien genannte Instrument heisst mundartlich auch Samin, Sam-jin
oder Samien (unter ähnlichen Namen ist es auch in Japan bekannt). Von den
Trommeln werden aufgezählt: die Donnertrommel Lui-kou, die Kindertrommel
tao-kou, die Rasseltrommel der Bettler Lu-kou. Der Name der kleinen, sand-
uhrförmigen Trommel tschang-kou bedeutet soviel als Trommel mit Spann-
schnüren, stimmbare Trommel. Dagegen heisst po-fu „er schlägt die Trommel"
und scheint kein eigenes Instrument zu bedeuten. Te-tschung heisst „einzel-
ner Tschung, dagegen Pien-tschung" eine Reihe von Tschung (Glöckchen).
Von den Blasinstrumenten erwähnt das Wörterbuch die Oboe Koan als ein In-
strument, „dessen Klang das Geschrei und Weinen kleiner Kinder nachahmt".
Pai-Siao heisst so viel als Sack-Flöte, es ist, wie man aus der Abbildung bei
de la Borde (I. zu S. 365) sieht, eine in einen Beutel gesteckte Panspfeife.
Ein Instrument unter dem Namen So -na, wird als hölzerne Röhre mit acht
Löchern beschrieben, die in den metallenen Schallbecher einer Trompete
ausläuft, offenbar jene in Siebold's Japan abgebildete Oboen-Trompete, wie
denn als letztes Resultat der Vergleichung des chinesischen und japanesischen
Orchesters sich die völligeUeberejnstimmung beider ergibt. Mit hoher
Achtung redet das Wörterbuch vom Cheng , oder Tscheng (Senk). Die Erfin-
dung wird der Niu-Kwa , Gattin (nach anderen: jüngeren Schwester) Fo-hi's
zugeschrieben. Es gibt eine Art desselben, genannt yu, mit 36 Pfeifen, eine
kleinere mit 19 Pfeifen tsao, eine kleinste mit 13 Pfeifen ho (d. i. Friede. Die
grösste Art soll zur Zeit des Wintersolstitiums gespielt werden. Die 13 Pfeifeu
sollen die I3jährlichen Mondumläufe, die 19 Pfeifen den 19jährigen Mond-
cyclus symbolisiren, die chinesischen Instrumentenmacher scheinen es aber mit
der heiligen Zahl der Pfeifen so genau nicht zu nehmen). Das ganze Instru-
ment ist eine Nachbildung der Gestalt des Vogels Fung. Die Orgelpfeifen
gleichen seinen Flügeln, die Windlade dem Leibe, die Anblaseröhre dem
Halse. Man soll, wenn man das Tscheng spielt „den Athem trinken" (tschui)
d. h. es, gleich dem mexikanischen Acocotl, durch Einziehen des Athems spie-
len. Auch de la Borde (S. 365) bemerkt : „üne petite lame ou languette de cuivre
fort mince et fort deliee, collee ä chaque tuyau par un de ses bouts, fait, que
cet instrument a l'avantage de donner les memes tons, soit qu'o?i pousse l'air
hovs de soi, ou qu'on Pattire pour prendre haieine, ce qui produit des tenues
aussi longues que l'on veut." Das Spielen des Tscheng heisst pi-pa, d. i.
Schliessen und Oeffnen der Hand. — So weit Kang-hi's Wörterbuch. Ich habe
Gelegenheit gehabt, verschiedene wohlerhaltene Exemplare chinesischer In-
strumente zu untersuchen und habe besonders das Tcheng ganz interessant
gefunden. Sein Ton mahnt sehr an die Klangfarbe der Oboe, er hat gleich
diesem etwas Scharfes und dabei doch Liebliches, aber er ist weit schwächer,
fast möchte ich sagen kindischer. Die Töne sprechen sehr leicht an,
auch Dreiklänge lassen sich durch das Ertönenmachen der betreffenden
Pfeifen leicht zu wege bringen, wo dann die Klangwirkung unsern Phys-
harmoniken ähnlich wird. Natürlich verwerthen die Chinesen diesen Effect
nicht, da ihnen Dreiklänge etwas Unbekanntes sind. Ob das von mir unter-
Nachträge. 131
suchte Exemplar etwa verstimmt war, weiss ich nicht zu sagen; aber so viel
ist sicher, dass in der Reihenfolge der Töne, wie sie die Pfeifen nach einander
angaben , eine chaotische Unordnung herrschte. Die äussere Factur des In-
strumentes war äusserst zierlich, selbst elegant, und zeigte die ganze Nettigkeit
chinesischen Kunsthandwerkes. Auf das Genaueste glich es den Abbildungen
in Siebold's Nippen mehr als denen in de la Borde's Essai und den nach letztern
gemachten, öfter vorkommenden Copien. Die Windlade war kein Flaschen-
kürbis, sondern feinpolirtes Holz. Auch de la Borde bemerkt (Essai, I. S. 142):
„dans la suite on a substitue' le bois ä la calebasse, mais on a conserve sa
forme," was dahin zu berichtigen ist, dass diese Form (wie auf den Abbildungen
bei Siebold) doch modificirt war, statt einer kürbisähnlichen Halbkugel glich
die Windlade mit flachem Boden eher einem elliptisch ausgeschweiften Trink-
becher. Statt der S-förmigen Röhre hatte das Instrument, wie die Abbildungen
bei Siebold, blos das kurze, kräftig geformte, breite Mundstück, an das die
Lippen beim Blasen fest angedrückt werden müssen. Die Bambuspfeifen, am
obern Flachboden jenes Bechers symmetrisch im Kreise gereihet und gleichsam
eine kleine Doppelorgel darstellend , waren braun lackirt und wurden durch
einen Ring von Hörn zusammengehalten, der in der Höhe von etwa der Hälfte
der zwei längsten Pfeifen angebracht war. Diese zwei längsten Pfeifen
waren oben mit Elfenbein zierlich eingefasst und ebenso hatte auch die Oeff-
nung zum Anblasen eine Elfenbeineinfassung. Im Novaramuseum zu Wien
findet sich auch ein zierliches Exemplar und sonst wohl öfter in Sammlungen.
Fast möchte ich sagen, das Instrument sei zu gut für das barbarische Musik-
machen der Chinesen. Zamminer („die Musik und die musikalischen Instru-
mente in ihren Beziehungen zu den Gesetzen der Akustik", S. 252) bemerkt,
es erinnere die an dem Tscheng angewendete Art, das gleichzeitige Ansprechen
mehrerer Pfeifen zu vermeiden , an ein in Peru gebräuchliches Instrument,
welches acht aus Stein geschnittene Pfeifen nach Art der Syrinx enthält, und
wo die Pfeifen auch nur ansprechen, wenn man eine daran angebrachte Seiten-
öffnung schliesst. — Das Che und Kin mit der Abart des Instrumentes Lü-
tschün, ist wegen des verhältnissmässig kräftigen und angenehmen Klanges seiner
aus Seide gedrehten Saiten bemerkenswerth. Die gewöhnliche Stimmung des Kin
ist f, g, a, h, c, d — e. Die beiden der alten Scala fremden Töne /< und e werden
durch besondere Namen ausgezeichnet, h heisst tschung, der „Mittelton", e
heisstAo, die „Vollendung" (Amiot III. art. 4). Ueber chinesische Instrumen-
talmusik gibt Berlioz in seinen Soire'es de l'orchestre, S. 2TS, interessante Mit-
theilungen bei Gelegenheit chinesischer Musik, die er in London hörte. Eine
junge Dame (erzählt er) begleitete den Gesang ihres Musikmeisters mit einer
Guitarre ; aber ohne Rücksicht auf die Gesangmelodie schlug sie blos die leeren
Saiten des Instrumentes an: „c'etait, en un mot, une chanson accompagnee
d'un petit charivari instrumental." Dann sang das Fräulein, der Lehrer beglei-
tete den Gesang im Unisono auf einer Flöte. Der Lehrer begleitete auch sei-
nen eigenen Gesang mit einer Guitarre: „l'union du chant et de l'accompagne-
ment e'tait de teile nature, qu'on en doit conclure que ce Chinois la du moins
n'a pas la plus legere idee de l'harmonie." In einer Art Symphonie (zu welcher
sich dann auch Gesang und Tanz gesellte), die auf einem chinesischen Schiffe
aufgeführt wurde, erreichte die Abscheulichkeit dieser sogenannten Musik den
höchsten Grad. Das Orchester bestand aus einem grossen Tantam, einem
kleinen Tantam, Schallbecken, einer Holzbüchse auf einem Dreifuss, die mit
zwei Klöppeln geschlagen wurde, einer Art Cocosnuss, welche geblasen wurde
und dumpfe Heultöne von sich gab, und einer chinesischen Geige. „Dans les
tutti le charivari des tamtams, des cymbales, du violon et de la noix de Coco
est plus ou moins furieux, selon que l'homme a la sebile (qui du reste ferait
un excellent timbalier) accelere ou ralentit le roulement de ses baguettes sur la
calotte de bois." Zuweilen schwieg das ganze Orchester, nur die Geige greinte
fort, dann folgte ein gewaltiger Schlag im Tutti u. s. w. Berlioz konnte aus
dem Höllenspectakel nur vier erkennbare Töne heraushören d, e. g, h. Wir
9*
132 Die Anfange der Tonkunst.
wollen ihm glauben, wenn er sagt: „apres le premier mouvement d'horreur,
dont on ne peut se de'fendre, l'bilarite vous gagne, et il faut rire, mais rire
ä se tordre, a en perdre le sens."
Zu Seite 34. Den Namen der Melodie Lieu-ye-kin übersetzt P. Amiot:
„le satin ä feuilles de Säule". Der Name Mu-li-cbwa bedeutet Muliblume.
Zu Seite 45. Bekanntlich waren die Ureinwohner Indiens, von denen
noch Reste existiren , eine schwarze, negerartige Raee. Es ist bemerkenswerth,
dass auch das afrikanische Dahomey, diese schreckliche Mensehenschlacht-
bank, seine Barden besitzt. Jährlich wird ein Fest der „Belohnung der Sänger"
gefeiert, wobei die männlichen und weiblichen Sänger im Wettstreite das Lob
des Königs singen, und von ihm zuletzt Gaben empfangen.
Zu Seite 50. Die durch das Ohr und durch die eigene Musikübung der
Indier widerlegte Lehre von den Struti darf nicht den Rang einer mathema-
tischen Begründung der Musik ansprechen. Die Indier waren zu sehr Poeten
und Enthusiasten, um sonderliche Mathematiker zu sein. Besser verträgt sich
die Philosophie mit der Poesie. Wie die indische Speculation die Fundamente
der Musik mit naiver Tiefsinnigkeit zu begründen bemüht war, sehe man bei
Anquetil du Perron, Theologia et philosophia indica, s. Oupnekhat, II. S. 376.
Die Musik gehört übrigens nach indischen Begriffen doch nur unter die „kleinen
Wissenschaften".
Zu Seite 62. Ueber den ästhetischen Werth indischer Musik spricht sich
Krause in seinen „Darstellungen aus der Geschichte der Musik", S. 51 sehr
schön aus, „ihr Wachsthum sei in ursjminglicher schöner Kindlichkeit zurück-
gehalten worden."
Zu Seite 71. Ein feiner Kenner, wie Berlioz, gibt einer indischen Me-
lodie, die er in London von einem armen Indier aus Calcutta singen hörte,
ein günstiges Zeugniss. Diese „hübsche kleine Melodie" ging aus E-moll,
bewegte sich im Umfange einer Sexte (e — c) und war trotz ihrer raschen Be-
wegung von so tief melancholischem Ausdruck, dass Berlioz meint, man habe
sich dabei von einer Art Heimweh ergriffen gefühlt. Er bemerkte in der Melodie
weder Drittel- noch Vierteltöne, es war wirklicher Gesang (c'est du chant).
Zur Begleitung dienten zwei kleine tonnenförmige Trommeln, welche der
Sänger und ein Genosse umgehängt trugen und mit ausgestreckten Fingern
beider Hände von beiden Seiten so rasch rührten, dass man eine Mühle zu
hören meinte, doch war der Schall ganz schwach und dumpf (Soirees de l'or-
chestre S. 282).
Zu Seite 73. Unter den Vedas ist der Samaveda mit über den Text ge-
schriebenen Musikzeichen versehen. Krause (a. a. O.) vergleicht ihn daher
recht gut den christlichen Missalien und Antiphonarien; besonders (wäre hin-
zuzusetzen) den ältesten, noch in Neumen notirten.
Zu Seite 76. Berlioz untersuchte auf der Exposition universelle die hin-
dostanischen Instrumente und war nicht sehr davon erbaut. „J'ai examine
parmi ces machines pueriles, de mandolines ä quatre et a trois cordes, et
meme ä une corde, dont le manche est divise par des sillets comme chez les
Chinois: les unes sont de petite dimension, d'autres ont une longueur deme-
suree. II y avait de gros et de petits tambours, dont le son differe peu de
celui qu'on produit en frappant avec les doigts sur la calotte d'un chapeau; im
Instrument ä vciü a anche double, de l'espece de nos hautbois, et dont le tube
sans trous ne donne qu'une note. Le principal des musiciens qui accom-
pagnerent ä Paris, il y a quelques anne'es, les Bayaderes de Calcoutta, se servait
de ce hautbois primitif. II faisait ainsi bourdonner im la pendant des heures en-
tiei es (!).'' Ausserdem fand Berlioz eine riesige, plump gearbeitete Trompete,
Flöten, ganz der chinesischen gleich, eine „lächerliche kleine Harfe" mit 1U bis
12 Saiten, ohne Wirbel zum Stimmen, einen Reif mit kleinen Gongs, die gleich
Kuhglocken durcheinander klingelten u. s. w. (a. a. 0. S. 283).
Nachträge. 133
Zu Seite 89. Wer etwa Lust haben sollte, sich den Kopf mit der arabi-
schen und persischen Tonartenlehre zu zerbrechen , findet in Villoteau's Trak-
tat (descr. de l'Egypte, XIV. Bd.), in de la Borde's Essai sur la musique, I. Bd.
S. 178 und in Kiesewetter's „Musik der Araber" so viel und mehr als er
wünschen kann. Kiesewetter selbst meint (S. 74): „Tonfolgen, wie z. B.
folgende und viele ähnliche
Zirefkend: c yc yd f jj/' yg tig y/> c
1/ l 11' 2 2 ' 1 5 -1
73 l 1/6 3 3 /3 ,6 3
sind allzu arge Chimären. Was auch irgendwo oder irgend jemals die Theo-
retiker von ähnlichen Tontheilungen erdacht oder gelehrt haben, das musik-
fähige Ohr begreift und das Organ des Gesanges, von jenem Sinne ganz ab-
hängig, erzeugt keine andern Töne, als solche, die in Beziehung auf einen
gegebenen Ton Intervalle eines halben oder ganzen Tones bilden ; oder die
zu jenem im Verhältniss mehrerer ganzer oder halber Töne stehen." Ganz
wahr und treffend.
Zu Seite 21. Der Ekstase, in welche der grosse Lehrer der Chinesen
nach dem Anhören der Musik gerieth, erwähnen auch die „Memorabilien des
Con-fu-tse." Es heisst dort: „der Meister (tse) verweilend in Tschy, hörte
Musikklang — drei Monate wusste er nicht Fleisches Geschmack."
Zu Seite 31. Auch Marco Polo erzählt, wie der Grosskhan Kublai .in
Cambalco (Peking) Tafelmusik hatte, und wie ihn die Anwesenden verehr-
ten: „Quando lo Signor voule bevere, tutti gl' instrumenti de la corta sona,
et quando egli ha coppa in man tutti quelli che lo serve si ingenocchia con
gran riverentia etc.
Zu Seite 111. Auf der hölzernen Brücke am goldenen Hörn zu Con-
stantinopel sass (und sitzt vermutklich noch) ein alter blinder Araber, der
auf einer Art Viola eine düstere Melodie in einer unserem G-moll analogen
Tonart spielte und jedesmal also schloss
jfcH 1 I R
was von eigenthümlich schauerlicher Wirkung war.
Zu Seite 112. Der Arcipreste von Hita Juan Ruiz (1350) redet in einem
seiner Gedichte von der Guitarre Morisca, von der er die Guitarre Ladina
unterscheidet — und wenige Verse weiter vom Rabe morisco (der Leser
wird den vollen Text dieses höchst interessanten Gedichtes im. 2. Bande unter
den Anhängen finden). Athanas Kircher bildet in seiner Musurgie zu S. 477
die Guitarre als Cythara hispanica ab — ebenso Mersenne in seinem Buche
Harmonicorum libri XII. 2. Abth. S. 27. Die Reisestationen dieses Instru-
mentes sind damit deutlich genug bezeichnet. Das Rebec wird unter dem Na-
men Rabel von den spanischen Landleuten noch jetzt benutzt. De la Ville-
marque (Barzas-Breiz I. p. XXXII) erzählt1 „On pourrait demeler encore dans
les traits de nos barz ambulants quelques rayons perdus de la splendeur des
anciens bardes. Comme eux ils celebrent les actions et les faits dignes de
memoire, ils dispensent avec impartialite a tous, aux grands et aux petits, le
bläme et la louange — comme eux ils sont poetes et musiciens ; ■parfois ils
essaient de reeeler le merite de leurs chants en les accompagnant des sons
tres [>eu karmonieux d'un Instrument de musique « trois cordes, ?iomme
rebek, que Von touche avec un archet.
Zu Seite 118. Die Trommeln und Pauken scheinen bei den Sarazenen
ursprünglich auch ein Kriegsapparat gewesen und wesentlich mit dazu ange-
wendet worden zu sein, die Pferde des Feindes scheu zu machen; denn der
byzantinische Kaiser, Leo der Weise (886—912), fand es nÖthig, seine Truppen
134 Die Anfänge der Tonkunst. — Nachträge.
ausdrücklich zu ermahnen, dass sie ihre Pferde an den Lärm dieser Trommeln
und Pauken (Tiuncru xal fcVfißccXa) gewöhnen.
Zu Seite 12(1. Nach Hammer -PurgstalPs Uebersetzung, mitgetheilt in
dessen Vorrede zu Kiesewetter's Musik der Araber, S. XII.
„Der Ton des Barbiton und dessen Melodein,
Sie rinnen in das Ohr, wie Milch gemischt mit Wein,
Da wundere dich nicht, wenn wundervoll es klingt,
Da die Musik den Hirsch vom Wald in Städte bringt,
So oft es tönt „Tenten" ertönt den Zeiten Heil
Und durch die Herzen dringt ein jeder Ton als Pfeil.
Es schenket Lust und Schmerz, indem es weint und lacht
Am Morgen und bei Tag und bis in tiefe Nacht;
Indess der Flöte Ton von Liebe wird beseelt
Und von den Liebenden und ihrem Leid erzählt."
Man möge die auch von dem gelehrten Uebersetzer sehr geschickt nachgeahmte,
wirklich musikalische Klangspielerei im fünften Verse nicht unbemerkt lassen:
„so oft es tönt Tenten, ertönt den Zeiten Heil." Das klingt wirklich wie
Zitherschlag. Das Barbiton heisst im Persischen Barbud, ob aus dem Grie-
chischen hergeleitet, ob nach dem berühmten Musiker Barbud, ist nicht klar.
ZWEITES BUCH.
Die Musik der antiken Welt.
A. Die Völker der vorhellenischen Cultur.
Aegypten.
L
Ln dem lang-gestreckten Flussthale des Nil, im „schwarzen
Lande*' Chemi, wie es die Einwohner, in Aegypten, wie die
Griechen es nannten, finden wir die älteste Stätte der Cultur in
Staat, Sitte, Knust und Wissenschaft. So lange Aegypten für den
Altei'thumsforseher ein verschlossenes Wunderland war, das heisst
bis zur französischen Expedition von 1798, musste man sich neben
einigen ungenügenden Reiseberichten mit den Nachrichten der an-
tiken Schriftsteller begnügen, und wie viel Werthvolles auch die
Schrifen Herodot's, Diodor's, Strabo's u. a. über das Land und
Volk am Nil enthalten, was Musik betrifft, war man auf jene Nach-
richten hin geneigt, Kenntniss und L'ebung derselben den Aegyp-
tern so gut wie abzusprechen.1) Es konnte damals schon für einen
wichtigen Fund gelten, als der fleissige Forscher Burney auf der
sogenannten Guglia rotta in Rom (einem gestürzten, seitdem wieder
aufgerichteten Obelisk)2) ein hieroglyphisches Zeichen in Form
einer Laute oder Mandoline bemerkte3), welches er für seine Ge-
schichte der Musik in der Grösse des Originalbildwerkes abzeichnen
liess. James Bruce fand zu seinem Erstaunen in den Königsgräbern
von Theben Abbildungen grosser reichgezierter Harfen, die er co-
pirte und in einem Briefe an Burney beschrieb. Bis dahin hatte ein
eigentlich ganz unmusikalisches Klapperzeug, das Sistrum, so ziem-
lich für das Hauptsymbol ägyptischer Musik gegolten. Seit diesen
1) Notizen Diodor's über die Erziehung und Sitte in Aegypten und eine
vüllig missverstandene Stelle Strabo's, mit der sich selbst noch Kiesewetter
in seinen „freien Gedanken über die Musik der alten Aegypter" abmüht,
haben zu dieser Ansicht vorzüglich beigetragen. Am schärfsten findet sie
sich ausgesprochen in Paw's „philosophischen Untersuchungen". Eine Ueber-
setzung davon in Forkel's „Bibliothek , 1. Bd. S. 227.
2) Irre ich nicht, so ist es der Obelisk von Trinita de Monti.
3) Burney vergleicht es mit dem neapolitanischen Colascione. Die Zeich-
nung Burney's ist oft copirt worden, verkleinert in Forkel's Geschichte der
Musik, 1. Bd. Taf. V. In der description de l'Egypte ist augenscheinlich
dasselbe Instrument nach einer Wandmalerei im Grabe Ramses III. im 2. Bd.
Taf. 91 abgebildet.
138 Die W"sik der antiken Welt.
ersten Entdeckungen hat nun die Wissenschaft den bedeutend-
sten Einblick in das Leben des uralten Culturlandes gethan. Wenn
die mächtigen Pharaonen den Wänden der Riesentempel und Pa-
läste, deren Ruinen den Reisenden noch jetzt in staunende Bewun-
derung versetzen, Berichte über ihre Kriegszüge und Eroberungen
in Wort und Bild eingegraben, so erzählt eine Ueberfülle bunter
Bilder an den Gräberwänden von dem Privatleben der Aegypter bis
in kleine Einzelheiten hinein. Hier erblicken wir nun auch eine
lebhafte Beschäftigung mit Musik, wir finden Harfen von jeder
Grösse und Gestalt im Gebrauche, von der leicht tragbaren bis zu
dem mehr als mannshohen Instrumente, von dürftiger Einfachheit
bis zu verschwenderischer Pracht der Auszierung. Wir bemerken
zahlreiche Arten von Lyren, Guitarren und Mandolinen, einfache
und doppelte Elöten, gehandhabt von oft zahlreichen Chören von
Musikern , daneben Sänger und Sängerinnen. Musik begleitet das
Opfer, den Tanz, die Todtenklage, das heitere Mahl. Inschriften
belehren uns, dass es Musiker von ausgezeichneter Stellung bei Hofe
gab. Die „Obersten des Gesanges" waren angesehene Personen
und gehörten zu den Auserwählten des Königs (suten rech). Seit
wir es vermögen, das Alter der einzelnen Monumente zu bestimmen,
wissen wir auch, dass die Tonkunst von ältester Zeit anzufangen
eine Ausbildung vom alterthümlich Einfacheren zum Reichen und
Glänzenden und überhaupt Wandlungen erfuhr, die mit der Ge-
schichte des Pharaonenreiches selbst in einer Art von Zusammen-
hang stehen.
Die Aegypter hatten nicht umsonst den Sonnengott Ra zur
Landesgottheit gewählt ; ihre Reichsgeschichte ist eine Art Parallele
zum Sonnenläufe. Wie die aufgehende Sonne (in jenen Ländern
fast ohne Dämmerung) die finstere Nacht gleich mit ihrem ersten
Blitze verscheucht und glorreich am Himmel glänzt, so tritt Aegypten
aus der Nacht der Geschichte sogleich als eine Stätte hoher Cultur
und Macht herror. Glänzender und glänzender hebt es sich, der
Glutwind aus der arabischen Wüste (der Hyksoseiufall) mag wohl
einige Vormittagsstunden lang sengen. Zur Ramessidenzeit strahlt
Aegypten auf seiner Mittaghöhe Aveit hin in alle Länder, welche
seinen Glanz sehen, aber von seinen Strahlenpfeilen hart getroffen
werden. Die ersten Nachmittagstunden dauert der Glanz unge-
schwächt fort, dann aber beginnt die Zeit des allmäligen, kaum
merklichen, und doch unaufhaltsamen Sinkens. Und wie die unter-
gehende Sonne noch einmal Alles im Glanz und bunten Farbenspiele
verklärt, so äussert sich noch zur Ptolemäerzeit das altägyptische
Wesen wenigstens in wundervollen Tempelbauten, nicht mehr riesen-
mässig wie zur Ramessidenzeit, aber der anmuthigen Schönheit an-
genähert, vielleicht nicht ohne einwirkenden griechischen Einfluss.
Dann folgte Dämmerung, und endlich hat die nächtliche Schlange
Apeph ihr Recht auf alles Irdische behauptet. Die finstere Nacht
Aegypten. 139
der Araber- und Türkenherrschaft lagerte sich über das alte Reich
der Pharaonen.
Die Musik, welche in der antiken "Welt mit dem Volks- und
Staatsleben viel inniger verbunden war, als es heutzutage der Fall
ist, bat jene Stadien des glänzenden Anfangs, der steigenden Macht,
der Sonnenhöhe am Mittage, des allmäligen Sinkens und des Unter-
ganges als treue Gefährtin und Dienerin mitgemacht.
Die Aegypter schrieben, nach Platon's Versicherung, ihrer-
Musik ein hohes Alter zu , und wie ihre Landesgeschichte mit
Götterkönigen anfing, so leiteten sie ihre heilig gehaltenen Melodien
von der Isis her. Was schöne Bildwerke oder was eute Gesänge
seien, das sei durch heilige Satzung ein für alle mal bestimmt, daher
ein Verlauf von zehntausend Jahren in dem Aussehen der Malereien
und Bildsäulen keine Veränderung, weder zum Besseren, noch zum
Schlechteren hervorgebracht habe. Die Jugend dürfe man in
Aegypten nur an edle Formen und gute Musik gewöhnen. Das
Alles sei nun, meint Piaton weiter, allerdings im Sinne einer weisen
Gesetzgebung, und man müsse die Aegypter bewundern, dass sie
im Stande waren, Melodien zu erfinden, die geeignet sind, die
natürlichen Leidenschaften und Neigungen des Menschen zu bän-
digen und zu reinigen. Das "Werk der Gottheit oder irgend eines
göttlichen Menschen müsse solches sein (tovto di 3sov 1} delov
uro; av ei»;).1) Diese Angabe beweist wenigstens so viel, dass
die Aegypter mit jenem Conservatismus, welcher für sie so cha-
rakteristisch ist, sich angelegen sein Hessen, gewisse alte Sing-
weisen unverändert beizubehalten. Es war aber doch zu viel
geistiges Leben in den Aegyptern , als dass sie etwa (wie Piaton an-
deutet) ihre Bauwerke, Statuen, Bilder, Gewerbeproducte Jahrtau-
sende lang so mechanisch und unveränderlich wiederholt haben soll-
ten, wie der Baum alle Jahre ganz gleiche Blätter sprossen lässt; sogar
in den erhaltenen Bild- und Architekturwerken zeigen sich Phasen
wechselnder Formen von grösserer oder geringerer Kunstentwicke-
lung. Herodot2) beschränkt seine Angabe darauf, dass die Aegypter
nur vaterländische Weisen singen, fremde nicht zulassend. Zu seiner
Verwunderung aber hörte er doch auch die in Griechenland wohlbe-
kannte Linosklage unter dem Namen des Manerosliedes singen.
„Sie haben" sagt er „unter andern merkwürdigen Stücken einen Ge-
sang, welcher in Phönikien, Kypern und anderwärts gesungen, aber
bei jedem Volke anders genannt wird. Er hat viele Aehnlichkeit
((Tv^icpioejai) mit dem, welchen die Griechen unter dem Namen
Linos singen. Wie ich mich über vieles in Aegypten wundere, so
1) Piaton de legib. II. Rosellini (monumenti dell' Egitto parte seconda,
tomo II. p. 85) meint dass die priesterliche Satzung nur Götterbilder u. s. w.
betraf. Analog würde sich die hieratische Satzung in der Musik nur auf die
Tempelmelodien und priesterlichen Hymnen erstreckt haben.
2) Herodot, II. 79, tiutqioioi 6h XQeöfievoi vö/xoiOi.
140 Die Musik der antiken Welt.
wundere ich mich auch, woher sie nur eleu Linosgesang haben
mögen; denn es scheint mir, dass er von jeher bei ihnen gebräuch-
lich war. Linos wird auf Aegyptisch Maneros genannt, und war, wie
sie erzählen, der einzige Sohn des ersten ägyptischen Königs, und
es wurde sein früher Tod in Trauergesängen beklagt. Das soll ihr
erster und einziger Gesang gewesen sein".1) Dieser Linos- oder
Manerosgesang, die süsstönende Klage, über das rasche Hingehen
.der blühenden Jugend, über das rasche Verblühen des Lenzes,
zieht sich durch das ganze Heidenthum als Todtenklage um Adonis,
Linos, Lityerses, Attis, Maneros, welche in der wunderbaren Schön-
heit ihrer Jugendblüte plötzlich ein gewaltsamer Tod hingerafft.
Die Lieder, von denen Herodot hier spricht, sind augenscheinlich
-Volkslieder, Volksgesänge, und ein eigenthümliches Liedchen die-
ser Art hat sich wenigstens dem Texte nach erhalten, es ist jenes in
den AVandmalereien den Darstellungen des Getreideaustretens durch
Rinder beigeschriebene Drescherliedchen : „Drescht, ihr Ochsen,
dreschet Garben, drescht für euern Herrn — ihr dreschet auch
für euch!" Solche Lieder zur Arbeit des Ruderns, Wasserschöpfens
u. s. w. , meist in wenigen Noten und dem Rhythmus der Bewegung
bei der betreffenden Arbeit angepasst, sind, wie wir schon sahen, im
Orient bis auf den heutigen Tag im Gebrauch. Ueberhaupt lehren
uns die erhaltenen Denkmale altägyptischen Privat- und Volks-
lebens, dass der Orient manche vortausendjährige Gewohnheit auf
unsere Tage herübergebracht hat.2)
So weit nun die ägyptische Geschichte beglaubt zurückreicht,
finden wir die Musik nicht nur in Anwendung und in Ehren,
sondern auch in einer Ausbildung, welche uns in jener uralten
Zeit in ihrer Art fast wunderbar und unerklärlich scheinen mag,
gleich den aus derselben Zeit herrührenden Pyramiden und dem
riesigen, aus Felsen gemeiselten Sphinxhaupt.
Die ersten Anfänge ägyptischer Tonkunst werden auch von
den griechischen Schriftstellern in die urälteste Zeit versetzt: frei-
lich in ganz griechisch gefärbten Mythen. Diodor von Sicilien er-
zählt vom Osiris, er sei ein Freund des Gesanges gewesen und des-
wegen von neun sangeskundigen Jungfrauen begleitet worden,
welche die Griechen später Musen, ihren Führer (Apollo) aber den
1) Plutarch de Isid. et Osir. erzählt, dass die Aegypter sein Andenken bei
den Gastmahlen feierten, und derselbe sei Erfinder der Tonkunst ge-
wesen. Herodot scheint unter jenen „altväterlichen Singweisen" wirklich
Tafel- und andere ähnliche Lieder zu verstehen, denn er macht obige Notiz im
unmittelbaren Contexte der Erzählung von der Sitte der ägyptischen Gastmahle,
und wie dabei ein Todtenbild umhergetragen wurde, als Mahnung, das Leben
zu gemessen.
2) Auch Aristides (II. S. 65) schreibt der Musik die Fähigkeit zu, Schiff-
fahrt, Rudern und jede schwere Arbeit zu erleichtern und ein Trost der Arbei-
ter zu werden.
Aegypten. 141
Musageten nannten.1) Ein anderes, nicht ägyptisch, sondern ganz
griechisch aussehendes Märchen ist die Erzählung, wie der ägyptische
Hermes die Lyra erfand oder vielmehr fand. Er habe, heisst es, an
eine von der Ueberschwemmung des Nils zurückgebliebene todte
Schildkröte im "Wandeln zufällig mit dem Fusse angestossen, und
durch den hellen Klang, welchen die vertrockneten Sehnen des Thieres
dabei von sich gaben, aufmerksam gemacht, habe er von diesem
Zufalle Anlass genommen, eine mit Saiten bezogene Schildkröten-
schale (eben die Lyra) als musikalisches Instrument zu benutzen.2)
Diese Erzählung ist augenscheinlich die Uebertragung einer griechi-
schen Mythe, welche den Gegenstand der homerischen Hermeshymne
bildet, in's Aegyptische. Allerdings aber kann immerhin auch umge-
kehrt jene Sage, die in der schönen griechischen Hymne so entschie-
den homerisches Colorit angenommen hat, in einer ägyptischen
Priestermythe wurzeln. Es ist allbekannt, dass die Hellenen in
Thot, dem Gotte der ägyptischen Priesterweisheit, ihren Hermes er-
kannten. Von Thot rühren die 42 Bücher der Priester her, unter
denen sich auch, nach den Nachrichten, welche wir darüber dem
Clemens von Alexandrien danken, zwei „Bücher des Sängers" be-
fanden. Zum ägyptischen Götter- und Todtencult gehörte auch
Musik, insbesondere Instrumentalmusik.3) Sehr natürlich also, dass
Thot auch hier für den Erfinder gelten konnte. Dass die Hellenen
die trockene Mythe der Aegypter, wie es nun ihre Art war, reizend
xmlgestalteten, und speciell auf ihr eigentliches Nationalinstrument
die Lyra, übertrugen, kann nicht befremden. Ein starkes Argu-
ment gegen die ägyptische Entstehung des Zuges mit der Schildkröte
liegt in dem Umstände , dass die griechische Lyra auf Abbildungen
oft auf das Bestimmteste an die Schildkrötenschale in Form , Schup-
pen, Tigerflecken mahnt, die ägyptische aber nie und nirgends, da
diese vielmehr im Wesentlichen ein mit Saiten bespannter viereckiger
Holzrahmen ist — ferner , dass die Lyra auf den ältesten ägyp-
1) Auf ägyptischen Denkmalen ist Osiris in dieser Eigenschaft und mit
solchem Gefolge nie abgebildet, vielmehr thront er meist als Richter, den
„Stab Sanft" (den gleich einem Hirtenstabe , oder unserem Bischofsstabe,
auch ein Hirtenstab, gebogenen Scepter) und den „Stab Wehe" (die Geissei)
in den beiden Händen haltend, der eigentliche ägyptische Dichtergott war
Mui-Arihosnofre, der Verfertiger schöner Gesänge. Vergl. Roth, I. Bd.
S. 157. Ueber die sehr ernsten Begleiterinnen des Osiris, welche in Griechen-
land dann zu den lieblichen Gestalten der Musen geworden sein sollen , ver-
gleiche: Braun's Kunstgeschichte, 2. Bd. S. 437 und Roth, I. Note 169.
2) Lukian, Göttergespräche. Hephaistos und Hermes.
3) Die von Diodor von Sicilien (I. 16) aufbewahrte Ucberlieferung
weist dem Thot-Hermes nebst der Erfindung der Schrift (wegen welcher er
der heilige Schreiber iEQoy()CC[Xf.iaTevq des Osiris ist) auch die Einrichtung
des Göttercultus (#£(5r tifläq xal 9v0iaq), ferner die Festsetzung der
Grundlehren der Astronomie zu, mit unverkennbarer Beziehung auf die
Priesterbücher, unter denen, neben hymnologischen und liturgischen, auch
„Bücher des Sternsehers" vorkamen.
142 Die Musik der antiken Welt.
tischen Denkmalen gar nicht vorkommt und allem Anscheine nach
erst später aus Asien herüberkam. Nach Diodor's Mittheilung war
aber Thot-Herines bei den Aegyptern auch überhaupt der Erfinder
der Musik und, was bemerkenswerth ist, auch Lehrer der Har-
monie lind Natur der Töne.1)
Jene älteste Lyra des Thot oder Hermes war nach Diodor's
Bericht mit drei Saiten bespannt, wovon die tiefste ein Sinnbild des
Winters, die mittlere ein Sinnbild des Frühlings, die höchste ein
Sinnbild des Sommers war, oder eigentlich der Wasserzeit, Grün-
zeit und Erntezeit: also der drei Jahreszeiten, in welche die Aegyp-
ter das Jahr eintheilten.2)
Dio Cassius erwähnt beiläufig, dass die Töne der Musik von
den Aegvptern mit den Planeten, den Wochentagen und Tagesstun-
den in Verbindung gesetzt wurden. Die Woche aus sieben Tagen
ist zwar nicht ägyptisch, sondern babylonisch, da aber, Sonne und
Mond mitgerechnet, sieben Planeten am Himmel dahinziehen (we-
nigstens nach der Vorstellung der Alten), so ist die Vermuthung,
dass die Aegypter die sieben Töne der diatonischen Scala kannten,
nicht zu gewagt. Ganz gut stimmt dazu die den Aegyptern ge-
läufige astronomische Mystik, wie viele Deckengemälde sie zeigen
(im thebanischen Eamesseum zu Kurnah, im Tempel zu Tentyrah
zu Hermentis u. s. w.) und die Bedeutung der Tages- und Nacht-
stunden, wo der Sonnengott auf seiner Barke durch Ober- und
Unterwelt hinschifft, stets von andern Schutzgöttern und Geistern
der Tagesstunden geleitet, im Grabe Ehamses V. Die einzige
nähere Xotiz über jene Tonmystik, dass nämlich nach ägyptischer
Vorstellung der tiefste Ton gegen den höchsten sich genau so
verhalte, wie der entfernteste Planet Saturn zum nächsten, dem
Mond, ist so ganz und gar im Sinne der pythagoräischen Sphären-
musik gedacht, dass die Vorstellung nicht abzuweisen ist, Pytha-
goras, in dessen Lehren sich ganz direct Aegyptisches findet, der
nach Plutarch's Angabe durch den Priester < »nuphis in die ägyp-
tische Priesterweisheit eingeweihet worden, und nach Diogenes von
Laerte auch seine Kenntnisse der ihm so viel geltenden Musik
aus Aegypten geholt, habe die Idee seiner Sphärenharmonie eben
auch von dort hergenommen.3)
1) HegL re r>/c tmv aarQcav väi-ecoq y.al nsgl vrjq rwr <f &6y-
•/vjv «OflovlaQ xal <pvGEO)q. Es ist auch gar nicht ohne Bedeutung,
dass hiev die „Ordnung der Gestirne" und die „Harmonie und Natur der
Töne", wie ein Zusammengehöriges verbunden genannt werden. Das Zeug-,
niss steht, wie wir weiterhin sehen werden, nicht vereinzelt, und wird als
Andeutung des Fundortes gewisser pythagoräischer Ideen wichtig.
2) Roth. 1. Bd. S. 151 und Anmerkung No. 168.
3) Nach Plutarch (de Isid. et Osiride) soll auch das Sistrum eine
mystische Bedeutung, und es sollen seine vier Klapperbügel die vier Elemente
bedeutet haben: :ieoie/ei tu aeiö/nevc. zezzccQa . xal yccQ >) yevofisvrj xal
Aegypten. 143
Die Ehre der Erfindung der einfachen Flöte (ßovavlog) schrie-
ben die Griechen gleichfalls den Aegyptern, und zwar dem Osiris
zu.1) Allerdings kommt dieses Instrument schon zur Zeit der vierten
Dynastie vor. Ebenso alt ist die Harfe, und da dieses schöne In-
strument den ältesten Culturvölkern, den hindostanischen Arja und
dem Chinesen unbekannt war, so muss man die Erfindung für die
Aegypter vindiciren.
Eines der Gräber der Xekropolis von Memphis ( im Pyramiden-
felde von Gizeh) gehört Imai, einem Priester und Uberreiniger im
grossen Heiligthume, d. i. im Ptah-Tempel zu Memphis. Er war,
laut des beigeschriebenen Königsnamens Chufu (Cheops), Zeitge-
nosse jenes tyrannischen Erbauers der grössten Pyramide, des ersten
Königs der vierten Dynastie. In diesem Grabe zeigt eine Malerei
die zu Imai's Todtenfeier veranstaltete Musik, denn es war Sitte
der alten Aegypter ihrer Todten voll Pietät mit Fest- und Opfer-
spenden zu gedenken, und wie sich in jeder Pyramide ein Gemach
der Todtenfeier findet, so hat auch jede Grabkapelle ein solches.
Die Abschilderung von Imai's Todtenfest zeigt in streng alterthüm-
licher Darstellung die primitive Vereinigung von Musik und Tanz.
Ein knieender Harfner greift mit beiden Händen in eine grosse mit
acht Saiten bespannte Harfe, ihm gegenüber hockt der Vorsteher
der Lobsinger , und hält in der sonderbaren , in jener Zeit aber stets
wiederholten Attitüde der Sänger die hohle Hand an's Ohr, gleich-
sam um den Harfner recht zu hören. Er leitet den Gesang: von sechs
Sängerinnen, welche nach der noch jetzt im Orient beliebten Weise
zum Gesänge den Eythmus mit den Händen klatschen. Dazu tanzen
drei Männer, Hand und Fuss gleichmässig hebend, und ein Vierter,
der Vortänzer, macht eine kühne Wendung mit gehobenen Armen,
als wolle er sich rasch wirbelnd umdrehen. Damit kein Zweifel
bleibe, was diese Figuren vorstellen, hat jede ihre ordentliche
Beischrift in Hieroglyphen: „Harfner, Sänger, Tänzer."2) In
einem anderen, derselben Zeit angehörigen Grabe bei Gizeh,
dessen Inhaber jedoch unbekannt ist, spielen ebenfalls zwei knieende
Harfner auf grossen alterthümlichen Instrumenten, Sänger hocken
vor ihnen, die Hand am Ohre, aber hier gesellt sich ihnen noch eine
beim Blasen schräg gehaltene Flöte.3) In einem dritten Grabe bei
(ftitinoni'n, imJnc Tor xÖGfiov TtSQie%6Xai fjLBV web zrjq GeXijviaxrjq G<pal-
quq, xiveixai de ev avx% ndvxa xal fiexaßdXXexai Sta tJjv Ttrrä(>vjv
oxotyeuov — nvQoq xal yrjq xal vöaxoq xal deQoq.
i) Athenäus, IV. 23, Eustathius, zur Iliade, XVIII. 526 und Julius
PolIux(IV. 10), welcher sagt: (JiovavXoq svQtjfiä ioxiv AlyvTtxlwv , TtaQcc 6e
Ab/vvcTioiq 7toXv<pd-oyyoq avXbq, 'OolQiSoq £VQfj(/.a, ex xaXa(ir\q XQiMvrjq.
2) Abgebildet in Eosellini monum. civili. Tat'. XCIV. Fig. 2. Eine
völlig gleiche Darstellung (nur machen neun Männer den Vortänzergestus)
findet sich in dem aus den Zeiten der fünften Dynastie herrührenden Grabe
No. 6 bei Gizeh. S. Lejisius, II. Abth. Taf. 52." 53.
3) A. a. 0. Taf. XCV. Fig. 2 und Lepsius, II. Abth. Taf. 74.
144 Die Musik der antiken Welt.
Gizeli begleitet ein Harfher eine Schrägflöte und zwei Langflöten.1)
Also Flöte und Harfe sind die allerersten Tonwerkzeuge, deren sicli
die cultivirte , über den rohen Naturzustand hinausgekommene Musik
bedient.2) Unter denselben Gräbern, nach den in der Inschrift
vorkommenden Königsnamen den Zeiten der fünften Dynastie an-
gehörig, findet sich eine Kapelle, auf deren Thürtrommel zu lesen
ist: „einer der Auserlesenen des Königs im Palaste, der Oberste
des Gesanges Ata"; und noch prächtiger lautet sein Titel an an-
derer Stelle: „Der Oberste des Gesanges, der da erfreut das Herz
seines Herrn durch schönen Gesang im Sanctuarium des .... (zer-
störter Text) Prophet der Hathor am Sitz der Hauptpyramide, Pro-
phet des Nefer- (Arkere), Prophet des Asychis, Prophet des Ean-
teser: Ata".3) Solche Oberste des Gesanges kommen auch in spä-
teren Gräbern vor, sie nennen sich „Sänger des Herrn der Welt"
oder „Grosssänger des Königs."4) Auf der zwischen Assuan (Syene)
und Philä gelegenen Katarakteninsel Scheil lautet eine Weiheinschrift,
welche aus den Zeiten zwischen der 12. und 18. Dynastie herrührt:
„Der Erpa-He und Grosse an der Spitze der Seinen, der Sänger
seines Herrn Amon, der Prinz von Kusch (Aethiopien) Pauer
vor der Göttin Anke."5) Also selbst ein Prinz ist Oberster der
Sänger; die Musik erfreut die Göttersöhne, die Könige und im
Heiligthume die Götter. Ata ist nicht blos Oberhaupt der Sänger
(und zwar eines ganzen priesterlichen Sängerchors, denn wo ein
„Oberster" ist, müssen nothwendig auch Untergebene sein), er ist
auch „Prophet der Hathor."6) So hat also auch in Aegypten, und
vorzugsweise, die Musik jenen feierlichen, gottesdienstlichen Cha-
rakter, den sie bei jedem höher begabten Volke — den Chinesen,
1) S. das Werk der französichen Expedition descr. de l'Egypte — Ab-
theilung Gizeh.
2) Merkwürdig ist es, dass die Bibel bei Nennung des Jubal gerade
dieser zwei Instrumente erwähnt: Kinuor und Ugabh.
3) Brugsch: Reiseberichte aus Aegypten S. 37.
4) Rosellini, a. a. O. tomo III. p. 83.
5) Brugsch, a. a. 0. 273.
6) Die Propheten , welche die Sprüche an den Opfer- und Orakelstätten
zu fassen hatten, bildeten nach Clemens von Alexandrien eine eigene Klasse
der ägyptischen Priesterschaft, und die heilige Sammlung der 42 Bücher ent-
hielt auch „6 Bücher des Propheten" und zwar als die Haupt- und heilig-
sten Bücher. Ilathor ist die Göttin des dunkeln Weltraumes, des unterirdischen
Himmels, welche den Ehu, den jungen Tag, gebärt. Sie heisst auch „das
Auge der Sonne, die Herrin des Scherzes und Tanzes." Sie ward sowohl im
Memphitischen als im Thebanischen Götterkreise dem starken Horus (Har-
ver-Arveris) zur Seite gestellt, In Edfu hatte sie mit ihm einen gemein-
schaftlichen Tempel, zu Buto im Delta eine berühmte Orakelstätte. Der
kleinere der berühmten Höhlentempel zu Abu-Simbel (Ipsambul), ist ihr
gleichfalls geweiht. Kuh und Sperber sind ihre geheiligten Thiere. Zuweilen
vertritt das Hathorhaupt in ernster, strenger Schönheit die Stelle eines Säulen-
kapitäls, z. B im Tempel von Tentyrah, im Westtempel zu Philä, im
kleineren Tempel zu Ombos, in Theben, und sonst öfter.
Aegypten. 145
Indiera, Hebräern, Griechen — in ihren ersten Manifestationen so-
gleich anzunehmen pflegte. Wie die Inder ihren Rigveda, die
Hebräer ihre Psalmen und die Griechen ihre orphischen Hymnen,
hatten die Aegypter unter den schon erwähnten 42 Büchern, welche
eine Art Kanon und zugleich Encyclopädie bildeten, — Liturgie,
Sterndeutung, die Lehre von den heiligen Massen, der Arznei-
kunst u. s. w. enthielten — jene beiden Bücher voll Lobgesänge auf
Götter und Könige. Auch wenn nicht überliefert wäre, dass sie
„Bücher des Sängers" genannt wurden, müsste angenommen werden,
dass die Hymnen, Anrufungen und Doxologien, welche sie enthiel-
ten, nicht in einfacher Rezitation, sondern gesangweise vorgetragen
wurden. Im Grabe Rhamses III., bei Theben, greifen zwei kahl-
köpfige Greise in weiten Gewanden, also Priester1), vor thronen-
den Gottheiten und mit Gaben beladenen Opfertischen, mächtigen
Schwunges in ihre grossen prachtvollen Harfen. Anderwärts
sieht man hinter dem mit dem Leopardenfelle bekleideten räuchern-
den Priester Musiker mit Harfen, Flöten und Guitarren die feier-
liche Handlung begleiten.'2) Sängerfamilien, in denen sich die
Kunst vom Vater auf den Sohn vererbte 3) , waren an allen Tem-
peln angestellt. 4) Diese gottesdienstliche Musik stand , wie man
sieht, in Würde und Ansehen5); man schrieb edler Musik überhaupt
eine sittlich wirkende Kraft zu. Die Sitte, Verstorbene durch lob-
preisende Hymnen zu ehren, dauert durch alle Zeiten. Unter den
Gräbergrotten von Eleithya (El-Kab) oberhalb Theben findet sich
das Grab eines Obersten Sewek, genannt Meriansuten, d. i. Lieb-
ling des Königs, das nach sehr alterthümlicher Weise nicht mit
Wandmalereien geziert ist, sondern mit Skulpturen, nach deren
schlichter Strenge das Grab tief in die Zeiten des alten Reiches
zurückzusetzen sein dürfte. Hier kniet der „Vorsteher der Lob-
singer" (er heisst laut Beischrift Ran-Seneb) und hinter ihm zwei
Sängerinnen ; sie klatschen in die Hände und singen : „Aufstand,
aufstand Deine Sonne am guten Tage, aber Trauer war Dein letzter
1) Die Priester mussten den Kopf ganz kahl geschoren tragen, und ihn
insbesondere jeden fünften Tag scheren. Abgebildet sind die thebanischen
Harfner bei Rosellini mon. civ. Taf. XCVII und Descr. de l'Egypte IL 91,
bei Rosellini genauer und in Farben.
2) Wilkinson, II. 316.
3) Herodot erzählt, dass bei den Aegyptern, wie bei den Lakedämoniern,
der Sohn dem Gewerb des Vaters folgte, so <lass der Sohn des Flötenbläsers
wieder Flötenbläser, des Koches Koch ward u. s. w. : ^vfXiptQOVxai 6h xal xaöe
AlyvTtTioioi AaxsSai/uoviot' ot xtjQvxsq avxd>v xal avhjxal xal ftaysiQOi
ixölxovxai xaq naxQcotaq xs/vaq, xal avhjxrjq xs av?jjxeco ylvsxai, xal
(xäyeirioq fxuytiQov xal xtjqv£ xrjQvxoq. (VI. HO.)
4) Duncker, Gesch. d. Alterthums , I. Bd. S. 88.
5) Es sei solches hier ausdrücklich bemerkt, weil man aus gewissen später
zu besprechenden Stellen griechischer Schriftsteller das Gegentheil folgern
wollte. Ganz richtig aber sagt Rosellini (mon. civ. III. 44) i monumenti
d'Egitto esser debbono a noi di ben altra autorita che i greci o i latini scrittori.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 10
146 Die Musik der antiken Welt.
Tag." Die Darstellung ist merkwürdig; man sieht, dass bei sol-
chen Gelegenheiten zuweilen auch blosse Vocalmusik in Anwen-
dung kam. Ein anderes, nach dem Königsnamen Sevek-hotep
aus den Zeiten der 13. Dynastie herrührendes Grab zu El-Kab,
gehört einem gewissen Ranni, der zugleich Offizier (Chiliarch)
und Priester und nebenbei an Heerden von Rindern, Schafen,
Schweinen und Eseln sehr reich war, deren stattliches Verzeich-
niss ein Schreiber in seiner Gegenwart aufsetzt. Hier sieht man
zwei Harfnerinnen und zugleich Sängerinnen von seltsam schlanken
Körperverhältnissen, eine kniet, die andre steht; sie rühren mittel-
grosse Harfen und singen eine Hymne, deren Text sich in mehreren
Colonnen von Hieroglyphen hinzieht. Ein drittes Grab in El-'Kab
zeigt eine weit stattlichere Musik : nach dem Styl der Bildwerke ge-
hört es in die Zeit der 17. Dynastie des Befreiungskampfes gegen die
Hvksos, aus welcher das Grab manches in Eleithya bestattetenFührers
(z. B. des Schiffkapitäns Ahmes) herrührt. In jenem Grabe thront
der Verstorbene mit seiner Gattin, gleich einem Götterpaare, der
kleine Haus- und Lieblingsaffe unter dem Stuhle nascht Früchte. *)
Das Paar wird durch das Spiel zweier Harfen und einer Doppelflöte
und'den Gesang zweier Sängerinnen erfreut, dazu schlägt ein kleines
Mädchen mit zwei Klapperhölzern den Takt ; ein Weib überreicht
ein Sistrum, ein zweites bietet einer gegenüberknieenden, colossal
gehaltenen weibliehen Figur eine Opferschale dar.2) Auch in den
aus der Zeit der 12. Dynastie stammenden Grotten von Beni-Hassan
finden sich Malereien, welche auf Musik Bezug haben — manche
ganz gemüthlich, wie jene im Grabe eines gewissen Roti, dessen
Gattin dem Kinde die nährende Brust reicht, während sie dem
Spiel einer Harfe und dem Gesänge eines knieenden, die Hand
am Ohre haltenden Sängers zuhört. 3)
In einem Grabe bei Theben, welches Rosellinifür sehr alterthüm-
lich erklärt, sieht man vier rothbraune nubische Mädchen, wovon drei
singen, während die erste eine sehr schlanke Doppelflöte bläst. Man
könnte an Strassenmusik herumziehender Musikanten denken, trü-
gen die Mädchen nicht den offiziellen ägyptischen Traueranzug, insbe-
sondere jenes seltsame, eiförmige Trauermützehen, welches, wie
es scheint, in den letzten Zeiten des alten Reiches Mode wurde
und auf Malereien aus dem neuen Reiche häufig vorkommt. In
einem andern Grabe bei Theben besteht die Trauermusik nur aus
zwei Lauten, wozu eine Tänzerin einen pantomimischen Tanz aus-
führt, während ein anderes Mädchen die Opferschale darbringt.
Dass aber bei den Aegyptern die Musik nicht blos bei so ernsten
1) Aehnliche Bildwerke aus der Zeit der 17. Dynastie sehe man bei Lqj-
sius Abth. III. PI. 9. von der Nordwand des Grabes No. 11 in Kurnah, und
PL 12 aus Eilythia.
2) Rosellini und Descript. de l'Ecrvpte.
3) Eosellini mon. civ. Taf. XCVI. Fig. 6.
Aegypten. 147
Anlässen, wie Opfern oder Todtenknlt verwendet wurde, sondern
auch zn häuslichem Ergötzen und geselliger Erheiterung diente,
zeigt unter andern die in Beni-Hassan gemalte Darstellung einer
Scene aus dem Leben der vornehmen Welt, das Lever einer Dame,
Namens Haotph, Gemahlin eines Grossen, welcher Amenemhe hiess.
Während Dienerinnen Schmuck und Toilettengegenstände herbei-
tragen, spielen ein Harfner und eine Harfnerin auf ansehnlichen,
buntbemalten Instrumenten , und drei Sängerinnen lassen ihre
Stimme hören, natürlich unter dem obligaten Händeklatschen.1)
Es ist im "Wortverstande ein häusliches Privatconcert 2) ; dem Style
nach gehört diese Malerei in die Zeiten des neuen Reiches. Auch
bei grossen Gastmaleu liebten es die Aegypter Musik zu hören.
Die Darstellung eines solchen zeigt, wie zwei knieende Harfner-
innen, ein Weib und ein Mann mit Guitarren, ein Weib mit
einer Handtrommel und zwei Sängerinnen bemüht sind, die Gäste
zu ergötzen.3) Ueberhaupt ging es, wenn wir solchen Malereien
glauben dürfen, bei den Festgelagen nicht so düster melancho-
lisch her, wie das nach Herodot's Erzählung dabei umhergetragene
Todtenbild vermuthen Hesse.
Die kriegerische Musik der Aegypter kann nur uneigentlich so
heissen, denn Trommel- und Trompetensignale gehören eigentlich
nicht zur Tonkunst. Die ägyptischen Trommeln kennt man nicht
allein aus erhaltenen Abbildungen, sondern es befindet sich auch ein
erhaltenes Exemplar im Museum des Louvre. Sie glichen einem
an beiden Enden abgestumpften Ei oder einem Fässchen, und waren
mit durch gekreuzte Spannschnüre straffgehaltener Thierhaut bezogen,
sie wurden quer getragen und von beiden Seiten her mit beiden
Händen geschlagen 4) oder auch mittels eines Schlägels. 5) Ausser
dem Gebrauche trug der Tambour sein Instrument auf dem Rücken.6)
Dieser Art Trommel bedienten sich, wie Clemens von Alexandrien
erzählt, die Aegypter im Kriege, während die Araber blos Hand-
pauken (y.i\ußa).a) anwendeten. ') Die ägyptischen Trompeten wa-
ll Rosellini, mon. civ. Taf. LXXV1I. Fig. 12.
2) Unter den Blättern von Hogarth's „Heirat nach der Mode" findet sich
die Darstellung eines Privatconcertes aus dem Anfange des vorigen Jahrhun-
derts bei Lord und Lady Sguanderfield , während Lady von zum Lever ge-
kommenen Gästen umgeben im Pudermantel dasitzt und frisirt wird , singt
der berühmte Sopran Carestini unter Begleitung des Flötisten Weidemann eine
Arie zu grossem Entzücken einiger Damen. Es macht einen eigenthümlichen
Eindruck, jene, Jahrtausende auseinanderliegenden, einander ähnlichen Sce-
nen aus dem Leben der vornehmen Welt mit einander zu vergleichen.
3) Rosellini , mon. civ. Taf. LXXIX. Man vergleiche auch Wilkinson
XII. Fig. 4.
4) Wilkinson, II. 266.
5) Ebend. II. 270.
6) Rosellini, mon. stör. CXVI. Fig. 4.
7) Clem. Alex. Pädag. II. 4. Ä'oürrc.i AiyimxiOi ivfindva) aul AQaßeq
xvfißaXa.
10;
148 Die Musik der antiken Welt.
ren entweder einfach kegelförmig, fast wie Sprachrohren, oder hatten
am Ende einer ziemlich langen geraden, engen Röhre einen sich
plötzlich erweiternden Schalltrichter, gleich der bis auf den heutigen
Tag erhaltenen, tonarmen, rauhen, aber schallkräftigen abyssinisehen
Trompete. 1) Plutarch vergleicht ihren Ton geradezu mit dem Esels-
geschrei, und die Einwohner von Busiris und Lykopolis (Siut) moch-
ten sie wegen dieser Aehnlichkeit nicht anwenden, weil der Esel
bei ihnen als typhoniscb.es Thier verabscheut wurde. 2) Ein weder in
Abbildungen noch sonst erhaltenes, Chnue (xv0^'rl) genanntes Krumm-
horn soll nach Eustathius wieder Osiris selbst erfunden haben. 3)
Die Uebersicht der Monumente des alten Reiches lässt den
Reichthum jener alterthümlichen Epoche an Musik vollkommen
würdigen und insbesondere die Ausbildung; der Musikinstrumente
bewundern.
Unter diesen steht, wie schon gesagt, die Harfe obenan —
von den Aegyptern, laut hieroglyphischer Beischriften, mit dem
wohlklingenden Namen Tebuni 4) bezeichnet. Die primitive Form
derselben, deren Andenken in dem Grabe No. 90, aus den Zeiten
der 4. Dynastie bei Gizeh, erhalten ist, zeigt einen ganz einfachen,
massig geschwungenen Bogen von Holz, ohne Resonanzkasten, mit
sechs Saiten bezogen, Avelche oben befestigt sind. 5) Diese höchst
einfache Form lässt fast vermuthen, dass das Klingen der Bogen-
sehne die Idee dazu hergegeben und Veranlassung der Erfindung
geworden ist; merkwürdig genug sind bei den Griechen die Bogen-
schützen Herakles, Apollon und Alexandros-Paris zugleich Lyra-
spieler, und Piaton knüpft an das gleichartige Erklingen der Bogen-
sehne und der Lyrasaite sinnige Betrachtungen. Aber schon in
dieser ältesten Zeit erfährt die einfache Harfenconstruction Zusätze
und Verbesserungen. Der Untertheil des Bogens wird kräftiger
ausladend und wuchtig gestaltet, so dass er eine Art Fuss bildet,
kraft dessen die Harfe stehen bleibt, ohne gehalten werden zu
müssen. An diesem klobenförmigen Untersatz wurde ein schräg
gestellter Saitenhalter angebracht. Oben sind die Saiten an
einem plumpen, stark vorspringenden Saitenhalter befestigt. Die
Harfe in Imai's Grabe hat diese Form. Sehr kräftig, fast wie ein
abgesondertes Piedestal, aus dem der Bogen der Harfe aufsteigt,
1) Rosellini, monum. storici , Taf. CXVI. Fig. 3 und Taf. CXXV. Wil-
kinson, I. 291. IL 261.
2) De Isid. et Osiride.
3) Ad Iliad. XVIII. 495. Dieses gekrümmte Hörn war auch in Griechen-
land als ägyptisches Hörn bekannt.
4) Josephus nennt sie: to ßovvi, fasst also die erste Silbe als Artikel.
Ganz falsch versteht Paw unter Tebuni das klingende Triangel.
5) Description de l'Egypte, Abtheilung Gizeh. A. Fig. 17. und Lepsius
II. Abth. Taf. 36. Es spielen zwei knieende Harfner solche Harfen, ausserdem
wirken zwei Schrägflöten, eine Langflöte und zwei Sänger (Hand am Ohre) mit.
Aegypten. 149
sieht der untere Kloben bei einer Harfe, jenes anonymen Grabes in
Gizeh imcl bei der Harfe im Grabe Rotis in Beni-Hassan aus. Die
alte simple Bogenbarfe kommt, mit gleichsam eingeknicktem, haken-
förmig gebogenem, die Saiten haltendem Untertheil, in den Zei-
ten der 5. Dynastie vor. J) Die Harfen in den Grotten von Beni-
Hassan, aus der Epoche der zwölften Dynastie, zeigen einen sehr
erheblichen Fortschritt ; der Bogen und insbesondere der Untersatz
hat sich zum förmlichen Resonanzkörper, zum Schaukasten ausge-
höhlt. Der an der altern Harfe (z. B. in Imai's Grabe) seitwärts ange-
brachte saitenhaltende Leisten rückt hinauf, und wird zu einem frei
aufliegenden Saitenhalter, während oben förmliche Stimm wirbel an-
gebracht sind. Harfen dieser Art werden bei jener Dame Haotph ge-
spielt. Das Verhältniss des Schallkastens gestaltet sich verschieden,
bei manchen Harfen (z. B. der einen im Grabe Ranni's), besonders
jenen, die ein sehr flaches Kreissegment bilden, verläuft er unmerklich,
so dass die Harfe fast das Ansehen eines leicht gekrümmten Schiff-
chens erhält. Bei andern scheidet sich in der Hälfte der Schallkasten
scharf vorspringend von dem einfachen schlanken, leicht nach
oben gekrümmten Bogen ab. Eine solche Harfe findet sich noch in
den Zeiten des neuen Reiches in der Musiker-Kammer im Grabe
Ramses III. abgemalt2), und eine wohlerhaltene, aus dem Senegal-
schen Swieteniaholz verfertigte, mit vier Saiten bespannt gewesene,
fand Rosellini in einem Grabe bei Theben. Sie befindet sich jetzt
im Museum zu Florenz. 3) Auch zierendes Schnitzwerk fängt an
sich einzustellen ; an der Spitze des Bogens etwa ein Kopf mit oder
ohne mythologische Abzeichen u. dgl., und bunte Farben geben der
Harfe ein heiteres Ansehen. Auch die Anwendung des ausländi-
schen, den Aegyptern nur im Handel zukommenden Swieteniaholzes,
deutet darauf hin, dass die Harfen neben ihrer rein musikalischen
Bestimmung anfingen auch als kostbare Möbel ausgestattet zu wer-
den, woraus in den glänzenden Zeiten des neuen Reiches geradezu
luxuriöse Pracht wurde. Die frühere einfache Gestalt bleibt jedoch
neben jenen reicheren Instrumenten noch immer in Anwendung ; zu-
weilen mit Varianten, wie wenn sich z. B. der ursprünglich sehr
flache Bogen an einer siebensaitigen, von einem knieenden Weibe ge-
spielten Harfe (in Beni-Hassan) zu einem völligen, etwas gedrück-
ten Halbkreise erweitert. 4) Eine sehr eigenthümliche, häufig vor-
kommende Abart bildet sich um diese Zeit aus, man könnte sie
Paukenharfe nennen. Sie entwickelt sich aus den Harfen, deren
Scballkörper die untere Hälfte des Harfenbogens einnimmt. Der
Schallkörper rundet und weitet sich endlich zur Form einer Kessel-
1) In dem Grabe No. 16. bei Sakkara. S. Lepsius, II. Abth. Taf. 61.
2) Descript. de l'Egypte, PI. A. II. 91.
3) Rosellini, mon. civ. LXVI. 9.
4) Descript. de l'Egypte. Abth. Beni-Hassan.
150 Die Musik der antiken Welt.
pauke aus, und eine Art schräger, au der Pauke angebrachter, mit
ihr durch eine Art Schnalle oder Angel verbundener Stütze hält die
Harfe etwas in die Höbe und macht sie dem Spieler bandlicher.
Dieser Art gehört die eine Harfe im Grabe Ranni's und gehören die
Harfen bei jenem grossen Fest- und Opferschmause an. Im Ganzen
fangen die Harfen an bequemer und leichter auszusehen. Zuweilen,
wie an einer der Harfen bei Haotph's Privatconcert, knickt der Bogen,
statt oben rein auszusehwingen , plötzlich ein, und gibt so die erste
Andeutung jener Dreieckform, welche im neuen Reiche die alte
Bogenform merklich in den Hintergrund drängte. Da die ägypti-
sche Harfe ursprünglich ein mit Saiten bezogenes Kreissegment und
nicbt, wie unsere oder die altnordische ein mit Saiten ausgefüllter
dreieckiger Rahmen war, so fehlte ibr durchaus das stützende Vor-
derholz, auch als die trianguläre Form sonst bereits zur vollen Gel-
tung gekommen war. Die Anzahl der Saiten ist sehr ungleich, in
jenem anonymen Grabe, bei Gizeh, hat die eine Harfe gar nur zwei
Saiten, andere haben vier, sechs, acht, auch zehn und nocb mehr.
Die lang und schlank aufsteigenden Harfen werden entweder stehend
gespielt, oder es legte sie, wenn sie leicht und sehr flach gespannt
waren, wie jene canotförmigen oder mit dem in der Hälfte scharf
abgebrochenen Schallkasten versehenen, der Spieler auf die linke
Schulter wie ein Soldat sein Gewehr. Während in der ältesten
Zeit die Harfenspieler durchaus knieten, nahmen sie später diese
Stellung zwar noch sehr oft, doch nicht abschliessend und vorzüg-
lich dann an, wenn die Harfe bei massiger Höbe ein stärkeres Bogen-
segment bildete. Die Paukenharfen wurden stets knieend gespielt.
Zu den urältest gebräuchlichen Instrumenten der Aegypter ge-
hören ferner Guitarren , Mandolinen und Lauten ; ihr altägyptischer
(und koptischer) Name war Xabla *), woraus dann die Hebräer
„Nebel" und die Römer „Nablium" gemacht haben. Dieses In-
strument findet sich schon in den Gräbern, aus den Zeiten der vier-
ten Dynastie, bei Gizeh als Hieroglyphenzeichen-), was auf
schon damals allgemeine Verbreitung schliessen lässt, denn für eine
Bilderschrift wird niemand unbekannte Gegenstände auswählen.
Auch ist es bedeutungsvoll, dass (nach Cbampollion) das Hiero-
glyphenzeichen der Nabla für den Begriff „gut" oder „gütig" ge-
braucht wurde, ein Beweis, wie man schon. damals über den "Werth
der Musik dachte. Da die Aegypter mit dem betreffenden Epithe-
ton sebr freigebig waren, besonders wenn von dem Könige die Rede
war, so erscheint das Zeichen in allen Perioden überaus häufig,
auch auf jenem Obelisk in Rom, von dem es Burney abzeichnen
1) Uhlemann, Handbuch der ägyptischen Alterthumskunde, 2. Abth.
Seite 302.
2) Im Grabe Nummer 32, 37, 4S, 73. 99 und noch sehr viel öfter. S.
Lepsius, IL Abth. Taf. 82, 34, 85, 93, 95 u. s. w.
Aegypten. 151
liess. So abbrevirt die hieroglyphische Zeichnung .ist, so deutlich
ist sie doch. Der Körper des Instrumentes ist oval, unten ist deutlich
ein Saitenhalter, wie an unseren Violinen, etwas höher, an der
zweckmässigsten Stelle ein halbmondförmiger Steg .zu erkennen.
Der Hals ist lang, aber bald mit zwei Wirbeln, bald mit einem ein-
zigen versehen. In letzterer Ausstattung gleicht das Instrument
dem paraphonen Monochord des Ptolemäus. Die Bespannung mit
zwei Saiten scheint die gewöhnlichere gewesen zu sein. Es finden
sich aber auch Guitarren mit drei Saiten. Clemens von Alexandrien
nennt die Nabla ein Dichord, ein zweisaitiges Instrument, und be-
zeichnet sie als eine Erfindung der Kappadoker. Aber mit den Kap-
padokern. den Re-tennu, wie sie in den pharaonischen Inschriften
heissen, kamen die Aegypter erst während der Kriege Thutmes I.
(17. Dynastie) in Berührung, und das Zeugniss eines so späten Schrift-
stellers, wie Clemens in Alexandrien, verliert den zweifellosen Zeug-
nissen der Monumente gegenüber sein Gewicht. Es ist also die
Erfindung iener so wichti°-en, für die Ausbildung unserer Instru-
mentalumsik so folgenreich gewordenen Instrumente gleichfalls für
die Aegypter in Anspruch zu nehmen. Lauten- und Guitarren-
spieler und Spielerinnen kommen auf Abbildungen sehr oft vor.
Sie bedienen sich zum Rühren der Saiten bald der blossen Hand,
bald eines kleinen Spatels, wie heutzutage die Mandolinenspieler.
Während die rechte Hand in solcher Art die Saiten in Vibration
setzt, werden mit der linken die Töne auf dem Halse des Instru-
mentes gegriffen. Die Anfangs zierliche Gestalt des Instrumentes
wird später (noch in den Zeiten des älteren Reiches) ziemlich
steif und eckig, ein quadratisches, nach unten zugespitztes Cor-
pus und ein überlanger, stangenartiger Hals geben ihm das An-
sehen eines Schiffruders. Vom Halse hängen oben öfter zwei
Troddeln als Zierde herab. In den Zeiten des neuen Reiches
wird die Form wieder leichter, zuweilen sind die Seitentheile des
Corpus leicht eingezogen, wodurch eine unserer Guitarre sehr
ähnliche Gestalt entsteht.
Die Lyra kam, wie schon bemerkt, sicher nachweisbar erst
zur Zeit der 18. Dynastie, also erst in der Zeit des neuen Reiches in
Gebrauch, und scheint gar kein ursprünglich ägyptisches, sondeni
ein von Hause aus asiatisches Instrument zu sein. Die nach-
weisbar älteste Abbildung der Lyra in Aegypten findet sich in einer
der Gräbergrotten von Beni- Hassan *) im Grabe eines Vornehmen,
Namens Nehera-si-num-hotep , dem sich unter Anführung eines
Häuptlings Abscha, eine mit Weib und Kind, Hausgeräthe und
1) Abgebildet bei Rosellini, mon. storici und Lepsius, II. Abth. Bl. 131.
132. 133. Bei Lepsius hat dieLyra acht Saiten. Ausserdem zeigen sonder-
bare diagonale Striche, als sei die untere Hälfte der ersten Saite durch Quer-
saiten befestigt. Das Piektrum ist ein kurzes schwarzes Stäbchen.
152 Die Musik der antiken Welt.
Packesel einwandernde Schaar Semiten ans dem Stamme der Aarnii
präsentirt. Diese friedliche Einwanderung geschah zur Zeit König
Sesurtesen IL, also in der Epoche der 12. Dynastie, kurz ehe der
kriegerische Einfall der Semiten, welche unter dem Namen der
Hyksos bekannt sind, erfolgte. Einer der Semiten trägt eine plump
geformte siebensaitige Lyra, die er im Gehen mit beiden Händen
spielt, und zwar von links her mit den blossen Fingern, rechts da-
gegen mit einem kleinen Piektrum. Diese Lyra zeigt die rohe Ge-
stalt eines urthümlichen Instrumentes : es ist im Wesentlichen ein
viereckiges Brett, dessen obere Hälfte zu einem nicht ganz regel-
mässigen viereckigen Rahmen zugeschnitten ist. Der Semit trägt
sie nicht nach Art der späteren griechischen Lyra im Arme, sondern
gestürzt, wie man ein Buch oder eine Mappe unter den Arm nimmt1).
Aehnlich wird auch, fast ausnahmslos, die spätere ägyptische Lyra
gespielt, überhaupt ist sie eine Veredelung jener rohen Urform,
aber doch ganz unverkennbar ihr Nachbild. 2) Dass die Lyra durch
das ganze südwestliche Asien verbreitet war, beweisen Bildwerke,
die Flandin in den Ruinen des alten Ninive, in Khorsabad fand.
Diese assyrischen Lyren sind im "Wesentlichen mit der Lyra der
Aamu gleich, quadratisch, werden liegend gespielt und zu mehrer
Bequemlichkeit mittelst eines Bandes umgehängt getragen. Auf
der Darstellung eines Festmahles sieht man acht solcher Lyraspieler
Musik machen. Da nun die Lyra in Aegypten erst nach der Zeit
der Semitenherrschaft als einheimisches Instrument vorkommt (denn
in dem Grabe bei Beni-Hassan dient sie zur Charakteristik der ein-
wandernden Fremden), so ist anzunehmen, dass sie sich während
der Zeit der Hyksos, die ein halbes Jahrtausend dauerte, in Aegyp-
ten eingebürgert hat. In einem Grabe bei Theben, das nach seinen
alterthümlich strengen Bildwerken aus der Zeit zwischen der 12. und
18. Dynastie, also aus der Hyksoszeit (wo sich der Widerstand or-
ganisirte, welchem die Unterdrücker endlich weichen mussten) her-
rührt, spielt unter Leitung des harfenspielenden Vorsängers Amen-
mes ein zweiter Harfner und ein Lyraspieler, dessen Instrument
noch entschieden der rohen, schweren Form der semitischen Lyra
verwandt ist — nur die leicht ausgebogenen Arme sind ein Ansatz
zur Veredelung. Zur Zeit Amenhotep IV. aus der 18. Dynastie
waren die Lyren schon sehr häufig in Gebrauch, wie eine später zu
erwähnende höchst merkwürdige Darstellung in einem Grabe bei
El-Amarna erkennen lässt, und wie zur Zeit Amenhotep III. und
1) Eigentlich ist also diese Lyra eine Kithara, denn nach der Ableitung
von zl&Üqu (Brusthöhle, Rippe) war es dem darnach genannten Instrumente
eigen, beim Spielen gegen die Brust gestemmt, also liegend gespielt zu wer-
den, wozu der Untersatz oder Schallkasten quadratisch geformt war; während
die Lyra kraft der ihr Fundament bildenden runden Testudo beim Spielen
aufrecht zwischen den Knieen oder im Arme gehalten wurde.
2) Man vergleiche z. B. Rosellini mon. civ.
Aegypten. 153
IV. plötzlich ein merkwürdiger Schönheitssinn die strenge gebundene
ägyptische Form zu durchbrechen strebt , so zeigen diese Lyren eine
zierliche Gestalt, insbesondere einen Schwung der Arme, der an die
edle Form der griechischen Lyra mahnt. Die Einwendung, dass
die auf alles Einheimische stolzen, alles Fremde verachtenden Aegyp-
ter um so weniger irgend etwas von den Sitten oder Geräthschaften
des verhassten Reichsfeindes angenommen hätten , ferner , dass die
Hyksos augenscheinlich ein roher Hirtenstamm waren, der in
Aegypten als Culturunterdrücker, nicht aber als Bringer irgend-
welchen Culturelementes auftrat, verliert ihr Gewicht, wenn man
erwägt, dass während der fünf hundertjährigen Hyksoszeit die Ein-
bürgerung eines harmlosen Tonwerkzeugs so allmälig geschehen
konnte, dass man endlich die eigentliche Bezugsquelle aus den
Augen verlor, und dass jene, unleugbar im Besitze der Lyra befind-
lichen Aamu nach ihrem ganzen Auftreten augenscheinlich auch nur
ein in den einfachsten patriarchalischen Verhältnissen lebender
Xomadenstamm waren. Ueberdies aber erscheint unter den er-
oberten Ländern, welche Amenhotep III. aufzählt, auch Assuri
(Assyrien) und Xeherin (Mesopotamien) und Layard fand in
Arban, Ximrud u. s. w. echt ägyptische Scarabäen mit Hieroglyphen-
schrift und mit den Königsnamen Amenhotep III. und Thut-
mes III. Von hier aus konnte die Lyra vielleicht als Siegesbeute nach
Aegypten gelangen; man kennt die Darstellungen, wo bezwungene
Völker den stolz thronenden Pharaonen nicht allein Xaturproducte
ihres Landes , sondern auch Kunstarbeiten und Geräthschaften als
Tribut darbringen. Die semitische Lyra wurde in Aegypten aller-
dings allmälig einer Umgestaltung unterzogen. Die Lyren aus den
Zeiten der 19. und 20. Dynastie bestehen aus einem cpuadratischen
Schallkasten, über den sich bald schlanke, feingeschwungene, bald
kräftige unsymmetrisch ausgebogene Arme erheben, verbunden
durch ein Oberholz, welches zuweilen aus dem Ganzen gearbeitet,
zuweilen selbstständig angefügt ist. Die oft fächerförmige Bespan-
nung besteht aus 3, 4, 5 bis zu 8 und 9 Saiten. Die äussere
Ausstattung ist weit einfacher als jene der oft luxuriösen Harfen:
die Arme laufen oft in zierliche Spiralen aus, zuweilen in ge-
schnitzte Thierköpfe, z. B. bei einem vortrefflich erhaltenen Exemplar
des Berliner Museums, in Pferdeköpfe. Eine prächtige, in Blau
und Gold schimmernde, von einer Schlange umwundene Lyra fand
Prokesch in Ruinen bei "Wadi-Halfa abgebildet. Beim Spielen
wurde die Lyra, wie gesagt, gestürzt gegen die Brust gedrückt,
selten, gleich der prächtigen griechischen Phorminx, nach Harfen-
weise aufrecht gehalten. Gespielt wurde sie meist mit nur einer
Hand, und stets mit den blossen Fingern, ohne Piektrum. Indessen
zeigt das Bild einer Lyraspielerin aus einem Grabe bei Theben,
dass sie, während die linke Hand in die Saiten greift, in der rechten
Hand etwas an einer Schnur vom Schallkasten der Lyra Herabhän-
154 Die Musik der antiken Welt.
gendes hält. Es ist ganz ohne Zweifel das Piektrum, denn die sehr
alterthümliehe Malerei einer bei Ponte d'Abbadia gefundenen, jetzt
in München befindlichen hetrurischen oder eigentlich griechischen
Vase zeigt auf der Darstellung eines der Pallas dargebrachten
Opfers zwei Lyra- oder Phorminxspieler, welche mit der linken
Hand die Saiten rühren, während die rechte das an einer Schnur
vom Schallkasten herabhängende, sehr deutlich gezeichnete Plek-
trum bereit hält. Die Aehnlichkeit mit dem ägyptischen Bilde ist
zu gross, um letzteres nicht in gleichem Sinne erklären zu sollen.
In den Spätzeiten des ägyptischen Reiches kommt die Lyra wieder
ausser Gebrauch und wird durch die kleine Postamentharfe von
Philä ersetzt. Unter den ägyptisch-arabischen Instrumenten, deren
manche ihren altägyptischen Ursprung deutlich zeigen, findet sich
keines, das auf die Lyra zurückbezogen werden könnte. So kommt
und geht die Lyra in Aegypten als ein Fremdling im Lande.
Die Flöten waren theils Langflöten, Mam oder Mem, theils
ziemlich lange Schrägflöten, genannt Sebi1), theils Doppelflöten,
lang, dünn und nie aneinander befestigt, so dass jede einzeln in
die rechte und linke Hand genommen und mit einem eigenen Mund-
stücke angeblasen wurde, wie man an jenen nubischen Mädchen
deutlich sieht. Das Argul der heutigen ägyptischen Bauern (Fel-
lahs) ist mit seinen paralelllaufenden, an einander befestigten
Röhren bereits eine wesentliche Umgestaltung des antiken Doppel-
instrumentes. Diese schlanken Flöten, mögen aus „Haberrohr"
(ex xalnfiij? xQifrhr,? eigentlich Gerstenrohr) bestanden haben, wie es
Julius Pollux überliefert. Die grösseren, einfachen Flöten aber
waren aus Holz verfertigt, wie zwei wohlerhaltene Exemplare im
Florentiner Museum und im Louyre beweisen. Der Florentiner
Monaulos2) rührt aus Theben her, hat fünf Tonlöcher und eine Art
Schnabel zum Anblasen. Eine sehr kleine ägyptische Flöte hiess bei
den Griechen Giglaros oder Niglaros.3) Gekrümmte Flöten gab es
beim Serapiscult,4) sie mögen aber (wie Serapis selbst) ein zur Zeit
der Ptolemäer eingeführtes auswärtiges, asiatisches Gut sein, da sie
auf den Monumenten nirgends abgebildet sind und die krumme Flöte
als eine Erfindung des Midas und demgemäss für ein phrygisches
Instrument galt. Ein seltsames Instrument, gleich einer schlanken
Weinflasche, bläst wie eine Trompete ein Mann auf einer Abbil-
dung in einem Grabe von Gizeh, wozu ein knieender Sänger, die
1) Verwandt mit Sebe, calarnus, Rohr, insbesondere Schreibrohr (Roth, I.
112). Es scheint also, dass die ältesten Flöten, wie es auch natürlich ist,
aus Rohr bestanden. Aehnlich im Virgil „tu calamos inflare leves" u. s. w.
Ebenso sagt Aristophanes (zit. bei Pollux IV. 9) xa/.afilvijv oi'Qiyya.
■ 2) Rosellini , mon. civ. LXVI.
3) riy/.ccQog (vlyXayoq) {XutQoq tiq «vUcxoq afyvTtzioq, [iov<p6lq
7lQOO(fÖQog sagt Julius Pollux.
4) Apulejus erwähnt ihrer.
Aegypten. 155
Hand am Ohr, sirigt. Dieses seltsame Instrument kommt sonst nirgends
vor, und gehörte, wie der Fundort zeigt, der ältesten Epoche an.1)
Die Schlaginstrumente bestanden theils aus leicht gekrümm-
ten Klapperhölzern, an der Spitze mit geschnitzten Köpfen u. dgl.
geziert, theils aus Handpauken, die zirkelrund waren und unseren
Tamhourins gleichen2), theils viereckig, mit leichter, bogen-
förmiger Einziehung der vier Saiten, theils, der arabischen Dar-
bukah ähnlich, aus einem kegelförmigen, vermuthlich auch aus
gebranntem Thon verfertigen, mit der Trommelhaut bespannten
kleinen Corpus bestehend.
Charakteristisch ist es für die ägyptische Musik, dass die In-
strumente meist in einem zusammengesetzten Ensemble angewendet
wurden, zuweilen auch gleichartige Instrumente, zwei bis drei
Guitarren oder zwei Harfen3), in dem, der Zeit der fünften Dynastie
angehörigen Grabe No. 26 bei Gizeh gar acht Flöten4) u. s. w.
zusammenspielten. Meist gesellte sich ihnen Gesang, selbst die
Flöte begleitete ihn, und bald waren es eigene Sänger und eigene
Instrumentalisten, die zusammenwirkten, bald sangen die Harfner-
innen selbst. Tänzerinnen spielen zuweilen zu ihrem Tanze selbst
die Guitarre oder Doppelflöte.5) Die einfache Flöte, die kriegerische
Trompete wurde durchgehends von Männern geblasen; dagegen
war die Doppelflöte und Handpauke ausschliessend den Musikant-
innen vorbehalten. Die Harfen waren das priesterliche Instru-
ment, sonst aber auch sehr oft in den Händen zierlich geschmück-
ter Spielerinnen, Lyren sieht man stets nur in Frauenhänden. Die
Guitarre wird auf den Bildwerken öfter von Frauenzimmern als
von Männern gespielt. Das berühmte Sistrum6) diente gar nicht
zur Musik, so wenig als das Geklingel unserer Ministrantenglöck-
chen einen Bestandtheil unserer Kirchenmusik bildet. Es war
vielmehr, gleich diesem, bestimmt durch seinen hellen Ton Auf-
merksamkeit auf die heilige Handlung zu wecken und, wie Plutarch
erzählt, die (muthmasslich bei nächtlicher Feier) müde und schläfrig
Gewordenen zu ermuntern. Sein heller Klang hatte ausser dieser
natürlichen Wirkung auch noch eine magische, man glaubte, der
böse Typhon fliehe bei seinem Schalle. Vermuthlich also wollte
man bei Opfern damit die Opferstätte gleichsam exorcisiren. Die
Beschreibung Plutarch's, dass auf dem Sistrum oben das Bild einer
Katze mit einem menschlichen Angesicht angebracht wurde, wird
1) Rosellini, mon. civ. Taf. XCV.
2) Ein wohlerhaltenes Exemplar besitzt das Museum des Louvre.
3) Rosellini, mon. civ. Auf einem andern Bilde sieht man hinter einem
Harfner Blinde, welche singen und in die Hände klatschen. Wilkinson, II, 239.
4) Lepsius, II. Abth. Taf. 74.
5) Wilkinson, II. 301.
6) Nach Plutarch hiess es gzTgtqov , weil man es schwingen muss oxi
oeleo&cu 6el.
|56 Die Musik der antiken Welt.
durch ein erhaltenes Exemplar im Berliner Museum bestätigt.
Die Katze trägt auf dem Kopfe eine Sonnenscheibe und ist also
wohl das Bild der Bubastis: der Tochter Osiris' und Isis', der
Schwester Horus', welche die Griechen wegen ihrer Katzengestalt
Ailuros nannten, und mit ihrer Artemis identifizirten.
Sehr oft erscheint über dem Handgriff des Sistrum der Kopf der
Hathor, kenntlich an den Kuhohren. Ein bleibendes Attribut der Isis
wird das Sistrum erst in der römischen Zeit, die römischen Isisstatuen
halten es in Händen, auf den echten, alten ägyptischen Bild-
werken hat Isis damit nicht eben besonders zu thun. Zuweilen
erscheint es als Opfergabe; so sieht man auf dem Opfertische einen
ganzen Haufen Sistren liegen, während der Opfernde noch ins-
besondere eines überreicht.1) Ob jenes eigenthümliche, elegante
Stück, ein Handgriff, auf dem ein Hatkorhaupt mit der krönen-
den Tempelpforte als Kopfputz und gleich den Armen einer Lyra
beiderseits sich aufschwingenden spiralförmigen Spangen, befestigt
ist, und das allerdings auf den ersten Blick wie eine andere
Form des Sistrums aussieht, wirklich etwas dergleichen ist, mag
dahin gestellt bleiben, wenigstens ist nicht abzusehen, was dabei
den klingelnden Ton hervorbringen könnte.2) Es wird, gleich
dem bekannten Sistrum, oft als Opfergabe dargebracht, so im
grossen Tempel zu Edfu, wo Ptolemäus Soter II. der Hathor mit
1 leiden Händen ein gewöhnliches und ein solches Hathor-Sistrum
darreicht.3) Auch bei der Toilette der Dame Haotph bringt eine
Dienerin es herbei. Hathor trägt nun oft, zumal wo ihr Haupt
als Säulenkapitäl dient, die Tempelpforte, und in dem kleinern
Höhlentempel zu Abu-Simbel, den die Gemahlin Rhamses IL der
Hathor Aveihte, erscheinen auf den mächtigen Hathorsäulen, neben
der das Haupt der Göttin krönenden Tempelpforte sogar auch
jene zwei spiralförmigen Arme, wo sie doch unmöglich die Be-
deutung eines Klingel- oder Klapperwerkzeugs haben können.
Jenes zierliche Opfer- und Toilettengeschenk scheint, alles genau
erwogen, gar kein Sistrum, kein Tonzeug, sondern die Nachbil-
dung einer solchen Hathorsäule zu sein, die vielleicht als Amulet
oder religiöses Symbol diente.
Die sprichwörtliche Bezeichnung Aegyptens als „Sistrenland" ist
übrigens eins von den hundertmal nachgesagten halbwahren "Worten —
Aegvpten ist durch ganz andere und wichtigere Dinge charakteristisch.
Die Frage: ob die Aegypter mit den zahlreichen Tonwerk-
zeuffen, die sie besonders in den glänzenden Zeiten des neuen
Reiches so oft im Ensemble spielen Hessen, alles, gleich andern
orientalischen Völkern, nur im Einklänge gespielt, oder ob sie von
1) Rosellini, mon. civ.
2) Rosellini hält es wirklich für ein Sistrum, mon. civ. Text 3. Band.
3) Lepsius, Abth. IV. Bl. 40.
Aegypten. 157
der Kraft vollstimmiger Harmonie Gebrauch gemacht l), diese Frage
könnten wir nur dann mit Bestimmtheit beantworten, wenn uns
selbst nur eine halbe Minute lang vergönnt wäre zu hören, was
wir auf den alten Denkmalen so oft abgebildet sehen. Wir stehen
hier völlig auf dem Gebiete der Muthmassungen und Conjeeturen.
Kiesewetter hält es für zweifellos, dass die mit beiden Händen voll-
ffriffisr die Saiten rührenden Harfner wirkliche Harmonien hören
Hessen. Er ist sogar geneigt (nach einer Idee Kretzschmars) anzu-
nehmen, dass das griechische Tetrachord, die Yiertonreihe, welche
nach Dio Cassius eine ägyptische Erfindung war, in Griechenland
nur aus Missverstand zum Elemente der Scalenbildung gemacht
worden, während es in Aegypten, wie er vermuthet, ein harmoni-
sches Gebilde war. Dieser harmonische Vierklang, das „harmonische
Tetrachord", müsste hiernach als wahrer Accord (1. 3. 5. 8 oder
nach den natürlichen Aliquottönen 1. 8. 5. 3) verstanden werden,
und es ist nicht ganz und gar unglaublich, dass die Aegypter,
welche Sinn für Xaturbeobachtung besassen, und an ihren Riesen-
harfen stark vibrirende, kräftig tönende Basssaiten haben mussten,
das Naturphänomen der mitklingenden Aliquottöne bemerkt und die
Erfahrung verwerthet haben. Das Ensemble ägyptischer Musik ist
stets aus Instrumenten von sehr verschiedenem Tonumfang und
Tonvermögen zusammengesetzt; Harfen mit zahlreichen Saiten
spielen zusammen mit kleineren, an Saiten ärmeren, mit Guitarren,
mit Lyren; die einfachem Instrumente hätten im Unisono wohl
nicht ausführen können, was die grossen und reichen vermochten.
Es ist nicht unmöglich, dass Flöten, Guitarren, Lyren die Melodie
spielten, während die grossen Harfen Akkorde dareinwarfen, wenn
auch vielleicht nur bei den Anlangen und Melodieabschnitten, und
vielleicht nur Grundton und Quinte. Die Quintenharmonie als
Begleitung ist ja sogar den Chinesen bekannt. Bedeutung ge-
winnen hier jene sogenannten „Ghuma" der Xubier, die Ge-
sänge der Barabra. Es hat sich dort in jenen einfachen Zu-
ständen des Lebens Manches Jahrtausende lang erhalten. Die nu-
bischen Mädchen rollen ihr Haar noch immer wie zur altägyptischen
Zeit in zierliche Löckchen mit Gold und Silber durchflochten, die
Lyra, das Sistrum und die altägyptische Trompete mit ihrem „Esels-
geschrei" hat sich auf die Abyssinier vererbt. So fremd diese Instru-
mente in der Jetztzeit dastehen, so fremd nimmt sich die Ghouma
mit der bunten Lyrabegleitung und dem orgelpunktartigen Bass-
1) Ein merkwürdiger Zug ist es in dem Grabe No. 16 bei Gizeh (Lep-
sius, II. Abth. 52 und 53), dass von zwei Harfnern und zwei Flötenbläsern
jeder seinen besondern, vor ihm hockenden, die Hand am Ohr haltenden
Sänger hat, der speciell mit ihm zusammenzuwirken scheint. So wenden sich
im Grabe No. 90 bei Gizeh die zwei Harfner, drei Flötenbläser und der eine
Sänger gegen die thronende Gestalt des Gefeierten , während ihm der zweite
Sänger auffallend den Rücken kehrt, um sich den Flötenbläsern zuzuwenden.
158 Die Musik der antiken Welt.
ton gegen alles aus, was wir von sonstiger afrikanischer, indischer
u. s. w. Musik wissen. Wie die Wechselchöre der Barabra mit
dem stampfenden und klatschenden Rhythmus der Füsse und
Hände, scheinen auch diese Ghouma ein entstelltes Ueberbleibsel
aus ältester Zeit. Man gestalte sie etwas reicher und cultivirter
und man gewinnt eine überraschend zweckmässige Aufgabe für
jene altägyptischen Orchester. Andererseits darf man aber nicht
ausser Acht lassen, dass eine solche Musik z. B. den Griechen
als das Durcheinandersingen ganz verschiedener Töne erschienen
und von ihren Schriftstellern sicherlich als eine besondere Eigen-
heit der Aegypter erwähnt worden wäre. Die Harmonie gehört
denn doch endlich erst der christlichen Welt an und ist dem
Alterthume ein Fremdes, Unverstandenes geblieben.
Was nun aber die ägyptischen Tetrachorde betrifft, so deutet
jene Stelle des Dio Cassius weder auf Reihen von vier stufenweise
einander folgenden Tönen, wie im griechischen Tetrachord, noch
auf Dreiklänge mit verdoppeltem Grundton in unserem Sinne, son-
dern entschieden auf einen Quartenzirkel d. i. auf eine Stimmung
der Töne von Quarte zu Quarte. Denn Dio Cassius sagt, sie hätten
ilire Töne in solcher Art geordnet, um jene Harmonie hervorzu-
bringen, die man Diatesseron nennt. Diatesseron bedeutet aber
das Intervall der Quarte und ist mit dem Begriffe eines Tetrachords
durchaus nicht derselbe. Da nun die Quarte nichts ist als die um-
gekehrte Quinte, so ist der Quartenzirkel nichts als der umgekehrte
Quintenzirkel, d. h. ganz derselbe Gang, nur in verkehrter Ordnung.
Für diese Quarten- oder Quintenstimmung der alten Aegypter
spricht ein nicht unwichtiger Umstand, dass die in Bau, Saitenzahl
und allem direct von der altägyptischen abstammende Lyra der
Barabra in solcher Weise gestimmt ist. Erinnert man sich der
Ehrfurcht der Aegypter für die Vier als Bild der grossen Vierein-
heit der Götter l) , welche mystisch auf diese Quartenstimmung um
so leichter Bezug nehmen konnte, als die Aegypter nach jenen An-
deutungen des Dio Cassius und des Diodor in den Tönen ohnehin
ein solches Element tiefsinniger Beziehungen fanden, erinnert man
sich ferner der Pythagoräischen , gleichfalls aus Aegypten herge-
holten Tetraktys und dass des Pythagoras Lyra zuerst von der
Ueberlieferung als in zwei unverbundene Tetrachorde getheilt an-
gegeben wird, so stellen sich Beziehungen heraus, für welche nur
die ganz directen historischen Zeugnisse ihres wechselseitigen Zu-
sammenhangs fehlen, um zweifellos heissen zu dürfen. Selbst das
eigentliche griechische Tetrachord kann, wenn nicht unmittelbar, so
doch mittelbar als ägyptisches Produkt gelten , denn es ist ganz
1) Man vergleiche darüber Roth, Gesch. der abendl. Philosophie,
1. Band, S. 133 und die einschlägigen Stellen des 3. Bandes, so weit dieser
von Pythagoras handelt.
Aegypten. 159
naheliegend, zwei eine Quarte weit auseinanderliegende Töne durch
die Zwischentöne zu verbinden, ja, die Quarte mauifestirt sich erst
in Würdigung der beiden mittlem Töne als solche. Doch tappen
wir nicht länger in solcher „ägyptischer Finsterniss" (wo's finster
ist sieht man leicht Phantome), sondern wenden wir unsern Blick
auf die Denkmale, die farbig in hellem Sonnenlicht dastehen und
uns von der steigenden Pracht und Macht Aegyptens in den Zeiten
der 18. Dynastie Zeugniss geben.
Ist das Musiktreiben der Aegypter während der Zeit des alten
Reiches schon reich und bedeutend genug, so wird es im neuen
Reiche vollends glänzend und prächtig. Aegypten hatte sich seiner
schlimmsten Feinde, der semitischen, aus Asien eingedrungenen
Hyksos, welche das Land in harter Zwingherrschaft niedergedrückt
gehalten hatten, nach langen Kämpfen glücklich entledigt, schon
unter den Königen der 18. Dynastie, den Tutmosen und Amenhoteps,
fängt in Kriegsthaten und in Werken des Friedens für Aegypten eine
überaus glänzende Epoche an, unter der langen Regierung der zwei
, Pharaos (Vater und Sohn) Seti I. und Ramses Miamun IL, welche von
den Griechen unter dem Namen Sesostris zusammengefasst wurden,
stand Aegypten auf seinem Gipfel. Der Ptah-Tempel zu Memphis,
die grossen Tempel in Theben, schon von den Sesurtesens und
Amenhoteps angelegt, wurden durch riesenmässige Zubauten zu
"Wundern der Welt. Die Blütezeit der ägyptischen Kunst fällt in
diese Periode. Stelle man sich nun das grosse Theben vor, mit
seinen thronenden Kolossen, seinen Riesentempeln und Sphiux-
alleen, den Xil von Schiften wimmelnd, in allen Strassen Volksge-
wühl, ziehende Priesterprozessionen, aufmarschirende Kriegerschaa-
ren, Gesandtschaften fremder Völker, die dem Pharao kostbare Ge-
schenke, Prodncte ihres Landes bringen! Der Glanz des Reiches
dauert noch unter dem Pharao der 20. Dynastie Ramses III. unge-
trübt fort, und die zweiundzwanzigste hat an Scheschenk, dem Sissak
der Bibel, noch einen gewaltigen Kriegesfürsten aufzuweisen.
Mit dem ganzen übrigen ägyptischen Leben gestaltete sich
auch die Musik in ihrer Weise grossartig. Hier ist vor allen einer
überaus merkwürdigen, den Frühzeiten des neuen Reiches, der
Periode der 18. Dynastie angehörigen Darstellung in dem schon er-
wähnten südlichen Grabe Nummer 1, bei El-Amarna zu gedenken.
Schon das Hauptbild ist interessant; König Amenhotep IV., ge-
nannt Bech-en-aten, der bekanntlich den alten Götterdienst ab-
schaffen und den Sonnendienst ausschliesslich einführen wollte, steht
mit seiner Gemahlin Nofru-aten Xofre-titi, die ein Kind in den Ar-
men hält und mit zwei kleinen Prinzessinnen auf einer Art Balkon
seines Palastes, während seine Gottheit, die Sonnenscheibe auf ihn
herabstrahlt, jeder Strahl in eine kleine segnende Hand auslaufend.
Der König, die Königin und die zwei Prinzessinnen werfen einer
sich verehrend nahenden Menge eine grosse Anzahl der bekannten
160 Die Musik der antiken Welt.
ägyptischen Halskrägen herab. Uns gehen aber eigentlich nur die
Darstellungen auf den Thürpfosten und dem Architrav der Thüre
an. Hier ist in vielen kleinen quadratischen Räumen, die eben so
viele Zimmer und Kammern eines weitläufigen Palastes darstellen,
die ganze Haus- und Hofhaltung zu schauen: die Küche, wo viele
Personen eifrig hantieren, die Meubel- Depots, wo sich andere
Diener zu schaffen machen u. s. w. Auf dem Architrav der Thüre
aber, gerade die Mitte einnehmend, zeigt sich das Quartier der
königlichen Sänger und Musiker, und was da geübt und gemacht
wurde. Es sind in einem Erdgeschoss und zwei Stockwerken je
zwei grosse Zimmer und je zwei kleine Kammern, durch abtheilende
Wände, Säulen und verbindende Eingangsthüren kenntlich gemacht.
Neben allerlei Mobilien und Geräthschaften, als Krügen u. s. w.
stehen hier zahlreiche Musikinstrumente umher, oder hängen an
der Wand, Lyren, Xabla und Harfen. Unter den Harfen zeigt sich
die zu jener Zeit neu eingeführte Trigononharfe, und eine andere,
wo der alte C-Bogen halbirt und ein rechtwinkeliges Oberholz an-
gefügt ist, also ein Mittelding zwischen Bogen- und Dreieckharfe.
In den grössern Zimmern aber sehen wir die Musiker in allerlei
Beschäftigung. Ein junges Mädchen, durch die charakteristische
Jugendlocke bezeichnet, wird von einer sitzenden Person im Gesang
unterrichtet, wozu ein anderes Frauenzimmer auf der Lyra accom-
pagnirt. Ein Mädchen steht vor dem sitzenden Lehrer und scheint
aufmerksam zuzuhören. Ein drittes Mädchen hält bei einem be-
gleitenden Harfner Probe eines Gesangstückes, wozu sie den Rhyth-
mus mit den Händen klatscht. Zwei Mädchen üben einen Tanz
ein, wozu abermals ein Harfner aufspielt. Andere Musiker sind
gerade nicht im Dienste und machen sich Allerlei zu schaffen, ein
Mädchen wird frisirt, ein anderes hat seine Harfe an die Wand ge-
lehnt und hat sich mit einem Gefährten zum Speisen gesetzt,
andere sind anders beschäftigt. Die Harfen, welche bei den Proben
gespielt werden, sind nicht die solennen grossen, sondern leichte
einfache Bogenharfen. Welch' unmittelbaren Blick lässt uns diese
zierliche Genremalerei in dieses vortausendjährige Leben thun !
Wir sehen hier das Departement des „Obersten des Gesanges" in
seiner Alltagsgestalt, gleichsam in seiner Häuslichkeit. Es wurde
also zur Erzielung des nöthigen Nachwuchses an Sängern, Spielern,
Tänzern ordentlicher, geregelter Unterricht gleichzeitig an mehrere
Schüler ertheilt , es wurden sorgsame Musik- und Tanzproben ge-
halten, kurz es ist ein förmliches altägvptisches Conservatorium der
Musik ! !)
Das Hauptinstrument bleibt auch im neuen Reiche die Harfe.
Sie streift die Schwere, welche ihr in den Zeiten des alten Reiches
1) Die Abbildungen bei Lepsius, Abth. III, Bl. 103—106 und Bl. Hl.
Die Darstellung der Musikschule auf Bl. 10(3.
Aegypten. 161
eigen gewesen, vollends ab und erhebt sich schön geschwungen zu
schlanker Leichtigkeit, zugleich aber zu mächtiger Grösse und höch-
ster Pracht der Auszierung. Der runde Schallkasten der Pauken-
harfe gestaltet sich hier zu einem kräftig vorspringenden Fuss-
gestelle, welches dem Instrumente einen festen Stand verleiht, und
neben den Saiten an seinem Vordertheile noch Raum srenug behält,
um irgend ein grosses, stattliches Schnitzbild, einen mit königlichen
Insignien geschmückten Kopf, einen Sphinx1) u. dgl. aufzunehmen.
Das ganze Corpus der Harfe schimmert von in den reizendsten
Mustern wechselnden lebhaften Farben. Wegen ihrer Grösse und
des verhältnissmässig bedeutenden Gewichtes sind diese Harfen nicht
tragbar, sondern stehen, gleich unseren, ihnen im Aussehen sehr
ähnlichen Pedalharfen, ohne vom herantretenden Spieler gehalten
zu werden, fest da. Sie sind das mächtigste Iustrument, dessen
Andenken uns aus der alten Welt erhalten geblieben ist. Von
diesen grossen Harfen im Grabe Ehamses III. (im Thale der Königs-
gräber Biban el Moluk bei Theben) ist die eine noch rund aus-
geschwungen; die andere mit ihrem fast rechtwinklig eingefügten
Oberholze zeigt bereits entschieden jene Dreieckform, nach welcher
die Griechen die Harfe mit dem Namen „Trigonon" bezeichneten.
Merkwürdig ist in der äusseren Ausstattung, dass die geschnitzten
büstenartigen Köpfe auf dem Untersatze nicht allein mit der könig-
lichen Uräusschlange geschmückt sind, sondern auch der eine das
kolbenförmige Pschent, die vereinte ober- und unterägyptische
Königsmütze, der andere die niedrige niederägyptische Tiare auf hat.
Es scheint also, dass der Gebrauch dieser grossen Prachtharfe ein
Prärogativ der königlichen Priester-Sänger von Theben war. Die
Saitenzahl dieser grossen Harfen ist ungleich, von den Harfen im
Rhanisesgrabe ist die rundgeformte mit 11, die dreieckige mit
13 Saiten bezogen. Die von James Bruce und seinem Secretair in
einem anderen Königsgrabe des Biban el Moluk schon früher auf-
gefundenen und abgezeichneten Harfen sind in Gestalt und Auszie-
rung ganz ähnlich, sie gehören beide der Dreieckform an. Bruce
sagt davon: „Die Harfe hat 13 Saiten, aber es fehlt ihr das Vorder-
holz, welches sonst der längsten Saite gegenüber steht. Der Schall-
kasten ist aus vier dünnen Brettern keilförmig zusammengefügt, so
dass sein Umfang nach unten im Verhältniss der Saitenlänge zu-
nimmt. Der Fuss und die Seiten des Instrumentes scheinen mit
Elfenbein, Schildpatt und Perlmutter ausgelegt zu sein, es ist un-
möglich, dass selbst unsere besten Künstler eine Harfe mit mehr
Geschmack und Grazie anzufertigen im Stande sein sollten." Eine
Eigenheit dieser Harfe ist, dass die Saiten nicht wie bei den andern
an dem Fuss, sondern am hohen Schallkasten befestigt sind, daher
die trianguläre Form hier besonders deutlich wird. Die von Bruce's
1) Dieses symbolische Phantasiegeschöpf ist in Aegypten männlich.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 11
|52 Die Musik der antiken Welt.
Secretair abgezeichnete Harfe hat 18 Saiten. Auch hier sind kahl-
köpfige Priester in weiten Gewändern die Spieler.1) Da die Harfen
selbst höher sind als die spielenden Männer, so kann deren Höhe
mit etwa 6 Schuh angenommen werden.
Andere Harfen aus dieser Periode sind, wenn auch weniger
prächtig, doch stattliche Instrumente. Einige, gleichfalls aus Theben
herrührende, deren Höhe 5 Schuh und darüber betragen mochte,
laufen von einem hohen, runden, spitz kegelförmigen, mit Lotos-
blumen und Arabeskenwerk gezierten Schallkörper in ein rund und
schlank ausschwingendes Oberholz aus2), andere nähern sich der
alten Form des lateinischen C, haben aber einen stark ausgebauch-
ten Untertheil, so dass sie fast gebogenen Keulen gleichen, und sind
gleichfalls mit Schnitzwerk und Ornament reich geziert. Eine solche
Harfe aus einem thebanischen Hypogäum (dem Grabe Xummer 18
bei Kurnah) zeigt die stattliche Zahl von 21 Saiten.3) Jene höhern
Harfen werden auf den Abbildungen von stehenden Frauenzimmern
gespielt, wogegen bei jener anderen Harfe in dem Hypogäum bei
Theben ein kahlgeschorenes Weib kniet und von einer Flötenbläse-
rin und Guitarrespielerin accompagnirt wird, welche gleichfalls
knieend musiciren; die Harfnerin und Guitarristin singen überdies.
Ein erhaltenes Exemplar im Museum des Louvre ist mit einer Art
grünen Maroquin bezogen, in welchen Lotosblumen eingeschnitten
sind. Die leichten Schulterharfen, schmucklos wie früher, blieben
nach wie vor in Anwendung; sogar die alte, einfachste Bogenharfe
ohne Resonanzkasten und mit der alten Sechszahl der Saiten ist nicht
i) Die Harfen aus dem Grabe Rharnses III. sind abgebildet Desciipt.
de l'Egypte, II. A. 91 und Rosellini, mon. civ. XC. — Die Bewegung der
Harfenspieler zeigt auffallend gute, selbst schöne Motive, und die ganze Zeich-
nung rein gezogene schwungvolle, lebendig empfundene Contouren, ein Be-
weis des Talentes der ägyptischen Maler, das hier zu Tage treten konnte, weil
sie bei diesem Gegenstande keine geheiligte Satzung band. Bruce unterschätzt
den Maler, wenn er ihm nur den Rang ..eines guten Schildmalers" einräumt.
Uebrigens sind die Harfen Bruce's nicht (wie in der Descript. de l'Egypte, X. Bd.
S. 252) dieselben Darstellungen, die Abweichungen in der Stellung der Harf-
ner und in den Details der Harfen sind zu bedeutend. Bruce kennzeichnet
das Grab: „beim Eingang des Weges der gemächlich abwärts in das Gemach
führt, wo der Sarkophag ist, stehen zwei Säulen, an jeder Seite eine; die an
der rechten Seite stellt die Figur des Scarabaens Thebaicas vor, von welcher
vermuthet wird, dass sie ein Symbol der Unsterblichkeit sei, an der linken
Seite ist ein Crocudil, welches mit den Zähnen an dem Apis hängt und ihn in
die Fluten zieht: beide in erhabener Gypsarbeit. An diesem Merkmal kann
jeder diese Grotte erkennen, der sie zu sehen wünscht. Am Ende des Ein-
ganges linker Hand ist das Gemälde eines Mannes, der auf der Harfe spielt, in
Fresco (?) und noch ganz unversehrt." Möge bald irgend ein Aegyptologe
hiernach die Grotte aufsuchen und uns statt der schlechten Copie von Bruce,
auf der die Harfe lächerlich genug ans dem ägyptischen in den Rococostyl
a la Louis XV. übersetzt ist, eine treue Durchzeichnung und Abbildung
liefern.
2) Rosellini , mon. civ.
3) Descript. de l'Egypte, A. II. 44. Fig. 6. Lepsius, HI. Abth. Bl. 236.
Aegypten. 163
in Vergessenheit gerathen. 1) Die nni diese Zeit in Gebrauch ge-
kommenen kleinen triangulären Harfen , welche eine eigene und
neue Klasse bilden, sind gleichfalls ganz einfach gehalten. Der
viereckige, nach oben verjüngte Schallkasten ist meist ziemlich
kräftig geformt, die Stellung des Oberholzes bildet dazu bald einen
spitzen, bald einen stumpfen "Winkel, an einem erhaltenen Exem-
plar im Museum zu Florenz (an dem sogar von seinen zehn Darm-
saiten einige gefunden wurden) einen rechten Winkel.2)
Ein seltsames Mittelding zwischen der Paukenharfe und Laute
scheint auch aus dieser Epoche herzurühren. Es ist eigentlich eine
fünfsaitige Laute, aber mit so stark vorwärts gebogenem Halse, dass
darauf nicht wechselnde Töne gegriffen werden können; die Saiten
sind oben an Wirbeln , unten an einem nach der Länge des runden
Schallkörpers hinlaufenden Saitenhalter befestigt, neben welchem
zu beiden Seiten zierliche Schallöffnungen im Eesonanzboden ansre-
bracht sind. Man fühlt sich bei diesem seltsamen Instrument an
die sich verneigende Laute des arabischen Virtuosen erinnert.3)
Die ägyptischen Orchester dieser Epoche sind zahlreicher
besetzt, als es in den früheren Zeiten der Fall war; Harfen mischen
ihre Töne mit Lyren, mit Flöten, mit Doppelpfeifen, mit Guitarren
und Handpauken. Dieser Luxus herrscht sogar auch bei der Musik
zu Ehren Verstorbener; bemerkenswerth ist, dass bei solcher jetzt
durchgehends nur Frauenzimmer als Spielerinnen und Sängerinnen
mitwirken, der Tanz aber scheint auf die pantomimischen Be-
wegungen einer einzigen Tänzerin reduzirt. Diese Frauenzimmer
haben dann jedesmal jenes eiförmige Trauermützchen auf, auch
wenn sie übrigens fast ganz unbekleidet dastehen.
Bei der Bedeutung der Musik für Fest und Opfer der Aegypter,
darf es auffallend heissen , dass auf Abbildungen von festlichen Pro-
zessionen und Opferzügen sehr selten begleitende Musik vorkommt,
während Clemens von Alexandrien ausdrücklich folgende Schilde-
rung gibt: „Die Aegypter haben eine einheimische Wissenschaft, das
zeigt gleich am besten ein gottesdienstlicher Aufzug (IsgongeTTr^
&QTj(Txein), denn voran geht der Sänger, eines von den Symbolen
der Musik tragend (rrgcurog psv jag ngnsg/erra o iv ti t>}« fiovaatijg
erTicfsgöftEro? arußö/ai). Der, sagt man, muss zwei Bücher von
denen des Hermes inne haben, von denen das eine die Lobgesänsre
auf die Götter enthält: die Auseinandersetzung des königlichen
Lebens das andere. Nach dem Sänger kommt der Stundenbeobachter,
I") Man findet ihr Bild in den aus den Zeiten der 18. Dynastie herrühren-
den nördlichen Gräbern von El-Amama. Lepsius, 111. Abth. Bl. 94 und 96.
2) Rosellini fand sie in einem Grabe bei Theben, raon. civ.
3) Ein ganz ähnliches Mittelding zwischen Laute und Harfe ist bei Prä-
torius (Sciagraphia Taf. XXXVI. Fig. 1) abgebildet. Er bemerkt dazu: .,eine
sonderbare Laute wird nach Art der Harfen tractiret.'"
11*
164 Die Musik der antiken Welt.
Horoskopos u. s. w."1) Sonach eröffnete Musik und zwar Hym-
nengesang die Prozession, und es möge dabei nicht unbeachtet
bleiben, dass gerade die Form eines festlichen Aufzugs bei den
Aegyptern der Hauptpunkt ihres religiösen Ceremoniendienstes war.
Die ganze Anlage ihrer Tempel ist darauf berechnet, die Fest-
prozession aus dem bunten, lauten Gewühle des Welttreibens zu
dem heilig dunkeln, geheimnissvollen, schweigenden Allerheiligsten
zu führen. Sphinxalleen leiten sie zur grandiosen Tempelanlage
hin, zwischen mächtigen Pylonflügeln zieht sie durch Biesenthore
in den Tempelhof ein, hier machen Osirisstatuen an den Pfeilern
in strenger, festlicher Haltung Spalier und weisen die durchziehende
Menge in den Säulensaal, dessen höhere Mittelsäulen wieder un-
trügliche Wegweiser zu dem Sanctissimum sind, welches den weiten
Pilgerweg und den Tempel selbst beschliesst. Hymnengesänge gaben
der ziehenden Prozession Sprache, und wenn man bedenkt, dass
Clemens von Alexandrien zur christlichen Zeit schrieb, wo Aegypten
schon seit Jahrhunderten unter dem griechischen Einflüsse der Ptole-
mäerzeit, und dann unter römischer Herrschaft gestanden, wo es viel-
fach gesunken und verarmt war, wo keine freigebigen Pharaonen
mehr die Priester und den Opfercult mit königlichen Gaben reichlich
bedachten, so kann man annehmen, dass zu jenen glanzATollen Zeiten
des Reiches statt eines einzigen Hymnensängers ein ganzer Sänger-
chor, statt des getragenen blossen Symbols der Musik ein Chor von
Instrumentalspielern dem Zuge voranschritt. So ist es auch wirklich
auf jener Darstellung des Opfer- und Krönungszuges König Rham-
ses III. in Medinet-Habu. Sänger und Instrumental Spieler eröffnen
den festlichen Aufzug, und selbst kriegerische Instrumente, Trompe-
ten und Trommeln, lassen sich dabei hören, wie es für das Krönungs-
fest eines so grossen Helden passend ist. Wenn nun die 32 weiss-
gekleideten Priester die goldene Barke des Gottes voll Bilder und
heiligen Geräthes unter aufwirbelnden Weihrauchwolken ins Heili»;-
thuin trugen, so erklang sicherlich dazu eine Hymne jenes so merk-
würdig halb biblischen, halb pythagoräischen Tones, wie uns eine
davon, die Dichtung des „heiligen Schreibers Tapherumes" erhal-
ten ist:
„Sei gnädig mir, du Gott der Morgensonne,
Du Gott, der Abendsonne, Horus beider Horizonte,
Du Gott, der einzig und allein in Wahrheit lebt!
Erschaft'en hast du, was da ist, erzeugt
Der Wesen Allheit, Thier sowohl als Mensch,
In deinem Sonnenauge offenbarst du dich •
Ich rühme dich, wenn abendlich es dämmert,
Wo friedvoll du zu neuem Leben stirbst2);
1) Strom. VI. 4. Siehe auch Roth, 1. Bd. S. 112.
2) Welch herrliches Bild des Sonnenuntergangs! „Dort eilt sie hin, und
fördert neues Leben." Die Hymne ist dem Schriftchen des trefflichen
H. Brugsch entnommen: „Die ägyptischen Alterthümer in Berlin."
Aegypten. 1 65
Es freut im Herzen sich die Sektibarke
Und jubelvoll erscheint das Atet-Schiff,
Wenn unter Lobgesang im Ocean du stirbst.
Die dich begleiten, sie frohlocken laut," u. s. w.
Wenn auf den Wandbildern bei Aufzügen dieser Art nur die
Hauptsache, die getragene Barke und der vorangehende, räuchernde
Priester vorkommt, so scheint dieses eine blosse Abbreviatur.
Die Zeiten der 19. Dynastie sahen (im Jahre 1314) unter dem
Pharao, „dessen Herz der Herr verhärtete" — unter Meneptah-
Hotephim, noch einen andern, für alle Folgezeit so unendlich
folgenreich gewordenen Zug, den Passahzug der Israeliten. Moses,
der Pflegesolm der Königstochter, der Zögling ägyptischer Priester-
weisheit, hatte, wie sich auch ohne das ausdrückliche Zeugniss des
Philo Judäus und des Clemens von Alexandrien verstehen würde,
im Tempel, neben der übrigen Priestergelehrsamkeit auch die ge-
heiligte Musik erlernt. Der Siegesgesang, als Pharao 's Krieger im
Schilfmeere untergesunken, zeigt eine der ägyptischen Hymnen-
dichtung verwandte Form ; und die Pauke, welche Moses Schwester
Mirjam zur Hand nimmt, ist auf ägyptischen Monumenten zu oft
abgebildet, als dass wir sie verkennen sollten. *) Auch die wohl-
bekannte, dreieckige, vom h. Hieronymus in seinem Briefe an Dar-
danus2) einem Delta verglichene Davidsharfe (leicht genug, um damit
vor der Bundeslade tanzen zu können), das hebräische Nebel, welches
vom Sehilte-Haggiborim beschrieben wird, in seiner Gestalt einem
leeren Weinschlauche mit einem Bauche und Halse ähnlich und
das nach Namen und Aussehen nichts Anderes ist, als die ägyptische
Nabla, darf man als mitgenommenes Gut Aegyptens ansehen, oder
als später im friedlichen Verkehre unmittelbar oder mittelbar
durch die Phöniker erworbenes; denn das Wort „Kinnor" Harfe, ist
phönikischer Abstammung und das Nablium galt im Alterthume für
phönikischen Ursprungs. Die Phöniker selbst waren aber, was ihre
Cultur betrifft, von dem älteren Aegypten vielfach abhängig, in der
That konnten die phönikisch-philistäisch-arabischen Hyksos während
der 500 Jahre ihrer dortigen Herrschaft etwas lernen. Auch Israel
blieb mit Aegypten im Verkehre. König Salomo war sogar des
Pharao Tochtermann.
Die Trompete, welche schon in dem Eroberungskriege der
Kinder Israel in Kanaan eine Rolle spielt (es genüge, an die Ein-
nahme von Jericho zu erinnern und an das in der Mosaischen Gesetz-
gebung für verschiedene Gelegenheit vorgeschriebene Trompeten-
1) Schon Blainville, ein Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts , äusserte
die Meinung, dass die Hebräer ihre Musik den Aegyptern danken (hist. de
mus. S. 3).
2) Ich bezeichne diesen, von den mittelalterlichen Musikschriftstellern
viel citirten Brief nach dieser gewohnten Weise, obschon er sicher nicht vom
heil. Hieronymus herrührt.
166 Die Musik der antiken Welt.
blasen), ist ohne Zweifel mit den Israeliten aus Aegypten mitgezogen.
da sie auf ihrer Wüstenreise schwerlich Lust und Zeit hatten, sich
mit der Erfindung neuer Musikinstrumente zu befassen, und eben so
wenig brauchte Moses, wie die Ueberlieferung will, die Trompete
erst zu ersinnen, da sie bei dem ägyptischen Heere als Signal-
instrument längst bekannt und im Gebrauche war, und zu gleichem
Zwecke die ausziehenden Israeliten gar nichts Zweckmässigeres fin-
den konnten. Den andern asiatischen Völkern war das Tonwerk-
zeug in dieser Form fremd: es findet sich nicht in China, nicht in
Indien, nicht unter den mannio-fachen assyrischen Instrumenten,
und dadurch wird seine ägyptische Abstammung bei den Israeliten
vollends zweifellos. l) Sehr merkwürdig ist es, dass die ägyptische
Trompete auch die Ahnfrau der aus den römischen Dichtern wohl-
bekannten Tuba ist, deren Schmettern den Erdkreis erschütterte,
und den Ländern, wo es ertönte, die kriegerische Ankündigung
/ O CO
war, dass Rom seine Ansprüche auf die "Weltherrschaft auch hier
mit dem Schwerte beweisen wolle. Die Eömer hatten den kriege-
rischen Gebrauch der Trompete, wie so viel anderes, von den Tyr-
rhenern angenommen, wie sich nicht allein aus einer Stelle des
Clemens von Alexandrieu ergibt,2) sondern selbst die griechische
Mythe andeutet, deren Hygin und Pausanias gedenken, nach welcher
Tyrrhenus, ein Sohu des Herakles und der Lyda, die Trompete er-
funden hat. 3) Auch hi den Eumeniden des Aeschylus ruft Athene :
„hellauf zum Himmel schmettern nun tyrrhenische Drommeten'".4)
Der pelasgische Stamm der Tyrrhener hatte aber so mancherlei ägyp-
tisches Gut im Besitze und Gebrauche: Schmuck, Geräthe u. s. w.,
dass man die Trompete ganz unbedenklich demselben Inventar zu-
1) Josephus schreibt die Erfindung der hebräischen Trompete (Chazozra,
Asosra) dem Moses zu. Seiner Beschreibung nach ist sie mit der altägypti-
schen und noch jetzt gebräuchlichen abyssinischeu ganz gleich: Canna erat tibia
paulo crassior, longitudiue paulo minus cubitali, cujus os tantum patebat
quantum ad inflandum sufficeret, desinebatque in extremitatem campanulae
similem (Antiq. III. 11).
2) Xqcüvzcu yoir Tiaga zoii tzo/Juoi.: c.vti'jv TvqqtjvoI fiev r/~ adtoiyyt.
C'lcni. Alex. Paedag. II. -1. Doch bedienten sie sich nach Pollux (No. T) auch
der Flöten. Auch Hornbläser waren sie (ztyc.Ti avÄEiv. IV. 10). Der Klang
der hebräischen (und ägyptischen) Trompete war dem der römischen und
tyrrhenischen ähnlich. Josephus sagt: Classico tono vicina tuba.
3) Die Eigenheit der Griechen, sogleich einen mythischen Namen und eine
mythische Anekdote zu erdichten, wo es darauf ankam, den Ursprung dieser
oder jener Sache ins Alterthum hinaufzurücken, zeigt sich auch hier, und die
Erfindung der Trompete durch Tyrrhenus ist ein Seitenstück zur Erfindung der
Lyra durch Hermes. Nach Hyginus (Fab. 274) wollte Tyrrhenus die Ein-
wohner einer Gegend, welche vor der menschenfresserischen Wildheit seiner
Begleiter geflohen waren, wieder zusammenrufen, und bediente sich dazu des
schallenden Tones einer durchlöcherten Muschel. Auch Pausanias (Corinthia-
corum 21) nennt ihn als Erfinder.
4) 6ui.x6qoz TvQOrjvixTj oäfotiyl- Jooreiov nveifiazog rt/.t/QOv-
fievTj vneQTOvor yijQVfia (pcuv&cw axQaxä (V. 567).
Aegypten. 167
schreiben kann.1) Von den hetrurischen Tyrrhenern nun ging dieses
kriegerische Instrument auf die Römer über, die Griechen mögen
ihre Salpinx den Tyrrhenern von Lemnos, Imbros und Samothrake
danken, denn ein ursprünglich griechisches Instrument ist sie nicht.
In der Iliade geschieht trotz Krieg und Kriegsgeschrei keine Erwäh-
nung davon2), und die Sparter, welche das alt-dorische Wesen am
längsten treu bewahrten, zogen lange genug mit Kitharn und später
mit Flöten in den Kampf.
Als die Zeit der höchsten Machtentwickelung des Pharaonen-
reiches vorüber war, traf Mancherlei zusammen, um, so wie das
Land selbst, auch die Musik allmälig ihrem Verfalle entgegenzu-
führen. Könige aus den „unreinen Geschlechtern" (wie sie im
offiziellen Pharaonenstyle hiessen), Aethiopen bestiegen den Thron
der Tutmes, Seti und Rhamses, und man weiss nicht, soll man es
Gntmüthigkeit, oder Schwäche, oder Unwissenheit nennen, wenn
sie die Bilder und Inschriften, wo ihres eigenen Volkes „des elenden
Volkes von Kusch" in Unehren gedacht wird, stehen Hessen, und
sich lieber selbst entfernten, wie Tahraka, der die meiste Zeit in
seinem Aethiopenlande, im fernen Napata am Berge Barkai residirte,
und sich dort auf Pharaonenfuss einrichtete. So standen also die
uralten Hauptstädte Memphis und Theben von den Herrschern Ader-
lässen; die Zeit der Zwölf herrn (Dodekarchen) aber drohte das
grosse Reich in einen Staaten- oder Cantonenbund zu zerbröckeln.
Die Aethiopier mögen kaum Empfänglichkeit genug besessen
haben, um „ihr Herz durch schönen Gesang im Heiligthume" er-
freuen zu lassen, und die Dodekarchen konnten sich unmöglich alle
zwölf jeder für sich mit demselben Glänze umgeben, wie einst die
1) Es genüge, an den der übrigen griechischen Mythologie fremden, da-
gegen (Herod. III. 37, auch Roth, Note 159 im 1. Bde ) echt ägyptischen Ka-
birendienst auf Lemnos und Samothrake, den Inseln der Tyrrhener (Thukyd.
IX. 109) zu erinnern. Der andere Stamm von Pelasgern, der unter dem
gleichen Namen „Tyrrhener" sich an der westitalischen Küste niederliess, zeigt
in vielen Dingen auf ägyptische Cultur zurück, z. B. in der sogenannten etru-
rischen Architektur, welche der dorischen vielleicht darum so ähnlich ist, weil
sie aus gleicher Quelle herrührt, aus der protodorischen des ägyptischen alten
Reiches. In dem grossen etruskischen Grabe bei Cäre fanden sich Gegenstäude
rein ägyptischen Wesens, eine priesterliche Brustplatte von Gold, genau so,
wie sie sich schon in den Gräbern bei Gizeh abgebildet findet, Ornamente von
Lotosblumen u. s. w. Diese Gegenstände sind jetzt im Vatikan.
2) Dagegen heisst es in der Batrachomyomachie (V. 202. 203):
ueyä'/.az ac'c/.^iyyag i'/orre;,
deirov iac'c/.7itL,ov noXsfiov xxvvcov —
Es wird indessen kaum einer Erinnerung bedürfen, dass diese geistvolle, er-
götzliche Parodie der Dias nicht von Homer herrührt. In den späteren Zeiten
kam die kriegerische Trompete auch bei den Griechen in Anwendung. Bak-
chylides preist den Frieden , wo man nicht mehr das Getöse eherner Drom-
meten vernimmt. So sagt Thukvdides (VI): ocü.TCiyy.xal <;vrodov iTiohovror
rofc OTC/.ITCU2. In den Persern des Aeschylos (v. 395) oa'/.nr/c a avt% nccvr
sxelv htSipXsysv. Auch die Kreter, die lange mit Kitharn in den Streit ge-
zogen, griffen später zur Salpinx (Plutarch. de mus. 26).
168 Die Musik der antiken Welt.
Herren des obern und des untern Landes, die „von der Sonne ge-
billigten" Göttersöhne und Erdengötter aus der Zeit der 18. und
19. Dynastie, wenn sie auch alle zusammen ein Wunderwerk bauen
Hessen, wie jenes von Herodot höcblick gepriesene Labyrinth. Amasis
war ein ganz wackerer Mann, aber ein Emporkömmling, der zur
Erholung von den Regierungssorgen seinen derben Spass haben
wollte, und sich also um edlere Musik schwerlich viel kümmerte.
Das Alles mag, anfangs kaum merklich, den Keim des Verderbens
in die ägyptische Musik gelegt haben, denn gerade das leichte luftige
"Wesen, die Musik, ist die Kunst, die unausgesetzt geübt und ge-
pflegt sein will, wenn sie nicht ausarten und verkommen soll.
Die zähe Lebensfähigkeit alles ägyptischen Lebens und Wesens
Hess diese Zersetzung freilich nur sehr allmälig eintreten. Die Zeit
Psammetich'sundXecho's zeigte sogar einen bedeutenden Aufschwung,
dem freilich schon unter Xecho durch die Schlacht bei Karchemis ein
Ziel gesetzt wurde. Zur Zeit des König Amasis war es, dass Pytha-
goras Aegypten nicht bloss besuchte, sondern auch nach zweiund-
zwanzigj ährigem Aufenthalte als Mitglied des Tbebanischen Priester-
collegiums, mit der ganzen Tiefe ägyptischer Weisheit vertraut, in
Leben und Lehre viel Tiefsinniges und Edles in seine Heimat mit-
nahm. Wenn Pythagoras, der Begründer der akustischen Musik-
theorie, dessen Xamen wir auf diesem Gebiete noch heute mit ver-
dienter Achtung nennen, sein reiches Wissen den Aegyptern dankte,
so war lange vor ibm ein anderer Grieche oder vielmehr Thraker,
an dessen Xamen die Griechen so gut wie wir den Begriff zauber-
kräftiger Musik zu knüpfen gewohnt waren, Orpheus, in Aegypten
gewesen.1) War Orpheus wirklich eine historische Person,2) so
fällt sein Aufenthalt in Aegypten um das Jahr 1250 v. Chr. Auf-
fallend ist allerdings, dass der nach ihm als Stifter benannte Cult,
in dem Dionysos als Herr des Todtenreiches erscheint, mit dem
ägyptischen Osiriscult, wo der Gott auch als Dionysos und als
Todtenrichter verehrt wurde, die grösste Aehnlichkeit hat, so wie
das von Suidas dem Orpheus zugeschriebene Gedicht : „Xiedergang
zum Hades*' (xarüßaau Big uduv) schon durch den Titel an alt-
ägyptische Vorstellungen malmt, deren Bilder uns in den Wand-
malereien der tbebanischen Königsgräber erhalten sind. Die er-
haltenen sogenannten orphischen Hymnen rühren freilich, wie schon
das Alterthum erklärte, nicht von ihm her, sondern aus der pytha-
goräischen Schule, aber sicher haben die echten alten dieselbe
Passung litaneiartig gedrängter Eigenschaftsnamen und Anrufungen
gehabt, weil man sonst jene andern schwerlich nach ihnen benannt
haben würde. Die eigenthümliche Litaneiform unterscheidet diese
Hymnen durchaus von aller anderen griechischen Poesie, und deutet
1) Diodor, IV. 25. Pausanias, VI. 25.
2) Ruth, III. 24.
Aegypten. 169
bei Orpheus wie bei Pytliagoras auf eine gemeinsame Quelle, den
ägyptischen Götterdienst. Zur Poesie gehört aber in ältester Zeit
untrennbar Musik; der Dichter Orpheus war, wie allbekannt, auch
Sänger, und hat er, oder wer es sonst war, sich die Form seiner Hymnen
aus Aegypten geholt, so wird es wohl mit der damit verbundenen
Musik auch der Fall gewesen sein. Da er nun einer der ältesten,
ja der älteste Begründer der Tonkunst in Griechenland ist, so wäre
in alle dem, freilich in stark mythischer Färbung, eine Erinnerung
daran erhalten, dass Anregungen zur Tonkunst den Griechen, welche
nach dem von jenem alten ägyptischen Priester gegen Solon ge-
brauchten Ausdruck, gegen die Aegypter blosse Kinder waren,1)
aus dem uralten Culturlande am Xil zugekommen sind , und dass
die Behauptung, die griechische Musik sei eine Tochter der ägypti-
schen, doch keine ganz unbegründete Yermuthung ist. Konnten
Götterbegriffe, konnte die protodorische Säule von Aegypten nach
Griechenland wandern, warum nicht auch Töne und Liederweisen'?
Wir wissen aus der ägyptischen Geschichte Kriegsbegebenheiten
trocken zeitungsmässig bis auf Jahr und Monatstag, aus einer Epoche,
wo noch eine lange Zeit vergehen musste, ehe auch nur Herakles in
der Wiege lag. Freilich darf man nicht mehr für Aegypten als
Verdienst in Anspruch nehmen, als: Griechenland angeregt zu haben.
Denn ein so lebendig geistreiches Volk wie die Griechen gestaltete
Alles gleich nach seinen Bedürfnissen, und während in Aegypten
die altgeheiligten Melodien von Staats- und Religionswegen unver-
ändert immer und immer wieder gesungen wurden, traten in Grie-
chenland Terpander, der Kreter Thaletas, Arion u. A. neu erfindend,
reformirend, erweiternd, fortbildend auf, so dass Herodot keine
griechische Melodie unter den „vaterländischen ägyptischen" wieder-
erkannte, als den Linosgesang. Aber eben dass diese uralte Re-
liquie, dieses Jahraus Jahrein unverändert gesungene Volkslied sich
in Griechenland dem ägyptischen gleichklingend erhalten hatte,
macht jene mythisch gefärbte Sage so ziemlich zu einem historisch
glaubwerthen Factum. Es wäre geradezu ein Wunder, dass Aegypter
und Griechen für dieselbe Veranlassung jedes für sich gerade dieselbe
Melodie gefunden haben sollten ! Man könnte freilich einwenden,
dass ja dasselbe Lied auch bei den Phönikern u. s. w. gebräuchlich
war. Wenn aber die Aegypter „fremde Melodien" nicht zuliessen,
so muss die Weise des Linosgesanges ursprünglich doch ägyptisch
gewesen und von dort an die andern Völker übergegangen sein,
nicht aber umgekehrt.
Was Pytliagoras in Aegypten an Musik erlernt, wissen wir im
Detail freilich nicht, aber im Allgemeinen können wir sagen: so
wie der Priesterzögling von Heliopolis, Moses, die Tempelgesänge
1) Tiva £inslv xüv \eQttov ev jxäXu Tiu'/.auöv. i2 26/.a>v, EkXrjveq
asl Ticilöe; tote, ytQcuv dh"E/./.Tjv ovx toriv. Piaton, Timaeus.
170 Die Musik der antiken Welt.
aus dem „Buche des Sängers" kennen lernte, und durch ihn die
ägyptische geheiligte Musik in der hebräischen eine Tochter fand,
so gut lernte der Priesterzögling von Theben, Pythagoras, jene
Hymnen und Singweisen, und da in seiner Lehre, wissenschaftlich
und ethisch genommen, Musik eine so wichtige Stelle einnimmt, so
ist es wohl gewiss, dass unter den Gesängen, womit die Pythagoräer
Abends ihre Seele rein zu stimmen und am Morgen sich frohen Lebens-
niuth für den Tag zu geben wussten, mancher Klang vom Nil
gewesen sein wird. Wäre nicht schon zu Pythagoras Zeit die
griechische Musik hoch und selbstständig genug ausgebildet gewesen,
er wäre ohne Frage der Vermittler für ägyptische und griechische
Tonkunst geworden. Bedeutungsvoll ist (wie schon erwähnt) seine
astronomisch-mystische, aber eben so sehr auch seine mathematisch-
wissenschaftliche Auffassung der Töne. Auch diese hat etwas ent-
schieden Aegyptisches. Die Aegypter waren bedeutende Mathe-
matiker, sie hatten unter ihren 42 heiligen Büchern ein Buch der
Masse und Zahlen, sie trieben astronomische Beobachtungen, zu
denen man der Mathematik nicht entbehren kann, und die alle Feld-
marken überflutenden Ueberschwemmungen des Nil zwangen sie,
die Geometrie zu erfinden. Ist es ein Wunder, wenn sie etwa auch
für die Töne Zahl und Mass suchten? Die Erfahrung, dass die
halbirte Saite die Oktave töne, zwei Drittel dagegen die Quinte u. s. w.,
konnte (und musste sogar) auf dem Griff brette der ägyptischen
Nabla gemacht werden, auf der griechischen Lyra dagegen gar
nicht. Es ist nicht zu kühn, zu vermuthen, dass Pythagoras die
ersten Elemente der Tonlehre gleichfalls aus Aegypten mitgenommen.
So ist es auch ein ganz entschieden ägyptischer Zug, dass er die
Musik als Seelenarzenei (öta xijg /xovcnxrjg iongelav wie sein Biograph
Jamblichus sagt) betrachtete. *)
Unter den pythagoräischen Katechismusfragen kommt auch
vor : „was ist das Schönste ? — die Harmonie" und die noch merk-
würdigere Frage: „was ist die Harmonie, in der die Sirenen singen?
• — das wohlgeordnete Weltall (o xoo-^oc)." Hier klingt wieder etwas
ganz Aegyptisches heraus. Noch in der Ptolemäerzeit wurde der
Weltbildner, der Feuergott Ptah im Tempel zu Dakkeh abgebildet,
wie er auf der Weltharfe, auf dem Cymbalum mundi spielt. 2)
1) Am Frühlingsfeste setzte Pythagoras seine jungen Zöglinge um einen
Lyraspieler, Päane singend. Jamblichus sagt darüber: eloj&ei yaQ ov naQSQ-
yu>q vtf xotccvxy '/ji>]G9-ai xa&ciQosi {ölu xrjq /jlovo ixtjq)' xovxo yuQ 6>)
xcd TtQOOrjyoQtve xr\v öca xijq fiovoixrj q laxQslav — rjTtxexo 6h nepi xt)r
iaQivrjv vjqccv xrjq xoiavxyq (leXcpöLaq — ■ excl&i^s yuQ iv ftsGO) xiva Xvgag
e<pajtx6fxsvov xcd xvx/.to ^xaS-i'Qovxo ol f/ßX<päsTv dvvaxol, xcd ovxcoq ixelvov
XQovovxoq ovvydov naidJvc'cq xivccq, St ojv svcp quiveo&cu xai ii(i(S?.stq
xul £VQvd-/Lioi ylvsa&cti iööxovr.
2) Die Abbildung bei Rosellini, mon. civ. 3. Bd. (Kupfertafel zum Text
und nicht im Bilderatlas).
Aegypten. 1 7 1
Nicht sehr lange nachdem Pythagoras Aegypten noch in seinem
wohlgeordneten Znstande gesehen, erfolgte 526 v. Chr. jene schreck-
liche Katastrophe, durch welche Aegypten eine Wunde erhielt, von
der es sich nie wieder ganz erholte ; folgenreicher als der Hyksos-
einfall, den es, damals in steigender Kraftentwickelung, abzu-
schütteln vermochte, während die persische Eroberung durch
Kambyses (denn von ihr ist die Rede) das Reich bereits im sinken-
den Zustande traf. Das Versprechen, welches Kambyses schon als
Knabe seiner Mutter gegeben haben soll, „in Aegypten das Oberste
zu unterst zu kehren," ') erfüllte er redlich. Der persische Tyrann
griff mit fanatischer Zerstörungswuth besonders die ägyptische Lan-
desreligion an. Die Zwerggestalt des Ptah verhöhnte er, den Apis
tödtete er mit eigener Hand, die Priester Hess er peitschen, die
Tempel zerstören. Noch Strabo sah in den verstümmelten , ver-
brannten Heiligthümern und Denksäulen zu Heliopolis und Theben
viele Spuren von Kambyses' „Wahnsinn und Tempelschändung;2)
obschon Darius bedacht gewesen, die Unthaten seines Vorfahren
gut zu machen. 3) Jener schwere Schlag traf die Tempelmusik mit,
von da an, scheint es, gerieth sie in Verfall, in Vergessenheit. Es
ist echt ägyptisch, dass, wo man die Sache nicht mehr haben konnte,
ein Sinnbild Ersatz leisten musste, jenes, nach der Erzählung
des Clemens von Alexandrien, vom Sänger dem Opferzuge vorange-
tragene Symbol der Musik. Ein. anderes, nicht minder seltsames
Symbol oder Surrogat war es, dass man, wie Demetrius Phalereus
mittheilt, statt zu musiziren, statt Flöten oder Kitharen ertönen zu
lassen , nur die Selbstlaute hersagte. *) Dass der Verfall ägyptischer
Musik von der persischen Verheerung an, mit ihr aber auch plötzlich
eintrat, zeigt der Umstand, dass Herodot, der kaum ein Jahrhundert
später in Aegypten war, von festlicher Tempel- und Opfermusik
nichts zu melden gefunden hat, sondern nur von ziemlich plebeji-
schem Prozessionsgesange des gemeinen Volkes. Weiber trugen
eine phallische Puppe umher, dazu wurde auf Pfeifen rnusizirt und
gesungen. Bei der grossen Pilgerfahrt zu Schiffe nach Bubastis
sangen Männer und Weiber, bliesen Flöten und rührten Klappern
(y.ooTcda vielleicht Sistren) und klatschten in die Hände. 5) Eine
1) Tu fisv avio xuxoj d-t'jaoj, xa. 6h y.äxoj ava>. Herodot. III. 3.
2) Zu Heliopolis: s%ov no'ü.a xsxtxi'iQia xrjq Ka/ußiaov fiavlaq xccl
lsooov?.iaq, oq xa fxhv tcvql, xa 6h oi6t]ao) 6ts).ojßäxo twvleq<5v, uy.QOixi]-
Qiatfi)V xal TCSQisealcov. Zu Theben: y.al xovxojv 6h xa no).).u ijX(>ojxi]QlaGe
KaaßiaJjQ. Strabo XVII 27. und 46.
3) Diodor, I. 94 u. 95.
4) iv Acyvnxoj 6h y.al xoiq S-toiq Vfxvovöi 6ia xojv hnxu (fojvijivxojv ol
hoelq, £(ptq>JQ TJyovvxsg avxä y.al dvxl av).ov xal dvxl xi&äoaq xdjv yQaß-
[xäxojv xovxojv 6 ij'/oq axovexai vn tvyojviaq. Also sieben Vokale! Matth.
Gessner (acta soc. erud. Götting. I.) meinte, es seien die Vocale I E H £2 0
Y A gewesen.
5) Herodot, II. 60.
172 r>ie Musik der antiken Welt.
ähnliche Pilgerfahrt zu Schiffe, welche Nachts von Alexandrien nach
Kanobos unter Flötenklang und höchst leichtfertigen Liedern, Tänzen
und Ausgelassenheit aller Art dahin fuhr, beschrieb vierthalbhundert
Jahre später Strabon. ') Ordentliche Tempelmusik mag Herodot
bei jenen „Mysterien" gehört haben, deren Anschauung ihm in
Sais auf dem See hinter dem Tempel der Athenäa (Neith) vergönnt
wurde, wo „einer, dessen Namen zu nennen er Scheu trägt" be-
graben war, und wo sie Nachts seine Leiden darstellten (t« dslxr^ct
Tcdv TKxßicov aovTov rvxTog Tioisvai). Leider darf Herodot, „obschon er
sehr wohl weiss, was dabei geschieht," doch nichts davon sagen.2) Es
scheinen dieses, selbst nach dieser geheimnissvoll kurzen Andeutung
zu schliessen, im Wortverstande heidnische Passionspiele gewesen
zu sein, und können füglich niemand andern angegangen haben,
als Osiris, den ja der böse Typhon mit seinen zweiundsiebenzig
Genossen durch List tödtet, zerstückt, dessen zerrissenen Leichnam
Isis sucht, begräbt, und der nun als Todtenrichter in der Unterwelt
thront. Fürwahr Stoff genug zu einer ergreifenden dramatischen
Darstellung. Das griechische Seitenstück dazu sind die Leiden des
Dionysos Zagreus (t« Aiovvaia. na&sa), der auch zerrissen, im Aller-
heiligsten zu Delphoi neben dem goldenen Apollobilde begraben,
dann neu geboren und endlich Gott der Unterwelt wird. Auch diese
Schicksale stellte man in Griechenland in Chören und Tänzen vor,
sie waren der Ursprung des Trauerspiels , der Tragödie. 3)
Wenn nun in Griechenland Dionysoschöre erklangen, so wur-
den bei einem so musikliebenden Volke wie die Aegypter, sicherlich
jene Mysterien nicht ohne Gesang gefeiert. Plutarch erzählt, dass
die Aegypter den Osiris mit Hymnen anzurufen pflegten (yfivoig
avaxakovvTcii), wenn er, nach ihrer Mythe, in den „Ellenbogen
(«7"xuAa«c) der Sonne" verborgen war. 4)
Etwa hundert Jahre nach Herodot kam Aegypten in noch
nähere Beziehungen zu Griechenland ; als Alexander von Macedonien
das mächtige Perserreich gestürzt, gerieth 332 v. Chr. Aegypten
unter griechische Herrschaft. Bei der Theilung des macedonischen
Weltreiches nach Alexanders frühem Tode fiel Aegypten den Ptole-
mäern zu. Eine neue Weltstadt, in glücklicher Lage am Meere dem
Verkehre offen, Alexandrien, erhob sich, sie wurde bald der Haupt-
sitz griechischer Bildung und griechischer Gelehrsamkeit, und vor
dieser Nähe begann die altgewordene Priesterwissenschaft von
1) Strabon, XVII. 17.
2) Herodot, II. 170. tu Selxi]).a heisst buchstäblich: nachahmende Dar-
stellung: deix}]?.iGT7jg heisst so viel als Schauspieler. Es war also mehr als
etwa blosse Erzählung.
3) Nach Roth ist sogar der Name Dionysos eine blosse Umformung des
ägyptischen Tien-ose, d. i. der Vergeltung Uebende , so wie Ose-iri (Osiris)
dasselbe besagt.
4) De Iside et Osir. 52.
Aegypten. 173
Memphis zu erbleichen. l) Auch Musik wurde in Alexandrien eifrig
betrieben, selbst das gemeine Volk, das nicht lesen und schreiben
konnte, bemerkte jeden beim Lyraspiel gemachten Fehler, und
Flöten von jeder Art und Grösse wurden geblasen;2) versteht sich
Musik in griechischem Sinne. Ptolemä'os Philadelphos Hess bei einem
Feste 600 Musiker, darunter 300 Cither spielende Sänger aufziehen,3)
der abscheuliche Ptolemäus Physkon umgab sich mit Gelehrten und
Künstlern, unter denen auch Musiker waren, und Ptolemäus Auletes
trieb als vornehmer Dilettant das Flötenblasen. Indessen fehlte es
bei allem Dominiren griechischen Wesens auch in dieser Zeit nicht
an "Werken, die sich dem altägyptisehen Wesen accomodirten, und
nicht unwürdig anreihten , wohin insbesondere der brillante Tempel-
bau auf der Insel Philä als Fortsetzung einer altern aus dem vierten
Jahrhunderte von Nectanebus herrührenden Anlage zu zählen ist.
Hier in diesen Zeiten des letzten Sonnenblickes begegnen wir auf
den Bilderwänden zum Abschlüsse nochmals dem Instrumente, auf
welches unser Blick in den ältest erhaltenen Denkmalen bei Gizeh
zuerst gefallen, der Harfe, und, was merkwürdig heissen darf, in
einer Gestalt, welche sich der simpeln, urthümlichen Bogenform
wieder annähert. Weil man aber zur Zeit der grossen thebanischen
Harfen gelernt, dass sich das Instrument knieend oder hockend
weniger gut spielt, als stehend, so sind diese kleinen Harfen von
Philä auf einem hohen Postament, einem förmlichen, selbstständigen
Piedestal angebracht, welches die bekannte Form eines ägyptischen,
nach oben sich verjüngenden, mit dem einfachen, stark ausladenden
Hohlgesims gekrönten Pylons hat. Diese Postamentharfen von Philä
werden von stehenden Frauenzimmern solo gespielt und sind theils
ganz schmucklos, theils an der Spitze mit irgend einer kleinen
Schnitzarbeit geziert, der Uräusschlange, oder (an einem Bildwerke
aus der Zeit Ptolomäus Philometor's) mit einem mit der unterägypti-
schen Krone gezierten Königshaupte, oder mit einem niedlichen, mit
der Geierhaube geputzten weiblichen Köpfchen, wie jene Harfe von
der äussern Westwand des Tempels, die wir nachdenklicher ansehen
werden, als irgend eine von den übrigen, denn die Darstellung
eines dem neben einander thronenden Götterpaare Horus und Hathor
dargebrachten Opfers rührt aus den Zeiten des Tiberius her und
schliesst die durch beinahe drei Jahrtausende sich hinziehenden
Abbildungen ägyptischer Fest- und Opfermusik ab. Es ist bedeu-
tungsvoll, dass diese, nicht mehr von andern Instrumenten begleitete,
einsam austönende letzte Harfe vor der Hathor gespielt wird, der
Göttin, die auf der Pforte des Todtenreiches thronte — die ägyptische
1) Strabo fand zu Heliopolis die Gebäude des lehrenden Priestercolle-
giums bereits verödet und leerstehend. XVII. 1.
2) Athen. IV. 78.
3) Athen. V.
174 Die Musik der antiken Welt.
Musik zieht zu Grabe. Auch mag es nicht unbeachtet bleiben,
dass nach dieser Darstellung zu schliessen, die Harfe bis in diese
letztesten Zeiten Opfer- und Tempelinstrument blieb.1) Es wurden
noch unter dem folgenden römischen Kaiser bis auf Caracalla und
Decius (zu Esneh u. s. w.) die wohlbekannten Opferscenen und
Götterfiguren an den Tempelwänden ausgemeisselt und Kaiser
Adrian decretirte den uralten, geheimnissvollen kosmischen Göttern
in der Eile und zu guter Letzt noch seinen Pagen Antinous als
Mitgott zu, aber es sieht das Alles gegen die grosse Pharaonen-
zeit wie Spielerei aus, wie gedankenloses Wiederholen von Formen,
die sich längst ausgelebt haben. Von Musik ist auf diesen Dar-
stellungen nichts weiter zu finden. So lange es aber überhaupt
ägyptischen Göttercult gab, verstummte der Hymnengesang und
die Instrumentalmusik in den Tempeln doch nicht völlig. Clemens
von Alexandrien nimmt Anstoss, dass wenn man im Tempel zum
Schauen des Gottes zugelassen werde, und der hymnen singen de
Tempeldiener den Vorhang wegzieht, nichts zum Vorschein kommt,
als eine lebende Schlange oder ein Krokodil, das sich auf den
Purpurdecken herumwälzt. Strabo, der in den ersten Kaiserzeiten
seine Erdbeschreibung verfasste, hebt es als eine ganz besondere
Ausnahme, als abnorme Lokalgewohnheit von Abydos hervor, dass
in dem dortigen Osiristempel beim Opfer weder Sänger, noch
Flötenbläser, noch Kitharspieler fungiren durfte, wie doch bei
andern Göttern Sitte und Brauch war. Alexander (ab Alex.)
meldet dasselbe von dem Osiristempel in Memphis, und bezeich-
net es gleichfalls als etwas Besonderes.2)
Diodor von Sicilien, der ungefähr um dieselbe Zeit seine
sogenannte „Bibliothek" verfasste, fand (was ihm als Griechen sehr
auffallen musste) die musikalische Bildung von der Erziehung aus-
geschlossen; „Leibesübungen und Musik zu lernen," sagte er, „ist
ihnen den (Aegyptern) nicht Sitte, denn sie glauben, dass durch die
täglichen Uebungen in den Palästren die jungen Leute nicht Gesund-
heit, sondern eine kurzdauernde und gefährliche Leibesstärke er-
langen , die Musik halten sie nicht allein für unnütz , sondern auch
für schädlich, als welche die Seelen der Männer weibisch macht".
Man hat, das Zitat herausreissend und missverstehend, von der
1) Abgebildet: Description de l'Egypte und (vollständig) bei Lepsius,
IV. Abth. Bl. 26 u 74.
2) Er sa^t: Memphitae vero in Osiridis templo dum saerificant praeter
aliorum morem nee canere tibias, nee psallere soliti erant. Bei Strabo heisst
es (XVII. 44): £v xn ABvöoi xiucöai xbv Oaioiv. £v 6h xtö ieow xov'Ool-
gidoq ovx t^eoxiv ovxs (Oojjv, ovxs avh]xi]v , ovxs \pu?.x)jv aTiayyeo&ai
x<5 &fw, y.a&änEQ xolq a'/.Xoiq &£olq f'9-oc. Sollte man es für möglich
halten, dass Forkel (Gesch. d. Musik 1. B. S. 76) auf diese Angabe Strabo's
hin schreibt: „Strabo berichtet, dass bei den Aegyptern weder in ihren Tem-
peln, noch bei ihren Opfern ein musikalisches Instrument angerührt worden"!?
Aegypten. 175
„Verachtung der Musik bei den Ägyptern" geredet1), und es hat nicht
wenig Verlegenheit gesetzt, alle die Harfen, Lyren und Lauten,
denen man in den Werken der französischen und toskanisclien
Expedition, in Wilkinson u. s. w. fast auf jedem dritten Blatt
begegnete, mit dieser Xotiz in Einklang zu bringen, während doch
keinem Menschen einfällt, von Verachtung der Musik bei den
Griechen zu reden, welche sie im Grunde genau so ansahen.
Piaton sagt es deutlich genug, „dass Musik verweichliche", daher
man ihrem entnervenden Einflüsse durch Palästraübungen begegnen
müsse, die Palästraübung mache roh, daher man ihren Einfluss
durch Musik zu mildern habe, und darum müsse der griechische
Jüngling gymnastisch und musikalisch gebildet werden. Die An-
gabe Diodor's ist dazu eine förmliche Paralellstelle. Die Aegypter
hoben dasselbe Xachtheilige hervor, nur schärfer, und trauten dem
corrigirenden Einfluss des einen auf das andere nicht, kamen daher
zu einem praktischen Eesultate, welches dem griechischen gerade
entgegengesetzt war, der ägyptische Jüngling wurde weder gym-
nastisch noch musikalisch gebildet. Das heisst: für seine Person;
denn das Anhören der Musik galt, wie wir wissen, für nützlich,
die Tempelmusik sogar für heilig. In der That finden wir ausser
auf den ältesten Darstellungen in Gizeh u. s. w. auf den ägyptischen
Bildern Priester oder Weiber mit Musikmachen beschäftigt, nur
ganz ausnahmsweise nicht-priesterliche Männer, welche aber offen-
bar zu der Zunft gemietheter Musikanten gehören. Dieses Ver-
hältniss der Musik in Aegypten ist sehr bezeichnend, wenn man es
mit dem Verhältniss der Musik in Griechenland vergleicht; das Ver-
hältniss der Bildung beider Völker spricht sich darin aus: Aegypten
der Ort der strengen priesterlichen Satzung und kastenmässig geord-
neten und getheilten Bildung; Griechenland der Ort freier, schöner
Menschlichkeit und allgemeiner Bildung.
Als Aegypten zu einer blossen römischen Provinz herabge-
sunken, kam mit anderer Siegesbeute auch ägyptisches Wesen nach
Rom. Isis und Osiris wurden bei der vornehmen Welt, insbeson-
dere bei den grossen Damen Mode; Isistempel erhoben sich, Isis-
bilder wurden gemeisselt, Isispriester machten sich als Mystagogen
zu schaffen. Serapisprozessionen durchzogen unter dem Geklingel
viin Sistren, dem Gepfeife krummer Flöten und dem Gesänge der
Tempelhymnen die Strassen Roms — die alten Götter vom Capitol
mochten nicht wenig verwundert dareinsehen. Aegyptische Melo-
dien wurden, wie wir aus einem Epigramm des Martial Avissen, in
Rom beliebt, es galt für eins der Kennzeichen eines Elegants, wenn
1) Selbst der so gründliche Gerbert, de eantu et mus. sacra II. Band
S. 37S nennt Abraham und Diodor von Sicilien in einem Athem und sagt:
De Aegyptis tarnen testatur Diodorus Siculus palaestram et musicam apud eos
discere non esse moris.
176 Die Musik der antiken Welt.
man irgend eine davon vor sich hinträllerte. Dem ägyptischen
Wesen, ans seinem nativen Boden gerissen und in fremden verpflanzt,
konnte man baldiges Verderben und Absterben prophezeien, zumal
es in die Hände der Sittenverderbniss, des frivolen Luxus und des
Aberglaubens gerathen war. Die Last dieses Gedankens schien auf
dem Lande und seinen Bewohnern zu lasten. Die Aegypter, welche
allerdings das Leben nie leicht genommen, aber (wir wissen es aus
den Wandmalereien) sein erfreuendes Gut gar wohl zu schätzen ge-
wusst, wurden, wie Ammianus Marcellinus versichert, die melancho-
lischesten aller Menschen. So düster und verschlossen sind noch ihre
heutigen Nachkommen, die Kopten. Die ägyptische Musik verstummte
in dem finstern Schweigen der Aegypter mit.
Das Christenthum, welches in dem ehrwürdigen Lande, das den
Helden des alten Bundes gepflegt und dem verfolgten Jesusknaben
ein Asyl gewesen, Aufnahme fand, rief hier, dem tief ernsten Charak-
ter des Landes und seiner Bewohner gemäss, die wunderbare Erschei-
nung der Anachoreten, der Väter der Wüste hervor. Die Psalmen,
welche der einsame Greis, der alles Irdische als werthlos weggeworfen,
um ganz dem Ewigen zu leben, unter seinen Palmen, in einer Höhle
anstimmte , waren nicht mehr die alten Tempelhymnen, sie gehörten
einer neuen Weltepoche an. In der Marcuskirche zu Alexandrien
tönten Gesänge, welche auf jenen Jünger des h. Pambo so tiefen Ein-
druck machten. Die Zeit der alten Welt war erfüllt. Das gewaltige
Theben, der Sitz des höchsten Priestercollegiums war schon unter
dem Ptolemäer Lathyros in Folge einer Empörung der Zerstörung
preisgegeben worden. Noch stand das gewaltige Memphis , das
150 Stadien, d. i. T*-j% Wegstunde Umfanges hatte, aber auch sein
Ende nahte. Die Araber brachen herein, und zwangen dem Lande
mit dem Schwerte ihren Alkoran auf, es ist das bezeichnendste Bild,
dass eine Pyramide von Memphis zerstört wurde, um aus ihren Steinen
die grosse Hassanmoschee von Kairo aufzubauen. Ein Palmenwald
bezeichnet die Stätte, wo einst Memphis stand, der gestürzte, auf
dem Angesichte liegende Coloss des grossen Rhamses verräth die
Stelle jenes gewaltigen Ptah-Tempels der Südmauer.
B. Die Musik der asiatischen, insbesondere semitischen
Völker.
Am Tigris, unfern der Stadt Mosul erheben sich mächtige
Schutthügel. Sie bergen die Trümmer jener Ungeheuern Stadt
Ninive, von welcher wir im Propheten lesen, sie habe eine Aus-
dehnung von drei Tagereisen gehabt, und es haben darin Hundert-
undzwangzigtausend gelebt, „die ihre rechte und linke Hand nicht
unterscheiden konnten."1) Die Königspaläste von Ninive sind in
neuerer Zeit aus dem Trümmersturze wieder an das Tageslicht her-
vorgezogen worden, und in ihrem überaus reichen Schmucke an
Skulpturen, hat sich uns ein überraschender Blick in jene vortau-
sendjährigen Zustände geöffnet. Die Könige von Assyrien, die
wir aus den Schriften des alten Testaments als stolze Eroberer, als
Zuchtruthen für das seinem Gotte abtrünnig gewordene Israel
kennen, erscheinen hier, von dem ganzen Pompe orientalischer
Despoten umgeben, einem Pomp, zu dem die vollklingenden Tyran-
nennamen: Tiglath-Pilesar, Assarhaddon, Aschurakhbal u. s. w.
trefflich passen. Aus den Skulpturen, welche den weitläufigen Pa-
last Sennacheribs, in der Nähe des jetzigen Dorfes Kujundschik,
schmückten, erfahren wir denn auch, dass Musik und Gesang zur
Verherrlicbung der Macht und Pracht der assyrischen Grosskönige
beitragen mussten. Hier sieht man Sennacherib als Besieger eines
durch eine umgekehrte phrygische Mütze charakterisirten Volkes auf
seinem Wagen, er lässt sich die Gefangenen vorführen; Musiker
stehen vor ihm und spielen auf Harfen; sie preisen den Sieger.
In einem andern Zimmer ist der siegreiche Feldzug gegen ein
anderes, südlicher gelegenes Land abgebildet, in der eroberten
Hauptstadt werden die Palmen umgebauen, daneben sieht man
einen Trupp Männer mit Trommeln2) und singende Frauen, welche
zum Gesänge den Takt mit den Händen klatschen, dem Sieger
1) Jonas, III. 3 und IV. 11.
2) Sie gleichen nach Layard's Bemerkung den noch jetzt in derselben
Gegend gebräuchlichen, Tabl genannten Trommeln.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 12
178 Die Musik der antiken Welt.
bewillkommnend entgegengehen. Noch pomphafter ist die Begrüs-
sung, mit welcher Sennacherib's Enkel, Assarhaddon's Sohn, Assor-
danes oder Aschurakkbal empfangen wird, da er von Susiana
siegreich heimkehrt. Man sieht auf dem gleichfalls im Palaste zu
Kujundschik aufgefundenen Basrelief Männer, Frauen und Kinder,
welche in feierlicher Prozession dem Sieger mit Musik entgegen-
kommen.1) Voran fünf Männer, drei mit Harfen, einer mit einer
Doppelflöte, einer mit einer Art Hackbrett, oder Zymbal, dessen
Saiten mit einem Plectrum geschlagen werden. Zwei von den
Harfnern und der Zymbalschläger tanzen, den rechten Fuss wie
hüpfend gehoben. Dann folgen sechs Weiber, vier mit Harfen,
eine mit einer Doppelflöte, eine mit einer kleinen cylindrischen Trom-
mel, die sie aufrecht am Gürtel befestigt hat, und mit den Fingern
beider Hände schlägt. Auch die Harfen werden mit beiden Händen
gespielt, sie unterscheiden sich durchaus von den ägyptischen, sind
leicht tragbar, dreieckig (ohne Vorderholz) mit einem schräg, vom
Spieler aufwärts laufenden viereckigen Schallkasten, und einem
schwachen horizontal gestellten Saitenhalter. Diese Harfen sind mit
16 und mehr Saiten bespannt, Wirbel zum Stimmen sind nicht zu
bemerken, wohl aber am Schallkasten eine Reihe Knöpfe oder Stifte,
welcbe vielleicht zur Befestigung der Saiten dienten. Die Doppel-
flöten gleichen ganz den auf etrurischen u. a. Monumenten dargestell-
ten. Diesen Instrumentalisten folgen sechs Sängerinnen und neun
gleichfalls singende Kinder von 6 — 12 Jahren. Sie klatschen mit
den Händen den Rhythmus, die eine Frau aber legt die Hand an
den Hals, um jenen der orientalischen Singweise eigenen schrillenden,
vibrirenden Ton hervorzubringen.2) Der heimkehrende Sieger soll
durch die entgegenziehende Musik geehrt und ergötzt werden, sein
Lob (man merkt es) wird gesungen, und vermuthlich in sehr orien-
talisch-hyperbolischen Phrasen.
Die assyrische Musik scheint sich nirgends über den Stand-
punkt einer Sache des blossen baren Sinnengenusses erhoben zu
haben, ein Standpunkt, auf den sie im Oriente noch heutzutage
insgemein beschränkt bleibt. Gewisse Züge orientalischen Lebens
zeigen noch nach Jahrtausenden unverändert dieselbe Gestalt. Un-
erschrockene Tapferkeit, Eroberungslust und Herrschsucht, Grau-
samkeit gegen Gefangene im Kriege, Prachtliebe, stolzer Prunk,
Lebensgenuss im Frieden, das sind die Züge, die wir aus den assy-
rischen Bildwerken herauslesen können. Assyrien war eine Gross-
macht und seine Könige gewaltige Kriegsherren, aber hatten sie
die Waffen abgelegt, so konnten sie auch wohl, wie Sardanapal, in
das träumerische Wohlbehagen eines üppigen Palast- und Serail-
1) Abbildungen sehe man in Layard's „Ninive und Babylon" und in
der bei Dyck in Leipzig erschienenen Uebersetzung von Zenker, Taf. XIII. A.
2) Die arabischen und persischen Frauen maehen es noch heutzutage so.
Assyrien. 179
lebens versinken. Bei solchen Gegensätzen kann Musik, wenig-
stens edlere Musik, nicht wohl gedeihen. Der Tumult der Schlach-
ten und Belagerungen übertönt sie, und im Frieden soll sie für den
Erdengott und seine begünstigten Untergötter nur ein gedanken-
loser Genuas mehr sein. Der Musiker, der Sänger erhebt sich
nicht zum Range eines vom Göttlichen begeisterten Weisen, wie in
Israel, in Hellas; er ist weiter nichts als einer der zahllosen Men-
schen, die für das sinnliche Wohlbehagen ihres Herrn und Meisters
in Bewegung gesetzt werden. Die Assyrer hatten offenbar mehr
Sinn und Anlage für bildende Kunst, für Architektur und Architek-
turformen als für Poesie und Musik, und auch diese Künste waren,
wie es scheint, Sklavinnen des Grosskönigs und hatten allein zu
dessen Verherrlichung zu arbeiten. Wie nun manche von den dort
entstandenen Formen des Ornaments, die Voluten, Palmetten u. s. w.
in die griechische, und von da in unsere Baukunst übergegangen
sind, so haben manche Musikinstrumente, die wir noch heut be-
nutzen (freilich vielfach verändert und modifizirt), dort ihren
Ursprung. Jenes aus einem quadratischen, mit Saiten bezogenen
Schallkasten bestehende Instrument, welches der eine Musikant zu
Kujundschik spielt, ging unter verschiedenen Namen zu den He-
bräern, Griechen, später zu den Arabern über, kam durch die Kreuz-
züge nach Europa und wurde zu Ende des 14. Jahrhunderts zum
Ciavier u. s. w. umgestaltet. Von der assyrischen Lyra ist schon
vorhin bei der ägyptischen Musik die Rede gewesen. Eine Art
kleiner dreieckiger Harfe, ohne Vorderholz, die der Spieler wage-
recht vor sich trägt und mit einem Stäbchen oder Plectrum wie ein
Hackbrett spielt, ist der assyrischen Musik eigen thümlich ; dass die
Harfe Kinnor oder Kinyra mit einem Plectrum gespielt zu werden
pflegte, ist übrigens auch anderweitig bekannt.1) Eine Art trichter-
förmige Trompete mag, wie in Aegypten, mehr Signal- als eigent-
liches Musikinstrument gewesen sein. Ohne die lebendigen Dar-
stellungen der ninivitischen Basreliefs wüssten wir kaum, dass die
Assyrier überhaupt Musik trieben. Mit Assyrien ist in Götterlehre,
Baukunst, Tracht und Sitte Babylon so sehr verwandt, dass man
sich seine Musik durchaus auf dem Stande der assyrischen zu
denken hat. Natürlich war sie in Babylon, wie in Ninive weiter
nichts, als eine Dienerin der üppig und behaglich dahinlebenden
Asiaten. Die Musik der Stadt, „von deren Taumelkelche die
Völker tranken", hat man sich auf keinen Fall anders als üppig und
rauschend und von einfacher Schönheit und edler Gestaltung weit
entfernt vorzustellen, der in Sinnengenüssen schwelgende Mensch
will auch von der Musik weiter nichts, als dass sie durch klingelnde,
pfeifende, nervenaufregende Töne ihm eine angenehme Erschütterung
1) Der Nachweis findet sieh unter den Nachträgen. Diese Eigenheit ist
ein charakteristischer Unterschied gegen die ägyptische Harfe.
12*
180 Die Musik der antiken Welt.
verschaffe. Dalier ist vor allen ein starkes Ensemble, wenn auch
kein fein durchgebildetes beliebt. In der That ist es ein überaus
stark besetztes Orchester, welches das Zeichen zum Anbeten des
goldenen Bildes gibt, welches König Nebukadnezar in der Ebene
Dura setzen lassen: „und der Herold rief mit Macht: euch Völkern,
Geschlechtern und Zungen wird gesagt: Sobald ihr den Schall der
Trompeten, der Pfeifen, der Zithern, der Sambuken, der Psalter,
der Symphonien und allerlei Musikspiels hört, so fallet nieder und
betet an das goldene Bild, welches Nebukadnezar, der König
errichtet hat." x)
Diese Stelle des Propheten Daniel ist auch darum merkwürdig,
weil sie die Namen zweier eigenthümlich babylonischer Instrumente
nennt, die Sambuka und die Symphonia (Sumphoneia). Die Sym-
phonie ging dann auf die Hebräer über, denen wir einige, freilich
schwankende Nachrichten darüber danken. Das hebräische Buch
Schilte-Haggiborim beschreibt die Sumphoneia als einen einfachen
Schlauch, durch welchen eine Pfeife gesteckt ist, ein Musik-
apparat, der noch jetzt bei den arabischen Kameltreibern in
Gebrauch ist. Es ist bemerkenswerth , dass der Name dieses In-
strumentes nicht im hebräischen, sondern im chaldäischen Texte
des Daniel vorkommt; in der That konnte ein Hirtenvolk, wie die
Chaldäer, am ehesten auf ein Musikinstrument, wie die Sackpfeife
verfallen. Aus dem Orient, wo sie Verbreitung fand, kam sie
unter dem Namen chorus2) oder tibia ulrkidaris in der römischen
Kaiserzeit nach Rom, denn es war von fremdem Gute botmässig
gewordener Völker kaum etwas zu unbedeutend, um nicht von den
Herren der Welt in ihre Hauptstadt der Welt verpflanzt zu werden.
Seneca ärgert sich über die Neapolitaner, dass ihnen ein geschickter
Pythaules (ein Sackpfeifenbläser) im Theater mehr gelte, als die
Lehre des Philosophen in der Schule.3) Seneca's unwürdiger Zög-
ling Nero hatte den Einfall, auch als Utricularius glänzen zu wollen ;
es hat etwas Burleskes, wenn man sich den blutigen Weltbeherrscher
mit dem Dudelsacke vorstellt. Glücklicherweise kam der Plan
nicht zur Ausführung.4) Das einfache chaldäische Hirteninstru-
0 Dan., III. 4. 5.
2) Der heilige Hieronymus schreibt an Dardanus : Chorus quoque pellis
est simplex cum duabus cicutis aereis, et per primam inspiratur et per secun-
dam vox emittitur. Die Beschreibung trifft, wie man sieht, genau zusammen.
3) Pudet autem me generis humani quoties scholam intravi. Praeter
ipsum theatrum Neapolitanorum ut scis, transeundum est Metronactis peten-
tibus domum. Illud quidem farctum est, et hoc ingenti studio, quis sit bonus
pythaules judicatur, habet tibicen quoque, graecus et praeco concursum. At
in illo loco in quo vir bonus quaeritur, in quo vir bonus discitur, paucis-
simi sedent (Seneca, ep. 76).
4) Sub exitu quidem vitae palam voverat, si sibi incolumis status per-
mansisset proditurum se partae victoriae ludis, etiam hydraulam et chorau-
lam et utricularium, ac novissimo die histrionem, saltaturumque Virgilii
Turnum. (Sueton, „Nero" LIV.)
Babylon. 181
ment machte in Rom überhaupt sein Glück und wurde auch zu
imponircnden Masseneffecten verwendet. Vopiscus erzählt im
Leben des Carinus, dass er bei einem Feste dem Volke hundert
Sackpfeifer vorführte, daneben hundert Trompeter u. s. w., ein un-
sinniger Aufwand und Luxus zu ganz nichtigen Zwecken. l) Das
andere chaldäische Instrument, die Sambuka (chaldäisch Sabbeea),
kam als Sambyke nach Griechenland, und erhielt sich, wenigstens
dem Namen nach, bis in das 13. Jahrhundert auch in der christ-
lichen "Welt, denn noch in Gottfried von Strassburg's „Tristan und
Isolde" rühmt sich Tristan, dass er das „Sambiut" zu spielen verstehe.
Trotzdem sind wir über die Gestalt der Sambyke völlig im Un-
gewissen. Athenäus, der ihr ein eigenes Kapitel widmet, sagt, sie
sei mit der Pektis und dem Lyrophönix dasselbe Instrument, und
geht dann auf die auch Sambuca genannte Belagerungsmaschine
über , die einem Schiffe mit Mastbaum und Schiffsleiter glich. 2)
Nach Polybius hatte die musikalische Sambuka auch mit einer
Schiffsleiter Aehnlichkeit, nämlich einen Hals mit Bunden. Hier-
nach wäre es eine Art Laute oder Guitarre gewesen. Aber Aristides
Quintilianus nennt die Sambyke ein Instrument, dessen kurze Saiten
(/jiy.QOTijg twv xogöäv) ihm einen scharf hellen Klang und einen gewis-
sen weibischen Charakter., geben 3) , also eine Art Harfe oder Zither,
vielleicht gar die flachliegende ninivitische, mit dem Plectrum ge-
schlagene Harfe, deren höchste Töne allerdings durch sehr kurze,
in der Spitze des Triangels angebrachte Saiten hervorgebracht wur-
den. Eine deutliche Vorstellung von diesem Instrumente und
vielen ähnlichen, können wir schon deswegen nicht gewinnen, weil
die alten Schriftsteller im Gebrauche der Benennungen nichts weniger
als genau sind, und denselben Namen auf untereinander sehr wesent-
lich verschiedene Instrumente anwenden.
Die Chaldäer, die frühesten Astronomen und Rechner in der
Geschichte, welche sich neben den sehr praktisch -realistischen
Bestimmungen der Masse, Gewichte, Wochentage u. s. w. auch mit
Zahlenmystik und Zauberei zu schaffen machten {nee Babyloirios
tenteris numeros), fanden auch in den Tonverhältnissen besondere
Beziehungen. Nach einer Stelle des Plutarch behaupten sie, der
Frühling stehe zum Herbst im Verhältniss der Quarte, zum "Winter
im Verhältniss der Quinte, zum Sommer im Verhältniss der Octave. 4)
Erinnern wir uns, dass die Aegypter in der Stimmung ihrer Lyra
auch ein Nachbild der Jahreszeiten sahen, und dass die Lyra des
1) Et centum salpistas uno crepitu concinentes et centum cerataulas,
choraulas centum, etiam pythaulas centum (Vopiscus).
2) Athen. XIV.
3) Aristides, II. S. 101.
4) De anim. proer. in Timaeo XXXI: Xa'/.SuIoi 6h ?.tyovai, ro heco
iv ziö Sia TBTtuQOiv yivEO&ai nobe rb /ustotiojqov' iv 6h reo 6ia ntvre
TCQoq rbv yeiixiöva' TtQoq 6h rb &eooq iv tw öia naamv.
1S2 Die Musik der antiken Welt.
Orpheus1), der seine Kenntnisse (nach den Zeugnissen der Griechen
selbst) in Aegypten geholt, vier Saiten hatte, welche, wie Boetkius
schreibt, gerade in die Intervalle der Quarte, Quinte und Octave
gestimmt waren, so dämmert auch hier die Ahnung eines Zusammen-
hanges gewisser Ideen und Anschauungen auf, welche sich durch
die ganze alte "Welt hinziehen. Wenn tief in Asien bei Ausgrabun-
gen uralter versunkener Städte neben eigentümlichen Kunstwerken
plötzlich auch ägyptische Scarabäen mit ägyptischer Schrift und
Sprache bezeichnet zu Tage kommen, zweifelt einem so handgreif-
lichen Beweise gegenüber schwerlich Jemand an Wechselverkehr
und Wechselwirkung. Sollen aber ganz gleichartige und sehr eigen-
thümliche Ideen, denen wir bei weit auseinander wohnenden alten
Völkern begegnen , weniger Werth , weniger Beweiseskraft haben,
als ein geschnittener Stein, blos weil man sie im archäologi-
schen Museum nicht in einen Glaskasten legen kann ? Die ma-
gischen Wirkungen der Musik, ihre besonderen kosmischen und
anderen mystischen Beziehungen wurden freilich nicht blos im
Alterthum, sondern auch im Mittelalter geglaubt, ja, sie wer-
den es zur Stunde noch. „In der Musik", sagt Dr. Heinrich
Bruno Schindler in seinem Buche über das magische Geistesleben,
„waltet das Magische im höchsten Grade, denn, wie Goethe sagt,
geht von ihr eine Wirkung aus, die Alles beherrscht und von der
Niemand im Stande ist, sich Rechenschaft zu geben; diese Wirkung
steht so hoch, dass kein Verstand ihr beikommen kann. In dieser
Verwandtschaft der Musik mit dem magischen Pole des Seelenlebens
liegt auch die Heilwirkung der Musik." Nicht also, dass wir die
gleiche Idee überhaupt bei verschiedenen Völkern finden, kann
bedeutungsvoll heissen, wohl aber, wenn wir sie in der gleichen
speciellen Auffassung finden. Uebrigens mag die astronomische
Tonmystik der Babylonier, welche Astrologen und Thaumaturgen
ersten Ranges waren, und am Himmel ein „grosses und kleines
Glück", ein „grosses und kleines Unglück" aus den Planeten heraus-
fanden, jedenfalls noch viel reicher gewesen sein, als jene kleine
Notiz des Plutarch uns aufbewahrt hat. Jedenfalls wussten aber
die Babylonier auch die irdische Genussseite der Musik recht wohl
zu schätzen, und als Jesaias dem König von Babylon seinen Sturz
entgegenhalten will, so ruft er:
Dein Stolz ist hinabgebeugt zu den Todten ,
Herabgestimmt der Siegeston deiner Harfen!
Babylon und Assyrien waren Centralpunkte der Cultur, und
1) Es kann uns gleichgültig sein, ob Orpheus eine historische Person,
oder ein Begriff ist, wie die alten Bildner Dädalus und Smilis nur Abstraktio-
nen zur Bezeichnung der ältesten Kunstschule sein sollen ; in der Hauptsache
ändert es nichts.
Perser und Meder. 183
wie iu politischer Hinsieht die Nachbarstaaten von ihnen abhängig
blieben, bis sich die Zeit jener Grossreiche erfüllt hatte, so sind es
auch Zü^e assvrisch-babvionischer Cultur, welche mehr oder minder
kennbar aus der Bildung jener andern Länder hervorblicken — be-
sonders zeigen die Trümmer von Persepolis in Anlage und Schmuck
der Bauwerke, einen ganz direkten Zusammenhang mit assyrischer
Kunst, der auch in der übrigen Kunstweise einen ähnlichen ver-
muthen lässt. So äusserst wenig wir nun auch von der Musik der
Meder und Perser wissen, so können wir doch annehmen, dass sie
ihre gottesdienstlichen Gesänge hatten, wie jenes sogenannte Oramen
der Feueranbeter; dass die armen Bewohner des rauheren Medien
eine einfältige Hirtenmusik übten (wie denn wirklich die Erfindung
einer Art Hirtenflöte den Medern Seuthes und Rhonakes zuge-
schrieben wird)1), während in Persien, an den Höfen von Susa
und Persepolis, wo der „grosse König" sich als den Nachfolger der
Grosskönige von Xinive und Babylon fühlte und benahm, die
Musik im Wesentlichen den Charakter assyrisch-babylonischer Musik
gehabt haben wird. Als Parmenio in Damask die Suite des Darius
gefangen nahm, fand er darunter, nach seinem schriftlichen, an
Alexander erstatteten Berichte, 329 Musikerinnen, die zugleich einen
Theil des königlichen Harems bildeten2), gerade wie es, nach dem
Berichte des Curtius Rufus, auch bei den indischen Königen Sitte
war, und wie auch jetzt die Orientalen sich im Harem durch ihre
Weiber mit Musik ergötzen lassen. Auch Xenophon spricht in der
Geschichte des berühmten Rückzuges der Zehntausend von Mu-
sikerinnen des Perserkönigs. Im Orient ist die Musik von jeher
die Kunst der Weiber und Miethlinge gewesen.
Zuweilen spielte aber doch ein ernsterer Ton mit hinein.
Als einst Astyages tafelte, sang der beste der Sänger, Angares,
und schloss mit den Worten : „In den Sumpf wird entsendet ein
wildes Thier, wilder als der Eber im Walde. Es wird sein Revier
behaupten und dann gegen Viele leichtlich kämpfen." Astyages
fragte, was das für ein wildes Thier sei, und der Sänger antwortete:
„Cyrus der Perser." Dieser war nämlich kurz vorher nach Persien
abgereist. Astyages erschrak und befahl den Cyrus zurückzu-
rufen. 3)
Xoch in der Sassanidenzeit war die Musik berufen, die prunk-
volle orientalische Hofhaltung jener kriegerischen Fürsten zu
schmücken und den Glanz ihrer Feste zu erhöhen. Ein sehr merk-
würdiges Basrelief zu Taki-Bostan aus der Zeit des Khosru-Parviz
zeigt eine Wasserfahrt des Königs mit seinem Hofstaat, wobei
1) Athenäus, IV. 84.
2) Athenäus, XIII. ST. Im Originale nennt Parmenio diese Damen
kurzweg 7iu)."/.axl6uc fiovaovQyovg.
3) Athenäus, XIV. 33.
184 Die Musik der antiken Welt.
Frauen auf Musikinstrumenten spielen, ferner die Darstellung einer
grossen Jagd auf Hirsche, Wildschweine u. s. w., wo gar auf einer
eigens errichteten Musikgalerie ein reich besetztes Orchester dazu
musizirt1), ein Zug, der sehr auffallend an jene von Curtius über-
lieferte Gewohnheit bei den Jagdfesten der indischen Könige mahnt,
deren wir schon Erwähnung machten. Auch der Sagen, welche
die spätere persische Dichtung mit dem Namen des Khosru-Parviz
in Verbindung gesetzt hat, und seiner Musiker Barbud und Nekisa
haben wir schon gedacht. Das Sassanidenreick zertrümmerte endlich
vor den heranstürmenden Arabern.
Unter dem Einflüsse assyrisch -babylonischer und ägyptischer
Cultur stand schon nach seiner geographischen Lage auch Phönikien,
und die dauernde Verbindung, in welche es siegend durch die
Hyksosherrschaft und später, besiegt von den grossen Pharaonen der
18. Dynastie, mit Aegypten kam, hat ihrerseits nach Aegypten
hinübergewirkt. Die ägyptische Mythe lässt den Kasten mit dem
getödteten Osiris aus dem Nil meerüber nach dem phönikischen
Biblus schwimmen, lässt die suchende Isis nach Phönikien kommen
und dort weilen. Nicht mythisch, sondern historisch beglaubigt ist
es, dass den Phönikern in Memphis ein Stadtviertel eingeräumt
war. Von Babylon wurde den Phönikern der wilde Taumelkelch
gereicht, dessen Trank jenen grauenhaften Rausch des schamlosen
Ascheracultus, des grausamen Molochdienstes hervorrief. Die Phö-
niker, die vom wilden, sinnlichen Taumel des ersteren sich ab-
wechselnd zu Selbstverstümmelungen und schrecklichen Kinderopfern
wendeten, die ein gebornes Handelsvolk, d. h. gewinnsüchtige Gross-
krämer waren, konnten nicht in sich den Beruf haben, eine reine
und bedeutende Kunst als nationales Eigenthum hervorzurufen.
Schiffbau, Purpurfärberei , Glasmacherei u. s. w., kurz, was der
Industrielle brauchen und verwerthen kann, bildeten sie trefflich
und reich aus, aber dafür war ihre Architektur von der assyrisch-
persischen abhängig, oder schuf schönheitslose Räume, wie die
Giganteia auf Gozzo, ihre Götterbilder, ihre Patäken, waren dick-
köpfige Scheusale mit schlauchartig geschwollenen Leibern, und ob
sie schon die Schreibekunst in ältester Zeit besassen, sie sogar
erfunden haben sollen (wie wollten sie sonst ihr „Soll und Haben"
notiren), so fehlt doch jede Spur einer phönikischen Dichtkunst,
Die feinen Glasgefässe, welche sie den Pharaonen als Tribut
darbrachten, zeigen hässliche, abenteuerliche, fast wie Gebilde
mexikanischer Phantasie aussehende Aufsätze, das von Hiram Abif,
oder auch nach seinem Originale verfertigte "Werk, der siebenarmige
Leuchter in Jerusalem, dessen Bild der Titusbogen in Rom aufbe-
wahrt hat, ist hässlich und geschmacklos. Wo soll ein Volk, dem
es an Formensinn und an poetischem Geiste fehlt, Musik hernehmen?
1) Abbildungen bei Coste und Flandin, Perse ancienne, PI. 1 — 14.
Phöniker. 1 85
Was kann das für eine Musik sein, zn deren Hauptaufgaben es ge-
hört, durch das Getöse der Pauken und Pfeifen das Geschrei der in
den glühenden Armen des Moloch verbrennenden Opfer zu über-
tönen ? Aristides nennt die Musik der Phöniker geradezu schlecht
und „heillos", eine „Kakomusia" im moralischen Sinne nur geeignet
die Sinnlichkeit aufzuregen und die Seelenkraft zu schwächen. ')
Die Musik der Phöniker war allem Anscheine nach keine indigene
Kunst, sondern theils von Aegypten, theils von Assyrien hergeholt,
sie standen mit beiden Ländern in Verbindung. 2) Die ägyptische
Cultur und ägyptische Musik war die ältere, selbst wenn man die
Angabe der Melkarthpriester, welche Herodot versicherten, ihr
Tempel stehe seit 2300 Jahren, gelten lassen will, indem man dann
erst noch in Perioden kommt, wo man in Aegypten bereits Pyra-
miden gebaut, lange Inschriften den Wänden eingemeisselt, und,
wie wir wissen, auf mannigfachen, ausgebildeten Musikinstrumenten
musizirt hatte. Die dreieckige Harfe, welche die Phöniker Kinnor
nannten, kann von der assyrischen wie von der ägyptischen gleich
gestalteten herrühren. Sie wurde auch für die Phöniker ein Haupt-
instrument 3) , das Geschlecht der Kinyraden bei dem Tempel der
phönikischen Aschera-Aphrodite in Kypern hat von ihr den Namen.
Der mythische Alm Kinyras ist ein wunderbar schöner Harfner,
Aphroditen's Zögling, Liebling und Priester, in ihrem Tempel noch
nach dem Tode, der ihn nach 160 Jahre langem Leben erreichte,
eine Ruhestätte findend, märchenhaft reich an Besitz, König von
Kypern, weichlich, salbenduftend, Avie es Aphroditen's Schützling
ziemt, Erfinder der klagenden Gesänge um Adonis, der Adoniasmen,
so trefflich als Sänger, class er mit Apollon zu wetteifern wagt.
Seine phönikische Abstammung zeigt er als Begründer der Wollen-
weberei und des Metallschmelzens auf Kypern. 4) Der thasische
Herakles, d. i. der Melkarth, ist wie Apollon, ein Lyraspieler und
Bogenschütze, merklich verschieden vom keulenbewehrten griechi-
schen Herakles. Wie aber jede höchste, entzückende Erregung
des sinnlichen Lebens endlich auf den geheimnissvollen Punkt
kommt, wo sie in Schmerz umschlägt, so ist es für diese Tempel-
musik bezeichnend, dass sie einen Charakter schmerzlicher Klage
gehabt haben muss, denn die Griechen, welche nach dem phöni-
kischen Kinnor ihre Harfe mvvQn nannten, bildeten darnach das
Zeitwort xivvgofmi, welches die Bedeutung des Jammerns, des schmerz-.
1) Aristkl. II. S. 72.
2) Gleich im allerersten Kapitel des Herodot heisst es, dass die Phöniker
ägyptische und assyrische Waaren (cfOQTia AlyVTtuä TS /.tu AooiQta) ver-
handelten.
3) Julius Pollux nennt IV. 9, bei Aufzählung der Saiteninstrumente auch
eines „Phönix" und ein anderes „Lyrophönikion", ohne sie näher zu schildern.
Die Namen deuten auf phönikischen Ursprung.
4) Vergl. Preller, griech. Mythologie, IL Bd. S. 225.
186 Die Musik der antiken Welt.
liehen Klagens ausdrückt. *) Nach dem Zeugniss Sopater's war
auch die Nabla eine phönikische Erfindung, er nennt sie „sido-
nisch" (Ziöänov >-«(?A«)2), ebenso, nach Juba, die Dreieckharfe
(rglfarov). War die Harfe das Tempelinstrument der Göttin
entfesselter Sinnenlust (welche dann bei den Alles veredelnden
Griechen als die „goldene Aphrodite" eine ganz andere Gestalt wurde),
so ist es natürlich, dass sie auch den luxuriösen Festen und Gelagen
u. s. w. nicht fehlte, denen die Phöniker als reiche Kaufleute gewiss
nicht abgeneigt waren. Wenigstens drohte Ezechiel im Namen des
Herrn der Stadt Tyrus : „ich will ein Ende machen der Menge deiner
Gesänge, und der Klang deiner Harfen soll nicht mehr gehört werden."
Da an den Ascheratempein Hieroduleu, Kedeschen, d. i. Tempel-
dienerinnen in grosser Zahl der Göttin dienten, wie es ihr angenehm
war, so war die Harfe von dorther das Instrument der Buhldirnen,
noch in Griechenland wurde das Trigonon (die Harfe) vorzüglich
von den asiatischen Hetairen gespielt. 3) „Nimm Deine Harfe, zieh,
durch die Stadt, vergessene Buhleriu", ruft Jesaias Tyrus zu, „rühre
die Saiten, singe Deine Lieder, dass man Dein gedenke!"4) Noch
zur römischen Kaiserzeit standen die phonikischen und syrischen
Musikantinnen, die Flötenbläserinnen, die Ambubajavum collegia
(welche den Verlust des lüderlichen Tigellius so sehr beklagen)5),
wegen ihres Lebenswandels in sehr üblem Rufe. Juvenal beklagt
sich, „dass der syrische Orontes in die Tiber fliessend, Pfeifen und
Pauken und schiefe Saiten (der Harfe) mitgebracht, und verweist
alle „welche Barbarendirnen iu bunten Mützen lieben", an die
Mädchen die sich am Circus feilhalten." 6) Neben solchen Chören
trieben sich jene Halbmänner umher, jene Gallen, die als Diener
der Astarte bei dem Schalle der Peifen, Cymbeln, Pauken und
Klappern die Strassen durchzogen, sich mit Schwertern schnitten
und mit Geissein blutig schlugen.7) Wenn im Frühjahre in dem
syrischen Hierapolis das grosse Feuerfest der Astarte gefeiert wurde,
dann half der Klang einer lärmenden Musik von Doppelpfeifen,
1) Die Araber nennen die Harfe Kinnin und eine Guitarre „Kinnare"
(de la Borde, essai, Bd. I. S. 197), worin das gleiche Stammwort zu erken-
nen ist.
2) Zitirt bei Athenäus, IV. 77.
3) S. Hermann Weiss, Kostümkunde, S. 901.
4) Jesaia, XXIII.
5) Horaz, Sat. II. Ambubajarum collegia hoc genus omne. Hier
heisst „genus" so viel als „Zeug" oder „Gelichter".
6) Juv. Sat. IH. v. 62:
Jam pridem Syrus in Tiberim defluxit Orontes
Et linguam et mores et cum tibicine chordas
Obliquas nee non gentilia tympana secum
Vexit, et ad Circum jussas prostare puellas,
Ite, quibus grata est pieta lupa barbara mitra.
7) Movers, Relig. d. Phon. I. S. 681.
Syrer, Phryger. 187
Cymbeln und Pauken die fanatische Raserei auf ihren G ip fei treiben,
dass sich die Jünglinge mit dem Schwerte verstümmelten.1) Bei die-
sem Volke, dessen Götterdienst wahnsinnig aufgeregte Sinnlichkeit
war, sank die Musik von der Himmelstochter selbst auch zur wahn-
sinnig aufgeregten Buhldirne herab, bei keinem andern Volke, zu
keiner andern Zeit ist ihr gleiche Schmach widerfahren. Darum
war betäubender Lärm ihr wesentlicher Charakter. Selbst die Flöte
wurde von den Syrern wild und kräftig geblasen.2) Strabo erzählt,
dass Marc Anton phönikische Weiber mitbrachte, welche um den
Altar liefen und Zimbeln schlugen.3) Auch Lucius Verus führte,
nach der Erzählung des Capitolinus syrische Musikanten mit ihren
Saiteninstrumenten und Flöten nach Rom. Spezifisch syrisch war
jene Flötenmusik, womit man Aclonis den getödteten, gesuchten
und wiederauflebenden feierte und die in Syrien Abobas, in Ky-
pern Gin gras hiess, daher letzteres Wort auch zu einem Beinamen
des Adonis selbst wurde.5) Diesen Gingrasflöten waren nach Pol-
lux auch die karischen Pfeifen sehr ähnlich5), und Athenäus bestä-
tigt, dass sie von den Karern bei Klaggesängen (#o?'pojc) gebraucht
wurden.6) Ihr Ton war scharf und kläglich (ofü xal yoeqöv). Die
Athener liebten die Gingrasflöten bei Mahlzeiten zu hören. 7)
Ausserdem gab es in Phrygien eine kurze, dicke Flötengattung, ge-
nannt „Skytalia" und „Elymasflöten", deren Sophokles in seiner
Niobe erwähnte.8) Wie sich dem Babylonisch -Phönikischen ver-
wandte Götterdienste durch ganz Kleinasien hinzogen, so wurde
der schwärmende Naturcult der phrygischen Kybele, der Kappado-
kischen Ma u. s. w. mit ähnlicher orgiastisch lärmender Musik be-
gleitet. Wir danken den römischen Dichtern einige sehr lebendige
Beschreibungen. So bei Ovid :
Protinus inflexo Berecynthia tibia cornu
Flabit et Idaeae festa parentis erunt
Ibunt semimares et inania tympana tundent
Aera tinnitus aere repulsa dabunt. 9)
Und bei Catullus: (LXIV 261—264.)
Plangebant aliae procevis tympana palmis
Aut tereti tenues tinnitus aere ciebant
Multis raucisonos efh\tbant cornua bombos
Barbaraque horribili stridebat tibia cantu.
1) Lucian, de Dea Syria.
2) Oqkov xl xal evxolfxov i-ßnrzlv Soziovoi. Pollux; IV. 11.
3) Strabo, X.
4) Jul. Pollux, IV.
5) ÜQÖqyoQoq 6h [xovoq xagixTj, IV. 10.
6) Athen., IV. 76.
7) Athen. (IV. 76), nach einer Stelle des Amphis. Auch Menander er-
wähnte ihrer (Menander in Carina).
8) Athen., IV. 77.
9) Fast., IV. v. 161.
1S8 Die Musik der antiken Welt.
Denn bekanntlich war der heilige Stein von Pessinus , das Sinn-
bild der „grossen Mutter", im Jahre 204 v. Chr. auf Anordnung der
sibyllinischen Bücher und mit ihm jener wilde Cultus nach Rom
tibertragen worden. Auch die griechischen Dichter besingen das
schwärmende Fest der grossen Naturgöttin. „Zu deinem Feste",
sang Pin dar, „sind die grossen Reifen der Cyrnbeln da und die
lodernde Fackel von gelbem Fichtenholz", auch Aeschylos schildert
den Lärm der Flöte, den schmetternden Klang der ehernen Becken,
die Nachahmung des Stierg-ebrülls. den "Wiederhall der Trommel,
der aus tiefer Kluft gleich unterirdischem Donner ertönet. l) Und
Euripides lässt den Chor der Bacchen ausrufen :
Die Trommeln ergreift! der Phryger und Mutter Rheas
Erfindung — — — denn Korybanten
— — — Ersannen den hautbespannten Reifen und legten
Mit phrygischer Flöten lieblich schallendem Ton
In Rheas Hand den Donner zum Festsang.2)
Derlei Musik hat man sich mehr als das Durcheinanderlärmen
starktönender Instrumente, mehr als Getöse, als ein wildes Chari-
vari, denn als wirkliche Musik vorzustellen, und wenn vielleicht auch
die Flöten sämmtlich in irgend eine bekannte, orgiastische Weise,
welche der eine Flötist begann, einstimmten, so bliesen doch die
Hörner, dröhnten Trommeln und Zvmbeln willkürlich darein.
Aber der Ausdruck tiefen Schmerzes, der in diesen orientalischen
Naturculten zwischen all' den tobenden Ausbrüchen einer wilden
Begeisterung laut wird, fehlt auch bei den Phrygiern nicht. Ins-
besondere hatten sie einen ergreifenden Klagegesang, den Lityerses,
welchen sie beim Schneiden des Korns sangen. Er soll zuerst ge-
sungen worden sein, um Midas über den Tod seines Sohnes Lityer-
ses zu trösten. Auch Hipponax gedenkt eines besonderen phrygi-
schen Nomos, der auch wohl klagevoll gewesen ist, denn es wer-
den sogar die phrygischen Flöten als „Klagenöten'' (uvlol 3grlv7lTiy.oi)
bezeichnet.
Die Griechen fanden in den phrygischen Weisen, wie in den
aus Phrygien stammenden Flöten, die Macht, Lust wie Schmerz
bis zum orgiastischen Taumel aufzuregen.3) Der Ton phrygischer
Flöten war sehr klagevoll.4) Nicht ferne von den Quellen des Mäan-
der bei der phrygischen Stadt Kelänä lag der „Flötenbrunn" Aulo-
krene, ein See, aus dessen häufig wachsendem Schilfrohr5) die Flöten
1) Beide Stellen citirt von Strabo.
2) v. 55 und 120.
3) Aristot. Polit.. VIII. : ('/ei yc.o thv avtnv dvvafiiv i) tpQvyiffzl
xojv ccQfiontöv, i'/rneQ cd'/.bq tv roiq oQyc'cvoig' u[i<pw yuQ ogyiaorixä
xal Tia&rjTiy.a.
4) Aristid. II. S. 101.
5) Derlei zufallig wachsendes Naturprodukt gab auch anderwärts Anlass
Phryger. 189
und Flötenmundstücke verfertigt wurden. Der angebliche Erfinder der
Flöte und Flötenbläser Marsyas, der Gefahrte Kybele's hatte eben dort
in seiner Heimat Kelänä einen Localcult.1) Er soll es zuerst ver-
standen haben, alle Töne der Panspfeife auf einem einzigen Flöten-
rohre hervorzubringen."-) In dem bekannten Mythus, dass er es
wagt, mit seiner Flöte den kitharspielenden Apollon zum Wettstreite
herauszufordern, überwunden aber die schrecklichste Strafe erleiden
muss, findet Bippart sinnig eine Erinnerung an den, wohl schon in
uralter Zeit geschehenen Zusammenstoss, der ihrer Natur und der
dabei angewandten Musik nach einander widerstreitenden Götter-
dienste des griechischen Apolloncultes und des phrygischen Kybele-
cultes.3) Ein zweiter Mythus mit nicht schrecklichem, sondern
komischem Ausgang, der den Vorzug der griechischen Kithara und
ihren Sieg über die phrygische Hirtenmusik der Flöten feiert, ist
die Erzählung, wie der Phrygier Midas, welcher Pan's Hirtenpfeife
der Kithara Apollon's vorzog, von diesem zur Strafe Eselsohren er-
hielt, die er vergebens durch die hohe Phrygermütze zu verstecken
suchte. Denn sein schwatzhafter Barbier murmelte das Geheimniss,
das bei sich zu behalten über seine Kräfte ging, in eine Erdgrube,
wo alsbald Schilf wuchs und beim Durchstreichen des Windes deut-
lich rauschte: „Midas hat Eselsohren!"4) Orpheus, dem wir schon
zur Ausbildung ähnlicher Kunst, so in Böotien das Schilfrohr am See Kopais.
Pindar. Pyth. XII. Insgemein waren aber die phrygischen Flöten von Bux
und hiessen t?.v/j.oa- (Poll. IV. 10.)
1) Apollod. I. 4. 2. Suidas, Diod. Sic. III. 58. Doch wird die Erfindung
auch dem Hyagnis zugeschrieben, nach der Parischen Marmorchronik' Yayviq
o if'/ri avXovg tcqütoz evQsv ivKekcuvalg, noXst r»q tfrQvyiag, xcd xtjv aQfxo-
vtav ri)i- xaXovfievrp fpQvyiaxl rcQonoq tjvIijoe. Er soll in der 10. Epoche ge-
lebt haben und ein Zeitgenosse des Athenischen Königs Erichthonius (1506 v.
Chr.) gewesen sein. Suidas versetzt den Marsyas in die Zeit der Richter in Israel
{tlöv 'Iovdccicov XQixcüv). Plutarch sagt (de mus.): "Yuyviv TtQtöxov avlijotu,
iixcc xbv zovxov viöv MaQßvav, e'a"0?.i\u^ov. Also eine förmliche Genealogie
von Flötenbläsern, erst Hyagnis, dann Marsyas, dann Olympos. Wenn Plutarch
hier und wenn Apulejus (Florida) und Suidas dem Marsyas zu einem Sohne des
Hyagnis machen, so ist er nach Hygin (Fab. 165) ein Sohn des Oeagros, nach
Apollodor ein Sohn des Olympos. Nach Strabo (X. 3) haben Seilenos, Marsyas
und Olympos zusammen (awdyovxsq elq tv) die Flöte erdacht oder doch ein-
geführt. In Aegypten waren aber die Flöten schon damals seit undenklichen
Zeiten in allgemeinem Gebrauche. Dass der jüngere, historische Olympos mit
dem älteren mythischen oft verwechselt oder zu einer und derselben Person ge-
macht wurde, ist sehr begreiflich. Doch unterscheidet Plutarch a. a. O. den
älteren Olympos CO/xiinoz rrpwroc). Eben so Suidas den jungem Olympos als
der Zeit des Königs Midas, Sohn des Gordius angehörig :"0).vu:ioz <p(>v!s v£(6-
xsq oq, uvhjxrjg ysyovoj; , sifl Mlöov xov royöiov. . ( (
2)Diodor, HI. 58: y.ul xijq idv owloewq XEXfiriQiov '/.aiißv.vovoi xo
i/iiujoaG&ai xoiq (fO-öyyorg t)j; Ttokvxttijttfiov avQtyyoq, xal f.iereveyxtti-
hcl zovq avAovq tt/v okijv aQfiovtav. Die vielröhrige Syrinx soll Kybele
selbst erfunden haben.
3) Bippart, Philoxeni, Timothei, Telestis, dithyrambographorum reli-
quiae. S. sö.
4) Ovid., Metam. 11.
190 Die Musik der antiken Welt.
in Aegypten als einer mythischen Mittelsperson zur Vermittelung
ägyptischer und griechischer Musik begegneten, tritt auch in dem
zweiten Lande, aus dem die Griechen Anregung und Kunstübung
für die Musik herüberholten, in Phrygien, auf. Er ist ein Ge-
fährte, nach andern sogar Lehrer jenes Midas.1) Trotz aller Siege
Apollon's über Pan und Marsyas kommt die phrygische Flöten-
musik mit ihren eigentümlichen Melodien schon im 7. Jahrhunderte
v. Chr. nach Griechenland. Olympos, der von Marsyas selbst das
Flötenspiel gelernt haben sollte, wurde zum mythischen Ahn eines
zweiten, historischen aus Phrygien stammenden Olympos, dessen
Andenken die Griechen als des Begründers ihrer Flötenmusik (vö/joi
uvj.ijLY.oi) in Ehren hielten, und ihm mehrere andere wichtige
musikalische Erfindungen zuschrieben, nämlich das enharmonische
Klanggeschlecht und den hemiolischen Rhythmus.2) Die krumme
phrvgische Flöte galt für eine Erfindung des Midas3), auch die
Doppelflöte wird „berekynthisch'', d. i. phrygisch genannt*) und die
dreieckige Harfe, Trigonon, galt den Griechen für phrygisch.5)
Wir haben letztere zwei Instrumeiite schon in Assyrien gefunden
und wissen also, woher sie den Phrygiern selbst zukamen.
Den Phrygiern in vieler Beziehung verwandt waren die Lycler,
auch ihre Landesgöttin war die grosse Bergmutter Kybele und deren
Begleiter Manes und Attys wurden in Phrygien und Lydien gleich
verehrt. Da der Kybelencult, wo er immer auftrat, jene lärmende
Musik zu den wesentlichsten Bestandtstücken seines Rituals zählte,
so war sie ohne Zweifel auch den Lydern eigen, zumal jene grellen
Contraste ausschweifender Ueppigkeit6) und bis zur Verstümmelung
gesteigerter Askese auch in Lydien herrschen, und das häufige
Vorkommen von Eunuchen erkennen lässt, dass diese naturwidrige
Barbarei dort etwas Landesübliches, Gewöhnliches war.7) Die Ly-
der vereinigten die anscheinend unvereinbaren Eigenschaften üppiger,
weichlicher Schwelgerei und kriegerischer Tapferkeit, so dass sie
unter König Krösos eine Grossmacht wurden, die freilich vor
dem jungen Helden Kyros bald zusammenbrach.8) Dieser Doppel-
1) Ovid, a. a. 0., singt: cui Thracius Orpheus orgia tradiderat.
2) Insofern er das kretische und bakchische Metrum zuerst verband.
Plut. de mus. c. 10. 29.
3) Plin. hist. nat. VII. 56 obliquam tibiam Midas in Phrygia. Und bei
Tibull (Eleg. 2) Obstrepit et Phrygio tibia curva sono.
4) Bei Nonnus (Dionysiaca) xai dlöv/xot B SQtxvvrsg o/uo^vyEq
sxkayyov txvXol.
5) Sophokles (in seinen Mvsern, citirt bei Athenäus) sagt : <P<jv<- XQiywvoz.
6) Herodot, I. 93. 94.
7) Ebend., HI. 48; VIII. 105.
S) Herodot, I. 79, gibt der Tapferkeit der Lyder ein glänzendes Zeug-
niss: es war damals kein mannhafteres (uvdQrj'iurteQOv) und kräftigeres Volk
in Asien als die Lyder.
Lyder. 191
charakter sprach sich in der lydischen Tonart aus, die weich und
einschmeichelnd und dabei doch edel genug war, um von Aristoteles
als zur Knabenerziehung geeignet gebilligt zix werden.1) Die Saiten-
instrumente, die dreisaitige Lyra, die zwanzigsaitige Magadis, die
Pektis, wurden von den Griechen als Erfindung der Lyder ange-
sehen, von wo Lyra und Magadis zuerst in das nahe Lesbos einge-
führt wurden.2) Die Pektis aber, welche Terpander bei den Mahl-
zeiten der Lyder gehört, veranlasste ihn, die alte vierseitige Lyra
der Griechen mit drei Saiten zu bereichern. Wir wissen, dass die
Lyder diese Instrumente ihrerseits den älteren Assyriern dankten.
Die nahen Beziehungen in welche Griechenland schon in älterer Zeit
zu dem lydischen Reiche trat, machen es ganz erklärlich, dass sich
die lvdische Musik in Griechenland vollständig einbürgerte, sie kam
wie die gleichfalls ihrem allerersten Anfange nach assyrische, den
Hellenen durch die Kleinasiaten vermittelte jonische Baukunst in die
Hände dieses Künstlervolkes, um dort muthmasslich gleich jener
Baukunst, zu etwas Höherem und Anderem zu werden, als in ihrer
Heimat, so wie auch vom protodorisch-ägyptischen zum dorisch-
griechischen Style ein gewaltiger Fortschritt ist. Die ursprüng-
lichen Tonarten der Griechen waren, neben ihrer einheimischen
dorischen, die lydische und die phrygische. Die lydische erhielt
das Indigenat so vollständig , dass sie gar nicht mehr als fremd an-
gesehen wurde, und man sich im Schreiben durchgängig der für sie
bestimmten Tonzeichen bediente, wogegen der phrygischen ein
kleiner Makel ihrer barbarischen Abkunft anhängend blieb.3)
Die asiatische Flötenmusik war auch den Lydern eigen;
Herodot erzählt, dass Alyattes, als er Milet bekriegte, sein Heer zur
Verwüstung der reifen Feldfrüchte und der Bäume, die er durch eilf
Jahre fortsetzte, um die Milesier durch Hunger zu bezwingen, beim
Klange der Syringen, männlicher und weiblicher Flöten («väov
fwmmjiöv ts xnl avdgiji'ov) und der Pektiden in's Feld rücken
Hess.4) Die von Herodot angewendete Eintheilung der Flöten
scheint sich auf deren Grösse, ähnlich den griechischen Knaben-,
1) Aristot. Polit. VIII. 7.
2) Plutarch de mus. (i. Stephan. Byzant. vAoioz- In einem erhaltenen
Fragmente des Anakreon singt der Dichter (bei Athenäus) :
*3PaXka) tl'y.ooi Avdirjv
XoQÖaloiv nayüSiv tycov
und Sophokles (ebend.) sagt:
Ilo/.vc 6h cpQvt; TQiycovoQ dvilonaorä zs
Avörjg i(pv(xv£i TtrjXTiöoq ovyyoQÖla.
Auch der Tragodiendichter Diogenes lässt in seinem Trauerspiele „Semele"
die Lyder- und Baktrerweiber mit Pektis und Trigonon in den Wald ziehen,
um Artemis zu preisen und die Magadis ertönen.
3) Aristot. Polit. V. 8. 13.
4) Herodot, I. IT.
192 Die Musik der antiken Welt.
Jungfern- und Männernöten, zu beziehen. Die Pektis war, wie
aus jenem Fragment des Sophokles bekannt ist, ein den Lydern
eigenthümliches Saiteninstrument; aber auch eine lydische zusammen-
gesetzte Rohrflöte hiess so, welche hier vermuthlich gemeint ist.
Flöten und Syringen sind für diese kleinasiatischen, in ihren Sitten
unter einander verwandten Völkerschaften so sehr charakteristisch,
dass Homer die Trojaner Nachts bei ihren Lagerfeuern auf solchen
Instrumenten musiziren lässt.1) Auch die Karer bedienten sich der
Flöten bei dem Trauerfeste ihrer Adonien.2) Die Gewohnheit, die
Adonisklage durch Flötenklänge zu begleiten, ist wohl die Veran-
lassung geworden, dass auch bei den Hebräern und den Griechen die
Flöte als das Instrument der Trauer, der Elegie, der Xänien galt.
Wenn in Aegypten die Instrumentalmusik mehr auf die Opferfeier im
Innern des Tempels, der Kapelle der Leichenfeier oder das Innere des
Wohnhauses bei Fest und Schmaus beschränkt war, so diente sie in
Asien durchweg mehr bei öffentlichen Aufzügen u. dgl., insbesondere
ist das Einholen einer geehrten Person, eines siegreich heimkehrenden
Helden, oder eines Heiligthumes mit rauschender Instrumentalmusik,
wie wir aus jenen Reliefs von Kujundschik und aus den Schriften
des alten Bundes wissen, eine weitverbreitete Sitte; im Gegensatze
gegen Aegypten , wo die Scene, wie der von einem glücklich be-
endeten Feldzuge heimkehrende Pharao von Deputationen begrüsst
wird, sich oft (z. B. auf dem rechten Pylonflügel zu Luccjsor) dar-
gestellt findet, ohne dass je dabei Musik vorkommt, und bei dem
Uebertragen der Barke des Sonnengottes wenigstens keine Intru-
mentalisten vorangehen. Dagegen macht Laban dem Jacob über
seine heimliche Entfernung Vorwürfe: „warum bist Du heimlich
entflohen, und hast es mir nicht angezeigt, dass ich dich in Freuden
sceleitet hätte mit Liedern und Pauken und Harfen?"3)
Jephta's Tochter begrüsst ihren siegreichen Vater bei seiner Heim-
kehr nach Maspha, ihm entgegenkommend „mit Pauken und
Reigen" 4) ; dem neugesalbten König Saul kommt ein Trupp musi-
zirender Propheten entgegen5); als David „wiederkehrt von der
Philister Schlacht", begrüssen ihn Weiber mit Gesang und Reigen
und singen zum Verdrusse König Sauls „Saul hat tausend ge-
schlagen, David aber zehntausend"6); vor der Buncleslade tanzt
David ..mit Jubel und Posaunenschall."7)
) . ~
1) IL X. v. 13 avXmv ovQtyyatv x tvoxtjv.
2) Movers, das phün. Alterthum, II. S. 20. Anm. 49. S. 227.
3) Gen., XXXI. 27.
4) Richter, XI. 34.
."> ) I. Sani. X. 10. Die Propheten spielen ..Psalter und Pauken, Flöten
und Cythern", gerade die Instrumente, welche auf dem Basrelief von Kujund-
schik abgebildet sind.
6) I. Sam. XVIII.
7) II. Sam. VI. 14.
Die Hebräer. 193
Uebrigens scheinen die Musiker, wenigstens bei den ausser-
israelitischen Völkern, keineswegs geachtet gewesen zu sein: Layard
meint, dass jene in Kujundschik abgebildeten Musikanten „ver-
muthlich zu den Volksvirtuosen gehörten, die noch heute bei Hoch-
zeiten und andern Freudenfesten in der Türkei und in Aegypten
auftreten." ') Dies ist wohl auch der Grund, warum Micha! an
dem Tanze ihres Gemahls David vor der Bundeslade Anstoss nahm,
es schien ihr eines Königs unwürdig, sich unter die „losen Leute"
zu mischen.2) . Aber in Israel war es anders, bei den Hebräern, dem
theologischen, oder wenn man will, theosophischen Volke, nahm
auch die Musik einen durchaus theosophischen Charakter an.
Unter den semitischen Völkern sind ohne Zweifel die Hebräer
das begabteste und ausgezeichnetste an körperlicher Schönheit 3)
wie an geistigen Anlagen. Zur bildenden Kunst, wie zur Architektur
hatten sie freilich kein Talent : Saloino musstezu seinem Tempelbau
einen fremden Meister, Hiram Abif, herbeiholen. Desto grösser
ist der poetische Sinn und Schwung. Die hebräische Poesie hat uns
Schätze hinterlassen, deren dichterischer Werth den Gesängen der
griechischen Dichter in keiner Weise nachsteht, ja welche die
griechische Dichtung an Schwung der religiösen Begeisterung, an
Tiefe der Anschauung, an Hoheit und Erhabenheit weit übertreffen,
wogegen sie ihr an tagheller Klarheit und plastischer Abrundung
eben so sehr nachstehen. Die griechische Literatur hat nichts was
z. B. dem Hiob zur Seite gestellt werden könnte, dagegen konnte
Israel keinen Sophokles hervorbringen. 4) Mit der Poesie steht aber
1) Layard, a. a. 0. S. 348.
2) Forkel meint, unter den „losen Leuten" seien die Leviten verstanden,
und folglich seien diese in Verachtung gewesen. Die Schriften des alten
Testamentes lassen diese Ansicht als völlig irrig erscheinen.
3) Diese „orientalische Schönheit" ist von der griechischen Schönheit
freilich sehr verschieden, aber wirklich nicht geringer. Noch jetzt findet man
unter den Israeliten, besonders unter den polnischen Juden, Männer und
Frauen von ausserordentlich schöner Bildung, besonders aber wahrhaft ehr-
würdige, echt patriarchalische Greisengestalten. Schachergeist, Schmutz,
Elend verzerren die an sich schöne Nationalbildung leider nur zu oft zu einer
schmählichen Caricatur. Auf das Geistreichste ist der israelitische ideale und
der caricirte Typus in den beiden Köpfen von Tizian's Christo della moneta
(in Dresden) nebeneinandergestellt. Dass wir an das alte Israel, dem wir
ebenso viel und noch unendlich mehr danken, als dem alten Hellas nicht mit
gleicher Sympathie denken, hat seinen Grund wohl darin, dass uns manche
sehr herbe, allen Semiten und also auch den Hebräern eigene Züge (z. B. der
bittere Feindeshass, die Grausamkeit gegen Gefangene u. s. w.) abstossen,
gewiss aber auch darin, dass sich uns unwillkürlich Vorstellungen einmengen,
die wir von den Schacherjuden und dem baronisirten Bankierthume abstrahirt
haben , die aber glücklicherweise auf die Zeitgenossen David's und Salomo's
nicht passen.
4) Die hebräischen Spruchdichter übertreffen die griechischen Gnomiker,
welche oft eine ziemlich oberflächliche Lebensweisheit predigen. Interessant
ist es, den Ton der Psalmen, z. B. mit dem Tone der Hymnen Homer's oder
Pindar's zu vergleichen.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 13
J94 Die Musik der antiken Welt.
in jenen Zeiten die Musik stets in genauer, um nicht zu sagen un-
trennbarer Verbindung. Gleich der Poesie ist die Musik bei den
Hebräern Anfangs zu gar nichts Anderem da, als um von Gott und
göttlichen Dingen zu handeln. Als Pharao's Heer im Schilfmeere
untergeht, nimmt Moses' Schwester Mirjam eine Handpauke, nach
ägyptischem Brauche, und sie stimmen nun jenen unsterblichen
Siegesgesang an : „Lasset uns singen dem Herrn : denn glorreich
ward er verherrlicht, Eoss und Reiter hat er in's Meer gestürzt." ')
So singen Deborah und Barak, der Sohn Abinoam's, nach dem Falle
Sissera's den Triumphgesang: „Ihr aus Israel, die ihr willig in die
Gefahr ginget, lobet den Herrn! Höret, ihr Könige, neiget euer
Ohr, ihr Fürsten, ich will singen dem Herrn, will spielen dem
Herrn, dem Gotte Israel's u. s. w."2) Herder (der die früher bloss
theologisch und exegetisch behandelten Bücher des alten Testaments
zuerst auch in ihrer unvergleichlichen poetischen Schönheit würdigt)
findet in dem Liede Deborah's: „Vers 1 — 11 im Eingang, vermuth-
lich durch öfteren Zuruf des Volkes unterbrochen, V. 12 — 27 das
Gemälde der Schlacht, die Hernennung der Männer mit Lob und
Tadel , hin und wieder ganz mimisch ; endlich V. 28 — 30 den Spott
auf den Triumph des Sissera ebenfalls nachahmend, bis der letzte
Vers, wahrscheinlich als Haupt chor, alles sehliesst." Also Ver-
einigung von Poesie, Gesang, Mimik, ganz in der urthümlichen
Weise, aber hoch durchgeistigt und veredelt.
Jene Prophetenschaar, die „vom Hügel Gottes herab" Saul auf
verschiedenen Instrumenten musizirend entirecrenkommt, lässt er-
kennen, dass selbst in den noch sehr einfach patriarchalischen Zeiten
der Anfänge des Königthums in Israel in den Prophetensclmlen
Musik geübt wurde. Das Prophetenthum im engeren Sinne, d. i. die
Gabe, in die Zukunft zu schauen und im Namen des Höchsten zür-
nende, mahnende oder tröstende Worte zum Volke und dessen
Königen zu sprechen, konnte natürlich nicht Gegenstand eines
Schulunterrichtes sein, wohl aber die Formen, das Gefäss, in welcbes
jener höhere Inhalt, als Gabe von oben aufgenommen werden sollte,
d. h. die gebräuchlichen Formen der Poesie und Musik. Die Dicht-
gabe galt vielen alten Völkern für etwas Göttliches. Jener Aegypter
Ata wird Prophet genannt, die Pythia sprach in Versen, der israe-
litische Prophet sang Lieder, oft sehr künstlich alrdiabetisirte, Avie
z. B. Jeremias. Den Hebräern konnte Prophet {vates) und Dichter
[vates) um so leichter in eine Person verschmelzen, als ihre ganze
Poesie ohnehin keinen andern Inhalt hatte, als einen heiligen. Mit
der Prophetengabe stand die Musik in enger Verbindung.3) Um vor
1) II. Mos. XV.
2) Rieht. V.
3) II. Kün. III. 15. 16.
Die Hebräer. 195
Josaphat, dem König prophezeien zu können, muss sich Elisa durch
Musik anregen lassen: ,,Xun aber führet mir einen Harfenspieler
her! Und als der Harfenspieler spielte, kam auf ihn (Elisa) die
Hand des Herrn."1) David „sondert ab zum Dienste der Söhne
Assaph's und Heman's und Idithun's, die da weissagten auf
Cithern und Harfen und Zymbeln."2) Prophetenschulen gab
es zu Jerusalem, Bethel, Jericho, Gilgal und Najoth in Rama. Sie
verloren sich aber schon unter David's Regierung:.
Als der eigentliche Begründer der althebräischen National- und
Tempelmusik ist David anzusehen, unter welchem Israel, das sich
früher kaum seiner Feinde zu erwehren vermochte, plötzlich poli-
tische Bedeutung und Einfluss bekam, und dessen Hofhaltung mit
ihrer orientalischen Pracht und der glänzenden Gestalt des Königs
selbst einen bedeutenden Contrast gegen die noch sehr alterthümlich
einfache Königswirthschaft seines Vorgängers Saul zu Gilgal bildet.
David war, wie wir in unserer Sprache sagen würden, ein sehr be-
deutendes Dichtertalent, und nach altorientalischer Weise sprach
sich dieses Talent in der Doppelrichtung der Poesie und Musik aus.
Der junge Hirt wird mit seinem Saitenspiele, seinem Gesänge an
Saul's Hof berufen, um die schwermüthige Verbitterung im Gemüthe
des Königs zu verscheuchen : „da sprachen die Knechte Saul's zu
ihm: siehe, es plaget Dich ein böser Geist von Gott! Es gebiete
unser Herr, und Deine Knechte, so vor Dir sind, werden einen
Mann suchen, kundig des Harfenspieles, dass er spiele mit seiner
Hand und Dir's leichter werde, wenn der böse Geist vom Herrn
Dich ergriffen hat. Und so oft nun der böse Geist vom
Herrn über Saul fiel, nahm David die Harfe und schlug darauf mit
seiner Hand, und Saul ward erquicket, dass es ihm leichter ward,
denn der böse Geist wich von ihm."3) Es ist sehr eigen und merk-
würdig, wie die Wunderwirkungen der Musik, von denen Sagen
und Mythen der meisten alten Völker zu melden wissen, bei den
Hebräern einen theosophischen Charakter annehmen. Die Musik
des Quei, des Maheda, des Orpheus bezwingt wilde Thiere, aber
die Musik David's bezwingt Dämonen, vor Amphion's Leyer bauen
sich Thebens Mauern auf, Arion's Gesang lockt den rettenden
1) Diese mystischen Wirkungen der Musik kommen auch wohl noch in
anderer Art vor, z. B. wenn der böse Geist, von dem Saul gequält wird, vor
David's Harfenspiele weicht. P. de Bretagne, der Verfasser des IT IS in
München gedruckten Büchleins „de excellcntia musicae antiquae Hebraeorum"
zahlt zu den besondern Wirkungen althebräischer Musik auch den Einsturz
der Mauern von Jericho — „at ex omni parte mhaculosa fuit destrnetio
mtirorum Jerichuntis." Warum nicht? Wird doch von den Schriftstellern jener
Pedantenzeit das Entgegengesetzte, der Aufbau der Mauern (von Theben)
durch Amphion's Laute unter den wunderbaren Wirkungen griechischer Musik
aufgezählt.
2) I. Chron. XXV. 1.
3) I. Sam. XVI. 15. 16. 23.
13*
196 Die Musik der antiken Welt.
Delphin herbei; aber die Musik des hebräischen Harfners bewirkt,
dass sich göttlicher Wahrsagegeist auf Elisa herabsenkt. — Der un-
geheure Unterschied zwischen dem Volke, durch das alle Völker
gesegnet werden sollten, mit ihrer erhabenen Gotteslehre und ihren
in den Taumel orgiastischer Naturculte versunkenen Nachbarvölkern
tritt auch hier hervor. Während die Musik bei den Phönikern,
Phrygern nur als pathologisch wirkendes Reiz- und Aufregungs-
mittel verwendet wird, die blos physiologische Wirkung des Tones,
ja der dynamischen Tonstärke in Betracht kommt, und die Musik
nur insofern Macht über die Gemüther äussert, als sie selbst ein
Bestandtheil jenes grossen Naturlebens ist, in dessen gewaltigen
Strömungen jene Völker unwiderstehlich fortgerissen und ver-
senkt wurden, wird die Musik bei den Hebräern zur musica sacra,
zur Verbindungsbrücke zwischen der Menschheit und der über der
Natur stehenden Geisterwelt, sie wird Trägerin des Gebetes und
bringt als gnadenvolles Gegengeschenk vom Gotte Abraham's, Isaak's
und Israel's prophetische Erleuchtung, Segen des Landes und seiner
Früchte, wunderbaren Sieg über die Feinde. Bei dieser ausschliessen-
den Richtung hebräischer Musik kommt es gar nicht in Betracht,
ob sie den Standpunkt einer Kunst, einer Darstellung des Schönen
durch Töne, eingenommen, wie später bei den Griechen. Sie ist
Gottesdienst, nicht Kunst, und nicht die Aesthetik, sondern die
Religion hat ihren Werth zu bestimmen. Es ist sogar zu vermuthen,
dass trotz aller Träume der Autoren aus dem theologischen Säculum
über die unbeschreibliche Herrlichkeit Davidischer und Salomonischer
Musik, sie im wesentlichen als Tonkunst kaum entwickelter war,
als die übrige Musik des Orients; wenigstens lassen die Nachrichten
über diese Chöre von Harfen, Trompeten u. s. w. schon nach dem
äussern Apparate dieser Musik nicht gerade auf etwas künstlerisch
Bedeutendes schliessen. So erscheint auch der Tempel Salomo's,
auf dessen biblische Beschreibung die Ausgrabungen in Ninive, die
Ruinen von Persepolis u. s. w. in neuester Zeit viel Licht geworfen
haben, als echt orientalischer, mehr prächtiger und luxuriöser als
eigentlich schöner Bau, wie es z. B. der dorische Tempel war. Mit
der Musik mag es das Gleiche gewesen sein. Sie ist nicht die Kunst
des alten Bundes, nicht die eigentliche Kunst der antiken Welt, sie
konnte sich ihrem tiefsten Wesen nach erst in der christlichen
Welt entwickeln und dort erst zu dem Range emporsteigen, der sie
ihren älteren Schwestern gleichstellt. Wie in so viel Anderem, ist es
auch bei ihr. Wir werden gleich in den Anfängen der christlichen
Zeiten die Elemente .aus Palästina und aus Hellas wie zwei Ströme
zusammen- und ineinanderfliessen sehen. Von der musica sacra
der Hebräer holte sich die Musik des Christentlnnns die Heiligung,
von der Tonkunst der Griechen holte sie sich Form, Gestalt und
Schönheit.
David also war, wie gesagt, der eigentliche Gründer hebräischer
Die Hebräer. 197
Musik. In der Seele des Hirtenknaben , wenn er Nachts auf den
Feldern von Bethlehem seine Heerden hütete, mögen sich die An-
regungen zu Gesängen gesammelt haben, wie: „die Himmel erzählen
die Ehre Gottes, und seiner Hände Werk zeigt an das Firmament",
oder „der Herr leitet mich , nichts wird mir fehlen , auf einem Weide-
platze hat er mich gelagert, am Wasser der Erquickung mich er-
zogen", oder das Bild des tugendhaften Mannes, „der gleich ist dem
Baume, gepflanzt an Wasserbächen und bringt Früchte zu seiner
Zeit." Wenn der einsame Hirtenknabe die Karavanen der Wall-
fahrenden zur Lade des Bundes an sich vorbeiziehen sah, dann
seufzte er: „Ich möchte hinziehen mit dem Haufen, zum Orte des
wunderbaren Zeltes, zum Hause Gottes", und ihn ergriff tiefe
schmerzliche Sehnsucht, dass seine Seele war „wie der Hirsch, der
nach frischem Wasser schreiet." Was ihn bewegte, das sang er in
die Töne seiner Harfe. Als König Saul und David's Freund Jonathan
in der Schlacht gefallen, beweinte er die Helden in dem rührenden
Klagegesang: „Deine Zier, o Israel, auf deinen Höhen ist sie er-
schlagen, ach wie fielen die Helden! Sagt es nicht in Gat, ver-
kündet es nicht in Askalon's Strassen, damit sich nicht freuen der
Philister Töchter! Ihr Berge Gilboa's, nicht Thau, nicht Regen falle
auf euch, denn dorthin ward geworfen der Schild der Helden, der
Schild des Saul! Ach, wie fielen die Helden inmitten des Kampfes!
Jonathan, auf deinen Höhen ist er erschlagen, mir ist weh um dich,
Jonathan, mein Bruder, lieb warst du mir sehr, lieber denn Frauen-
liebe! ach, wie fielen die Helden!" Zu dem refrainartig wieder-
kehrenden „ach, wie fielen die Helden!" mochte wohl stets eine
gleiche Melodiewendung wiederkehren. Als David, der Dichter
und Sänger, den Königsthron bestiegen, ist es natürlich, dass er
seine geliebte Kunst, die ihm so oft in Freude und Leid ihre Klänge
geliehen, nach wie vor in Ehren hielt und gewohnt, Alles was ihn
bewegte, in solcher Weise im Drange der augenblicklichen An-
regung auszusprechen , war es so ganz natürlich , dass er selbst
singend und tanzend voranzog, als er „die Lade Gottes" das National-
heiligthum, „heraufführte vom Hause Obed Edom's mit Freuden in
die Stadt David's."1) Dieses Fest der Uebertragung war zugleich
(Ins Stiftungsfest der Tempelmusik: „und David sprach zu den
Fürsten der Leviten, dass sie aus ihren Brüdern Sänger bestelleten
mit musikalischen Instrumenten, mit Harfen, Beyern und Zymbeln,
damit hoch ertöne der Klang der Freude. „Und ganz Israel begleitete
die Lade des Bundes des Herrn in Jubel und Posaunenschall und
mit Trompeten und mit Zymbeln und mit Harfen und mit Cythern
dazu klingend."2) Und so wurden die „Sänger Heman, Assaph
und Hethan bestellt mit hellklingenden ehernen Zymbeln; Sacharja
1) IL Sam. VI. 12.
2) II. Chron. XV. 16. 28.
198 Die Musik der antiken Welt.
aber und Oziel und Semiramoth und Jehiel und Ani und Eliab und
Maasias und Benaja mit Psaltern nachzusingen, und Mathathias und
Eliphalu, Mikneja, Obededom und Jehiel und Asasia mit acht-
saitigen Harfen vorzusingen", Chenenias aber, ein Fürst der Leviten,
war über die beilige Sangweise, die Melodie vorzusingen, denn er
war sehr verständig, „und Sebenias und Josapbat und Nathanael und
Amasasi, Sacharja, Benaja und Elieser, die Priester, bliesen mit
Trompeten vor der Lade Gottes." Als die Lade an ihrem Orte war.
bestellte David „Assaph den Obersten und nach ihm Zacharja und
Jahiel und Semiramoth und Jehiel und Mathathias und Eljab und
Benaja und Obededom, Jehiel über die Harfeninstrumente und
Lyren, Assaph aber mit den Zymbeln zu tönen, und Benaja und
Jaziel die Priester, um in die Trompete zu stossen allezeit vor der
Lade des Bundes des Herrn. An demselben Tage setzte David zum
Obersten Assaph und seine Brüder, den Herrn zu preisen." ') Die
Art der Musik bei Abholung der Bundeslade ist in der kurzen, fast
nur Namen enthaltenden Schilderung der Chronica doch deutlich
genug bezeichnet. Chenenias (Chenanja) war Vorsänger, der die
Melodien des Gesanges angab und das Ganze leitete; die Harfner
sangen ihm nach, die Psalterspieler fielen als Eipienisten ein, und
Hessen die Melodie ein drittes Mal ertönen. Heman, Assaph und
Hethan aber hielten die Masse mit rhythmisch gemessenen Zymbel-
schlägen im Takte und beisammen. Die Trompeter (die abgesondert
genannt werden) bildeten ein besonderes, und zwar höher geach-
tetes Chor, es sind nicht Leviten, sondern Priester, welche vor der
Lade des Herrn in die Trompete stossen. Sie wirkten beim Gesänge
und Spiel der Leviten nicht mit, sondern mochten in den Pausen
und Absätzen der Levitenmusik mit dem Schmetterklange ihrer In-
strumente einfallen. Der König selbst aber zog voran, gleichsam
als Protagonist und ergoss sich nach Phapsodenweise in begeisterten,
improvisirten Hymnen, die er sich mit der Harfe selbst begleitete;
während die Chöre der Sänger und die Trompeten mit ihm abwech-
selnd sich hören Hessen.2) Mag die Musik wie immer gewesen
sein, selbst die blosse Beschreibung dieser Anordnung lässt das
Feierliche, festlich Jubelvolle des Aufzuges deutlich erkennen.
Die geringe Zahl von zwölf Musikern für die Bundeslade genügte
bald dem Könige so wenig, als ihr vorläufiger Aufstellungsort.
„Siehe," sprach er zum Propheten Nathan, „ich wohne in einem
( ledernhause und die Lade des Bundes des Herrn ist unter einem
Zelte." Er fasste den Plan des Tempelbaues.3) Die Vorberei-
tungen in Baumaterial u. s. w. wurden getroffen, und das Personal
für den Tempeldienst sehr zahlreich bestellt; so auch „viertausend
0 I. Chron. XVI.
2) Pindar's Epinikien winden in ähnlicher Weise vorgetragen.
3) A. a. 0. XVII. 1.
Die Hebräer. 199
Lobsänger des Herrn mit Saiteiispielen, und David und die Obersten
des Heeres sonderten ab zum Dienste die Söhne Assaph's und
Heman's und Idithun's, die da weissagten auf Cythern und Harfen
und Cymbeln, auf dass sie nacb ihrer Zahl dieneten in dem ihnen
übertragenen Amte. Von den Söhnen Assaph's : Zacchur und Joseph
und Nathanja und Asarela, die Söhne Assaph's, unter der Hand
Assaph's, der da weissagte bei dem Könige. Von Idithun ') die
Söhne Idithun's: Godolias, Sori, Jesaias und Hasabias und Mathathias,
sechs, unter der Hand ihres Vaters Idithun, der auf der Harfe
weissagete vor Denen, welche Dank und Lob sagen dem Herrn.
Und von Heman die Söhne Heman's: Bukja, Mathanja, Usiel, Sebuel,
Jerimoth, Hauanja, Hanani, Eljatha, Gedalthi, Komamthi-Eser,
Jasbekasa, Mallothi, Hothir und Mahesioth. Alle diese waren
Söhne Heman's, der da Seher war mit Worten Gottes vor dem
Könige, das Hörn zu erheben, und Gott gab Heman vierzehn Söhne
und drei Töchter. Alle waren vertheilet unter der Hand ihres Vaters,
um zu singen im Tempel des Herrn mit Cymbeln und Harfen und
Cythern im Dienste des Hauses des Herrn bei dem Könige, nämlich
unter Assaph und Idithun und Heman. Es war aber ihre Zahl sammt
ihren Brüdern, so im Gesänge des Herrn unterrichteten, allesammt
Meister, zwei Hundert und acht und achtzig. Und sie warfen das
Loos über ihre Abwechslung im Amte, ebenso der Hohe wie der
Geringe, der Lehrer wie der Schüler."2) Diese hebräische Tempel-
musik unterscheidet sich von der gleichzeitigen ägyptischen durch
den wesentlichen Umstand, dass die Musik damals in Aegypten be-
reits durchgängig von Frauenzimmern betrieben wurde, während in
Jerusalem nur Männer dazu berufen waren, denn die drei Töchter
Heman's, deren Namen nicht einmal genannt sind, werden offenbar
unter dieser Schaar von Männern nur im Sinne einer Familiennotiz
erwähnt. Dagegen ist anderwärts die Mahnung an Aegyptisches
sehr stark. Wenn es z. B. im 68. Psalm heisst: „voran gehen die
Fürsten, sich anschliessend den Sängern, in der Mitte der pauken-
schlagenden Jungfrauen", so findet man die Illustration dazu, einen
Chor zierlicher Handpaukenschlägerinnen in einem thebanischen
Grabe.3) Man sieht aus dieser Psalmenstelle, dass bei festlichen
Aufzügen Jungfrauen in solcher Art mitwirkten, und die alte orien-
talische Sitte durch David's musikalische Institutionen und Reformen
nicht beseitigt worden war. Wenn auch bei der Tempelmusik die
Frauen und Töchter der Leviten nicht mitwirkten (sonst würden die
bildischen Urkunden es sicher und anders erwähnen, als jene flüch-
tige Notiz von den drei Töchtern Heman's lautet), so gehörten doch
1) Quem multi cum Orpheo confundunt — sagt P. Athanas Kircher.
Musarg. I. Bd. S. 56.
2) I. Chron. XXIII. 5: XXV. L— 8.
3) Rosellini, mon. civ.
200 Vie Musik der antiken Welt.
schon zu David's Hofstaat auch Sängerinnen, man hatte für Frauen-
stimmen den besonderen Ausdruck: „Alamoth", und wie jener
Aegypter Ata nicht hlos „Prophet" ist, sondern auch „das Herz
seines Herrn durch schönen Gesang erfreute", so dienten Sänger-
chöre dazu, den Sängerkönig selbst und seine Hofumgebung zu er-
heitern. Als David den hochbetagten Gileaditer Berzelai an seinen
Hof ziehen will, antwortete dieser ablehnend : „achtzig Jahre bin ich
heut, haben denn meine Sinne noch Kraft, das Süsse vom Bittern zu
unterscheiden, oder kann Speise und Trank noch deinen Knecht
erlustigen, oder kann ich noch hören den Gesang der Sänger
und Sängerinnen? Warum soll dein Knecht meinem Könige und
Herrn zur Last sein."1) Es ist dies um so weniger auffallend, als ja
auch David selbst an den einfacheren Hof Saul's gezogen worden war,
um als Sänger und Harfner den König zu erheitern.
Salomo, David's Sohn, tritt nun vollends als prachtliebender
orientalischer Fürst auf. Daneben dringt der Ruf seiner Weisheit
durch das ganze Morgenland, fremde Fürsten schliessen Bündnisse,
oder kommen, wie jene Königin von Saba, um ihm Spruchräthsel
aufzugeben und dafür seine Denk sprüche und sinnreichen Witzspiele
entgegenzunehmen. Handelsunternehmungen in ferne Länder wer-
den mit glücklichem Erfolge unternommen, die Flotten von Ezion
Geber bringen aus dem Lande Ophir die Schätze Indien's mit, Silber
wird vor der Menge Goldes gering gehalten, der Thron des Königs
ist ein Weltwunder, seine Gärten haben nicht ihres Gleichen. Leider
macht sich hier die orientalische Ueppigkeit auch in einem stark be-
setzten Harem geltend. Ein so glänzender Hof brauchte natürlich
seine Hofmusiker: „ich schaffte mir Sänger und Sängerinnen,
die Lust der Menschenkinder, Becher und Gefässe zum Wein-
schenken, ich übertraf an Gütern alle die in Jerusalem gewesen
sind, ich sah in Allem Eitelkeit."2) Man hat in der Dialogform des
Hohenliedes ein dramatisches Schäfergedicht finden wollen, das bei
Salomo's Vermählung mit der Tochter des Pharao von jenen Hof-
sängern wirklich als Singspiel aufgeführt worden sei.3) An sich ist
es gleich dem gewissermassen ähnlichen Idyll der Inder, „Gitago-
winda" des Jajadewa, einem Schäferspiele nicht unähnlich; wenig-
stens in diesem Geiste gedacht, und Palestrina hat den Dialog
jener lieblichen Dichtung als Wechselgesang für die Chöre gesetzt, zu
dem Liebender und Braut ganz gut dramatisch agiren könnten. Aber
Theater und dramatische Vorstellungen widerstrebten dem Sinne
der Hebräer zu sehr, als dass jene Annahme haltbar wäre. Herodes
erregte durch sein zu Jerusalem nach römischem Muster errichtetes
1 ) II. Sam. XIX. 35. Berzelai's ganze Antwort zeigt, dass hier nicht
von Tempel-, sondern von Hof- und Tafelmusik die Rede ist.
2) Pred. II. 8-11.
3) Forkel, Gesch. d. Musik, I. Bd. S. 122.
Die Hebräer. 201
•
Theater bei den Altgläubigen das grösste Aergerniss,1) und noch
die Talmudisten verabscheuen das Theater auf das Stärkste; so be-
zieht Rabbi Simeon ben Paki die Worte des ersten Psalmens „wohl
dem der nicht sitzt wo die Spötter sitzen" auf die Besucher des
Schauspielhauses.
Der von David angeregte Bau des Tempels wurde unter
Salomo vollendet, die Einweihung mit grosser Pracht gefeiert. Als
die Bundeslade in das Allerheiligste unter die Flügel der Cherubim
gesetzt worden und die Priester herausgegangen aus dem Heiligthum,
„da standen an der östlichen Seite des Altars die Leviten und die
Sänger, das ist: sowohl die unter Assaph waren, als die unter
lleinan und die unter Idithun, ihre Söhne und Brüder, bekleidet mit
feiner Leinwand, und spielten zusammen auf Zymbeln und Harfen
und Cythern, an der östlichen Seite des Altars stehend und hundert
und zwanzig Priester bei ihnen bliesen die Tronrpeten. Also stimmten
alle mit einander zusammen mit Gesang und Trompeten und Zymbeln
und Saitenspielen und Instrumenten allerlei Art , und erhoben hoch
ihre Stimme, dass weithin gehört ward der Schall."2) Der hier und
schon zu David's Zeit genannte Vorsteher Assaph war selbst ein be-
gabter Dichter, unter den Psalmen finden sich sehr schöne, die
seinen Namen tragen. Die Zeit David's und Salomo's war die
Blütezeit der hebräischen Tempelmusik.
Nach Salomo's Tode erfolgte der verhängnissvolle Bruch; die
Reiche Juda und Israel schieden sich. Zwischen die rivalisirenden
Grossmächte Assyrien und Aegypten („das zerbrochene Rohr, das
den in die Hand sticht, der sich darauf stützt") eingeklemmt, war
ihr Loos kein beneidenswerthes. Götzendienst, sinnlicher Cult der
Aschera riss ein, mühsam von den Propheten bekämpft. Die David-
Salomo'sche Tempelmusik gerieth in Verfall, der Restaurator Hiskia
war indessen bedacht, sie wieder herzustellen: „er bestellte auch
die Leviten im Hause des Herrn mit Zymbeln und Harfen und
Zithern, nach der Anordnung David's, des Königs, und Gad's, des
Sohnes, und Nathan's, des Propheten; denn es war des Herrn
Befehl durch die Hand seiner Propheten. Und die Leviten standen
und hielten die Saitenspiele David's, die Priester aber die Drom-
meten — und Hiskia und die Obersten geboten den Leviten,
den Herrn zu loben mit Worten David's und Assaph des Sehers, und
sie lobten ihn mit grosser Freude und beteten an gebogenen
Kniees."3) Später kamen wieder Perioden des Götzendienstes.
In diesen und den folgenden Zeiten wurde die Musik ihrem rein
priesterlichen Berufe mehr und mehr entfremdet, und diente auch
1) Josephus, Antiq. XV. 8.
2) II. Chron. V. 12. 13.
3) II. Chron. XXIX. 25—30.
202 Die Musik der antiken Welt.
«
oft und insgemein bei Mahl und Wein zur geselligen Erheiterung:
„wie ein Rubin in Gold leuchtet, so ziert Gesang das Mahl, wie
ein Smaragd in schönem Golde, zieren Lieder beim guten Wein", ruft
Sirach aus. Und anderwärts ermahnt er, man solle „die Musiker
nicht stören, wenn man Lieder singet, nicht darein reden, sondern
seine Weisheit für andere Zeit sparen."1) Indessen verlangte es die
löbliche fromme Sitte, dass die Tafelgesänge aus Dankpsalmen und
Lobliedern bestanden. Aber so altväterlich fromm scheint es doch
nicht immer hergegangen zu sein. Die Propheten zürnen und eifern.
„Wehe euch", ruft Jesais, „die ihr früh aufstehet, euch der Trunken-
heit zu ergeben, und spät bis in die Nacht trinket, dass ihr vom
Weine glühet! Harfen, Leiern, Pauken, Flöten und Wein sind bei
euern Gelagen, aber auf des Herrn Werk schauet ihr nicht und be-
trachtet die Werke seiner Hände nicht."2) Und Arnos: „sie schlafen
auf elfenbeinernen Betten und schwelgen auf ihren Lagern, essen
Lämmer von der Heerde und Kälber aus dem Mastvieh, singen zum
Klange der Harfe - und dünken sich mit ihrer Musik nicht ge-
ringer als David!"3) Auch Sirch hält es für nöthig zu warnen:
„hüte dich vor der Sängerin, dass sie dich nicht mit ihren Reizen
fange."4) Bei der Bestattung der Todten sang man besondere
Klagelieder: „und ganz .Juda und Jerusalem betrauerte ihn (Josias),
am meisten Jeremias, dessen Klagelieder über Josias die Sänger
und Sängerinnen alle wiederholen bis auf diesen Tag." 5)
Theologisirende Schriftsteller des vorigen Säculums können
von der Vortrefflichkeit der seit beinahe zwei Jahrtausenden ver-
schollenen hebräischen Musik nicht genug sagen, natürlich wissen
sie so wenig etwas davon als ein anderer.6) Die Melodien, nach
denen die Juden heutzutage ihre Psalmen singen, geben keinen
1) Sirach, XXXII. 7 — 9.
2) Jesaia, V. II. 12. Auch Hiob (XXI. 12) sagt: „sie halten Pauken
und Harfen und freuen sich beim Klange der Pfeifen".
3) Arnos, VI. 4. 5.
4) Sirach, IX. 4.
5) II. Chron. XXXV. 25.
6) Man sehe jene Abhandlung: De excellentia musicae antiquae Hebrae-
orum, wo es z. B. heisst: „Quid nobilius, quid Hebraeorum musica excellentius?
nulla antiquior — ad creationem mundi exurgit usque.Ci Die Hebräer haben
alle Instrumente erfunden : „profani multa habebant ex antiquis Hebraeorum
instrumenta, quorum tarnen fabulose ad suos tanquam ad deos retulerunt in-
ventores." Die Musik war sonder Zweifel wunderbar inspirirt: „quidni dicamus,
quod idem spiritus qui inspiravit canticum inspiravit et cantum?" Folglich Wal-
es eine mehr als menschliche Musik u. s. w. Die von einem Pastor Speidel (aus
Waiblingen in Schwaben) 1740 herausgegebene Schrift „unverwerfliche Spuren
der alten David'schen Singkunst u. s. w.", worin dieser wackere Mann von
hebräischen Pentachorden spricht (weil ja erst Guido von Arezzo das Hexachord
erfunden habe!) ja, noch mehr, einen ganzen Psalm in althebräischem Geschmacke
mit Diskant-, Alt-, Tenor- und Basssoli componirte, verdiente wohl einen Platz
in dem von Lichtenberg für Bücher vorgeschlagenen Bedlam!
Die Hebräer. 203
Anhaltspunkt, weil die deutschen, italienischen, spanischen u. s. w.
Juden denselben Psalm nach untereinander völlig verschiedenen
"Weisen vortragen. Die Juden, so fest sie an dem Wesentlichen
ihrer Nationalität und ihres Glaubens von jeher hielten, schliessen
sich in allem Uebrigen mit wunderbarer Elasticität den Völkern an,
unter denen sie seit ihrer Zerstreuung wohnen, sie bauten z. B. ihre
Svnaeogen im erothischen, maurischen ') u. s. w. landesüblichen
Style, ohne etwa architectonische Reminiscenzen aus Palästina eigen-
sinnig festzuhalten. So mag auch auf ihren Gesang die übrige
Musik des Landes nicht ohne Einfluss geblieben sein. Der beson-
dere Umstand, z. B. dass die spanischen Juden ihren Gesang zwi-
schen unseru Intervallen so auf- und abziehen, dass man ihn mit
unsern Noten gar nicht darstellen kann, mag vielleicht von der ara-
bisch-maurischen Musik mit ihren* Dritteltönen herrühren. Freilich
singen auch die italienischen Juden in dieser Weise. Die deutschen
Juden dagegen singen in "Weisen, die eine Verwandtschaft mit dem
gregorianischen Choral haben und mitunter erhaben heissen dürften,
wenn der Vortrag ruhiger, weniger bunt wäre. Dass die alten
Hebräer eigene, von den fremdländischen wohl unterschiedene
Weisen hatten, zeigt die Aufforderung der Babylonier an die Ge-
fangenen ..singet uns ein Lied von Zion", und deren Antwort, „wie
soll ich doch singen des Herrn Gesang in fremdem Lander1""2)
Manche Psalmenüberschriften scheinen auf bekannte Melodien, nach
denen der Psalm gesungen wurde, hinzudeuten, z.B. beim öli. Psalm
„von der stummen Taube, unter den Fremden", eine Bezeichnung,
die mit dem Inhalte des Psalmens selbst in gar keinem Zusammen-
bange steht. 3) Wenn Clemens von Alexandrien die hebräischen
Gesänge als der dorischen Tonart angehörig und als spondäisch
bezeichnet4), so ist das nur ein anderer Ausdruck für ernst und feier-
lich — in demselben Sinne wie etwa wir sagen würden : choral-
mässig. Aus der Bezeichnung des 6. Psalmes super oetavam fol-
gert der Erklärer Aben Esra eine Melodie von acht Tönen5), wo-
gegen der Rabbi Salomon Jarchi diese Bezeichnung nur auf die
Begleitung eines Octochords, eines achtsaitigen Instrumentes be-
zieht. Eine bemerkenswerthe Sache ist die Zusammenstellung der
Alamoth mit den Scheminith, d. i. der Jungfrauenstimmen in der
Octave mit den tiefern Männerstimmen. Es ist dieses freilich nichts
Anderes als die einfache Verdoppelung der Melodie in der Octave,
1) Die gothische Synagoge zu Prag, die (ehemalige) maurische in der
Judia zu Toledo u. s. w.
2) Psalm 136.
3) Forkel, Gesch. d. Musik, I. Bd. S. 141. Auch Ps. 21 pro cerva matutina.
4) Strom. VI.
5) Gerbert (de cantu. , I. S. 5.) meint hiernach auf den Besitz der dia-
tonischen Scala schliessen zu können , ohne jedoch diese Vermuthung in apo-
diktischer Weise auszusprechen.
204 Die Musik der antiken Welt.
gleichwohl hielt der Orient diese Art von Gesang für etwas Eigen-
thümliches. — Wir werden diese Manier unter dem Namen der
Magadisation und jenes zum Spiele in Octaven eigens eingerichtete
Saiteninstrument, die Magadis, aus dem Orient nach Griechenland
herüberkommen sehen.
"Wie die orientalischen Völker überhaupt, so besassen auch die
Hebräer einen reichen Apparat an Musikinstrumenten, deren Namen
wir theils aus den Büchern des alten Testaments, theils aus rabbi-
nischen Schriften kennen, und die für die Schriftsteller des 17. und
18. Jahrhunderts ein um so weiteres Feld tiefgelehrter Unter-
suchungen gewährt haben, je weniger ihre eigentliche Beschaffen-
heit sicherzustellen ist und je schroffere Widersprüche sich in den
alten Nachrichten darüber finden. Diese Widersprüche sind nur
dadurch erklärlich, dass die alten Schriftsteller, welche meist diese
Tonwerkzeuge nicht in der Intention einer Instrumentenkunde, son-
dern beiher nennen, im Ausdrucke so wenig genau sind. Aehnliche
Ungenauigkeit und Willkühr im Gebrauche der Namen herrscht,
was die griechischen Instrumente betrifft, bei den griechischen und
römischen Autoren. Selbst noch die mittelalterlichen Berichter-
statter werfen die Namen der zu ihrer Zeit gebräuchlich gewesenen
musikalischen Instrumente auf das Willkührlichste durcheinander,
und noch heutzutage wenden wir ja z. B. oft ganz beliebig die Be-
nennungen Ciavier und Pianoforte synonym an. Ferner wurde
augenscheinlich der Name älterer Instrumente auf verwandte, aber
doch wesentlich verschiedene im täglichen Sprachgebrauche übertra-
gen : daher kommt es denn, dass z. B. nach dem Schilte-Haggiborim
das Nebel mit seinem weinschlauehartigen, also runden Körper und
seinem „Halse" eine Art von Laute, nach den Nachrichten der
Kirchenväter dagegen ein dem heutigen arabischen Kanun, dem
Santur u. dgl. ganz verwandtes quadratisches Instrument sein soll,
lediglich Folge einer Namensmetastase. ')
Man darf, wenn man sich auf Untersuchungen über hebräische
Instrumente einlässt, diese Punkte nie attsser Acht lassen; ferner
muss man insbesondere gegen die Nachrichten späterer jüdischer
Schriftsteller, die in die Antiquitäten ihres Volkes überall Wunder
und Zeichen hineinbringen möchten, misstrauische Kritik üben, wie
denn z. B. Calmet in der langen Liste der 36 hebräischen Instru-
mente, welche nach dem Schilte-Haggiborim zu David's und Salo-
rao's Zeiten üblich waren, vierzehn als entschieden falsch nachge-
wiesen hat.
1 ) Der Verfasser des Briefes an Dardanus (angeblich der heil. Hierony-
mus) erklart Nebel für einerlei mit dem Psalter: „psalterum, qnod hebraiee
miblum, graece autem psalterium, latine laudatorium dicitur etc." Jenes dem
arabischen Kanun nachgebildete mittelalterliche Instrument hiess in der That
Psalter, und das daraus entstandene Hackbrett wird im Italienischen noch
jetzt salterio tedesco, deutsches Psalter genannt.
Die Hebräer. 205
Die Ehre, Erfinder der Musikinstrumente zu sein, muss man
den Hebräern freilich absprechen. Lange vor Abraham hatte Aegyp-
ten seine Harten, Lauten, Flöten u. s. w. und besassen die Aamu
die Lyra. Das im Hebräischen für die Harfe übliche phönikische
Wort „Kinnor" deutet den Weg, den dieses Instrument von Aegypten
über Phönikien nach Palästina genommen, deutlich an. Das Kinnor
wird schon in der Genesis als Erfindung Jubal's, jedoch nur im All-
gemeinen als Repräsentant der Saiteninstrumente genannt, wie die
Zusammenstellung „Kinnor und Ugabh" (Harfen und Pfeifen) deut-
lieh zeigt. Das Instrument, welches David vorSaul spielt,1) welches
die trauernden Juden an die Weiden Babylons hängen2), ist das
Kinnor. Hier drängt sich sogleich das Bild jener leicht tragbaren,
leicht aufzuhängenden dreieckigen Harfen auf,3) wie sie etwa zwei
Jahrhunderte vor dem Auszuge Israels in Aegypten gebräuchlich
wurden, auch den Assyriern eigen waren, und unter dem die Ge-
stalt deutlich bezeichnenden Namen Trigonon, „Dreieck", vermuthlich
von dem phönikischen Kypern, von Kition und Hamath, nach
Griechenland kamen. Josephus nennt das Instrument xiviqa und
sagt: es sei mit einem Piektrum gespielt worden,4) womit die schon
erwähnte Abbildung eines ähnlichen assyrischen Instrumentes sehr
gut zusammenstimmt. Der h. Hieronymus nennt es, ungenau,
Cithara ^ und sagt: es gleiche an Gestalt einem Delta 4 und sei
mit 24 Saiten bezogen.5) Dieser bedeutenden Saitenzahl nach kann
diese sogenannte Cithara nur die Harfe sein. Die eigentliche Cithara
heisst im 91. Psalm Vers 4 : „Hasur" und wird dort mit demNablum
zusammen genannt, ist also etwas von Letzterem Verschiedenes.
Auch das Buch der Makkabäer6) unterscheidet Nablum, Cithara
und Harfe. Die Cithara war im Wesentlichen die griechische Lyra
mit dem schildkrötenförmigen Resonanzkörper, wie aus einer vom
h. Augustin zum 149. Psalm gegebenen Erklärung deutlich wird,7)
kann also mit jenem vom h. Hieronymus als deltaförmig bezeichneten,
1) I. Kön. 16.
2) Ps. CXXXVI.
3) David hatte nach dem Schilte-Haggiborim die Gewohnheit sein Kinnor
neben seinem Bette aufzuhängen, wo dann die Nachts durchstreifende Luft es
gleich einer Aeolsharfe ertönen machte.
4) Antiq. Jud. , VII. 10.
5) Cithara quoque de qua in XL1I. psalmo scriptum est „confitcbor tibi in
cithara" propriae consuetudinis apud Hebraeos est quum cum cordis XXIV. in
modum lJeltae literae, sicut peritissimi tradunt, componitur (ad Dardanum).
6) I. Maccab. XIII. 51.
7) Cithara lignum concavum tamquam tympano pendente testudine, cui
ligno chordae innituntur, ut tactae resonent, non pleetrum dico, sed lignum
illud dixi convacum cui superjacent, cui quodanimodo incumbunt ut ex illo
cum tanguntur tremefactae et ex illa concavitate sonum concipientes magis
canorae reddantur, hoc ergo lignum cithara in inferiore parte habet, psalterium
in superiore.
206 Die Musik der antiken Welt.
von ihm auch Cithara genannten Instrumente, nicht ein und das-
selbe sein. St. Augustin setzt den Unterschied zwischen der Cithara
und dein Psalter darein, dass jene den Sehallkörper unten, dieses
ihn oben habe. Uebereinstimmend sagt der h. Hieronymus : der
Unterschied zwischen Psalter und Cithara bestehe darin, dass das
Psalter oben, die Cithara unten geschlagen werde. ') Dass der Re-
sonanzkörper am Psalter oben angebracht war, würde mit den drei-
eckigen assyrischen Harfen und der gleichfalls dreieckigen Harfe, die
Ptah im Tempel zu Dakkeh spielt, übereinstimmen, da bei diesen
Istrumenten der Schallkasten wirklich oberhalb der Saiten ange-
bracht ist.2) Aber das Psalter war, wie Hieronymus ausdrücklich
bemerkt, viereckig, er findet in den vier Ecken ein Sinnbild der
vier Evangelien, so wie in den 10 Saiten ein Symbol der 10 Ge-
bote. 3) Die vom h. Hieronymus erwähnte gewöhnliche Bezeich-
nung des Psalters als „Polyphtongon" (Vielklang) scheint auf eine
reichere Ausstattung besser zu passen. Varro nennt es „ortho-
psallium", ein gerade aufgestellt zu spielendes Instrument. So spielt
es auf Orcagna's Gemälde im Campo santo zu Pisa wirklich jene
Dame, und es war wohl das alte Psalter schwerlich, wie man es im
Mittelalter der Schilderung des h. Hieronymus zu Liebe abbildete,4)
ein blosser quadratischer mit zehn Saiten bespannter kleiner Rahmen
1) Inter psalterium et citharam hoc interest: cithara deorsum percutitur,
ceterum psalterium seorsum percutitur. Quod verbo vulgari dicitnr poly-
phtonjjon hoc est ergo psalterium.
2) In dem Passionale der Aebtissin Kunigunde von St. Georg in Prag
(jetzt in der dortigen Universitätsbibliothek) sieht man unter den Malereien
einen Engel eine Art verkehrter Lyra, den Schallkörper oben, spielen. Da
dieses Instrument sonst nicht vorkommt und das Manuscript erst dem 13. Jahr-
hundert angehört, so darf man diese Darstellung wohl nur als eine Phantasie
des Malers ansehen.
3) Epist. ad Dardanum.
4) Abbildungen solcher Instrumente finden sich in dem St. Emmeraner
Codex, aus dem 10. Jahrhundert, dabei aber auch ein Instrument, in Gestalt
eines gleichseitigen Dreiecks, mit 10 Saiten und der Beischrift „alii psalterium
sie pingunt in modum Deltae litterae"; und ein ganz ähnliches mit 24 Saiten:
cithara ut Hieronymo dicitur in modum deltae litterae cum XXIV cordis.
Eine andere „cithara seeundum quosdam" gleicht einem grossen lateinischen D,
und ist mit 10 Saiten bezogen. Nachbildungen enthielt der aus dem 12. Jahr-
hundert stammende Codex von St. Blasien , bei dem quadratischen Psalterium ist
die Erklärung beigesetzt „psalterium decachordum in modum clypei quadrati".
Vergl. Gerbert's De cantu etc., II. Tbl. Tai". 23, 29 und 30. Natürlich haben
diese einer mittelalterlichen Mönchsphantasie entsprungenen Gebilde keinen
historischen Werth. Auch die bei Kircher (Musurgia, I. Thl. S.48) vorkommen-
den, bei Forkel und sonst copirten Abbildungen hebräischer Instrumente müssen
wohl in das Gebiet der Phantasiegeschöpfe verwiesen werden. Aehnliche Phan-
tome spuken übrigens schon einige Saecula lang herum. Man vergleiche die ent-
sprechenden Bilder bei Virdung (1511), der, wie erzählt, die „instrumenta
Ilieronymi" gesehen hat „in ainem grossen hergamen buch", das sein „mai-
ster sälige Johannes de Zusato, Doctor der artzeney selb componiert und
geschrieben hat." Aus Virdung nahm sie Prätorius u. s. w.
Die Hebräer. 207
(ohne Resonanzkörper, dessen Klang folglich nur sehr dünn, trocken
und armselig sein könnte) '), sondern jenes aus Assyrien stammende,
aus einem mit zahlreichen Saiten bespannten, viereckigen Schall-
kasten bestehende Instrument, welches den Griechen in den Spiel-
arten Magadis und Epigonion bekannt war, als Kanun und Santur
noch jetzt zum orientalischen, insbesondere arabischen Musikinventar
gehört, als „Psalter" bis in's 15. Jahrhundert ein vorzügliches In-
strument des damaligen Orchesters bildete, mit Hämmerchen ge-
schlagen (statt mit den Fingern gerührt) noch jetzt bei herumziehen-
den musizirenden Bergleuten und bei den Ziegeunern in Ungarn als
„Hackbrett, Zimbal u. s. w." nicht ganz verschollen ist. Die Be-
schreibung im Dardanusbriefe, das Psalter gleiche einem vier-
eckigen, mit zehn Saiten bespannten Schild, würde damit recht
wohl zusammen stimmen. Hilarius versichert, es sei eines und das-
selbe mit dem Nebel. Da finde sich freilich zurecht wer da mag
und kann. Dürfte man dem Schilte-Haggiborim und dem talmu-
dischen Buche Aruchin unbedingt glauben, so hätten die Hebräer
in ihrem „Minnim" das Ciavier, und in ihrem „Neghinoth" die Violine
besessen. Jenes Neghinoth war mit drei Saiten bezogen, und soll
mit einem Bogen von Rosshaar gestrichen worden sein. Diese
Nachricht des Aruchin und Schilte-Haggiborim ist aber um so un-
verlässlicher, als sich dasselbe Instrument unter dem Namen Tri-
chordon auch im Besitze der Griechen, und als trifidium auch im
Besitze der Römer befunden haben soll. Die Schrifsteller und bild-
lichen Denkmale beider Völker enthalten aber nicht die mindeste
Andeutung über ein mit dem Bogen gespieltes Musikinstrument.
Auch das sogenannte Minnim2) soll eine kleine, mit dem Bogen
gespielte Geige gewesen sein. Nach dem Schilte-Haggiborim gar
ein schmaler länglicher, mit Stahlsaiten bezogener Kasten, dessen
Saiten an eisernen Wirbeln gestimmt und durch Tasten, an welchen
Gänsefedern befestigt waren, gespielt wurden. Dieses Minnim
kommt blos im 150. Psalm, Vers 4, vor: „lobet den Herrn mit
Pauken und Chören, lobet ihn mit Minnim und Pfeifen." Es scheint
hier für „Saiteninstrument" überhaupt gebraucht zu sein.
Nach dem Schilte-Haggiborim gab es ein Instrument Schal i-
schim das von Holz verfertigt, mit drei Darmsaiten bezogen
war, und — wie das Schilte-Haggiborim vorsichtig sagt — viel-
leicht mit einem Rosshaarbogen gestrichen wurde. Bartolocci
erklärt Schalischim für den gemeinsamen Namen aller dreisaitigen
Instrumente.3)
Eben so unsicher ist die Beschaffenheit des sogenannten
1) Wenn es nicht vielleicht doch ein nur unperspectivisch gezeichneter
Schallkasten ist.
2) In Kircher's Musurgie, I. S. 48, als sechssaitige Laute abgebildet.
3) De mus. instr. Hebr. in Ugolini Thes. vol. XXXII. Seite 470.
208 Die Musik der antiken Welt.
Machol. Kircher Lüdet es ohne Weiteres als Viola oder Gnitarre
ab1): Bartolocci erklärt, es sei gar kein Instrument gewesen, sondern
bedeute so viel als Chor-). Das Buch Schilte-Haggiborim beschreibt
es als einen drei Finger breiten Keifen von Metall, zuweilen sogar
von Gold oder Silber, innen mit kleinen Glöckchen behängen.
Eine Abart des Nebel wird unter dem Namen Asor oder
Nebel-Nassor erwähnt, es soll ein länglich viereckiges, mit zehn
Saiten bespanntes Psalter gewesen und mit einer Feder gespielt
wurden sein.3)
Bei dem Mangel verlässlicher Abbildungen und beglaubter
Beschreibungen bleibt es eitle Mühe, über diese Instrumente in's
Klare kommen zu wollen. Kein stärkerer Beweis, wie ungenau es
selbst die gleichzeitigen Israeliten mit den Bezeichnungen nahmen,
als dass die siebenzig Dolmetscher das Wort Kinnor bald xi&oqoi,
bald y.nvQu, bald ogyarov, bald ipcJ.Trßiov übersetzen.
Diese Cythern, Psalter und Harfen waren die eigentlichen
edelu, gottesdienstlicben Instrumente, wenn wir gleich in den Psal-
men die Aufforderung lesen, den Herrn mit „Pauken" oder mit
„Pfeifen" zu preisen.4) Den Kinnorspielern David's stand Assaph,
den Nebelspielern Idithun vor. Nach Josephus bestanden die
Cithara und Psalter im Tempel aus Electron.5) Unter Electron
verstanden die Alten bald Bernstein, bald eine Metallcomposition
von Gold und Silber. Von ersterem kann hier keine Rede sein,
letzteres ist höchst unwahrscheinlich. Salomo liess solche Instrumente
für den Tempel aus dem wohlriechenden Sandelholze verfertigen,
welches seine Ophirfahrer mitgebracht.6)
Zur festlichen Musik wurden die Instrumente mannigfach zu-
sammengestellt. Nach dem Mischna war die gewöhnliche Zahl der
Sänger und Instrumentenspieler je zwölf, die geringste Zahl der
Harfen neun , wozu zwei Nebel kamen , bei grossen Festen wurde
die Zahl der Harfen beliebig; vermehrt und durch sechs Nebel be-
1) Musurgia, Tbl. 1. S. 48. „Cheli maiori, quam vulgo Viola Gamba
vocant haud absimile."
2) De mus. instr. Hebr. XXXII. S. 32.
3) Blanchinus, De trib. instr. generibus. S. 35.
4) Tacitus (hist. V. 5.) gedenkt der bebräischen Harfenmusik nicbt, sondern
der Pfeifen und Pauken: quia sacerdotes eorum tibia tympanisque eoncinebant
hedera vinciebantur, vitisque aurea templo reperta, Liberum patrem coli,
domitorem orientis, quidam arbitrati sunt, nequaquam congruentibus institutis,
quippe Liber festos laetosque ritus posuit — Judaeorum mos absurdes sordidus-
que. Zu vergleichen: Die curiose Abhandlung des Plutarch: zlq o tcuqu Iov-
Öaloiq 6eog. Plutarch erwähnt, dass sich die Juden bei ihren „Bacchusfesten"
kleiner Trompeten (oü/aiyZt [UXQaZq), wie die Argiver bedienen, wozu Levi-
ten auf Zithern spielen (xi!h<(>i'Zorr8g). Ueberaus ergötzlich parodirt Cardinal
"Wiseman diese Art Gelehrsamkeit in seiner Fabiola durch eine Abhandlung
des gelehrten Calpurnius über die Christen.
5) Antiq. VIII. 2.
6) II. Chron.
Die Hebräer. 209
gleitet. Hier fühlt man sieh wieder lebhaft an altägyptische Sitte
gemahnt. Nach dem Buche Erachin durften nie weniger als zwölf
Leviten auf der Singbühne stehen ; wohl aber mehr — „und ihre
Zahl kann vermehrt werden in alle Ewigkeit." Wenn aber Jo-
sephus (der freilich ein Jahrtausend nach Salomo schrieb) von
200000 Sängern, 40000 Harfen, 40000 Sistren und 200000
Trompeten, zusammen also von 480001 > Musikern spricht, so ist
wenigstens nicht abzusehen, wie diese Armee in einem Gebäude
von den keineswegs colossalen Dimensionen des Salomonischen
Tempels Raum finden konnte, und wenn der weise König bei dem
Geschmetter von 200000 Trompeten und dem Geklapper von
40000 Sistren nicht tanb wurde, so hat er ohne Zweifel stärkere
Gehörnerven gehabt als wir andern.
Unter den hebräischen Blasinstrumenten erscheinen zwei Flöten,
die grössere Nekabhim, die kleinere Chalil. Die Septuaginta
übersetzt Chalil mit avlog. Nach dem Gesänge Deborah's war die
Flöte in den alten Zeiten der Richter das Hirteninstrument.1) Wie
bei den Phönikern und den Griechen war aber auch bei den He-
bräern vorzugsweise die Flöte das elegische Instrument, das Instru-
ment der Klage und daher bei Leichenfeierlichkeiten im Gebrauche:
..Als Jesus in des Vorstehers Haus kam, und die Flötenspieler
und das lärmende Volk sah, sprach er: weichet, denn das Mägd-
lein ist nicht todt, sondern es schläft."2) Der Wittwer musste zum
Begräbniss der verstorbenen Gattin mindestens zwei Flötenbläser
miethen.3) In Aegypten vertraten ebenfalls, wie wir sahen, zu-
weilen Flöten die ganze Leichenmusik. Aber auch bei Hochzeiten
wurde die Flöte verwendet, die Talmudist en hatten ein Sprichwort:
..Flöten dienen entweder für eine Braut oder für einen Todten."4)
Die Worte Jesaias': „Da werdet ihr singen, wie in der geheiligten
lV^tesnacht, und euer Herz wird sich freuen, wie wenn man ginge
mit Flöten zum Berge des Herrn zu kommen"5) beweisen, dass es
auch gebräuchlich war, Festreisen zum Heiligthume unter Flöten-
klang zu machen.6) Vielleicht war es jene Sackpfeife, welche bei
den Kameltreibern im Orient noch jetzt gebräuchlich ist.
Ein anderes bei dem Propheten Daniel erwähntes, angeblich
flötenartiges Instrument ist die Maschrokita, welche der Ver-
fasser des Traktates de excellentia etc. für eine Doppelflöte
1) „Was" ruft die Prophetin dem Stamme Rüben zu. „seid ihr bei eueren
Heerden geblieben, die FJüte der Hirten zu hören?"
2) Matth. IX. 23.
3) Maimonides, Comment. in Mishnajoth, IV.
4) Forkel, Gesch. d. Musik, 1. Bd. S. 127.
5) Jesaias, XXX. 29. Eine ähnliche Stelle: I. Kön. 1. Kap. V. 40: „und
die ganze Menge zog hinauf hinter ihm (Salomo) und das Volk spielte auf
Flöten."
6) Forkel, a. a. 0. S. 136 weist auf den Gebrauch der Caravanen hin,
ihren Zug von Musik begleiten zu lassen.
Arabros, Geschichte der Musik. I. 14
210 Die Musik der antiken Welt.
hält, die, wie wir wissen, in der That ein assyrisch -babyloni-
sches Tonwerkzeug war, auch im alten Aegypten viel benutzt
wurde, und also in dem zwischen beiden gelegenen Palästina wohl
nicht unbekannt geblieben sein wird. Das Buch Sehilte-Haggibo-
rim nennt dieses Instrument Mastrachita und vergleicht es mit der
Panspfeife oder mit einem Kamme, da die Pfeifen auf einem mit
Leder überzogenen Kästchen standen. Nach andern hiess die Syrinx
bei den Hebräern Huggab : dasselbe mit dem als Ugabli in der
Genesis vorkommenden, allgemein „Flöteninstrument" bezeichnen-
den Worte.
Zu einem förmlichen Wunderwerke wurde in der Phantasie der
Talmudisten eine Art Orgel, genannt Magrepha, welche in den
ersten christlichen Zeiten im Tempel zu Jerusalem aufgestellt war.
Nach dem Buche Erachin liess sie hundert Arten von Klängen hören,
obschon sie nur zehn Pfeifen hatte. Jede „Vertiefung" oder Pfeife
gab zehnerlei Klänge. Man hörte ihren Schall zehn Meilen weit:
wenn sie gespielt wurde, konnten die Leute in den Strassen von
Jei'usalem einander nicht verstehen; gleichwohl war das Weltwun-
der so compendiös, dass die Kräfte eines einzigen Leviten genügten,
es fortzutragen und zwischen dem Altäre und Vorhof aufzustellen, und
die ganze Länge desselben betrug nach dem Erachin eine Elle. Hiero-
nvmus, oder vielmehr der Verfasser des Briefes an Dardanus, schreibt
davon sprechend: man habe den Schall bis auf den Uelberg gehört *),
was nichts weniger als unglaublich ist. Aber es ist problematisch, ob
nicht eine grosse Kohlenschaufel gemeint ist, die auch Magrepha
hiess, muthmasslich eine Elle lang war, und nach gemachtem Ge-
brauche »wischen Altar und Vorhof zu Boden geworfen wurde, dass es
in Jerusalem hell tönte und gewiss auch bis auf dem von der Tempel-
terrasse nur durch das sehmale Thal des Kidron getrennten Oelberg zu
hören war. Nach Pfeiffer2) war die Magrepha weder eine Orgel,
noch eine Kohlenschaufel, sondern eine Pauke von sehr starkem Klange.
Ein Seitenstück zur Magrepha, von der man nicht weiss, ob
sie eine Orgel, eine Pauke oder eine Kohlenschaufel war, ist das
unter dem Namen „Maanim" vorkommende Instrument, nach
Einigen eine Geige, nach Andern eine Trompete, nach Andern ein
Klingelinstrument, bestehend aus einem viereckigen Schallkasten,
über den eine starke Darmsaite mit aufgereihten Metallkugeln
gespannt war. Glocken- und Schellenwerkzeuge waren das Mezi-
loth und das Tseltselim, dessen schallnachahmender Name eine
gute Bürgschaft für seine Beschaffenheit ist.
Die Pauken, Toph, waren Handpauken, wie sie in Aegypten
1) In modum tonitrui incitatur, ita ut per mille passus sine dubio sensibi-
liter, aut eo amplius audiatur — sieut apud Hebraeos de organis quae ab
Jerusalem usque ad montem Oliveti et amplius sonant.
2) In dessen 1779 veröffentlichter Schrift über die hebräischen In-
strumente.
Die Hebräer. 211
oft genug abgemalt sind1) und waren, wie dort, das Instrument des
Jungfrauenchores. Die geraden Trompeten, Chazozra oder
Asosra wurden in der aus Egypten mitgebrachten Form aus
Kupfer, aus Holz oder gar aus Silber verfertigt, z.B. auf Befehl
Salomo's für den Tempel. Auch im 4. Buch Moses 10. Kap. wird
für die zwei zum Berufen der Gemeinde bestimmten Trompeten aus-
drücklich Silber als Material angeordnet. Ihr Bild ist im Durch-
gange des Titusbogens zu Rom auf dem Basrelief aufbewahrt, wo
die heiligen Gefässe des Tempels, der Schaubrodtisch, der sieben-
armige Leuchter u. s. w. im Triumphe getragen werden. Sie waren
(wie in Aegypten) Signalinstrumente: „mache dir zwei silberne
Trompeten aus einem Stücke, die Gemeinde damit zu versammeln,
wenn aufbrechen sollen die Lager. Und wenn du in die Trompete
stössest, soll sich zu dir die ganze Gemeinde versammeln, vor der
Tliür des Zeltes des Bundes. Wenn du nur einmal blasest, sollen
die Fürsten zu dir kommen, die Häupter der Gemeinde Israel's.
"Wenn aber länger und mit Absätzen der Schall erklingt, dann
sollen zuerst aufbrechen die gen Morgen sind. Und wenn zum
zweiten Male und auf ähnliche Weise die Trompeten erschallen,
dann sollen aufbrechen die gen Mittag sind und also sollen auch die
Uebrigen thun, wenn die Trompeten zum Aufbruche blasen. Wenn
aber das Volk soll versammelt werden, soll der Trompeten Klang-
einfach sein und nicht in Absätzen erschallen. Die Söhne Aaron's,
die Priester sollen mit den Trompeten blasen und das soll ein ewig
Gesetz sein in euern Geschlechtern. Wenn ihr ausziehet zum Streit
aus euerem Lande gegen Feinde, die gegen euch streiten, sollt ihr
schmettern mit den Trompeten und also wird euer gedacht werden
vor dem Herrn, eurem Gott, dass ihr entkommt den Händen euerer
Feinde."2) So auch als das von Nebukadnezar zerstörte Jerusalem
unter häutigen Angriffen der Feinde wieder gebaut wurde, da „jeg-
licher der da baute, mit dem Schwerte umgürtet war — und sie
baueten und bliesen die Trompeten" — Xehemia aber sprach zu
ihnen: „wo ihr immer den Schall der Trompeten höret, da laufet
zu und zusammen, unser Gott wird für uns streiten!" 3)
Auch bei frohen und festlichen Gelegenheiten tönten die Trom-
peten: „wenn ihr ein Freudenmahl habet, oder Festtage, oder Neu-
monde, sollt ihr mit den Trompeten blasen, zu eueren Brandopfern
und Friedopfern, dass sie euch zum Gedächtniss vor euerem Gott
seien."4) Und „auch der erste Tag des siebenten Monats soll euch
ehrwürdig und hochheilig sein, keine Dienstbarkeit sollt ihr an dem-
1) Damit stimmt die Beschreibung zusammen, welche Isidorus Hispalensis
gibt „in simile cribi" — wie ein Sieb.
2) 4. Buch Moses, Kap. 10.
3) Esdra, Kap. 4.
4) 4. Buch Moses, Kap. 10. V. 10.
14*
212 Die Musik der antiken Welt.
selben thun , denn es ist der Tag des Klanges und der Trompeten." *)
Nach dem alten jüdischen Gewohnheitenbuche war die Zahl der
Trompeten nie unter zwei, nie über hundertzvvanzig. 2) Neben den
Trompeten gab es Hörner: Schofar stark gekrümmt, Keren mit
geringerer Biegung. Das sind die "Widderhörner, die Posaunen,
deren Schall das Sabbat- und Jubeljahr ankündigte: „auch sollst
du mit der Posaune blasen, im siebenten Monat, am zehnten Tag
des Monats zur Zeit der Versöhnung in euerem ganzen Lande."3)
Die sieben Posaunen des Halbjahres waren es, vor denen die Mauern
Jericho's stürzten.4)
Den kriegerischen Trompeten Israel's tönten endlich im Jahre
66 n. Chr. die Trompeten der römischen Legionen des Titus ent-
gegen. Am 11. Juli des Jahres 70 n. Chr. hörte das tägliche Opfer
im Tempel zu Jerusalem auf, am 17. August -wurde der Tempel
selbst erobert, geplündert, verbrannt: der alte Tempeldienst nahm
ein Ende, der letzte Rest der alten David'schen Tempelmusik ging
unter, Jerusalem fiel und das Volk wurde in alle Länder zerstreut.
Zusätze und Nachträge.
Zu Seite 137. Eine genaue Beschreibung und Abbildung des Colascione
findet sich in Mersenne's Harmonicorum libri XII, zweite Abtheilung propo-
sitio XXIV. S. 35 unter der Ueberschrift „Bichordi, Trichordique, seu Cola-
chonis Figuram et usuni aperire." Die Abbildung gleicht mit dem verhält-
nissmässig kleinen mandelförmigen Corpus des Instrumentes und dessen un-
endlich langem Halse völlig den altägyptischen , oft abgebildeten Lauten, da-
gegen nur wenig dem bei Burney nach dem Obeliskenbildwerke gezeichneten
mehr derben, kurzen Instrumente, welches letztere eher der bei Mersenne
Seite 25 und 26 vorkommenden Pandura und Man dura Aehnlichkeit hat. Mer-
senne beschreibt das Colascione als ein 6 Fuss langes Instrument, mit zwei
oder drei Saiten, mit acht, neun bis sechszehn Bunden auf dem Griffbrette.
Die Stimmung der drei Saiten ist mit c c g angegeben. Die Bunde sind ge-
ordnet „juxta leges harmonici Canonis seu monochordi".
Zu Seite 150. Ueber das hebräische Instrument „Nebel", über die NdßXa
(auch wohl 6 vdßXaq) der Griechen und des Nablium (oft im Plural Xablia)
oder Nauliuni der Römer sind wir keineswegs im Klaren. Villoteau in der
Descr. de l'Egypte (XIII. Bd. S. 477) will es als ein Blasinstrument angesehen
1) 4. Buch Moses, Kap. 29.
2) Letztere Zahl gibt auch Chron. II. 5. Kap. V. 12 an.
3) 3. Buch Moses, Kap. 25. v. 9.
4) Josua, Kap. 6.
Nachträge. 213
wissen und glaubt es in dem heutigen ägyptisch -arabischen Instrument Zuk-
karah wieder zu erkennen (im Bilderatlas abgebildet, PI. CC. Fig. 25). Dieses
letztere ist eine Art Sackpfeife, doch ohne bourdonnirende Pfeifen (corne-
muse sans bourdon), ein Bockfell mit zwei hervorragenden Pfeifen, deren
Schallbecher nach oben gekrümmt sind. Die Stelle aus Athenäus, welche
Villoteau citirt (eine Aeusserung Sopater's) beweist allerdings, dass dort damit
ein Blasinstrument gemeint sei, die Identität mit jener arabischen Sackpfeife
beweist sie aber keineswegs. Es wird dort als Lotospfeife geschildert. Wich-
tiger ist sein Argument, dass die Septuaginta das Wort „Nebel" einige Male
mit Schlauch (aoxog) übersetzt, was, mit Rücksicht auf die orientalische Ge-
wohnheit den Wein in Schläuchen zu verwahren, der Beschreibung im Schilte-
Haggiborim verwandt ist. Nun höre man aber die Beschreibung, welche Jo-
sephus (antiq. jud. VII) gibt, deren Worte im Originale also lauten: ?) fdv
xivvga öesca yoQÖcdq e§j](ifievt] rvTCtezai TtXTqxxQca, >) 6h väßXa ödtSexa.
tp&oyyovq t/ovocc roig daxruXoiq XQOVSTtu. Hier ist die Nabla wieder ein
Saiteninstrument. Man bemerke ferner, dass Josephus bei der Kinyra von zehn
Saiten, bei der Nabla dagegen von zwölf Tönen spricht, was man auf ein
lautenartiges Instrument deuten könnte, zumal eine Laute mit rundem Corpus
und kurzem, dickem Halse, auch (nach dem Schilte-Haggiborim) einer Wein-
flasche verglichen werden könnte. Nun muss man freilich fragen, wie es doch
kommt, dass es an antiken Abbildungen und an genauem Aeusserungen aller
Schriftsteller über ein so wichtiges und schönes Instrument so ganz fehlt, und
warum, wenn die Römer in den Kaiserzeiten es kannten, es so ganz in Ver-
gessenheit gerathen konnte, dass die Lauten und Guitarren den Europäern erst
wieder durch die Saracenen vermittelt werden mussten? Auch der Ausspruch
Ovid's, man solle die Nabla mit beiden Flachhänden (duplici palma) spielen,
deutet nicht auf eine Laute, sondern eher auf eine Art Psalter oder Harfe. Den
mittelalterlichen Schriftstellern ist die Nabla etwas Fremdes. Isidorus_Hispa-
lensis, einer der ältesten, zählt (Kap. VIII. de tertia divisione musica, quae
rhythmica dicitur) alle möglichen Instrumente auf. Psalterium, Lyra, Phoenices,
Pectides, Tympanum, Cymbala, Acetabula, Sistrum, Tintinablum, Sympho-
nia, von der Nabla kein Wort. Ob mit der Nubelle, deren der König von Na-
varra (um 1230) in einem seiner Gedichte gedenkt, wegen der Klangähnlich-
keit die Nabla gemeint ist, bleibe unentschieden. Du Cange hat in seinem
Glossar das Wort Nablizare und erklärt es durch „Psalmisare", iyc.'/.).iir.
Zu Seite 156. Bei Juvenal (Sat. XIII. v. 93) schwört ein Römer: ,,Isi< et
irato feriat mea lumina sistro". Ueber die römischen Isisstatuen macht Burk-
hardt (Cicerone, S. 429) die Bemerkung, dass sie sehr leicht an dem Sistrum
ihrem stereotypen Attribut zu erkennen sind, er weist aber darauf hin, dass
man diese Statuen bald für die Göttin selbst, bald für eine blosse Priesterin
ausgebe, die alten ägyptischen Bilder halten dagegen das Henkelkreuz (als
Symbol des Lebens) in Händen, welches mit dem Sistrum eine gewisse Aehn-
lichkeit hat.
Zu Seite 179 und ISO. Bei Bonomi (Ninive and its palaces Fig. 114, 1 15)
kommt auch ein Instrument vor, welches einer sehr langgehalsten Laute gleicht.
Hiernach hätten also die Assyrier ein solches Instrument doch wohl gekannt.
Sicherlich aber war es kein original assyrisches, sondern durch
den Verkehr mit Aegypten herübergekommen. Wenn es so ist, so
entfällt Kiesewetter's Annahme, als hätten die Perser erst während ihrer Herr-
schaft in Aegypten die Laute und Guitarre kennen gelernt und sich zugeeignet ;
sie konnten sie näher und bequemer von Assyrien her haben. Ist das vielleicht
die Pandura, deren Besitz Pollux den Assyrern zuschreibt? — Ueber die kegel-
förmigen Trompeten der Assyrer sehe man Layard, Second expedition
S. 111 — 114. Die Bildwerke, wo dieses Instrument vorkommt, gehören aber
der Zeit Sennacherib's an und sind kein Argument gegen den ägyptisch -tyr-
rhenischen Ursprung desselben. Ueber die Entstehung unseres Claviers aus
dem uralten asiatischen Psalter werden im zweiten Bande an gehöriger Stelle
214 Die Musik der antiken Welt.
die Nachweisungen gegeben weiden. Vorläufig sei bemerkt, dass diese Ent-
stehung in das Jahr 1350 — 1400 fallen muss, denn noch Johann de Maris weiss
in seinen Schriften (deren Entstehung 1323 — 1345 datirt ist) noch kein Wort
von einem solchen Instrument und empfiehlt für den Unterricht das unge-
schickte Monochord, während ich in einem altdeutschen, mit der Jahreszahl
1404 bezeichneten Manuscript der Wiener Hofbibliothek (Minneregeln) bereits
das „Clavichordium" und ,,Clavicymbolum" erwähnt gefunden habe. Der
Name „Symphonia" wird im Laufe der Zeiten auf die allerverschiedensten In-
strumente angewendet. Während sie nach dem Schilte-Haggiborim eine, der
Beschreibung nach der arabischen Zukkarah ähnliche Sackpfeife sein soll, er-
klärt Isidorus Hispalensis ,, Symphonia vulgo adpellatur lignum cavum ex
utraque parte pelle extensa, quam virgulis hinc et inde musice feriunt fitqne
ex ea concordia gravis et acuti snavissimus cantus". Also eine Trommel, den
alt-ägyptischen oder hindostanischen ähnlich. De Muris (Summa musicae IV.)
sagt „Symphonia seu organistrum", d. i. die Drehleier. Bei Prätorius (Orga-
nographia Cap. XL S. 63) wird dagegen die Symphonie als Tasteninstrument
zusammen mit dem „Clavicymbel" genannt.
Zu Seite 186. Bei den semitischen Völkern hiess die Flöte auch s=-zx
Abuba (Thargum), davon haben die Ambubajen den Namen.
Zu Seite IST. Die Gingrasflöte hiess auch wohl Gingros oder Gingria.
so bei Hesychius, welcher erwähnt, sie werde zum ersten Unterrichte verwen-
det (f/ixQog avXbq, :'r (j> itq&xov (mxv&civovoi). Casaubonus bemerkt, dass
bei Arnobius das Gänsegeschrei Gingritus genannt wird, was nicht gerade für
die Schönheit des Tones dieser Flöten spricht.
Zu Seite 204. Ueber das hebräische Nebel bemerkt Prätorius (Syntagma,
I. S. 110): „Nablum seu Nablium fe» Nebel a ?;= concidere. Unde ^ Uter,
qui compressus collabitur. Sic C7«rjV- ^; i/fres coeli, h. e. nubes velut in utres
digestae. Hieron. Concentus coeli. Job 38. 37." Das wäre allerdings ein
starkes Argument für Villoteau's Meinung, der im Nablum eine Sackpfeife fin-
den will, und die Beschreibung des Schilte-Haggiborim würde dann nicht eine
Weinflasche, sondern einen Weinschlauch meinen. Nun sagt aber das eben
erwähnte Buch, es habe 22 in drei Octaven getheilte Saiten gehabt. P. Athanas
Kircher, der seine Abbildungen hebräischer Instrumente in der Musurgie,
I. S. 48 u. s. w. „ex antiquo codice Vaticano" genommen, bringt das Nebel
in hackbrettartiger Gestalt. Diese Abbildungen sind als historische Zeugnisse
ganz werthlos, denn augenscheinlich sind sie nach bekannten neueren In-
strumenten gemodelt.
DRITTES BUCH.
Die Musik der antiken Weit.
Die Musik der Völker der antik-klassischen Cultur (Griechen und Römer).
Die Musik der Griechen.
I. Die historische Entwickelung der Tonkunst bei den
Griechen.
ALit dem Namen Griechenland fühlen wir uns in die Heimat
der Künste versetzt. Ein wunderbarer Zauberhauch von Schönheit
ist über alles gebreitet, was das Volk der Hellenen hervorgebracht
hat, um so wunderbarer, als er uns nicht allein aus den Dichtern,
aus den besser erhaltenen Werken der bildenden Kunst und der
Architektur, sondern selbst noch aus Trümmern und Bruchstücken
entgegenweht, an denen Zeit und Barbarei ihr Aergstes gethan
haben. Der Parthenon, von Morosini's Bomben gebrochen, von
Blgin beraubt, lebt, wenn ihn die sinkende Sonne im Goldglanze
verklärt, vor dem Beschauer wie in seiner ganzen früheren Herrlich-
keit auf, und vor seiner einfachen Grossheit scheint die Pracht der
späteren Bauwerke eitel Prahlerei. Und kann man für den ersten
Blick etwas Kläglicheres sehen als die Skulpturen aus seinen Giebel-
feldern? Bruchstücke von Figuren, sogar Bruchstücke von Bruch-
stücken1) — ■ zerschunden, zerspalten, rissig und fleckig. Aber all-
gemach fängt etwas an herauszuklingen, wie himmlische Musik in
reinster Harmonie; nicht lange, und wir sehen keine Beschädigung
mehr und eine Welt der erhabensten Schönheit, der einfältigsten
(-irnssartigkeit steht vor unsern erstaunten Blicken. Das Wort der
Weisen, der Dichter, der Geschichtsschreiber tönt noch jetzt mit
dem Ausdrucke des unsterblich Lebensvollen zu uns. Was von der
hellenischen Welt gerettet auf unsere Tage herübergekommen ist,
zeigt uns den Stempel der Schönheit, das „sinnliche Scheinen der
Idee" unter den gedenkbar einfachsten Bedingungen.
Ein Volk, mit solchem Sinne für das Schöne begabt, dessen
Sprache reiner Wohllaut, dessen erste Lebensbedingung geregeltes
1) Der geringe Rest vom Torso des Poseition genügt, um uns das Bild des
gewaltigen Erderschütterers zu geben.
218 Die Musik der antiken Welt.
Mass war, das in jeder Regung durch den Rhythmus massvoller
Schönheit geleitet wurde, konnte für den Reiz der musikalischen
Töne nicht unempfindlich bleiben. In der That finden wir in den
Schriften der griechischen Philosophen, Historiographen, Dichter,
eine Liebe und Werthschätzung der Musik ausgesprochen, die ihr
den Rang neben der Poesie zugesteht. Unter den Völkern der
antiken AVeit ist aber wirklich keines, dessen Musikpflege sich mit
jener der Griechen vergleichen liesse. Sie verstehen zuerst die
Musik als Kunst, als ebenbürtige Schwester der übrigen Künste.
Bei den Griechen wird die Musik zuerst und zum ersten-
male Selbstzweck. Man macht nicht mehr ausschliesslich des-
wegen Musik, Aveil sie den Tanz regelt, oder die Festesfreude erhöhen
hilft, oder weil sie zur Feierlicbkeit des Opfers passt: man macht Musik,
weil sie an und für sich, ohne weitere äusserliche, zufällige Bestim-
mung zu diesem oder jenem Zwecke, etwas Schönes ist. Nur unter
dieser Voraussetzung konnte es geschehen, dass uns eine zahlreiche
Menge von Künstlernamen aufbehalten geblieben ist, während wir
aus dem Oriente kaum mehr als die Namen einiger der Sänsrerschaar
Vorgesetzten kennen, bei deren Nennung mehr ihre distinguirte
Stellung als ihre etwaige persönliche Kunstfertigkeit in Anschlag
kam. Nur unter einer solchen Voraussetzung war es möglich, dass
die Griechen eigene Gebäude für Musikaufführungen bestimmten
(das Odeion in Athen, die Skias in Sparta), dass die grossen Na-
tionalspiele nicht allein zu dichterischen, sondern sogar zu rein
musikalischen Wettkämpfen Anlass gaben.
Die Aufgabe, vor einer gebildeten Hörerschaft mit ausgezeich-
neten Wettkämpfern um den Preis ringen zu müssen, machte an-
haltende Vorübungen nöthig, deren Folge keine andere sein konnte,
als dass sich die Behandlung der Instrumente, des Gesanges, von
einfacher Richtigkeit der Tonangabe und Tonverbindung allmählig
zur Feinheit des Vortrages, zu ausdrucksvoller Schönheit erheben,
und endlich sogar zur entschiedenen Virtuosität raffmiren musste.
Die Notwendigkeit, zwischen mehreren vorzüglichen Musikern die-
sem oder jenem den Preis zuerkennen zu sollen, machte den Zu-
hörern eine Ausbildung des Gehörs sowohl, als des künstlerischen
Geschmackes nöthig, welche sie befähigte, auf die feinsten Unter-
schiede der Vortragsweise kennerisch einzugehen.
Die beiden Faktoren jedes Kunstgenusses — der darbietende
Künstler, der geniessende Empfänger — förderten einander in
solcher Weise auf das Entschiedenste, da ihre beiderseitige Stellung
eine ganz andere war, als die des Orientalen, der im Halbschlafe
der Verdauung, im Behagen der Weinlaune träumerisch und passiv
die Töne an sich vorübergleiten liess, womit ihn der Miethling oder
Sklave zu ergötzen suchte. Der Makel, der dort auf der Mietb-
lings- und Sklavenkunst lag, verschwand, wo freigeborene Griechen
vor ihresgleichen, ja vor den Landesgöttern selbst, mit Lyra oder
Die griechische Musik. 219
Flöte um den Preis ringen durften. Der eigentliche Nationalgott
der Hellenen, der jugendlich schöne Sonnengott Apoll war zugleich
der Musenführer und die Lyra sein Symbol: auch der Nationalheros
Herakles war ein Lyraspieler, die Thasier bildeten ihn auf ihren
Münzen gleich dem Sonnengotte mit Saitenspiel und Geschoss ab.1)
Achilleus beschwichtigte seinen kummervollen Verdruss mit Lyra-
spiel. So mochte denn kein Bedenken entstehen, bei dem edeln
Knaben, dessen Erziehung eine gymnastische und musische war,
in die musische Ausbilduno; auch den Unterricht in der Musik auf-
zunehmen, ja er galt, wie wir aus der Republik des Plato und der
Politik des Aristoteles wissen, für eins der wichtigsten Bildungs-
mittel: während es z.B. in Aegypten, nach Diodor's Bericht un-
schicklich war, Musik zu lernen.
Die Tonkunst drang tief in alle Kreise griechischen Lebens,
sie hatte bei den Griechen nicht, wie bei den bisher besprochenen
andern Völkern, blos eine cultur historische Bedeutung, son-
dern erlebte in sich selbst eine kunstgeschichtliche Ent Wicke-
lung, wie wir sie bei der ägyptischen, hebräischen u. s. w. Musik
vergebens suchen würden.
Die Musikgeschichte Griechenlands theilt sich in drei von ein-
ander sehr deutlich geschiedene Epochen. Die erste umfasst den
Kaum von den Urzeiten der griechischen ( beschichte bis zur dorischen
Wanderung. In dieser halbmythischen Zeit hat Alles noch ein mehr
nach der asiatischen "Weise deutendes Aussehen. Die Musik wird
bereits geistreicher als im Orient aufgefasst, allein im Ganzen ist
die Stellung derselben doch wesentlich dieselbe, wie dort. Mau ehrt
Götter mit Hymnen, oder erfreut sich heim Schmause am Gesänge
des Sängers, denn der Held, der König hört den Sänger gerne und
lohnt ihn, aber er selbst kann und mag nicht Musik üben. Von
der dorischen Wanderung an, um 1000 v. Chr., beginnt die histo-
rische Zeit Griechenland"*, und mit ihr die zweite Epoche der
griechischen Musikgeschichte. Schnell entwickelt sich jetzt die Ton-
kunst, aber immerfort im engsten Verbände mit der Poesie, so class
die Geschichte hellenischer Musik nothwendig auch in das Gebiet
hellenischer Dichtkunst hinübergreifen muss, und umgekehrt. Jetzt
kommen musikalische Wettkämpfe in Aufnahme , Chöre und Tänze
feiern die grossen Xationalfeste und die Götteropfer. Grosse
Künstler, deren Namen in dankbarer Erinnerung bleiben, fördern
die Kunst, die Kunstmittel werden reicher, Tonarten, Rhythmen-
gattungen bilden sich aus, öfter unter Einflüssen von Asien her.
Die Musik behält ihre grossartig einlache, ernste, religiöse, aber
auch strenge und schmucklose Weise. Sie wird ein wichtiges Er-
1) Mionnet, descr. des medailles, pl. 55, 5 und Denkmäler der alten
Kunst von Müller und Wieseler, 1. Bd. Taf. VIII. 31.
2) Athen. IV. 84.
220 Die Musik der antiken Welt.
ziehungsmittel. Ihre edelste Blüte entfaltet sie im Jahrfunfzig vor
dem Perserkriege, während dieses glorreichen Kampfes (490 — 480
v. Chr.) selbst, und bis zu dem für Griechenland so folgenschweren
peloponnesischen Kriege (431 — 404 v. Chr.). Der fein und tief
durchgebildeten musikalischen Praxis stellt sich vervollständigend
eine scharfsinnige, tiefgegriffene, wesentlich mathematische Ton-
lehre zur Seite , wie es scheint nicht ohne Anregungen von Aegypten
her. Der peloponnesische Krieg leitet die dritte und letzte
Epoche ein. Die Musik erfährt eine sehr durchgreifende Eeform ;
sie lernt es, sich allenfalls auch völlig von der Poesie loszumachen,
im Tonsysteme treten Aenderungen ein, eine neue Tonlehre stellt
sich der alten, rein mathematischen, feindlich entgegen. An die
Stelle der bisherigen einfachen Kunst tritt eine reich prunkende,
lebhafte; ein bedenklicher Luxus in Verwendung der Kunstmittel
gewinnt die Oberhand, das Virtuosenthum florirt. Fast wie Gegen-
sätze stehen die alte Musik der zweiten und die neue Musik der
dritten Epoche neben einander. Einsichtsvolle Männer erkennen
die Entartung und klagen und sprechen vergebens zu Gunsten der
schlichten, gediegenen alten Kunst. In diesem Zustande geht die
Musik auf das alles bezwingende, alles verschlingende Eom über.
Griechenland ist jetzt nur einer der Nebenflüsse, die sich in den
-rossen Hauptstrom des Römerreiches ergiessen, und von denen
dann weiter keine Rede ist. Aber die Kunstanlage des griechischen
Volkes ist so gross, dass sie trotz Entartung, trotz Unterjochung
ihrer Musik genug treffliche Elemente bis in die christliche Zeit
gerettet hinüberbringt und anregend für die beginnende christliche
Tonkunst zu werden vermag.
Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass wir die Anschauungen,
die wir von unserer Musik abstrahirt haben, bei der griechischen
bei Seite lassen müssen, weil sie ihrer ganzen Bestimmung, ja
ihrer ganzen Beschaffenheit nach etwas ganz Anderes war. Sprechen
wir von griechischer Kunst, so denkt Jeder zunächst an Skulptur,
nicht deswegen, weil wir so viele Reste antiker Bildhauerei
in unseren Museen aufgestellt sehen, sondern wirklich deswegen,
weil die Plastik das Wesen griechischen Geistes am schärfsten
und reinsten ausdrückt, weil die Griechen plastisch fühlten
und bildeten, weil ihre Architektur, ihre Malerei (wie sie uns in
dürftigen Vasenbildern erhalten ist) J), ihre Dichtung ein rein
plastisches Gepräge zeigt. Die Musik ist aber die der Plastik am
meisten ferne Kunst. Wo das Gebilde der Skulptur in greifbarer
Gegenwart vor uns steht, seine ganze Bedeutung in die äusserliche
1) Ob man die in Pompeji gefundene malerische Alexanderschlacht noch
zur rein griechischen Kunst im älteren Sinne rechnen könne, ist mehr als zwei-
felhaft, und die Schlüsse, welche z. B. Stahr in seinem „Jahre in Italien"
daraus zieht, sind wenigstens voreilig.
Die griechische Musik. 22 1
körperliche Bildung setzen muss, öffnet uns die .Musik in ihren ver-
wehenden Klängen unbekannte, nicht in Worten, nicht in Gebilden
auszudrückende geistige Tiefen — in der Plastik zieht sich das Kunst-
gebilde vor uns zum ganz bestimmten Individuum zusammen (der
Apoll von Belvedere, der Moses des Michel Angelo), in der Musik
öffnet sich uns ein gränzenloses Eeich, dessen Anfang und Ende
Niemand kennt. Die Plastik ist die eigentliche classische, die
Musik die eigentlich romantische Kunst. Die Musik der Griechen
war nun, wenn der Ausdruck auch hier noch erlaubt sein kann,
ebenfalls plastisch, so weit Musik es zu sein vermag. Das Wort
des Dichters sollte durch sie zu schärferer Bestimmtheit hervor-
gehoben werden, sollte dem Hörer wie ein gerundetes Marmorbild
entgegentreten, fast möchte man sagen: es war mehr eine zum
musikalisch -commensurabeln Tone gesteigerte affeetvolle Kecitazion,
als eigentlicher Gesang, wie er bei uns im Gebrauche ist.
Die Musik öffnete dem Griechen kein romantisches, gränzen-
loses Wunderreich, aus dem räthselhafte Schauer und Entzückungen
wehen, sie rückte ihm vielmehr die Pindarische Ode, die Sopho-
kleische Scene erst recht in die volle Beleuchtung des hellenischen
Tages, dessen blauer Himmel wolkenlos herniederstrahlte. Wäre
der Ausdruck nicht gar zu kühn, so möchte man sagen: die griechi-
o " Co
sehe Musik war für die griechische Dichtkunst, was die Polvchromic
für den griechischen Tempel, für die griechische Statue war. Wie diese
in kluger und bescheidener Unterordnung die Bauglieder mit leich-
ter Nachhilfe beleben, wie sie an der Statue nicht den realistischen
Schein des Lebens lügen, sondern ihn nur von ferne andeuten sollte,
so sollte die Musik nicht das Wort des Dichters eigensüchtig ver-
schlingen oder sich eigensüchtig vordrängen, sondern das Wort
erst recht hell und klar ertönen machen. Darum war es kein Mangel,
wenn die griechische Musik der Harmonie und Vielstimmigkeit im
Sinne unserer Musik entbehrte. Aus jenem unbegränzten Wunder-
reiche mögen auf uns von allen Seiten Gestalten und Gesichte
eindringen, die Melodie des Griechen musste sich einfach, klar, un-
scheinbar, rein und sinnig beschränkt hinziehen, wie das Mäander-
band an den Architraven seiner Gebäude. Polyphonie war bei der
griechischen Musik ihrem tiefsten Wesen nach unmöglich. Die
ohne Gesang blos von Flöten oder Lyren vorgetragene Musik muss
nothwendig denselben Charakter gehabt haben.
Könnte das griechische Volk, das in Olympia oder im Peri-
kleischen Odeion den Xomen seiner Flötenbläser oder Kitharisten
horchte, eine Symphonie Mozart's oder Beethovens hören, es würde
darin ohne Zweifel Sinn und Zusammenhang vermissen und nur ein
barbarisches Durcheinanderlärmen hören. Denn die Fähigkeit, ganze
Tongruppen in Gedanken einerseits von einander getrennt zu halten,
222 Die Musik der antiken Welt.
andererseits sie in Gedanken gerade wieder als ein Ganzes zusammen-
zufassen, mnss anerzogen, mnss geistig erworben sein.1)
Den Griechen war (wie den Indiern) die Musik Göttergabe
und Göttersaehe. Aber ihre Mythendichtung zerfliesst nicht wie
jene der Hindostaner in gestaltlose Phantasmagorien, sie tritt so
lebensfrisch und lebenskräftig auf, dass man geneigt ist, es ganz
in der Ordnung zu finden, wenn jene Mythen die Geschichte von
Hellas eröffnen und ein zauberhaftes Morgenlicht dort verbreiten, wo
die Geschichte anderer Völker meist noch in Nacht und Dunkel
wandelt. Die griechische Musikgeschichte macht keine Ausnahme.
Hier begegnet uns Apollo, der freundliche und wieder so furcht-
bare Lichtgott, der, kaum geboren, die Windeln und goldenen
Bänder, in welche ihn die Göttinnen gewickelt, zerriss und ihnen
zurief: „mir soll werth sein die Kithar und werth der gekrümmte
Bogen, und verkünden will ich den Menschen des Zeus untrüglichen
AVillen." Seine erste That aber war, den Python, die finstere
Nachtgehurt, mit seinen Pfeilen zu erlegen; da erscholl der erste
Siegesgesang, 0] irj nai^ov der erste Päan, und in Delphoi wurden
die pythischen Spiele mit Gesang und Kitharspiel, und in dem stets
wiederholten Thema des Drachenkampfes und des pythischen No-
mos der Sieg des Gottes gefeiert.2) Apollon ist ein Gott der Be-
geisterung, nicht allein der prophetischen (fö f£ AnöU.ovog fiaivead-ai),
sondern auch der musikalischen. In weiten, wallenden, duften-
den Gewändern, die klangreiche Phorminx im Arme, war er das
göttliche Vorbild aller Kitharoden und der Führer der Musen.3)
Seine Feste in Delphoi und Delos waren voll musikalischer und ly-
rischer Uebungen. Die Mahle der Götter selbst wurden durch Apol-
lon's Saitenspiel, durch den Gesang der Musen und den Tanz der
Chariten und Hören verherrlicht.4) Auch bei Hochzeiten der Heroen
(des Kadmus und der Harmonia, des Peleus und der Thetis) fanden
sich mit den übrigen Göttern die Musen ein und sang-en das Braut-
lied 5) , und bei Achill's Tode erklang ihr rührender Klagegesang, dass
Götter und Menschen weinten.6) Sonst sangen sie die Götterthaten
1) Sehr richtig meint Böckh (Pindari Opera qusie supersunt, S. 253) „Tan-
tum abhorret ab antiquitatis indole nostrae harmoniae ratio, ut eam veteribus
displicituram fuisse, si nossent, contendere ausim. Quemadmodum enim
architectura gothica valde improbanda Graecis fuisset, ac quemadmodum prae
geometria sua non, opinor, nostra analysis iis esset probata, ita ne harmoniam
quidam nostram magnopere mirati essent."
2) Die ersten Sieger waren der Kreter Chrysothemis , der Thraker Philam-
mon und Thamyris. Der Argiver Sakadas führte den Flötenwettkampf, Phi-
lammon sogar die Mitwirkung des Chores und die Orchestik dabei ein.
3) Preller, griech. Mythologie, 1. Bd. S. 173.
4) So stand Apollon, von Skopas gebildet, im palatinischen Tempel zu
Rom. Eine Nachbildung besitzt das Pio-Clementinische Museum.
•V) Pindar, Pyth. III. 88.
<i) Odyss. XXIV. 60.
Die griechische Musik. 223
des Zeus, den Ursprung der AVeit und andere hohe Dinge, und
tanzten festlich um den Altar. In Leibethron am Olymp, am böo-
tischen Helikon bei Askra und Thespiä hatten sie ihre uralten Dienste
und damit verbundene Wettkämpfe (uovaeia). Sie sind wahre Musik-
göttinnen, auf den älteren Vasenbildern haben alle Musen dieselben
Attribute in Händen, musikalische Instrumente, Schriftrollen und
Kästchen zu deren Aufbewahrung.1) Der zweite Führer der Musen
ist 1 Honysos, in diesem Sinne als Aubvwroq /jeXno/jsvo, verehrt, der Gott
der' heftigst aufgeregten Begeisterung, der schallenden, rauschen-
den Musik der Flöten und Pauken, des Dithyrambus, der heiteren
Komödie und der hochernsten Tragödie, daher die dramatischen
Dichter und Künstler auch Jiovvaov je/riTai genannt wurden.2)
Wilder lärmt noch die Musik der Pauken, Pfeifen, Hörner und Cym-
beln. mit welcher die Bacchen, die Verehrer Kybeles', beim Scheine
lodernder Fackeln durch die Gebirgswälder nächtlicher Weile hin-
toben. Die neckische Zunft der Satvre vertritt die bäuerische, länd-
liehe Musik: zu den Klängen der Syrinx, der Pfeife, der Castag-
netten und Schallbecken tanzen sie ihren lustigen Sikinnis3), und
haben im Satyrspiel auch an der dramatischen Kunst ihren Antheil.
Sogar der dicke alte Silen und seine Sippschaft, Hyagnis, Marsyas,
Olympos treibt das Flötenblasen mit Erfolg, nur dass der würdige
Altvater selten in der Verfassun°' ist, blasen zu können, erhält er
sich doch nur mit 31 übe auf seinem Eselein, oder muss beim
Dionysoszuge gar in einem Wägelchen nachgefahren werden, wofür
er freilich das Stichblatt tausendfacher Neckerei ist. So durchtönte
also Musik die Götterwelt der Griechen von den hohen Hvmuen
der Musen bis zu dem Geschwärme des bacchischen Festes. Neben
den Musik übenden Göttern und Halbgöttern treten die mensch-
liehen Heroen der Musenkunst auf: Orpheus, dessen Saitenspiel
selbst die erbarmungslosen Götter der Unterwelt rührt, Thamyris,
der verwegen die Musen zum Wettkampfe herausfordert und zur
Strafe erblindet, die Musensöhne Linos, Ialemosund Hymenäos.
Der historischen Zeit näher, aber noch immer halbmythisch, stehen
jene priesterlichen Sänger da, welche den Cultusgesang und Götter-
dienst der einzelnen Städte ordneten, so in Attika Musäos, der
für einen Zögling der Musen, oder für einen Schüler des Orpheus
galt, auf dem Museionhügel in Athen sein Grab, und am Ilissos
seinen Cult hatte, dessen Hymnen von dem Geschlechte der Lyko-
miden bei Opfern der Demeter gesungen wurden: Pamphos, von
1) Preller, griech. Myth. 1. Bd. S. 2s4.
•2) Ebend. S. -440.
3) Die vortreffliche florentiner Statue des die Krotalen begeistert schwin-
genden und das Krupezion tretenden Satyrs ist bekannt, ebenso die schöne
Gruppe des Pan, der den Olympos die Syrinx spielen lehrt. Die Erfindung des
Sikinnis wurde einem Kreter Sikinnos zugeschrieben, und die Satyren hiessen
davon auch aacivvioxai (Athenäus, I. 37).
224 Die Musik der antiken Welt.
dem das Geschlecht der Pamphiden herstammte, in Eleusis Eu-
molpos, der Stammvater des Priestergeschlechtes der Eumolpiden.
über den schon bestimmte historische An°;abeii oder doch wenigstens
historisch aussehende Sagen vorliegen: er habe nämlich mit den
Eleusiniern einen Kampf gegen die Kekropiden in Athen unter-
nommen, sei jedoch von deren König Erechtheus im Zweikampfe
erschlagen worden. *) Selbst Homer, dessen Gesänge uns noch
heute so entzücken, wie einst seine Zeitgenossen, ist noch immer
eine in mythischer Beleuchtimg stehende Gestalt, seine Eltern sind
Meles der Flussgott und Kritheis die Nymphe, Bienen nähren ihn
u. s. w.. und ob er gleich von sich selbst gesagt hat: „er sei ein
erblindeter Mann, der das felsige Chios bewohnet, dessen Gesang
unerreicht noch herrschen wird in der Zukunft,"2) so hat die Kritik
bekanntlich dem göttlichen Greise die Existenz abgesprochen und
ihn als den Collectivbegriff einer Rhapsodenschule darzustellen ge-
sucht.3) Mag Homer immerhin eine mythische Person sein, die
Zeit, die Cultur, welche uns in seinen Gedichten in unvergänglichen
Zügen geschildert wird, ist kein Mythus, sondern historische Realität.
Die Griechen knüpften in ihrer allerältesten Zeit die ersten Versuche,
einen Gesang anzustimmen, ohne Zweifel an den Götterdienst, so
gut wie ihre ältesten Schnitzwerke Götterbilder waren, wie ihre
Baukunst sich zuerst an Tempeln und den Denkmalen göttergleicher
Helden versuchte.4) ,,Der Dienst der Götter," sagt Otfried Müller.
..an den sich alles höhere Geistesleben im frühesten Alterthume an-
knüpfte, von dem die. ersten Anfänge der bildenden Kunst, der
Baukunst, der Musik und Poesie ausgingen, muss lange haupt-
sächlich in stummen Handlungen, bedeutungsvollen Geberden, in
leise gemurmelten Gebeten, endlich auch in laut ausgestossenem
Geschrei (oloi.vyfi6g) , dergleichen in späteren Zeiten bei dem Tode
der Opferthiere als Zeichen inneren Gefühls erhoben wurde, be-
standen haben, ehe das geflügelte Wort sich vom Munde löste und
die Versammelten zu höheren Empfindungen zu erheben suchte, ehe
der erste Hymnus ertönte."5) Auch der Hirt auf der Trift der ein-
samen Bergeshöhe, der Schnitter, der "Winzer im Felde, mag sein
kunstloses Lied angestimmt haben, wie solche Beschäftigung den
1) Duncker, Gesch. des Alterthums, 3. Bd. S. 94. Derselbe Autor sagt
S. 276, über jene Sängergesehlechter : ..man rief die Sänger, wenn man in
Noth war, wenn man der Hilfe der Götter dringend bedurfte, bei jährlich wie-
derkehrenden Festen und Opfern."
2) Trif/.u~ avrjQ, obcel de Xlat evt namaXoeoay, zov ^S{> y.al iierö-
mod-sv ccQiazevaovaiv aoiSal. (ad Apoll. 172).
3) Die entgegengesetzte Ansicht vertheidigt neuestens mit Geschicklich-
keit Julius Braun im 2. Bande seiner Geschichte der Kunst.
4) Das Tempelhaus auf dem Berge Ocha, das unterirdische Grab in My-
kene, bekannt als Schatzhaus des Atreus, das pyramidenförmige Polyandrien
bei Tiryns dessen Pausanias gedenkt etc.
5) Gesch. der griech. Lit. 2. Aufl. 1. Bd. S. 26.
Die griechische Musik. 225
Trieb dazu unwiderstehlich anregt, wie auch die Phryger zuin Korn-
selmittc ihren Litverses hören Hessen1), und der hebräische Prophet
vom „Gesänge der Schnitter im Feld der Erndte" spricht.2) Gleich
dem Litverses der Phryger, dem Manerosgesange der Aegypter, dem
Bormos der Maryandiner 3) hatten die Griechen seit uralter Zeit ihr
klagendes Linoslied, genannt ailivo? (ach Linos)*) oder ohofavog
(Tod des Linos). Ein Grab des Linos fand sich in Theben, Chalkis,
Argos und noch an anderen Orten. Der alte Sänger Pamphos
soll den Klaggesang am Linosgrabe zuerst angestimmt haben. Nach
der Sage der Argiver war Linos ein Knabe göttlichen Geschlechtes,
der unter Lämmern bei Hirten aufwuchs und von wüthenden Hunden
zerfleischt wurde.5) Aus einem Verse Homers wissen wir, dass der
Linosgesang bei der Traubenlese gesungen wurde6), aber auch bei
Festen wurde Linos, der Sohn Uranias , von den Sängern und Kithar-
oden beklagt, wobei der Ausruf: „Ailine" den Anfang und den
Sebluss des Gesanges bildete.7) Ein ähnlicher, an ähnliche Mythen
geknüpfter Klaggesang war der Ialemos. Die alten Arkader von
Tegea saugen zur Zeit der Hitze des Hochsommers ein klagevolles,
Skephros genanntes Lied.8) Als Klage um Todte wurde der Threnos
von einem neben der ausgestellten Leiche sitzenden Sänger ange-
stimmt, während die klagenden Frauen Seufzer und "Wehrufe hören
Hessen.9)
1) S. oben S. 188.
2) Arbeit durch Gesang zu erleichtern, liegt eben auch in der Natur, Ho-
mer lässt die Kalypso beim Weben ein Lied singen (Odyssee V. 61), die
Sklavinnen auf Lesbos, denen die schwere Arbeit oblag, die Handmühlen
zu drehen, sangen dazu ein Liedchen: mahle Mühle, mahle, auch Pittakos,
der König des grossen Mytilene mahlt (verrichtet schwere Arbeit).
3) Vergl. über den Bormos Pollux X. Dieses Lied wurde mit Begleitung
von Flöten angestimmt. Auch den Maryandinern war der Gegenstand dieses
Gesanges, die Klage um einen schönen, in der Jugendblüte vom Tode entraff -
ten Knaben, der Bormos. Er sollte den Schnittern am heissen Erndtetage
Wasser bringen, und wurde von den Nymphen des Baches in die Fluten gerissen.
Die Maryandiner waren östliche Nachbarn der Phryger und bewohnten das
angrenzende Land.
4) Dieser Ausruf diente später zur Bezeichnung eines Klaggesangs, einer
Klage überhaupt. So im Agamemnon des Aeschylos: cd'hrov . ul'hrov .c/.i.: .
to 6' sv vaedrat.
:<) Otfr. Müller, a. a. 0. S. 28 u. 29.
6) II. XVIII. 569.
7) Nach einem Fragment Hesiod's bei Eustathius S. 1163 (edit. Gaisford).
8) Pausanias VIII, 53, 1: er sagt: OXStpQOV d-(ii]VEiv. Ueber die Auflas-
sung des Linosgesanges, als Trauer über das rasche Welken der Lenzesblüte,
der Jugendblüte vergleiche : Preller, griech. Mythologie. Roth will von sol-
chen „zierlichen Allegoristereien", wie er diese Auffassung nennt, nichts wissen,
und geht tief in das geheimnissreiche Dunkel der ägyptischen Tempel, um für
Dieses und Aehnliches die Erklärung zu holen. Wieder anders wird die Sache
von der theologischen Schule Lassaulx-Sepp verstanden.
t 9) Otfr. Müller, a.a.O. S. 33, unter Hinweisung auf II. XXIV. 720: äoiöol
&Qi]va)V e§<XQX01 Dei der Todtenklage um Hektor.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 15
226 Die Musik der antiken Welt.
Diesen Trauerliedern tiefen Schmerzes gegenüber standen Ge-
sänge froher Lust, wie sich bei einfachen, natürlich empfindenden
Völkern bei solchen Anlässen diese contrastirenden Empfindungen
in sehr heftiger Weise zu äussern pflegen. Das contrastirende Gegen-
stück des Linos war der Päan, „vor dem das Ailine verstummte",
wie Kallimachos sagt l) , und den , wie den Linosgesang der Klage-
ton „Ai" so der freudige Ruf „Ie" charakterisirte. Man sang Päane
als muth weck ende Gesänge bei Gefahren, die nur durch Götterhilfe
zu überwinden waren, oder als Freudenlieder nach errungenem
Siege.2) Wie zur Zeit Avenn die Gluthitze das frische Grün des
Frühlings verbrannte, oder die Frucht der Erde vor der Sichel fiel,
klagende Weisen, so sang man, wenn sich im Lenz die Erde wieder
mit neuer Blätter- und Blütenfülle schmückte, frohe Frühlings-
päane (eiagivol naiatves). Wie der klagende Threnos zur Leichen-
bestattung, so wurde zur Hochzeit der frohe Hymenäos angestimmt,
von Flöten- und Phorminxklängen und von frohem Tanze begleitet.3)
Bis zur schwärmenden Fröhlichkeit steigerte sich die Lust im
Schwärme des Komos (xa/ioc), von dem der „Sehwarmsang", die
Komödie, den Namen erhalten hat. „Durch dieses Wort (Komos)
„sagt Otfried Müller", bezeichnen die Griechen die letzte Hälfte
eines Festmahles oder irgend eines anderen Schmauses, welcher
durch Musik, Gesang und anderen Zeitvertreib belebt und verlängert
Avird, bis die Ordnung des Mahles völlig aufgehoben ist, und die
halbberauschten Gäste in ungeregelten Schaaren durch die Stadt, oft
bis zu den Thüren geliebter Mädchen ziehen. An die Anlässe, die
dieser Komos gab, knüpfte sich ein grosser Theil der lyrischen, be-
sonders der erotischen Poesie an." 4) Hesiod schildert (im Herakles-
schild) den lachenden Komos der Jünglinge, die, ein jeder A'on
einem Flötenbläser begleitet5), unter Gesang und Tanz herbei-
kommen. Der Gesang vor den Thüren der Mädchen, der also eine
Art von Ständchen Avar, hiess: nctQcwhtvoidvQov „Klagelied vor der
Thüre."6) Wie der Komos von Flötenklängen, wurde der Chor-
reigen (denn ursprünglich bedeutet -/6qoq Tanz oder auch Tanzplatz)
von einem singenden Phorminxspieler begleitet. Aber es gab auch
Chöre, die im Zusammensingen vieler Stimmen bestanden, so bei
1) Hymn. Apoll. 20.
2) So singen (Ilias I.) Acliaier Päane zur Abwendung der Pest und
(Ilias XXII.) kehren die Gefährten Achill's nach Besiegung Hector's mit einem
Päan zurück. Die Dorier-sangen später auch , wenn sie in die Schlacht zogen
Päane (Otfr. Müller, a. a. 0. S. 33).
3) II. XVIII. 490.
4) A. a. 0. S. 35.
5) Otfried Müller macht auf die ganz ähnlichen Darstellungen auf den
Malereien unteritalischer Vasen aufmerksam.
6) Ein Nachhall davon hat sich im Orient erhalten. Türkische Liebhaber
singen vor den Thüren ihrer Schönen Liebeslieder mit dem Refrain „Aman,
aman" (wehe, wehe!).
Die griechische Musik. 227
Päanen, so schon in sehr alter Zeit jene Jungfrauenchöre in Delphoi,
welche die Geburt der Leto, des Apollon und der Artemis in Ge-
sängen darstellten1), und welche Philammon zuerst aufgestellt
haben soll. Bei solchen Chören scheint der bestgeübte Sänger die
Leitung des Ganzen im Vorsingen übernommen, vielleicht auch
manche Stellen allein vorgetragen zu haben. Hesiod schildert den
Apollon, wie er den Gesang der Musen leitet2), und in Homers
Apollonhymnus schreitet der Gott, phorminxspielend seinen chor-
singenden kretischen Gefährten voran gegen Pytho in den Gebirgs-
schluchten des Parnassos zur Tempel- und Orakelstätte. 3) Die Be-
deutung des Protagonisten und des Chores, die nachmals so grosse
Wichtigkeit gewinnen sollte, kündigt sich hier bereits an. In dieser
ältesten Zeit ist es die Kithara (Phorminx oder Lyra, denn der
Unterschied ist schwankend), deren Töne sich dem Gesänge gesellen.
Die Lyra des Orpheus wird als viersaitig, als Tetrachord geschildert,
dessen Saiten so gestimmt waren, dass die drei höheren gegen die
tiefste die Intervalle der Quarte, Quinte und Octave, d. h. die von
der späteren griechichen Musiklehre anerkannten Consonanzen hören
Hessen.4) Auf eine absolute Tonhöhe kam es dabei gewiss nicht an,
wenn nur das Intervallenverhältniss beobachtet war.5) Es gab aber
auch (wie schon im älteren Aegypten) dreisaitige Lyren , wenigstens
sollen noch die späteren Tonkünstler Terpander und Olympos Gesänge
von nur drei Tönen (Tgl/o^dn) erfunden haben, welche von echten
Kennern den vieltönigen vorgezogen wurden.6) Die Flöte wird
1) Jij/.cöoai sv (Xb'/.eai (Plutarch de mus. 3).
2) Scutum 201—205.
3) V. 514. u.s.w. Apollon wird „kitharspielend auf der Phorminx" (<pÖQ-
f'.iy/ tv ytiQ£Göiv l'yiov, t(>caov xi & ayl'Qiov) geschildert und schreitet in
gehobenem Tanzschritt (xa/.a xcü mpi ßißäq) voran. Man wird unwillkürlich an
den harfenden, vortanzenden David gemahnt. Lehrreich ist eine Vergleichung
der Homerischen Schilderung mit einem bekannten Relief, das bei Welcker
(alte Denkm. II. 37) und in Overbeck's Gesch. d. griech. Plastik, 1. Bd. S. 158
abgebildet und beschrieben ist.
4) Boethius sagt: Adeo ut a quatuor nervis tota (musica) constaret, idque
usque ad Orpheum duravit, ut primus quideni nervus et quartus diapason con-
sonantiam resonarent, medii vero invicem ad se tonum, atque ad extremas
diapente et diatesseron. Eine solche Stimmung wäre z. B.
^
Man kann sie in den Zahlen 6. 8. 9. 12 ausdrücken und diese Proportion galt
den Griechen für den Inbegriff der Vollkommenheit. Vergl. Plutarch, de mu-
sica, 23 und 24.
5) Welche Schwierigkeit die Bestimmung einer absoluten Tonhöhe fin-
den Ton a oder c oder du. s. w. noch jetzt hat, und wie die Stimmungshöhe
schwankt, ist bekannt, man darf sie also nicht in grauen Urzeiten suchen. Jeder
stimmte seine Phorminx, wie es ihm eben am bequemsten war.
6) Plutarch , de mus. , 1 8.
15*
228 Die Musik der antiken Welt.
bei Homer noch nicht als Instrument zur Begleitung des Gesanges
genannt.
Den Gesang kann man sich füglich nicht anders, denn als ein-
fachste vom natürlichen Tonsinn eingegebene Lieder vorstellen. Ob
den Griechen wirklich von dem rauhen, in späterer Zeit als bar-
barisch geltenden Thrakien die ersten Anregungen durch jene schon
genannten, in späterer Zeit mit mannichfachen Mythen in Verbin-
dung gesetzten Sänger Orpheus, Thamyris u. s. w. zukamen, lässt
sich nicht bejahen, aber auch nicht apodiktisch verneinen. Jene
schon genannten Sänger Linos, Ialemos, Hymenäos sind deutlich
genug nur Personifikationen der unter dem gleichen Namen be-
kannten Singweisen1), dagegen braucht der „schönsingende" Eu-
molpos der Etymologie seines Namens wegen so wenig eine nur
mythische Person zu sein, als es der „Buntbildner" Dädalos und
der „Schnitzer" Smilis sein müssen. Auch Ölen, von dem man
in Delos uralte Hymnen und Nomen (Melodien) zum Cliortanze be-
sass, und der als Erfinder des Gesanges im epischen Versmasse
galt, soll ein Hyperboräer (oder Lykier, aus Lykien dem östlichen
„Lichtlande") gewesen sein. Wie Ölen in Delos als ältester Sänger
des Apolloncultus geehrt wurde, stand an der zweiten grossen
Stätte des Cultus, in Delphoi, Chrysothemis in Andenken , welcher den
ersten Nomos auf den pythischen Apoll sang und der Erste in dem
Festanzug erschien, welchen die Kitharoden bei den pythischen
Spielen trugen. Chrysothemis war nach der Ueberlieferung ein
Kreter, und es ist gewiss ein sehr bemerkenswerther Umstand, dass
die Sage die Musenkunst in solcher Weise in der ältesten Zeit mit
den Namen von Dichtersängern in Verbindung setzt, die von Osten
her als Fremdlinge einwanderten. Die unbefangene Forschung mag
darin Reminiscenz an die historische Tbatsache der asiatischen
Abstammung der ältesten griechischen Musik erblicken, eine Ab-
stammung, auf welche auch sonst deutliche Spuren und unverwerf-
liche Zeugnisse hindeuten. Noch in weit späterer Zeit Avar es ins-
besondere die hart an der Küste Kleinasiens liegende Insel Lesbos,
von wo aus griechische Tonkunst (durch Terpander, Arion u. s. w.)
eine besondere Förderung fand ; der Phryger Olympos und der
Kreter Thaletas können als Hauptvermittler ostländischer Musik für
Griechenland gelten. Weniger deutlich sind in jener alten Zeit die
Spuren eines etwaigen Einflusses von Aegypten her, wie auch schon
die geographische Entfernung im Vergleiche zur asiatischen Küste,
weit grösser ist. Allerdings aber lässt die Sage den Orpheus auch
in Aegypten verweilen und nach Nicomachus soll auch Terpander
1) Vergl. Duncker, Gesch. d. Alterth. 3. Bd. S. 276. Anmerkung.
Die griechische Musik. 229
mit seiner siebensaitigen Lyra nach Aegypten gekommen sein, damit
grosses Aufsehen gemacht und sogar den Ruhm als Erfinder der Lyra
davongetragen haben. Aber die Aegypter kannten lange vor Ter-
pander sieben- und selbst neunsaitige Lyren. DerLinosgesang kann
und mag allerdings ursprünglich ägyptisch, das heisst mit dem Ma-
nerosgesang gleich sein, da aber Herodot denselben Gesang auch
den Phönikern u. s. w. zuschreibt, so müssen ihn die Griechen nicht
nothwendig geraden "Weges aus Aegypten, sondern können ihn
durch asiatische Vermittelung erhalten haben. In der ältesten Epoche
der griechischen Musik treten wenigstens asiatische Züge weit ent-
schiedener als ägyptische hervor. In dem Zeitalter der homerischen
Heldensage deutet eine gewisse patriarchalische Physignomie des
Lebens in Staat, Familie und Sitte erkennbar auf den Orient hin.
Unsere Maler pflegen die Scenen aus der Iliade in Tracht, Bewaff-
nung, Architektur u. s. w. so darzustellen, wie wir es aus der Zeit
der Blüte Griechenlands gewohnt sind. Aber die Trümmer von
Mycen, mit dem an Assyrisches mahnenden Ornament vom Schatz-
hause des Atreus , mit eleu Spuren der Erzbekleidung der Wände,
die älteren Vasenbilder mit den wohlbeschienten, vom riesenhaften
Rundschild , vom hohen Visirhelm gedeckten Helden versichern uns,
dass wir die Zeit vor der dorischen Wanderung in Sitte, Tracht,
Bauart u. s. w. von jener nach der Wanderung strenge gesondert
halten müssen. Homer strahlt wie ein klarer Spiegel das Bild
jener alten Heldenepoche wider. Hier finden wir nun (auch ein
orientalisirender Zug) die Musik entweder nur als Hymne für die
Götter1) oder als Freudenweckerin beim Festschmause, beim Hoch-
zeitsfeste, der Gesang göttlicher Sänger mischt sich mit den Tönen
der Phorrninx , das Herz der Gäste erfreuend, sie singen das Lob
und die Thaten der Götter, die Thaten der Helden.2) So hört
Odysseus, unerkannt als Gast des Alkinoos seinen Streit mit Achill
vom Demodokos besingen und bricht erschüttert in Thränen aus.3)
Der Gesang der Aöden ist Schmuck und Zierde des Mahles4), denn
die Phorrninx haben die Götter zur Gefährtin der Mahlzeit bestimmt.5)
Odysseus versichert seinen edlen Wirth Alkinoos, es sei gar nichts
schöner, als solch' trefflichen Sänger Töne der Götter nachahmen zu
hören ; fügt aber auch sogleich hinzu , er wisse sich nichts Besseres , als
wenn bei solchem Gcsang-e zum Festschmause die Tische mit Brod und
1 ) Die Griechen , welche den zürnenden Apollon durch ein Opfer versöh-
nen, singen ihm einen Päan, dem er wohlgefällig horcht: II. I. 472.
2) Penelope redet den Phemios an :
<Pr//uie, Tio/J.a ya.Q Ulla ßQormv üelxzt'jQia oäfoc ^
*E(t«/ uvöqüjv re Q-smv rt, rarf xleiovoiv doidoi.
Demodokos (Od. VIII. 266) singt dieLiebesgeschichtederAphroditeund desAres.
3) Odyssee, VIII. V. 72 u. s. w.
4) Mofatri r' niiytaxvq, re , r« y&Q t' uvatti'jiuaa dren»^. Odyss. I. 152.
5) 'üV öe xt tföf.iiyc rjitVEi, rjv apa öaizl tttol nolijoav hraiQyv,
Odyss. XVII. 270.
230 Die Musik der antiken Welt.
Fleisch reichlich bedeckt sind und der Schenke fleissig einschenkt.1)
Zuweilen gesellte sich zu dem Gesänge Tanz, sogar Grotesktanz,
und in dieser ganz unbefangenen Verbindung zeigt sich wieder das
alterthümlich Naive dieses ganzen Sängerwesens. So tanzen, als
Menelaos den Telemach bewirthet2), zum Gesänge zwei Tänzer
(y.vßi(TT>lTrjge von xvßurTotu sich auf den Kopf stellen, sich überschlagen,
es sind also Grotesktänzer). Als Demodokos singen soll, stehen
neben ihm Jünglinge (xovgoi ngco&rjßnt)^ kundig des Tanzes (durhuore?
oQxv&poi0), es scheint also auf einen pantomimischen Tanz abge-
sehen.3) Die Sänger, deren herzerfreuender Gesang Göttern und
Menschen angenehm ist, sollen denn auch gebührend geehrt wer-
den. Athenäus meint, dass die Sänger jener Zeit „kluge Männer
waren, welche die Stelle der späteren Philosophen vertraten.''4)
„Sänger," sagt Odysseus zu Demodokos, sollen von allen erdbe-
wohnenden Menschen mit Achtung und Ehrfurcht aufgenommen
werden, weil die Muse sie den edlen Gesang gelehrt hat."4) Bei
Bestrafung der Freier schont Odysseus den flehenden Phemios.
"Die Lvra erscheint nie selbstständie-, sondern stets zur Bes-leitunü;
des Gesanges, auch wenn dazu ein allgemeiner Tanz stattfindet.5)
Sie ist aber auch das edle Ton Werkzeug , wogegen die Flöte das
Hirteninstrument ist.6) Die Singweise des Phemios, Demodokos
und ihrer Genossen (denn Homer schildert hier sicherlich treu) dür-
fen wir uns kaum anders vorstellen als eine Art Recitation, die
sich in wenigen Tönen herumbewegte, eine Art modulirter Decla-
mation, die zwischen Sprechen und eigentlichem Singen die Mitte
hielt. Der epische Vers, breitgegliedert und sylbenreich, lässt eine
andere Art von Recitation kaum zu, zumal die Sänger, wie wir
wieder aus Homer wissen, lange, umständlich mit allem epischen
Apparat erzählte Göttersagen oder Heldengeschichten zu singen
pflegten. Der Gesang des Demodokos von der Liebe des Ares und
der Aphrodite, und wie Hephästos sie im listig bereiteten Netze
fängt, kann als Muster eines solchen Vortrages gelten, er umfasst
1) Odyss. IX. 1 u. fg. Er schlichst mit den Worten: tovvö rl /Wi xü'/j.i-
gxov ivl (pgealv eiösxai slvai.
2) Odyss., VIII. 262.
3) ^tTxpyor de ti tjv ro tojv doiöiöv ytrog, xal (fi'/.ooöifojv diü'teoiv
hitkypv. Athen. I. 24.
'4) Odyss. VIII. 479.
JJäai yr.n av9-Q(O7toi.0iv i7ti%&ovloioiv aoiSol
Tifiijq, sfjLfiOQoi :ioi xal alSovq, owsx (Ina a<pmq
Oi'fjtag Movc' idlöage' (fl/.tjoe 6h <fv).ov ccoidojv.
5) Z. B. bei dem Brautreigen (auf dem Aekillesscbild. II. XVIII), wo
Jünglinge und Jungfrauen und ausserdem zwei Gaukler (xvßiGTijTtJQs) tanzen
— bei der Weinlese, wo ein Knabe lieblich auf der Phorminx spielt und dann
singt — Gesang, Jauchzen und Tanz der Uebrigen begleitet ihn.
6) Eigentlich die Panspfeife (ßvQiyg). IL XVIII. 526. Als Achilles sich
mit der Lvra zu erheitern sucht, singt er dazu das Lob der Helden.
Die griechische Musik. 231
nicht weniger als Ob Verse (Vers 2G8 bis 366 des 8. Buches der
Odyssee). Wo längere poetische Erzählungen epischer Art abge-
sungen werden, ist bisher noch immer und überall eine ähnliche
Vortragsweise angewendet worden. Die Declamation steigert sich
bis zum singenden Tone, oder vielmehr es muss der singende Ton
für eine ausdrucksvolle, lebendige, detaillirende Declamation Ersatz
leisten, so dass der Sänger in die Einzelheiten der Erzählung keines-
wegs die angemessene Abwechslung des Gefühlsausdrucks legt,
keineswegs bei den redend eingeführten Personen den Ton des
Affektes, um den es sich gerade handelt, nachahmt, sondern Vers
nach Vers in einem gleichmässig fortströmenden, meist ziemlich
monotonen, recitativartigen Singeton vorträgt. Göthe, der die
Gondoliere in Venedig ihre Stanzen aus Ariost und Tasso noch in
der alt hergebrachten Weise singen hörte, sagt von der Weise dieses
Gesanges: „sie hat eigentlich keine melodische Bewegung, und ist
eine Art von Mittel zwischen dem Canto fermo und dem Canto
figurato ; jenem nähert sie sich durch recitative Declamation, diesem
durch Passagen und Läufe, wodurch eine Sylbe aufgehalten und
verziert wird. Im Ganzen schienen es immer dieselben Noten zu
bleiben, aber sie gaben, nach dem Inhalte der Strophe, bald der
einen, bald der andern Note mehr Werth, veränderten auch wohl
den Vortrag der ganzen Strophe, wenn sich der Gegenstand des
Gedichtes veränderte."1) In ganz ähnlicher Art wird der Vortrag
der Vorleser auf dem Molo in Neapel geschildert, welche das Volk
„mit den Abenteuern des Prinzen Binaldo unterhalten." „Am auf-
fallendsten für den Eremden ist," sagt Kotzebue in seinen italieni-
schen Reisebemerkungen, „dass alle diese Wunderdinge grössten-
theils singend vorgetragen werden. Die Melodie, dieses Gesanges
ist sehr einförmig und gleicht in etwas dem Recitativ." Die eigen-
thümliche Vortragsweise der Evangelien im Kirchengesange ist aus
gleichen Gründen ein eigenthümliches Mittelding zwischen Reden
und Singen, wobei sich die Elexionen der Stimme nach der syn-
taktischen Construction der Sätze und nach deren Interpunktion
richten. Diese Beispiele sind ganz geeignet, davon auf die Vor-
tragsweise der alten Aöden und vielleicht selbst der späteren Rhapso-
den einen ziemlich sicheren Sehluss machen zu können. Der Aöde
schlug vor dem Gesänge einige Töne auf seiner Kithara an, diese
Einleitung (avaßokri) gab ihm zugleich den Ton für seine Singstimme
an2), die mit Accorden kunstvoll zu begleiten er freilich nicht ver-
stand, auch auf einem Instrument mit nur vier Saiten eine eigent-
1 ) In den Anhängen zur ital. Reise.
2) Otfried Müller, a. a. 0. S. 54 erinnert an die Heldenlieder der Serben,
die auch blos von einigen Accorden der Guzla, eines sehr einfachen Saiten-
instrumentes eingeleitet, dann aber ohne weiteres Accompagneraent vorgetra-
gen werden , und findet dies für den Vortrag der einschen Poesie sehr passend.
232 Die Musik der antiken Welt.
liehe Begleitung gar nicht möglich gewesen wäre. Allerdings aber
mochte er bei Einschnitten der Rede, oder sonstigen passenden
Stellen einige Töne seines Instrumentes anschlagen, oder zuweilen
-ein kurzes Zwischenspiel einschalten. J) Im Gesänge selbst mochte
er (gleich den Gondolieren) einige Sylben stärker betonen, aushalten,
wohl gar hin und her eine kurze Figuration von einigen melodie-
artigen Noten hören lassen. Mehr der eigentlichen Melodie ver-
wandt und daher wohl aucli durchgängig von der Kithara im Ein-
klänge begleitet musste der Gesang sein, wenn sich darnach Tänzer
bewegten, denn Tanz setzt nothwendig einen gebundenen Rhythmus
voraus. Jedenfalls Hess sich ein solcher Gesang beim Schmause,
wenn „die Begierde der Speise und des Trankes gestillt war," mit
behaglichem Zuhören sehr gut gemessen.
Der Gesang war in den Heroenzeiten, in der Zeit der Helden-
sage, das Geschäft der Sänger von Profession, der Geschlechter
welche die Götter in Hymnen zu preisen hatten, in denen sich der
Gesang als eine priesterlic.be Ueberlieferung von Vater auf Sohn
vererbte, oder einzelner Aöden, welche an den Höfen der Helden-
könis;e die Thaten der Götter und Heroen sanken. So allgemein,
wie dann in späteren Zeiten, war Uebung und Kenntniss der Musik
nicht, die Heroen verstanden es, den Speer zu schleudern, vom Streit-
wagen herab zu kämpfen und „des Bogens Kraft", nicht aber „der
Lyra zarte Saiten" zu spannen. "Wenn Herakles dennoch ein Lyra-
spieler ist und Theokrit von ihm sagt :
,. — — zum Sänger erschuf und bildet ihm beide die Hände
Zu der Kithara von Bux Philammons Entsprosster, Eumolpos"
so ist das ein ursprünglich ganz anders woher stammender mytho-
logischer Zug; denn Herakles ist von Hause aus ein Sonnengott, so
gut Avie Appollon, und seine Lyra ist gleich jener Appollon's das Cijin-
balum mundi, das Instrument, welches zum Symbol der Ordnung
im Weltall dient. Von den Helden vor und in Troja versteht nur
Achilleus die Phorminx zu spielen, so trifft ihn die Gesandtschaft,
welche geschickt wird, seinen Unmuth zu beschwichtigen:
..Als sie nun zu Schiffen und Zelten des Myrmidonen gelangten
Trafen sie ihn, wie er labte das Herz an der tönenden Laute,
Die gar künstlich und schön und mit silbernem Stege geschmückt war,
Die er als Raub sich genommen, Eetion's Veste zerstörend
Damit labte er das Herz und sang von den Thaten der Männer. 2)
1) Duncker, Gesch. d. Alterth., 3. Bd. S. 421 sagt: „Der alte Hymnenge-
sang, der Heldengesang war recitirend vorgetragen und nur von einigen Ac-
corden der alten viersaitigen Kithara begleitet -worden u. s. w." Unter diesen
Accorden , sind natürlich nur Accente zu verstehen.
2) IL IX. 185. Im Original heisst es:
4>6Qfiiyyi hyehj y.cüjj, öcudaXey, >nl S' aQyvQsov "Qoybv ijsv.
Wenn dieser „silberne Steg" nicht ein blosses Phantasiegebilde des Dichters
ist, so liegt darin ein Beweis, dass schon damals die Phormingen so reich aus-
gestattet wurden, wie wir sie auf Vasenmalereien erblicken.
Die griechische Musik. 233
Dieser Zug ist für die Charakteristik des Heldenjünglings vom
Dichter mit wohlerwogener Absicht gewählt, gerade so wie Gott-
fried von Strasshnrg, um seinen Tristan als liebenswürdige, poetisch
gefärbte Kittergestalt hinzustellen, aus ihm einen feinen Harten-
schläger macht, der „Grund- und rasche Wechseltöne'' in harmo-
nischen Klängen anzuschlagen versteht, und König Marke, wie
dessen Hofstaat mit seinem Spiele bezaubert. l) Amphion mit seiner
Lyra war wohl nur eine thebaische Fassung des Sonnengottes. Auf
der Lade des Kypselos war auch Theseus mit einer Lyra in der
Hand dargestellt. Wenn nun aber die Helden nur ausnahmsweise
selbst in die Saiten zu greifen verstanden, so sahen sie im Sänger
doch nicht nur einen willkommenen Begleiter, sondern auch einen
würdigen Gefährten, nicht einen blossen Diener zur Zerstreuung
und Unterhaltung. In diesem Sinne nimmt Orpheus an der ritter-
lichen Heldenfahrt der Argonauten Antheil. Sänger sind hoch-
geehrte Hausgenossen. Als Agamemnon zum Heereszug gegen Ilion
aufbricht, übergiebt er die Hut des Hauses einem treuen Sänger, und
Aegisth muss diesen redlichen Hüter erst auf einer wüsten Insel
aussetzen, ehe ihm seine Anschläge auf Klytemnästra gelingen. Mag
die ganze Epoche sagenhaft gefärbt sein , Züge dieser Art sind ge-
wiss der Wirklichkeit entnommen.
Etwa ein Jahrhundert nach dem Falle Ilions, um das Jahr
1000 v. Chr., tritt jene grosse Bewegung ein, die der mythischen
Zeit Griechenlands ein Ende macht und den entschieden>ten
Abschnitt bildet: die dorische Wanderung. Schaaren von Thes-
^aliern, Arnäern und Dorern drängten südwärts; Böotien und
der Peloponnes wurden besetzt, die bis dahin dort sesshaft ge-
wesenen Stämme unterworfen oder verdrängt und zur Auswanderung
gezwungen. Die verschiedenen Elemente des Griechenthums misch-
ten sich zu ganz neuen Combinationen, es war eine Völkerwanderung
im Kleinen. Nur Attika blieb (nach der Sage wegen des Opfer-
todes des Kodros) verschont und bot den Pelasgioten von Larissa,
Kumerern u. s. w. eine willkommene Zufluchtsstätte, bis das be-
schränkte Land die Menge der Flüchtlinge zu fassen und zu be-
herbergen nicht mehr vermochte, und der Strom der Auswanderer
sich auf die kleinasiatische Küste, auf die Cykladen u. s. w. ergoss.
Von dieser Zeit an datirt sich die Dreitheilung der Griechen und
Ionier, Dorer und Aeolier, und das eigenthümliche Vorwalten des
ionischen oder des dorischen Elements in Sitte, Leben und Kunst.
Die Anklänge an den Orient verschwanden nun völlig und ein neues
Leben begann. Doch knüpfte die neue Zeit vielfach an die ältere
an, und so ging das hochgeehrte Sängerthum in den Stürmen der
l ) In der Ilias ist auch der orientalisch üppige Paris ein Kitharspieler und
gerade dieser Zug lässt ihn trotz, oder vielmehr wegen seiner Identität gegen
Achill erst recht contrastiren.
234 Die Musik der antiken Welt.
Wanderung keineswegs unter, gedieh vielmehr zu noch höherer
Bedeutung. An die Stelle der einzelnen Sänger treten jetzt ganze
Sängerfamilien oder Sängergilden, die sieh nach irgend einem wür-
digen Ahn benannten, die Kreophyliden auf Samos, die Euniden in
Athen, denen das Kitharspiel bei Festzügen übertragen war (800
v. Chr.) , die Homeriden auf Chios. Hier wurde der alte Hymnen-
gesang wie ein Erbgut gepflegt und bewahrt, wer ihn gehörig vor-
tragen wollte, musste in die Gilde eintreten, um die rechte Weise
in Wort und Ton ordentlich zu erlernen. Das homerische Epos
wurde von den Homeriden an den höchsten Fest- und Opfertagen
in wetteifernden Gesängen recitirt, der Sänger hielt dabei einen
Lorbeerzweig in der Hand, und wie nun die Landesgötter, die
Stammheroen in farbiger Lebendigkeit in dem ganzen Zauber home-
rischer Sprache, in der ganzen Urkraft und Einfalt der homerischen
Auffassung den Hörern vorgeführt wurden, war der Eindruck so
mächtig, dass man bald auch ausser Chios dergleichen zu hören be-
gehrte, die Rhapsoden trugen den „Zorn des Peleiden Achilles" und
„den vielgewandten Mann, der viel des Uebels erduldet" durch alle
Städte Griechenlands.
Xeben dem traditionell erhaltenen Epos blieb der Hymnen-
gesang beim Opfer nach wie vor in hohen Ehren, bei den gemein-
samen Opferfesten , zu denen zu bestimmten Zeiten die verschiedenen
Stämme an geheiligten Orten zusammen kamen (z. B. die ionisch-
asiatischen Städte am Mykale, die dorischen bei dem Vorgebirge
Triopion), brachten die Gaue ihre heimischen Kitharoden mit, die im
Wettstreite das Lob des Gottes sangen, ja die vom Gesänge begeisterte
Menge fing an, sich einzumischen, mit Anrufungen, Antworten,
endlich mit Chorliedern, und auch die Chöre der einzelnen Städte
wetteiferten jetzt unter einander in Festgesang und Tanz am Altare.
Die Idee des Wettkampfes zwischen vorzüglichen Streitern vor dem
zuschauenden, und selbst oder durch bestellte Preisrichter richtenden
Volke war den Griechen besonders werth. Immer aber hatte dieser
Wettkampf einen religiösen und politischen Hintergrund. „Der
Cultus der Hellenen," sagt Duncker, „stellt die Vereinigung von Re-
ligion und Staat am unmittelbarsten dar; er war der lebendige Aus-
druck dieser Einheit. Grössere Opfer wurden den Göttern nur für
das Gedeihen und Wohl des Gemeinwesens dargebracht; es war die
gesammte Gemeinde, welche an demselben Theil nahm. Eine so
grosse Zahl der Theilnehmer nöthigte dazu, den Zug zum Tempel
oder zum Altar feierlich zu ordnen. Den geschmückten Opferthieren
folgten die Priester, die Träger der Opfergeräthschaften, die Beam-
ten des Staates mit den Zeichen ihrer Würde, der wehrhafte Adel,
je nach der Feier im Waffenschmuck zu Fuss oder zu Rosse oder in
reinen weissen Gewändern, Zweige in der Hand, endlich die be-
jahrten Männer und Greise. Während des Zuges erschallten aus
den verschiedenen Abtheilungen desselben wechselnd feierliche
Die griechische Musik. 235
Choräle, die Prozessionslieder1), welche die Gemeinde zur Andacht
stimmten. Wenn der Zug sich um den Altar geordnet, und das
Opfer emporbrannte, ertönte die Kithara des Hymnoden, die vollen
Chöre «1er Männer und Greise, der Jünglinge und Jungfrauen. Die
feierlichen Weisen erhoben die Herzen zur Anschauung, zur Empfin-
dung der Hoheit des Gottes, welchem die Feier galt. Zugleich
schlangen sich tanzende Reigen um den Altar. In der rhythmischen
von der Musik geleiteten Bewegung derselben drückte sich die
Stimmung aus, welche das Fest erregte, welche die Worte der
Chorlieder auslegten. War es eine mythische That des Gottes, an
welche sich das Fest knüpfte, so versuchte der Tanz dieselbe
mimisch anschaulich zu machen ; bei den pythischen Festen stellte
der Tanz der Jünglinge den Drachenkampf des Apollon vor. Dem
Feste folgte der Wettgesang der Kitharoden , die Vorträge der Rhap-
soden, die Wettspiele und Wettkämpfe, durch welche die Griechen
seit den Zeiten ihres kriegerischen Königthumes sich selbst und ihre
( ! ötter an grossen Festtagen erfreuten." 2) Auch die grossen National-
spiele, bei denen, wie der eben citirte Historiker sagt, die religiösen
und politischen Elemente zu grosser Wirkung zusammentrafen, wo
„der Nationalstolz der Hellenen geweckt wurde durch den Anblick der
Wettkämpfer aus allen Gauen, die sich Angesichts der Götter gegen
einander versuchten, und um den Preis mannhafter Schönheit und
Tüchtigkeit rangen," wo sie „mit Selbstgefühl auf ihr Vaterland und
Volk blicken und die Gnade der Götter preisen leimten, die ihnen so
vieles Land und so stattliche Männer verliehen", auch diese Spiele
waren ursprünglich aus gemeinschaftlichen Opferfesten der Männer
hervorgegangen, wo, nachdem man demGotte das gebührende Opfer
dargebracht, die tüchtigsten Männer der zusammenkommenden Gaue
sich gegen einander versuchen sollten, anfangs, wie es dem natür-
lichen Menschen am nächsten liegt, in Körperkraft und Gewandtheit.
in Wettlauf und Ringen, später auch in musischen Künsten. Das
wahre Nationalfest der Hellenen waren die seit 776 v. Chr. alle vier
Jahre am Alpheios zu Olympia3) gefeierten, ursprünglich aus einem
1) Sie bildeten unter dem Namen „Prosodien" eine eigene Classe von
Festgesängen.
2) Gesch. d. Alterth. 3. Bd. S. 5S9. Das idealste Bild eines solchen Fest-
nnd Opferzuges hat Phidias in den Reliefs hinterlassen, welche als Friesband
die Cella des Parthenons einsäumten und den Panathenäenzug darstellen.
Auch hier sieht man eine Andeutung der Fest- und Opfermusik: in den in
lange Talare gekleideten Jünglingen, welche lange, oboenartige Flöten blasen
und Kithara spielen. Overbeck (Gesch. d. griech. Plastik, V. 1. Bd. S. 269)
erblickt in der Männerschaar, die sich diesen Musikern anschliesst, die Theil-
nehmer an den auf den Festzug folgenden Wettkämpfen.
3) Olympia war keine Stadt, sondern ein Complex von Tempeln und
geheiligten Stätten, unter denen der Zeustempel obenan stand. Für diesen
Tempel schuf Phidias jenes bewunderte Zeusbild , von dessen Herrlichkeit uns
das colossale Haupt von Otricoli eine Vorstellung geben kann.
236 Die Musik der antiken Welt.
gemeinsamen Zeusopfer der Eleer und Sparter, dem sich bald die
übrigen Griechenstämme anschlössen, hervorgegangenen olympi-
schen Spiele, nach deren Feier, wie bekannt, die Griechen ihre
Zeitrechnung zählten. Dem anfänglichen Wettlaufe gesellte sich
seit 708 das Eingen, der Sprung, der Diskoswurf, das Werfen des
Speers, der Faustkampf, seit 680 das Rennen der Wagen, seit 648
das Wettreiten und die Verbindung des Faust- und Ringkampfes,
Pankration genannt. Hier galt die Schnellfüssigkeit des Läufers,
die Gewandtheit und Muskelkraft des Ringers, die, wenn ihre sieg-
reichen Namen vom Herold ausgerufen, wenn sie selbst vor dem
Angesichte des thronenden Zeus, vor den Hellenenrichtern mit dem
heiligen Oelzweige bekränzt worden, Ehren wie Halbgötter er-
hielten. Dabei fehlte nicht der gewohnte festliche Chorgesang.
Während der Sieger im Festzuge geführt wurde, ertönte das Lied
des Archilochos :
„Tenella, Tenella! Heil dir im Siegprangen
O Herrscher Herakles !
Heil dir Iolaos!
Speerberühmt beide, Tenella ! "
Den gymnastischen Kämpfen in Olympia schlössen sich (wiewohl
nur sehr untergeordnet und eigentlich nur beiher) auch musische
Wettkämpfe an. In der 91. Olympiade (416 v. Chr.) rangen Xe-
nokles und Euripides um den Preis der Dichtkunst.1) Auch Wett-
kämpfe von Trompeten fanden statt. Mehrere Namen von Siegern
sind uns aufbehalten. Der erste war in der 96. Olympiade Timäos
von Elis; dann, in drei Olympiaden, Archias von Hybla; in der
120. Olympiade (300 v. Chr.) aber der Hercules unter den Trompe-
tern, Herodoros von Megara, der gleich seinem heroischen Vorbilde
eine Löwenhaut trug und sich auch einer Speisebegierde erfreute,
die jener des Sohnes Alkmenen's kaum etwas nachgab. Dieser
Riese schlief auf einer Bärenhaut; er konnte zwei Trompeten zu-
gleich und so gewaltig blasen, dass man ihn nur in einiger Entfer-
nung zu hören vermochte. Er gewann den Preis in Olympia zehn-
mal.2) Augenscheinlicb Avar es bei den Trompetenkämpfen nicht
auf wesentlich Musikalisches, sondern auf kraftvolles Anblasen von
Signalen abgesehen, was mit dem kriegerischen Charakter der Ring-
kämpfe, des Speerwerfens u. s. w. ganz wohl zusammenpasst.
Archias von Hybla liess für seine drei Siege eine Apollonstatue
setzen, mit der Weiheinschrift:
1) Aelian, hist. II. 8.
2) Nach Athenaus, X. 3, nach Jul. Pollux, IV. 12, siebenzehnmal. Offen-
bar legte man auf die kriegerische Brauchbarkeit eines tüchtigen Heerhorn-
bläsers das meiste Gewicht. Bei der Belagerung von Argos ermuthigte Hero-
doros die Krieger des Demetrios Poliorketes, indem er gewaltig auf seinen
zwei Trompeten blies.
Die griechische Musik. 237
Nimm in Gnaden, Apoll, dies Bild, zum Danke
Von Archias, dem Hybläer. dem Sohn des Eukleos,
Dass un verletzet er blieb, als dreimal in Olympia
Er als Herold gerufen, nicht durch die Binde geschützt.1)
Auch mit dem der Trompete verwandten, mir durch die Krümmung
verschiedenen Hörn waren in Olympia Preise zu erringen. Krates
von Elis siegte damit in der 96. Olympiade.
Für musische Wettkämpfer stand in Olympia stets das so-
genannte Lalichmion offen.2) Insbesondere fanden Vorträge der
Rhapsoden statt. 3)
Auch die Kämpfe wurden zum Theil mit Musik begleitet, zum
Wettrennen zu Rosse tönten Trompeten (vielleicht selbst auch wett-
kämpfend), zum Wagenrennen Flöten. Der sogenannte Fünfkampf
(das Pentathlon, eine zusammengesetzte Uebung) wurde stets von
Flöten begleitet, insbesondere von einem Nomos des Hierax, Schü-
lers des Olynipos4); und dass man diese Begleitung nicht ganz als
Nebensache hinnahm, beweiset der Umstand, dass Pythokritos von
Sikyon dafür mit einer in Olympia aufgestellten Statue geehrt wurde.5)
Als seit 632 auch Knabenkämpfe im Laufen und Ringen und 616
im Faustkampfe in Olympia stattfanden, sendeten die Städte auch
eingeübte Knabenchöre ab, welche bei dem olympischen Opfer ihre
Chorale sangen. 6) Waren die Wettkämpfe in Olympia in erster Reihe
gymnastisch und nur sehr nebenher musisch, so waren die kaum
weniger berühmten pythischen, welche anfangs alle acht, dann alle
vier Jahre in Delphoi gehalten wurden, vorwiegend musisch; erst
bedeutend später kamen auch die Spiele des Wettfahrens und Wett-
reitens hinzu. Diese Spiele waren freilich Apollon, dem Musen-
gotte geweiht. Sie entstanden aus dem grossen Frühjahrsopfer, mit
welchem der rückkehrende Sonnengott unter Hymnengesang be-
grüsst wurde. Astronomische Beziehungen in der wiederkehren-
den Uebereinstimmung des Sonnenlaufes, mit den Mondumläufen,
machten die pythische Oktaeteris, das „grosse Jahr", das ist, einen
Abschnitt von je acht Jahren zu einem besonders wichtigen Zeit-
punkte, der denn auch mit festlichen Spielen gefeiert wurde, wie
sie für den Gott der Musen passten. In Delphoi war der Python-
drache den Pfeilen Apollons erlegen, der Drachenkampf gab also
das bleibende Thema der musischen Darstellungen ab. Die Kithara,
Apollons Instrument, stand dabei in hohen Ehren, so dass Hesiod
1) Pollux, IV. 1.
2) Fausan. Eliac. VI. Eigentlich zunächst für Redeübungen: /.öyojr vt
(■VT(>r,/jriSlvjr y.a\ oryyQuuuärvjv. Das Gebäude führte den Namen nach seinem
Stifter.'
3) Diodor, XIV. 109.
4) Otfr. Müller, a. a. 0., S. 291.
5) Ihre Inschrift war (nach Pausanias) Tlvd-oxplrov KttkXtvlxov uvauara
cv'/.^xä. (Eliac. VI.).
6) Duncker, a. a. 0. 602.
238 Die Musik der antiken Welt.
selbst von dem Wertkampfe in Delphoi ausgeschlossen blieb, weil
er sich, nach der Weise der Böotischen Dichter der Kithara nicht
bedienen mochte.1) In dem ersten Wettkampfe der Pythier (im
dritten Jahre der 48. Olympiade, d. i. 586 v. Chr.) siegte als Kitha-
rode Melampus von Kephallonia. Hochberühmt wurde das pythische
Flötenspiel (IJv&ncov avlrj/.m). Sakadas von Argos errang damit in
den drei ersten Pythischen Kampfspielen (586, 582, 578 v. Chr.)
den Preis, dagegen siegte in der Aulodie, das ist im Gesänge zur
Flöte, in der ersten Pythiade der Arkader Echembrotos. Aber die
Amphyktionen schafften die Aulodie sogleich wieder ab, weil man
gewohnt war, die Flöte zu Trauergesängen zu blasen, und diese
Erinnerung der Sache etwas Lugubres gab, das zur heiteren Sieges-
feier des Pythontödters unpassend befunden wurde. 2) Die meisten
Siege trug Pythokritos von Sikyon davon, der als Flötenbläser in
sechs Pythien hintereinander (574, 570 u. s. w.) bekränzt wurde.
Wenn ein in den Pythien errungener Preis den Sieger auch
nicht, wie ein olympischer, zum Heros und Halbgotte erhob, so
galt er doch auch hoch genug. Als Midas von Agrigent (488 v. Chr.)
mit der Flöte gesiegt, pries ihn Pindar in der 12. pythischen Ode
mit aller schwungvollen Pracht seiner Dichterrede. Und Echem-
brotos weihete den mit der Aulodie gewonnenen ehernen Dreifuss
dem Herakles nach Theben mit der Inschrift: „Echembrotos, der
Arkader, stellte dies Weihegeschenk dem Herakles auf, als er in
den Kämpfen der Amphyktionen, da er den Hellenen Elegien und
Lieder sang, gesieget".3) In den zwei vorzüglichsten National-
spielen der Griechen, dem olympischen und pythischen, spricht sich
das- Wesen der griechischen Bildung eigenthümlich aus , bei welcher
Gymnastik und Musik zusammenwirkten, um den Hellenen körper-
lich und geistig eine harmonische Entwickelung seiner Anlagen
und Kräfte zu vermitteln, die olympischen Spiele waren eine Ver-
klärung der gymnastischen, die pythischen Spiele eine Verklärung der
musischen Bildung, beide aber gehoben und getragen von religiöser
Ehrfurcht vor den Göttern und von Liebe zum gemeinsamen Vater-
lande.
Aehnlich, aber Aveniger bedeutungsvoll treten diese Seiten
bei den nemeischen und isthmischen Spielen hervor. Zu Nemea
war es, wo Philopoimen (206 v. Chr.) gerade eintrat, als der Kitha-
rode Pylades von Megalopolis eben den Vers des Timotheos sang :
„Für Hellas erringt er der Freiheit herrlichen Schmuck."4)
1) Otfried Müller, Gesch. d. griech. Lit. 2. Aufl. 1. Bd. S. 54.
2) So erz'alt Pausanias, X. 7.
3) Pausan., X. 7. 3.
4) Der Vers stand in dem „Jli^aai" (die Perser) genannten Nomos und
lautet: xXeivdv t).£v$£Qtuq xiVfüiv [i£yav''EXXadix6o[iov. Die Anekdote wird
von Pausanias, VIII. 50, und von Plutarch (Philop. II.) übereinstimmend
erzählt.
Die griechische Musik. 239
Aller Augen wendeten sich dem Feldherrn zu, wie sie sich einst im
Theater zu Athen bei ähnlicher Gelegenheit dem Aristides zuge-
wendet. ') Neben diesen grossen Nationalspielen gaben die Opfer
und Feste einzelner geheiligter Stätten Gelegenheit zu wetteifern-
den Gesängen und Agonen der Rhapsoden, mit denen die Götter
sreehrt und die Menschen erfreut werden sollten. Die böotischen
Gaue fanden eine solche Gelegenheit in den Culten, die ihre Sitze
an den Abhängen des Helikon hatten. Die ionischen Stämme ins-
besondere bei dem Mnsenfeste zu Thespiä, dem Feste der Chariten zu
Orchomenos, fanden die Gelegenheit in Apollonfesten auf der Geburt-
>tätte des Gottes, der Insel Delos. Wenig später als die Olympiaden
begannen auf Delos die Frühlingsopfer undFestreigen um den Apollon-
altar, deren Stiftung man dem aus Kreta siegreich heimschiffenden
Theseus zuschrieb. Eine Probe der Hymnen, wie die wetteifernden
Barden sie bei diesen Festen sangen, ist in der nach Homer be-
nannten Apollonhymne erhalten. -) Der Dichter gedenkt dabei der
Taonen ,
„Die sich des Faustkampfs freu'n, des Sanges und Tanzes im Wettspiel"3)
und spricht dann von den „delischen Jungfrauen, welche Apol-
lon und Leto und die pfeilfrohe Artemis preisen , singend den Hvm-
nos der Männer und Frauen der Vorzeit." Neben diesem eigent-
lichen Tempelgesang der alten, traditionellen Hymnen, brachten
die zum Opfer kommenden auch ihre eigenen Processionslieder mit.
S<i dichtete Eumelos von Korinth für König Phintas von Messenien
ein solches nach Delos bestimmtes Prosodion.4) Noch Pindar dich-
tete gleichfalls ein Prosodion, in welchem „der weiten Erde unbe-
wegtes "Wunder, welches die Sterblichen Delos nennen" gepriesen
wird.5) Auch in Sikyon fanden rhapsodische Agonen statt, bei
denen aber Kleisthenes aus politischen Gründen die Eecitation der
Gedichte Homers abschaffte. 6) Bei den Eleusinien waren gleich-
falls musische Wettkämpfe üblich, so wie man Rhapsodenwett-
kämpfe mit den Festen der Aphrodite verband (insbesondere zu
Salamis auf Kypros), nicht minder wurden zu Ehren Apollons und
seiner Schwester Artemis bei dem Heiligthume zu Klares, nächst
1) Als in des Aeschylos „Sieben vor Theben" der Vers gehört^ wurde:
vnicht, der Beste scheinen, nein, er will es sein" (ov yuQ öoxslv agiatoq,
d'/.L eivat 9-eXsi.)
2 ) In der Hymne dq' Anö/jxova sind eigentlich zwei zusammengeschmol-
zen , eine phvthisclie für Delphoi und eine andere für Delos.
3) V. 149. 150.
Ol 6k as nvyi.w./l)j ie xcu 0(,>yj]&ftiö xai aoid% .
Mvi]oä(.avoi TSQTtovaiv, ozav oti'jgiovtcu ccycöi'cc.
4) Pansan., IV. 4. 1. IV. 33. 2.
5) Fragm. 64. 65 be Bergk.
6) Herodot., V. (17.
241) Die Musik der antiken Welt.
Kolophon musikaliche Wettstreite veranstaltet, und die homerischen
Hymnen an Demeter, an Aphrodite, an Artemis scheinen gerade
von diesen drei Festen ihren Ursprung herzuleiten. l) Auch zu Sy-
rakus, bei den Asklepien zu Epidauros wurden Wettkämpfe abge-
halten. Berühmter als diese kleineren Lokalfeste wurde das Gegen-
stück der ionischen Delosfeste, welches die Sparter zu Appollons
Ehren im Monate Karneios (August) unter dem Namen der Kar-
neen feierten, und das sie seit der Eroberung von Amyklä (um
760 v. Chr.) in das Heiligthum des amykläischen Apollon verlegten.
Ursprünglich war es auch nur ein gemeinsames Opferfest, welches
(wie das Fest in Delos die Ionier) die im Peloponnes wohnenden
Dorier vereinigte, seit 076 v. Chr. aber wurden damit auch Wett-
gesänge von Kitkaroden und Chöre verbunden, und als der erste
Sieger wird T er p an der von Lesbos genannt, der Reformator und
zugleich Begründer der Musik nicht allein in Sparta, sondern bei-
nahe der griechischen Musik überhaupt, und der erste zweifellos
historische Künstlername der griechischen Musikgeschichte. Die
strengen Spartaner fanden sehr viel Gefallen an Musik. Auch
Polymnestos und Sakadas entwickelten in Sparta eine rege
Thätiffkeit und Theodoros von Samos baute dort auf dem Markt-
platze für musikalische Aufführungen und Wettkämpfe eine eigene,
bedeckte Tonhalle — ■ Skias °-eheissen.
Die jüngsten unter den musikalischen Wettkämpfen waren die
mit den Panathenäen verbundenen, welche erst zu Ende des fünf-
ten Jahrhunderts v. Chr. Perikles einführte, oder doch reicher aus-
stattete, indem er den Athenern am Ende der Dreifussstrasse
ein Odeion zu Musikaufführungen baute. „Das Odeion," erzählt
Plutarch im Leben des Perikles, „hatte nach seiner innern Einthei-
lung viele Sitze und viele Säulen, das Dach bildete ringsum eine
schiefe Ebene, und war so angebracht, dass es oben von einer ein-
zigen Spitze ausging." Es soll das Ganze ein Nachbild des Zeltes
des rjersischen Königs gewesen sein. Perikles führte auch hier die
oberste Leitung. Kratinus spottet daher in seinen Thrakerinnen
'„Da kommt ja Zeus Meerzwiebelkopf Perikles her
Und trägt auf seiner Stirne das Odeion hoch
Nachdem er an dem Scherbenfels vorüber ist."
Um nun davon Ehre zu gewinnen, brachte Perikles jetzt zum ersten-
male die Aufführung eines musikalischen Wettstreites bei den Pan-
athenäen in Antrag, und ordnete als gewählter Preisrichter selbst
1) Otfried Müller, a. a. O. , S. 128.
2) Meerzwiebelkopf, Schinokephalos, war das stehende Verspottungswort
der attischen Komiker gegen Perikles. Dazu vergleichen sie ihn mit Zeus, der
blitzt, donnert und einschlägt. Zeus Schinokephalos ist eine burleske Bildung,
wie Zeus Naios, oder Zeus Xenios. Der Scherbenfels ist der Ostracismus,
dem Perikles damals glücklich entgangen war.
Die griechische Musik. 241
an, wie die Wettkämpfer es bei der Flöte, dem Gesänge und der
Kithara zu halten hätten. Und so wie diesmal, so blieb auch später-
hin das Odeion der Ort für Musikfeste." Rhapsodenwettkämpfe
bei dem grossen athenischen Nationalfeste hatte übrigens schon
Hipparchos, der Sohn des Peisistratos eingeführt, und wenn es wahr
ist, dass schon um etwa 460 v. Chr. Phrynis von Mitylene mit der
Kithara bei den Panathenäen den Preis errang, so scheint Perikles
diesen Theil des Festes seinem Odeion zu Ehren, wie gesagt, nur
reicher ausgestattet, nicht ganz neu eingeführt zu haben. Opferfest,
Nationalfest Und musischer Wettstreit waren den Griechen fast un-
trennbare Dinge, auch selbst, wo zu Ehren eines Einzelnen Feste
gefeiert wurden, kamen auch wohl musische Wettkämpfe dazu. Bei
den Leichenspielen, die Achill für Patroklos veranstaltet, wird frei-
lich nur gerungen, um die Wette gelaufen u. s. w. aber schon He-
siod gewann zu Chalkis auf Euböa, als die Söhne des Amphidamas
für ihren Vater solche Spiele feierten, einen Dreifuss, den er den
heimischen Musen auf dem Helikon weihte. J)
Der Unterschied zwischen den Aöden und den Rhapsoden lag
darin, dass der von der Kithara unterstützte Vortrag der Aöden sich
mehr dem eigentlichen Gesänge näherte, dagegen die Rhapsoden
ein begleitendes Instrument nicht anwandten, und sich in ihrem
Vortrage mehr der eigentlichen Declamation näherten. Indessen
wurde auch die gehobene Sprache des Declamators von den Griechen
nicht mehr dem gewöhnlichen Redetone, sondern der Musik bei-
gezählt. Späterhin steigerte sich der Vortrag der bei den Rhapso-
den den Hauptgegenstand bildenden homerischen Gedichte bis zum
wirklichen dramatischen Ausdrucke'2)', und selbst die Farbe des
Gewandes, welches der Rhapsode anhatte, war besonders gewählt:
zur Ilias war er roth , zur Odyssee violet gekleidet. 3) Der anfangs
so feste Verband zwischen Poesie und Musik lockerte sich hier sehr
merklich: man lernte es, Verse in ausdrucksvoller Declamation vor-
zutragen, ohne geradezu in den Ton des Gesanges zu gerathen.
Dieser declamatorische Vortrag war speciell für die Gedichte Homer's
sogar der ursprüngliche, denn erst Stesander von Samos war es, der
sie zuerst bei den pythischen Spielen zur Kithara sang. Wie sich
die Declamation von der Musik emancipirte, so lernte man auch um-
gekehrt (z. B. im pythischen Flötenspiele) die Musik eigengiltig und
selbstständig und ohne dass sich ihr das gesungene Wort gesellte,
ausüben. Sakadas von Argos spielte Liedermelodien ohne Gesang
auf der Flöte, Aristonikos von Chios (in Korkyra ansässig) [Zeit-
genosse des Archilochos, versuchte dasselbe auf der Kithara. Frei-
1) Theogonie, V. 84.
2) ''YnsxQlveto ÖQaixKTixonsQov. Eustath. zur Iliade A. Vergl. Otfr.
Müller, a. a. O., S. 57.
3) Athen. XIV.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 16
T
242 Die Musik der antiken Welt.
lieh aber wurde die blosse Instrumentalmusik noch zu Platon's Zeit
also im Ausgange des fünften Jahrhunderts für der Singemusik
keineswegs ebenbürtig, ja beinahe als Tand angesehen, wenigstens
von den strengen Philosophen. Die unbestimmte Anregung der Ge-
fühle durch Instrumentalmusik war den in Allem nach Klarheit, Ein-
fachheit und Bestimmtheit der Anschauung und des Ausdrucks stre-
benden Griechen gleichsam ängstigend. In der blossen Instrumental-
musik wird kein Lob der Götter, kein Preis der Helden, keine Lehre
der Weisheit vernommen, es werden unbestimmte Empfindungen
angeregt, welche sich allenfalls auch nach der schlimmen Seite
wenden können; heftige Affekte, die sich, wie bei den Orgien, ohne
eigentlichen Gegenstand mit aller intensiven Kraft äussern. Daher
denn Aristoteles auch meint, die Flötenmusik sei nicht ethisch, son-
dern orgiastisch.
Die Flöte, mit welcher die Asiaten ihre wilden Klaggesänge
um den gestorbenen Gott begleiteten, galt augenscheinlich eben so
sehr durch die Erinnerung an diese Trau erweisen , als durch ihren
leicht klagend ansprechenden Ton für ein Instrument des Weh-
klagens und der Trauer, was freilich nicht hinderte, dass sie auch
beim Opfer, beim Gastmahle und sogar beim lustigen Komos er-
tönte. Die Saitenintrumente waren dagegen dem heiteren, hellen
Sonnengotte heilig, sie passten durchaus nicht für den Ausdruck des
Finstern, Düstern, Trauervollen oder Feindseligen. „Nabla und
Lyra sind nicht für Trauerklage", sagt Sophokles'), und wenn
Aeschylos den Chor der Erinnyen „ohne Phorminx 2) und ohne
Lyra ertönend" 3) nennt, so will er damit das Rauhe, Ungemilderte,
Grausen und Furcht Erregende des sinnebestrickenden, markver-
zehrenden Gesanges der Töchter der alten Nacht bezeichnen. Die
Flöte aber war gleich ursprünglich ein Instrument der Klage; als
Perseus der Medusa den Kopf abhieb und die Schlangen klagevoll
zischten, soll Pallas diese Töne auf einem Rohr nachgeahmt und
so die Flöte erfunden haben. Die Anwendung der Flöte bei
Gastmahlen war zuverlässig schon im 6. Jahrhunderte allgemeine
Sitte, sie begleitete die Lieder der Gäste während des Trinkens,
wogegen zur feierlichen Trankspende der Libation die Kithara oder
Phorminx ertönte. Theognis von Megara (um 520 v. Chr.) spricht
oft davon, und versichert den jungen Kyrnos, dem er so schöne
1) Ov väßXa xa>xvT0Z<Jiv ov Xvqcc <///.«.
Der Vers ist citirt bei Plutarch, de Ei Delphico 20.
2) Y/urog ^'Eqivvcov
/Jiofiiog (pQevöiv, d<pÖQfiixrog, avova fomxoTc.
Eumeniden, V. 331 und öfter.
3) Aganimenon, V. 9U0.
Tov o ävsv XvQaq Ofibq vfivo>Sel 9-q^vov' E^tvvoq avroSlSaxxoq eowd-sv
'h-uöc.
Die griechische Musik. 243
Lehren gibt: „Flügel hast du von mir bekommen, mit denen du
über Erde und Meer fliegen und bei allen Maidzeiten zugegen sein
wirst, wo junge Männer dir lieblich zur Flöte singen werden."
Flötenspielerinnen, die sich durch Schönheit und Anmuth aus-
zeichneten, gab es schon im 7. Jahrhundert. Mimnermos von
Kolophon (um 630 v. Chr.) besang die von ihm innig geliebte
Flötenspielerin Nanno in einer erotischen, vielgepriesenen Elegie.1)
Die Elegie (zu deren Begleitung die Flöte ganz ausschliesslich
diente) bildete den Uebergang von der erzählenden Form, von dem
gleichförmigen Gange des ihr vorangehenden erzählenden epischen
Gedichtes zum Gef'ühlsausdrucke und zur Formenmannigfaltigkeit
der ihr nachfolgenden Lyrik. An die Stelle der objectivirenden
Erzählung des Epos trat der Ausdruck der Reflexion, des sub-
jectiven Empfindens, an die Stelle des gleichmässigen Helden-
Schrittes des Hexameters das reizende "Wechselspiel des Hexameters
und Pentameters, welches der deutsche Dichter dem Steigen und
Fallen eines Springquelles vergleicht, ein sinniges Bild des fluctui-
renden Gemüthslebens. Die Griechen nahmen das Wort „Elegos"
(l'Af^o.) in dem Sinne eines Klagegesanges, obschon es auchElegieen
rein lehrhaften Inhaltes gab, selbst ein politischer Inhalt, der den
Bürgern recht eindringlich vorgehalten werden sollte, sich zuweilen
dieser Form becjuemen musste. Ob diese Elegieen, die eigentlich
versifizirte, in poetische Ausdrucksweise gefasste Staatsreden waren,
förmlich nach Melodieen gesungen, oder, nach Rhapsodenweise,
recitirt wurden, ist ungewiss; so viel ist aber überliefert, dass Solon
die berühmte Elegie, wodurch er die Athener zur Wiedereroberung
von Salamis bewog, singend (pöcw) vorgetragen. Er selbst fing seinen
Vortrag mit den Worten an : „als Herold komme ich . von Salamis,
der schönen Insel, Gesang, der Worte Zierde, statt der Rede
dem Volke vortragend." Mimnermos sang seine Elegieen oft
nach einem Flötennomos, der Kradias hiess.2) Ist diese ganze
Dichtart, wie es allen Anschein hat, aus den Klageliedern der Klein-
asiaten entstanden, welche zunächst von den Ioniern aufgegriffen,
nachgeahmt, aber auch im griechischen Geiste umgeformt wurden,
so ist es zweifellos, dass gesangmässiger Vortrag gleich ursprünglich
dazu gehörte. Es ist auch nicht wohl abzusehen, wie blosse Decla-
laation zweckmässig von Flöten zu begleiten sein sollte. Die Lieder
der Gäste zwischen dem Trinken hatten (wie sich schon ausTheognis
schliessen lässt) auch die feierliche Form der Elegie, in welcher
sieh das Lob des Edeln, die Ermunterung zur Weisheit, zu mass-
voller Freude, sehr wohl aussprechen Hess. 3) Daherkam es auch,
1 ) Fragmente bei Schneidewin, S. 12 u. s. w.
21 Plut. de mus. 8.
3) Xenophanes von Elea, der Stifter der Eleatischen Schule (zu Ende des
(i Jahrhunderts) dichtete eine Elegie, worin er die Gaste auffordert, erst die
Götter durch Libation und Lobgesang zu ehren, dann aber bei massigem Tnn-
244 Die Musik der antiken Welt.
dass zur Begleitung solcher Tafellieder höherer Art die bei Elegieen
gebräuchliche Flöte augewendet wurde. Für den neckenden Scherz,
den Spott, die bittere Satyre, war nicht die Form der Elegie geeig-
net, sondern die urn die gleiche Zeit entstandene jambische und
trochäische. Selbst diese Art hatte eine religiöse Grundlage; als
Demeter den Verlust ihrer Tochter betrauerte, wurde sie durch die
Scherze der Magd Iambe erheitert. Daher blieb es üblich, an den
Demeterfesten einander allerlei muthwillige Xeckereien zuzurufen.
Verse ähnlichen Inhaltes Messen zum Andenken der lustigen Iambe
jambische Verse oder Jamben. Der Erste, der sich in solcher Dich-
tung erging, war Archilochos von Paros (um 688 v. Chr.). Seine
Satyre wird bekanntlich als überaus bösartig geschildert. Eindrin-
gende Bitterkeiten Hessen sich einem verhassten Gegner am besten
in einem gleich raschen Schwertschlägen fallenden Wechsel kurzer
und langer Svlben zurufen, diese anscheinend kunstlosen Rhythmen
wurden aber durch kunstvolle Anordnung der Eede wieder veredelt,
so dass man in der Folge, insbesondere in Tragödien, die Versart
zum Ausdruck des Edeln, Bedeutenden verwenden, und insbe-
sondere den Dialog in Trochäen setzen konnte. Der mildernde
Klang der Musik passt nicht zu Worten, welche den Zweck
haben, wie Pfeilschüsse zu verwunden, und ein Zankender ist
schwerlich in der Stimmung zu singen. Poesie ganz ohne Musik
war nicht gebräuchlich, so griff Archilochos zu einem eigenthüm-
liehen Kunstmittel. Während sonst die begleitende Kithara den
Gesang Ton für Ton begleitete, oder doch die gesangmässige Re-
citation durch passende Accente unterstützte, wurden die Jamben
in solcher Weise vorgetragen, dass manche davon zur fortgehenden
Begleitung eines Saiteninstrumentes blos declamirt, andere aber
gesungen wurden. x) Es ist überliefert , dass der Vortrag der Jam-
ben der Weise der Rhapsoden verwandt war und ein eigentlich lied-
mässiges Absingen nicht stattfand.2) Zur Begleitung bedienten
sich die Jambensänger eines eigenen Saiteninstrumentes, der Jam-
byke, dessen Name seine Bestimmung die jambischen Gedichte zu
begleiten andeutet. Es war dreieckig, und stammte somit wohl aus
der Heimat der triangulären Saiteninstrumente, aus Asien her.3)
Ein anderes, gleichfalls zur Begleitung der Jamben dienendes Saiten-
instrument war der Klepsiambos. Otfried Müller ist der Ansicht,
dass letzterer vorzüglich zur Begleitung der Recitation {ynb jijv 0181^
ken das Lob edler Thaten, edler Gesinnungen, nicht aber Titanen-, Giganten-
oder Kentaurenkämpfe oder ähnliche Fabeln zu singen. Vergl. Otfr. Müller,
a. a. 0., S. 220.
1) Plut. de mus. 23: Ta (xsv XeysaQ-at nagä ttjv xqovöiv, rä S
aöso&ui.
2) Athen. XIV.
3) Hesychius ad v. iaflßvxrj.
Die griechische Musik. 245
xooiVk-, wie sie Plntarch nennt), die Jambyke aber zu einer durch-
geh ends an den Gesang Ton für Ton gebundenen Begleitung (nyo^
xogöa xgovetv) diente.1) Fast könnte man glauben, dass Arcbi-
locbos deswegen nicbt, wie es die Rliapsoden tbaten, von aller Be-
gleitung Umgang nahm, sondern jene eigenthümlicb melodramatische
Zusammensetzung von Declamation und Musik anwendete, um
seine eigene Gereiztheit und Erbitterimg zix sänftigen und sie nicbt
über jenes Mass hinausgehen zu lassen, dessen Uebersehreitung den
Griechen als die grösste, fast als die einzige Sünde galt. So pflegte
später auch der Pythagoräer Kleinias seinen Zorn durch Kithar-
klänge zu beschwichtigen. Zur heiligen Kythara oder Lyra Apol-
lon's mochte aber Archilochos, und wer sonst in seiner Weise sang,
nicht greifen, gleichwie wir Anstoss nehmen würden, ein Schimpf-
und Spottlied etwa von der gottesdienstlichen Orgel begleiten zu
hören. Er benutzte also die ähnlichen, wie es scheint orientalischen
Instrumente der Jambyke und des Klepsiambos. Dichtungen, die
aus Gesang und gewöhnlicher Rede zusammengesetzt waren, wurden
gleichfalls Klepsiamben genannt. Xoch Alkman hat dergleichen
gedichtet.2)
Auch die Gattung von Gesängen, welche späterhin eine unge-
ahnte Wichtigkeit erlangte und zu weitgreifenden Resultaten führte,
der Dithyrambos war schon zur Zeit des Archilochos bekannt, denn
er selbst rühmt sich , er verstehe es , das schönste Lied des Dionysos,
den Dithyrambos, anzustimmen, wenn der Blitz des Weines sein
Gemüth entflamme.3) Der Dithyrambos war ein Gesang bacchi-
scher Begeisterung. Wie nun aber Dionysos nicht blos der Geber
des freudespendenden Weines, der Lust und des Jubels, sondern
auch der leidende Gott, der Gott dunkler, ernster Mysterien ist, so
ist der Dithyrambos nicht blos als Gesang jubelnder Trunkenheit,
sondern auch als Gesang leidenschaftlicher Klage und geheimniss-
voller Mystik zu fassen. Die ältesten, an Dionysos gerichteten
Gesänge scheinen sogar vorwiegend diesen letztern Charakter ge-
habt zu haben. Immer aber klingt ein Ton leidenschaftlichen
Antheils heraus. Seltsam mystisch lautet jener uralte Gesang der
Weiber am Dionysosfeste in Elis : „Komm', Held Dionysos , komm'
mit den Chariten zu deinem heiligen Meerestempel anstürmend mit
dem Stierfuss! Werther Stier,, werther Stier!"4) Bis zur Ausge-
lassenheit lustig darf man sich aber jene Dionysoslieder vorstellen,
welche an dem Teste der Pythoegien (der Fassöffnung) , wo der
junge Wein zuerst angezapft wurde, beim „Kannenfeste" und bei
1) A. a. 0., S. 247.
2) Hesych. s. v. xXsipia/ißoi. Vergl. Otfir. Müller, a. a. 0., S. 353.
3) '.ßc Jiüjvvoov aväxzoq za'/.ov tct'cQyat ,«t'Äo^
Oiöu Si&VQaußov ol'vco avyxeQawiod-slq <pQ&vaq.
4) Plutarch, Quaest. graec. 30.
246 D'c Musik der antiken Welt.
dem Festzuge gesungen wurden, wenn im März, nach überstan-
denem "Winter, in Attika das alte Holzbild des Dionysos aus Eleuthera
nach dem Kerameikos in Athen gebracht wurde, eben so die Lieder
bei dem Feste nach geendeter Weinlese, wenn unter dem Tanze des
lustigen Askoliasmos der Phallos umhergetragen, vom fröhlichen
Schwärme („dem Komos") der Bock zum Opferaltare gebracht wurde,
und die Zecher auf oelbestrichene Schläuche sprangen, zur Wette,
wer sich oben erhalten könne, ohne abzugleiten. Das waren länd-
liche, bäuerische Feste voll derber Komik, voll Lust und Jubel, und
hier durfte sich die aufregende Wirkung des Weines in ungebun-
denen Scherzen und Muthwillen jeder Art Luft machen. Hier durften
die Gesänge selbst den Ton trunkenen Uebermuthes, regelloser
Schwärmerei annehmen. Aber Dionysos ist, wie gesagt, auch ein
leidender und sterbender Gott — die Giganten zerrissen ihn in
sieben Theile, seine Glieder werden in den Dreifusskessel geworfen,
aus seinem Blute entsteht der Granatapfel und der Epheu. Am
Fusse des Parnassos wird er begraben. *) Auch dieser leidende Gott
wird in leidenschaftlicher Klage besungen — es sind diese Gesänge
die ersten Keime der künftigen Tragödie. Nach asiatischem Vor-
bilde werden die Dionysischen Chöre und Tänze von Flöten beglei-
tet, Avährend bei den Chorreigen Apollon's die Kithara ertönt.
Durch die Mannigfaltigkeit der Mythen und der damit
in Verbindung gesetzten Feste hatte sich schon in dieser alten
Zeit, wie wir gesehen haben, eine bedeutende Mannigfaltigkeit
musikalischer und poetischer Formen herausgebildet. Die Ge-
meinsamkeit der musikalischen Bildung jener Epoche beruhte mehr
auf der Gleichartigkeit des zu Grunde liegenden Götterdienstes,
als auf Allgemeinheit einer gleichartig verbreiteten musikalischen
Uebung. Der Rhapsode oder Aöde lehrte seine Schüler die.
Kunst üben, wie er sie erlernt und geübt hatte, die Sängerfamilien
bewahrten eine jede für sich den ihr anvertrauten Schatz alter Hym-
nen und Choro-esäno'e — die Volkslieder der einzelnen Gaue ent-
standen kunstlos, wie Blumen des Feldes über Nacht aufblühen.
Kamen nun die Stämme an gemeinsamen Opferstätten zusammen,
jeder Stamm mit seinen heimischen Gesängen, wetteiferten die
Sänger aus allen Gegenden von Hellas, an demselben Feste mit
einander, so konnte es nicht fehlen r dass man die Eigenheiten und
Unterschiede dieser Gesänge nach dem Heimatorte ihrer Entstehung
deutlich und auffallend wahrnahm. So geschah es, dass man die
Tonweisen oder Tonarten nach ihrer Entstehung dorisch, ionisch,
ä( »lisch, lokrisch u. s. w. nannte. Bei dem immer regeren Wechsel-
verkehre musste es endlich nothwendig dazu kommen, dass ein be-
gabter Mann auf den Gedanken gerietli, das Verschiedenartige nach
seinen Eigenheiten zu vergleichen, zu regeln, neue Resultate zu ge-
1) Vergl. Sepp, Heidenthum, 2. Bd. S. 11.
Die griechische Musik. 247
wmnen, und das früher ganz naiv und wie ein löbliches Handwerk
von den Gilden der Aöden u. s. w. betriebene Musiziren mehr im
künstlerisch reflectirten Sinne zu erfassen. Dieser Mann war T er-
pander, den wir schon vorhin als Sieger bei den 67 b' v. Chr. ge-
feierten Kameen kennen gelernt haben. Er war auf Lesbos ge-
boren, und zwar nach der Ueberlieferung zu Antissa, wo, wie man
erzählte, Haupt und Leyer des getödteten Orpheus vom Meere an's
Land gespült worden, wo das Haupt begraben war, und wo die
Nachtigallen schöner sangen als sonst an irgend einer Stätte. < >t-
fried Müller findet in dem Mythus, dass jene Reliquien des von
Thrakischen Mänaden zerrissenen Orpheus nach Lesbos hinüber-
geschwommen, eine geistreiche Andeutung der Wanderung der
Musenkunst, zumal die lesbischen Aeoler von Böotien herstammten,
wo Musen und Musendienste zu Hause waren, und woher sie also
ohne Zweifel die ersten Keime der Poesie mitbrachten. Terpander
gehöre also aller Wahrscheinlichkeit nach einem Geschlechte an, das
seine Uebung von den alten pierischen Barden Böotiens ableitete.1)
Aber alles, Avas wir über Terpander's künstlerisches Wirken wissen,
deutet sehr entschieden auf Einflüsse, nicht aus dem fernen süd-
westlichen Böotien, sondern aus dem östlichen, ganz nahen Klein-
asien. Die Insel Lesbos, nur durch einen Meeresarm von Klein-
asien getrennt, und nach Lage und Gestalt eigentlich selbst nur ein
losgerissenes Stück davon, stand in Leben und Sitte mit dem nahen
Nachbarlande in naher Verbindung, selbst von asiatischer Ueppig-
keit und Sittenverderbniss blieb sie nicht unberührt. Von den
derben, ehrlichen Böotiern waren alle Spuren ihrer Heimat längst
wegcultivirt. So war auch die Musik auf Lesbos ganz deutlich von
der asiatischen Weise abhängä";. Die böotischen Sänger bedienten
sich nicht derKithara, und von Instrumenten war dortlands die Flöte
das eigentliche Nationalinstrument; in Lesbos waren die saitenreichen
asiatischen Instrumente, die Magadis, Pektis u. s. w. sehr beliebt,
und wurde das ähnliche Barbiton erfunden. Die lesbische Sänger-
schule, Avelche sich bei den spartanischen Kameen und den Agonen
überhaupt lange behauptete, bestand aus Kitharoden — also ganz
gegen die Art der Barden von Böotien, während das Begleiten des
Gesanges mit einem Saiteninstrumente auch asiatisch ist. Der Hirten-
knabe und spätere König David sang, Avie wir Avissen, seine Psal-
men zur Harfe, die Tempellieder der Phöniker wurden vom Kin-
nor begleitet und der Smyrnäer Homer kann sich seinen Phemios
oder Demodokos gar nicht anders singend denken, als dass sie dazu
in die Saiten der Phorminx greifen. Plutarch sagt, dass die Lyra
auf Lesbos erst ihre A'ollkommene Gestalt erhalten habe, und die
„asische" genannt Avorden sei. Die Mythe, dass die Lyra (des Orpheus)
von Thracien her in Lesbos an's Land gespült Avorden. scheint also
1) A. a. 0., s. 263.
248 Die Musik der antiken Welt.
die östliche Einwanderung der Musik auf diese Insel zu versinn-
lichen, denn dem Meridiane nach ist das (nördlichere) Thracien
gegen Lesbos allerdings ein ostwärts gelegenes Land. Man hatte
in Ninive lange, ehe von griechischer Cultur die Rede sein kann,
Lyren zum Schmause aufspielen lassen1), wie nun die westlicher
gelegenen kleinasiatischen Länder vom assyrischen Throne lehens-
abhäng-is- gewesen waren2), wie assyrische Götterideen und assvri-
sehe Architektur (die Mutter der sogenannten „ionischen") vom
Tigris gegen Westen zu sich verbreitete, so war es auch mit Musik
und Musikinstrumenten. Von dort aus gelangten sie in das nahe
Lesbos, das in dieser Beziehung ein wahrer Stapelplatz für das
übrige Griechenland wurde. Die siebentönige Skala des Terpander,
in welcher auffallender Weise ein Ton im Zusammenhange der Ton-
reihe übersprungen ist, lässt sich nur erklären, wenn man annimmt,
Terpander habe der Stimmung seines Heptachordes die lydische
Octavenreihe zu Grunde gelegt.3) Auf den Gedanken, der bis da-
hin nur mit vier Saiten bespannt gewesenen griechischen Lyra noch
drei Saiten beizufügen, wurde Terpander gleichfalls durch eine
Eigenheit lvdischer Musik gebracht, nämlich durch die vielsaitige
Pektis, die er bei den Gastmahlen der Lyder spielen gehört. Ter-
pander soll auch in Aegypten gewesen sein, er war offenbar einer
jener Männer des alten Griechenlands, die ihr Lern- und Bildungs-
trieb in die Länder und Stätten alter Cultur trieb : ein Reisender im
Sinne des Pythagoras, Thaies, Solon, Herodot, welcher mit seinen
klaren Blicken alles selbst sehen, lernen wollte, eine jener Flug-
bienen, welche den emsig gesammelten Bildungsstoff getreulich nach
Hellas überbrachten. Terpander war im Sinne seiner Zeit Dichter
und Musiker : es sind Bruchstücke seiner Verse erhalten , darunter
jenes feierliche „Zeus, du Anfang Aller, du Lenker Aller, dir
bring' ich diesen Anfang der Hymnen".4) Terpander dichtete über-
haupt viele Proömien (Vorspiele) zur Kitharodie im hexametrischen
Masse5), d. h. Anrufungen der Götter, welche die Sänger ihrem
eigentlichen Vortrage voranzuschicken pflegten, imd wovon z. B.
die homerischen kleinen Hymnen an einzelne Götter in wenigen
Versen (mit dem stehenden Anfange : „ich beginne zu singen Pallas
Athenen" oder „Hera" oder „Demeter" u. s. w.) eine genügende
Vorstellung geben. Auch Skolien, d. i. Tisch- oder Gastmahllieder
1) Siehe oben Abtheilung „Aegypten".
2) Die persischen Könige, als Erben der assyrischen Macht, deuteten in
diesem Sinne auf die Zerstörung Troja's durch die Griechen als ein ihre Rache
herausforderndes Factum hin.
3) Hierüber das Nähere bei Darstellung der Lehre von den Tonarten.
4) Bei Clem. Alex. Strom. VI.
Zev , nüvTtov «Q'//C ndvrwv dyrjroQ
Zsv, aol Tte/ATUo ravxav v/xvwv ao/av.
5) Plutarch, de mus. 4.
Die griechische Musik. 249
dichtete Terpaiider: da solche Dichtungen nicht blosse Trinklieder
waren, sondern oft das Lob der Ahnen oder irgend einen Sittenspruch
enthielten, so widerstrebten sie dem ernsten Sinne der Terpander-
schen Kunst keineswegs. Die Neuerung, eine siebensaitige Kithara
anzuwenden, vertheidigte Terpaiider in einigen Versen: „ver-
schmähend den viertönigen Gesang werden wir zur siebentönigen
Phorminx neue Lieder erschallen lassen." ') Er hielt dieser Zusage
"Wort. Er erfand zahlreiche Nomen (Melodien) von denen uns
theilweise wenigstens die Benennungen erhalten sind, der „orthische",
der „trochäische" Nomos, der „Schöniones", der „Apothetos" u. s. w.
Terpaiider war der Erste, der auch fremde Gedichte mit Melodien
versah, also in Musik setzte, insbesondere die von Homer (vielleicht
nur die Hymnen) versah Terpaiider mit Tonweisen. Er war es
auch, der kitharodischen Nomen zuerst Benennungen gab2), und
schöne Rhythmen in die Musik einführte.3) Eine ganz besonders
wichtige Seite seines Wirkens aber war, dass er die Nomen, die er
bei seinen Künstlerfahrten in verschiedenen Ländern, oder die er
bei den verschiedenen Gesangfesten gehört, sammelte, sichtete,
einer Art Redaction unterwarf, und dadurch, dass er eine Art Ton-
schrift erfand und die Weisen niederschrieb, sie vor weiterer Ent-
stellung bewahrte, der sie bei dem blossen Nachsingen nach Gehör
und Gedächtniss ausgesetzt gewesen waren.*) In diesem Sinne
richtete er die Nomen des alten Philammon für die Kitharodie ein
{ovoTi)oa<j&ai) , und die unter den kitharodischen Nomen vorkom-
menden Benennungen des „äolischen" und „böotischen" lassen
erkennen, dass er insbesondere auch Volksgesänge sammelte und
ordnete. Dadurch bekam die griechische Musik zum erstenmale eine
teste Gestalt, eine innere Abschliessung, eine Abrundung, und
erhielt an den gesammelten, geschriebenen, mit eigenen Bezeich-
nungen versehenen Nomen einen Schatz, einen sicheren Fond,
welcher ihr das weitere Fortbestehen garantiren konnte. „Die Alten,"
sagt Plutarch, „durften nicht so ohne Weiteres Kitharodien machen,
wie es jetzt geschieht, noch durften sie mit Harmonien und Rhyth-
men frei schalten (fieTOKfioeit') , denn jede Melodie hatte ihren eigenen
Umfang (tokti?). Eben deswegen hiess man sie Nomen (d.i. Gesetze),
weil in jeder Gattung derselben von der im Gesetze einmal be-
stimmten Weise nicht abgegangen werden durfte." In diesem
Sinne darf Terpaiider für die griechische Musik ein wahrer Gesetz-
geber und Gründer heissen. „Terpander's neue Kithara," sagt
1 ) (bei Euklid. Introd. härm. S. 19).
LH[(£ig TOI TfTQUytjOVV (CTlOOTtQ^aVTSg «oM//J'
^EriTcaövto yoouiyyi vtoi.: tceXaS^GOfiBV lyo'orc-
2) Plut. de mus. 3. '4.
3) Plut. de mus. 12.
4) Clem. Alex. Strom. I fi£ÄOQ tcq(Ötoq Tie()ie9tfX6 rolg noirjfiaai.
250 Die Musik der antiken Welt.
Duncker, „setzte ihn in den Stand, sowohl den künstlicheren Massen
des Hymnos musikalisch zu folgen, als in den Chorgesängen zu
mannigfachen Strophen überzugehen. Damit wurde Terpander der
eigentliche Begründer des Kirchenliedes, der Kirchenmusik bei den
Hellenen. Indem die Weisen und mit ihnen die Strophen wechsel-
ten, konnte man den unterschiedenen Akten der Liturgie gerecht
Averden, und waren die Dichter im Stande, die Momente der An-
rufung, der Beschauung, des Preises durch angemessene Metra und
"Weisen in prägnanterer Weise auszudrücken." l) Und Otfried
Müller sagt: „Terpander erscheint als der eigentliche Schöpfer der
griechischen Musik, indem er die verschiedenen Sangweisen, wie
sie sich in verschiedenen Landschaften nach dem Antriebe musi-
kalischer Stimmungen auf ganz natürlichem Wege gebildet hatten,
nach Kunstregeln ordnete und ein zusammenhängendes System dar-
aus bildete, an dem die griechische Musik bei aller Erweiterung
und überkünstlichen Ausbildung die ihr später zu Theil wurde;
immer festgehalten hat. Mit erfinderischem Geiste ausgestattet, und
ein neues Zeitalter der Musik eröffnend, riss er sich doch nicht von
dem Boden der Vergangenheit los, sondern benutzte vielmehr alle
die Elemente der Musik, die in den Sangweisen Griechenlands
und Kleinasiens gegeben waren, und vereinigte das Zerstreute und
Eingeordnete zu einem schönen harmonischen Ganzen."2)
Terpander's Buhm durchdrang ganz Hellas. Wie er gleich in
den ersten Kameen zu Sparta gesiegt, so siegte er auch bei den
Pythien zu Delphoi (zwischen 67G und 644 v. Chr.) viermal nach
einander. Den grössten, nachhaltigsten Erfolg hatte Terpander's
Kunst in Sparta. Die Spartaner ehrten in ihm den eigentlichen Be-
gründer ihrer Musik. Seine ernste, männliche, erhabene Weise,
der Ton tiefer und schlichter Frömmigkeit verfehlte seines Eindrucks
auf die schlichten, ernsten Männer nicht, seine Chorlieder wurden
fortan der Fest- und Opfergesang, und schon der Jugend im Unter-
richte beigebracht, seine Lyra wurde das Xormalinstrument, an dem
man die Instrumente späterer Sänger prüfte, und sie verwarf, wenn sie
mehr Saiten hatte, als die terpandrische „Kitharitis." Diese ausser-
ordentliche Verehrung datirte sich von Terpander's zweiter Anwesen-
heit in Sparta im Jahre 644. Zu Anfang des zweiten messenischen
Krieges war Sparta in eine bedrängte, beinahe verzweifelte Lage
gerathen. Das Büudniss der Messenier, Pisaten , Arkadier und
Achäer drohete von Aussen her Verderben, im Innern Sparta's
wüthete Parteiung, jene Sparter, welche durch die Eroberungen
der Feinde ihre Grundstücke verloren hatten, verlangten eine neue
Aeckertheilung. die feindlichen Einfälle störten den Landbau. und
1) Gesch. d. Alterth.. 3. Bd. S. 5TU.
2) Gesch. d. gr. Lit. (2. Aufl.). 1. Bd. S. 267.
Die griechische Musik. 251
es riss zu allem anderen Unheil auch noch Mangel ein. In dieser
Noth wurde das delphische Orakel befragt. Es antwortete: „die
Zwietracht in Sparta werde enden, wenn dort Terpander's Kithara
tönen wird" und ..die Sparter sollten sich den Berather aus Athen
holen.'" So wurde also Terpander berufen, und neben ihm der
..Berather'' Tyrtäos aus Aphidnä in Attika. Der Eindruck der Ge-
sänge des Terpander wird als ein ausserordentlicher geschildert. Die
harten Männer von Sparta waren bis zu Timmen gerührt, die Gegner
umarmten einander und söhnten sich aus.1) Man hat diese ganz
glauhenswerthe Thatsache unter die Wunder der griechischen Musik
registrirt, und kurz dahin zusammengefasst : „Terpander habe durch
-eine Musik in Sparta einen Aufruhr gestillt." Aber die Musik
hat nur sehr bedingten Antheil an diesem Erfolge. Es waren gewi>-
die eindringlichen, kraftvoll und einfach zum Herzen sprechenden
Worte des Dichters Terpander. sein Hinweisen auf die Landes-
götter, auf die Heimat, auf die Gräber der Ahnen, und was er sonst
in schwungvoller, von der musikalischen Becitation gehobener Bede
sagen mochte, was die Sparter so mächtig bewegte. Hat doch später
Soloo in Athen mit ganz ähnlichen Mitteln, durch eine gesungene
Elegie die Athener zur Wiedereroberung von Salamis begeistert,
obschon auf den blossen Antrag zu einer solchen Unternehmung
Todesstrafe stand. Aus den erhaltenen Boesieen des Tyrtäos, der
die Sparter zum Widerstand gegen die von Aussen andringenden
Feinde ermuthigte, und aus Fragmenten, die muthmasslich in seine
Elegie ..Eunomia" (Gesetzlichkeit) gehörten, können wir sehlies>en.
wie die Argumente klangen, mit denen Terpander den inneren Streit
zu schlichten verstand. Es waren im Grunde Beden an die Nation,
wie sie in anderer Form und zu anderer Zeit den Athenern
Demosthenes hielt, um sie zum Widerstände gegen Philipp von
Macedonien zu stimmen, aber Beden in poetischer und musikalischer
Form, und um so wirksamer, als sie mit einfach überzeugenden
Vorstellungen unmittelbar an das Gefühl der Hörer appellirten.
Terpander war von der Wirkung seines Auftretens in Sparta
augenscheinlich selbst erhoben. ,,Hier, hier in Sparta," ruft er be-
geistert aus, „blühet die Lanze der Jugend und die helltönende
Muse und das weitherrschende Becht, welches zu allen schönen
Thaten begeistert."
Die Dichtungen und Gesänge der zwei Better Sparta's, des
Terpander und Tyrtäos, blieben demnach mit Becht ein geheiligtes
Xationaleigenthum. Von jetzt an zogen die Spartaner mit Gesang
in den Kampf, das „Kastoreion", die Dioskurenhymne, wurde
nach Terpander's Musik angestimmt, begleitet von der siebensaitigen
Kithara, die, wie Alkman sagt: „dem Eisen entgegenzog." Erst
1) Diodor, Fragm. , 0. ed. Dind.
252 Die Musik der antiken Welt.
später setzte man an die Stelle der Kitharen die schallkräftigeren
Flöten. >)
Unter Terpander's Schülern wird Kepion genannt, der sich um
die Verbesserung der Lyra Verdienste erworben haben soll. Die
lesbiselie Kitharodenschule erhielt sich in Achtung, nach Olympiade
CO siegte der Lesbier Perikleidos bei den Kameen.
Wie durch Terpander die Kitharodie eine feste, und dabei noch
weiter bildungsfähige Gestalt erhielt, so nahm die Aulodie, das Flöten-
spiel, einen eigenthümlichen Aufschwung durch jenen jüngeren
Olymp os, von dem bei der phrygischen Musik bereits die Rede
gewesen ist. Im Gegensatze zu Terpander's Kunst, die man sich als
eine sehr ernste, gehaltene zu denken hat, übertrug Olympos die
aufregende Leidenschaftlichkeit seiner heimatlichen Musik nach
Griechenland, wie denn die ihm zugeschriebene Streitwagenweise
(der harmatische Nomos) noch den grossen Alexander, als er sie
von dem Flötenspieler Antigenides anstimmen hörte, so aufregte,
dass er nach seinem Schwerte griff.2) Eigenthümlich spricht sich
die fremdländische Abkunft des Olympos in diesem orgiastisch wir-
kenden Zuge seiner Musik und auch darin aus, dass er nicht, wie
die griechischen Tonkünstler, zugleich auch Poet, sondern dass
er nur Musiker war. Sein Xame und die von ihm herrührenden
oder ihm wenigstens zugeschriebenen Nomen blieben sehr populär,
noch Aristophanes benutzte eine solche allbekannte Melodie des
Olympos, die sogenannte Xynaulia3), in der ersten Scene seiner
„Ritter" zu einem burlesk komischen Effekt — es mag im atti-
schen Theater lautes Gelächter darein geschallt haben, wenn
die zwei Schauspieler das Flötenduett recht toll parodistisch ab-
zusingen verstanden. Auch ein Xomos auf Athene wurde dem
( »lympos zugeschrieben. Aus einer besondern Manier seiner Me-
lodien entstand das sogenannte enarmonische Geschlecht, während
bis dahin alles diatonisch oder chromatisch, oder eigentlich ein-
fach diatonisch gewesen war. Denn Plutarch, der obige Xotiz gibt^
1) Etwas trocken und rationalistisch fasst Thukydides (V. 70) die alte
Sitte auf: „Die Spartaner", sagt er, ,.gehen nicht wegen der Götter nach der
Musik zahlreicher Flötenblaser in den Kampf, sondern damit sie gleichm'dssig
und im Takte anrücken".
2) Durch eine andere, ruhige Melodie wurde dann der Held wieder be-
ruhigt. Ein anderer Tonkünstler, Namens Timotheos, brachte bei Alexander
durch den orthischen Nomos eine ähnliche Wirkung hervor. Diese Erzählung
hat bekanntlich den Stoff" zu Diyden's von Händel componirtem Alexanderfest
gegeben. Mit dem Namen Antigenides scheint sich übrigens Plutarch, der die
Anekdote erzählt, zu irren, oder aber man müsste einen Jüngern Antigenides
annehmen, denn der berühmte Flötenbläser Antigenides, Zeitgenosse des
Dithyrambendichters Philoxenos, hätte so ziemlich als Greis von hundert
Jahren in Alexanders Diensten stehen müssen.
3) Otfr. Müller, a. a. 0., S. 2S2.
Die griechische Musik. 253
bemerkt an anderer Stelle, class die Alten die Chromatik, die ge-
brochenen Gesänge (y.ex).na/.nvn /.ähj) nicht anwendeten, wenn auch
wohl kannten. Die Skala des älteren Terpander war in der
That diatonisch. Die Manier des Olympos, einen Zwischenton aus-
zulassen und die darunter befindlichen gleichsam in eine dicht-
gedrängte Tongruppe zusammenzufassen, soll die Veranlassung ge-
geben haben, däss man in dieser dichten Gruppe von einem Ton in
den andern ziehend, das heisst durch Vierteltöne überging. So soll
die griechische Enarmonik mit ihren Vierteltönen eigentlich durch
eine unschöne Gesangmanier, nicht durch eigentliche Erfindung des
Olympos entstanden sein. Sie kam in der Folge völlig ausser
Gebrauch. Hatte man schon den Gedanken die ganzen Töne in
halbe Töne zu theilen, so war es consequent mit der Theilung fort-
zufahren und die Halbtöne in Viertöne zu zerspalten, womit dann
die Grenze des noch bestimmt Wahrnehmbaren erreicht war.
Wie die Töne und Melodien des Olympos leidenschaftlich und
klagend waren, so führte er auch, wieder im Gegensatze gegen
Terpander's feierliche Choralrhythmen aufregende, stürmische und
regellos schwärmende ein, insbesondere den choreischen Rhythmus
der sogenannten Metroen, d. i. die galliambischen Gesänge auf die
„grosse Mutter" der Phryger, die Kybele, deren Diener bekanntlich
Metragyrten oder Gallen hiessen; so dass also Galliambos so
viel heisst, als: Iambos der Gallen. Wie wild schwärmend die
Chöre und Tänze im Culte dieser Naturgöttin waren, wie sie sich
bis zur fanatischen Raserei, zur Selbstverstümmelung steigerten, ist
bekannt.1) Auch der unserem aufregenden, die massvolle Regel-
mässigkeit des rhythmischen Schrittes der gei'aden und ungeraden
Takte durch Mischung beider in wilde Unruhe verkehrenden Fünf-
vierteltakte ähnliche hemiolische Rhythmus wird auf den Olympos
zurückgeführt. Die von Olympos in seine Flötenmusik eingeführten
Rhythmen wurden dann von andern Dichtern und Tonsetzern mit
Erfolg benutzt, wenigstens versichert Plutarch, dass Thaletas den
kretischen Rhythmus aus den Flötenstücken des Olympos (& rrjg
'O'/.v^nov avtijatco;) genommen habe. Aber Thaletas war ein Kre-
tenser aus Gortyn, und brachte wahrscheinlicher den kretischen
Rhythmus aus seiner Heimat niit. Ob Olympos, der Phryger, auch
die für sehr leidenschaftlich geltende phrygische Tonart nach
Griechenland mitgebracht, wird nicht ausdrücklich erwähnt, ist aber
allen Umständen nach zu vermuthen.2) Unter seinen Schülern wird
insbesondere der im jugendlichen Alter gestorbene Hierax ge-
nannt, nach welchem ein hierakischer (legay.t,og) Nomos den Namen
1) Der galliambische Rhythmus besteht aus einem Ionicus a majori und
einer trochäischen Dipodie.
2) Vergl. Bippart : Philoxeni, Timothei, Telestis reliquiae, Seite 5.
254 Die Musik der antiken Welt.
hatte1), der auch Endrome (sröoofjt]) hiess, und zum Fünfkämpfe
geblasen wurde.2) Ein anderer Nomos des Hierax hatte die an-
muthige Bestimmung, die Antliophorien, das ist die feierliche Ueber-
bringung von Blumen durch argivische Mädchen in den Tempel der
Here zu begleiten.3)
Ungefähr um dieselbe Zeit4) war ein Thebaner oder Tegeate
Klonas (nach dem es auch einen Nomos Klonas gab) ein Meister
aulodischer Nomen. Ein klagender davon hiess „Elegoi". Klonas
bediente sich des elegischen Rhythmus, nämlich eines Wechsels von
Hexametern und Pentametern. Es ist eine Art Beglaubigung der
Erzählung von der erfolgreichen Wirksamkeit Terpander's zu Sparta,
wenn wir finden, dass gerade in diesem Staate der eisernen lykurgi-
schen Zucht die Musik ganz besonderen Antheil fand, und dass, als
Sparta* um 620 v. Chr. abermals in eine Landesnoth gerieth, nämlich
eine Pest ausbrach, abermals (wie es scheint in dankbarer Erinne-
rung an Terpander) ein Sänger zur Abhilfe herbeigerufen wurde,
Thaletas von Gortyn auf Kreta, dessen Päane und Choräle die
Götter versöhnen und so das Uebel w enden sollten. Die Pest
wich und dieser augenscheinliche Erfolg verhalf dem Thaletas zu
hohem Ansehen, so dass er der Musik in Sparta eine neue Ge-
stalt geben konnte, und die sogenannte „Katastasis" der sparta-
nischen Musik von Plutarch auf ihn und die um weniges späte-
ren Tonkünstler Xenodamos von Kythera, Xenokritos den
Lokrer, Polymnestos von Kolophon und Sakadas von Argos
zurückgeführt wird — Männer, die alle der Geburt nach Sparta
nicht angehörten. Es scheint, dass die Spartaner, wie sie auch
selbst zugeben, sehr viel Sinn und Xachahmungstalent für Musik
besassen, aber wenig selbsterfinderische Anlage dazu. Daher sie
denn willig annahmen, was die Fremden mitbrachten, sogar die
lydische Tonweise, welche Polymnestos einführte, was dann wieder
einem Lydier, dem Dichter Alkman aus Sardes, den Weg nach
Sparta bahnte.
Dass gerade Thaletas zur Versöhnun«- der Götter gerufen wurde
(wie man in Athen zur Sühnung des Kylonidenmordes auch einen
Kretenser, den Epimenides, herbeirief), hat seinen Grund wohl darin,
dass die Priester und Sänger in dem halbsemitischen Kreta einen
den Propheten der asiatischen Semiten verwandten Zug hatten, wie
denn der Apostel Paulus den Epimenides geradezu den „Propheten
der Kretenser" nennt. Gortyn war zudem eine stammverwandte
dorischo Stadt und Tarrha (auf Kreta) war ein alter heiliger Sitz ge-
1) Pollux, IV. 10.
2) Plutarch, de mus. 26. „xolq 7itvräQ-?.Oic".
3) Otfr. Müller, a. a. O., S. 291.
4) Die Zeit des Olympos ist wegen seiner häutigen Verwechslung mit
dem älteren mythischen Olympos schwierig zu bestimmen.
Die griechische Musik. 255
heiligter Poesie und Musik, von dort stammte der Priester Karmanos,
der den Apollon selbst von dem Morde des Python reinigte. Tha-
letas, obwohl Angehöriger von Gortyn, soll aus Elyros, unfern Tarrha,
gebürtig gewesen sein, und stand vermuthlieh mit dem dortigen
Heiligthume in Verbindung.1) In Kreta hatte einst Lykurgos das
Vorbild der Gesetze gefunden, welche er Sparta gab. Aus dieser
Ideenverbindung mag die anachronistische Sage entstanden sein, dass
Thaletas den Lykurgos bei seinem Gesetzeswerke unterstützt, d. h.
die Gesetze nach ältester Weise in Verse gebracht und mit Xomen
oder Singweisen versehen habe.2) Um den Thaletas mit dem um
einige Jahrhunderte älteren Lykurg in Verbindung zu bringen,
griff man zu der Aushilfe, einen älteren Musiker gleiches Namens
zu statuiren3), oder ihn vor die Zeit des Terpander zu setzen4),
beides zum Widerspruche der übrigen, in sich wohl zusammen-
hängenden Zeugnisse. Thaletas brachte nach Sparta die Flöte
mit5), welche dann vielfältige Anwendung, auch als kriegerisches
Instrument, fand. Ferner aber brachte Thaletas den Spartanern
die Chöre und Chortänze seiner kretischen Heimat, Päane und
Hvporcheme. Lebhafte Tänze waren eine besondere Eigenheit
des Götterdienstes der Kureten auf Kreta. Um den neugebornen
Zeus vor den Nachstellungen seines Vaters Kronos zu retten, erzählt
die Mythe, verbarg ihn seine Mutter Rhea auf Kreta, und die Kory-
banten umtanzten ihn und schlugen mit ihren Schwertern an die
Schilde, damit der Klang das Weinen des Kindes übertöne, Das
Andenken dieser mythischen Begebenheit feierten eigene Tänze,
Waffentänze in lebhaftester Bewegung, welche Pyrrhichen Messen.
Diese besondere Gattung des kretischen Hyporchems, die Pyrrhiche,
verpflanzte Thaletas nach Sparta, und wie natürlich musste ein Tanz,
der das Schwingen der Waffen und die verschiedenen Kampfarten
pantomimisch nachahmte, bei dem kriegerischen Volke den grössten
Anklang finden. Die Rhythmen des „kretischen Fusses" uud des
..Pyrrhichius" sind es also insbesondere, welche die griechische
Kunst dem Thaletas zu danken hatte. Der Pyrrhichius, aus drei
kurzen Zeiten bestehend, entspricht in gewissem Sinne unserem
hüpfenden Dreiachteltakt. Dessen gerades Gegentheil, der schwere,
aus drei langen Zeiten bestehende Molossus (unser Dreizweitel-
takt), soll seinen Namen von den Gesängen an Zeus von Dodona
(dessen Heiligthum an der Grenze von Thesprotien und Molossien
lag) erhalten haben. Diesen solennen Rhythmus hatte Terpander
angewendet, wie dessen Anruf an „Zeus, den Anfang Aller" erkennen
1) Otfr. Müller, a. a. 0., S. 286.
2) Plutarch, Lvkurgos.
3) Forkel, Gesch. der Musik, 1. Bd. S. 273.
4) Clinton, Fast. Hell. T. L, S. 199.
5) Duncker, a. a. 0., 4. Bd. S. 35S.
256 Die Musik der antiken Welt.
lässt. 80 war also den Spartanern durch die fremden priesterlichen
Sänger im Laufe des siebenten Jahrhunderts eine mannigfache Ab-
wechslung ihrer gottesdienstlichen Musik vermittelt worden , vom
feierlichsten Choral bis zur stürmischsten Tanzbewegung.1) Diese
Lebhaftigkeit und feurige Bewegung2) unterschied eben das kriege-
rische Hyporchem der Kreter von den sonstigen, gemessenem Hypor-
chemen, wie sie z. B. bei den Apollonfesten auf Delos gebräuchlich
waren. Mit Tänzen von Männern, von Jünglingen, von Knaben
und von Jungfrauen wurden in Sparta die religiösen und nationalen
Feste gefeiert, insbesondere hatten bei den Gymnopädien, dem
vorzüglichsten Feste, welches mit den Kameen verbunden wurde,
die Knaben ihre körperliche Gewandtheit zu zeigen. Die Einrich-
tung der Tanzweisen dabei rührte von Thaletas und seinen unmittel-
baren Nachfolgern Polymnestos und Sakadas her. Zur Pyrrhiche
wurde die Flöte gespielt, und um ihr eine nationale mythische Fär-
bung zu geben, hiess es, dass schon die spartanischen Xational-
heroen, dieDioskuren, den "VYaffentanz nach den Flötenmodulationen
der Pallas getanzt.3) Die Art der Kreter, nach Kitharklängen in
den Kampf zu ziehen, erinnert auch lebhaft an die spartanische
gleiche Sitte, und es ist klar, dass es nicht bloss zufällige Aehn-
lichkeiten waren. Kurz nach Thaletas (um 610 v. Chr.) kam Alk-
man nach Sparta, der insbesondere Parthenien dichtete, das ist Chöre
für die Jungfrauen, die „honigstimmigen, lieblich singenden", wie
sie der für weibliche Schönheit leicht entzündbare Dichter nannte.
Durch Polymnestos und Alkman bürgerte sich die lydische Tonart
in Sparta ein. Der Nachfolger Beider, Sakadas von Argos, dessen
wir als dreimaligen Siegers bei den Pythien gedacht, und dessen
Instrument die von ihm auch zur Begleitung der Chöre angewendete
Flöte war, gestaltete zu Anfang des sechsten Jahrhunderts die
Choralmusik in Sparta noch reicher und fast luxuriös. Er Hess
in den Strophen die dorische, lydische und phrygische Tonart wech-
seln, daher man diese Art von Gesängen den dreitheiligen Nomos
(to/jUeoÄjc vofwz) nannte. Um dieselbe Zeit erbaute Theodoros von Sa-
mos die Tonhalle auf dem Markte. Die Spartaner schreiben sich selbst
eine tiefe Einsicht in den Werth und dieWürde echter Musik und einen
ernstenEiferfürihreEeinerhaltungzu.4) Sie wurdebeiihnen Staatssache
1) Man leitet Pyrrhiche von tivq „Feuer" her. Vergl. Isaak Vossius,
de virib. rhythmi.
2) Die Metra, welche bei den Waffentänzen gebraucht wurden (wie ihre
Namen andeuten) , bestanden alle aus kurzen Zeiten — so auch der zweizei-
tige Hegemon (Führer), der Prokeleusmatikos (Herausforderer) aus vier kurzen
Zeiten. Für den Kriegsmarsch diente der Anapäst, aus zwei kurzen und einer
langen Zeit. Letzteres sieht Otfried Müller (a. a. 0. S. 291), wie es scheint rich-
tig, als einen zusammengefassten Proceleusmaticus an — oder umgekehrt, den
Proceleusmaticus als aufgelösten Anapäst (w www = w w — ).
3) Otfr. Müller, Dorier, 2. Bd. S. 336.
4) Athen. XIV. 24.
Die griechisehe Musik. 257
und die Ephoren schritten gegen jede bedenkliche Neuerung mit
Strenge ein. Auch ein Lakedänionier (wiewohl von der benach-
barten Insel Kythera), Xamens Xenodamos, trat als Dichter und
Musiker mit Päanen und Hyporchemen im Sinne des Thaletas auf.
Ein anderer Musiker aus Locri Epizephyrii (in Italien) Xenokritos,
wurde durch seine Dithyramben ein Vorläufer derjenigen Musiker,
welche gerade durch diese Art von Dichtung für die Gestaltung der
griechischen Tonkunst höchst einflussreich geworden sind. Xenokri-
tos soll auch eine eigene Tonart, die lokriscke oder italische, erfun-
den haben.1) "Wie bei den Aeoliern der Gesang des Einzelnen, der
Vortrag des Dichtersängers vor einer zuhörenden Menge, so war bei
den Dorern der Chor, der Gesang einer selbst mitwirkenden Menge
das Vorwiegende. Daher denn auch jede dorische Stadt im Pelo-
ponnes ihren Dichter und zugleich Musiker besass, dessen Geschäft
es war, als Chorlehrer (xoooöiödaxalog) die Chöre im Gesänge und
der Tanzbewegung gehörig einzitüben.2) Eine weitere Folge dieser
Stammeseigenthümlichkeiten war, dass die äolischen Sänger einfachere,
leichter fassliche rhythmische Masse anwendeten, dass bei ihnen der
gleichartig wiederkehrende Vers gebräuchlich war, während bei
den Doriem die künstlich combinirte, geschlossene Strophe vor-
herrschte, weil hier die sich dem Versrhythmus anschliessende
Tanzbewegung des Chores die Auffassung vermitteln half.3)
Wie es eine unleugbare Erfahrung ist, dass in der Staaten- und
Culturgeschiehte der Völker die der höchsten Blüte vorangehende
Periode fast anziehender wirkt, als die Zeit der höchsten Blüte
selbst (so wie das Morgenroth fast reizender ist, als die Stunde nach
Sonnenaufgang), so hat in der Geschichte Griechenlands auch das
sechste Jahrhundert v. Chr. einen ganz eigenthümlichen Reiz. . In
dieser Epoche trat die Dichtkunst (und also auch ihre treue Beglei-
terin, die Musik) durch die lyrische Dichtung in ein neues Stadium.
Der Ausdruck des subjectiven Gefühls, der Reflexion, welcher in
der Elegie noch immer ein halb episirendes , oder wenn man will,
objectivirendes Ansehen gehabt hatte, wurde in der Lyrik zur allein-
berechtigten, ausschliesslich sich geltend machenden Richtung; was
den Dichter wohl oder weh berührte, Hess sich hier in präcisen und
zugleich sehr mannigfaltigen Formen aussprechen, vom leichtge-
fassten Scherzworte4) an. bis zur ernstesten Stimmung war hier dem
1) Vergl. Böckh, de metr. Pind. S. 212. ülrici, Gesch. d. hell. Dicht-
kunst 2. Thl. S. 468. Otfried Müller, Gesch. d. gr. Lit, 1. Bd. S. 292.
Ueber die lokrische Tonart siehe weiterhin.
2) Otfr. Müller: a. a. 0.
3) Indessen hatten die Ionier auch ihre Chormeister. So war Simonides
im fünften Jahrhundert Chorodidaskalos in der Stadt Karthäa auf der Insel
Keos und hielt sich zumeist in dem Choregeion (Chorhaus) beim Apollon-
tempel auf. Athen. X.
4) Beispiele bei Anakreon.
Ambros, Geschichte der Musik. I. IT
258 Die Musik der antiken Welt.
Ausdrucke Raum geboten, vom einfachsten Aussprechen der Stim-
mung bis zur prachtvollsten Entwicklung reichsten Bilderschmuckes
einer begeisterten Sprache. Das Erzählende des Epos verschwindet
völlig, selbst wo der Dichter Mythen herbeizieht, dienen sie nur
die Stimmung des Ganzen zu motiviren, zu erläutern, zu bekräf-
tigen. l) Oft ist es irgend ein anmuthiges, anlachendes GleichnissT
ein Bild aus dem ländlichen, aus dem Naturleben, welches zu
gleichem Zwecke dienen muss. 2) Der Musik , welche sich den
ernsthaften Chorälen in ihrer würdevollen Einfachheit entsprechend
anzuschliessen vermocht hatte, wuchs diese bunte Blüte von Poesie
gleichsam über den Kopf, und sie gerieth hier in eine, wenn nicht
untergeordnete und unbedeutende Stellung, so doch merklich in ein
bescheidenes Abhängigkeitsverhältniss von der Schwester Dichtkunst.
Es war jetzt ihre Aufgabe, die Worte der Poesie durch eine ein-
fache Gesangweise in der Anmuth ihres Wohlklanges, in der har-
monischen Schönheit ihrer rhythmischen Textur in noch entschie-
denerer Weise vortreten zu lassen. Bei der Fassung dieser Art von
Dichtungen musste die Musik sich dem geschlossenen Bau der
poetischen Strophe in entsprechenden, gleichfalls geschlossenen Ton-
gebilden anschliessen , die gegen die Breite des alten sechsfüssigen
heroischen Verses knappere Fassung der lyrischen Verse musste
nothwendig eine knapper gefasste musikalische Periodik zur Folge
haben. Mit anderen Worten : die Musik musste liedartig werden,
und wenn sie auch ihr von der Poesie überkommenes declamato-
risches Element nicht verläugnete, sich doch entschieden der Melodik
des eigentlichen Liedes nähern. Das einzige erhaltene musikalische
Denkmal aus dieser Zeit, die erste pythische Ode Pindar's, trägt in
der That diesen Charakter einer declamatorisch betonten Melodie
an sich. Daneben konnte die rhapsodische ßecitation ähnlicher
Gedichte gar wohl bestehen, und die Weise der melodramatischen
Begleitung der Declamation nach Art der alten jambischen Poesien
angewendet werden. Diese verschiedenen Arten, Dichtungen vorzu-
tragen, waren zuverlässig alle im Gebrauche, denn sie finden sich
sowohl in der vorhergehenden, als in der nachfolgenden Periode —
freilich aber trat auch jetzt noch der Dichter vorzugsweise als Sän-
1 ) Beispiele bei Pindar häufig.
2) Es kann gar nichts Reizvolleres geben, als jenes Fragment eines
Hochzeitsgesanges von Sappho, in dem sie (wie Otfried Müller sagt) „die
jugendliche Frische und unberührte Schönheit eines Mädchens" mit einem
Apfel vergleicht. Das Fragment selbst ist folgendes:
oiov to yXvxijjiakov sQSvS-srat raßw in ooöio
ood(p in' dxQozaTco' ).e).ä^orro Se fiaXoÖQOTt^eq'
ov f^iuv txkehi&orz', d'/.).' ovx idivarz' ecpixso&ai.
„Wie der süsse Apfel sich röthet an der Spitze des Astes, an der äussersten
Spitze — die Aepfelpflücker haben ihn vergessen: doch nein, nicht vergessen,
sie konnten ihn nicht erreichen."
Die griechische Musik. 259
ger auf, wie denn Arion nach der Ueberlieferung jenen Nomos, der
den rettenden Delphin heranlockte, mit der Kithara begleitete. •)
Die Lyrik dieser Zeit theilt sich in jene vorhin genannten zwei
charakteristisch von einander geschiedene Richtungen : Die äolische
und die dorische.2) In der für den Einzelsang bestimmten äolischen
Lyrik spricht sich der Ausdruck persönlicher Stimmung des Dich-
ters weit entschiedener aus, als in der dorischen Chorlyrik, welche,
eben weil sie einen singenden Chor voraussetzt, stets eine gewisse
allgemeinere Haltung hat.
Das für Griechenlands Musikgeschichte so wichtige Lesbos hat
für die Schule der äolischen Lyriker glänzende Namen, wie Alkäos
(um 580 v. Chr.) und Sappho (560 v. Chr.) aufzuweisen. Das ver-
hältnissmässige Vorwalten der Dichtung gegen die Musik verräth
sich bei ihnen darin, dass man von Alters her gewöhnt ist, sie unter
die griechischen Dichternamen einzureihen, während Terpander,
Arion u. A. vorzugsweise als Musiker genannt sind. Dass aber auch
bei Alkäos und Sappho die Musik neben ihrer Poesie oder vielmehr
im Vereine mit ihrer Poesie in Anschlag zu bringen ist, lässt der
Umstand entnehmen, dass Beiden der Gebrauch, und von manchen
sogar die Erfindung eines früher unbekannt gewesenen Saitenin-
strumentes — des Barbitons — zugeschrieben wird, ferner, dass
man die Erfindung der gemischten lydischen (mixolydischen) Ton-
art auf Sappho oder auf ihre Freundin Damophila, eine Pamphv-
lerin, zurückführte. Ein Eelief von Terracotta älteren Styles
(von der Insel Melos) stellt, nach der gewöhnlichen Ansicht Al-
käos und Sappho im Gespräche dar. Sappho ist sitzend darge-
stellt, sie hat eben auf einer sechssaitigen, sehr schlanken und hohen
Lyra gespielt, sie unterbricht, das Piektrum in der Rechten sen-
kend, ihr Spiel um dem Alkäos zu antworten, während ihre Linke
in die Saiten klimpernd einzugreifen scheint. 3)
Bezeichnend für die Bildung der Zeit sind die Kreise edler
junger Mädchen, die sich zur Ausbildung der musischen Kunst, wie
eines gesitteten Benehmens, um ausgezeichnete lesbische Frauen
sammelten, um Sappho, wie um ihre Nebenbuhlerinnen Andromeda
und Gorgo, wo es denn die leidenschaftliche Sappho sehr übel em-
pfand, wenn sich ein schönes Kind ihr abwendig machen Hess, und
an ihrem „musenpflegenden Hause" (novaonöla olxiar) wie sie es selbst
nennt, um Gorgo's oder Andromecla's willen vorbeiging. Otfried
Müller vergleicht diesen Kreis edler Mädchen, mit denen sich Sappho
umgab, sehr gut mit dem Kreise edler Jünglinge, der sieh später in
Athen um Sokrates schaarte und bemerkt: „Die Musik und Poesie ga-
1) — — xal J.aßövzu xi]V xi9-c'cq?jv. Herodot. I. 24.
2) Otfried Müller, a. a. 0., S. 295.
3)Abgebildet bei Overbeck, Gesch. d. gr. Plastik, I. Bd. S. 135. Diese
schlanke Lyra soll eben das Barbiton sein. (Guhl und Koner, das Leben der
Griechen und Römer, I. Abth. S. 222.)
. 17*
2g(j Die Musik der antiken Welt.
ben ohne Zweifel diesem Verhältnisse die Unterlage, indem der nächste
Zweck Unterricht und Uebung in diesen Künsten war. Denn wie-
wohl bei Sappho die Poesie ganz Sache des Innern ist und keine
Gefühle ausspricht, als wirklich erlebte und erfahrene: so war sie
doch zugleich, wie bei den Dichtern des Alterthums überhaupt, Ge-
schäft und Studium des Lebens, und wie die kunstreiche Technik
derselben durch Unterweisung gelernt werden musste, so wurde sie"
auch wieder durch langdauernden Unterricht auf das jüngere Ge-
schlecht übertragen." Aus dem Schüleriunenkreise Sappho's sind
die Namen der Anaktoria von Milet, der Gongya von Kolophon, der
Euneika von Salamis, der „zarten" Gyrinna, der schönen, „schwer-
müthig ernsten" Mnasidika, der Atthis in Erinnerung geblieben.
Dass dabei nicht blos lesbische Mädchen, sondern auch Milesierin-
nen , Salaminierinnen u. s. w. genannt werden , lässt Sappho's Haus
als eine Art musischer Hochschule erkennen. Dieser Unterricht
edler Mädchen steht in der Epoche Sappho's als eine sehr bemer-
kenswerthe Specialität da, denn war auch in Griechenland die
Musik ein ganz unentbehrlicher Unterrichtsgegenstand, so galt dies
doch nur für die heranwachsende männliche Jugend. In Lesbos
genoss das weibliche Geschlecht grösserer Freiheit und Selbststän-
digkeit. Diese Erscheinung kommt und geht mit Sappho, denn
späterhin war ausgezeichnete musikalische Uebung nicht bei edlen
Mädchen, sondern bei jenen, allerdings auch feinen und anmuthigen
Geschöpfen zu finden, welche die freier gewordene Sitte der Helle-
nen mit dem Namen „Gefährtinnen" (Hetären) bezeichnete, und
deren Talent und heiterer Umgang bei Mahlzeiten (von denen sich
edle Frauen ferne hielten) und sonst so sein- geschätzt und so allge-
mein wurde, dass man ihre Anwesenheit als eine selbstverständliche
und eigentlich nicht anstössige Sache ansah. Dieses Hetärenwesen
war insbesondere eine Eigenheit des ionischen Stammes.
Ein oftgenannter, der Geburt nach ionischer Dichter dieser
Zeit , war der in der zweiten Hälfte des sechsten und noch zu An-
fang des fünften Jahrhunderts lebende Anakreon von Teos. Seine
scherzhaften Liederehen, in denen er AYein und Liebe in oft zier-
licher, neckischer, munterer Weise besingt, verschafften ihm grossen
Ruhm, so dass er insbesondere an den Fürstenhöfen wohlgelitten
war, so bei dem seines Glückes wegen sprichwörtlich gewordenen
Polykrates von Samos, und nach dem tragischen Ausgang des Ty-
rannen bei den Peisistratiden in Athen, von denen Hipparchos ihn
durch ein eigenes abgesendetes Schiff von fünfzig Pudern abholen
Hess; als auch die Peisistratiden fielen, fand er bei den Aleuaden in
Pharsalos Unterkunft. Entsprächen die Melodien, nach welchen
Anakreon seine Lieder sang, dem Charakter der Worte, so wäre er
der Gründer des leichten, scherzenden Musikstyles, und einem
neuern Musiker müssten zunächst die Bezeichnungen des Allegretto
grazioso oder des Andante quasi Allegretto, des Andante scher-
Die griechische Musik. 261
zoso u. s. w. dabei einfallen. Aber allem Anschein nach Hess die
geringe Selbstständigkeit, welcher die griechische Musik der Poesie
gegenüber genoss, eine solche feiner charakterisirte Melodik nicht wohl
aufkommen, es mag vielmehr (wie bei unseren Volksliedern nnd
ans derselben Ursache) bei den allgemeinsten Ansätzen geblieben sein.
Die Munterkeit lag vielmehr in dem Gedankengange des Gedichtes
und beiher in dem angewendeten Metrum ; die Musik hatte genug
geleistet, wenn sie dem Gange des letzteren sich anschloss und da-
durch selbst eine gewisse muntere Bewegung erhielt. Dass Anakreon
seine Gedichte sang, und auch als Musiker in Betrachtung kommt,
ist zweifellos , er sagt von sich , er spiele die zwanzigsaitige Maga-
dis, er bringt den Mädchen, mit denen er tanzen und spielen will,
ein fröhliches Lied auf der Pektis dar1), er versichert, er habe auch
so hohe Dinge singen wollen , wie andere Dichter : Die Atriden , den
Kadmos, die Thaten des Herakles, er habe die Saiten seiner Lyra,
ja die ganze Lyra gewechselt2), vergebens! sie töne immer nur Liebe.
So leicht und flüchtig diese Notizen sind, so enthalten sie man-
ches Bemerkenswerthe. Der Dichter verändert die Saiten d. h. er
stimmt sie in einen heroischen Ton um, z. B. aus dem lydischen in
den dorischen, er nimmt eine andere, das ist eine in einen solchen
Ton gestimmte Lyra zur Hand. Die Magadis und Pektis lernte er
ohne Zweifel auf Samos am Hofe des Polykro.tes kennen, wo man
mit lydischer Schwelgerei (»] ?äv Jv8ü>v Tovqr??) auch die lydischen
Instrumente angenommen hatte. Der Tyrann hatte in seiner
Umgebung eine Menge schöner Knaben, aus aller Herren Län-
dern, deren Aufgabe es zum Theile war, bei den Mahlzeiten nach
lydischer Sitte den Herrscher durch Musik zu ergötzen. Simalos
rührte „im Chor die schöne Pektis"3). Bathyllos war durch Flöten-
spiel und ionischen Gesang ausgezeichnet, so dass ihm im berühm-
ten Heratempel zu Samos eine Bronzestatue errichtet wurde, welche
ihn in der Tracht eines Kitharoden darstellte.4) Das einigermassen
an die Stellung eines Hofpoeten mahnende Verhältniss Anakreons
zu seinen Beschützern zeigt, wie gründlich sich im Laufe der
Zeiten die Stellung der Sänger überhaupt verändert hatte. Hatten
sie in der alten Zeit die religiöse und sittliche Entwickelung der
Griechen leiten helfen, hatten sie gleichsam die Vermittler zwischen
Göttlichem und Menschlichem abgegeben, hatten sie nicht blos
1 ) Fragm. 1 6 Bergk.
2) HljCflll'U VtVQU 7l(J(Ö7]V
Kai rr)v ?.VQr/v anuouv
— — rj Xvqti yuQv
Morovg tQcuraq uöei.
3) Anakreontisches Fragment, 20. 6. Bergk.
4) Otfried Müller (a. a. O., S. 331) meint, nach der Beschreibung des
Apulejus zu schliessen, scheine diese Statue doch wohl nur ein Apollon Kitha-
rödos der älteren Kunst gewesen zu sein.
262 Die Musik der antiken Welt.
Hymnen zum Preise der Götter, sondern auch Lehren der Moral
und selbst das bürgerliche Gesetz des Staates gesungen, so sangen
sie jetzt von "Wein, Liebe und Lust, und es erhielt, statt des halb-
priesterlichen Ansehens, das den Stand des Sängers als solchen ver-
klärte, jetzt offenbar das persönliche Talent die vorwiegende Be-
deutung. Der Sänger war nicht mehr der Bote der Götter, er
wurde nur noch mit dem Masse menschlicher Bildung gemessen.
Die alte, mystische dunkle Hymne wurde durch die schwungvolle,
aber durchsichtig klare Ode ersetzt, die Stelle der heftigen, aber
religiösen Begeisterung im Dithyrambus vertrat in den Gesängen,
womit Alkäos ermahnt, „dass die kalten Winterstürme zum Trinken
bei der Flamme des Heerdes einladen", worin er den Sorgenbrecher
(Xa&anjStjg) "Wein preiset, fröhliche Heiterkeit, behaglicher Frohsinn
des Zechers. Die politischen Gedichte des Alkäos {SiyocnamatjTiy.ü
nannte man sie) sind von leidenschaftlicher Färbung des Hasses
oder Jubels. Leidenschaftlichste Liebesäusserungen tönten aus den
Gesängen Sappho's und Anakreon's1), und es liegt in der Natur der
Sache, dass etwas von diesem Feuer auf den Gang der zugehörigen
Melodien wenigstens insoweit Einfluss gewonnen haben wird, dass
diese nicht einen ganz streng choralmässigen Klang hatten, son-
dern im lebhaften Zuge der Erregung des Gemüthes, die sich in
den Worten aussprach , auch musikalischen Ausdruck liehen. Froher
Gesang der Gäste zierte die Mahle, man leitet das Wort Skolie von
axohog „krumm" her, entweder weil die Lyra ohne festbestimmte
Reihenfolge bald in diese, bald in jene Hand ging, und mit ihr die
gesellige Pflicht, ein passendes Lied hören zu lassen, oder weil die
Gesänge, die zuweilen improvisirt wurden, nicht nach strenger Richt-
schnur geregelt zu sein brauchten. Die Fähigkeit beim Symposion
eine Skolie hören zu lassen, ward als ein werthvolles Talent an-
gesehen: als Kleisthenes von Sikyon seine Tochter Agariste ver-
heirathen wollte, wetteiferten die zahlreichen Freier auch durch
Musik mit einander.2) Die Gesänge beim Symposion konnten
geradezu frohe Trinklieder (avfmouxü) sein, aber auch wohl einen
gnomischen, treffend gefassten Spruch oder das Lob eines Helden
enthalten. Die lesbische Schule lieferte viele Gesänge dieser Art.
lj So sagt z. B. Sappho : „Eros ergreift mich wieder, das bittersüsse, un-
bezwingliche Ungethüm, das die Kraft der Glieder löset." Und ein andermal:
„Göttergleich ist der Mann, wer es sei, der dir gegenüber sitzt und dein süsses
Sprechen, dein holdes Lächeln belauscht. Dein Anblick betäubt mein Herz
im Busen — sehe ich dich, so versagt mir die Stimme u. s.w." Anakreon be-
klagt sich ..dass ihn der goldlockige Eros mit dem Purpurballe wirft und ihn
treibt, mit dem Mädchen mit den bunten Sandalen zu scherzen, die ihn, den
Graukopf, verachtet, und ihre Wünsche auf einen anderen lenkt". Ein Gedicht
heftiger Eifersucht singt er der „blonden Eurypyle", die ihm den Artemon
vorzog u. s. w.
2) Ol (tvijßZTJQSQ l'oir t'c/ov a[i<pl zg fiovcixfl. Herodot, VI. 129.
Die griechische Musik. 263
Alkäos, Sappho, auch Anakreon, Simonides und Pindar werden als
Dicht lt von Skolien genannt.
Die Sänger selbst fingen an, den Werth einer wohlbesetzten
Hoftafel und einer klingenden Honorirung ihres Talentes zu schätzen.
Simonides von Keos wird als der erste bezeichnet, der seine Kunst
für Lohn übte.1) Insbesondere wurden die Epinikien, d. i. die
Preisgesänge zum Lobe eines olympischen, pythischen u. s. w. Sie-
gers, von diesem geradezu bestellt und bezahlt. Da der Dichter dazu
seinen Chor stellen und ihm den Gesang einüben musste, diese
Chorgesänge nicht, wie die Volkschöre in Sparta oder Delos eine
öffentliche Staatssache waren, sondern zunächst im Interesse des
Bestellers gesungen wurden, da endlich der Dichter und Musiker
von seiner Kunst leben musste: so ist gegen eine solche Honorirung
füglich nichts einzuwenden. Dass sich der Dichter auf Bestellung:
und gegen baare Bezahlung für den nächst besten, der eben den
Preis errungen hatte, begeisterte, ist allerdings wahr, aber man
darf nicht übersehen , dass bei einem Siege in Olympia u. s. w. auch
das allgemeine nationale Interesse gar sehr in's Spiel kam, und ein
Hieronike eine für ganz Hellas bedeutende Person wurde. Dalier
denn auch grosse Dichter, wie jener Simonides von Keos und wie
Pindar, gerade in solchen Gesängen eine Fülle der edelsten Gedanken
ausgesprochen haben, wie denn Pindar's Gedichte noch für uns Werke
ersten Ranges sind, wenn uns auch die besungenen Sieger völlig
gleichgiltig geworden. Freilich fehlte es auch wohl nicht an humo-
ristischen Zügen zum Beweise, dass der göttliche Sänger auch seine
sehr menschliche Seite habe. Leophron, der Statthalter vonRhegion
hatte im Wettfahren mit einem Maulthiergespanne gesiegt und be-
stellte bei Simonides einen Siegesgesang. „Ich besinge keine Maul-
esel", antwortete der Dichter. Leophron bot ein namhaftes Honorar,
und Simonides war augenblicklich begeistert genug, um die eben
noch geschmähten Maulesel mit den prächtigen Worten zu be-
grüssen : „Heil euch, ihr Töchter der sturmfüssigen Rosse u. s. w."
Man mag es dem Manne zu Gute halten, der den an den Therino-
pylen gefallenen Spartern jene kurze herrliche Grabschrift schrieb,
und dessen weisser Sinn (r, Si/joividov (roxf^oami]) sprichwörtlich ge-
worden war.
Während sich im Osten des griechischen Festlandes, auf den
Inseln Lesbos, Samos u. s. w. auf solche Art ein reiches Leben
von Poesie und Musik entwickelte, war auch westwärts, in dem
von Griechen besetzten Unteritalien und Sicilien, eine eigenthümliche
Ent wickelung griechischer Dicht- und Tonkunst vor sich gegangen,
als deren vorzügliche Träger Tisias von Himera, genannt St es ich o-
ros, Ibykos von Rhegion und Arion zu nennen sind: letzterer
zwar aus Methymna auf Lesbos gebürtig, also gleichsam ein Ver-
l) Suidas ad v. St/KovlSijq.
264 Die Musik der antiken Welt.
mittler zwischen dem hellenischen Osten und Westen, aber ganz
der eigentümlichen, choraufstellenden Avestliehen Schule angehörig
und in Sicilien und Unteritalien längere Zeit lebend und wirkend.
Diese Männer gehören alle schon einer Zeit an, über deren poli-
tische und sonstige Geschichte wir sehr bestimmte, pragmatische
Nachrichten besitzen ; wie aber die Sonne in ihrem Laufe westliche
Länder später beleuchtet, so liegt auf diesen westlichen Sängern
noch ein leichter Schatten der alten zauberischen Mythendämmerung:
Stesichoros erblindet zur Strafe, weil er von Helena Böses gesungen,,
und wird nach dem Widerrufe wieder sehend ; der Mord des Ibykos
wird durch Kraniche gerächt; Arion aus der Gefahr des Mordes
wunderbar durch einen Delphin gerettet. Tisias von Himera
wurde von der Ueberlieferung, die bei den Griechen berühmte Na-
men gerne in Verbindung setzte, zu einem Sohne des Hesid und
der Ktiraene gemacht, was schon der Zeit nach unmöglich ist.
Tisias, oder wie man ihn nannte „Stesichoros" (der Choraufsteller),
stammte seiner Familie nach aus der lokrischen Stadt Matauros in
Unteritalien.1) Er war um 640 v. Chr. geboren, lebte aber bis
560 oder 556 v. Chr., so dass er mehr als achtzig Jahre alt wurde.
Stesichoros ist durch eine eigentümliche Einrichtung, die er den
Chorgesängen gab, für alle Folgezeit griechischer Poesie und Musik
unendlich wichtig geworden. Er gab nämlich den tanzenden Be-
wegungen des Chores eine sehr bestimmte Form, so dass der Tanz-
bewegung oder Wendung (Strophe) nach einer Seite hin, die Rück-
wendung (Antistrophe) und Tanzbewegung nach der andern Seite
hin folgte, im Schlussgesang (Epode) aber der Chor stehen blieb.
Davon bekam Tisias eben den Beinamen des Chorstellers, und seine
Dreitheilung des Chortanzes war unter dem Namen rgta ZT^at/ogov
bekannt. Dieser Dreitheilung musste auch die Poesie und der
Poesie musste wieder der Gesang angepasst werden ; dadurch be-
kamen die Chöre eine feste, klar überschauliche Construktion, welche
dann auch so zum unverbrüchlichen Gesetze wurde, dass man sie
z. B. bei den attischen Dramendichtern durchaus findet. War der
Inhalt des Chorgesanges länger, so wiederholte sich Strophe, Anti-
strophe und Epode. Die Chorreigen des Stesichoros sollen aus je
acht Tänzern bestanden haben.2) Ein entschieden alterthümlicher
Zug bei Stesichoros ist es, dass er seinen Chören epische Stoffe zu
Grunde legte, insbesondere Abenteuer des Herakles, dessen Kampf
mit dem dreileibigen Geiyon, den Kampf mit Kyknos, die Herauf-
holung des Kerberos. Auch eine Iliupersis (Zerstörung Ilion's), eine
Schilderung der Heimfahrt der Helden (die „Nosten" aövjoi) und
1) Stephan, Byz. ad. v. MaravQoc. Er nennt den Stesichoros Mütcu-
ylvog ytvoc.
2) Otfr. Müller, unter Hinweisung auf das ndvxa oxxw der Grammatiker,
a. a. O., S. 360.
Die griechische Musik. 265
eine Orestie, das ist Geschichte des Orestes, wird unter den Dich-
tungen des Stesichoros genannt, ferner eine Eriphyle, bekanntlich
die Gemahlin des Amphiaraos, die an dem unglücklichen Zuge der
sieben Helden gegen Theben wesentlich mit Schuld trug. Man wird
durch diese Stoffe so sehr an die Stoffe der Tragödien des Aeschylos
und Sophokles gemahnt1), dass man in den Chören des Stesichoros
unverkennbar den ersten Keim der letzteren findet. Weniger sicher
ist der Inhalt einer von Stesichoros gedichteten „Eberjagd" (avo&rjgni)
und einer Europeia; erstere scheint die Geschichte des Meleager,
die andere jene des Kadmos enthalten zu haben. Diese Chöre wur-
den, wie Otfr. Müller annimmt, bei den Todtenopfern und Festen
ausgeführt, die man in Grossgriechenland (im griechischen Italien)
am meisten den Heroen Griechenlands, insbesondere aus dem tro-
janischen Heldenkreise feierte.2) Diese Opfer- und Festchöre des
Stesichoros wurden in der Auswahl der Stoffe ganz augenscheinlich
damals ein Vorbild der Tragödie, als man bei letzterer endlich über
die stete Wiederholung der Geschichte und der Leiden des Dionysos,
denen sie ursprünglich ausschliessend geweiht war, hinauszugehen
anfing. Auch gaben sie ein Vorbild, wie Heldengeschichten im
Munde des Chores behandelt werden können. Auf episch erzählen-
den Ton, der nur für den einzelnen Erzähler passt, konnte sich der
Chor nicht einlassen, er setzte die Geschichte als bekannt voraus
und drückte seine Empfindungen, seine Anschauungen darüber in
reflektirender Weise, zuweilen in lehrhaftem Tone aus, was die
Erwähnung einzelner Züge des behandelten Mythus nicht nur nicht
ausschliesst, sondern sogar erheischt. Stesichoros Hess seine Chöre
nicht, wie die bakchischen, von Flöten, sondern von Kitharen be-
gleiten, daher Quintilian von ihm sagt: „er habe mit der Lyra die
Last des epischen Gedichtes getragen". Stesichoros blieb stets in
geehrtem Andenken ; seine Landsleute errichteten ihm eine Statue,
die später der Römer Verres raubte. Der eigentliche Nachfolger
des Stesichoros ist Arion, denn Ibykos von Ehegion, der länger
zum Hof kreise des Polykrates von Samos gehörte, schloss sich mehr
dem dort üblichen Tone des leidenschaftlich erotischen Liedes an.
Auch Ibykos war wesentlich Sänger , man schrieb ihm die Erfindung
eines Saiteninstrumentes, der Sambuka, zu, das heisst wohl: die
erste Anwendung dieses ursprünglich chaldäischen Instrumentes in
Hellas. Aristophanes sagt von ihm (in den Thesmophorien), er
habe „die Harmonie versüsst", das heisst vermuthlich, weichere
Melodien in orientalischem Geschmacke angewendet. Aber Ibv-
1) Auch Aeschylos schrieb eine Orestie in drei Tragödien (Agamemnon,
die Todtenopfer, die Eumeniden) und die „Sieben vor Theben". Unter den
Tragödien des Sophokles gehören die zwei Oedipus- Stücke und die Antigone
dem thebanischen Sagenkreise an ; die „Elektra" ist der Geschichte des Orestes
entnommen, die ..Trachinerinnen" den Mythen von Herakles.
2) A. a. 0., S. 363.
266 Die Musik der antiken Welt.
kos behandelte doch auch mythische Stofi'e, wie Stesichoros,
daher er oft mit diesem zusammen genannt wurde, und schon im
Alterthume von manchem zweifelhaft blieb, ob es von dem Einen
oder dem Andern herrühre. In einem erhaltenen Bruchstücke
spricht Herakles : „Die Jünglinge auf weissen Eossen erschlug ich,
die Söhne der Molione, die Zwillinge gleichen Hauptes, verbun-
dener Glieder, geboren im silbernen Ei." Also nahm der Dichter,
und wenn es ein Chorgesang war, der Chor auch das "Wort im Na-
men des Helden. Davon konnte sich dann ganz leicht der Prota-
gonist, der Solosänger abtrennen, der im Namen der mythischen
Hauptperson sprach und später auch agirte, während dem Chore die
Beflexion darüber und die Aeusserung seines Antheiles vorbehalten
blieb.
In ein neues Stadium trat die Chorpoesie und Chormusik durch
A r i o n von Methymna. Er stammte, wie bereits erwähnt, von der Insel,
der Griechenland so viele und ausgezeichnete Musiker und Dichter zu
danken hatte, vonLesbos. Die Ueberlieferung, welche ihn zu einem
Schüler Alkman's machte, wurde schon im Alterthume bezweifelt.1)
Er warKitharode und soll insbesondere die „hohe Weise", denNomos
orthios angewendet haben. „Wir wissen," sagt Herodot, „dass
Arion der Methyrnnäer, der zu seiner Zeit als Kitharode gegen kei-
nen Andern der zweite heissen durfte, der erste unter den Menschen,
der Dithyramben machte, benannte (mit Titeln versah) und in Korinth
lehrte."2) Mit dieser Angabe übereinstimmend, heisst es bei Suidas:
„Man nennt ihn auch den Erfinder der tragischen Manier (Tgafr/.ov
roönov) auch dass er zuerst den Chor aufgestellt und Dithyramben
gesungen und nach dem Chor (d. i. nach dem Gegenstände, von dem
der Chor handelt) benannt, und dass er Satyre einführte, die in
Versen redeten." Arion war mit Periander, dem Beherrscher von
Korinth, innig befreundet. Zur Befestigung der Herrschergewalt
dem Adel gegenüber, welcher den Vorrang des Einzelnen nur un-
muthig trug, hatte Periander in Korinth, gerade so wie Kleisthenes
in Sikyon und Peisistratos in Athen, ein Interesse gegenüber den
„ritterlichen Gottheiten der Adeligen" (wie sie Duncker nennt) die
Culte der Bauerngötter, der gnädigen Beschützer des Getreide-,
Obst- und Weinbaues zu heben und zu pflegen. Arion, der bei ihm
viele Zeit zubrachte3), war dabei behilflich. Das wilde und regel-
lose Geschwärme, womit der Gott der Weinberge, Dionysos, gefeiert
worden, verwandelte sieh unter seiner Leitung in festliche Opferzüge
zum Altar, wo der Gott mit Gesängen und Tänzen gepriesen wurde.
Wenn sich der Dithyrambos auf solche Art aus dem wilden Aus-
bruche bakchischer Begeisterung zu einem den Opfergesängen der
1) Suidas ad v. Aqlüjv.
2) Herodot, I. 23.
3) A. a. 0., rbv no).kbv toi %qovov öittTQißovxa naQa Tleoiävdoo).
Die griechische Musik. 267
übrigen Götter ähnlichen Chorgesang gestaltete, so blieb doch von
der ursprünglich dithyrambischen Stimmung genug übrig, um nicht
bei dem Ausdrucke ruhiger Andacht oder einfacher Anrufung stehen
zu bleiben, und nicht vielmehr durchaus etwas leidenschaftlich Er-
regtes zu behalten. Die Leiden des Dionvsos waren insbesondre
ganz geeignet, den Chor zu lebhaften Ausrufungen der Theilnahme,
des Mitleids und Schmerzes zu bewegen. Die durch Stesichoros
eingeführte Weise, mythische Geschichten in Chören zu behandeln,
gab für die Dionysoschöre ein treffliches Vorbild ab. Diese, im
Kreise um den Altar aufgestellt, und ihn im Kreise in festlichen
Reigren umtanzend, bekamen den Xamen Kreischöre, kvklische
Chöre (xvxXioi /oqoi). Die ernste Haltung, die „tragische Weise"
derselben Hess statt der orgiastisch aufregenden Flöte die Kithara
als passendere Begleitung erscheinen, und da Arion der erste
Kitharode seiner Zeit war, so führte er bei seinen Chören wirklich
Kitharbeo-leituno- ein. Treffend bemerkt Duncker über die neue
Einrichtung der bakchischen Festchöre : „Der Dithyrambos war
durch den Chorgesang wieder ruhiger und gehaltener geworden : er
war nicht mehr auf stürmische Begeisterung oder wehmüthige Klage
um das Verschwinden des Gottes beschränkt; er konnte die Thaten
und Leiden des 'Gottes in breiterem Tone verherrlichen. Wie es
auch in andern Culten üblich war, begann dann auch hier der Chor
durch seine Stellungen und Tänze die That des Gottes, des Dionysos
anzudeuten , oder andeutend darzustellen , welche das Preislied
feierte. Bei der erhöheten Stimmung der dionysischen Feste, bei
dem Glauben, dass der Gott bei dem Opfer, welches ihm gebracht
wurde, selbst gegenwärtig sei, lag es sehr nahe, in dem Festzug
und dein Chore die Gefährten des Dionysos selbst zu sehen, die
( Ihorsänger zu dem Gefolge des Dionysos zu machen : in der orgia-
stischen Feier des Dionysos suchte man ja mit dem Gotte selbst zu
empfinden, glaubte man ja selbst mit ihm zu schwärmen. Der
festliche Chor, welcher den Dithyrambos zu singen hatte, kleidete
sich, wie man das Gefolge des Gottes angethan glaubte. Arion
soll bereits einen Chor in der Kleidung von Satyren an den Altar
des Dionysos geführt haben. Man schmückte sich nun zum Fest-
zuge und zum Chore des Gottes mit dichten Kränzen von Weinlaub,
mit immergrünem Epheu, man warf Bocksfelle tun die Schultern,
um den Satyrn ähnlich zu sehen, oder Rehfelle, wie sie dieMänaden
bei der Winterfeier des Dionysos trugen, man legte lang herab-
wallende bunte asiatische Gewänder an, wie man sich den Gott und
seine Begleiter auf dem Zuge durch Asien gekleidet dachte. Durch
den Wechselgesang der verschiedenen Abtheilungen des Chores
konnte man die Thaten des Gottes im Dithyrambos lebendiger als
früher erzählen lassen. Bei der Breite, welche der Dithyramb auf
diese Weise gewann, bei der Schwierigkeit, die epischen Bestand-
teile, welche hiermit aufgenommen waren, in die Form des Chor-
258 Die Musik der antiken Welt.
gesanges zu bringen, geschah es, dass Erzählung und Gesang sich
schieden, dass die Begebenheit aus dem Leben des Gottes, aufweiche
es ankam, von dem Vorsänger, dem Führer des Chores, recitirend
vorgetragen wurde, worauf dann der Chor seine Freude oder Trauer
in begleitenden lyrischen Strophen und Gegenstrophen ausdrückte
und durch seine Bewegungen rhythmisch und mimisch veranschau-
lichte. Wie der Chor die Begleiter des Dionysos darstellte und nach-
ahmte, so musste nun auch der recitirende Vorsänger Denjenigen,
oder der Reihe nach Diejenigen, welche in der Begebenheit aus
dem Leben des Gottes, die der Dithyramb feierte, besonders hervor-
traten, in Kleidung und Ausdruck nachzuahmen versuchen."1) Dies
geschah nun nicht durch Arion selbst, sondern durch Thespis von
Ikaria. Während die Chöre des Stesichoros und Arion etwas dem
Oratorium Aehnliches heissen dürfen, bildete die von Thespis ver-
suchte reichere Ausführung den Uebergang zur dramatischen Form
der Tragödie. Die neue, festliche Form des Dithyrambos fand von
Korinth aus auch in Sikyon durch dessen Herrscher Kleisthenes und
in Attika durch den Herrscher Peisistratos Aufnahme. „Woher,"
ruft Pindar, da er das Lob Korinth's (in der 13. olympischen Ode)
singt, „woher denn ist ausgegangen die amnuthige Festfeier des
Dionysos mit dem stiergewinnenden Dithyrambos?"
Kleisthenes setzte an die Stelle der Chöre, welche an den Festen
bisher die Thaten des Adrastos2) gesungen hatten, dionysische
Chöre. In Attika war es der Ort Ikaria bei Marathon, wo zuerst
ähnliche Chöre ertönten. Dionysos, erzählte die Sage, habe den
Gründer Ikarios den Weinbau gelehrt und ihm die erste Rebe ge-
schenkt, in Ikaria war seit uralten Zeiten der Dionysosdienst heimisch.
Jener Thespis nun kleidete sich in eine Maske von Linnen, und
trat in dreimal gewechselter Maske, also drei verschiedene Personen
der besungenen Begebenheit darstellend, auf. Der alte Solon war
mit der Neuerung keineswegs zufrieden. Den Stock zornig zur Erde
schlagend rief er: „man werde das Spiel bald auf dem Markte haben,
wenn man es lobe und gelten lasse;" und als Thespis im Charakter
der dargestellten Person recitirte, fuhr er ihn an: „ob er sich nicht
schäme so zu lügen." Solon vergass, dass er einst seine Elegie
wegen der Eroberung von Salamis selbst als Herold maskirt und
einen Boten der Insel vorstellend, gesungen hatte. Peisistratos
berief den Thespis mit seinen costümirten Dithyramben nach Athen
selbst. Im Jahre 53 G v. Chr. führte Thespis seine Chöre am Dionysos-
altare im Lenäon auf, dort, wo nachmals das erste Theater, die Bühne
des Aeschylos und Sophokles erbaut wurde. Diese Productionen
standen, ebenso wie die spätere Tragödie, unter dem besonderen
1) Gesch. des Alterthums, 4. Bd. S. 332.
2) Adrastos, Sikyon's und Argos' König, war einer der sieben Helden
von Theben.
Die griechische Musik. 269
Schutze und der besonderen Aufsicht des Staates, sie dienten nicht
zu blosser Ergötzung, sie waren eine religiöse und politische Feier.
Die Söhne des Peisistratos Hessen sich die Pflege der dithyrambischen
Festgesänge angelegen sein, und wie es nun in der griechischen
Sinnesweise lag, überall Wertkämpfe zu veranstalten , fand in Athen
auch ein Ringen um den Preis, einen Epheukranz, mit Dithyramben
statt. Hier traten die Chöre des gepriesenen ionischen Dichtern
Simonides von Keos gegen die Chöre des Lasos wetteifernd auf.
Las os, des Charis Sohn, aus Hermione, einer Stadt in Achaja, ge-
bürtig, soll als der Erste die Veranstaltung solcher dithyrambischer
Wettkämpfe getroffen haben. Er selbst wendete sich als Dichter
völlig dem Culte der Götter des Landbaues zu, der Demeter und
dem Dionysos. „Ich singe die Demeter," heisst es in einem erhal-
tenen Fragmente, „und die Köre, und die Gattin des Klymenes
Meliböa, anstimmend die sc hw ertönende äolische Harmo-
nie." l) Diese letzteren Worte sind für Lasos characteristisch ;
denn er war auch musikalischer Theoretiker, und der Erste, der ein
Buch über Musik schrieb. 2) Ganz plötzlich tauchte in dieser Zeit
eine eifrige spekulative und experimentirende Beschäftigung mit der
Natur und den Eigenschaften der Töne auf, die Musiktheorie trat
in den Kreis der übrigen Wissenschaften ein, und bemühte sich, der
musikalischen Praxis eine feste, wissenschaftlich sichergestellte
Grundlage zu verschaffen. Die Erforschung der mathematischen
Seite der Tonkunst hatte schon im Laufe des siebenten Jahrhun-
derts in Unteritalien ihren Anfang genommen, fasst gleichzeitig mit
der griechischen Philosophie. Wie die Griechen bis dahin ihre An-
schauungen von Gott und Welt in Mythen, in Theogonien und
allerlei mystische Culte einkleideten, und alles dieses einen reichen
Stoff zu epischen Dichtungen, zu Hymnen und anderweitigen Cultus-
gesängen bot, mit dem Auftreten des Thaies, Anaximander, Anaxi-
menes u. s. av. aber die Speculation es versuchte, an die Stelle jener
Mythen und Theogonien auf Naturbeobachtung, Mathematik und
nüchterne (freilich relativ noch immer poetisirend zu nennende) Auf-
fassung und Durchdringung des Beobachteten hin, über die Ent-
stehungsursache und wahre Beschaffenheit alles Existirenden in's
Klare zu kommen, so wurde nun auch die, bisher nur in dich-
terischer Begeisterung dem Göttlichen (in der Auffassung der antiken
Religion) zugewendete Musik in den Kreis der philosophischen
Speculation hineingezogen. Dies geschah durch Pythagoras und die
von ihm gegründete Schule oder Sekte der Pythagoräer. Auf Samos
um 680 v. Chr. geboren, angeblich der Sohn eines wohlhabenden
1) düfxtiTQu fisXna) , Koqccv ts, KXvfievoio
A?.oyov MelLßoiav, vfivcov avdyoov
AioXlS afia ßccQvßQO ijlov uq uoviav.
2) ÜQüizog öh oüroc ntgl fiovoixtjq loyov sypcnps. Suidas ad v. Adßoq.
270 ^ie Musik der antiken Welt.
Handelsmannes, wurde Pythagoras von seinem Wissensdrange in
das Land geführt, wohin es damals alle nach den Tiefen des Er-
kennens und der Weisheit strebenden Griechen zog, nach Aegypten.
Hier, trotz seiner fremden Abkunft wohl aufgenommen, wurde er
Schüler der ägyptischen Priester- und Tempelweisheit, und selbst
Mitglied des Priestercollegiums, und als er nach zweiundzwanzig-
jährigem Aufenthalt durch die politischen Stürme, welche Aegypten
trafen, nach Babylon entführt wurde, fand seine Wissbegierde an
den Wissenschaften der Chaldäer neue Nahrung. Geometrie, Mathe-
matik, Astronomie, Naturkunde waren es vorzüglich, was er von
seinen Weltfahrten mit heimbrachte, als er endlich nach Samos zurück-
kehrte. Aber die Tyrannei des Polykrates (scheint es) verleidete ihm
den Aufenthalt; wie hätte sich auch ein ernster, tiefsinniger, bis
zur Herbheit ethischer und von Aegypten her mit priesterlichem
Geiste erfüllter Denker seiner Art behaglich fühlen können, wo
Anakreon's und Ibvkos' wein- und liebestrunkene Lieder tönten, und
die Schönheit eines Knaben mehr galt, als alle Weltweisheit? Py-
thagoras zog nach Kroton in Unter-Italien oder Gross-Griechenland.
Wie der ausserordentliche Mann als Denker, Lehrer und Politiker
hier gewirkt, müssen wir unberührt lassen, da uns zunächst nur
seine musikalische Speculation beschäftigt. Die griechische Philo-
sophie ging in ihren Anfängen von der Naturbeobachtung und
Mathematik aus, die Philosophen waren zugleich Naturforscher und
Mathematiker, und speciell auch Astronomen. Thaies wusste eine
Finsterniss vorauszusagen, Anaximander die Ekliptik zu berechnen
u.s.w. Auch Pythagoras ging einen ähnlichen Weg, er beobachtete
was speciell die Musik betrifft, experimentirend die natürlichen
Eigenschaften der Töne, er berechnete sie, er setzte sie mit der
Astronomie in Verbindung. Während die Forscher der ionischen
Schule dem Urgründe, der Entstehungsursache der Dinge nach-
forschten, Thaies den Weltstoff im Wasser, Anaximenes in der
Luft fand u. s. w., nahm Pythagoras die Existenz des Weltalls als
ein Gegebenes, und fasste es wesentlich in dem Sinne eines wohl-
geordneten Ganzen, eines Kosmos auf. Diese Auffassung (vielleicht
neben directen Anregungen und Lehren, die er aus Ägypten mit-
genommen) mag ihn vorzüglich bewogen haben, den Verhältnissen
der Töne eine besonders sorgfältige Untersuchung zuzuwenden :
denn eben die Töne mit ihrer unverrückbaren Ordnung, mit ihren
wunderbaren Wechselbeziehungen stellen auch eine Art Kosmos
vor. Pvthagoras forschte, seiner eingeschlagenen Richtung treu,
nicht nach ihrer physikalischen Entstehung, sondern indem er sie
als eine gegebene Naturerscheinung hinnahm, nach einer klaren,
durch Mathematik vermittelten Erkenntniss ihrer Verhältnisse zu
einander, und nach dem Verständnisse ihres Zusammenhanges als
eines in sich harmonirenden Ganzen. „Alles ist Zahl und Harmonie,"
lautete der Kernspruch der pythagoräischen Weisheit. Die Zahlen
Die griechische Musik. 271
sind die Lenker und Bewahrer der Harmonie des Weltalls, sie be-
stimmen Gestalt, Ordnung und Gesetz der Dinge, in ihnen liegt
das Wesen alles Seins. Alle Zahlen sind nur eine Wiederholung
der ersten Zehn, die Zehn selbst entsteht wieder aus der Eins,
welche somit der Ursprung aller Dinge ist. Die grosse Zahl ist vier
(die heilige Tetraktys), denn zu den ersten drei Zahlen addirt gibt
sie die Grundzahl zehn, sie ist die erste Quadratzahl, die Bestimmung
der Körper liegt in ihr, so wie in der drei die Bestimmung der
Fläche, in der Zwei die Linie, in Eins der Punkt liegt, sie ist
daher die Wurzel der ganzen Natur. Die Zahl liegt nun auch den
Wirkungen der Musik zu Grunde, was man in dem Vibriren der
angeschlagenen Saite hört ist eine Zahl, in der Musik werden die
Zahlen tönend, und Zahlen sind es, welche die Höhe und Tiefe
der Töne, ihr Verhä'ltniss zu einander als Intervalle bestimmen.
Die Erzählung, als sei Pythagoras durch den Klang von Schmiede-
hämmern verschiedenen Gewichtes auf die richtigen Proportionen
der Töne aufmerksam gemacht worden, ist längst als Märchen er-
kannt, es ist wahrscheinlich, dass die ganz leicht zu machende Er-
fahrung, dass die schärfer gespannte und ebenso, dass die verkürzte
Saite desto höher tönt, je schärfer man sie spannt, oder je mehr sie
verkürzt wird, den Alles nach Zahl und Mass auffassenden Pytha-
goras bewog, den dieser Erscheinung zu Grunde liegenden Propor-
tionalgesetzen nachzuforschen. Dies ist um so wahrscheinlicher, als
die einzelne gespannte Saite, das Monochord, der Apparat war und
blieb, an dem die Pythagoräer ihre musikalischen Lehrsätze demon-
strirten. So fand denn also Pythagoras, dass die um die Hälfte
kürzer genommene Saite die höhere Oktave tönt, dass zwei Drittel
die Quinte, drei Viertheile die Quarte hören lassen, oder in mathe-
matischer Fassung, dass das Verhältniss der Oktave zwei zu eins.
der Quinte drei zu zwei, der Quarte vier zu drei ist. •)
Die Lücke in der Scala Terpander's füllte Pythagoras durch
Einschaltung des fehlenden Tones aus, das Heptachord wurde da-
durch zum Octochord, die Lyra erhielt die achte Saite, so dass
nunmehr die Scala aus zwei unverbundenen Tetrachorden, aus zwei
Quarten bestand, die von einander durch den Eaum eines Ganztones
getrennt waren2) und alle Töne der diatonischen Tonleiter innerhall)
einer Octave enthielt. Pythagoras soll auch die Tonschrift erfunden
haben, eine Erfindung, die, wie wir hörten, auch schon dem
filteren Terpander zugeschrieben wird. Vielleicht gestaltete Pytha-
1) die doppelt schnell vibrirende Saite läset die Oktave hören, die Saite,
die in gleicher Zeit dreimal schwingt als eine andere zweimal, tönt gegen diese
die Quinte u. s. w.
l.Tetrachord. lTon. 2. Tetrachord".
2) e, f, g, (i — /', 'S d, c
272 Die Musik der antiken Welt.
goras die Tonzeichen Terpander's reicher, wie es seine vervollstän-
digte Scala erheischte, vielleicht war er es, der auf den Gedanken
kam, die Töne durch Buchstaben zu bezeichnen. Die achttönige
Pythagoräische Tonleiter soll in Erz gegraben und in dem berühm-
ten Heratempel zu Samos aufgestellt worden sein. Für seine Ton-
lehre erhob Pythagoras zum Grundsatze : dass nicht das Urtheil des
Ohres, sondern nur die untrügliche mathematische Ration für die
Beurtheilung der Töne massgebend sein dürfte, ein Grundsatz, an
dem die Schule der Pythagoräer durch alle Folgezeit unverrückbar
festhielt. Die Zahlen, wie sie in den Tönen und in den Bewegungen
der Gestirne leben, knüpfen zwischen beiden ein geheimnissvolles
Band, und da Pythagoras ausgerechnet zu haben glaubte, dass die
Abstände der sieben Kreise der Weltkörper von dem (von ihm an-
genommenen) Centralfeuer den sieben Tönen der Scala entsprechen,
so glaubte er, dass die Himmelskörper in ihrem Umschwünge
erklingend die Harmonie der Sphären hervorbringen, in welcher sie
alle wunderbar zusammentönen. Die Schüler des Pythagoras be-
haupteten, er habe, der einzige von allen Menschen, die Sphären-
harmonie wirklich gehört. Dass in dieser phantasievollen Idee
vielleicht ägyptische oder babylonische Reminiscenzen zu finden sein
mögen, haben wir bereits angedeutet.
Die Kunst der geordneten Töne, dieses Abbild der Harmonie
des Weltalls hatte wie natürlich auch die Eigenheit und folglich die
Bestimmung, dem erregten Gemüthe das rechte Mass wiederzu-
bringen, die Seele harmonisch zu stimmen. Die Musik insbesondere
das Spiel der Lyra, die gleichsam ein Modell des Weltalls vorstellte,
war für die Pythagoräer so zu sagen Ordenspflicht. Wie die Pytha-
goräer gewisse Speisen nicht essen, in weissen, fleckenlosen Ge-
wändern einhergehen mussten u. s. w., so war es für sie Regel und
Pflicht, dass sich Abends keiner zur Ruhe legen durfte, ehe er nicht
seine Seele durch Musik gereinigt und richtig gestimmt ; so wie am
Morgen zu den Tagesgeschäften durch Musik die nöthige Spannkraft
und Frische verschafft werden musste. Roth vergleicht die Gesänge
der Pythagoräer treffend geistlichen Liedern zum Privatgebrauche
und zu häuslicher Erbauung, wogegen die Päane und Hymnen des
Terpander, Thaletas u. a. mehr dem für den öffentlichen Gottes-
dienst bestimmten Chorale entsprachen. Gegen Gemüthsbedrängniss
jeder Art hatte Pythagoras eigene Lieder, und er selbst soll einmal
einen von Wein und Eifersucht ausser sich gesetzten Jüngling durch
Anstimmen einer feierlichen Weise zur Besinnung gebracht haben.
Die Art Poesie, welche Pythagoras mit seinen Melodien verband,
ist uns in ihrer eigenthümlichen Fassung durch die sogenannten
orphischen Hymnen voll mystischer Anrufungen erhalten, ausser-
dem aber durch wahrhaft erhabene Dichtungen im schwungvollsten
Hymnentone :
Die griechische Musik. 273
0 du Herrscher des Meeres, des Aethers und Abgrunds
Der du den Himmel mit Deinem Donner erschütterst,
Du, vor dem die Geister erschauern, die Götter erzittern,
Dem die Geschicke gehorchen, so unerweichlich sie sonst sind u. s.w.
Eine Dichtung- solchen Inhaltes konnte nur von den ernstesten, ein-
fach erhabenen Melodien begleitet werden, sei es im reeitirendcn Ge-
sänge des Einzelnen, sei es im Chor; denn auch Chöre Hess Pytha-
goras von seinen Schülern singen, wie aus dem Umstände erhellt,
dass sie zur Lenzeszeit im Kreise sitzend Frühlingspäane anstimmten,
welche ein in Mitten sitzender Kitharspieler leitete und begleitete.
Dass Pythagoras von den Tempelmelodien, die er in Aegypten
oft genug gehört und vermuthlich selbst oft genug mitgesungen,
für die Gesänge seines Ordens eben so gut Einiges verwerthet hat,
als sich in den Observanzen, Denksprüchen u. s. w. zweifellos
Aegyptisches findet, ist durchaus wahrscheinlich. Aber was von
ägyptischer Musik durch ihn herübergebracht werden mochte, kam
jedenfalls zu spät, um der bereits sehr ausgebildeten griechischen Musik
eine besondere, ägyptisirende Richtung geben zu können. So gross
der Einfluss Asiens auf die griechische Tonkunst war, so relativ
unbedeutend ist der ägyptische zu nennen. Die theoretische und
praktische Musikübung der Pythagoräer bildet jedenfalls in der
griechischen Musikgeschichte einen sehr wichtigen Abschnitt. Die
mathematische Musikwissenschaft verehrt in Pythagoras noch heute
ihren Begründer. Aber verhängnissvoll und folgenreich wurde es,
dass die Pythagoräer für die Terz nicht die wahre Ration, sondern
eine sehr verwickelte unrichtige herauscalculirten. Während also
die in einfachen Grössenverhältnissen begründete Octave, Quinte
und Quarte als Consonanzen anerkannt wurden, reihete man die
Terz den Dissonanzen ein. Dadurch wurde die Construirung selbst
des ersten und einfachsten harmonischen Gebildes, des tonischen
Dreiklanges unmöglich, und die griechische Musik musste sich be-
gnügen, Alles im Einklänge oder höchstens in Octavenverdoppelun-
gen auszuführen. Der Autoritätsglaube für Pythagoras (avi 6g i'q>a)
war so gross, dass, nachdem die wahre Ration der Terz längst
bekannt war, die Terz doch für dissonirend galt, dass selbst noch
der Capellastyl des 16. Jahrhunderts gerne mit der leeren Quinte
endete, um den Schluss vollkommen consonirend zu bilden, und
nicht durch die unvollkommene Consonanz der Terz zu beunruhigen,
ja dass noch heute die Terz als „unvollkommene Consonanz" be-
zeichnet und in Accorden nur ungern verdoppelt wird. Wie viel
übrigens von den Pythagoräischen Lehrsätzen von ihm selbst her-
rührt, wie viel dann in der Schule ausgebildet wurde, lässt sich
nicht mehr entscheiden. Pythagoras ist der Vater der griechischen
Musiktheorie, nicht aber der erste und älteste Musikschriftsteller.
In alterthümlicher Weise beruhte sein Unterricht auf dem leben-
digen Worte des Lehrers, auf dem beständigen Verkehr zwischen
Ambros, Geschichte der Musik. I. 18
274 Die Musik der antiken Welt.
ihm und den Schülern. Die späteren Pythagoräer haben dann frei-
lich, als die schriftliche Aufzeichnung etwas Gewohntes und für die
"Wissenschaft sogar Unentbehrliches wurde, ihre Schultraditionen auch
niedergeschrieben. Unter den Pythagoräern, die speciell Musik behan-
delten, werden Archytas, Panakmos, Philolaos genannt. Der
Meister selbst starb um das Jahr 500 v. Chr. zu Metapont, wohin
ihn die in Kroton ausgebrochenen bürgerlichen Unruhen vertrieben
hatten. Seit dieser Zeit bildeten sich Schulen, die nach ihrem
Haupte bezeichnet wurden, so dieEpigonier nach Epigonios; auch
Pythagoras von Zakynthos, Apenor von Mityleneu.A. beschäf-
tigten sich mit musikalischer Theorie. Wir kennen den Inhalt ihrer
Lehren nur andeutungsweise. Sie behandelten die Natur und die
Eigenheiten des Tones, die Harmonien, d. i. die in der Form von
Octavengattungen oder Octavenreihen mit wechselnder Stelle der
beiden Halbtöne aufgefassten Tonarten. Auch die Zusammen-
setzung derselben aus Quarte und Quinte, die Stelle, wo in der
Octave zwischen den beiden Quartenreihen der Trennungston liegt,
die nach Art der Stelle des Halbtons unterschiedenen Quinten-
und Quartengattungen, die Bestimmung der stehenden Töne im
Tetrachord und der beweglichen hat sich zuverlässig in dieser Zeit
als feste Lehre herausgestellt, denn die uns erhaltenen griechischen
Musikschriftsteller (unter denen Aristoxenos aus dem 4. Jahrhundert
v. Chr. der älteste ist) sprechen von diesen Gegenständen nicht wie
von neuen, sondern wie von bekannten, feststehenden und allge-
mein angenommenen Lehrsätzen. Die eigentlichen Pythagoräer
setzten ihre Rechnungen fort, und als man anfing auch die Enar-
monik mit ihren Vierteltönen der Berechnung zu unterziehen, als
man endlich liier überfeine Unterschiede und „Schattirungen" zu
machen begann, wurde die Aufgabe eine sehr weitläufige und ver-
wickelte. Die späteren musikalischen Pythagoräer, wie Euklid, Xi-
komachos u. s. w. waren weder Ordensbrüder des pythagoräischen
Bundes, noch praktische Musiker, sondern rein Männer der Wissen-
schaft, natürlich mit wesentlich mathematischer Grundlage. Dagegen
vereinigte sich in jenen Zeiten der noch jungen griechischen Musik-
lehre das Amt des Lehrers und Schuloberhauptes mit dem Berufe
des praktischen Musikers und folglich auch des Poeten. Pythagoras
von Zakynthos erfand einen eigenen Apparat von drei verbundenen,
in die drei Haupttonarten gestimmten Lyren , um in raschem Wechsel
aus einer Tonart in die andere übergehen zu können, und Lasos
von Hermione zeigte den spekulirenden Grübler in dem Kunststücke
einer besonderen von ihm erfundenen Art „sigmaloser Gesänge"
(wiyijoi qdai) d. i. Gedichte, in welchen der Zischlaut des Buch-
stabens Sigma ganz vermieden war. Ein solches Lied ohne S war
sein Dianenhymnus , von dem einige Verse erhalten sind, und ein
anderes, wie es scheint grösseres Gedicht, unter dem Titel: die Ken-
tauren. Das Sigma war bei den Musikern, besonders bei den Flöten-
Die griechische Musik. 275
bläsern, verhasst l), entweder weil es durch seinen zischenden Ton
der Süssigkeit des Flötenklanges Eintrag- that, oder gerade umge-
kehrt, weil es dem Flötentone zu analog war, denn bei einigen
Arten der orientalischen Flöten, in denen allem Anschein nach
antike Traditionen erhalten sind, gilt ein zischender Nebenton
beim Blasen für eine besondere Schönheit, und die Flöte soll ja
von Pallas als Nachahmung zischender Schlangen erfunden sein.
Unser Ohr würde freilich die Mischung von Flötenton und Gezisch
eben so wenig angenehm finden, als unsere Gaumen eine andere,
auch antike Mischung, den mit Harz versetzten Wein für angenehm
gelten lässt. Aus der Schule des Lasos stammte der grosse Dichter
Pindar, geboren zu Kynoskepkalä bei Theben (5"2'2 v. Chr.). Er
war nach der Zeit Weise zugleich Musiker, und ist Böckh's Ver-
muthung richtig, dass die erhaltene Melodie zu seiner ersten pythi-
schen Hymne von ihm selbst herrührt, so haben wir auch eine Probe
seiner vorzüglichen Begabung als Tonkünstler. Er selbst spricht
sich über die Macht der Musik wiederholt mit begeistertem
Schwünge aus.
Nach der Ueberlieferung gehörte Pindar einer musikalischen
Familie an, sein Vater und sein Oheim sollen Flötenbläser gewesen
sein. Kraft seiner Doppelrichtung gehört Pindar ebenso sehr der
Geschichte der griechischen Musik als der griechischen Poesie.
„Aber er nahm," wie Otfried Müller sagt, „zeitig in seinem Leben
einen Schwung, der weit über die Sphäre eines Flötners an den Götter-
festen, oder auch eines Lyrikers von blos localer Geltung hinaus-
ging."'2) Pindar war ein vollendeter, man kann sagen der höchste
Meister auf dem Gebiete der Chorpoesie. Er dichtete dahin ge-
hörige Gesänge jeder Art: Dithyramben, Päane, Hymnen für die
besonderen Götterculte, Hyporcheme , Parthenien, Prosodien, Sko-
lien, Trauergesänge (d-Qijvovg), Enkomien (fyxwfiin d. i. Lobgesänge,
welche so hiessen, weil sie beim Festmahle „im Komos" iv v.ä^tM
zu Ehren einer ausgezeichneten, oft fürstlichen Person angestimmt
wurden) und Epinikien oder Siegesgesänge auf die Preisträger in
den grossen nationalen Festspielen. Gesänge solcher Art, in denen
sich hohe Würde des Ausdruckes mit schwungvollster Erhebung eint,
welche, obwohl für Chorgesang bestimmt, doch durchaus lyrisch die
I ii'sinnungen des Dichters ausdrücken, und in denen sich tiefe Be-
ligiosität, geistvoll aufgefasste und erzählte Mythen, Spruchweis-
heit, Mahnung und Ermunterung, Aeusserungen des Antheils und
der Freude zu einem herrlichen Ganzen verschlingen, sind uns in
nicht unbedeutender Anzahl erhalten, von den zugehörigen Melo-
dien leider eine einzige. Aber auch diese genügt, um von der
1) Bippart, a. a. 0., S. 7, Anm. 27.
2) A. a. 0. S. 394.
18*
276 ®ie Mnsik der antiken Welt.
hohen Würde Pindar'scher Musik eine Ahnung zu geben, voraus-
gesetzt, dass er, was nicht unwahrscheinlich ist, nicht seine Dich-
tung älteren würdigen Xomen unterlegte. Die Pindar'sche Melodie
(wie wir sie in Ermangelung einer genauem Bezeichnung nennen
wollen) ist im Wesentlichen aus vierteiligen Melodiegliedern zusam-
mengestellt, entspricht also in ihrer Construction dem Tetrachorden-
system. Die Melodieglieder selbst wiederholen sich symmetrisch
mit geringen aber nicht wirksamen Modifikationen. Das Ganze er-
innert auf das Entschiedenste an den feierlichen Schwung gewisser
uralter gregorianischer Kirchenmelodien, man findet sich unwill-
kürlich an die Präfation oder auch an die Ritualmelodie des Te Deum
gemahnt.1) Gegen die eindringliche Kraft dieser Gesänge hat die
Pindarsche Melodie etwas Weicheres, Milderes. Wenn Winkelmann
den Werken der griechischen bildenden Kunst als besonderes Kenn-
zeichen „edle Einfalt und stille Grösse" zuschreibt, so hat, nach
diesem unschätzbaren Rest zu urtheilen, die griechische Musik an
dieser Eigenschaft auch Theil gehabt. Der Abstand gegen den leiden-
schaftlich unruhigen Zug der um einige Jahrhunderte jüngeren Hym-
nen des Dionysius und Mesomedes ist so bemerkenswerth, als die ent-
schieden liedartige Fassung der Melodie Pindar's gegen den regellos
recitativmässigen, wenig melodischen Gang jener späteren Tonstücke.
In diesen geht es ohne Einschnitte hastig vorwärts, in der Pindar1-
schen Hymne scheidet sich der Gesang in überschauliche Melodie-
glieder, und, was höchst merkwürdig ist, es spricht sich ein bestimmtes
zu Grunde liegendes musikalisches Motiv aus, der Halbschluss auf
der Dominante und der Ganzschluss auf der Tonika kommt in einer
unserer Musik ganz analogen Weise zu seiner gehörigen Geltung.
Die Melodie trägt in der ersten Strophe durchweg die Beziehungen
auf den tonischen Dreiklang und den Dominantenaccord in ganz fest-
gefügtem, naturgemässem Wechsel in sich, und obschon sie sich in
ihrer hohen Simplicität so sehr mit diesen zwei Grundharmonien
begnügt, dass kaum ein flüchtiger Seitenblick auf den Accord der
vierten Klangstufe fällt, so erscheint sie doch durchaus nicht mo-
noton. Gerade jene Harmonien also, welche uns für die wichtig-
sten, ja für die bestimmenden einer Tonart gelten (erste, fünfte
und vierte Klangstufe), liegen diesem melodischen Gebilde zu Grunde.
Etwas reicher ist die Harmonie in der zweiten Strophe. Fremdartig,
aber keineswegs unangenehm tritt einmal die kleine Terz der fünften
Klangstufe auf. Es versteht sich, dass diese Harmonien im Sinne
unserer Kunst gedacht sind und die Hymne im Originale nur im
Einklänge gesungen wurde. Aber wie die blosse Melodie, wie das
einfache Choralmotiv deutlich durch die Folge der Noten auch schon
den Gang der zugehörigen Harmonie andeutet, und so mannigfach
1) Beaulieu hat es in einem academischen Vortrage recht gut ausein-
andergesetzt.
Die griechische Musik. 277
man harmonisiren kann, doch eine Harmonie die unverkennbar
natürlichste wird heissen müssen, so hat der hellenische Tonsetzer,
von richtigstem Sinne, von der Natur selbst geleitet, ganz im Sinne
einer auf eine gesunde harmonische Basis gestützten Melodie ge-
arbeitet. Die Anordnung ist von solcher Art, dass der Solosänger
die erste Strophe singt, welche auch eine vollkommen geschlossene
musikalische Periode mit Halb- und Ganzschluss bildet, dann tritt
bei der zweiten Strophe mit etwas geänderter Melodie der volle Chor
unter Kitharbegleitung ein. Es ist gar kein Zweifel, dass die plötz-
lich eintretende Vollkraft der Chorstimmen einen ungemein feier-
lichen, in seiner Simplicität sogar mächtigen und erhabenen Effect
machte. *) Der Chorsatz bildet wieder eine wohl konstruirte musi-
kalische Periode. "Wir haben in diesem Wechselgesange des Korv-
phäen und des Chores unverkennbar die solenne Form des musika-
lischen Theiles der Epinikien zu erkennen. Sie entspricht durchaus
dem ähnlich gegeneinander gestellten Solo- und Chorgesange in den
Dithyramben, durch den dann die dramatische Kunst der Griechen
einen ähnlichen Zuschnitt bekam. Zur Begleitung diente die edle
Kithara. Doch nahet Pindar dem olympischen Zeus auch „beim
Klange der Lyderflöte." Dem Siege in den heiligen Festspielen
folgte eine frohe Festfeier, bei welcher sowohl den Göttern der Dank
des Siegers dargebracht, als dieser selbt gepriesen werden sollte.
Ersteres geschah in dem Fest- und Opferzuge zum Altare, und es
scheint, dass jene Epinikien, welche mit Epoden versehen sind.
eben wegen dieser den gottesdienstlichen Festchören eigenen Form,
eigens für diesen religiösen Theil der Feier bestimmt waren. Das
Lob des Siegers konnte dabei ganz wohl mit angestimmt werden;
mich bessere Gelegenheit dazu gab das Festmahl, wobei dann das
Epinikion zu einem Enkomion (tyxäluiov /ueloi) oder zur epiko-
mischen Hymne (inixcaftiog v/.ivo;) wurde, wie Pindar in der That
seine Lieder öfter nennt. 2) Dass die Musik Pindar's sich diesen
Unterschieden anpasste und überhaupt reich und mannigfaltig im
Ausdrucke war, ist mit Zuverlässigkeit anzunehmen.
Pindar war selbst auch Sänger, und konnte in seinen Epinikien
die Stelle des Chorführers selbst einnehmen. In seiner Jugend hatte
er an den Dichterinnen Korinna und Myrtis zwei edle Nebenbuhle-
rinnen um den Preis der Dichtkunst. Korinna besiegte den hingen
Sänger in den Wettkämpfen fünf Mal, und Pausanias meint, dazu
habe ihre grosse Schönheit wesentlich mit beigetragen. Folglich
kam es dabei auch auf persönliches Auftreten an. Und Korinna
sagt: „unrecht find' ich's, dass die hell st immige Myrtis mit
1 ) Um das Beispiel eines ähnlichen Effects aus der modernen Musik zu haben,
erinnere man sich an die zauberhafte Wirkung der Choreintritte bei Sarastro's
„o Isis und Osiri»-' oder bei des Oberbraminen Arie in Spohr's Jessonda.
2) Otfried Müller a a. 0. S. 401.
278 Die Musik der antiken Welt.
Pindar in den Wettkampf trat." Diese Vereinigung von Dichter,
Tonsetzer und Sänger in derselben Person verstand sich in den
älteren Zeiten ganz von selbst, und auch aus der Zeit nach Pindar
wissen wir, dass z. B. Timotheos von Milet seine Gesänge im Theater
selbst vortrug. Aber so gut der Khapsode ein fremdes Gedicht
recitiren konnte, so gut konnte der Dichter seinen Chorgesang einem
andern Chormeister übertragen, und ihm das Einstudiren und die
Ausführung anvertrauen. Ein Beispiel findet sich auch bei Pindar.
Die sechste olympische Ode, die in Stymphalos (der Heimat des
Siegers) aufgeführt werden sollte, vertraute der Dichter einem
Stymphalier Aeneas an, der die Dichtung von Pindar in Person er-
hielt und nach Stymphalos brachte, wo er den Gesang und den
Tanz dem Chore einübte. Pindar nennt ihn daher einen Boten,
einen Briefstab der schönlockigen Musen, einen süssen Mischkessel
hochtönender Gesänge. Bei solchen Gelegenheiten, wo Gesänge
in Abwesenheit des Dichters einzustudiren waren, konnte man der
Tonschrift nicht wohl entbehren. Der „Briefstab" bekam sicherlich das
Epinikion in Text und Musik aufgeschrieben mit auf den Weg. Da
aber die griechische Tonschrift wenig vollkommen war, und über
Feinheiten des Vortrages gar keine Andeutungen gab, so war persön-
liche Unterweisung, wie sie Aeneas von Pindar bekam, jedenfalls er-
wünscht1), in diesem Sinne wurde er „Bote", der das mündlich Erhal-
tene mündlich ausrichtete. Pindar selbst stand mit den Herrschern
und Mächtigen seiner Zeit in persönlichem Verkehre, mit Theron von
Agrigent, mit Hieron von Syrakus, mit Amyntas von Makedonien, mit
Arkesilaos von Kyrene. In Athen machte man ihn von Staatswegen
zum Proxenos (Gastfreund) und lange nach seinemTode, als Alexander
der Grosse Theben zerstörte, befahl er, das Haus Pindar's zu ver-
schonen. Das Verhältniss Pindar's zu den Fürsten hat nicht die
halbparasytische Färbung, wie die Stellung der Hofpoeten des Poly-
krates, noch das Miethlingartige der späteren Virtuosen am make-
donischen, alexandrinischen u. s. w. Hofe. Es ist durchaus eines
freien Menschen und grossen Künstlers würdig, und während Ana-
kreon nur die Schönheit der Knaben, die Anmuth der Mädchen und
den firnen Wein zu besingen wusste, Hess Pindar oft sehr ernste
Töne an das Ohr der Grossen schlagen, und liess sie Lehren ver-
nehmen, welche von eigentlichen Despoten nur sehr missklingend
befunden werden konnten. Der ernste religiöse Sinn, der bei Pindar
fast den Grundzug für alles Uebrige bildet, gibt seinen Dichtungen
noch jetzt etwas Erhebendes, und zuverlässig trugen seine Melodien
durchgängig den würdevollen Charakter der einzigen übrig geblie-
benen. Was die antike Musik Edelstes zu erreichen vermochte,
1) Auch neuere Tonsetzer dachten so. Man lese nur, was Gluck über
seine Alceste an Klopstock schrieb.
Die griechische Musik. 279
scheint sich in diesen Gesängen in reinster, einfachster Weise aus-
gesprochen zu haben.
Pindar's Mitstrebende und Nebenbuhler waren der schon ge-
nannte Simonides von Keos und dessen Schwerstersohn Bakchy-
lides. Erstem- war durch den Peisistratiden Hipparch unter Zusiche-
rung eines jährlichen Soldes nach Athen berufen worden. Auch mit
Theron von Agrigent und Hieron von Syrakus war Simonides, wie
Pindar, befreundet. "Wie Pindar dichtete Simonides Hymnen,
Päane, Parthenien, Epinikien und Hyporcheme, von letzteren sagte
er selbst, er verstehe es trefflich, die raschen Bewegungen der
Füsse mit der Stimme zu verbinden. ') Unter diesen Dichtungen
des Simonides hat man sich so wenig, wie unter denen Pindar's
Poesien für die Lektüre zu denken, sondern "Werke für bestimmte
Gelegenheiten zur Aufführung vor allem Volke. Durch diese
Bestimmung haben sie eine Lebendigkeit des Ausdruckes, eine
unmittelbar wirkende, eindringliche Kraft erhalten, die wir noch
jetzt herausfühlen, sie tragen die volle Farbe des Lebens, aus dem
sie entstanden sind und dem sie angehörten; während so vielen spä-
teren „die Blässe des Gedankens angekränkelt ist." 2) Die Aufführung
bestand wohl selten in blosser Recitation, nach der Zeit Sitte viel-
mehr zumeist in Chorgesängen, daher insbesondere die Dithyramben-
dichter die zum Begleiten mit der Flöte bestimmten Musiker in ihrem
Solde hatten. Die Dichtungen des Simonides auf die Marathon-
kämpfer, auf die gefallenen Thermopylenkämpfer, auf die Seeschlacht
von Salamis hat man sich füglich als eine Art von Cantate zu denken,
wo Gesänge des Chorführers (vielleicht des Dichters selbst) mit
antwortenden Chören wechselten. Hatte, wie wir aus der musikali-
schen Reliquie Pindar's wissen, das Epinikion für den einzelnen
Kämpfer diese prächtige, imponirende Form, warum sollten sie
nicht die Epinikien haben, die für ganz Hellas gesungen wurden,
das sich vor dem persischen Joche bewahrt und sich den Oelzweig
(des Friedens Bild) in weit höherem Sinne errungen hatte, als je
ein Sieger in Olympia ? Die musikalischen Aufführungen längen
um diese Zeit an, eine reichere, sogar eine sehr reiche Ausstattung
zu erlangen. Simonides siegte (476 v. Chr.) mit einem kyklischen
Chore von fünfzig Männern, und Lasos von Hermione Hess seine
Dithyramben von zahlreichen Flötenbläsern in weit reicherer Weise,
als man es gewohnt war, kunstvoll begleiten, wodurch er die Ver-
änderung der bisherigen einfacheren Musik anbahnte3), zumal er
1) Plutarch, Sympos. IX. 15. 2.
2) „Wir kennen die gesammte griechische Poesie nur aus der Relation
der Buchstaben, und können folglich von ihrer Wirkung nur so viel ahnen, als
ein blosser Contour zur Vorstellung von der Statue berechtigt. Und doch
beruhte das Wesen der griechischen Poesie auf dem lebendigen Worte."
Feuerbach, vatic. Apollo S. 274.
3) Plutarch de mus. 29. Adooq Sh ö lEQ[tiOV£vq eiq rr/v di&iQUfißiz/jr
280 Die Musik der antiken Welt.
auch durch rasche Rhythmen zu wirken suchte. Besonders zu Athen
blühte ein reiches und frohes Kunstleben auf. Die einzelnen athe-
niensischen Geschlechter erhielten die Dithyrambendichter und
stellten die Chöre, welche von reicheren Bürgern ausgestattet
wurden, die hiernach Choragen Messen. Diesen Chören hatte nun
der Dichter die Worte, den Gesang und die Tanzbewegungen ein-
zustudieren, auch die begleitenden Flötenbläser beizustellen, die in
seinem eigenen Solde standen; bis um die Mitte des fünften Jahr-
hunderts auch diese von Staatswegen entlohnt wurden. Die
Musikanten selbst nahmen an der dramatischen Ausstattung des
Ganzen nicht wie ein beiher stehendes Orchester, sondern wie der
Mitspielende Theil, wenigstens wissen wir, dass der Flötenbläser
Antigenides in einem krokosfarbenen Kleide und in milesischen
Schuhen, d. i. im bacchischen Festcostüme auftrat. Auch mit
Knabenchören wurde um den Preis gekämpft. Ein noch heut erhal-
tenes kostbares, freilich um mehr als ein Jahrhundert jüngeres, aus
dem Jahre 334 v. Chr., herrührendes Architekturwerk ist das Denk-
mal eines solchen Sieges, das sogenannte choragische Monument
des Lysikrates zu Athen. Der Chor war aus dem attischen Stamme
Akamantis beigestellt. Das Basrelief, womit das Denkmal geziert
ist, stellt eine Begebenheit des bacchischen Sagenkreises vor, die
Züchtigung der tyrrhenischen Seeräuber, welche den Dionysos ge-
fangen genommen, und ihre Verwandlung in Delphine.1) Es
mochte diese Geschichte auch den Gegenstand der Darstellung durch
den Chor gebildet haben. Hatte ein Chor gesiegt, so war ein Stier
der Siegespreis, daher Pindar den Dithyrambos „stiergewinnend"
nennt , während der Poet und der Chorage Dreifüsse erhielten. Ferner
wurde der Name der Sieger öffentlich vezeichnet, des Choragen,
des Flötenbläsers, des Geschlechtes, welches den Chor beigestellt,
des Dichters; auch bemerkt, unter welchem Archon der Wettkampf
stattgefunden habe. Die gewonnenen Dreifüsse wurden als Weihe-
geschenke aufgestellt — die Dreifussstrasse , die sich am Fusse der
Akropolis bis zum Lenäon hinzog, hatte davon den Namen.
äycjyrjv [iSTaOTijßag tovg QV&ftovq xul ry twv avXcöv noXvipojrU: y.u.xaxoKov-
tiSjoag, 7i).elooi xe (füoyyoig xcd öte{jQttu/uövoig yjjijotqievog elg ßeTtt&eotv t>jv
nyov7C('((>yov<>(cr ijyrcye /novcuxt/v. Diese Stelle ist eine von jenen, auf welche
hin man den Griechen die Kenntniss der Harmonie vindiciren könnte.
1) Diese Erzählung bildet den Gegenstand einer homerischen Hymne.
Das Monument des Lysikrates ist eine ungemein zierliche Rotunde mit korinthi-
schen Hulbsäulen und einer flachen Kuppel, auf welcher sich eine 4 Fuss hohe
arabeskenhaft stylisirte Blume erhebt, die mutmasslich den gewonnenen Drei-
fuss trug. Auch auf der Cellamauer zwischen je zwei Kapitalen der Halbsäu-
len ist der Dreifuss in halberhabener Arbeit abgebildet. Der Fries ist mit dem
erwähnten Basrelief geziert. Den choragischen Sieg eines Thrasyllos im Jahre
320 v. Chr. verkündete ein am südlichen Abhänge der Akropolis belegenes
Denkmal, das erst in neuerer Zeit zerstört worden ist. Als Thrasikles, des
Thrasyllos Sohn, später auch einen Sieg gewann, Hess er das Monument mit
einer Statue des Dionysos zieren.
Die griechische Musik. 28 t
Der Dithyramb bildete also in dieser Epoche durchweg die be-
liebte Form der Chöre. Daraus, dass Simonides einen solchen unter
dem Titel „Memnon" dichtete und Melanippides ähnliche Dichtungen
„Marsyas, Proserpina, die Danaiden" betitelte, ist zu entnehmen,
dass man anfing, auch andere Sagenstoffe, als nur die der Dionysos-
mvthe angehörigen in der beliebten Gestalt des Dithyrambs zu be-
handeln. Um freie Hand zu gewinnen, Hess Lasos bei seinen Chö-
ren die Antistrophe weg, Aristoteles sagt: „Seit die Dithyramben
mimisch (fuftrirtxoi) geworden, haben sie keine Antistrophen mehr,
welche sie doch früher gehabt." ') Die einfache, freie Form sollte
dem Chor, der hier agiren musste, die Action erleichtern. Die
Tragiker führten die feierliche Dreitheilung des Stesichoros wieder
ein, da bei ihnen der Chor mehr eine Sehaar idealer Zuschauer der
Handlung bildete, und die Pflicht, mimisch zu agiren, dem Prota-
gonisten, Deutragonisten und Tritagonisten, als den eigentlichen
Personen des Stückes zufiel, während der Chor auf feierliche Tanz-
bewegung beschränkt blieb. Der Dithyramb blieb in Athen in An-
sehen und Uebung, selbst als sich bereits die Tragödie daraus ge-
bildet hatte, er stand daneben etwa wie bei uns das Oratorium oder,
wenn man will, die lyrische Oper neben dem recitirenden Drama,
welche ähnliche Zwecke mit verschiedenen Kunstmitteln verfolgen.
Pratinas von Phlius war in beiden Gattungen geübt, er war
Dithyrambendichter und einer der frühesten attischen Tragiker.
Von anderen Dithyrambographen wissen wir kaum mehr als die
Namen: Lamprokles, Likymnios, Kekidas. Das wetteifernde Be-
mühen in einem so heftig und lebhaft bewegten Genre, wie der
Dithyramb, mit Gegnern um den Preis zu kämpfen, konnte nur
allzuleicht zur Uebertreibung und in Folge dessen zur Ausar-
tuno- wenigstens zur Abweichuno- von der einfachen Würde, der
simpeln Hoheit der älteren Kunst führen. Wirklich sind es gerade
die etwas späteren Dithyrambographen (Timotheos, u. s. w.), denen
eine übertriebene Anwendung drastischer Kunstmittel und ein Miss-
brauch mit dem, schon von Lasos nicht verschmähten Luxus zum
Vorwurfe gemacht wird, und sie sind es vorzüglich, durch welche
in der griechischen Musik eine tiefgreifende Reform vermittelt wurde.
Die ernste, die Handlung noch entschiedener als der Dithyramb ob-
jectivirende Haltung der Tragödie bildete eine Art Gegengewicht
gegen den lyrischen Schwung des ersteren. Die dramatische Seite
des Dithyrambs war bei diesem nur Nebensache, nur Beigabe, er
blieb seinem Wesen nach, was er von Hause aus gewesen, lyrischer
Chor. Die Tragödie machte umgekehrt gerade jene dramatische
Seite zur Hauptsache, während sich das lyrische Element auf ihre
Chöre beschränkte und zwar desto mehr beschränkte, je entschiedener
und selbstständiger sich die Tragödie gestaltete. In den Stücken
U Prob!. XIX
282 Die Musik der antiken Welt.
des Aeschylos findet man sich zuweilen noch an die Gefühlspoesie
des Dithyrambs gemalmt, welche eine Handlung nur als Fundament
benützt, um darauf, nicht darin ihren eigentlichen Spielraum zu
finden, bei Sophokles ist bereits jeder verwandte Zug verschwunden.
In den Persern des Aeschylos ist das eigentlich Tragische der Sache,
der Uebermuth des Xerxes und seine Niederlage, ganz ausserhalb
der Darstellung verlegt — wir finden uns in Susa, wo die Kunde
der erlittenen Verluste eintrifft , und die rein lyrischen Aeusserungen
des Schmerzes und der Verzweiflung durch Atossa, den Chor und
den rückkehrenden Xerxes selbst uns die Grösse des Unglücks er-
kennen lassen, während der Schatten des Dareios auf das göttliche
"Walten in diesen Begebenheiten hinweist. Dem, nach der aristo-
telischen Definition der Tragödie, so wesentlichen „Geschehenden,
nicht durch Botschaft Berichteten" (öqÜvtcov xal ov öi ina^eh'af) wird
hier noch durchaus keine Rechnung getragen. Die „Perser" des
Aeschylos gestatten gerade dadurch einen sicheren Schluss auf die
älteste, dem „mimetischen" Dithyramb noch sehr verwandte Weise
der attischen Tragödie, dass sie die Nachahmung einer der ältesten
davon, nämlich der „Milesier" des Phrynichos sind. So ähnlich
einfach die „Schutzflehenden" des Aeschylos gehalten sind, die Re-
clamation der Danaiden durch den Herold, und was weiter daraus
erfolgt, geschieht doch wirklich vor den Augen der Zuschauer und
die „Todtenopfer" haben schon eine förmlich sich entwickelnde
dramatische Handlung. Aristoteles sagt daher von der Tragödie,
sie sei „Nachahmung einer bedeutenden und vollendeten Handlung,
in veredelter Sprache, deren Eigenheiten in den verschiedenen
Theilen zur Geltung kommen, geschehend und nicht durch Bot-
schaft berichtet, durch Mitleid und Furcht die Reinigung dieser
Leidenschaften vollbringend". Also Handlung und Sprache treten
hier als das Bedeutende, das "Wesentliche in den Vordergrund;
die Musik wird etwas Untergeordnetes, wie ihrer auch Aristoteles
in seiner Definition gar nicht erwähnt. Aber die Tragödie behielt
als sehr bedeutungsvolles Andenken an ihre Abstammung vom mi-
metischen Dithyramb die Chöre bei, welche desto mehr Raum ein-
nehmen und Gewicht haben, je älter die Tragödie ist, bei Aeschylos
mehr als bei Sophokles, bei Sophokles mehr als bei Euripides.
Diese Chöre allein schon brachten eine bedeutende Masse Musik
in's Trauerspiel , sie bildeten den specifiseh musikalischen Theil des-
selben, sie rahmten die „ernste, vollendete Handlung" mit Gesang
und Tanz ein. Daher darf die Tragödie nicht aus der Geschichte
griechischer Musik durchaus in die Geschichte griechischer Poesie
verwiesen werden, znmal sie augenscheinlich noch damals die ein-
fachere W'eise der alten Kunst würdig vertrat, als bereits der Dithy-
ramb und die Hymne unter Virtuosenhänden dieser Einfachheit un-
treu geworden. In geistvoller Auffassung erblickt Anselm Feuer-
bach in der griechischen Tragödie eine Vereinigung aller Künste,
Die griechische Musik. 283
nicht blos der Poesie und Musik. „Es ist nicht zu verwundern",
sagt er, „wenn bei einer tief begründeten "Wahlverwandtschaft die
einzelnen Künste endlich wieder zu einem unzertrennlichen Ganzen,
als einer neuen Kunstform sich verschmelzten. Die olympischen
Spiele führten die gesonderten Griechenstämme zur politisch religiö-
sen Einheit zusammen ; das dramatische Festspiel gleicht einem Wie-
dervereinigungsfeste der griechischen Künste. Das Vorbild des-
selben war schon in jenen Tempelfesten gegeben, wo die plastische
Erscheinung des Gottes von einer andächtigen Menge mit Tanz und
Gesang gefeiert wurde. Wie dort, so bildet auch hier die Archi-
tektur den Rahmen und die Basis, durch welche sich die höhere
poetische Sphäre sichtbar gegen die Wirklichkeit abschliesst. An
der Scenerie sehen wir den Maler beschäftigt, und allen Reiz eines
bunten Farbenspiels in der Pracht des Costüms ausgebreitet. Der
Seele des Ganzen hat sich die Dichtkunst bemächtigt ; aber diese
wieder nicht als einzelne Dichtform, wie im Tempeldienst, z. B.
als Hvmne. Jene dem griechischen Drama so wesentlichen Berichte
des Angelos und Exangelos, oder der handelnden Personen selbst,
führen uns in das Epos zurück. Die lyrische Poesie hat in den lei-
denschaftlichen Scenen und im Chor ihre Stelle, und zwar nach allen
ihren Abstufungen von dem unmittelbaren Ausbruch des Gefühles
in Interjectionen, von der zartesten Blume des Liedes an bis zur
Hvmne und Dithyrambe hinauf. In Recitation, Gesang und Flöten-
spiel und dem Taktschritte des Tanzes ist der Ring noch nicht
völlig geschlossen. Denn wenn die Poesie das innerste Grund-
element des Dramas bildet, so tritt ihr in dieser ihr neuen Form als
zweites Grundelement und Gegengewicht die Plastik entgegen.
Letzteres ist so scharf ausgeprägt, dass bei der griechischen Tra-
gödie gar nicht mehr blos von jener Plastik die Rede sein kann,
welche darin bestünde, dass das Drama im Gegensatz mit dem Epos
eine Handlung nicht blos erzählt, sondern als wirklich geschehend
vergegenwärtigt." l) Mit Recht aber wird die Poesie als die Seele
des Ganzen bezeichnet, und während bei den alten Dichtern sich
noch Dicht- und Tonkunst die Wage halten, erst bei Simonides
Pindar u. s. w. die Dichtkunst ein entschiedenes Uebergewicht be-
kommt, ohne die Tonkunst völlig zurückzudrängen: wäre es
geradezu befremdend, Aeschylos, Sophokles und Euripides etwa
unter die griechischen Musiker statt unter die Dichter im strengsten
Sinne des Wortes eingereiht zu finden, die Poesie nimmt bereits
vollständig den Vordergrund ein. Die Grundsätze, nach welchen
die Musik ihren Dichtungen gesellt wurde, sind im Grunde ganz
dieselben, welche mehr als zwei Jahrtausende später Gluck in der
1) So wäre denn das „Kunstwerk der Zukunft" strenge genommen das
Kunstwerk einer mehr als zweitausendjährigen Vergangenheit.
284 Die Musik der antiken Welt.
berühmten Vorrede seiner Alceste für das Ideal einer echt drama-
tischen Musik festzustellen bemüht war. Die Musik sollte „die Dich-
tung unterstützen, den Ausdruck der Gefühle und das Interesse der
Situationen verstärken, ohne die Handlung zu unterbrechen oder
durch unnütze Verzierungen zu stören. Sie sollte „für die Poesie
das sein, was die Lebhaftigkeit der Farben und eine glückliche
Mischung von Schatten und Licht für eine fehlerfreie und wohl-
geordnete Zeichnung sind, welche nur dazu dienen, die Figuren zu
beleben , ohne die Umrisse zu zerstören." l) Dennoch war selbst
der rein musikalische Theil der Tragödie bedeutend genug, um
selbstständig Geltung ansprechen zu können, wie solches, abge-
sehen von allem Anderen, schon der blosse Umfang, den die Chöre
einnehmen, deutlich erkennen lässt. Auch hier wurde um den
Preis gerungen und das Ganze war eine von den Archonten geleitete
Staatssache und zugleich ein religiöser Act. Unter den Stämmen
in Athen, welchen die Beistellung der Chöre oblag und den wohl-
habenden Familien, welche diese Beistellung zu besorgen hatten,
entstand der regste Wetteifer , jeder Chor suchte den andern zu über-
treffen. Die Dichter bekamen nun ihren Chor vom Archon zuge-
wiesen, wobei ihnen dann freilich die Mühe oblag, mit ihm die Ge-
sänge und Tänze einzuüben, wohl gar in einer oder mehren Haupt-
partien als Darsteller aufzutreten. Auch die Dichter selbst stritten
um den Preis, und Aeschylos empfand einen Sieg, den der jüngere
Sophokles über ihn errang, so bitter, dass er sich von Athen nach
Sicilien entfernte. Hatten die aus den Stämmen gewählten Richter
über den Preis entschieden, so wurde unter festlichem Jubel der
Dichter mit Epheu, der Pflanze des Dionysos, und mit der geheilig-
ten weissen Wollbinde bekränzt und von Jenen, die den siegreichen
Chor gestellt hatten, eine Inschrifttafel zum Gedächtnisse aufge-
stellt.2) Die Tragödie, die in den allem Anscheine nach ähnlichen
Spielen auf dem See zu Sais , wo der Tod des ägyptischen Dionysos
des Tien-Ose (vergeltenden) Osiris vorgestellt wurde, ein Vorbild
hatte, ging also gleich dem Dithyramb oder vielmehr durch den
Dithyramb vom Dionysosculte aus. Man erzählte von Aeschylos, er
sei schon in seiner Kindheit durch eine Erscheinung des Dionysos
zum tragischen Dichter geweihet worden.3) Die Aufführungen
fanden an den Dionysosfesten dreimal im Jahre statt, an den soge-
nannten städtischen Dionysien, den Lenäen und den Pythoegien.
1) Die bezeichneten Stellen sind wörtlich der Vorrede Gluck's entnommen.
2) So lautete z. B. die Inschrift über den Sieg des Themistokles mit der
den Sieg bei Salamis verherrlichenden Tragödie „Themistokles aus Phrear war
Chorage, Phrynichos Dichter, Adimantos Archon": und eine seinen berühmten
politischen Nebenbuhler Aristides betreffende ähnliche: „der Antiochische
Stamm war Sieger, Aristides Chorage, Archestratos Lehrer." (Plutarch. The-
mistokles 5, Aristides 1.)
3) Pausan. I. 21.2.
Die griechische Musik. 285
Der Ort der Aufführungen lag am Dionysosaltar im Lenäon am
Fusse des Burgfelsens, wo dann, den Altar im Halbzirkel um-
gebend, steinerne Sitzreihen gebaut wurden (das erste Theater),
nachdem sich im Jahre 500 v. Chr. der Unfall ereignet hatte, dass
als der zum ersten Mal auftretende Aesehylos mit Phrynichos von
Athen und Pratinas von Phlius um den Preis kämpfte, die hölzer-
nen Zuschauergerüste zusammenbrachen. War aber die Tragödie
auch ein Theil des Dionysosdienstes, so nahm man doch um so
weniger Anstand, über die Dionysosmythe hinaus nach anderen
Götter- und Heldengeschichten als Stoff zu greifen, als selbst bei
den Dithyramben schon Aehnliches geschehen war. Phrynichos von
Athen und Chörilos von Sarnos machten den Anfang, nur das stets
zum Anfange abgesungene Dionysoslied erinnerte an die ursprüng-
liche und eigentliche Bedeutung der Feier. Wie sinnreich hernach
Sophokles das Dionysoslied in die Chöre seiner Antigone selbst ein-
zuflechten wusste, ist bekannt. Phrynichos ging so weit, geradezu
in die Zeitgeschichte zu greifen, er stellte die Eroberung Milet's
durch die Perser dar. „Als Phrynichos", erzählt Herodot, „die
Verheerung Milet's (MdrjTov akaaiv) zum Drama machte und auf-
führte, brach das ganze Theater in Thränen aus, sie (die Athener)
bestraften ihn, weil er an das Unglück des Vaterlandes erinnert
hatte, um tausend Drachmen, und verfügten, dass sich niemand
weiter dieses Dramas bedienen dürfe." l) Gleichsam um die Sache
gut zu machen, dichtete Phrynichos nach dem glänzenden Seesiege
bei Salamis ein ähnliches Stück, nämlich die Scenen am persischen
Hofe, wo die Nachricht eintraf, ganz ähnlich, wie Aesehylos in den
Persern den Gegenstand behandelt. 2) Der Chor, welchen diesmal
Themistokles, der ruhmgekrönte Sieger von Salamis selbst beistellte,
repräsentirte phönikische Jungfrauen, und Hess, wie Aristophanes
sagt, „süsstönende Klagegesänge" hören. Die Süssigkeit lag
sicherlich nicht allein in den Worten des Dichters, sondern auch
in der Weise, nach welcher die Chöre gesungen wurden. In den
älteren Trauerspielen musste der musikalische Theil um so be-
deutender hervortreten, je mehr Gewicht der Dichter damals noch
auf die Chöre legte. Aesehylos stellte dem ersten Schauspieler
(dem Protagonisten) einen zweiten entgegen (den Deuteragonisten),
wodurch ein Dialog möglich wurde, statt des früheren blossen
Wechselgesanpcs zwischen der Hauptperson und dem Chore. Aber
die Chöre nahmen noch fast mehr Eaum ein, als der Dialog. Noch
1) Herod. VI. 21.
2) Die „Perser" des Aesehylos waren eine geistvolle Umbildung der Phöni-
kerinnen des Phrynichos {r'/.ai/oz iv toi; nf-pt Aio/i/.ov fiv&<ov ex rwv
4>onioo<.~jr vt/oi 'i'nvvr/ov tovq IltQoaq 7i(cga7i67TOt>iG&cu). — Selbst der An-
fang beider Stücke war ähnlich. Bei Phrynichos : ,. Tt'cd tarl IleßOüiv X(öv
Ttü'/xa ßsßqxözwv", bei Aesehylos: Täöe (i£V neoaöJv xojv oi'/of.dvojv.
286 Die Musik der antiken Welt.
bei Aeschvlos mahnen der gefesselte Prometheus, die Eumeniden an
das alte Oratorium des Arion oder Thespis, es sind heidnische My-
sterienspiele. Die Chöre selbst nehmen zuweilen an der Handlung
thätigen Antheil, so im Agamemnon, wo der Chor sieh zuletzt dem
A-egisth widersetzt und sogar zum Schwert greift, so in den Eume-
niden, wo der Chor eine mithandelnde Gesammt- und Hauptperson
ist. Als Sophokles noch den dritten Schauspieler (den Tritagonisten)
einführte, trat der Chor entschieden gegen die dialogisirenden
Hauptpersonen zurück und bezeugte seinen Antheil an deren Schick-
salen nur noch durch Rath, Warnung, Klage oder denkspruchartige
Lehre. Euripides steht fast schon auf dem Standpunkte unseres
recitirenden Schauspiels, der Chor, den er als ehrwürdiges Erb-
stück beibehalten muss, genirt ihn zuweilen merklich. Bei ihm
kann man sich die Art der Aufführung schwer anders denken, als
etwa so wie bei uns ein sogenanntes Schauspiel mit Chören aufge-
führt wird, einfach declamirter Dialog, zwischen welchem einige
Chöre gesungen werden. Dagegen fühlt man sich bei dem Auto
vom gefesselten Prometheus durchaus geneigt, an die besondere
Vortragsweise zu denken, mit welcher z. B. in der katholischen Kirche
in der Cbarwoche die Passionsgeschichte gesungen wird. Die ein-
zelnen Interlokutoren lassen ihre Reden in einer halb recitativischeu,
halb psalmodirenden Weise mit eigenthümlichen Wendungen und
Tonfällen hören ; wo der Evangelist dazwischen erzählt, könnte
auch der Angelos und Exangelos recht gut berichten, und wo der
Chor {turba) eintritt, wird die Musik gebundener, gesangmässiger,
ohne das recitirende Element ganz zu verleugnen. Die Frage, welchen
Antheil die Musik an der antiken Tragödie hatte, ist aber leider nur
aus oft flüchtigen Andeutungen alter Schriftsteller zu beantworten.
Voltaire hilft sich in einem Briefe an den Cardinal Quirini kurz
damit, dass er die Tragödie der Griechen der modernen Oper ver-
gleicht, das heisst der (Lully-Rameau'schen) Oper seiner Zeit mit
ihren unendlichen Recitativen und eingewebten Chören. Anselm
Feuerbach sagt : „Recitation und Gesang waren die Grundelemente
des antiken tragischen Vortrages. Letzterer bleibt den Strophen
des Chors und den lyrischen Monologen oder Wechselge-
sprächen der handelnden Personen vorbehalten. Doch darf auch
die Recitation nicht im Sinne unseres dramatischen Ge-
sprächtones genommen werden. Sie verhält sich gewiss
zu dem eigentlichen Gesänge wie unser Recitativ zur
.Arie, wobei dann freilich nicht zu übersehen ist, dass sie unserem
eigentlichen Recitativ so ferne gestanden haben muss, als der
griechische Chorvortrag den gebundenen Gesangpartien unserer
Oper." !)
Der französische Schriftsteller gibt also ein positives Bild der
0 Viitic. Apollo, S. 2SS.
Die griechische Musik. 287
Sache, wie mau sich sie zu denken habe, der Deutsche ein nega-
tives, wie man sich sie nicht vorstellen darf. Der erste gibt einen
nur sehr bedingt gutzuheissenden Anhalt an ein bekanntes, der
Andere trifft das Wahre, aber ohne uns eine Vorstellung zu ver-
mitteln, wie der Gesangvortrag denn also doch eigentlich beschaffen
war. Aber hören wir einen antiken Schriftsteller : Lukian von
Samosata. In seiner Schrift über den Tanz sagt er von der Tra-
gödie: „es ist ein abschreckender Anblick. Menschen zu Ungethümen
herausstaffirt, auf Stelzenschuhen, mit riesenmässigen, den Kopf
überragenden Masken, welche aufgerissenen Maules (oto,u« xe/^oc)
die Zuschauer zu verschlingen drohen. Dazu Brust und Bauch aus-
gestopft, damit die Figur gegen die Riesenlänge nicht zu schmächtig
ausfalle. Aus der Larve heraus psalmodirt 1) der Mensch seine Jamben,
und, was noch schlimmer ist, erzählt uns seine Leiden singend (ivlore
y.tu nsQiuScov t« lotfißela Kai io 8i al'axiGTOv fielojöcov i«; av^icpoQa^.
Wenn es eine Andromache oder Hekabe ist, die er darzustellen hat,
so mag man seinen Gesang (aS^) gelten lassen, aber wenn ein Her-
cules ohne Rücksicht auf Löwenfell und Keule eine Monodie {(iov(a8r\)
anstimmt, so niuss jeder Einsichtsvolle dergleichen unziemlich
nennen." Mit der von Lukian gezeichneten Karikatur steht nun
freilich in grellem Widerspruche, wenn A. W. v. Schlegel sagt:
„die ganze Erscheinung der tragischen Figuren kann man sich nicht
leicht schön und würdig genug denken, man wird wohlthun, sich
dabei die alte Sculptur gegenwärtig zu halten, und vielleicht ist es
das treffendste Bild, sich jene als belebte, bewegliche Statuen im
grossen Style zu denken." Ganz gewiss! Was Lukian sagt, ist eine
bittere Satyre auf den nüchternen Rationalismus, der in den Künsten
nur eine mehr oder minder geglückte „Nachahmung der Natur" er-
blickt, und (wie später die Batteux'sche befangene Aesthetik) Illusion
zum Hauptzwecke jeder künstlerischen Darstellung macht. 2) Auf
Illusion war es freilich bei der griechischen Bühne nicht entfernt
abgesehen. Aber so wenig ein Stereoscop, das uns die Körperlich-
keit der Dinge aufdringlich vor Augen rückt, deswegen höher steht,
als ein Raphaelisches Gemälde, bei dem wir keinen Augenblick ver-
gessen, dass wir eine bemalte Tafel vor uns haben, so wenig darf
etwa die Diderot'sche Com/die larmoyante mit ihren auf die Bühne
gestellten täuschend stereoskopirten Philistern und Philistereien den
Rang vor der marmornen griechischen Tragödie mit ihren Kothur-
1) Für das Wort jtSQiäöwv, das eine Art Halbgesang, eine Cantillation
ausdrückt, dürfte „psalmodiren" annähernd die beste Uebersetzung sein.
2) Wie oft spotten nicht neuere Schriftsteller über Opernhelden, die mit
dem Degen im Leibe noch sterbend singen, oder über die geschminkten, ge-
schnürten, trillernden Primadonnen. Diese Spöttereien fallen nun aber z. B.
gegen die erste Scene von Moznrts Don Giovanni, oder gegen die Charakter-
bilder seiner Donna Anna, Elvira u. s. w. kahl genug ab. Darnach bemesse
man, was von Lukian's obendrein ironischem Tadel zu halten ist.
288 Die üusik der antiken Welt.
nen, Masken, Tänzen und Gesängen ansprechen. Während wir
unsere Schauspiele in dem Sinne ansehen, als seien wir unmittelbare
Zeugen des dargestellten Vorganges, verlangte der Grieche in seiner
Götter- und Heldenaction gerade etwas Ungewöhnliches, dem All-
tagsleben, der Alltagserfahrung Fernestehendes. Ein Stück seiner
mythischen Welt sollte ihm hier leibhaft, aber wunderbar und als
ein Fremdes entgegentreten. Bei uns macht es grelle, künstliche
Beleuchtung in dem nicht übermässigen, auf ein zahlendes, zu zwei
Dritteln aus sogenannten „Honoratioren" und „gebildeten Zu-
schauern" bestehendes Publicum berechneten Räume unserer Theater
möglich, jede Miene, jedes Zucken des Augenlides am Schauspieler
zu bemerken, und er muss alle Sorgfalt auf ein ausdrucksvolles
Mienenspiel verwenden. Mit diesem steht ein ausdrucksvoll nuan-
cirter Sprechton, der die Sylbe wägt, in untrennbarer Verbindung.
Die antiken Theater, in denen das Volk Platz nahm, machten andere
Anstalten nöthig. Die Kothurne, der hohe Haarputz gaben den Dar-
stellern eine übermenschliche Grösse, künstliche, angesetzte Hände
stellten die nöthige Proportion der Armlänge her, eine Maske mit
starken, ausdrucksvollen, natürlich unveränderlichen Zügen deckte
das Gesicht, In unserem costümirten Schauspieler tritt uns ein
natürlicher Mensch, den Griechen trat in der tragischen Maske ein
künstlicher, wenn man will heroisch stylisirter entgegen. Unsere
tiefen Bühnen, auf denen oft an hundert Personen gruppirt sind,
machen die Darstellungen zu farbigen Gemälden, so lebendig sie
nur sein können. Die schmale antike Bühne mit der nahe vorge-
rückten Hinterwand, machte die wenigen sich gemessen bewegen-
den Figuren zu lebenden Basreliefs oder belebten Marmorbildern
eines Tempelgiebels. Hätte ein Wunder jenen Marmorgestalten des
Streites zwischen Athene und Poseidon im Parthenongiebel Leben
eingehaucht, sie würden wohl die Sprache des Sophokles ge-
sprochen haben. Dem Schauspieler, der auf seinen Kothurnen sich
nur gemessen bewegen konnte, ziemte nicht die Beweglichkeit des
alltäglichen Sprechens, zumal er im weiten Halbrund überall deutlich
gehört werden sollte, seine Sprache musste feierlich und gemessen
sein, wie seine ganze Erscheinung. Der heroisch stylisirten Gestalt
ziemte ein heroisch stylisirter Sprachton, das ist ein musikalisch
gehobener und zugleich musikalisch gebundener Vortrag.
Das Drama war dem Griechen Gottesdienst, beim Gottesdienste war
er aber Gesang so sehr gewohnt, dass es ihm vielmehr unschicklich
aufgefallen wäre, hier sprechen zu hören, wie man zu Hause und
auf dem Markte spricht. Dass in der griechischen Tragödie der ge-
sangmässige Vortrag mit zum Wesen und zur Eigenthümlichkeit des
Kunstwerkes gehörte ist zweifellos sichergellt. Selbst Aristoteles,
der in seiner Definition der Tragödie keine Erwähnung von Musik
macht, bringt sie durch die Erklärung, was man unter der „ver-
edelten Sprache" (■qSva/iivos Xoyo?) zu verstehen habe, doch wie-
Die griechische Musik. 289
der hinein — abgesehen davon, dass er weiterhin die musikalische
Begleitung als ein zur Tragödie gehöriges, höchst wichtiges Stück
auch ausdrücklich aufzählt.1) „Die veredelte Sprache," fahrt er un-
mittelbar nach jener Definition fort, „ist nun eine solche, deren Me-
los sich auf Harmonie und Rhythmus gründet." Also nicht
der gegen die Rede des gemeinen Lebens edlere Ausdruck in der Wahl
der Worte, der Gleichnisse u. s. w. macht die Sprache zur veredelten,
nicht blos der Rhythmus, welcher ein gemeinsamer Besitz der Ton-
und der Dichtkunst ist, sondern auch die Harmonie, worunter nicht
blos die wohlgeordnete Textur der Rede, sondern geradezu auch
deren wohlgeordnete Zusammenstimmung zu verstehen ist, wie
sie als Klang das Ohr trifft. Die Recitation der Verse, die mit
gehobener Stimme geschieht, bedarf nur einer geringen Fixirung
des erhöhten Stimmklanges, um musikalisch messbare Töne hören
zu lassen. Dies kann um so leichter geschehen, wenn jede Sylbe
nach ihrer metrischen Quantität genau an- und ausgehalten wird,
wie es die Feierlichkeit des Vortrages und die Deutlichkeit, um in
dem weiten Räume durchaus wohl verstanden zu werden, erheischen.
Fehler gegen die Prosodie wurden von den antiken Zuhörern mit
grosser Strenge aufgegriffen und gerügt2), und während unsere
Schauspieler sich bemühen Reim und Rhythmus möglichst zu mildern
und zu verdecken (zumal das Entgegengesetzte z. B. aus Alexan-
drinern ein unleidliches Geleier macht), hatten die antiken Darsteller
die Pflicht den Rhythmus überall deutlich zu markiren, wozu be-
smiders in den Chören das gemessene Aufsetzen der Füsse der
Tanzenden wesentlich mit beitrug. Die Recitation des Schauspielers
musste unter solchen Umständen zu etwas ganz Eigenthümlichem
werden, das man als Halb-Recitativ bezeichnen könnte. In unserem
Recitative bleibt die Construction der melodischen Periodik aus-
geschlossen und die Strenge der gleichmässigen Taktbewegung
macht einem freieren Vortrage Platz, aber jeder Ton wird fest,
voll, scalamässig angeschlagen, so dass es sich dem eigentlichen
Gesänge mehr nähert, als jenes muthmassliche antike Halb-Re-
citativ. Die Kunst des Tragöden bestand wohl gerade darin,
dass der Darsteller jenen Mittelton zwischen Gesang und Spre-
chen schön zu treffen wusste. Sehr bezeichnend ist in dieser Be-
ziehung jenes negiaöcov tu iaixßelu des Lukian, was durchaus nur
den Halbgesang bezeichnen kann, mit dem die Jamben (und
Trochäen) des Dialoges vorgetragen wurden, zumal es Lukian dem
_ etlichen Gesänge (ßeXadia) entgegensetzt, den er im Munde
1) Poet. VI. TJjy <)l Xontcov nsvrt t) ßskonoita fisyiorov zwv
qäv0/idz<ov ähnlich in Cap. 1. QV\hfi<5 xal fieXsi xal ^ixQco deren sich
Dithyramb, Tragödie und Komödie bedienen.
2) In versu qnidem theatra tota exclamant, si fuit una syllaba brevior
aut longior. Cicero in Brut. 51.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 19
290 Die M«sik der antiken Welt.
eines Herakles übel angebracht findet. Diese „Melodia" konnte
in lyrischen Momenten bei längeren Reden vorkommen, und allem
Anscheine nach damals, wenn die dramatische Person (wie es im
Komos *) geschieht) mit dem Chore in ein Wechselgespräch geräth , wo
zumal die Reden zu je einem Vers (Stichomythien) eine andere Art des
Vortrags eigentlich gar nicht zuliessen. Die griechischen Schau-
spieler waren treffliche Declamatoren. Der Schauspieler Satyros
zeigte dem jungen Demosthenes den Unterschied zwischen gutem
und schlechtem Vortrage an einigen Stellen aus den Tragödien des
Euripides. Dazu durfte aber der Recitirende nicht so gebunden
sein, wie bei uns der Opernsänger durch die Noten des ihm vor-
geschriebenen Reeitativs, in welchen der Componist die Aufgabe des
Declamators eigentlich schon völlig erfüllt und vom Sänger nur die
treue Reproduction verlangt, so dass dem Sänger nur noch die
Wärme der Betonung als eigene Aufgabe übrig bleibt. Für das
antike Halbrecitativ finden wir in unserer Musik nichts Aehnliches.
Vielleicht mag der sogenannte Lectionston, mit welchem in der ka-
tholischen Kirche die Evangelien, Episteln, manche Gebete u. s. w.
vorgetragen werden, ein Kachhall davon sein. Der lesende Priester
macht bei den Interpunctionen und Schlüssen der Sätze gewisse
Flexionen der Stimme, wodurch die Deutlichkeit des Vortrags ge-
sichert und zugleich Monotonie vermieden wird. Aber bei wich-
tigen Momenten der heiligen Handlung hebt sich die Stimme des
Geistlichen, das pater noster, die Präfation, der Segen wird zum
declamatorischen Gesänge, und der Chor antwortet entweder in der
gleichen Weise oder ergeht sich in der einfach erhabenen, gemessenen
Melodik des Chorals. Aus alle dem lässt sich eine Ahnung ge-
winnen, wie die Abstufungen des gesangmässigen Vortrages im
antiken Theater neben einander standen, vom blossen Lectionston
des Dialogs, bis zur gebundenen Melodie der Chöre hinauf. Denn
im katholischen Ritualgesange leben allem Anscheine nach noch heut
antike Reminiscenzen. Wie sich die Kirchengesänge im Umfange
weniger Töne bewegen, so auch die antiken Gesänge; für die
Tragödie waren die tiefen Töne (hypatoides) bestimmt, wohl des
ernsten, etwas düsteren und dabei feierlichen Klanges wegen. Die
Mitteltöne (mesoides) waren dem Dithyramb und die hellen hohen
(netoides) dem nomischen Gesänge, dem Liede, der Melodik zu-
gewiesen. Sonach war die Musik der antiken Tragödie weit entfernt
von unserer Oper, bei welcher der Componist das ganze Tongebiet
vom höchsten Diskant bis zu den Tiefen des Basses in Anspruch
nimmt. Auch dieser Umstand ist bedeutungsvoll. Die Hypatoiden
waren eigentlich (mit dem , hinzugefügten Tone") zusammen fünf
Noten, in diesen konnte sich die Recitation nur in sehr gemessener
1) Komos, das Zusammensingen des Schauspielers mit dem Chore, zum
Unterschiede von Prosode und Stasimon. S. Aristot. Poet. VT.
Die griechische Musik. 291
Weise bewegen. Schwerlich wurde indessen diese Regel so ängstlich
gewahrt, dass der Gesang nicht auch gelegentlich darüber hinaus-
gegriffen haben sollte, es genügte wohl, wenn die Hypatoiden vor-
wiegend gehört wurden und den eigentlichen Spielraum des Ge-
sanges bildeten. Die chromatische Weise ward als zu weich, süss
und schmelzend für den hohen Ernst der Tragödie unpassend ge-
funden und blieb daher ausgeschlossen. Aber auch die überfeine
Enarmonik kam schwerlich zur Anwendung. Sie erforderte eine
höchst subtile, meisterhafte Ausbildung des Gehörs und der Stimme
und war daher den Chören nicht zuzumuthen. Ein ganzer Chor,
der in Fortschreitungen von Vierteltönen singt, ist geradezu eine
Unmöglichkeit. Für den Solisten war die Enarmonik auch nicht
gut anwendbar. Philoktet liess in den Anfällen seiner Krankheit
Schmei'zensklagen hören, Herakles, an dessen Leib das giftige Hemd
des Nessxis glühte, mochte von sich sagen: „er jammere wie ein
Mädchen", aber zum Gewinsel und Geheul durften die Schmerzens-
laute der Heroen nicht werden, ein Gesang in Vierteltönen ist aber
nichts Besseres. Der Schmerz des Körpers und die Grösse der
Seele waren (wie Winkelmann von Laokoon sagt) gegen einander
abgewogen, und wer den leidenden Helden sah, musste wünschen
„wie dieser grosse Mann das Elend ertragen zu können." Es ist
kein Gegengrund, wenn Plutarch nicht auch der Enarmonik ge-
denkt, sie war zu seiner Zeit (wie wir von ihm selbst und von
(laudentius wissen)1) eine längst verschollene Antiquität und
ganz ausser Gebrauch; selbst in der älteren Zeit ein Besitz
nur der geübtesten Sänger und eigentlichen Virtuosen. Sonach
blieb für die Tragödie nur die gesunde, natürliche, zu ernsten und
bedeutenden Wirkungen allein geeignete Diatonik übrig. Als
passende Tonarten für die Tragödie galten besonders die ionische,
die mixolydische, dorische und lydische2), während dem Dithyramb
die orgiastische phrygische Tonart, welche wild und aufregend war,
zusagte. Aristoteles erzählt, dass Philoxenos einen Dithyramb in
der dorischen Tonart vortragen wollte, aber gleichsam unwillkürlich
und von der Natur der Sache hingedrängt in die phrygische Weise
gerathen sei.3) Plutarch erwähnt, dass man, nach Aristoxenos,
bei Tragödien die mixolydische und die dorische Tonart mit einander
verbunden habe (av&vkcti), weil erstere pathetisch (nu&i]Tiy.tj) sei,
letztere das Prächtige dueyakongensi;) und das ernste Bedeutende
(tö a^ioi^nriy.öv) an sich habe, aus der Verbindung dieser Elemente
aber das Wesen der Tragödie bestehe. 4) Wenn aber im Orest des
Euripides ein phrygischer Eunuche aus der Dienerschaft Helena's,
der dem Tode kaum entronnen ist, seine Angst, seine Aufregung
1) Plut. de mus. 20.
2) A. a. O. 16 u. 17.
3) Aristot. Polit. VIII. 7.
4) Plutarch, de mus. 16 u. 17.
19*
292 Die Musik der antiken Welt.
und die geschauten Schrecken in einem Gesänge schildert, der, wie
er selbst bemerkt, nach dem harmatischen Nomos des Phrygers
Olympos ging, so kann es gar nicht anders sein, dass hier auch die
plnygische Tonart verwendet war. Es ist eine bekannte Erzählung,
dass der grosse Alexander beim harmatischen Nomos nach den
Waffen griff, folglich war es eine sehr leidenschaftlich aufregende
Weise. Leidenschaftlich und aufregend Avirkte aber, wie vorhin
bemerkt, die pkrygische Tonart. Auch in den Bacchen des Euri-
pides passte sie besser als jede andere. Der helle, milde lydische
Ton konnte in der Tragödie angewendet werden, wo es galt, glück-
liche Zustände zu schildern, ehe denn das Unheil hereinbrach. Die
ionische Weise mit ihrem weniger entschiedenen Charakter war aber
eben deswegen ein willkommenes Kunstmittel für Scenen von
weniger scharf vortretender Charakteristik. Klagegesänge konnten
in dem „schwertönenden" Aeolisch erklingen.
Die Chöre der Tragödie bestanden aus Männern, auch wenn es
galt Jungfrauen und Weiber darzustellen, wie in den Phönissen des
Phrynichos, im Prometheus, dem Todtenopfer, den Sehutzflehenden,
den Sieben vor Theben des Aeschylos, den Trachinerinnen des So-
phokles u. s. w. Die Besetzung war stark; so wissen wir, dass jener
fürchterliche Eumenidenchor des Aeschylos, vor dem sich die Zu-
schauer tief entsetzten , aus 50 Personen bestand. Der Tanz , den er
ausführte war feierlich, gemessen, wie es für die Tragödie ziemte,
dabei aber auch pantomimisch bedeutsam, in Aeschylos' „Sieben vor
Theben" erregte der Tänzer Telestes durch seine ergreifende und
bezeichnende Darstellung allgemeine Bewunderung. Der Chor
hatte einen Vorsänger, den Koryphäen, der, da alle Stimmen im
Einklänge sangen, allen Andern zu einem sichern Anhalt und zu-
gleich zum Leiter des Ganzen diente. Schon die dynamische Ge-
walt eines so starken Chores musste trotz oder vielmehr wegen des
Einklanges aller Stimmen von bedeutender Wirkung sein. Aristoteles
erwähnt „wie im Chore die verschiedenen Stimmen, sich dem Chor-
führer beiordnend, zusammenklingen und eine einzige Harmonie
vollenden." *) Der Koryphäe vertrat also dem Chorensemble gegen-
über die Stelle eines Kapellmeisters. Statt des Kapellmeisterstabes
hatte er eigene klappende Schuhe, die Krupezien, mit denen er
dem Chore den Takt, d. i. die Rhythmen der Chorgesänge markirte,
bei der künstlichen griechischen Rhythmik ein unentbehrliches
Mittel; nicht allein für die Sänger, sondern auch für die Zuhörer
ein lautes Scandieren, das ihnen den ridva^kvoi löyo? der Chöre
erst völlig fasslich machte. 2) Der recitativische Ton blieb den
1) KarüneQ 6s iv %OQ<ä xoQv<pctlov xuzÜQ^avxoq ovvSTfq'/ßi nüq o
XOQoq ävÖQiov ia&' ore xcd yvvaixwv iv diacpÖQtaq (pcovaig o^vxsQaiq
teal ßucnil-Qaiq /nt'av aQßOviav i/xf/eh] xsQurvrrTOJV. Die Weiberchöre,
deren hier Erwähnung geschieht, waren die Parthenien u. dgl.
2) Die Griechen waren an das Klappen der Krupezien so gut gewöhnt,
Die griechische Musik. 293
o
Chören fremd, sie waren nach einer Stelle des Aristoteles e>-
lAskri, „innermelodisch", das heisst völliger, eigentlicher Gesang.
Auch der tragische Tanz hiess Emmeleia. Allenfalls wo die Cho-
risten einzeln nach einander sangen, konnte eine Art Recitation
angewendet werden, wie im Agamemnon des Aeschylos, wo
der Chor, während die grause That des Mordes im Innern des
Palastes geschieht (sehr schön und geistreich) sich im Schrecken
des Augenblicks gleichsam in seine Elemente auflöst, und seine
Rathlosigkeit dadurch trefflich ausgedrückt ist, dass, statt des mäch-
tigen Zusammensingens, die einzelnen Greise nach einander ein jeder
seine Meinung und seinen Eath aussprechen, und so das Ganze den
Ausdruck zweifelnder Unentschlossenheit annimmt. Der Gesang
war durchaus syllabisch, auf die Sylbe ein Ton; als es Spätere
versuchten, mehrere Töne auf eine Sylbe anzubringen, wurden sie
von Aristophanes (in den Fröschen) verspottet, wenigstens werden
die Verse :
„Spinnen unter dem Dach im Winkelnest, die ihr we-we
We-we-webet mit langen Fingern drehen." {slsieieiSieiliaaExe.)
von den Interpreten in solchem Sinne gedeutet.
Zur Leitung und Begleitung dienten Kitharen oder Flöten, oder
beide zusammen, eitie Sophokleische Tragödie : „Thamyris" wurde
z. B. durchaus von Kitharen begleitet. Zuweilen mag der Gegen-
stand der Tragödie hierin massgebend gewesen sein, und z. B. in
den Bacchen des Euripides kann man sich die Chöre nicht wohl
anders als von den rauschenden Instrumenten der Orgien characte-
r'iNtisch durchtönt denken.
Die Anordnung der Musik für eine Tragödie , die eigentliche
„Composition" derselben, darf man sich nun freilich nicht so vor-
stellen, wie zu unsern Zeiten ein Operntext einem Componisten
übergeben wird, der ihn nun nach seinem besten Wissen und
Können in Musik setzt. Es ist auffallend, dass wir bei den erhal-
tenen Tragödien neben dem Namen des Dichters oft auch den
Namen des Choragen, oder des Archon, unter dem der Wettkampf
stattfand, wissen, oder den Namen eines mitwirkenden ausge-
zeichneten Schauspielers, sogar den Namen des für Aeschylos
beschäftigten Decorationsmalers, dagegen der Name des Musi-
wie das französische und italienische Publicum des vorigen Jahrhunderts an
das laute Taktschlagen des Capellmeisters, über das sich Goethe so beklagt, da
ihm in Venedig die Freude an einem Oratorium durch den „vermaledeiten
Kapellmeister, der den Takt mit einer Rolle Noten wider das Gitter klappte"
verleidet wurde : „nicht anders, als wenn einer um uns eine schöne Statue be-
greiflich zu machen, ihr Scharlachläppchen auf die Gelenke klebte; — das
Publicum scheint daran gewöhnt: Es ist nicht das einzige Mal, dass es sich
einbilden lässt, das gerade gehöre zum Genuss, was den Genuss verdirbt" (Ital.
Reise. Aus Venedig. 3. Oct. 1736). Grimm in seinem petit prophete de
Böhmisch-Broda vergleicht das laute Taktschlagen mit dem Getöse des Holz-
spaltens.
294 Die Musik der antiken Welt.
kers nicht genannt wird, und wir katun gelegentlich von Lu-
kian erfahren, ein Timotheos habe die Musik zu einem „rasenden
Ajax" gesetzt. J) Sehr merkwürdig ist diesfalls eine Stelle des
Plutarch. Nachdem er von der Nichtverwendtmg der lange vor
Phrynichos und Aeschylos bekannten Chromatik in der Tragödie
gesprochen, fährt er fort: „wenn also jemand sagen Avollte, Aeschy-
los und Phrynichos haben die Chromatik aus Unkenntniss derselben
nicht angewendet, würde er nicht etwas Unverständiges behaupten?"
Aus dieser Aeusserung ergiebt sich klar, dass der Dichter für seine
Tragödie selbst die Musik angab. Wäre dieses nun als eigentliche
Composition zu verstehen, so müsste Aeschylos u. s. w. ohne Frage
auch den griechischen Musikern beigezählt werden. Aber bei der
ungemein grossen Zahl von Tragödien ist es gar nicht denkbar, dass
eine jede durchcomponirt wurde, so wie eine Oper durchcomponirt
ist. Sophokles allein dichtete gegen 130 Trauerspiele, nun bedenke
man, dass jedes Mal im "Wettstreite drei Tragödien aufgeführt wur-
den! Ferner würde das stärkste Gedächtniss des Schauspielers nicht
ausreichen, ein für den Dialog eigens gesetztes, abwechselndes
Eecitativ zu behalten. Aehnliehes möchte von den oft sehr um-
fangreichen Chören gelten. Jenes Eecitativ oder Halb -Eecitativ
hatte vermuthlich stehende Formeln und Cadenzen, die, mochte der
Inhalt der Worte welcher immer sein, stets angebracht wurden,
gerade so wie in der Kirche die verschiedensten Psalmen nach den-
selben Tonfolgen abgesungen werden. Die geringe musikalische
Bedeutung dieser Singweise, die eigentlich nur ein modifizirtes
Sprechen ist, liess gerade dem Schauspieler Spielraum zu einer
wechselnden betonten ausdrucksvollen Declamation, so wie sie aber
auch umgekehrt im Munde des Unfähigen zur ärgsten Monotonie
werden konnte. Für das eigentliche Melos, den mehr liederartigen
Gesang stand eine grosse Menge von Xoinen zu Gebote. Diese
Nomen, zum Theil von den alten Musikern wie Terpander, Klonas,
Hierax u. s. w. herrührend, bildeten einen Fond, einen hinterlegten
Schatz von Musik, den die Griechen dann nach Bedürfniss ver-
wendeten, ungefähr wie die Meistersänger im Mittelalter ihre gol-
dene Weis, Pfeilweis u. s. w. hatten, welche der Singende bei den
Wettkämpfen für den von ihm gedichteten Text ganz unbefangen
anwendete, so dass Dichtungen verschiedensten Inhalts nach der
goldenen Weis u. s. w. gesungen wurden. Bei uns, wo jeder Text
seine Melodie hat, oder manche Gedichte von Goethe, Unland, Heine
u. s. w. zehn- und zwölfmal verschieden componirt sind, haben die
Melodien keine Eigennamen. Aber bei den Griechen hiessen die
Melodien der Nomos Orthios, der Xomos Schöniones u. s. w. , eben
1) Harmonides I. „evlxrjoaq ev rw Ai'avtt rw ifi/iavsT, tov
OfifOVVftOV ool Tioirjouvroq xb fisköc." Mit diesen Worten redet Harmoni-
des seinen Lehrer Timotheos von Theben (Tiuuijzoq ix Brjßmv) an.
Die griechische Musik. . 295
weil es bei dem öfteren und mannigfachen Gebrauche derselben
nöthig war, einen jeden Nomos mit einem Eigennamen bezeichnen
zn können. In der Kirche spricht man eben deswegen gerade so
vom ersten, zweiten n. s. w. Psalmenton, Pilgerton u. s. w. Denn
derselbe Ton muss mannigfachen Kitualtexten dienen. Eben darum
haben wir vorhin, als von Pindar die Rede war, die Vermuthung
.(■äussert, dass er seine Epinikien und andere Gedichte älteren
würdigen Nomen angepasst haben möchte. Denn zu solchem Zwecke
waren die Nomen da, sie waren ein Gemeingut, wie die Sprache <*der
wie die verschiedenen Versmasse. Der Dichter der Tragödie mochte
also für seine Chöre die Nomen zweckmässig auswählen und angeben,
wo dann das Einstudiren den Sängern bei schon bekannten Tonweisen
nicht allzuschwer fallen konnte. So wählten also wohl Phryniehos
und Aeschylos auch aus, und vermieden dabei chromatische Nomen
anzuwenden. Jene Stelle im Orest des Euripides, welche nach dem
uralten hannatischen Nomos des Olympos abgesungen wurde, gibt
einen deutlichen Fingerzeig über die Art des Verfahrens. Es war
im Grossen und Bedeutenden dasselbe, wie wenn der französische
Vaudevilledichter für die seinem Stücke eiugefloehtenen Gesänge
liekannte Melodien durch Beisetzung der Anfangsworte ihres ur-
sprünglichen Textes vorschreibt. Natürlich aber war kein Verbot
da, etwa auch eine neue Weise einzuführen, und die Dithyrambo-
graphen Philoxenos, Timotheos u. s. w. wurden sogar mehr als
Musiker denn als Dichter angesehen. Eine gewisse Individualität
musste die Tragödie durch die dafür zusammengestellte Musik doch
erhalten, und der griechische Schönheitssinn wird sich zuverlässig
auch in dieser Zusammenstellung bewährt haben. Drängte sich die
Musik nicht so vor, wie bei unserer Oper, so verblieb sie doch auch
nicht bei der flachen Unbedeutendheit monotoner Psalmodie.
Neben der Tragödie stand das Nachspiel des Satyrdrama,
welches ein neuerer Schriftsteller treffend dem Scherzo unserer Sym-
phonien vergleicht, das zwischen oft sehr ernste Sätze eingeschaltet
ist.1) Die Kehrseite der Tragödie aber war die Komödie des Kratinos,
Eupolis, Aristophanes u. s. w., welche man als die erste, oder alte
attische Komödie zu bezeichnen pflegt. "Wie die Tragödie das Er-
habene, vertrat die Komödie dessen Gegenpol, das Komische, beide
aber streben im Grunde nach dem gleichen Ziele. Die Tragödie
flog aufgerichteten Hauptes zum Olymp empor, zu den Göttern und
Helden fest und unverwandt emporblickend, die Komödie machte
eben dahin den verkehrten Meropsflug, wobei sie die Erde mit ihren
Spitzbuben, Hetären und Narren jeden Kalibers, besonders aber
Athen mit seinen Sophisten, Sykophanten, Demagogen und seinem
laimisehen, kurzsichtigen Demos fortwährend im Auge behielt. Die
1) Griepenkerl in seinem ..Musikfeste". Er gebraucht die Vergleichung
mit besonderer Beziehung auf ßeethoven's heroische Symphonie.
296 Die Musik der antiken Welt.
Tragödie brachte den Zusehern die poetische Welt der Mythe zu
unmittelbarer Anschauung-, die Komödie brachte Zustände des All-
taglebens, ja lebende Zeitgenossen auf die Bühne, aber nicht, wie
die spätere, man könnte sagen bürgerliche Komödie des Menan-
der, Posidippos, des Römers Terenz u. s. w. in portraitartiger Ab-
schilderung der Wirklichkeit, sondern in höchst phantastischer Be-
leuchtung, und oft alle Verhältnisse im tollsten Muthwillen auf den
Kopf stellend. Hier gründen Vögel eine Stadt in der Luft, um den
Göttern hinfort den Opferdampf nur gegen schweren Transitozoll
durchzulassen, hier kommt ein alter Spiessbürger in die Philosophen-
schule und hört mit Erstaunen, dass er alle Weisheit in den Wolken
zu suchen habe. Der Chor besteht oft aus Wespen, aus Fröschen,
aus Wolken und andern abenteuerlichen Wesen. Die Tragödie zeichnet
in festen, knappen Umrissen das Bild der Handlung, die Komödie
kann sich in bunten Details gar nicht genug thun, sie hält den Faden
einer Handlung eben nur fest, um alles Mögliche daran zu knüpfen.
Auf alle möglichen Missstände im Staats- und Volksleben schlägt
sie unbarmherzig los, und theilt auch einzelnen Personen nach rechts
und links Hiebe zu, aber immer im Namen des allgemeinen Inter-
esse, der Oeffentlichkeit, wogegen die spätere attische Komödie
alle Politik bei Seite lässt, und das Privatleben, das Leben der Fa-
milie mit seinen Verwickelungen und Lösungen zum Vorwurfe
nimmt, daher auch den Chor weglässt, und alles Phantastische
vermeidet. Sie hat daher zur Tragödie gar keine Beziehung
mehr, und nur die Form der dialogisirten Handlung als eine zufäl-
lige Aeusserlichkeit mit ihr gemein. Die alte Komödie dagegen
lässt sich ohne die Tragödie gar nicht denken und ist mit ihr auch
gleichen Ursprungs. Der fröhliche Schwann, der Komos des Wein-
lesefestes führte den zu opfernden Bock, den muthwilligen Schädi-
ger der Weinberge unter lustigen Chorgesängen zum Altar, wobei
es an Witzworten und Neckereien gegen diesen oder jenen Zuschauen-
den oder Begegnenden nicht fehlte. Aus diesem Weinlesesang, der
Trvgodie (rovyioöln von TQvp], Weinlese) entwickelte sich die Ko-
mödie J) , welche die Gaben des Freudenspenders Bacchos so fröh-
lich erhob, wie die Tragödie seine Leiden beklagte. Die Chöre
blieben ein wesentlicher Bestandtheil, die Scherzworte und Ausfälle
wurden in dem Räume irgend einer muthwillig erfundenen Hand-
lung theils im Chorgesange , theils im Dialoge untergebracht. Der
Dichter suchte sich bekannte Personen zu Zielscheiben seines Witzes
aus, die denn auch ungescheut mit Namen genannt, oder geradezu
in ohne Zweifel wohlgetroffenen, aber in's Kaiikirte lungebildeten
I) Bei Athenäus (II. 11) wird erwähnt, der ursprüngliche Name der Ko-
mödie sei Trvgodie gewesen. Es scheint, dass sich die Trygodie zur Komödie
so verhielt, wie der Dithyramh zur Tragödie.
Die griechische Musik. 297
Masken auf das Theater gebracht wurden. Perikles, der Gerber
Kleon, Euripides, selbst der weise Sokrates mnssten es sich gefallen
lassen, in diesen verzerrenden Karikaturspiegeln ihr fratzenhaftes
Conterfei zu erblicken. Nicht besser ergeht es den Göttern; Herak-
les wird vorzüglich von Seite seines guten Appetits geschildert; ein
Sonnenschirm genügt, den Prometheus dem allsehenden Auge des
Vater Zeus zu entziehen , und Dionysos , bei der ganzen Sache von
Hause aus die Hauptperson, muss seinen Gang zur Unterwelt als
eine Art lächerlicher Bettelfahrt geschildert sehen. Für das spru-
delnde Wesen dieser genialen Ausgelassenheit, für dieses prasselnde
Feuerwerk von witzigen Pointen, die bei Aristophanes oft Schlag
auf Schlag folgen, passte der gemessene, feierliche Gesangton nicht.
Der Spötter Archilochos hatte aus ganz gleichem Grunde seine Jam-
ben nicht gesungen, sondern recitirt und die Scherze der Trygodie
(die Keime des Komödiendialogs) waren ja auch nicht musikalisch
vorgetragen worden. Daher bildeten bei der Komödie die Chöre
noch mehr den speeifisch musikalischen Theil des Spieles als bei der
Tragödie. Doch lassen einzelne Stellen des Dialogs nicht undeut-
lich erkennen, dass sie liedmässig gesungen wurden, so z. B. ist
der Lockruf des Wiedehopfs in den „Vögeln'- mit seinem öfter ein-
geflickten „Tioto" und „Tototinx" gar nicht anders als gesang-
mässig vorgetragen zu denken und macht, selbst nur gelesen, bei-
nahe den Eindruck einer Bravourarie. Die alte Komödie konnte
für ihre phantastisch auf den Kopf gestellte Welt des mächtig wir-
kenden Mittels der Musik noch weniger entbehren als das Trauer-
spiel. Ueberdies war es fast noth wendig, dass der sanfte Strom der
Töne in den Chören alle die harten Spitzen, Zacken und Ecken
des Dialogs umfliesse; das Bösartige wurde dann zum blos ver-
wegenen Muthwilligen gemildert. Zur Begleitung konnte füglich
nur die lustaufregende bacchische Flöte dienen, nicht die edel ernste
Lyra. In den ,, Vögeln" ist von Flötenbegleitung wiederholt die
Rede, ja beim Opferzuge tritt sogar ein Rabe als Flötenbläser
voran, was närrisch genug ausgesehen haben muss, zumal er das
Mundleder der Flötisten umhatte, durch welches vermuthlich der
spitze Schnabel abenteuerlich durchstach, daher Peisthetäros nicht
umhin kann, seine Verwunderung zu äussern.
— beim Herakes, was soll das sein?
Wunderdinge sah ich hier schon viele
Doch keinen Raben mit dem Flütenmundgurt sah ich noch.
Wenn in der Tragödie, wie in der Komödie die griechische Musik
das würdigste Feld einer bedeutenden Thätigkeit fand, so blieben
die anderen Gebiete, welche von der Tonkunst bisher innegebabt
worden, deswegen nicht brach liegen. Der Dithyramb insbesondere
hatte seine Pfleger, und eine ganze Reihe der Musiker der nächsten
Folgezeiten wird als ganz besonders dieser Dichtart zugeAvendet ge-
schildert. Die Zeit nach den Perserkriegen war der Gipfel des hei-
298 Die Musik der antiken Welt.
lenisehen Lebens : jetzt erhoben sieh in Athen die leuchtenden Mar-
mortempel der flügellosen Siegesgöttin, des Theseus, der Parthenon,
das Wunderthor der Propyläen öffnete den Weg zur Akropolis, in
Olympia wurde ein neues, würdiges Zeusheiligthum erbaut, die
ehryselephantinen Götterbilder zeigten dem Hellenen das Göttliche in
der Abspiegelung idealer Menschengestalten, wer starb, ohne den
Zeus des Phidias gesehen zu haben, galt für unglücklich. Jetzt
strömte Beredsamkeit von den Lippen eines Perikles; Aeschylos
und Sophokles schufen ihre unsterblichen Dramen und den alten
würdigen Meistern Simonides und Pindar war es gegönnt die herr-
liche Zeit noch zu schauen. Da regte Hellas' böser Genius 431 v. Chr.
den Krieg an , in dem die zwei Hauptmächte Griechenlands die
Schwerter gegen einander kehrten. Xach sieben und zwanzigjähriger
Dauer endete der peloponnesische Krieg mit Athen's Demüthigung
und bezeichnet abermals einen grossen Wendepunkt in den Ge-
schicken von Hellas.
Es begann eine neue Zeit auch für die Musik. Die Meister
Simonides und Pindar und ihre Weise galten bald für alt, für
archaisch1), obwohl sich allerdings noch Meister, wie Tyrtäos von
Mentineia, Andreas von Korinth, Thrasyllos von Phlius dieser
archaischen Weise, welche z. B. die weichliche üppige Chromatik
wohlbedacht gar nicht anwendete, anschlössen.2) Der Umschwung
in der Musik kündigte sich bald nach den Perserkriegen an. Phrv-
nis von Mitylene (also abermals ein Lesbier) fügte der seit Pytha-
goras achtsaitig gewesenen Lyra die neunte Saite hinzu, eine an-
scheinend geringe, in der That aber folgenreiche Aenderung, denn
sie setzte den Kitharoden in den Stand, auf seinem Instrument in
zwei verschiedenen Tonarten zu spielen, ohne es umstimmen zu
müssen. Phrynis war ursprünglich Flötenbläser. Ein Meister,
Namens Aristokleides, der sein Geschlecht von Terpander ableitete
und dessen Blütezeit in die Periode der Perserkriege fällt, bildete
ihn zum Kitharoden. Er kam mit seiner Kithara nach Athen, wo
er zwar bei den Panathenäen siegte, aber sich auch den Spott der
Komödiendichter gefallen lassen musste, als einer, „der die alter-
thümliche Einfachheit des Gesanges zu verdrehen anfing."3) In
Sparta wollten die Ephoren seine neunsaitige Lyra nicht dulden:
der Ephor Ekprepes, heisst es, zerschnitt ihm zwei Saiten, weil ja
Terpander's gesetzlich gutgeheissene Lyra nur siebensaitig war. Leb-
1) Kc.'fo'/.ov r.oyalo- y.c.'/.iniavo.. Plut. de mns. "20.
2) A. a. O.
3) KatäxXdaaq t>)v ipörjv mxQa rö dpyalov. Suidas ad v. <Pqwiq.
Mit dem Ausdrucke xfx/.aoiu'rc fit'hj bezeichnete man, wie wir aus Plutarch
wissen, chromatische Gesänge. Hat Phrynis wirklich bei den Panathenäen
gesiegt, so können die musischen Wettkämpfe dabei nicht erst von Perikles
eingeführt worden sein. Suidas sagt gar, Phrvnis habe zuerst in Athen Kithara
elt {xid-aQioui).
Die griechische Musik. 299
härtere Tontblgen, welche gegen die gehaltene, mehr choralmä'ssige
Weise der alten Musik allerdings auffallen mussten, scheint Phrynis
eingeführt zu haben. Der Komiker Pherekrates beschuldigt ihn, er
habe in die Musik einen wahren Wirbelwind gebracht und die Ton-
kunst verdorben.
Der neuen Eichtung schloss sich eine Anzahl von berühmten
Musikern an, wie Melanippides, Kinesias, Philoxenos, Timo-
theos vonMilet, Telestes u. s.w. Was die Musik durch sie an Leb-
haftigkeit, Glanz und sinnlicher Fülle gewann, verlor sie allmälig an
Würde und Bedeutung. An die Stelle des Hymnensängers der älte-
sten Zeit, der vom Gotte begeistert, gleichsam den Gott selbst in
seinem Inneren mitbrachte, trat in der Blütezeit der lyrische
Dichtersänger, der den Gott als ein ihm objektiv Gegenüberstehendes
besang, der Tragöde, der den Gott oder Helden selbst darstellte.
In der Xeuzeit begann jetzt jene Klasse von Künstlern hervorzu-
treten, denen es vorzüglich darum zu thun war, ihre eigene Per-
son geltend zu machen, die nicht mehr der Kunst dienten, sondern
denen umgekehrt die Kunst dienen musste. Aristoteles nennt sie
Techniten, was wir so ziemlich gleichlautend durch „Virtuosen" über-
setzen dürfen, oder Agonisten , das ist buchstäblich Concertspieler.
Es gab allerdings Meister, wie Kephesias, der einen Schüler aus-
schalt , weil er aus einem hohen Tone künstlich blies : „nicht darauf
komme es an, sondern dass der Ton dem Gegenstande angemessen
sei." l) Aber die Musiker begnügten sich jetzt im Allgemeinen
nicht mehr, das der künstlerischen Aufgabe Angemessene einfach
zu leisten ; es sollte auch die besondere persönliche Geschicklichkeit.
des Künstlers in das hellste Licht treten. Die Musiker fingen an,
den Werth ihres persönlichen Talentes zu fühlen und mit hoffärtigem
Prunke aufzutreten, wozu ihnen reiche Einkünfte die Mittel verschaff-
ten. Der Flötenspieler Xikomachos war wegen seines Reichthmncs
an Edelsteinen berühmt, und der Kitharode Amöbeos wurdejedesmal
mit einem attischen Talent (700 Thlrn.) honorirt. „Setzen wir den
Fall", sagte Sokrates, „dass Einer, ohne ein guter Flötenspieler zu sein,
doch für einen solchen gelten wollte, was müsste er thun? Müsste
er nicht in den Aussendingen die guten Flötenspieler nachahmen?
Wenn nun diese im stattlichen Aufzuge zu erscheinen und
viele Diener mit sich zu führen pflegen, müsste er es auch
so machen — und weil sie von vielen gepriesen werden, müsste
er sich mit Lobrednern umgeben. Dagegen eine musikalische
Aufführung dürfte er nirgends wagen, wenn er sich nicht lächerlich
machen und als erbärmlicher Flötenspieler und zugleich verächtlicher
Mensch erkannt sein wollte."2) Dieses Wort des Weisen erfüllte
sich buchstäblich, als ein gewisser Euangelios von Tarent, aus nicht
1) Athen. XIV.
2) Xenophon, Memorab. I.
300 Die Musik der antiken Welt.
unedlem Geschleckte es sicli in den Kopf setzte, bei den Pythien
den Preis gewinnen zn wollen. In prächtigem goldgestickten Pur-
purkleide kam er nach Delphoi und trat mit einem goldenen Lor-
beerkränze, an dem die Früchte von Smaragd waren, auf dem Haupte
und mit einer edelsteinbesetzten, aus purem Golde verfertigten, mit
den Bildern der Musen, des Apollon und Orpheus gezierten Lyra
auf, ganz von Gold, Smaragden und Beryllen glänzend. Die Zu-
hörer fassten grosse Erwartungen. Als er aber zu musiziren anfing,
sprengte er sogleich drei Saiten seiner Lyra, und sang so falsch und
mit so schwacher Stimme , dass er auf Befehl der Preisrichter unter
allgemeinem Gelächter mit Schlägen vom Platze gejagt wurde.
Eumelos von Elis, der den Preis gewann, und mit einer hölzernen
Lyra und in einem kaum zehn Drachmen werthen Anzüge aufge-
treten war, sagte zu ihm: „Du Reicher bist mit einer goldenen
Krone, ich Armer bin mit einer Lorbeerkrone aufgetreten. Neben
der Schmach der Niederlage hast du davon noch, dass die Zuhörer
an deinem überflüssigen Prunk Anstoss nehmen." 1) Solche
beissende Worte der Preiskämpfer gegen einander (ein Seitenstück
zu den wechselseitigen Spottworten der homerischen Helden) waren,
wie es scheint, nicht eben selten. Nikostatos, der Kitharist,
nannte sich selbst „ein grosses Talent in einer kleinen Kunst, wäh-
rend sein Nebenbuhler im Wettkampfe Laodokos ein kleines Talent
in einer grossen Kunst sei." 2) Wenn Eitelkeit eine der allerge-
wöhnlichsten Unarten der Künstlernatur ist und bei den Griechen
eine stark vorstehende Nationalschwachheit war, so kann es nicht
Wunder nehmen, wenn solche Aeusserungen des Selbstgefühls von
Personen gemacht wurden, die Künstler und Griechen zugleich waren ;
zumal sie (wie Sokrates sagt) „von Vielen gepriesen wurden", und
Harmonides äussert gegen seinen Lehrer Timo theo s von Theben,
„dass wo er sich zeigt, die Leute herbeieilen, wie die Vögel zum
Uhu". Von dem brennenden Ehrgeiz der musikalischen Wettkäm-
pfer ist eben dieser Harmonides ein Beispiel, er soll seinen ersten
Flötenwettkampf bei den Dionysien mit dem Leben bezahlt haben
und auf der Bühne gestorben sein.3) Zuweilen genügte eine be-
sondere, nicht eben werthvolle Eigenthümlichkeit, um den Ruf eines
Musikers zu begründen, z. B. dass Moschos von Agrigent beim
Singen den Ton sehr lange aushalten konnte, ohne dazwischen
Athem schöpfen zu müssen. Der Enthusiasmus ihrer bewunderungs-
vollen Landsleute verstieg sich aber auch zuweilen dahin, ihnen
Statuen zu setzen, wie den Kitharoden Anaxenor, Archelaos von
Milet , E u n o m o s von Lokrien , dem Sänger K 1 e o u von Theben. Die
Athener errichteten in unwürdiger Schmeichelei der schönen Flöten-
1) Lukian, Adversus indoctum, S. 9. 10.
2) Aelian, bist. IV. 2.
3) Lukian, Harmonides.
Die griechische Musik. 301
bläserin Lamia gar als Venus Lamia einen Tempel.1) Freilich hatten
sie Lamia's „Freund" den ritterlichen, aber nichts weniger als sitten-
strengen Demetrios Poliorketes zum Danke für seine Siege gegen
den makedonischen Kassander (304 v. Chr.) zum „jüngeren Bruder
der Schutzgöttin Athene" ernannt und ihn in das Opisthodom des Par-
thenons als „Gast" einquartiert, „ein schlimmer Gast für die jung-
fräuliche Göttin" bemerkt Plutarch. Lamia war übrigens ein Beute-
stück aus der Ptolemäischen Habschaft. Sie war in Athen geboren,
war aber, um sich im Flötenspiele auszubilden, nach Alexandrien
gereist , wo diese Kunst eben im vollsten Flore stand , da die Ptole-
mäer (von denen einer der späteren den Beinamen „Flötenfreund1',
Philauletes, erhielt) solche sehr begünstigten. Die schöne Athene-
rin wurde am Hofe des Ptolemäos Soter festgehalten und als ihr
Gönner in der Seeschlacht bei Salamis (306 v. Chr.) von Demetrios
besiegt wurde und der Sieger auf der Insel Salamis unendliche
Freudenfeste feierte, war es Lamia, deren Schönheit, Witz und
Talent, die Feste erst recht verherrlichte, so dass Demetrios in ihrem
Umgange den Sieg zu verfolgen versäumte. Dergleichen gibt von
dem Verhältnisse dieser Klasse Virtuosinnen, welche um diese Zeit
ihre Rolle zu spielen anfingen, eine deutliche Anschauung. Eine
sonder Zweifel sehr bedeutende Auzahl Xamen solcher Flötenbläser-
innen ist der Vei'gessenheit anheimgefallen, von einigen ist das
Andenken erhalten, der Glauke, die am Hofe Ptolemäos Philadel-
phos' lebte2), der Nemeada, der Telesilla, der Galatea am Hofe
des syrakusischen Dionys, u. s. w. Es ist natürlich, dass bei der Werth-
schätzung dieser Art von Geschöpfen nicht blos allein das musika-
lische Talent in Anschlag kam, es waren gebildete Hetären.
An den Höfen fanden nicht blos Musikerinnen, sondern auch
die ausgezeichneten Sänger, Kitharspieler und Flötenbläser gute
Aufnahme. So war der Flötenbläser Dorion bei Philipp von Make-
donien wegen seiner Kunst, wie wegen seiner witzigen Einfälle sehr
beliebt,3) Philipp's Sohn, der grosse Alexander, zählte zu seinem
Hofstaate einige ausgezeichnete Musiker, unter anderen den Ar is to-
nikos von Korkyra, welcher neben seiner Musik auch ein tapferer
Mann war, der dem Könige in der Schlacht das Leben rettete. Da-
für erhielt er eine Bildsäule, die ihn mit Speer und Lyra in den
Händen darstellte.4) Als Alexander nach dem Sturze des Persi-
schen Reiches zu Susa mit Statira, der Tochter des Darius seine
überaus prunkvolle Vermählungsfeier hielt, mussten auch Productio-
1 ) Dagegen nannte Lysimachos die neue Göttin kurz und deutlich eine
nÖQVtj. Demetrios Poliorketes meinte „gegen gewisse andere Leute sei sie
noch immer eine Penelope" (Athen. XIV. 3).
2) Aelian, hist. anim. VIII. 1.
3) Athen. X.
4) Plutarch, de virt. Alex. M.
302 Die Musik der antiken Welt.
nen von Lyra- und Flötenspielern das Fest schmücken helfen. Die
Kitharisten Kratinos von Methymna, Athenodoros von Tejos,
Aristokrates von Theben, Aritonymos, der Sänger Hera-
kleitos von Tarent, der Flötenbläser Evios von Chalkis Hessen
sich dabei hören. Evios insbesondere trug das Pythikon unter Be-
gleitung von Chören vor. l)
Es ist begreiflich, dass die Musiker ihre Stellung und Gunst bei
den Mächtigen zuweilen benutzten, um allenfalls auch noch andere
als musikalische Zwecke zu verfolgen. Schon von Dämon, dem
Musiklehrer des Perikles sagt Plutarch : „Er war ein Sophist ersten
Ranges und scheint sich hinter den Namen der Musik nur versteckt
zu haben. Er wollte seine Stärke in jenem Fache vor der Menge
verbergen, wärend er für Perikles durch seinen Umgang gleichsam
der Meister eines jungen Athleten war, dem er die Staatskunst ge-
waltig einrieb (wie man Kämpfer mit Oel einzureiben pflegte). Es
blieb keineswegs verborgen, dass Dämon seine Lyra nur als Vor-
wand benützte. Man argwöhnte in ihm einen Ehrgeizigen, der Allein-
herrschaft Geneigten. Deshalb traf ihn die Verbannung des Ostra-
cismus, und die Komiker machten ihn zur Zielscheibe ihres Witzes."2)
Einer davon verglich ihn in boshafter Anspielung mit Chiron, dem
Centaur , dem Erzieher Achill's :
„Für's Erste sag mir doch, ich bitte Dich
Chiron — zogst du nicht den Perikles auf?"
Aber Piaton lobte ihn dagegen3) als einen feinen, nicht allein
musikalisch, sondern auch sonst sehr gebildeten Mann, der es ver-
diene, dass man ihm die Jugend zur Erziehung anvertraue. Sokrates
selbst war noch als Greis Damon's Schüler, er nahm Unterricht auf
der Lyra, und entschuldigte es in seiner halb ernsten, halb scherz-
haften "Weise „zum Lernen sei es nie zu spät." Bei dem grossen
Werthe, den die Griechen auf die musikalische Erziehung legten,
sind uns bei mehr als einem grossen Manne die Namen seiner Musik-
lehrer überliefert. So lernte Perikles nach Aristoteles die Musik auch
bei Pythoklides.4) Alkibiades wurde von dem geschätzten Meister
Pronomos, Sophokles von Lampros unterrichtet, und selbst der
ernste Epaminondas hatte zwei Musiklehrer, den Olympiodoros und
Orthagoras, von welchen er die bei seinen böotischen Landsleuten
höchst beliebte Flöte blasen lernte. Musikalische Bildung war in
Griechenland allgemein und ganz unentbehrlich 5) , sie ging von den
eigentlichen Sängern, Kithar- und Flötenspielern der älteren Zeiten
1) Athen. XII.
2) Plutarch, Perikles. 4.
3) Im Laches.
4) Plutarch erwähnt es a. a. O.
5) Unentbehrlicher als bei uns — aber freilich in ganz anderem und,
gestehen wir es, weit höherem Sinne.
Die griechische Musik. 303
allgemach auf alle Jene über, deren Erziehung in echt griechischem
Sinne geleitet wurde, und demnach, die geistigen und körperlichen
Anlagen gleichmässig berücksichtigend und ausbildend, eine musische
und o-ymnische war. Selbst Themistokles gerieth in den Verdacht
eines Mangels an Bildung, als er es bei einem Gastmahle ablehnte,
die Lyra zu spielen. *) Die musische oder musikalische Erziehung
des Knaben hatte aber einen ganz anderen Sinn und Zweck, als nur
ihn ein Lied richtig singen und gehörig mit der Kithara begleiten
zu lehren. Er sollte nicht sowohl Musik machen lernen, als
musikalisch werden, das heisst, es sollte ihn jener Lebensäther
edeln Masses durchdringen, der den geordneten Tönen innewohnt.
Dabei- griff Poesie, selbst Mimik und Tanz, in die musische Er-
ziehung so sehr ein, als Musik im engeren Sinne. Bei solcher Auf-
fassung der Sache gab die Musik dem heranwachsenden Knaben
Wohlklang der Sprache, Anmuth der Bewegung, edeln Ausdruck
der Rede und eine harmonische Seelenstimniung, auch wenn er
nicht gerade die Lyra zur Hand nahm oder Gesang hören Hess.2)
Einseitige Beschäftigung mit Musik war sogar tadelhaft, wie jedes
über das Mass hinausgetriebene einseitige Streben. Als Antisthenes
(Schüler des Sokrates, Stifter der cynischen Schule) hörte, dass
Ismenias ein so eifriger Flötenspieler sei, sagte er: „aber ein
schlechter Mensch. Denn sonst wäre er kein so eifriger Flöten-
spieler." 3) Und als Philipp von Makedonien seinen Sohn bei einem
Gastmahl besonders schön die Kithara spielen hörte, rief er ihm zu:
ob er sich nicht schäme, so schön zu spielen. „Denn," bemerkt
Plutarch zu dieser Erzählung, „es ist genug, wenn ein König Zeit
findet einen Kitharaspieler anzuhören, er bringt den Musen bereits
ein grosses Opfer, wenn er sich bei solchen Dingen als Hörer ein-
findet, während andere sich darin um den Preis herumstreiten. Wohl-
riechende Salben oder Purpurfärbereien machen uns auch Vergnügen,
aber einen Salbenkoch oder Purpurfärber halten wir deswegen dach
für einen gemeinen Handwerker." Das war also trotz aller reich-
lichen Belohnungen, trotz Statuen und trotz alles gelegentlichen
1) Cicero, Tuscul. quaest. I. 2. Er bemerkt dabei ausdrücklich, dass die
Griechen die höchste Bildung in das Saitenspiel und den Gesang setzten.
Themistokles meinte dagegen „das Leierstimmen und Kitbarspielen verstehe
er allerdings nicht, aber wenn er einen Staat klein und unberühmt übernehme,
so verstehe er es, ihn zu Ruhm und Grösse zu führen" (Plutarch, Themist. 2).
2) Doch hatten die Griechen ein Sprichwort: „verborgene Musik werde
nichtgeehrt" (ovdhr 0(pf/.ozd<pavoi:; Ttjg/novoixrjq. Lukian, Harmonides.) Nero
berief sich öfter darauf (inter familiäres Graecum proverbium jactans: occultae
musicae nulluni esse respectum, Suet. Nero XX.) Auch ein gewisser Kitharist von
Aspendos, der nur für sich selbst musizirte, war sprichwörtlich. Cicero (in
Verrem 20) erwähnt seiner: illum Aspendium citharistam, de quod saepe au-
distis id quod est Graecis hominibus in proverbio, quem „omnia intus canere"
dicebant.
3) Plutarch, Perikles 1.
304 Die Musik der antiken Welt.
Umgangs mit Königen und Ecleln der eigentliche Kern der grie-
chischen Ansicht über Werth und Würde des Virtuosenthumes.
Aristoteles drückt sich in ähnlichem Sinne aus. Der Virtuose (Technite
oder Agonist) übe seine Kunst nicht zu seiner eigenen sittlichen
Ausbildung, sondern lediglich um des sehr gemeinen sinnlichen
Vergnügens seiner Zuhörer willen, sein Gewerbe sei daher eines
freien Mannes unwürdig, Sache des blossen Miethlings und Hand-
werkers. Sein Zweck und Ziel sei tadelnswerth , und indem er sich
den unlöblichen Forderungen der Menge anbequeme, verderbe er die
Musik. Nur zur Unterhaltung und Erholung für die unverständige
Menge, die doch auch ihre Ergötzung haben wolle, könne man der-
gleichen zulassen.1) Die Virtuosen rächten sich, wie es nun ihre
Art ist, durch souveraine Verachtung des Publicums, dessen Launen
sie doch schmeichelten, die besseren zeigten auch wohl einen nicht
unedlen Künstlerstolz. „Das nächste Mal wirst Du mir und den
Musen spielen," sagte Antigenides zu einem Schüler, dessen ge-
lungene Leistung gleichwohl nicht gefallen hatte, und als er von
ferne den rauschenden Beifall hörte, den ein Flötenspieler erhielt,
meinte er, diese Verschwendung des Beifalls lasse ihn vermuthen,
dass der Mensch sehr schlecht gespielt haben müsse. Der berühmte
Flötenspieler Hippomachos züchtigte gar einen nach einer mittel-
mässigen Leistung sehr beklatschten Schüler mit dem Stocke,
sprechend: „eben jener Beifall sei ein Beweis, wie schlecht er seine
Sache gemacht habe." 2) Auch an Eifersucht zwischen den Künstlern
selbst fehlte es begreiflicher Weise nicht. Antigenides hatte an
Dorion einen Gegner, und selbst die Schulen beider Meister standen
in Zwiespalt. Ein mittelmässiger Flötenspieler, Namens Tellis, be-
raubte sich vergeblich, durch eine von ihm erfundene neue Con-
struction der Flöte den Antigenides zu verdunkeln, was sprich-
wörtlich wurde, wenigstens meinte Epaminondas, den man mit der
Nachricht schrecken wollte, dass die Athener mit ganz neuen Waffen
ausgerüstet anrückten : „ob wohl Antigenides zu erschrecken brauche,
wenn Tellis eine neue Flöte in Händen habe."
Durch reichere Apparate, durch gesteigerte Kunstübung und
das Streben der Techniten einer den anderen zu überbieten wurde
L) Aristoteles, Polit. VIII. 7. I. Die merkwürdige Stelle lautet im Urtext:
„'Enti ös xwv ts OQyävwv xal xtjq eyyaGt'aq dno6oxißät,o^ev xyv ze%vixtjv
naiötiuv — xtxvixyv 6h xl&e/uev xij\v nodq dywvac' sv xavxy yc.Q o
txqÜtt(dv ov xi\q avx ov [texa^e ig trexat %Üqiv aQexrjq, aXXa xf/q
toji- dxovovxiov riöovrJQ xal xavxijq (poQx ixrjq — SiöntQ ov xwv
zXevd-BQiov XQivo[j.ev elrai xyv sgyaolav , aXXa #?;r ixcox sQav' xal
ßavavoovq <Vi- avfißalvei ylyveo&ai' novsQbc ydo o oxonbq tcqoq ov
noiovvxai xö xl-Xoq' 6 yäy 0-eaxrjq <fO(>xix6q tov (xexaßäXXeiv el'cu&£} tijv
fiovotxtfv, vjoxe xal xovq xv/ylxaq xovq tcqoc avxbv fieXetSvtaq airoi^
xs noiovQ xivaq Ttoiel xal xä Giö/uaxa öia rdq xivt'jaetc.
2) Aelian, hist. XIV. 8.
Die griechische Musik. 305
die Musik allmählich, und insbesondere im Laufe des vierten Jahr-
hunderts reicher, glänzender, luxuriöser. Die altväterliche Tugend
wich damals mehr und mehr dem üppigen Wohlleben, wie es die
(i riechen im Oriente kennen lernten, die schlichte Frömmigkeit und
Redlichkeit wurde von Sophisten und Sykophanten unterhöhlt. De-
magogen bemächtigten sich der öffentlichen Angelegenheiten, das
kostbare Gut der Freiheit gerieth in dringende Gefahr und ging end-
lich an Macedonien verloren, nach Alexander's Tode zerfiel der Koloss
seines Weltreiches und die Diadochen stritten sich um die Trümmer.
Für solche Zeiten konnte nur eine Musik passen, welche sich dem
Dienste der Erdengötter und der gesteigerten Genusssucht anbe-
ui lernte. Die Einfachheit und hohe Würde der alten Tonkunst, die
sich in wenigen Tönen bedeutend auszudrücken gewusst, galt für
veraltet. Krexos, Timotbeos (von Milet) und Philoxenos
werden von Plutarch insbesondere unter denen genannt, die entschie-
den von der alten, einfachen, ernsten Musik abwichen.1)
Um diese Zeit und mit diesen Künstlern vollendet sich der Ueber-
gang aus der zweiten Periode der griechischen Musik in die dritte.
Philoxenos war 435 v. Chr. auf Kythere geboren, so dass er also zu
Ende des peloponnesischen Krieges eben in's volle Mannesalter trat,
und sein von Einigen gepriesenes, von Anderen angefeindetes Wir-
ken um eben diese Zeit anfangen mochte. Als im Laufe des Krieges
seine Heimat erobert wurde (424 v. Chr.), wurde er mit anderen
Einwohnern als Gefangener weggeführt2) und vom Dichter Melanip-
pides gekauft, der das Talent des Knaben bemerkte und ausbildete.
Als sich der ältere Diouys zu Syrakus mit Dichtern und Musikern
umgab, wurde auch Philoxenos eine Zeitlang sein Hof- und Tafel-
genosse, und man weiss verschiedene Züge von dem Witz und guten
Humor, den Philoxenos dabei dem Tyrannen gegenüber bewies.
Diese anekdotenhaften Erzählungen haben ihren Werth, sie lassen
das Verhältniss der Künstler jener Zeit zu den Grossen sehr characte-
ristisch erkennen. Wenn die Aeusserung des eben mit einer Dich-
tung „Galatea" beschäftigten Philoxenos : „der grosse Fisch auf des
Tyrannen Teller wisse von Galatea ohne Zweifel mehr zu erzählen,
als der ihm vorgesetzte kleine" etwas an den Parasiten und lustigen
Rath mahnt, so zeigt sich andererseits, dass er auch genug echtes
Griechen thum und Freimüthigkeit in sich hatte, um Verse des Ty-
1) Antigenides war ein geborener Thekaner, Sohn des Satyros, und
(wenigstens im Anfange seiner Laufbahn) Flötenbläser im Dienste des Dithy-
rambendichters Philoxenos. S. Suidas, ad. voc. Avtiysvlörjq.
2) Suidas sagt: von den Lakedämoniern. Aber da die Insel ohnehin
zu Sparta gehörte, so meint Bippart (a. a. 0. S. 22), es müsse statt Aaxe-
daifxoricor vielmehr heissen: Ä&ijvcdojv, bemerkt aber dagegen selbst, dass
die Athener nach dem Berichte des Thukydides (IV. 57) die Insel sehr milde
behandelten und nur wenige Gefangene wegführten.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 20
306 Die Musik der antiken Welt.
rannen herb zu tadeln, so dass ihn dieser zur Strafe in die Stein-
brüche sendete, und dass er den andern Tag herbeigerufen und
zur Anhörung neuer Verse gezwungen, nichts sagte als: „man
führe mich wieder in die Steinbrüche !" Ein kleiner Liebeshandel,
den er mit einer Geliebten des Tyrannen gehabt, gab ihm Anlass,
hier im Kerker ein satyrisches Gedicht auszuarbeiten, die Liebe
Polyphemos' (Dionys) zur schönen Galatea, welche den Acis (Phi-
loxenos) dem ungeschlachten Menschenfresser vorzog. Endlich
glückte ihm die Flucht, er wendete sich nach Tarent. Als berühm-
ter Künstler und heiterer Lebemann in ganz Griechenland bekannt,
starb er endlich 55 Jahre alt zu Ephesus.1) Seine Zeitgenossen
waren Timotheos von Milet (geboren 447 v. Chr., starb hochbetagt
357 v. Chr. in Makedonien)-) und Telestes von Selinunt. Auch
diese trieben sich gerne an den Königshöfen umher, Timotheos bei
Archelaos von Makedonien (wo er mit den athenischen Tragödien-
dichtern Euripides und Agathon zusammentraf), Telestes bei Ari-
stratos, dem Tyrannen von Sikyon; beide waren berühmte Künstler.
Die Ephesier zahlten dem Timotheos für einen Hymnus auf ihre
Diana tausend Goldstücke:3) dagegen musste er von Sparta, wo die
Ephoren gegen seine musikalischen Neuerungen Einsprache erhoben,
mit Schmach abziehen. Timotheos wird von Aristoteles als Xach-
folger des Phrynis von Mitylene bezeichnet, „ohne Phrynis gäbe
keinen Timotheos."4) Wie es für die starke Effecte häufende
Kunstweise dieser Dichter und Musiker passte, war es vorzüglich
der Dithyramb, dem sie sich zuwendeten: daher man sie unter dem
Xamen der Dithyrambographen zusammenzufassen pflegt. So viel
an zum Theile sehr unbedeutenden Fragmenten von ihren Dich-
tungen erhalten ist, lassen sie die edle Einfalt der griechischen
Kunst der Blütezeit allerdings merklich vermissen. Gehäufte,
pomphafte Beiworte5), künstlich verschränkte Satzbildungen6), Eede-
1) Nach den Angaben des Marin. Par.
2) Steph. Bvz. ad. v. MLXijzoq und Marm. Par. a. ep. 77.
3) Macrob. Saturn. V. 22.
4) El 6h [ii] *Povviq, Tit(6&£OQ ovx av iysvsro. Metaphys.
5) So lässt z. B. Philoxenos den Kyklopen seine Anrede an Galatea also
beginnen : i2 y a ). /./ n q öo ca ,t e
Xq vae o ßöotovx £ Ea '/. ä x e La,
Xa o i t 6 (f cove y.ä/.Koq 'Eqojzcov.
6) Z. B. bei Telestes:
°Ov oo(for oocpccv Xaßovoav ory tTtt/.no/^ica voq>
doifioiG OQeloiq ooyc'.vor
diav A&ävay
lii>6<fd-cö.f,iov aiayoc ixtpoßfj&eZoav
avS-cq tx /f^wr ßaXsZv u. s. w.
Die natürliche Anordnung wäre: ovx iitsXTCOfiai vom oocfhv Siav A&uvuv
Xaßovoav 6v oo(fbv oQyccvov ÖQVfxoZq doeioiq av&iq ex yi^wv ßaXsZv
&vc6<p9aX/X0V uloyoq ixipoßrjS-sZoav u. s. w. Man bemerke die Klang-
spielerei ooiföv oo(ftcv u. dgl. m.
Die griechische Musik. 307
prunk und Witzspielerei ') sind im Ganzen ihre characteristischen
Merkmale. Der Dithyrambus wird bei diesen Dichtern nicht mehr
in dem ernsten religiösen Sinne eines Arion aufgefasst, sondern als
ein Gesang hacchischer Exaltation, stärkster sinnlicher Aufregung.
Manche dieser Dithyramben (wie der Kyklop des Philoxenos und des
Timotheos) schlössen sich der alten halbdramatischen Form an, aber
mit moderner Behandlungsweise im Einzelnen. Zu Dichtungen
dieser Art hätte die alte Choralmusik des Terpander, Thaletas,
Arion oder anderer alter Meister keine passende Begleitung abge-
geben. Die Dithyrambographen dachten daher an reichere Kunst-
mittel und an neue Züge und Wendungen, welche dem Wortge-
pränge der Dichtung entsprächen. Timotheos vermehrte die Saiten
der Kithara , indem er die zehnte und eilfte beisetzte , wie er über-
haupt das Strenge der alten Musik zu mildern und sie weicher und
annehmlicher zu machen strebte.2) Vermuthlich umfasste sein In-
strument zwei verbundene und ein getrenntes Tetrachord , was gerade
eilf Töne ausmacht. Die tonreiche orientalische Magadis soll er
ebenfalls gerne angewendet haben.3) Auch Krexos soll die Saiten-
zahl der Kithara verstärkt und die Weise des Archilochos, Gesang
und Recitation zu mischen und beides mit dem Saiteninstrumente zu
begleiten, auf den Dithyrambus angewendet haben. Dagegen war
Telestes der eifrigste Förderer und Lobredner des Flötenspieles.
Ueber die Musik der Dithyrambographen sprechen sich die
alten Zeugnisse bald tadelnd, bald lobend aus, je nachdem die Be-
urtheilung von einem conservativen Verehrer der älteren Weise aus-
geht oder nicht, immer aber in dem Sinne, dass deutlich zu entnehmen
ist, dass hier eine Reform in der antiken Musik vor sich ging, durch
welche die alte feierliche, gottesdienstliche Weise so umgestaltet
und in den Hintergrund gedrängt wurde, wie etwa in der christlichen
Zeit die alte feierliche gottesdienstliche Musik des Palestrinastyles
durch die bunte, lebhafte, ausdrucksvolle weltliche Musik der späte-
ren Florentiner und Neapolitaner. Die Analogie geht so weit, dass
selbst die Verdrängung der alten Kirchentöne durch die transponible
Scala ihr antikes Gegenbild in der Verdrängung der alten (den
Kirchentönen ganz entsprechenden) Octavenreihen durch die zwölf-
mal nach den Halbtönen transponirte4) eine Mollscala findet. Zur
Zeit des Aristoxenos im vierten Jahrhunderte hatte sich letztere be-
reits festgestellt, und galt, im Gegensatze zu den alten Tonarten,
für modern. Diese Umgestaltung dürfte eben durch die Musiker und
1) Von Timotheos rührt z. B. das Wort her: Athen sei Hellas in Hellas.
2) — — rijv btyj'>.Ti]v xal svSsxäxrfu -/oqö/jv 7iQooi:$>}Z£ xal xyv
ccQymuv ^.ovaixijV iitl xb [icü.^uy.ojreQov fiexqyayev. Suiclas ad. v. Tif-iö&sog.
" 3) Athen. XIV.
4) Eigentlich dreizehn, später fünfzehn: in der That aber nur zwölf-
mal, indem die 13., 14. und 15. Tonart nur Wiederholungen von drei tiefe-
ren waren.
20*
308 Die Musik der antiken Welt.
insbesondere die Dithyrambographen der kurz vorher abgeschlossenen
Epoche geschehen sein, und die Aeusserungen des Pherekrates:
„dass Phrynis in fünf Saiten zwölf Harmonien habe, dass Timo-
theos die Musik in zwölf Töne auflöse u. s. w." mögen sich auf die
neuen Tonarten beziehen. Ein anschauliches Bild von der Umge-
staltung der Musik in dieser Zeit gibt Dionys von Halikarnassos :
„die Ditharambenmacher," sagt er, „haben insbesondere die Ton-
arten verändert (roiv tqÖtcov* /.tsTsßcdlor), indem sie in einem und
demselben Gesänge die dorische und phrygische und lydische Tonart
anwendeten, sie schalteten in der Melodie herum, welche sie bald
enarmonisch, bald chromatisch, bald diatonisch gestalteten, die
Ehythmen aber behandelten sie mit kühner Sicherheit (xara noU.i\v
<idetav i^ovaia^ovrsg) nach dem Vorgange des Philoxenos, Timotheos
und Telestes" 1j. Die von Dionys bemerkte bunte Anwendung
der Chromatik und Enarmonik war einer der Punkte der von den
spartanischen Ephoren gegen Timotheos erhobenen Beschuldigung.2)
Auch der Komiker Antiphanes spricht ausdrücklich von den häufigen
Veränderungen (fxsrn ß^alg in Tonart, Rhythmus u. s. w.) und von
der Chromatik in den Melodien des Philoxenos. Die Chromatik
galt aber für ganz besonders üppig, süss und schmelzend, und war
daher bei den alten, strengen Musikern nicht angewendet worden.
Insbesondere aber trat an die Stelle der alten, choralmässigen
Musik eine rasche bunte Eiguralmusik, bei deren Tongewimmel
der Virtuose seine Kunst zeigen konnte.
In sehr ergötzlicher Weise zog gegen diese moderne Musiker-
und Virtuosenwirthschaft der Lustspieldichter Pherekrates zu Felde.
In einem seiner Stücke „Chiron" tritt die Musik in Gestalt eines
zerprügelten, misshandelten Weibes auf, und beklagt sich bei der
Gerechtig-keit:
*&'
Ich sag' es dir, zwar ungern, doch es wird
Ein Trost mir sein , dir ein Vergnügen :
Der Anfang meines Unheils, Melanippides,
Nahm mich und spannte mich ganz unerlaubt herab
Und machte mich ganz weichlich in zwölf Tönen,
Aber doch (beim Zeus) mit ihm war's auszuhalten
Im Vergleich zu dem, was jetzt ich leiden muss !
Kinesias, ein ganz verdammter Bursche aus Athen,
Bracht unharmonisch Zeug in alle Strophen,
Er macht' mich schlecht, verdrehte Dithyramben,
Gleichwie im Schilde sich die rechte Hand als linke spiegelt
Aber auch mit dem hielt ich's noch aus —
Dann machte Phrynis mich zum Wirbelwind
1) De comp. verb. lü.
2) Wenigstens ist davon in dem angeblichen Decrete der Ephoren die
Rede. Mahnt das nicht völlig an die „mescolanza", an die „impertinenzie",
welche Artusi der Musik seiner Zeit in seinen 1600 erschienenen „Imperfezioni
della musica moderna" vorwirft.
Die griechische Musik. 309
Und dreht' und wendet mich bis ich verdorben war
Denn in fünf Saiten hatte er ein Dutzend Harmonien.
Aber auch mit dem ging's doch noch an
Für seine Sünden that er endlich Busse.
Tim ot he os gab mir den Todesstoss
Der Schändliche !
D i k e.
Wer ist denn der
Timotheos?
Mu s i k.
Ein Bothkopf aus Milet,
Aergers that er mir als alle die vor ihm,
Ein unerhört Gewimmel von Ameisen war sein Sang,
Und traf er wo allein mich wandelnd an,
So löste er mich in zwölf Töne auf —
Dass Aristophanes eine so schöne Gelegenheit, einigen Leuten
im Vorbeigehen etliche Hiebe zuzutheilen , nicht ungenützt liess,
verstellt sich von selbst. In seinen „Vögeln" meldet sich auch
Kinesias als Bürger der neuen Stadt Wolkenkukuksheim , aber ob er
sich gleich mit den Worten introducirt : „er fliege leichten Fittiges
in Sturmeseile zum Olymp", meint Peisthetäros doch, es werde eine
Schiffslast Federn brauchen, um ihn in einen Vogel zu verwandeln.
Kinesias fahrt fort :
„In den Aetber heben will ich mich
Und aus den Wolken mir holen einen Schatz
Luftwogengepeitschter, schneebestöberter Melodien.
Peisthetäros.
Im Reich der Wolken, sage, gibt es Melodien?
Kinesias.
So ist's , in den Wolken baumelt uns're ganze Kunst
Denn alle Dithyramben putzt man hübsch heraus
Mit Aetherflimmer, Dunkelbläue, Finsterniss
Und Flügelbraus —
In den „Wolken" parodirt Aristophanes den Bombast der
„Verskünstler verschnörkelnd den Rundgesang" (worunter nach den
Scholiasten die Dithyrambographen, Kinesias, Philoxenos u. s. w.
gemeint sind) in den Versen :
„D'rum singen sie auch von nassen Gewölks blitzzackend vernichtendem
Sturmdrang
Von des hunderthäuptigenTypho Gelock und der sengenden, sau-
senden Windsbraut"
und Dikäologos (eine allegorische Figur, die gute alte Sitte vertre-
tend) lässt sich in demselben Lustspiele über den Gesangunterricht
der jungen Athener also vernehmen :
„Da sah man sie wandeln die Strassen entlang, zu der Citherschul in der
Ordnung,
Aus jeglicher Gasse die Schaar halbnackt, ob der Schnee auch fiele wie
Mehlstaub ,
310 Die Musik der antiken Welt.
Dort lernten sie dann auswendig ein Lied — nicht übergeschlagen die Beine —
Sei's „Pallas die Städtezerstorerin ernst", sei's „weitherschallende Klänge"
In gehaltenem Ton und gemessenem Takt, wie sich's von den Vätern vererbte.
Trieb einer da Scherze und Possen etwa und versuchte sich Triller zu
trällern
Wie sie jetzt im Gebrauch nach des Phrynis Manier halsbre-
chende Schnörkel und Sprünge
Der kriegte von Schlägen ein tüchtiges Mass, da die heilige Kunst er ent-
weihte.
Auch sonst fehlte es nicht an einzelnen Spottworten. Als
Timotheos in seinem „Nautilos" die Tonmalerei eines Seesturmes
anbrachte , der sich auf den Kitharen freilich nicht zum Besten aus-
nehmen mochte, meinte der witzige Zuhörer Dorion, „er habe in
siedenden Kochtöpfen schon viel heftigere Stürme erlebt", und als
er im Theater zu Athen seinen Dianenhymnus sang und die Göttin
/uaivndu, övada, (foißaöoc, Xvaaada (Mänade, Bacchantin, entrückte
Seherin, Basende) nannte, rief ihm Kinesias zu: „solch' eine Toch-
ter sollst du bekommen!" *)
Aber trotz aller Verspottungen durch die witzigen Athener,
trotz aller polizeilichen Ausweisungen aus Sparta fand Timotheos
Lob und Lohn. Aristoteles meint, ohne Timotheos gäbe es gar
keine reiche Melopöie.2) Seine Gesänge blieben in Ansehen3), die
Arkadier sangen sie und jene des Philoxenos als Chöre an Fest-
tagen.4) Und über Philoxenos brach der attische Lustspieldichter
Antiphanes in die begeisterten Worte aus :
Gar sehr unterscheidet sich Philoxenos
Von allen andern Dichtein ; denn vorerst
Hat er gar wohl verstanden, prächtige
Und passende Benennungen allüb'rall zu verwenden,
Dann in reichem Wechsel bunter Chromatik
Schuf er Gesänge voller Kraft. Als wie ein Gott
War er unter den Sterblichen, und er verstand
Wahrhaftig die Musik -5)
1) Plut. de and. poes. 4.
2) El fisv yr.o Tifio&eoq ict] sysvsro, tcoXXtjv uv (isXoitotav ovx
ei%0[i£v. Metaph. A. shxxxov p. 993 B. 15 — 19.
3) Als Polyidos über den Sieg, den sein Schüler Philotas über Timotheos
errungen, hochmüthig that, sagte Stratonikos mit einem Wortspiel: „ganz gut,
aber du machst tpt](pioiuuxa (Volksbeschlüsse für irgend eine vorübergehende
Gelegenheit), während Timotheos vöfiovq (stets giltige Gesetze, und auch:
Melodien) macht.
4) Polyb. IV. 20. Athen. XIV.
5) Bei Athenäus, XIII.
IIo/.v '/ iaxl nävxatv xüv noirjxcöv öicupOQoq
V) &i?.6c£rog' xa TtQtöxa (xlv ya.Q ovofiaaiv
'Wloioi xal xuivoloi XQxjxai navxnyov.
"Erceixa xa fiekrj (isxaßoXalq xal %Q(Ofiaaiv
'£2g £v xexgaxai. O-eög sv äv9-Qa>itoiaiv i}v
'ExeZvoq, tidöjg xyv aXijd-cöq fjt.ovoixrjv.
Die griechische Musik. 311
Die "Werke der Dithyrambographen waren zahlreich : Timotheos
hinterliess nach Stephan von Byzanz 18 Bücher Nomen für die
Kithara und hei tausend Proömien zu Flötennomen, 8000 der-
gleichen zu Epen — nach Suidas dagegen nur 19 Nomen und 36
Proömien epischer Art und 8 Diaskeuen (Bearbeitungen älterer
Nomen). Unter seinen Werken nennt man eine „Artemis", die
„Perser", den „Nautilos", eine „Niobe", einen „Kyklopen" u. s. w.
Philoxenos hinterliess 24 Dithyramben, eine Genealogie der Aea-
kiden (Gedicht), ein „Koniastes" betiteltes Gedicht, den „Kyklo-
pen'" u. s. w. Einzelne Verse aus diesen "Werken wurden sprich-
wörtlich. [) Von der Anordnung dieser dithyrambischen Dichtung
mag der Inhalt des Kyklopen des Philoxenos eine Vorstellung geben.
Polyphem, von der Liebe ganz gezähmt, tritt mit einem Sacke ess-
barer Kräuter und einer Lyra in Händen auf. Voll Hoffnung, Gala-
tea's Liebe zu erringen, singt und tanzt er lustig, lässt oft ein fröh-
liches &qsituieIö (tralala) ertönen und fordert seine Heerde auf, sich
mit ihm zu freuen. Dann gesteht er der Galatea seine Glut, da sie
ihm aber keine Erwiederung zu Theil werden lässt, sucht er seinen
Kummer mit Gesang zu beschwichtigen und trägt den Delphinen
auf, Galatea zu melden, wie er sich zu trösten Avisse. In seine
Höhle heimkehrend, findet er den Odysseus, den er fürchterlich be-
droht. Der Listige schmeichelt ihm , macht ihn mit Wein betrunken,
bohrt ihm das Auge aus und entflieht, den Chor bildeten vermuth-
lich, wie beim alten Dithyrambus, Satyren.2) Es war, wie man
sieht, eine Art Oratorium oder Pastoralcantate. Wenn die Wirkung
hier eine heiter behagliche war, so fing dagegen Timotheos seine
Niobe mit einem drastischen Schauereffecte an: Charon rief mit
wildem Drohen die Todten zur Ueberfährt. Grossen Anstoss er-
regte er, dass er in seiner Semele das Heulen und Schreien der
Verbrennenden in grob materieller Weise nachahmte.3)
Der Zustand der Musik, wie er sich nach jener Uebergangs-
periode herausstellte, war ungefähr jenem der übrigen Künste ana-
log. Es war die Zeit, wo die prächtige korinthische Baukunst mit
ihrem reichen Schmucke die einfach würdige dorische zu überglän-
zen suchte, wo die Sculptur sich in kühnen, reich componirten
Gruppen, in bravourmässiger Durchführung, in besonderen Fein-
heiten und in seltsamen Aufgaben gefiel, oder durch Kolossalbilder
Erstaunen zu erregen liebte. Der griechische Kunstgeist bewährte
sich allerdings auch noch in diesen Aufgaben, oft genug sogar in
1) Wie bei uns Verse aus Goethe's Faust oder Einzelnes aus Schiller. Ein
solches Sprichwort wurde z. B. der Zuruf des Kyklopen an Odysseus, der seine
Schafe schlachtet: a&voag dvzi&voy,
2) Das Gedicht ist bis auf wenige, ganz kleine Bruchstücke verloren
Vergl. Bippart, a. a. 0. S. 33 u. 40.
3) A. a O.
312 ^'e Musik der antiken Welt.
glänzender Weise. Die strenge, würdige alte Tonkunst, im Ver-
gleiche zur reichen, luxuriösen eines Timotheos mag in einer Ver-
gleichung des dorischen Tempels mit dem korinthischen oder in
einer Vergleichung der Sosandra des Kaiamis mit dem Symplegma
des Kephisodotos eine Art Gegenbild finden. So äusserst wenig
uns von Denkmalen griechischer Musik erhalten ist ; es genügt
glücklicherweise um diese Zusammenstellung zu rechtfertigen. Die
Hymne Pmdar's an die „goldene Phorminx des Apollon" kann
uns eine Vorstellung von der edlen Einfalt, der ohyoxoqdla (Zusam-
mensetzung aus wenigen Tönen) und hohen Würde der älteren
Kunst geben, wogegen der leidenschaftliche Schwung, die fast
regellos stürmende Unruhe der drei Hymnen des Dionysos und Me-
somedes eine genügende Probe der späteren Musik gewähren. Ganz
anders würden wir freilich Einsicht gewinnen, wenn uns die Ton-
weisen der Hellenen in reicheren Denkmalen erhalten wären, wenn
irgend ein Zauber auch nur einen einzigen Wettgesang im Odeion,
eine einzige Tragödie im Lenäon vor uns aufleben lassen könnte.
Muss die Geschichte der griechischen Sculptur auch gar viele Lücken
mit blossen Notizen aus Pausanias, Plinius u.s. w. ausfüllen, so lässt
doch mancher glückliche Fund Bildwerke gleichsam von den Todten
erstehen, welche für das nicht mehr Vorhandene ein oft höchst
wichtiges Zeugniss geben. Wenn die Geschichte der griechischen
bildenden Kunst, statt die Aegineten, die Parthenon- und Phigalia-
Sculpturen u. s. w. vor Augen zu haben, blos aus der Schönheit der
Umrisse einiger monochromer Figuren auf den Scherben einer zer-
brochenen Schüssel Schlüsse auf die Schönheit des übrigen Verlorenen
machen müsste, so wäre sie ungefähr in der Lage, in welcher die
Geschichte der Musik wirklich ist. Jene darf doch ein „zerstreutes
Gebein gläubig und froh ehren" - - die Musikgeschichte muss sich
begnügen, nach flatternden Schatten, so gut es gehen will, schwan-
kende Umrisse zu zeichnen.
Die Entwickelung der Musik in der neueren Epoche zeigt
durchaus nicht mehr das quellende Leben der altern. Griechenland
war über seine schönste Zeit hinüber.
Der grosse Alexander der Grosse war ein Freund der Künste,
auch der Musik. Er führte zahlreiche Wettkämpfe ein; für Tragö-
dien, für Musik von Saiten- und Blasinstrumenten, für Declamation
erzählender Gedichte.1) Eine Bedeutung der grossen, wahrhaft
nationalen Wettkämpfe konnten diese Veranstaltungen königlichen
Kunstsinnes und königlicher Protection nicht entfernt erreichen.
Es waren eben Hoffeste edlerer Art. Die Königshäuser nach der
Alexanderzeit, wie sie ihre Riesenschiffe voll Vergoldung, Elfen-
bein, Schnitzwerk und Pracht jeder Art vom Stapel laufen Hessen,
ihre Prachtbauten thürmten, gewaltige Bibliotheken anlegten u. s. w.
1) Plutarch, Alex. d. G. 4.
Die griechische Musik. 313
entwickelten auch wohl in Sachen der Musik einen verschwen-
derischen Luxus. Besonders war das reiche, prächtige Alexandrien
dafür eine Stätte. Wir haben der verschwenderischen Feste des
Ptolemäos Philadelphos schon bei Gelegenheit der ägyptischen
Musik gedacht. Ein Aufzug von 600 Musikern übertraf freilich
Alles, was mau je bei den Pythien oder Panathenäen zu sehen und
zu hören bekommen. Was an innerem, wahrem Leben fehlte, suchte
man durch Häufung des äusseren Apparates, durch Masseneffecte zu
erzwingen, wie es in Zeiten einer sinkenden Kunst immer zu sein pflegt.
Es hatten aber schon die Platoniker und vorzüglichsten Peripatetiker
über den Verfall der alten, echten, vorzüglichen Musik geklagt und
geschrieben.1) Otfried Müller, nachdem er von den Meistern Perpan-
der, Thaletas, Sakadas u. s. w. geredet, spricht folgende treffende
Worte : „Mit diesen Meistern scheint die Musik im Ganzen die Höhe
erreicht zu haben, auf der wir sie in Pindaf's Zeilen finden, und
vollkommen geeignet gewesen zu sein, die Grundstimmung und den
Gang der Empfindung im Allgemeinen auszudrücken, welche als-
dann der Dichter in seiner Weise zu bestimmten Vorstellungen und
Gedanken entwickelt. Denn so unvollkommen auch die Musik der
älteren Griechen in der Anwendung der Instrumentalmusik und der
harmonischen Verbindung verschiedener Stimmen und Instrumente
uns erscheinen mag, so wenig ausgebildet, mit einem Worte, die
ganze äussere Maschinerie war: so löste diese Kunst doch gewiss
schon damals die Aufgabe, welche ihr immer die höchste bleiben
muss in einem ausgezeichneten Sinne, indem sie die Stimmungen
und Empfindungen des Gemüths auf eine ergreifende, jedes gesunde
und unverdorbene Gefühl mit sich fortziehende Weise ausdrückte.
Die Musik an diese ihre Aufgabe zu binden, dass die Melodie als
Seele darin herrschen, und selbst wieder von einer edeln Richtung
des Gemüths beherrscht werden sollte, war das beständige Bestreben
der grossen Dichter, der weisen Denker, selbst der Staatsmänner,
die sich um Volksbildung und Jugenderziehung kümmerten, bis auf
Piaton herab, und es erfüllte sie eine wahre Furcht vor dem Um-
sichgreifen einer luxuriirenden Instrumentalmusik und vor einem
zügellosen und launenvollen Spiele in dem schrankenlosen Reiche
der Töne. Doch konnte dies Bemühen, das sich im Kampfe mit
den Neigungen und stürmischen Forderungen des Theaterpublikums
(der „Theatrokratia" bei Piaton) befand, den Strom nur eine Zeit-
lang hemmen, aber nicht ableiten; die Fluth der neuen, den Sinnen
schmeichelnden Musik brach, gegen Ende des peloponnesischen
Krieges, durch. An den Höfen der makedonischen Herrscher, von
Alexander an , wurden Symphonien von Hunderten von Instrumenten
aufgeführt, und man muss nach den Angaben der Alten glauben,
dass damals die Instrumentalmusik, besonders im Fache der Blas-
1) Plutarch, de mus.
314 Die Musik der antiken Welt.
Instrumente, nicht weniger reich und mannigfaltig gewesen ist, als
die unsere: aher nach allen diesen glänzenden und prachtvollen
Productionen bekannten doch am Ende die wahren Kenner, dass
die alten Melodien des Olympos, die für die einfachsten Instru-
mente gesetzt waren, eine unnachahmliche Schönheit hätten, die
man auf den tonreichsten Instrumenten und mit allen den Mitteln
der späteren Kunst nicht erreichen könne. So wahr ist es, dass es
in der Kunst nicht sowohl auf die Menge der Mittel . als auf die voll-
kommene Benutzung weniger ankomme, und sogar der Kunst, eben
so wie dem Leben gewisse Beschränkungen wohl thun." ') Wenn
es als ein Zeichen gelten darf, dass die Kunst über die Blütezeit,
wo sie grosse und bedeutende Werke schafft, hinaus sei, sobald die
Reflexion über die Kunst, die Aesthetik und Theorie derselben
sich in den Vordergrund zu drängen anfängt, so zeigte sich dies
Symptom auch in der nach-Alexander'schen Zeit. Jetzt trat näm-
lich in der Person des Aristoxenos ein genialer Theoretiker auf,
welcher sich der alten Pythagoräischen Schule bekämpfend entgegen-
stellte. Aristoxenos war in Tarent »-eboren. In Mantinea, wo er
eine Zeit lang lebte, wendete er sich der Philosophie zu. Er war
Schüler: erst seines Vaters, dann des Lampros Erythräos, dann des
Pythagoräers Xenophilos, endlich des Aristoteles. Er hinterliess
eine fast unglaubliche Zahl von Schriften über Musik; es sollen
ihrer 453 gewesen sein.2) Was uns davon erhalten ist, zeigt eine
tiefe Einsicht in das Wesen der Sache, verbunden mit einfacher,
geistvoller Darstellung.3) Wenn nun die Pythagoräer das Zeugniss
und die Beurtheilung der Sinne für die Musik verworfen und alles
nach mathematischen Prinzipien festgestellt wissen wollten, so be-
hauptete dagegen Aristoxenos , man habe nur dem Gehöre zu folgen.
Sein Fundamentalsatz beruhte auf der Symphonie der Klänge, das
ist: der Erkenntniss des unwandelbaren Stimmungspunktes, der vom
Gehöre nur in höchster Reinheit zu ertragenden Octave, Quinte und
Quarte, eines Punktes, der sich mathematisch in Zahlen gar nicht
darstellen lasse, daher man von den Pythagoräischen Zahlen Um-
gang zu nehmen habe. Durch sein System kam Aristoxenos end-
lich auf die gleichschwebende Temperatur, und im Cyclus rein ge-
stimmter Oetaven und Quarten brachte er eine völlig befriedigende
Tonleiter zu Stande. Aber die Terz galt auch ihm als Dissonanz.4)
Seine Anhänger hiessen Harmoniker, wogegen die Anhänger der
1) Otfried Müller, a. a. O. S. 293. Wenn der Leser durch diese geistvolle
Darstellung Otfried Müller's schlagend an Parallelzust'ande der Musik unserer
Zeit gemahnt wird, so gestehe ich, dass es mir eben so ergeht.
2) Suidas ad v. 'Aoiaro^erog.
3) Es sind die Schriften a.QfXOVLX(öv oror/elcor ßißXLa y' und eine Ab-
handlung über Rhythmik.
4) Vergl. Kiesewetter: Die neuen Aristoxener, insbes. S. 5.
Die griechische Musik. 315
alten Pythagoräischen Theorie Kanoniker Hessen, weil die Zahlen
für sie eine Kegel (Kanon) bildeten. Die Polemik des Aristoxenes
gegen die alte Schule ist oft ziemlich scharf: „Nach dem Gehöre",
sagt er, „heurtheilen wir die Grösse der Intervalle, mit dem Ver-
stände prüfen wir ihre Eigenheiten. Man muss sich also gewöhnen,
über Alles genau zu entscheiden. Der Geometer kann der
Schärfe der Sinne entbehren, denn er hat nicht nöthig sein
Auge zu der Unterscheidung zu üben, ob etwas gerade oder
rund, oder wie sonst beschaffen sei, dergleichen ist vielmehr
Sache des Zimmermanns oder Drechslers oder anderer ähnlicher
Handwerker. Für den Musiker aber ist die Schärfe des Sinnes fast
das Wichtigste. Denn wenn er etwas durch die Sinne unrichtig
auffasst, wie soll er dann dasjenige beurtheilen, was er sinnlich gar
nicht wahrzunehmen vermag?"1) Mit sehr deutlicher Beziehung sagt
er weiterhin: „nur ein sehr einfältig Treuherziger (evr^g) kann sich
einbilden, dass er, wenn er sich Tag für Tag mit denselben Flöten-
löchern und denselben gespannten Saiten befasst, die gesetzliche
Ordnung der Töne, welche darin steckt, herausfinden werde. Denn
aus den Saiten und Flötenlöchern ist gar keine geordnete Tonreihe
herauszubringen, wenn sie nicht durch das mitwirkende Wechsel-
spiel der Hände hervorgerufen wird. Kein Instrument gibt sich
seinen Inhalt an Harmonien selbst, vielmehr ist der menschliche
Sinn dessen Herr. Das ist doch so klar, dass man gar kein Wort
darüber verlieren sollte." -) Das war freilich ein starker Ausfall
gegen die Anhänger der alten Kanonik, die ewig ihre Anekdote
von den Schmiedehämmern des Pythagoras nacherzählten, das Mo-
nochord mit seinen streng mathemathischen Theilungen als die musi-
kalische Bundeslade verehrten, an aufgehängte Platten, an wasser-
gefüllte Essigkrüge u. s. w. klopften, und den von ihrem Meister
noch im Tode eingeschärften Grundsatz „den Sinnen nicht zu
trauen", mit eiserner Consequenz festhielten. Liest man die Vor-
würfe, welche Aristoxenos der alten Musiklehre macht, wie sie sieb
begnügt habe, einige Octavenreiben einzuschärfen, wie sie die Har-
monik aus dem ganzen weiten Kreise der Musikwissenschaft heraus-
gerissen habe, um sie allein zum Gegenstand des Unterrichtes zu
machen, wie sie das Wichtigste bei Seite liegen liess u. s. w.; so
fühlt man sich lebhaft an ganz Aehnliches gemahnt, das auf dem
Felde unserer Musiklehre laut geworden. Aristoxenos war so sehr
Musikgelehrter, dass er die von der Tonkunst gewonnenen An-
schauungen selbst auf seine Speculationen über das Wesen der Seele
übertrug. Die Seele, behauptet er, sei eine Spannung des Kör-
pers selbst, und wie beim Gesänge und Saitenspiele die Harmonie,
1) Aristoxenos II. S. 33.
2) A. a. 0. S. 42 u. 43.
oig Die Musik der antiken Welt.
so werden aus dem Wesen und der Gestaltung der Körpers verschie-
dene Schwingungen, gleich musikalischen Tönen hervorgebracht.1)
Die, trotz alles Gegenkämpfens der Aristoxener fortdauernde
Beschäftigung mit den pythagoräischen Rationen u. s. w. führte zu
mannigfachen Vervollständigungen und Berichtigungen des Systems
im Einzelnen. Die unrichtige verwickelte pythagoräische Berech-
nung der Terzen, welcher zu Liebe sie, gegen alles Zeugniss der
Sinne unter die Dissonanzen eingereihet worden waren, fand ihre
Verbesserung 38 Jahre v. Chr. durch einen der Hauptvertreter
der vielwissenden alexandrinischen Gelehrsamkeit, Didymus J
und auch noch Claudius Ptolemäus (der vielfach aus Didymus
schöpfte) beschäftigte sich im zweiten Jahrhunderte n. Chr. mit
diesem Gegenstände. Der Fleiss und Scharfsinn der Gelehrten
fand nun zwar das richtige Verhältniss für die grosse und kleine
Terz aber ohne dass dieses Intervall darum aufhörte, bei der Ineo-
rie für eine Dissonanz zu gelten. In diesem Grundirrthume lag jene
von Kiesewetter bemerkte Prädestination der griechischen Musik:
nie zur Reife zu gelangen." Wo nun die Identität der Octave und
die antithetische Quinte gilt, und die freundliche Vermittlerin Terz
nicht zu ihrer Wirksamkeit kommen kann, da sind der Entwickelung
der Tonkunst schon im vorhinein Schranken gesetzt, über welche
sie nicht hinaus kann. 3) Als Griechenland seine Selbstständigkeit
verlor und zur römischen Provinz Achaja ward, wurde auch die
griechische Musik eine gefällige Dienerin der Herrin Roma. Die bei
Horaz und Juvenal vorkommenden Künstlernamen haben beinahe
sämmtlich griechischen Klang: Hermogenes (ein zu August s Zeiten
vielbeliebter Sänger), Glaphyrus, Echion, Ambrosius, Chrysogonus,
Hedvmeles u. s. w.*) Die ärgste Schmach aber war dass ein
Nero in dem altgeheiligten Olympia (auch als Musiker) den Wett-
kampf bestellen durfte und siegte, oder vielmehr selbst seinen bieg
proclamirte, ja sogar die Statuen früherer Preisträger umstürzen und
schmählich mit Haken fortschleppen liess, damit nur er allem m
21 Er war ein Grammatiker und gründlicher Musikkenner (Suidas sub v.
ALSvuoq) Er schrieb unter andern ein Buch über den Unterschied zwischen
den Grundsätzen der Pythagoräer und Aristoxener (Porphyrie Comment in
Harm3) ^rlSrict Srmann (die Tonleitern und Musiknoten der Griechen,
S 20) sagt: „das Nichtanerkennen der Terz als natürlich mitklingenden Inter
valles ist es "was den Alten eine grosse Hemmung in der Entwickelung der
Surik anlegte und ihnen den Gebrauch des Duraccords und somit die ganze
harmonische1 Behandlung ihrer Musik verschloss. ^J-J-JSSScfa
mag gerade diese Beschränkung sie zu desto kunstreicherer Ausbilde der
Melodie und des Rhythmus und zu grossartig wirkender Einfachheit gefuhrt
haben." n
4) Horaz, Sat. I. 9. Juvenal, Sat. b, 1U.
Die griechische Musik. 317
seiner Glorie dastehe. ') Was wäre dem Ueberinuthe des Weltbe-
herrschers auch heilig- gewesen !
II. Die astronomische Symbolik der griechischen Musik — ihre
politische und ethische Bedeutung.
Aristides Quintilianus citirt den Ausspruch eines Pvthagoräers
Panakmos: „Das Geschäft der Musik ist nicht blos, die Theile der
Stimme unter sich zu ordnen, sondern Alles, was die Natur in
ihrem Umfange begreift zu einigen und harmonisch zu gestalten."
Die wundervolle Ordnung der Erscheinungen des Sternenlaufes, die
Unveränderlichkeit der sich dabei manifestirenden Gesetze, die
Wechselwirkung der Himmelskörper auf einander, das strengge-
regelte Mass ihrer Bewegungen zusammengenommen mit dem
ästhetischen Eindruck des Anblickes des Sternenhimmels, der stillen
Erhabenheit des Auf- und Unterganges der Sterne, des leise am
Nachthimmel hinziehenden Mondes, der glorreich aus dem Meere
emporflammenden, in blendendem Glänze ihren Lauf beschreibenden
und strahlend ins Meer sich senkenden Sonne, dieses Schauspiel
voll Pracht, bei dem sich Alles nach Mass und Zahl zum harmoni-
schen Ganzen reihet und ordnet, schien den griechischen Denkern
in dem Masse und der Zahl der Töne, wie sie sich zur wohllautend
zusammenklingenden Melodie reiheten und ordneten, ein Gegenbild
zu finden.2) Selbst der bei den Griechen zur Musik so nahe ge-
stellte Tanz war ein Nachbild des Sternenreigens am Himmel. „Der
Chor der Sterne," sagt Lukian, „das Verhältniss der Planeten zu den
E ix sternen, ihre in schönem Rhythmus bewegte Gemeinschaft und
wohlgeordnete Harmonie war das Vorbild des ursprünglichen
Tanzes." 3)
In der Natur selbst, im Gebirge und am Seegestade glaubten
die Griechen Laute einer wunderbaren Naturmusik zu hören. So
1) Sueton Nero XXIII. Olympiae quoque praeter consuetudinem musicum
agona commisit — XXIV. victorem autem se ipse pronunciabat ac ne
cujus alterius hieronicarum memoria aut vestigium exstaret unquam, subverti et
unco trahi objicique in latrinas omnium statuas et imagines imperavit.
2) "Wie lebendig die Alten diese Ordnung empfanden, beweisen häufige
Stellen, so in Cicero's de natura Deorum, so in Seneca, so noch bei den
Kirchenvätern, Z.B.Augustinus, de vera relig. c. 29, Tertullianus, adversus
Marc. lib. I.
3) l H yovv yoQtlr. r<5v r.oTi'niur xal »/ TtQoq äjtkccvsTq vwv TtXavijzwv
avfiitXoxri yju svQvQ-fxoq avzäiv xoivcovla xal evzaxzoq uQfxovla zijq TtQco-
zoyövov OQ'/Jioiojs öslyfiazä torir. Lukian, ne^l 0Qyr\0Z(oq.
318 Die Musik der antiken "Welt.
sollte, wie Pausanias versichert, das Rauschen der Wogen im An-
pralle an die Küsten des ägäischen Meeres in -wundersamen Kithara-
klängen ertönen. ')
Die Lyra war, nach den Ansichten der Pythagoräer nur eine
Nachahmung des grossen, nach denselben Gesetzen musikalisch
autgebauten Weltalls.2) Diese Symbolik und Mystik wurzelte in den
älteren und ältesten Zeiten der griechischen Cultur, und knüpft sich
an den Nanien des halb oder ganz mythischen Orpheus und des,
wenn auch viel späteren, so doch noch im Nimbus eines Wunder-
thäters, Propheten und Heiligen stehenden Pythagoras. Orpheus
wird von der Ueberlieferung, Pythagoras von der glaubwürdigen Ge-
schichte als in Aegypten weilend und lernend bezeichnet. 3) Wenn
die Aegypter in ihren dreisaitigen Lyren ein Bild der drei Jahres-
zeiten fanden, so ist es gar nicht unglaublich, dass die viersaitige
Lyra ihnen etwa ein Symbol der grossen kosmischen Götter, oder,
in anderer Fassung, der vier Elemente war, die wir nach Pytha-
goras zu benennen pflegen, die aber seinerseits, wie so vieles An-
dere, mitgebrachtes Gut Aegyptens sind.4)
Nun ist es in der That merkwürdig genug, dass (nach
Bryennius) die Lyra des Orpheus vier Saiten gehabt haben soll, die
ein Symbol der vier Elemente waren. Von diesen Saiten, die man
sich aber nicht in der von Boethius angegebenen Stimmung (1 —
4 — 5 — 8), sondern offenbar in ein Tetrachord (Prim, Secund, Terz,
Quart) geordnet zu denken hätte, bedeutete die tiefste Saite (hypate)
die Erde, die nächst höhere (parypate) das Wasser, die folgende
(paranete) die Luft, die vierte und höchste (nete) das Feuer. Wie
aus der Elemente mannigfachster Mischung alle Dinge im wohl-
geordneten Weltall (y.örrfio^) hervorgehen, so gibt die mannigfache
Mischung der vier Saiten in geordneten Melodien ein Abbild dieser
Ordnung. 5)
Auch die Idee von der Harmonie der Sphären, die an den
Namen des Pythagoras geknüpft wird , ist ihrem Ursprünge nach
wohl auch in den Tempeln von Memphis, Heliopolis und Theben
zu siT eben. Die dorische Scala, nach welcher die sieben- oder neun-
saitigeLyra (das Hepta- und Enneaehord) gestimmt wurde, entsprach
nach den Ansichten der Pythagoräer den Verhältnissen der Sphären-
1) Die musikalischen Naturtöne in der Fingalshöhle sind bekannt. Olaus
versichert, man höre an den Ufern der Ostsee Töne wie schmerzliche Klage-
laute eines Menschen, was auch E. T. A. Hoffmann in seinen Serapionsbrüdern
erwähnt.
2) Quintil. I. 6.
3) Schon Herodot, II. 81, macht auf die Aehnlichkeit gewisser Orphischer
und Pythagoreischer Ansichten und Gebräuche mit ägyptischen aufmerksam.
4) Vergl. Roth. 2. Bd.
5) Nicom. S. 33 und Meibom's Anmerkungen, S. 17.
Die griechische Musik. 319
harmonie, denn „Alles hat Gott nach der Harmonie geordnet."1)
Es war ein eigentümlich grossartiger und phantasievoller Gedanke
in dem Weltall eine grosse harmonisch tönende Lyra, und in der
Lyra ein kleines Abbild des Weltalls zu erblicken. Bei aller mysti-
schen Sonderbarkeit, welche diese Anschauung für den ersten An-
blick zeigt, liegt ihr doch etwas sehr richtig Empfundenes zu
Grunde. Wenn ein neuer Philosoph (Th. Vischer) in der Musik
eine „Ahnung weltbauender Gesetze" findet, so ist es im Grunde
dasselbe, nur in anderer Fassung. Vor Pythagoras war die Lyra
siebensaitig, und die älteste astronomisch -musikalische Anschauung
soll demgemäss die sieben Planeten (der alten Astronomie) mit den
musikalischen Tönen in Verbindung gebracht haben. 2)
Eine solche Anschauung entsprach ganz den Ideen Platon's.
Der erhabene poetische Philosoph lä'sst daher in seiner Bepublik den
Sokrates im Gespräch mit Glaukon den Gedanken der Pythagoräer,
dass Astronomie und Musik Schwestern seien . durchaus billigen,
1) närra yc;o xaS- äg/iovlav vito xov Ikor xareaxeväad-at <paolv.
Plut. (de mus 44.). Er citirt diese Worte als Ausspruch des Pythagoras, Ar-
cliytas und Piaton.
2) Die Zusammenstellung der sieben Töne mit den sieben Planeten ist
in einfachster Gestalt folgende:
Mond — Mercur — Venus — Sonne — Mars — Jupiter — Saturn
e /' g u h c (l
Die Pythagoräer nahmen aber auch ein Centralfeuer an, und eine Gegenerde
(Antichthon), welche letztere bewirkt, dass wir das Centralfeuer nicht erblicken.
Nach diesen Anschauungen entstand in Zahlenproportionen, die in geometri-
scher Progression (X 3) steigen, und in Tönen, die nach dem Quintenzirkel
geordnet sind, folgendes Schema:
Centralfeuer ... 1 . eis
Antichthon ... 3 . fis
Erde 9 . h
Mond 27 . e
Mercur 81 . a
Venus 243 . d
Sonne 729 . g
Mars 2 IST . c
Jupiter 6561 . f
Saturnus 19683 . b
Boethius sagt: ..Qui enim fieri potest ut tarn velox coeli machina tacito silentique
cursu moveatur? Et si ad nosträs aures sonus ille non pervenit (quod multis fieri
de causis necesse est) non poterit lamen motus tarn velocissimus ita mag-
norum corporum nullos omnino sonos non eiere" u. s. w. So sagt auch
Cicero (Somn. Scip.) „quam ob causam summus ille coeli stellifer cursus cujus
conversio est excitatior acuto excitatur et movetur scio" , und der Commenta-
tor Macrobius (Bd. II.): „Ex ipso circumduetu orbium sonum nasci necesse est
qnia percussus aer ipso interventu ictus virn de se fragoris emittit, ipsa cogente
natura ut in sonum desinat duorum corporum violenta collisio." Gegen die
poetische Idee des Pythagoras nehmen sich diese physikalischen Erklärungs-
versuche ziemlich nüchtern aus. Ihre Unhaltbarkeit nach den heutigen An-
schauungen der Physik braucht wohl nicht erst auseinandergesetzt zu werden.
Die Alten stellten sich übrigens diese Harmonie überaus lieblich vor, so heisst
320 Die Musik der antiken Welt.
und im Timäos erscheint, wie Plutarch commentirend auseinander-
setzt, die grosse pythagoräische Zahl, nach welcher die Mischung
und Vertheilung der "Weltseele geschieht, auf die dorische Octave
bezogen.1) Im zehnten Buche seiner Republik malt Piaton das Bild
aus, wie auf jeder der acht himmlischen Sphären, die sich um die
diamantene Spindel der Göttin Notwendigkeit ^Avnyy.1]) drehen,
eine Sirene sitzt und einen Ton der Scala hören lässt, alle zusammen
aber wie eine einzige Harmonie zusammenklingen {jiiav agiiovinv
%v[xq>G>veiv). Das Alles hat übrigens ein gewisser Armenier, der im
Treffen fiel, aber am zwölften Tage auf dem Scheiterhaufen von
seinem Scheintode erwachte, als Thatsache aus dem Jenseits be-
richtet, wie Piaton ernst versichert. An Platonische Ideen über
Sphärenmusik knüpft wieder Plutarch seinerseits Speculationen und
Commentare; Claudius Ptolemäus (Harmonie. III. c. 8 — 16) führt
den Parallelismus zwischen Musik und Astronomie sehr ausführlich
durch, was ihm, als Mathematiker und Astronomen (dessen Welt-
system auch für das christliche Mittelalter eine unantastbare Autorität
blieb) besonders nahe lag. Consonanzen und Dissonanzen finden
nach seiner Ansicht ihre Analogie im Zodiacus, das Tetrachord
finden sie in den Aspecten der Sonne, die stehenden Tetra chordtöne
entsprechen den ersten Sphären des Weltalls, die Eigentümlich-
keiten der Planeten entsprechen jenen der Töne u. s. w. Der Römer
Plinius d. ä. und Censorinus messen den Bau der WTelt nach ita-
lienischen Stadien, wobei der Halbton gleich 63000 Stadien an-
genommen wird, wodurch eine sonderbare, keinem der alten Ton-
systeme entsprechende Scala entsteht. Auch Cicero in seinem
„Traum des Scipio" und der Commentator dieser Schrift Macrobius
behandeln die Gedanken über die Harmonie der Sphären mit einer
Art Pietät, Boethius beweist mit gewichtigen Gründen ihre Wirk-
lichkeit, diese Ansichten erhielten sich noch bei den christlichen
Kirchenvätern2) und im Mittelalter3) in Ansehen, und noch im
es bei Cicero (Somn. Scip.): „Quis est qui complet aures meas tantus et tarn
dulcis sonus?" Und Plinius d. ä. (II. 3) sagt: „an dulei quidern et incre-
dibili suavitate concentus nobis, qui intus agimus, juxta diebus noctibusque
tacitus labitur mundus?" Diese Sphärenharmonie scheint nickt sowohl Ac-
corde und Consonanzmischungen, als vielmehr (der antiken Harmonie gemäss)
im successiven Vortreten der einzelnen Klänge- wahre Melodien zu spielen, wo-
durch das Universum eine Art Spieluhr wird, und unsere plebejischen Dreh-
orgeln (bewegt von dem primum mobile, dem Leyermann) ein noch richtige-
res Abbild heissen dürfen.
1) In dem Traktat de proereat animae in Timaeo. XXXI. XXXII. XXXIII.
2) So bei Ambrosius (in praef. super psalmos): Ipsam quoque axem coeli
fert expressior sermo cum quadam perpetui concentus suavitate versari.
3) Anseimus (de imag. mundi I) erklärt, warum wir diese Töne nicht
hören: Septem coelorum orbes cum dulcissima harmonia volvuntur, ac sua-
vissimi concentus eorum cireuitione efficiuntur. Qui sonus ideo ad aures
nostras non pervenit, quia ultra aerem fit et eius magnitudo nostrum angustum
auditum excedit.
Die griechische Musik. 321
17. Jahrhundert hat sie Athanas Kircher1), Keppler2), neuestens D.Carl
Schmidt3) ganz ernstlich behandelt. Naturkunde, Lebens- und
Staatsweisheit, Ethik, Poesie und Musik vereinigen sich in der
älteren Epoche Griechenlands eigenthümlich zu einem seltsam ge-
mischten Ganzen, dessen Besitz den weisen Mann, den Philosophen,
den Gesetzgeber ausmacht. Die alten Weisen sind alle mehr oder
minder zugleich Naturforscher, Staatsmänner, Moralisten, Dichter
und Musiker. Athenäus versichert, man habe in jenen alten Zeiten
1) Musurgia IL Bd. 10 Buch, Decachordon naturae. Man muss diese zehn
weitläufigen Abschnitte, mit illustrirenden Zeichnungen, Berechnungen
Scalen u. s. w. abgehandelt, selbst nachlesen, um zu glauben, was alles ein
sehr gelehrter Mann zu Tage bringt, wenn er in's Schwärmen geräth. Nicht
allein die Planeten und Fixsterne musiciren, sondern auch Steine, Pflanzen,
Thiere, mit der Himmelsharmonie zusammenstimmend ; der Microcosmus (der
Mensch) im Einklänge mit dem Macrocosmus (dem Weltall) , woraus die
menschliche Musik entsteht. Der Pulsschlag der Arterien musicirt, aus den
Affecten und Leidenschaften entsteht der Symphonismus patheticus, die Ord-
nung der Staaten ist Musik, die Potenzen der menschlichen Seele sind harmo-
nisch, die 9 Chöre der Engel lassen Harmonien ertönen, und endlich tönt der
letzte Grund aller Harmonie im Einklänge Gottes mit der Natur. Wie populär
die Idee der Sphärenharmonie damals noch war, beweist die Stelle aus Sha-
kespeare's Kaufmann von Venedig (Act. V. Sc. 1):
— — Sieh, wie die Himmelsflur
Ist eingelegt mit Scheiben lichten Goldes !
Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst,
Der nicht im Schwünge wie ein Engel singt
Zum Chor der hellgeaugten Cherubim.
So voller Harmonie sind ew'ge Geister,
Nur , weil dies hinfälPge Kleid von Staub
Ihn grob umhüllt, wir können sie nicht hören."
Sehr sinnig leitet der Dichter mit dieser schönen, dem Lorenzo in den Mund
gelegten Stelle wirklich ertönende Musik ein , in welcher die Stimmung der
Sommernacht unter dem schönen Himmel Italiens gleichsam Sprache gewinnen
soll. Als nun die feine Jessica bemerkt, „liebliche Musik mache nie sie lustig'"
(gemeiner Sinn findet in Musik nur den Ausdruck der Lust und Lustigkeit),
lässt sich Lorenzo über die bezähmende Macht der Musik aus, wie selbst Thiere
„durch süsse Macht der Töne" gebändigt werden, und wie Orpheus
„Gelenkt hab' Bäume, Felsen, Fluten
Weil nichts so stöckisch, hart und voller Wuth,
Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt"
und er schliesst in wohlerwogener Steigerung mit jenem berühmten Denk-
spruch über den sittlichen Einfluss und Werth der Tonkunst:
„Der Mann, der nicht Musik hat in sich selbst,
Den nicht die Eintracht süsser Töne rührt
Taugt zu Verrath, zu Räuberei und Tücken:
Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,
Sein Trachten düster wie der Erebus,
Trau keinem solchen! — — "
Es sind antike Anschauungen, die sich im romantischen Dichter hier zum wun-
derbarsten Farbenspiele brechen.
2) In seiner Weltharmonik 1619. Näheres darüber sehe man in Bernhard
Cotta's und Julius Schaller's Briefen zu Humboldt's Kosmos, 2. Thl. S. 393.
3) Die Harmonie der Welten, S. V— IX.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 21
322 Die Musik der antiken Welt.
die Musiker geradezu „Weise," Sophisten (im guten Sinne) genannt
und citirt einen Vers des Aesehylus :
„jetzt rührt schön der Sophist die Lyra. ')"
Ein eindringlicheres Mittel konnten jene Weisen ihren Lehren frei-
lich kaum gesellen, als Musik, denn die Empfänglichkeit der Griechen
für Musik war augenscheinlich eine überaus lebhafte, eine lebhaftere
als selbst jene der neueren Italiener; mit dem wesentlichen Unter-
schiede, dass der musikalische Enthusiasmus des neueren Volkes meist
etwas Ungesundes, oft Kindisches, oft Frivoles hat2), während die
Griechen einfach, wahr und gesund empfanden. Ein passives Hin-
schmelzen vor dem Zauber der Töne würde dem Griechen mit Recht
für unsittlich gegolten haben. Einfache Melodien, gemessene Reci-
tationen vermochten sie zur Andacht, zum kriegerischen Muthe, zu
jedem Edeln und Bedeutenden mit der intensivsten Kraft anzuregen.
Der Grund dieser Empfänglichkeit lag in jener unentweiheten Mor-
genfrische der Empfindungen, in jener naiven Hingabe an jedes
Gute, Bedeutende, Höhere, in der Unverschrobenheit des Lebens
und der Lebensverhältnisse, welche uns Hellas in einem so wunder :
bar verklärenden Lichte erscheinen lassen. Die Griechen waren
nach dem Ausspruche jenes alten ägyptischen Priesters „Kinder,"
sie waren Kinder auch in dem Sinne, dass sie mit der ganzen Un-
befangenheit der Kinderseele und mit eben so richtigem natürlichen
Tact die mannigfachen Erscheinungen der Aussenwelt aufzufassen ver-
standen. Wie gross aber der Eindruck der Musik auf lebhaft empfin-
dende, zumal geistbegabte Kinder ist, kann man oft genug beobachten.
Wessen Erinnerung lebhaft genug ist, um bis in jene Morgenstunden
seines Lebens zurückzureichen, der wird es sich wohl noch ver-
gegenwärtigen können, wie einfache Volkslieder, einfache Melodien
ihn in der unbeschreiblichsten Weise und mit aller Urkraft eines
ersten mächtigen Eindruckes anregten. Aus manchen Melodien
schien alle helle Sonnenfreudigkeit des ungetrübten Daseins zu
tönen , aus irgend einer einfachen Romanze wehte ein nächtlicher
Gespensterschauer, eine andere Liedweise 'schmolz das ganze Herz
in sanfte, süssschmerzliche Rührung. Die Jahre kommen und
schwinden, das Leben führt uns durch dunkle Stunden, das stille
Paradies jener ersten Lebenszeit rückt in immer weitere Ferne, aus
der glückseligen Zeit, wo das blosse Dasein schon entzückend, jede
neue Erscheinung merkwürdig und erfreulich und nichts als Har-
1) Elz ovv aocpiaxijq aa).u TXUQanalwv yiXvv (Athen. XIV. 32.)
2) Ein berühmter neapolitanischer Arzt nannte Rossini einen „Mörder"
wegen der vielen Gehirnaffectionen, welche seine Preghiera im Mose „dal tuo
stellato soglio" veranlasst hatte. Es müssen freilich nicht allzustarke Gehirne
gewesen sein. (Ich verdanke diese Notiz einem Privatbriefe, den damals ein
guter Musiker aus Neapel schrieb.)
Die griechische Musik. 323
monie war, treten wir in jenes „Reich des Wirklichen, wo die
Dinge hart auf einander stossen. Wir hören jene alten entzücken-
den Melodien wieder, sie dünken uns jetzt recht hübsche, recht an-
sprechende Tongebilde, aber der ehemalige Zauber ist fort. Kaum
vermag es noch ein Mozart'sches Requiem, eine Beethoven'sche
Heldensymphonie, auf uns den gleich starken Eindruck zu machen,
und dieser Eindruck ist doch wieder seinem Wesen nach ein anderer,
es mischt sich Reflexion ein. Denn wir haben mittlerweile vom
Baume der Erkenntniss gegessen. Unter hundert Tonstücken, die
wir hören, ergreifen wir neun und neunzig, wir fassen sie, ver-
stehen sie, billigen sie, freuen uns auch darüber. Aber erst das
hundertste ergreift uns, und führt uns widerstandslos für so lauge
in das Reich der Ideale, bis der rohe Lärm des Alltagslebens den
Eindruck wieder übertönt und verdrängt. Das Griechenthuru ist
im Leben der Menschheit, was im Leben des Individuums die
seligen Jugendtage sind, und sehr wahr, tief und bedeutungsvoll
ist in dieser Beziehung das Wort des deutschen Philosophen : „er
würde nach dem alten Hellas Sehnsucht empfinden, wenn es dem
Menschen erlaubt wäre , sich zu sehnen." l)
Die Kunstwerke Griechenlands wirken noch jetzt mit wunder-
bar anregender Jugendfrische. Dieser Grundzug alles griechischen
Lebens muss sich nothwendig auch in der griechischen Musik ge-
äussert und der Grieche muss sie in diesem Sinne aufgefasst und
genossen haben. Die oft erwähnten Wunder der griechischen Musik
sind zum Theil nur die mythisch gefasste Hervorhebung dieser ein-
zelnen Seite griechischen Kunstsinnes, zum Theil sehr glaubwürdige
1) Ueber die Empfänglichkeit der Griechen für die Eindrücke des Poeti-
schen sagt Anselm Feuerbach (vatic. Apollo, S. 275) sehr gut: „Wir können
uns ganz gewiss die griechische Recitation nicht begeistert genug, die Empfind-
lichkeit des griechischen Hörers nicht lebhaft genug denken. Wie trägt der
Rhapsode in Piatons „Ion" den nüchternen, episch besonnenen Homer vor.
Seine Seele ist eine tvS-ovouc'C.ovou. Wenn ich etwas Rührendes vortrage,
sagt er, daxQVOJv s/xrclfiTtlarzal (xov ol ocp&uXftol. oxav öh (poßeQov r\ dsivöv,
oqS-uI cd XQlyfQ "oxavxui vnb xov ipößov. Die Zuhörer sieht er yj.alovxäq xe
xal dsivöv tjxßlziiovxuQ, scal avv9-a(xßovvxaq xolq ?.eyo,utvoic. Man lese die
Berichte der Reisenden über die Wirkung, welche Poesie und Musik bei allen
Naturvölkern ausübt. Warum sollte der Grieche bei einem Threnos des Pin-
dar kälter geblieben sein, als der kriegerische Bergschotte, wenn der Pfeifer
sein Farewell to Lochhaber anstimmt? Ein Volk, dem die Kunst Natur
ist, einfindet mit der Stärke eines Naturvolkes." Der Rhap-
sode , dem die Thränen in die Augen kommen , dem bei schrecklichen
Schilderungen die Haare zu Berge stehen; die Zuhörer, welche aufschreien
und bei dem Gehörten zusammenschaudern (wobei diese Wirkungen überdies
nicht der Neuheit des Eindruckes zuzuschreiben sind, denn den Homer kannte
wohl jeder Grieche genau), sind sicher keine Phantasiegeschöpfe Platon's, son-
dern eine treue Schilderung des täglich Vorkommenden. Die Griechen hiel-
ten den Gehörsinn für den „pathetischesten" von allen, d. i. für einen solchen,
durch welchen die Seele die lebhaftest aufregenden, am tiefsten dringenden
Eindrücke empfängt.
21*
324 Die Musik der antiken Welt.
Geschichten, die sich, einfach aufgefasst und verstanden, aus der
Empfänglichkeit der Hörer, aus der Natur der Sache erklären.
Die Lyra des Hermes versöhnt Apollon's Unmuth über den
kleinen schelmischen Rinderdieb. Die Lyra des Orpheus ist eine
Wunderthäterin , sie lockt Thiere, selbst unbelebte Gegenstände,
Eichen, Felsen heran, vor ihr stocken die zerschmetternden symple-
gadischen Felsen, ja der Herrscher des düsteren Todtenreichs,
der sich nie erbitten lässt, gibt dem flehend nahenden Sänger die
geliebte Gattin Euridyke zurück. Amphion's Lyra zieht die Steine
herbei, die sich vor den geordneten Tönen des Gesanges zur archi-
tectonischen Ordnung zusammenreihen und Theben mit jener Mauer
gürten, gegen welche später die Kriegswuth der sieben Helden ver-
gebens anstürmte, von welcher Zeus' Blitz den übermüthigen Kapa-
neus herabschleudert. Sieben Thore öffnen sich in der Mauer
Thebens, denn die Lyra Amphion's hatte sieben Saiten.
Aber neben diesen sinnvollen, die Wahrheit in hineingezogene
Dichtungen weniger verbergenden als verklärenden Mythen ist schon
die Erzählung von Thaletas blos fabelhaft scheinend, nicht wirklich
fabelhaft. Die Spartaner heisst es, beriefen, als sie (im 7. Jahrb.) von
einer Pest heimgesucht wurden, den Thaletas von Gortyn auf Kreta,
dass er durch seine Päane die Götter versöhne. Dies gelang, aber
nicht weil Thaletas ganz besonders herrliche, zauberkräftige Musik
machte, sondern weil es nach der priesterlichen Stellung der da-
maligen Sänger eine fromme, den Göttern gefällige Handlung war.
Ueber die Erzählung von der musikalischen Wunderkraft des
Pythagoras *), wie er die Wuth eines jungen Menschen, der das Haus
seiner Geliebten in Brand strecken wollte, plötzlich beruhigte, macht
Roth die sehr gute Bemerkung: dass heutzutage der plötzlich er-
tönende Choral: veni creator Spiritus, oder „o Ewigkeit, du Donner-
wort," die gleiche Wirkung haben könnte, und er bezeichnet die
Musik des Pythagoras geradezu als geistliche Musik, als geistliche
Lieder. Gegen Niedergeschlagenheit, gegen Gemüthsleiden, gegen
Gewissensbisse hatten sie ihre Gesänge; Zorn, ungeregelte Begier-
den wurden dadurch geregelt und besänftigt; ehe sich der Pytha-
goräer ztim Schlafe niederlegte, beruhigte er seine Seele durch Musik,
Morgens ermunterte er sich auf gleiche Weise vom Schlafe. Der
Pythagoräer Klinias griff zur Lyra, wenn er sich zum Zorne gereizt
fühlte , und antwortete auf Befragen : „ich besänftige mich." An
solche Thatsachen hingen sich freilich allerlei übertreibende Histör-
chen. Porphyrius und Jamblichus, die ewig mit Geistern und
Wundern zu thun haben, lassen ihren Halbgott Pythagoras mit
Musik Wunderkuren verrichten. Porphyrius sagt geradezu :
1 ) Wie die Musik bei den Pythagoräern als Teinperanzmittel gegen die
Leidenschaften diente, haben wir schon an anderer Stelle erwähnt.
Die griechische Musik. 325
xupvovTag de t« aäixocja t&EQnneve. Dämon soll tollberauschte Jünglinge
durch blosses Anstimmen der spondäischen Weise zur Besinnung
gebracht haben1), Fieber wurde durch Musik vertrieben, Wunden
wurden geheilt, Xenokrates gab Wahnsinnigen ihre Vernunft zurück
u.s.w.2). Theophrast lehrte in seinem Buche „vom Enthusiasmus"
(negl sv&ovaiao-fiov) die phiygische Tonart sei sehr dienlich, Ischias
(Hüftwehe) zu curiren 3) ; wirklich soll Menias Kranken auf diese
Art Heilung gebracht haben. Die Erzählung, dass Theon's Tochter
Hypatia einen jungen in sie verliebten Menschen durch Musik von
seiner Liebe curirt habe, findet Suidas unwahrscheinlich. Obwohl
nach Platon's Ansicht nur der Mensch für den Rhythmus und
die Harmonie Empfindung (ugfioviag xal ov&/xov aurd^pnv) besitzt4),
so traute man der Musik doch auch Wirkung auf die Thiere zu.
Pindar nennt die Delphine „flötenliebend."5) Martianus Capeila
zählt eine Menge solcher Wunderwirkungen auf: man fange Hirsche
mit Pfeifen, locke die hyperboreischen Schwäne mit Citherklang u.s.w.
Sogar die Erfahrung, dass kleine Kinder beim Gerassel der Kinder-
klapper zu schreien aufhören, zählt Martianus Capeila zu den be-
sonderen Wirkungen der Musik. Wirklich poetisch ist die bekannte
Sage vom Arion, welche aber selbst der alte brave Herodot nur
ohne für ihre Wahrheit einstehen zu wollen, erzählt.6) Als Arion
mit reichen Schätzen, die er in Italien und Sicilien durch seinen
Gesang gewonnen, auf einem Tarentiner Schiffe nach Korinth heim-
fuhr, beschlossen die Seeleute, gelockt von seinen Reiehthümern,
seinen Tod. Er sollte sich entweder, wenn er eine ordentliche Be-
stattung auf dem Lande vorzöge, auf dem Verdecke das Leben
nehmen, oder aber vom Schiffe in die See springen. Mit dem
Schmucke, wie er ihn bei musischen Wettkämpfen trug, angethan,
liess Arion nun zur Kithara den Nomos orthios ertönen und sprang
dann in 's Meer. Ein freundlicher Delphin trug ihn wohlbehalten
an's Vorgebirge Tänaron, und als er in Korinth, von dessen ihm
sehr gewogenen Herrscher Periander freundlich aufgenommen, dort
den Tarentiner Räubern unvermuthet vor Augen trat, bekannten
sie erschrocken ihre Missethat. Noch Pausanias sah am genannten
Vorgebirge das schon von Herodot erwähnte eherne Bildwerk
eines auf einem Delphin sitzenden Mannes , welches für ein Weihe-
1) Nach der Erzählung des Galenus brachte Dämon die berauschten Jüng-
linge durch die phrygische Tonart in wüthende Aufregung, und beruhigte sie
durch die dorische (de Hippocr. et Plat. dogm. IX. 5).
2) Martianus Capella de nupt. Philolog. IX.
3) Athenäus XIV. 18.
4) De leg. II.
5) Bei Plutarch de solert. anim.
6) Herodot (I. 22 u. s. w.). Er verbrämt die Geschichte einigemale mit
dem verhängnissvollen XiyovGi und citirt sie als eine Sage derKorinthier, welche
auch von den Lesbiern (Arion's Landsleuten) bestätigt werde.
326 Die Musik der antiken Welt.
geschenk Arion's an Poseidon für die gnädige Eettung galt. ') Hi-
storisch mag die Rettung des Sängers aus den Händen von See-
räubern oder einer anderen Seegefahr allerdings sein, und der
symbolische Delphin der Statue (das Sinnbild glücklicher Fahrt)
mag in späterer Zeit erst die Sage veranlasst haben 2). Dass Periander
die Kunst Arion's zu politischen Zwecken verwendete, haben wir
schon erzählt, so wie es auch Peisistratos in Athen mit Thespis
machte. Auch Kleisthenes in Sikyon machte die Musik zu einer
politischen Massregel. Um der Demokratie den Sieg zu sichern,
verbot er die Wettkämpfe und Gesänge der Ehapsoden, weil sie
mit den Gedichten Homer's u. s. w. das Leben der Könige und
Adligen priesen; statt des Heroen Adrastos musste hinfort in
Chören Dionysos, der Gott des Wein- und Obstbaues gepriesen
werden. Während heutzutage nur die Kirche die Musik nach
Bedürfniss überwacht und regelt, der Staat dagegen sie als eine
ihm völlig gleichgiltige Sache unbeachtet lässt, wurde im Alter-
thume die Kunst der Töne, welche ein Nachbild der Ordnung des
Kosmos war, auch die Hüterin der Ordnung im irdischen Kosmos,
dem Staate. Diese Auffassung der Musik, welche für Griechenland
eben so characteristisch als einzig ist, konnte aber erst aufkommen,
als die Lebensweise der alten, patriarchalischen Heroenzeit durch
den neuen Zustand der Dinge nach der dorischen Wanderung völlig
geändert und beseitigt war. Der Stammfürst, der Held, der beste
Mann seines Volkes, der als König mit dem ererbten Scepter, das Zeus
irgend einem mythischen Ahnherrn gegeben, das goldene Mykenä
oder sandige Pylos, oder das enge, arme Ithaka beherrschte, war
nach dem Bilde, das Homer von der Heroenzeit gibt, im Frieden der
Völkerhirte, im Kriege der Vorkämpfer der Untergebenen, deren Na-
men aufzubewahren kein Liederklang tönte, kein Heldenmal errichtet
wurde. Aus dieser unbesungenen , unberühmt zum Hades gehenden
Schaar konnte sich wohl ein und der andere treu anhängliche Diener
bemerkbar machen, und die Dichtung gab ihm allenfalls, wie dem
treuen Eumäos, den Beinamen eines „göttlichen Schweinehirten";
aber sie erwähnte seiner doch nur, weil er dem Heldenkönig so er-
geben war, nur von dort fiel auf den Mann einiges Licht, dass seine
Gestalt nicht gleich der seiner Genossen dem ewigen Dunkel der
Vergessenheit anheimfiel. Der Heldenkönig wollte von dem an
seinem Hofe mit Ehren aufgenommenen Aöden hören, was ihn
anzog und beschäftigte: das Lob der Götter, von denen er sich viel-
fach abhängig fühlte, die ihn auch wohl schützend leiteten oder an
den Kämpfen selbst Theil nahmen, das Lob der Heroen, denen er
sich durch Abstammung und heldenhaften Sinn verwandt fühlte, die
1) Pausan. III. 25. 5.
2) Duncker, Gesch. des Alterth. , IV. Bd. S. 22.
Die griechische Musik. 327
Erzähluno; von Abenteuern, Heldenfahrten und Heldenkämpfen,
die ihn an Begebenheiten seines eigenen Lebens erinnerten.1) Neben
diesen Sängern an den Höfen der Könige traten wohl einzelne andere
auf, die als Boten der Götter, als Stifter von Mysterien lind Culten
sich nicdit blos an die Könige, sondern an alles Volk wendeten, und
was sie zu sagen hatten, in gehobener Dichtersprache im Einklänge
des mächtig schallenden Gesangtones vortrugen. Diese Propheten2)
und "Wunderthäter, wie Orpheus, Zamolxis, Eumolpos, der spätere
Thaletas und Epimenides haben in ältester Zeit mit dem Staate,
selbst mit der Moral des Einzelnen im Grunde wenig oder nichts zu
schaffen, ihre Aufgabe und Mission ist rein theologisch. Sie wollen
vor Allem das Menschengeschlecht Ehrfurcht vor dem Göttlichen
lehren. Wie nun aber die Götter mitten unter den Mensehen auf
den Höhen des ,,vielgegipfelten Olymp" wohnten, unter den Men-
schen wandelten und ihnen so menschlich nahe waren, dass noch
Peisistratos ein schönes Weib die Rolle der Athene mit Erfolg
spielen lassen konnte, wie die Hofhaltung des Zeus mit ihren Mahl-
zeiten, Gesäugen und den Lustfahrten zu den gerechten Aethiopen
ein in grösseren Zügen gemaltes Bild der Hofhaltung Agamemnon's
zuMykenä war, und alles Tiefere, Ernstere in's Dunkel der Mysterien
gehüllt nur dem Geweiketen bekanntwurde, so musste jene Theo-
logie einen sehr menschlichen Zug haben, und von den Satzungen
des Göttlichen zu den Satzungen der bürgerlichen Ordnung war
der Schritt so weit eben nicht. Während die christlichen Hymnen
nie den Weg zu der bunten Realität der irdischen vergänglichen
Dinge, um sich damit vorsorgend zu befassen, einschlagen konnten,
sondern den der Erde entgegengestellten Himmel fest und unver-
rückt im Auge behaltend, von der Sehnsucht nach der himmlischen
Heimat, vom kommenden Gerichte, von der Ewigkeit singen, war
es natürlich, dass die griechischen halbprophetischen Sänger sehr
bald auf die weite, feste nahe Erde geriethen, und den Gesetz-
gebern zur Hand waren, als nach der dorischen Wanderung die
Menge nicht mehr von dem Hirtenstab des Königs einfach gelenkt
wurde, sondern es galt, der Adelsherrschaft der dorischen Eroberer
und Sieger, und dem Verhältniss der letzteren unter einander und
zu dem bezwungenen, unterthänigen Volke eine feste Gestalt, eine
bestimmte Norm zu geben. Diese Aufgabe beschäftigte die Dichter-
1) Sehr klar wird dieses in dem Lobe des Odysseus dem Demodokos er-
theilt (Odyss. VIII. 489—491):
Alr\v yao xuxu xoOfiov Äycuwv oixov dtideiq
Oog eogav x' ejiu&öv re, xal öoa' tuöynouv Aycuoi
iiaxe rcov tj avxog tkxqsojv, i\ ulXov uxovoccq.
2) In diesem Sinne nennt der Apostel Paulus (ad Titum I. 12.) den Epi-
menides den Propheten der Kreter Ciöioq uvxojv 7roo<p/'r?/c), und citirt dessen
Spruch :
K()rjxeq ael xpsvoxtu, xaxu ftrjpia, yaoxäotg uQyul.
328 Die Musik der antiken Welt.
Sänger auch noch, als einzelne vom Glücke Begünstigte die Allein-
herrschaft, die Tyrannis, an sich gerissen hatten. Diese Alleinherr-
schaft war keine Restauration des homerischen Königthumes. Um
sie gegen die Adeligen durchzusetzen und zu behaupten, mussten
von den neuen Herrschern demokratische Elemente in's Spiel ge-
zogen werden , das Volk war nicht mehr die blosse unterthänige
Menge, es hatte entschieden Antheil an der Neugestaltung der
Dinge genommen. Nicht bloss persönliche Bildung, persönlicher
Kunstsinn einzelner Alleinherrscher, wie des Kypseliden Periander
zu Korinth, des Peisistratos zu Athen, des Kleisthenes zu Sikyon,
Hess sie Dichter - Sänger mit Ehren aufnehmen, sondern auch poli-
tische Klugheit. Hier galt es nicht mehr, beim Mahle Götterlob und
Heldenthaten zu singen, vielmehr dem Volke den Dionysosgesang
und was sonst den Absichten des Herrschers dienen konnte , nicht
blos einrichten, sondern auch lehren und einüben. Bei anderen
Tyrannen , wie bei Polykrates auf Samos , liess die Nähe Asien's,
die Neigung zu behaglichem Genüsse, eher etwas dem alten Ver-
hältnisse Aelmliches wiedererstehen, doch nicht patriarchalisch-
einfältig, eher asiatisch- üppig. Hier konnten einzelne Dichter, wie
Anakreon, recht eigentlich durch ihr Talent glänzende Höflinge vor
dem zuhörenden Hofe werden. Wo aber, wie in Korinth, Sikyon
u. s. w. zu den Dionysoschören u. s. w. eine singende Menge nöthig
wurde, hörte die Musikübung auf, Monopol einzelner Sänger zu sein,
und wurde Gemeingut Vieler. Der Edle und Gebildete durfte bei
einer solchen Aufgabe nicht zurückstehen und niusste Musik treiben.
In der Heroenzeit ist Achill nur ausnahmsweise unter den Fürsten
der Kitharspieler und Sänger, und zwar wesentlich um als poetische,
ideale Gestalt sich aus ihnen hervorzuheben. Die Anderen haben ihre
Aöden, ihren Phemios u. s. w. und wissen Lanze und Schwert, aber
nicht die Kithara zu handhaben. Bei den geänderten Verhältnissen
wurde es eine wesentliche Sache, dass die adelige Jugend, und wo
die Adelsherrschaft die höhere Bildung nicht den Junkern vorbehielt,
auch der Bürgerssohn musische Bildung erhalte. Mit dem Sturze der
Tyrannis beginnt eine neue Epoche, und es tritt die kurze, aber herr-
liche Blütezeit jener antiken Republiken ein, von deren Verfassung
und Einrichtung das Bild des antiken Staates, wie wir es uns insgemein
vorstellen, hergenommen ist, wobei nicht übersehen werden darf, dass
Sparta trotz seiner Könige, deren es ja zwei zugleich (Avie im repu-
blikanischen Rom zwei Consuln) gab, schon deswegen kein monar-
chischer Staat, sondern im Grunde auch eine Republik war. "Was
uns also als Bild des antiken Staates vorschwebt, ist eigentlich der
Zustand der Dinge etwa zur Zeit zwischen dem Perser- und dem
peloponnesischen Kriege, und dann wieder vorzugsweise der Zustand
der Dinge in Athen und Sparta.
Wenn der antike Staat sich vom modernen wesentlich darin unter-
schied, dass der einzelne Mensch, dieses „poetische", d. h. für das
Die griechische Musik. 329
Zusammenleben im Staate geborene Wesen (wie sieb Aristoteles aus-
drückte) völlig in der Idee des Staates aufging, oder richtiger der
einzelne antike Bürger, dem, nach dem Ausdrucke eines neuern
Geschichtsschreibers, „die Zuspitzung des modernen Individualismus"
fehlte1) in seinem ganzen Denken, Fühlen und Handeln von der
Idee des Staats, dem er gehörte, durchdrungen, getragen und ge-
leitet wurde, wenn insbesondere im dorischen Staate, der sich in
Sparta in seiner Eigenthümlichkeit am schärfsten aussprach, „eine
freie Bewegung des Geistes, ein freies Streben, Forschen und Er-
kunden auf schlimme Abwege führen konnte" und „die Bildung
eine specifisch politische und praktische sein musste"2) und der
Bürger nach dem Gesetze lebte, und wenn es die Lage forderte,
„starb, weil das Gesetz es befahl": so konnte ein so wichtiges Bil-
dungsmittel, wie die Musik, nicht dem Belieben, der Phantasie,
dem Umbildungs- und Fortbildungstriebe des einzelnen Künstlers
unbedingt überlassen bleiben, sondern hatte sich dem Staatsgesetze
unterzuordnen. Für den Aegypter concentrirte sich die Staatsidee
in der Person des Statthalters der Götter, im Pharao. Bei dieser
Bienenweiselsteilung wurde Aegypten ein Bieneustaat, wo die Zellen
nach dem strengsten Kanon ein für allemal so und nicht anders ge-
baut wurden, und die Kasten der Arbeiter und Drohnen das Ihre in
streng gesetzmässiger Weise thaten. Man hat Aegypten darum oft
genug mit China zusammengestellt, und dabei nur übersehen, dass
im Aegypter eine erstaunliche Tiefe des Geistes, eine gewaltige sitt-
liche und geistige Energie lebte, während in China Alles auf die
geistlose Gemüthlicbkeit eines patriarchischen Regiments hinaus-
läuft, wo der Monarch der Grossbausvater ist, und dafür von
seinen Unterthanen keine Vaterlandsliebe, sondern nur gedanken-
lose Loyalität und feste Anhänglichkeit an das Regentenhaus
verlangt. Bei aller geistigen Tiefe musste in Aegypten die Kunst
im Stadium erhabener Strenge gleichsam erstarren , wenigstens in
strenger Gebundenheit Jahrtausende lang die ähnliche Gestalt
zeigen. Für den Griechen band sich die Staatsidee an keinen
Sohn der Götter, an keinen Pharao. Sein Staat war ihm nicht
die Person eines Regenten, nicht blos der zufällige Landstrich,
in dem er geboren, und wo diese und jene Gesetze galten, er
war ihm eine Idee, ein Höheres, ein über allen Wechselfällen
des concreten Ereignisses Schwebendes, und darum konnte der
Grieche bei aller absoluten Hingabe seiner Persönlichkeit an diese
Idee sich persönlich doch zu jener Kallokagathie, zu jenem „schön
und gut" ausbilden, darum konnte seine Kunst innerhalb des po-
litisch überwachten Gesetzmässigen ihrer Entfaltung sich aus der
strenggeschlossenen Knospe zur prangenden Blüte öffnen. Für den
1) Duncker, Gesch. des Alterth., 4. Bd., S. 235.
2) A. a. 0., S. 3S4.
330 Die Musik der antiken Welt.
Römer gestaltete sich die Staatsidee wieder zur virtus, zur krie-
gerischen Tapferkeit und kriegerischen Disciplin, deren höchster
Zweck die Macht und Herrschaft des Vaterlandes im Innern,
wie nach Aussen gegen fremde Völker und Staaten ist. Diese
Nuancen einer grossen Hauptanschauung muss man wohl unter-
scheiden, wenn man die Aeusserungen der griechischen Denker,
wie Plato und Aristoteles in Bezug auf Leben und Kunst, insbe-
sondere auch auf die sie viel beschäftigende Musik nicht missver-
stehen und die ganze so wichtige politische Bedeutung der Musik in
Griechenland nicht in schiefer und unrichtiger Beleuchtung er-
blicken will.
Die Erzählung, dass in alter Zeit Staatsgesetze in Lieder gefasst
und abgesungen worden, in Avelcher Art schon Thaletas den Lykurg
bei seiner Gesetzgebung unterstützt haben soll, hat nichts Unglaub-
liches. Es war ein recht glücklich gewähltes Gedächtnissmittel.
Aus gleichem Grunde lieben wir es noch heut, Lebensregeln, Kern-
Sprüche in Verse zu fassen. Vielleicht haben davon (wie auch Plu-
tarch meint) die Liedweisen der Griechen den Namen vöyoi „Ge-
setze" erhalten. Auch Solon bewies den Athenern singend die
Nothwendigkeit, Salamis zu erobern, und Tyrtäos sang den Spar-
tanern, „wie schön es sei, zu sterben, im Vortreffen fallend."1) Die
beiden grossen Weisen, welche Raphael in seiner Schule von Athen
als Mittelpunkt und Gipfel der übrigen um sie geschaarten Denker
Griechenlands hingestellt hat, Piaton und Aristoteles, haben über
Musik gewichtige Worte gesprochen, und vieles gesagt, was auf mo-
derne Verhältnisse übersetzt, noch heut mit der überzeugenden
Kraft der Wahrheit wirkt.
Die Musik muss, meint Piaton, gleich den anderen Künsten
dem Staatszwecke dienen. Die Ansicht, dass Musik zum Vergnügen
diene, der Seele eine angenehme Empfindung geben solle (fiovcmuii
QdoTrpu eivou tr/v rßovi]v Tai» ipv/cug nogi£ov<jav öwa^iv), ist falsch
und verwerflich. Die Musik soll Liebe zum Guten, Hass und Tadel
des Schlechten einflössen, auf dass man durch sie „schön und gut
werde" (xul ylyvoixo -/.cdü: je xaya\)6~). Nichts dringt so tief in
die Seele und haftet dort so fest, wie Rhythmus und Harmonie,
darum macht gute Musik den Hörer edel und gut, schlechte ver-
dirbt ihn. 2) Syntonische und mixolydische Harmonien sind
kläglich (ÖQ^rüdeic) , also erweichend, herabstimmend, erschlaffend,
1) Die Athener pflegten in älterer Zeit bei Trinkgelagen die Gesetze des
Charondas abzusingen (wie Hermippos in seinem Buche von den Gesetzgebern
erzählt)^ Athen. XIV. 10.
2) ~Aq' ovv, rjv 6* tya) , vj Thx.vxcav , xovxcav i'vexa xvfJiwxccxtj iv
HOVGiy.y TQOipri ozc fiaXioza xaxaövexai slqxb erzog xrjg rpv^rjg o
TZQV&fioq xal uQfxovia, xal eji^co/xevsaxaxa anxexai^ avxrjg <ptQovxu
xrjv fVG/rjfjtoGirtjV ; xal noieT svoy/j/uovcc luv zig opücüg xoatpy ; el 6h
lir\ , xorvuvxiov. (Republ. III.)
Die griechische Musik. 331
und darum selbst für Weiber nicht zweckmässig:. Lydiseke und
ionische Harmonien sind weich- üppig und eignen sich für Gelage
(liulaxal xal av/jnoTiy.al). All' dergleichen ist aber im Staate nicht zu
dulden, und wenn irgendwo üppiges Leben und Verweichlichung um
sich gegriffen hat, so ist durch Verbannung solcher Musik ein glück-
licher Anfang zur Reform gemacht. Denn so wie ein Mensch, der
unter Schlechtgesinnten lebt, wenn er ihnen irgend wie beipflichtet,
sich von ihrer Schlechtigkeit nicht wird frei halten können, so ist
es auch mit üppigen Weisen. Angehört sind sie ein schädlicher Er-
satz für sonstiges üppiges Leben. Darum sollen im Staate nur
zweierlei Harmonien angewendet werden. Entweder eine solche,
welche die Töne und das Benehmen eines tapferen Mannes nach-
ahmt, der in kriegerischer oder anderer kräftiger That begriffen ist,
der dem Tode oder Wunden ento-e°;en gehend, oder von anderem
Unglücke (av/.KfOQn) betroffen, in Allem standhaft bleibt, und seinem
Geschicke muthig widersteht. „Oder aber eine solche Harmonie,
welche den Mann glücklich und in friedlicher Beschäftigung dar-
stellt, wie er guten Bath gibt, oder sich betend an Gott wendet,
wie er andere belehrt oder durch Ueberredung gewinnt, in alle dem
verständig (x«t« rovr), massig und ohne hochmüthige Ueberhebung
vorgeht, und jeden Ausgang, sei er wie er wolle, mit Zufriedenheit
hinnimmt." Diese Gegensätze mag der Musiker ausdrücken : kräf-
tig anstrebende Energie (ßlatov) und ruhig beliebendes Handeln (ixov-
(nov) — Unglück und Glück (dvarv/opitov, tviv/ötTtov), klugen Bath (oeoep-
0oywi')und männliche That (niÖQuav). Es scheint, dass Blaton mit diesen
Gegensätzen den Unterschied der zwei noch übrigen, von ihm nicht
ausdrücklich verworfenen Tonarten: der dorischen und phrygischen
andeuten wollte. Man soll sich, meint Blaton weiter, vor Neue-
rungen hüten (/u>/ veaxEQitßiv) , zumal neue Lieder auf die Menschen
einen grossen Eindruck zu machen pflegen — und Dämon habe ganz
Becht, wenn er behauptet, dass die Einführung einer neuen Ton-
art den ganzen Staat in Gefahr zu bringen vermöge, denn nirgends
verändere man die Tonarten, ohne dass die wichtigsten Grundge-
setze des Staates mit verändert werden. J) Die beste Musik sei
nicht, welche das meiste Vergnügen mache, sondern welche den
Edelsten gefällt (ßelilarovs xal ixurwg nenaidevfj&vavQ Tsgnei). Man
müsse gar wohl überlegen, welche Rhythmen etwa Unfreiheit (üve-
Xev&eola), Uebermuth (vß^ic), Tollwuth (/.invla) oder ähnliches Böse
ausdrücken. Der Gesetzgeber habe daher geradezu anzuordnen,
dass in Rhythmus und Harmonie sich das Wesen massiger, tapferer
und gerechter Männer auspreche. Erhabene, zur Tapferkeit anre-
gende Musik passt für Männer, sittige, sanfte für Weiber. Darum
1) ELöoqyuQ xcuvbv [tovoiy.ijc pLtxaftü'/.'/.av svXaßijvsov, mg t-v o'/.w
xiydvvtiovxa , ovdctfiov yuQ xivovvrai uovoixi^ tqotioi avsv no/.iTtzwv
vö/mov tojv (xeylortov (Republ. IV.).
332 Die Musik der antiken Welt.
müssen Lieder und Rhythmen gleich den Gesetzen des Staates selber
feststehen für alle Zeit.
Instrumente mit vielen Saiten taugen nichts. Verfertiger von
Harfen (Trigonen) und ähnlichen Instrumenten sollen im Staate kein
Bürgerrecht erhalten, auch die tonreiche Flöte ist nicht zu billigen.
Es bleibt also nur Lvra und Kithara für die Stadt und die Hirtenflöte
(Syrinx) für das Land übrig. Viele Saiten sind auch auf der Kithara
nachtheilig.
Die Musik soll überhaupt durchaus den Grundsatz festhalten,
dass sie berufen sei, das Gute, Edle, Würdige nachzuahmen. Sie
besitzt die Gabe der Darstellung und Xachahmung (tiy.aaTiy.ijv ts xal
fu/jitTiy.t]v). Man muss also Musik nicht nach der blossen An-
nehmlichkeit (?j<5oj'/j) beurtheilen, sondern solche suchen, die, indem
sie das Gute nachahmt, selbst damit x^ehnlichkeit hat (ixeivrpi t>]v
t/nvaav Ti]v o/.wioTija tw toc y.iö.ov ^i^r^aii). Schlechte Musik ist ge-
fährlicher als ir»-end etwas Anderes, weil sie bei lieblichem Genüsse
schlechte Sitten lehren kann, wenn man sich daran ergötzt (>;#>;
y.ay.u (fdocfgorvfxEvog), bei jeder Xachahmung in Bild oder Ton hat man
auf Dreierlei zu sehen: erstlich was dargestellt sei, zweitens: wie
richtig (w;- oo^w-), drittens: wie gut (wr ev). Dichter können nun
gar sehr irren, wenn sie, wo Männer zu schildern sind, in Worten
und Tönen vielmehr Weiber nachahmen, oder Sclaven und Unfreie,
avi) Freie dargestellt werden sollen. Vollends bei blosser Instrumen-
talmusik (tydri y.i&aolaei re xal avlqaei) ist es, da die Worte fehlen,
überaus schwer zu erkennen, was damit gemeint sei und ob etwas
Würdiges (aZio/.oyov) damit nachgeahmt werde. Durch derlei Spiel
nur das Schnelle oder Langsame, oder die Stimmen wilder Thiere
(q.wvag dr^icodov.') nachzuahmen, Kithara oder Flöte anders als zum
Tanze oder Gesänge spielen, i>t unkünstlerisch und leere Gaukelei
(apovcria xal &av^ajovQyia) f). Der Pöbel (o/'.oS) versteht davon frei-
lich nichts und verdient mit seiner vermeinten Einsicht nur ausge-
lacht zu werden.2) Ein so wichtiges und einflussreiches Mittel muss
schon bei der Erziehung der künftigen Bürger angewendet werden.
„Gewöhne man," sagt Piaton, „diese von zartester Kindheit an
das Edle und Schöne, so werden sie von selbst eine Abneigung
gegen das Schlechte und Gemeine bekommen."
Die Grundlage der Erziehung war religiös, die Jugend sollte
Ehrfurcht vor den Göttern, und durch diese Ehrfurcht zugleich im
Leben Mässi°-un°\ Selbstbezwinsauio- lernen und durch den Gedanken
an das Göttliche, an die Landesgötter Liebe zum Vaterlande und
Hingabe der eigenen Interessen an das Wohl des Staates zum Fun-
damente der sittlichen Bildung machen. „Solche Vergegenwär-
1 ) De leg. II.
2) Beide Stellen in de legibus.
Die griechische Musik. 333
tigung des Wesens und Waltens der Götter," sagt Duneker, „be-
sassen die Griechen nur in ihrer Poesie." An dieser musste man
demnach die Jugend heranbilden. Die speciell religiöse Poesie der
Griechen bestand in Hymnen und Chorälen, welche, zum liturgi-
schen Gebrauche bestimmt, ohne die Musik den wesentlichsten Theil
ihrer Wirkung einbüssen mussten. Wenn man der Jugend diese
Hymnen und Chorlieder lehrte, musste man ihr zugleich den Ge-
sang, die musikalische Begleitung lehren. Die Griechen schrieben
zudem der Musik einen grossen Einfluss auf die Seelen der Menschen
zu. Sie waren der Meinung:, dass der Rhythmus, dass die Tonarten,
welche sich in ruhiger, gemessener Weise bewegten, die rasche
Erregbarkeit und die Leidenschaft ihres Naturells zu massigen im
Stande seien. Das Mass und die Harmonie der Töne schien ihnen
auch den Menschen Mass, Harmonie und Haltung geben zu müssen.
Sie glaubten, und ihre Erfahrung gab ihnen darin ohne Zweifel
Recht, dass die Musik die Kraft habe, die Seelen der Menschen
richtig zu stimmen. So verband sich bei den Griechen der
Unterricht in der Religion zugleich mit dem in der Poesie
und in der Musik. Sie fassten alle diese Zweige des Unter-
richts unter dem Namen der musischen Kunst, der Musik,
zusammen. „Den natürlichen Trieb der Jugend, zu lärmen und zu
springen," sagt Piaton, „muss man durch Musik, Tanz und Gymnastik
regeln, und: es ist die Aufgabe der Musik, und insbesondere der
Chorgesänge, den Seelen der Kinder edle Grundsätze einzuflössen."
Mittelst der Harmonie wird die Seele selbst harmonisch, mittelst
des Rhythmus massvoll, und der Sinn der verbundenen Worte
weckt in der Seele das Vernünftige, während Tonart und Zeitmass
das Leidenschaftliche herabstimmen. x) In der Erziehung müssen
Gymnastik und Musik einander die Wage halten, oder vielmehr
einander ergänzen, einseitiges Vorwiegen der einen oder der andern
ist schädlich. „Manche," sagt Piaton, „sind der Meinung, dass
die Gymnastik nur zur Bildung des Leibes, Musik nur zur Bildung
der Seele diene. Aber beide dienen der Seele. Denn wer nur
Gymnastik treibt und sich mit Musik nicht befasst, wird wild und
roh, wer aber allein Musik betreibt, zu weichlich und sentimental.
Um also einen tapfern und weisen Geist zu gewinnen, muss man
Gymnastik und Musik mit einander verbinden. Wer durch das Ohr
beständig süsse, weiche, klagvolle Harmonien aufnimmt, wird
freilich, wenn er harten Gemüthes ist, anfangs gleich dem Eisen er-
weicht werden, und seine Härte in erwünschter Weise mildern,
bleibt er aber zu lange dabei, so wird sein Muth dahinschmelzen,
seiner Seele werden die Sehnen herausgeschnitten werden, bei klei-
nen Verletzungen wird er jähzornig auffahren und ein schlechter
1) Republ. IV.
334 Die Musik der antiken Welt.
Krieger sein. Betreibt er aber Gymnastik ohne Musik, so wird sich
sein Körper kräftigen, er wird muthig und mannhaft werden. Aber
dafür wird seine Seele schwachmüthig, stumpfsinnig und blind sein;
wenn man sie nicht erweckt und ihre Empfindungen nicht reinigt.
Er wird nicht Ueberredung, sondern, gleich einem wilden Thiere,
Gewalt anwenden, um etwas durchzusetzen, unwissend und roh,
ohne Mässigung und Anmuth wird er leben. Desshalb sind Musik
und Gymnastik nicht für den Leib und nicht für die Seele allein,
sondern müssen verbunden und vermischt werden, damit die Gym-
nastik spannend und stärkend durch schöne Worte und Lehren, die
Musik mildernd durch Harmonie und Rhythmus wirke. 1) Im drei-
jährigen Cursus sollen die Kinder Musik in ihrer einfachen Schön-
heit auffassen und soweit als Noth ist, ausüben lernen, Virtuosen-
künste sind für sie unnütz, sogar schädlich. "Wahrhaft musikalisch
ist nur der zu nennen, der nicht nur bloss eine schöne Harmonie anzu-
schlagen, die Lyra oder sonst ein Instrument zum Spiele zu behandeln
weiss, sondern der sein Leben in Wort und That zusammenstimmt,
so recht in dorischer Weise, nicht ionisch, nicht phrygisch, nicht
lydisch, sondern in der einzigen, echten wahren hellenischen Har-
monie." 2) Der platonischen Auffassung näherte sich die Stellung,
welche die Musik in Sparta einnahm, wie denn Platon's dorisches
Staatsideal, wie er es in der Republik und den Büchern von der
Gesetzgebung aufstellt, unverkennbar, wenn auch gemildert, ge-
reinigt und veredelt die spartanischen Züge trägt ; und er selbst
ausdrücklich anerkennt : ,,dass die Verfassung von Sparta dem
wahren Staatsleben näher stehe als die Gesetze der anderen
Griechen." 3) Die Spartaner hatten einst den Kreter Thaletas aus
politischen Ursachen in's Land gerufen, er soll den Lykurg bei
seiner Gesetzgebung unterstützt haben. 4) Die Sparter dankten dem
Tyrtäos und dem Terpander beinahe die Erhaltung ihres Staates,
indem ihnen jener Muth und Begeisterung zum Kampfe gegen
die Messenier einflösste, dieser einen höchst bedenklichen inneren
Zwiespalt, bei gleichzeitiger äusserer Bedrängniss geschlichtet
haben soll. Darum war Terpander's siebensaitige Lyra für Sparta
das Normalinstrument. Zwar hatte die Einführung der lydischen
Tonart durch Polymnestos und Alkman, die Flötenmusik des Saka-
das nicht ganz unbedenklich eingewirkt, man hatte sogar von Theo-
doros von Samos auf dem Markte in Sparta jene Tonhalle, jene
1) Republ. III. Sokrates wurde wiederholt von Traumerscheinungen zum
Ueben der musischen Künste aufgefordert. S. Platon's Phädon, 4.
2) Piaton, Laches.
3) Republ. VIII.
4) Plutarch Lycurg. Da es mit der Zeitrechnung nicht zusammengeht,
so nahm man auch wohl einen altern und einen Jüngern Thaletas an. Forkel,
Gesch. d. Musik, 1. Bd.
Die griechische Musik. 335
Skias erbauen lassen, deren Bestimmung sich von der eines blossen
Concertsaales nicht sehr unterschied. J) Cheilon's kräftige Refor-
men, das durch ihn veranlasste Herbeiziehen des Kreters Epimeni-
des und die von diesem angerathenen Einrichtungen, insbesondere
die Einführung des Ephorats stützten das wankende Sparta, das hin-
fort eine gewaltige, rauhe Kraft ungebrochen bewahrte. Die Epho-
ren wachten nun auch über die Musik mit eiserner Strenge. Phry-
nis von Lesbos, der in der Zeit nach den Perserkriegen eine neun-
saitige Kitbara mitbrachte, musste sich gefallen lassen, dass ihm der
Ephor Ekprepes zwei Saiten entzweischnitt, damit sie gleich Terpan-
der's Normal-Lyra siebensaitig werde. Als nun aber Timotheos der
Milesier mit seiner eilfseitigen Kitbara angerückt kam, wurden ihm
nicht nur vier Saiten entzweigeschnitten, sondern es wurde auch
das Instrument selbst confiscirt und in der Tonhalle der Skias auf
dem Markte zum warnenden Exempel aufgehängt. Pausanias ver-
sichert, es dort gesehen zu haben.2) Daran nicht genug, die Epho-
ren motivirten diese strenge Massregel mit einem eigenen Decrete
und verbannten Timotheos aus der Stadt.3) Nach Athenäus soll
sich Timotheos aber auf eine vielsaitige Kitbara , die eine Statue des
Apollon in Händen hielt, berufen und dadurch vor Strafe bewahrt
haben. Jenes Decret der Ephoren ist, wenigstens seinem "Wort-
texte nach heutzutage einhellig als das Fabrikat irgendeines späteren
Grammatikers anerkannt. 4) Auf jeden Fall ist es charakteristisch,
1) Paus. III. 12. 10.
2) Dass die wegen ihres weichen, luxuriösen Wesens nicht eben gut ge-
heissene lydische Tonart in Sparta festen Fuss fassen konnte, erklärt sich viel-
leicht auch durch die sehr freundlichen politischen Beziehungen Sparta's zu
Lydien, insbesondere zu dessen Könige Krösos. Vergl. Herodot I. 68. 69.
3) Boethius, de mus. I. 1.
4) Recht glücklich ist aber die Nachahmung und klingt in dem altfränki-
schen spartanisch -dorischen Dialekt mit den vielen schnarrenden Schluss-R
schwerfällig und altvaterisch genug. Nach Boethius, 1. Buch und Otfried
Müller's ,,Doriern", II. S. 324, mag das Dekret hier eine Stelle finden: Ercsiös
6 Tt/io&soQ 6 yiü.rjaioQ naQyivofisvoy sv xav äfxsxsoav rcohv xav na-
'/aiccv fioav axi/naads xai xav dia xav tnxa yooöav xixuqixiv anoaxQO-
(po/xsvoQ 7to).i<foviav stQayov ?.t/naivsxai xaQ axoaQ zov vsov dia xs xuq
nohyoySian xai xaQ xaivoxaxoQ xo [*s?.soq ayevve xai noixiXav avxi
u7c7.ouq xai rsxafievaQ a(/.<pi£wixai xav fxoav svci yQO/iaxoQ oiviaxafisvoQ
xav xo ixsXsoq 6ia.ax.siav avxi yaQ svaQfiovto noxxav avxiooxQocpov a/xot-
ßav' 7taQax?.sxsig 6s xai sxxov ayova xuq EksioiviaQ AafiaxoQ aitQsxs
öisoxxeiav xav toj [xixio 6iaaxsiav xav yaQ 2s[isXaQ oöiva ovx sv6ixa
xoq veoQ 6i6axxs' 6s6oxxat «p tisqi xovxoiv xoq ßaQi).saQ xai xoq e<po-
qoq fxs^apaxxai Ti/j.o9sov , sitavayxaxai 6s xai xav sv6sxa yoQÖav sxxa-
fxsv xag nsQixxaQ vrtxa otcoq sxaaxoQ xo xaQ tcoxioq ßaQOQ oqov svXa-
ßsxai sxxav J^rcaQxav srciipsQsv xi xov fxs xaXoq sxov fis noxs zaoaxxs-
xaixksoQ ayovov. — Das war so recht „ihme zu wohlverdienter Straff und
anderen zum abscheulichen Exempel". Nicht einmal seinen Namen Hess der
„Ephoror" ungehudelt und spartanisirte ihn zum „Timotheor!"
336 Die Musik der antiken Welt.
dass Timotheos mit seinen Reformen bei den lachlustigen Athenern
von einem Lnstspieldichter verspottet, bei den schwer ernsten Spar-
tanern von Polizeiwegen mit gemessener Strafe angesehen wurde,
und am Ende gegen beide doch Eecht behielt. Die eigenthümliche,
kriegerische Richtung der Spartaner sicherte bei ihnen der Gym-
nastik den Rang vor der Musik; darum, sagt Piaton, seien die
Spartaner trotzige Musenverächter, überstrenge gegen ihre Knechte
und von einseitig auf Kosten anderer Vorzüge ausgebildeter kriege-
rischer Tapferkeit. *) Auch Aristoteles ist mit der mit zu grosser
Bevorzugung gepflegten Gymnastik nicht einverstanden, Avie denn
überhaupt in Sparta Krieg und Kriegerisches ungehöriger Weise zum
Selbstzweck gemacht werde. Aber die Spartaner rühmten doch
von sich, dass sie, wenn auch sonst keine sonderlichen Musiker,
doch Musik sehr gut zu beurtheilen wüssten, und dass sie die
Musik, als sie im Begriff war zu entarten, dreimal vor dem Unter-
gang gerettet2); was Casaubonus auf ein Einschreiten gegen die
Neuerungen des T erpander (?), des Phrynis und des Timotheos
bezieht. In den Krieg zogen die Sparter (und ihre dorischen
Verwandten, die Kreter3) beim Schalle der „Kithara". Es wurde
von den Spartanern dabei jene Kastorhymne, das Kastoreion (*«-
utÖqsiov, xuutÖqsios vofiog) angestimmt und auf das Kastoreion folgte
der Kriegsmarsch, das Embaterion, im anapästischen Masse.4)
Seit sich die Flöten in Sparta eingebürgert wurden diese zur kriege-
rischen Musik gebraucht. Die Kriegs- und Marschlieder der Tyr-
täos blieben ein werther Besitz und wurden schon den Knaben ge-
lehrt, auch lernten diese nach dem Klange der Kithara und der
Flöte im gleichen Takte marschieren, an welche Uebung sich der
Kriegstanz, die Pyrrhichc, welche Thaletas von Kreta nach Sparta
mitgebracht, anschloss. Die ganze musikalische Erziehung ging,
völlig im spartanischen Geiste, auf eine kriegerisch -patriotische
Tendenz hinaus. Auch war sie ein Prärogativ der eigentlichen
„edeln" Fraction, d. h. der eigentlichen Spartaner, während für die
Periöken keine Sorge getragen wurde, der Helot aber bei Leibes-
und Lebensstrafe sich nicht daran wagen durfte. „Das dürfen wir
nicht singen, es sind Lieder unserer Herren", antworteten gefangene
Heloten auf die Aufforderung der Athener, ein Lied von Sparta
hören zu lassen. Die Erziehungshäuser in Sparta (die ganze Stadt
1) RepubJ. VIII. und de legib.
2) Aristoteles, Polit VIII. 4. Athen XIV. 24.
3) Auch die Argiver sollen den Ersten, der mehr als sieben Saiten anwen-
dete, gestraft haben. Plut. de mus. 37.
4) Weshalb der Anapäst bei den offiziellen Aesthetikern des vorigen Sä-
culums für kriegerisch galt, und die gelehrten französischen Abbe"s an der
Ouvertüre von Gluck's Iphigenia den „Anapäst, der am besten zu Kriegsmelo-
dien taugt" zu loben fanden.
Die griechische Musik. 337
Sparta war ein grosses Erziehungshaus, bemerkt Duncker) bestanden
im Wesentlichen aus nur dreierlei Räumen, den Sälen zum Schlafen,
zu den gymnastischen und den musikalischen Uebungen. „Die
geistige Seite der Erziehung", sagt Duncker, „war in Sparta aus-
schliesslich durch die musikalische Bildung vertreten. Die Knaben
und Jünglinge lernten die Kithara gebrauchen1), sie lernten im
Chore und einzeln zu singen. Aber diese Fertigkeiten waren nur
Mittel zur Bildung der Gesinnung, nicht für sich selbst Zweck,
hie von der ( Ynsur der Ephoren geeignet befundenen Choräle in
der männlichen und gehaltenen dorischen Tonart sollten den sitt-
lichen Kern des spartanischen Lebens, Mannhaftigkeit und Disciplin,
adligen Stolz, Verschmähung feiger und knechtischer Art, den
Ernst der Zucht, den Ehrgeiz der Anstrengung in die Herzen der
Junker einpflanzen. Durch die Prosodien (Prozessionslieder), die
Päane (die Preislieder), die Hyporcheme, die Chorlieder, welche
die. Bewegungen eines tanzenden Chores begleiteten, durch die
Marschlieder des Tyrtäos und seine Kriegs- und Siegsgesänge,
welche den Knaben eingeübt wurden, sollten sie zu Frömmigkeit
und Gehorsam, zu kriegerischem, todesfreudigem Muthe, zu wil-
ligem Ausharren in Gefahr und Noth gestimmt werden. Die Bilder
des wagenden und duldenden Mutlies des Herakles, seiner endlich
zu den Göttern erhobenen Heldenkraft, die reisigen Kämpfe der
Dioskuren, waren in den Chorälen des Terpander und Alkman
gefeiert; diese Heroen standen in der Abstammung ihrer Fürsten
und Stämme, in den Altären und Heiligthümern, welche die Stadt
umgaben, den Spartanern überall vor Augen. Von solchen Vor-
bildern sollte das Gemüth der Jugend erfüllt werden, in solcher
Atmosphäre sollte sie aufwachsen."2)
Der mit den musikalischen Uebungen so enge verbundene
Tanz hatte natürlich weder mit der raffinirten Unsittlichkeit unserer
Ballete, dieses Schandflecks unserer Bildung, noch selbst mit unsern
geselligen Tänzen etwas gemein, deren Reiz für junge Leute eigent-
lich doch darin besteht, dass er ihnen eine sonst von der Sitte ver-
botene vertraute Annäherung an irgend eine anziehende Person des
andern Geschlechtes erlaubt - - der „Tanz", meint Piaton, „ist da-
durch entstanden, dass beim Singen oder Reden niemand seinen
Körper so ruhig zu halten im Stande ist, dass er nicht gesticulirt.
Der Tanz ahmt nun entweder die Bewegungen des schönen Körpers
nach dem Edlen, oder die Bewegungen des hässlichen Körpers nach
dem Gemeinen hin, nach. Jene Gattung ist die Nachahmung der
Affecte eines schönen Körpers und einer männlich gesinnten Seele
im Kriege, oder in anderen gewaltsamen Handlungen, oder aber
1) Auch die Flöte. Athenäus versichert (IV. S4), dass alle Spartaner die
Flute blasen lernten.
2) Duncker, Gesch. des Alterthunis 4. Bd. S, 390.
Ambros, Oeschichte der Musik. I. •>■>
338 Vie Musik der antiken Welt.
der Affecte eines schönen Körpers und einer weisen Seele im Glücke
und gemässigter Freude, es ist also der wahrhaft schöne Tanz,
welcher den edlen Körper und die edle Seele nachahmt."1) Bei
jenen Tänzen der spartanischen Jugend trat gegen dieses platonische
Ideal augenscheinlich die Seite der kriegerischen Gewandtheit
schärfer heraus. Bei den Kameen, dem grossen spartanischen Apol-
lonfeste, legte dann die Jugend öffentlich die Probe nicht allein
ihrer gymnastischen Uehung, sondern auch jener in Gesang und
Tanz vor den Königen und dem ganzen Volke ab, im Reigen zu
Ehren Apollon's, im Anstimmen der Chöre von Thaletas undAlkman.
Hier war es, wo auch der Chor der Greise, der Männer sang —
die Greise sangen: ..Wir waren einst tapfere Männer" - - die Männer:
„wir sind es — willst du's erfahren, so erprob' es" — die Knaben:
„Wir werden euch noch übertreffen." - Um das Jahr 500 v. Chi-,
wurde zu solchen Chorreigen ein Raum auf dem Marktplatze geebnet
und eingeschränkt.
Mit der Staatsaufsicht und Staatsleitung der Musik in Sparta
hatten die Einrichtungen der benachbarten Arkadier viele Aehnlich-
keit • nur war die Erziehung in Musik, deren Unterricht von
früher Kindheit bis zum erreichten dreissigsten Jahre dauerte, Ge-
meingut aller Arkadier und nicht blos Prärogativ einer Adelskaste.
Durch den Einfluss der Musik sollten die überstrengen Sitten und
das harte Leben, wie sie der rauhe, kalte Himmel Arkadien's her-
vorrief, gemildert werden. Daher war musikalische Bildung in Ar-
kadien so allgemein, dass es für eine grosse Schande galt nicht
singen zu können, während Mangel an anderweitiger Bildung
keineswegs schimpflich war. Die Knaben lernten Hymnen und
Päane zu Ehren der Götter und heimischen Heroen , insbesondere
aber die Nomen des Timötheos und Philoxenos. An den Dionysien
zogen sie im Theater auf und tanzten nach dem Schalle der Flöten,
wobei die Knaben die Spiele und Kämpfe (rtycorn?) der Jünglinge
nachahmten, die Jünglinge aber jene der Männer. Auch den regel-
mässigen Kriegsmarsch {i[tßctrriQiov) nach dem Klange der Flöten
lernten die Knaben. Bei Gastmahlen pflegten die Arkadier sich an
dem Wechselgesange der einzelnen Gäste zu ergötzen, statt, gleich
den übrigen Griechen, dabei allerlei Productionen («zoo«(««t«) zu
deren Unterhaltung zu veranstalten.2) Einen scharfen Abstich
gegen diese bäuerische Einfalt und Strenge bildete die Lebensweise
der Ionier, welche die kleinasiatischen Küstenstriche bewohnten,
und unter einem glücklicheren Himmel, in einer reicheren Natur
die üppigeren Sitten ihrer asiatischen Nachbarn um so leichter an-
nahmen. Sie lernten es unter andern auch von den Lydiern, bei
ihren Gastmaiden ihrem Ohr durch die Musik gemietheter Flöten-
1) De legib.
2) Athenaeus
Die griechische Musik. 339
und Kitharspielerinnen schmeicheln zu lassen. Diese rein äusser-
lichen Umstände im Gegensätze g-ea'en die altdorische Strenge und
Mannhaftigkeit scheinen der Grund zu sein, warum die Irdische und
ionische Tonart hei den Philosophen als üppig und „gastmahlgerecht"
verrufen waren, dagegen die dorische Tonart Billigung- fand. Es
waren mehr die Melodien, und vielleicht sogar mehr die Textes-
worte, als die nackte Tonart, was zu dieser Auflassung der Sache
Gelegenheit gab. Die einfache Sitte wich allgemach einer luxuriö-
seren. Plutarch hat eine eigene Abhandlung über die Gefahren
üppiger Musik geschrieben. Er erzählt ein Beispiel, wie bei einem
Gastmahle, welches Kallistratos, ein Epimeletes (Agent) der Ain-
phyktionen veranstaltete, die Gäste von der aufregenden Gewalt der
.Musik zu tollen Extravaganzen hingerissen wurden, sie sprangen
auf, klatschten in die Hände und wussten sich nicht zu massigen.1)
Dagegen aber meint Plutarch auch2), ein Philosoph, der vor einer
Flöte aus dem Speisesaale davonläuft, wenn die Kitharspielerin zu
stimmen anfängt, nach seinen Schuhen greift und den Bedienten
mit barscher Stimme die Fackel anzünden heisst, verdiene ausge-
lacht zu werden, da er eine unschuldige Unterhaltung flieht, wie
der Käfer wohlriechende Salben [wgneo oi y.uv&aooi xa. iuvqh). Denn
beim Weine seien solche Ergötztingen gewiss noch am ehesten er-
laubt.3) Ernste Männer zogen indessen ein geistvoll belebtes Gespräcl i
vor. In Platon's Symposion wird die Flötenspielerin auf den Vor-
schlag des einen Gastes, Eryximachos, weggeschickt, damit man
sich über anziehende Fragen besprechen könne. Ueberhaupt halten
die Sitten Athen's auch hier die glückliche Mitte zwischen spartani-
scher Strenge und ionischer üeppigkeit. Solon's Gesetzgebung
machte die musikalische Erziehung zu einer allgemeinen, auch für
Bürger- und Bauernsöhne, da sie. früher, wde in Sparta, ein Prä-
rogativ des Adels gewesen war. Jeder Bürger sollte seine Söhne
in der Gymnastik und Musik unterrichten lassen. Mit dem sieben-
ten Jahre wurden die Knaben in die Musiksclmlen geschickt, deren
Leiter mindestens vierzig Jahre alt sein mussten.4) Die Unterrichts-
stunden begannen mit Sonnenaufgang und endeten mit Sonnenunter-
gang. In der Musikschule des Kitharisten lernten nun die Knaben
erst ganz einfache Lieder, deren Worte ihnen der Lehrer vorsagte
und die sie ihm nachsprechen und aus dem Gedächtnisse hersagen
1) Die Abhandlung steht unter den Quiistionen, VII. Buch No. 5.
2) Ebend. Xo. 7. Der Titel ist: „ob man beim Trinken Flütenspiclerin-
licn zulassen dürfe?" sl öit TtaQtt nöroy avXrfiQiOi /yi/olhu.
3) Plutarch zitirt, de mus. 4,'i, einen Ausspruch des Aristoxenos; „man habe
die Musik bei Mahlzeiten eingeführt, weil sie, so wie der allzureichliche Ge-
nuss des Weines den Körper und den Verstand in Verwirrung setzt, durch
ihre harmonische Ordnung die entgegengesetzte Wirkung hervorzubringen
'gnet ist.
4) Aeschines, in Tim. S sqq.
22*
;>40 Die Musik der antiken Welt.
mussten. Hatten sie die Worte gut gefasst, so lernten sie auch die
zugehörige Melodie.1) Auf solche Art erhielten sie genügsame Aus-
bildungen, um in Chören mitsingen, Skolien vortragen und sie mit der
Kithara begleiten zu können. Die Beschäftisruno; mit Musik galt
als sehr nützlich und lohnend. Der Komödiendichter Eupolis meint:
„eine tiefsinnige, verwickelte Sache ist Musik. Und wer nach-
denkenden Geist hat, der findet dort immer was Xeues."2)
"Wie Piaton, ohschon Athener, sein Staatsideal der spartani-
schen Verfassung und Sitte verwandt hinstellt, und seine Ansichten
über die auf einfache Instrumente und bestimmte Tonarten zu be-
schränkende, vor Neuerungen zu bewahrende, strenge zu beauf-
sichtigende Musik im Ganzen den Grundsätzen der Ephoren ent-
sprechen (nur Alles feiner, geistiger und höher gefasst), so sind die
Aussprüche über Werth und Behandlung der Tonkunst, die sich in
der Politik des Aristoteles finden, obschon er selbst wenigstens der
Geburt nach Athen nicht angehörte, mehr in attischem Sinne ere-
dacht. In den Haupt- und Grundzügen den Ideen Platon's ver-
wandt, zeigen sie im Einzelnen weit mehr Toleranz, eine von Piaton,
der stets nur die ethische und politische Bedeutung hervorhebt,
kaum beachtete Würdigung des Schönen und Erfreulichen der Mu-
sik, ohne äussere praktische Zwecke, selbst ein bedingtes Gut-
heissen von Dingen, gegen welche Piaton die ganze Strafgewalt des
Staates in Bewegung gesetzt haben würde.
Von der bestehenden Sitte und Uebung ausgehend, knüpft auch
Aristoteles an den Unterriebt in Gymnastik und Musik an. Erstere
ist es, die dem Körper Gewandtheit, Schnellkraft, Anmuth geben
muss, neben ihr ist. für die Seele das Erziehungsmittel die Musik.
Allein Aristoteles hebt diese Verwendung der Einwirkung der
Musik, des musikalischen Eindruckes zu einem praktischen, und zwar
ganz bestimmten praktischen Zwecke (der Jugenderziehung und der
sittlichen Bildung überhaupt) keineswegs mit solcher Ausschliesslich-
keit und Schärfe hervor, wie es Piaton thut. Auch er erkennt zwar
die sittenbildende Kraft (Timdtii*) der Musik, aber er gesteht ihr auch
den Werth eines Gegenstandes geistvoller Beschäftigung (diayapj),
ja selbst eines erheiternden Spieles (nmöia) zu. Die Jugend, welche
lernen und sich die gehörige sittliche und geistige Bildung erst
1) Eines der Lieder, welches die Knaben zuerst singen und mit der
Kithara begleiten lernten, ist uns aufbehalten: „Pallas, furchtbare Zerstörerin
der Städte, du Kriegslärm erregende Göttin, hohe, feindabwehrende Tochter
lies grossen Zeus! ich rufe dich — Rossbändigerin, edelste Jungfrau!" Sahen
nun die Knaben die riesige Pallas Promach os des Phidias auf der Akropolis,
und die Herrlichkeit des Parthenon, so musste dergleichen wohl unverlösch-
bare Eindrücke fiir's Leben zurücklassen ! ■ —
2) Athen XIV. 18.
Kai unrnr/'i vcgäyfi icri ßcc&v n xal xaßTtvkov
J.'V Ti- xaivov tSFVQiGXft xi roTc i-TiivaiBlv öx'vaut'votc.
Die griechische Musik. 341
erwerben soll, ist wie natürlich auf die sittenbildende Musik ange-
wiesen. Denn die Jugend lernt nicht spielend, sondern der Unter-
richt wird nur durch Mühe gewonnen. *) Daher ist blosser Musik-
genuss, oder erheiternde Beschäftigung damit (^tayw^ij), nicht für
Knaben, sondern für die an Charakter und Bildung vollkommen
fertig dastehenden Männer (rsfoua&siaiv). Es ist ferner für Unvoll-
kommene (die Knaben) das Vollkommene noch nicht passend; daher
auch der spielende Antheil an Musik (tkuöih) nur für Männer gut-
zuheissen. An sich ist diese „Paidia" nicht nur nicht tadelhaft,
sondern zur Erholung von anstrengenden Beschäftigungen sogar not-
wendig, da sie für die Gedrücktheit, welche nach angestrengter
Arbeit zurückzubleiben pflegt, als eine Art heilkräftiger Arzenei
dient.2) Ueberhaupt ist Alles, was unschädlich ergötzt (ouu aßlaßii
jwv i)Ö£cov) zweckmässig und zur Erholung und Ruhe dienlich.
Auch die Diagage, die würdige Beschäftigung, bedarf neben dem
sittlich Guten (xaXov) auch des Angenehmen (fjdovrj), aus der Ver-
einigung beider entsteht erst das wahrhaft glückliche Leben (tÖ
svönifiovelv). Die Musik kann sowohl zum Angenehmen gerechnet
werden (da sie schon ihrer Natur nach von jedem Alter und Stande,
von Gebildeten und Ungebildeten gerne gehört wird), als wegen
ihrer sittenbildenden Kraft für ein Förderungsmittel des Guten
gelten. In ersterer Beziehung ist sie ein Mittel der Erholung
(aroatawrig), gehört sie zu den Vergnügungen (fjdsa) und hilft zur
Beschwichtigung des Kummers (navsi (iBQipvav), so gut wie z. B.
Genuss des Weines oder Schlaf, in der andern Beziehung ist sie ein
sittliches Bildungsmittel (naideia) und eine ernst-mühsame (anovöaia)
Sache.3) Zu den blossen Unterhaltungen und Vergnügungen ist durch-
aus die künstliche, prunkhafte, auf rein sinnliche Anregung und das
Erstaunen berechnete Musik bestimmt, wie man sie in Concerten von
Vistuosen zu hören bekommt.4) Das Publicum ist aber aus zweier-
lei Elementen zusammengesetzt, aus gebildeten, geistig freien Men-
schen und aus Ungebildeten, gemein Denkenden. Wie sich nun
die Seelen gemeiner Menschen dieser Art selbst nicht im naturge-
mässen, menschenwürdigen, unverschrobenen Zustande befinden,
jeder aber an solchen Dingen Wohlgefallen hat, die seiner Natur
entsprechen, so ist es in der Ordnung, dass diese Eraction des
Publicums an den Uebertriebenheiten des Virtuosenthiuns, an hand-
greiflichen Effectsachen Freude hat. Zur billigen Erholung mag
es also dienen, und mag daher erlaubt werden, dass von den eigent-
1 ) Ov yr.o naltpvGi fJiavitävovTtq fierä /.v,i>/~ yay >) [icc&ijoic. Polit.VIIL
2) Tlaiöiä yaqw avomavosatQ iazi ttjv de dvcmavoiv avayxatov r/öetav
eivai. tfjq y.n öia itöv itövotv Xvnrjg lazoela tu äon. a. a. O.
3) Polit. VIII. 4.
4) Aristoteles drückt sich völlig im Sinne jener modernen Begriffe ans,
r.yv'iv (Wettstreit), gibt hier ganz das Gegenbild zu unseren Virtuosen-
concerten.
342 Die Musik der antiken Welt.
liclien Virtuosen (Agonisten oder Techniten) Musik in Anwendung
gebracht werde, welche keinen anderen und tieferen Eindruck, als
einen ganz allgemein angenehmen hervorzubringen geeignet ist, wie
ihn auch manche Thiere, kleine Kinder und die Masse der Sehnen
bei der Musik zu empfinden pflegen. Musiker dieser Art nehmen
aber dafür auch keine andere und höhere Stellung ein, denn als
Idosse Handwerker und Miethlinge (Bnvmxjoi xai drtTe;), welche für
das Vergnügen der unverständigen Menge arbeiten. ')
Höher als das rein sinnliche Vergnügen an dem Wohlklange
der Musik steht die durch das Anhören (ij ötogln) derselben bewirkte
Katharsis, die Eeinigung, oder richtiger Entlastung, der Seele. Denn
es gibt Musik, welche, ohne blosse Unterhaltungssache zu sein,
doch nicht sowohl geistigsittliche Bildung, als Entlastung der Seele
bezweckt. Denn wie der Arzt den kranken Körper von denjenigen
Stoffen befreit, welche das Uebel veranlassen, und dadurch die Hei-
lung (jutqei'u) bewirkt, so gibt es Fälle und Seelenstimmungen, wo
die Seele, von dem einseitigen Pathos einer Leidenschaft gedrängt,
sieh nach Erleichterung sehnt, sei es, dass dieser Affect nieder-
drückend ist, wie Leid und Kummer, wo dann die Musik in klagen-
den Weisen für sie gleichsam das Wort nimmt, und im Ausströmen
der Melodie das Seelenleid zugleich mit- und ausströmt, und in der
befreiten Seele ein Gefühl des Trostes zurückbleibt; sei es, dass der
Affect ein kräftig anregender ist, wie z. B. Kampflust, wo dann die
kriegerische Musik, indem sie die Seele noch mehr anregt und gleich-
sam überfüllt, die Explodirung dieses Affectes herbeiführt und dazu
anregt, den Affect im kräftigen Handeln, in muthigem Angriff und
standhafter Abwehr zu bethätigen. Daher schliesst sich Aristoteles
der Meinung der Philosophen an, welche die Gesänge theils
pr actisch nennen, wenn sie zum Handeln, zur That anregen,
theils enthusiastisch, insofern sie eine rein gehobene, begeisterte
Stimmung im Allgemeinen hervorrufen, theils ethisch, insofern
sie eine rein sittliche, dabei ruhige Verfassung der Seele zur Folge
haben. Denn allerdings ist die Musik auch geeignet (und dies ist
ihr höchster Beruf), auf die Tugend (o^ewj) und den sittlichen
( Jharakter (to i)&o?) einzuwirken und letzteren zu bessern (ra »jö?;
ßeht'o) noitlf); ihr sittlicher Einfluss beginnt schon damit, dass sie es
lehrt, sieh in rechter Weise zu freuen (övrua&ni /aloeii' 6o&a>i). Aber
ihre Einwirkung ist auch noch eine höhere und bedeutendere. Denn
1) Welch' ein Unterschied der Auffassung gegen den Idealisten Piaton!
liier spricht der ganz nüchterne aber geistvolle , scharfsinnige Beobachter der
Wirklichkeit, der Maestro di color che sanno , wie ihn Dante nennt. Die
ganze Auseinandersetzung des Aristoteles lässt erkennen, dass in seiner
(verhältnissmässig späten) Zeit die antike Welt bereits Elemente enthielt, zu
denen die Gegenbilder in der unsern zu finden nicht schwer ist. Man kann
daher hier auch die Ausdrücke „Virtuose, Concert, Publicum" u. s. w. unbe-
denklich anwenden.
Die griechische Musik. 343
ein Ausdruck der Aehnlichkeit mit sittlichen Empfindungen (ofiolafia
roTs ij&bgiv) rindet sich bei allem durch die Sinne Wahrnehmbaren
nur im Hörbaren. Von Geschmack und Tasten kann ohnehin keine
Rede sein. Was den Augen sichtbar wird, sind eigentlich blosse
Vorstellungszeicben (ar^itlit) in Formen und ^Farben (opJ/uaT« xnl
/(jüuaia), und das geistige, sittliche Element zeigt sich nur in dem nach-
geahmten Ausdrucke der Seelenzustä'nde, wie sie sich am Körper
äussern, was allerdings auch in ein höheres Gebiet hinüberspielt,
weshalb man jungen Leuten lieber Gemälde des Polygnot als des
Pauson zeigen soll. Nun haben Melodien und Tonarten auch das
Eigene, dass sie Seelenstimmungen ausdrücken, und zwar in noch
viel entschiedenerer, wirksamerer Weise, so dass das Anhören ge-
wisser Tonarten stets und sogleich irgend eine eigentümliche
Stimmung hervorbringt. So wirkt das Mixolydische als ergreifende
Klage (oövQTutatigag) , die „nachgelassenen" (oder herabgestimmten
aviifABvai) Tonarten sind weich und schmelzend (fiotlaxcarcigac). Um-
gekehrt reisst das Phrygische zur Begeisterung empor (ivdovaumrixäg).
Die schöne Mitte zwischen diesen entgegengesetzten Richtungen be-
hauptet allein das gemessene, gehaltene Dorische (fiiaag ds xal
y.a&eGTijy.örwc). Was von den Tonarten gesagt ist, gilt auch von den
Rhythmen. Je nachdem das Gemüth des Hörers ruhiger gefasst
oder leichter beweglich ist, werden es Rhythmen im schlimmeren
oder besseren Sinne entschieden anregen. Die lebhaft aufgefasste
Darstellung eines Seelenzustandes, einer Leidenschaft ruft in dem
Auffassenden ganz entschieden einen ähnlichen Seelenzustand, eine
ähnliche Leidenschaft wach. Von den Nachahmungen solcher Zu-
stände durch Musik gilt solches um so mehr, als Harmonie und
Rhythmus schon an und für sich im Menschen etwas ihnen Ver-
wandtes antreffen1), weshalb auch einige Philosophen sagen: „die
Seele (ty"Z?/) sei Harmonie," andere: „die Seele habe Harmonie."
Aus alledem geht nun klar hervor, dass die Musik das Ver-
mögen besitzt, der Seele eine sittliche Beschaffenheit zu geben, wenn
sie aber dergleichen vermag, so folgt daraus klar, dass man die
.lugend dazu anhalten und darin ausbilden muss.2) Die jungen Leute
sollen also Musik lernen, und zwar nicht blos als Hörer Antheil
daran nehmen, sondern auch selbst singen und spielen. Denn um
1 ) Aristoteles sagt: „xal icq eoixt avyysvsla tatq aQfxovLaiq xal xolq qvQ--
[101$ iivct", ohne sich über den Gegenstand der avyysvsla näher auszulassen.
Aber dass sich diese „Verwandtschaft" nicht auf die wechselseitigen Analogien
/.wischen Rhythmen und Harmonien beziehen könne, ist klar, weil er von
dieser schon an anderer Stelle gesprochen, und weil er sogleich als Folgerung
beifügt: „die Seele habe oder sei Harmonie". Daher ist der Sinn der Rede
nur auf das rpryi] zu beziehen.
2) l]y. n)v ovv xovxiüv (pavsobv ort övvax.at nolov xo xfjq yjv%rJQ
tj&og >) fiovGixrj naQaaxeväZfiiv. ei öh xovxo övvaxcu gcoieZv , ort öifihv
KQoaaxxeov xal naiötvxiov tv avxy xovq viovq. a. a. O.
344 IJie Musik der antiken Welt.
eine Kunst auch nur beurtheilen und recht verstehen zu können,
muss man selbst darin geübt sein. Diese Uebung soll und darf nun
freilich nicht so weit gehen, dass die Jugend etwa jene Schwierig-
keiten und Künste erlerne, welche man sich nur mit vieler und aus-
schliessender Uebung eigen machen kann, und mit welcher der
artistische. Miethling (d. h. der Virtuose) die Menge in Wettkämpfen
(CYmcerten) unterhält. Die Beschäftigung mit Musik darf nicht zum
Abbruche der übrigen, nicht zum Abbruche der Thätigkeit für den
Staat in Krieg und Frieden gereichen. Der junge Staatsbürger soll
durch den musikalischen Unterricht nur lernen, das Schöne in Mein-
dien und Rhvthmen mit klarer, bewusster Einsicht zu erkennen, zu
empfinden, zu gemessen1), und auf solche Weise den wahren, sittlichen
Nutzen daraus ziehen. Daher ist es gar nicht gleichgültig, welche
Instrumente, welche Harmonien den Gegenstand des Unterrichts
bilden. Schwer zu behandelnde Instrumente, wie die Kithara, sind
nicht zweckmässig, eben so wenig sind es die üppigen Luxüs-
instrumente, oder solche, die grosse Fingerfertigkeit erheischen
[öeoueva zeinoinyr/.r,.: fnurtTjfjrjc), von denen also auch schon die Alten
nicht viel wissen wollten : die Heptagona, Trigona (Harfen), Sam-
buken, Pektis und Barbitons. (Es bleibt also nur die echt griechi-
sche Lyra übrig, und hier ist Aristoteles strenger als Piaton, der
doch auch die Kithara bullert. Wenn nur die Bezeichnunjren der
Instrumente nicht so schwankend und ungenau wären!) Die Flöten
wirken nicht ethisch, sondern orgiastisch, und mit Recht ist das früher
allgemeine Flötenblasen abbestellt worden. Nur wo es auf Erre<ruim-
von Leidenschaften (z. B. kriegerischen Muths) oder auf eine Katharsis
durch Musik mehr als auf Bildung der Seele ankommt, ist die Flöte
gut. Athene, die Weisheitsgöttin, hat ganz wohlgethan, sie weg-
zuwerfen! Die enthusiastische phrygische Tonart ist für die Flöte
wie geschaffen, und daher auch bei solchen Aufgaben ganz zweck-
mässig. Aber den Vorzug verdient die ruhige, edle mannhafte
dorische. Syntonische Tonarten regen zu sehr auf, herabgestimmte
wirken das Umgekehrte, wiewohl Sokrates auch diese für bacchisch-
trunken gehalten hat. Für die Jugend, welche das Glänzende, Auf-
fallende liebt, ist endlich auch das Lydische geeignet, denn es ist
eine brillante und doch auch solide Tonart. 3) Ob von den ZAvei
Grundelementen der Musik (der Melodie und dem Rhythmus) eines
oder das andere für Erziehung wirksamer sei, ob die melodische
oiler die eurhythmische Musik in dieser Beziehung den Vorrang ver-
1) A. a. (>.. VIII. 6. §.?. u.4.
2) Ett de ovx ronr o av?.öq tf&uedv, aX).a ur.'/j.or oQyiaozixbv
a>OT£ TtQog toiovrovg ttvzw xaiQOvq zQrjGTtov . iv oig /) &£<o()la %u&aQ-
Giv iir.'/J.ov övvcciai >i ur. (}>i<> i )'. a. a. 0.
3) Dies gibt vollkommen den Sinn der Stelle, wo Aristoteles vom xöofioq
(Schmuck, Zier) und der naidtiu (sittenbildende Kraft) des Lydischen spricht.
Die griechische Musik. '.', 15
diene, darüber (mein! Aristoteles) haben einsichtsvolle Kenner und
Henker bereits gründlich gehandelt. Auf jeden Fall muss man
den Gedanken festhalten, dass für die Erziehung der Jugend nur
ethische Melodien und ethische Harmonien passen. Eine
solche Harmonie ist aber, wie gesagt, vorzugsweise die dorische.
Soweit Aristoteles, und sieht man von den wenigen rein an-
tiken Wendungen und Zügen seiner Auseinandersetzung ab, so
spreeheu seine Ideen noch heut mit der vollen Kraft der klar ge-
schauten, klar gefassten, klar ausgesprochenen Wahrheit an. Seine
Dreitheilung der Musik, in solche die nur Ohrenschmaus ist, die das
Gemüth anspricht und labt, und welche die Seele veredelt, leidet
noch jetzt vollständig Anwendung. Den goldenen Lehren des weisen
Stagiriten ist noch jetzt Befolgung zu wünschen. Was er verlangt,
sind keine unmöglichen Ideale, sondern Dinge, die in ihrer einfachen
Natürlichkeit auch ganz einfach und natürlich verwirklicht werden
könnten, wenn Mangel an Einsicht, schlechter Wille oder Ver-
kehrtheit nicht auch diese Ideen zu unmöglichen Idealen zu machen
eifrig bemüht wären. Der grosse Doppelstern der antiken Weif
Piaton -Aristoteles leuchtet auch hier in strahlendem Glänze durch
die Jahrhunderte!
Der Neuplatonismus trug seinen Mysticismus auch in die Musik
hinein. Die alten Götter waren allgemach ausser Credit und ausser
Curs gekommen und machten den Dämonen Platz. So stellt denn
Porphyrius {de speciebus bonorum daciuoinun atquo. nialoriiin) die
Gymnastik und die Musik unter den Schutz besonderer Dämonen.
alier auch die Medizin u. s. w. Und damit auch eine widerwillige
Stimme nicht fehle, schrieb Philodemos (im 1. Jahrhundert n. Chr.)
gegen den Nutzen der Musik, man solle sich lieber um die Ange-
legenheiten des bürgerlichen Wesens kümmern, statt kindisch auf der
Kithar zu klimpern (uEigay.to'idcog adeov Kai xi-&aqiQav\ Demokritos halte
die Musik für nicht nothwendig, das beste sei Gemüthsruhe u. s. w.
III. Die Musiklehre der Griechen.
Die Griechen besassen eine fein ausgebildete Musiklehre. und
viele diesen Zweig der Kunst und Wissenschaft behandelnde
Schriften neben überaus zahlreichen Notizen, welche anderwärts
gelegenheitlich vorkommen. Diese rein theoretisirende, mathema-
tisirende, philosophische, historische, zum Theile sogar nur anekdo-
tenhafte Partie des Musiklebens in Hellas ist das, was wir von
altgriechischer Musik zweifellos wissen und besitzen. Von musi-
kalischen Kunstwerken selbst sind nur drei, aus späterer Zeit her-
34G Die Musik der antiken Welt.
rührende unbezweifelt echte Hymnen, und eine in ihrer Echtheit
wenigstens angefochtene ähnliche Composition auf unsere Tage ge-
kommen. Die Musik wurde bei den Griechen Alles und das Höchste,
was sie in der Atmosphäre der antiken Welt zu werden vermochte,
die volle Entwickelung unter anderen Bedingungen und zum Theil
auf anderer Grundlage konnte sie freilich erst in der christlichen
Welt finden.
Das Material, den Stoff der Musik bildete, nach griechischer
Anschauung, die Stimme und die körperliche Bewegung1), dass heisst
eine rhythmisch geordnete Reihe von Tönen. Die Griechen schie-
den ihre Musik (nach der von Aristides Quintilianus gegebenen Ein-
theilung) in die theoretische Musik (&eo}Q)lTixöv) und in die practische
{nqnxriYor). Die Theorie theilte sich wieder in den natürlichen und
in den künstlichen Theil. Der natürliche (qvaixöv) umfasste das
mathematische (nQi&[j,rlTix6r) und das physikalische (qiaiyoy) Gebiet der
Tonkunst, also die Behandlung der Zahlen- und der akustischen
Verhältnisse der Töne.2) Der künstliche Theil {thxviv.6v) begriff die
Lehren der Harmonik, Rhythmik und Metrik {ao^ioviy.öv, qv&^axöv,
/.ibTQixoi). Die practische Musik war theils angewandte Musik
(ZQWTlx°v)i welche sich zur theoretischen ungefähr so verhielt,
wie angewandte Mathematik zur reinen; theils ausübende Musik
(f^ayyslTiv.ov). Die angewandte Musik begriff die Lehre von der
Melodiebildung, Rhythmenbildung (^sloTioun, $v&(Aonoua) und die
Poesie (noirjaig), die Wortdichtung, welche bei der nahen, und be-
sonders in älterer Zeit fast unumgänglich nothwendig geachteten
Verbindung von Wort und Ton hier mit hereingezogen, aber nicht
als selbstständige Kunst in Ansehen gebracht, sondern nur als Theil
dem Ganzen unters;eordnet wird. Der »-anze rhythmische Theil der
practischen Musik der Griechen würde bei uns noch einen Theil der
Musiklehre, der musikalischen Theorie bilden. Die exangeltische
Musik dagegen fällt mit dem, was wir practisch ausübende Musik
nennen, wenigstens in ihren ersten zwei Haupttheilen zusammen.
Sie umfasste das Spielen'musikalischer Instrumente (oqyunxov), den Ge-
sang (wdixöv) und ausserdem die repräsentirende (dramatische u. s. w.)
Darstellung (vtioxqitiv.Öv) welche bei uns schon über das eigent-
liche musikalische Gebiet hinausliegt. Das von Friedrich Beller-
mann herausgegebene Syngramma scheidet die Musik in sechs Theile:
den harmonischen, rhythmischen, metrischen, organischen (die In-
strumente oqyava betreffenden), poetischen und hypokritischen
(darstellenden) Theil. Wenn uns von der griechischen Musiklehrc
gar nichts Anderes erhalten und gerettet wäre, als das Schema dieser
Eintheilungen , so könnten wir schon nach diesen allein auf die be-
deutende Ausbildung der Kunst schliessen. Jeder einzelne Theil war
\)''V?jj öh (Wvöixrjq (pmvri arü xivqoiQ atofiaroq. Aristid. I. -I
2) ilv toc zur <pvdixov vo ,"■•')' !c,\iv ttQi&(i7]Ti}c6v. Arist. Quin
Aristid. I. S. 7.
t.I.S.8.
Die griechische Musik. 347
wieder mit Scharfsinn und Geist in seine Details ausgearbeitet, und
das Einzelne mit einer Sorgfalt, die oft an Spitzfindigkeit streift,
durchgeführt.
Die Musiklehre im engeren Sinne hiess auch wohl „Harmonik,"
das ist: die Lehre von den Systemen und Tonarten.1) Sie theilte
sieh in sieben Hauptabschnitte: von den Klängen (neyl (pdo^av),
von den Intervallen (xsqI 8iaarrj(xoxfav) , von den Systemen (nti/i
(ivuT)jiH(T(oi), von den Geschlechtern (negl fsvoÜv), von den Tonarten
(nsyl To'i'oji'), von den Uebergängen (negl ^sraßolcÜt'), von der Melodie-
bildung (nsgl pskonoüctq). Auch diese Anordnung des Lehrstoffes
ist klar, wohlbegründet und in pädagogischer Beziehung zweck-
mässig zu nennen. Wer den Inhalt dieser sieben Lehrabschnitte
wohl gefasst hatte, durfte nach den Bedürfnissen der antiken Musik
für musikalisch vollkommen ausgebildet gelten. Die Musik aber
überhaupt definirten die Griechen als die theoretische und präetische
Kenntniss eines vollkommenen und organischen Melos, als die Kunst
des in Melodie und Rhythmus Zulässigen und Nichtzulässigen, welche
zugleich strebt, die Sitten in geordneten Stand zu bringen, oder auch:
Kenntniss des Melos und dessen was zum Melos gehört.2) Der Aus-
druck Melos ist aber weder mit unserem Begriff von Melodie noch
mit dem Ausdrucke „Gesang" gleichbedeutend, er begreift vielmehr
jede Reihe messbarer Töne, welche in ihrem Zusammenhange den
vernünftigen Sinn eines abgerundeten Tonbildes giebt, er bringt
gewissermassen eine genetische Erklärung der Musik, denn durch
das Melos, den nach dem Kunstgesetze geregelten Gesang, entsteht
eben Musik. Zum „vollkommenen Melos" (ftüos xübiov) gehörte
nach Aristides : geregelte Bewegung der Stimme und des Körpers,
gehöriges Zeitmass und die daraus gebildeten Rhythmen.3) In der
Melodie wird nur einfach die Stimme an und für sich {anla? v no'm
<i <'»>]) berücksichtigt, im Rhythmus das Mass der Bewegung der-
selben (*? ravTrjg x(V/;(T/c), in den verbundenen Worten (Asi;<-, d. i. der
Gesangtext) das Metrum. Diese zusammen bilden erst das voll-
kommene Melos. 4)
Auch Alypius nennt die Musik die enge Vereinigung der drei
Hauptbestandtheik: Harmonik, Rhythmik und Metrik5), und Piaton
1) So definirt sie Aristoxenos, S. I. Trjv itQog t<5v Gvaxtjfictxcov rt- xc.l
vovaov 9-ea>Qiav. Euklid (S. 1) erklärt: ÄQfnovtxij soxlv ü/'ir///o/ >'A«cwo>/r/.*>/
xal UQaxxixr\ r;/.- vor riQfioOߣVOV <pvo£(og. Nach Alypius ist Harmonik die
Lehre der geordneten Tonreihen (n;(>) to ^Q(/.oß(/.ivov TCQayßaxsla).
2) Movoixr\ toxlv eTtiGxi]fit] fieXovc, xal tiüv tceqI fiekog <sv[ißaivov-
ztov Aristid. Quint. S. 5. Fast wörtlich gleichlautend definirt der ä.tere Bac-
chius S. t. ELÖrjag fiiXovq n. s. w.
3) Ta 6h tcsqI fzekoq viXsiov avfißalvovxa xlvtjoig (pcavrjg n- xal
fl'iw;ri).', tri dl. ynnnti , xal ol i'x xovxcuv 6v9(/.ol, Aristides, I. S. ü.
4) A. a. 0.
5) Alypius, S. 1.
;; |8 Die Musik der antiken Welt.
sagt, das Melos bestehe aus den Worten, der Harmonie und dein
Rhythmus.1) Dieselben Bestandteile (Stimme, Harmonie, Rhyth-
mus) schreibt Piaton an anderer Stelle der Choreia zu, welche nach
seiner weiteren Erklärung eine Verbindung von Tanz und Gesang
(oq/iyrt- y.ni ojörj) ist.2)
Werden von den drei Bestandteilen der Musik (oder richtiger
des Gesanges w^»]) (Melodie, Rhythmus, Rede) nur eine, oder nur zwei
zusammengenommen, so entsteht jedesmal etwas Besonderes und
Abweichendes. Der Rhythmus im Vereine mit der Melodie ohne
mitsingende Menschenstimme ergibt sich durch das Spielen der In-
strumente (y.novuuTfx xal xaXa (ieaavhxa, Siavha) 3). Der Rhythmus mit
Worten, aber ohne Melodie bringt pantomimisch darstellende Decla-
mation [nonjfutia «er« nen'/.aauirr^ vnoy.oiaeoig ..mit plastischer Dar-
stellung") hervor. Worte und Melodie ohne Rhythmus bilden einen
frei rechnenden oder recitativischen Vortrag {xexvpsva atTfiara). Der
Rhythmus allein, ohne Worte und Melodie, ist Tanz'1), Melodie ohne
Gesang und ohne Rhythmus findet sich allein nur in den Tafeln der
Tonleitern (8t uyo u/nfi «tn), wo man blos das Verhältniss der Töne
unter einander berücksichtigt.'') Das Wort ohne Melodie und Rhyth-
mus gibt die alltägliche Sprache, welche „aussermelodisch" (bcftel^g)
ist, während der zur Musik geeignete Singeton „innermelodisch"
(f'uuE/.i'ir:) heisst.
Diese Auseinandersetzungen zeigen, dass der Begriff der Musik
bei den Griechen weniger scharf abgegrenzt war, als er es bei uns
ist. Die Musik war ja schon ihrem Namen nach die „Musenkunst"
{ßov(Tixr\) in vorzugsweiser Bedeutung, und daher was die Musen
immer geben mochten, d. i. was durch künstlerisches Mass durch
Rhythmus und Ordnung zur schönen Erscheinung geregelt erschien,
in gewissem Sinne Musik. Die Musik war die Ordnerin, welche
das „Gleiche frei und leicht und freudig bindet" und es in geregel-
tem Gange massvoller Schönheit führt und erhält: so die Planeten
in ihren Bahnen, so die körperl i che Bewegung und die Seelen-
bewegungen des Menschen. Daher ist die Musik den Griechen eine
1 ) To u'-'/.i>4 ix zqiwv ioxi ovyxslfisvov, Xoyov tt xal ao/ioviag xal oc.'>-
idir. (Piaton. Republ. III.) Ganz, dasselbe sagt mit andern Worten Plutarch, de
mus. 35, Dreierlei müsse als kleinstes Element der Musik in's Gehör fallen : der
Ton (:[ Ui'iyyoj), die Zeit (%QOVOQ) und die Sylbe oder der Buchstabe (ar/./.r:;!')
>j yodfi/ta). Aus dem ersten dieser „drei kleinsten" (xQia i)/:ytOTc.) enstehe
die Harmonie, aus dem zweiten der Rhythmus, aus dem dritten die Worte.
2) Platon. delegib. II.
3) Aristid. "2tj , Hesychius.
4 ) Nach Athenäus' (I, 36) ausdrücklicher Bemerkung war der „Tanz" nicht
blos dasjenige, was wir so nennen, sondern jede (geregelte Bewegung) und
gehobene Action des Körpers hiess so: svaTTOV yaQ 10 <> ny ;-Io tt ci t^i
vöv xiv £ lo >'/ a i xal ••' q t 9 / '1 ;■ <; /> c.t.
5) Aristides. Vergl. auch Friedr. Bellermann's Anmerkungen zum Syu-
gramma, S. 22.
Die griechische Musik. 349
Art Aether, eine Art Lebensluf't ,. Alles belebend, Alles durch-
dringend, und in ihr lebt und webt Alles. Sie darf dem Menschen
so wenig fehlen als Speise und Trank, und wem sie fehlt, der ver-
fällt in wilde Kohheir. das heisst in Masslosigkeit des Affectes und
Anmuthlosigkeit der Geberde. Es gab, wie allbekannt, keine Musen
für die Künste, welche die Materie zur schönen, bleibend dastehen-
den Gestaltung ausprägen, für Architectur, Plastik, Malerei, sondern
nur für die in zeitlicher Erscheinung unmittelbarer am und im Men-
sclien sich manifestirenden Künste: Poesie, Gesang, mimische
Darstellung, Tanz. Daher stand das Werk des Architecten, Bild-
hauers. Malers dem ganz fremd gegenüber, was die Griechen
Musik nannten, und die Beziehungen, welche unsere Philosophen
(z. B. Viseber) zwischen Musik und Malerei mit vollem Rechte und
so fein als geistvoll finden, oder, jener allbekannte Satz „Musik sei
tönende Architectur, Architectur erstarrte Musik" wäre den Griechen
ganz unverständlich gewesen. Dagegen spielten die gegenüber-
stehenden Künste (Poesie, Tanz, Mimik) bei den Griechen um desto
mehr in die Musik hinüber, und die Grenzen zwischen ihnen waren
nichts weniger als scharf gezogen. Daher kann man z. B. Arion,
Timotheos von Milet u. A. eben so richtig in eine Geschichte
griechischer Poesie als griechischer Musik einbeziehen.
IV. Ton. Intervalle. System. Klanggeschlecht.
Die Griechen unterschieden genau zwischen Geräusch (ty'oqpoc)
und Ton {(fdöyyog). Geräusch ist „jede Erschütterung der Luft,
ungebrochen für das Gehör" '), d. i. jeder Klang von nicht mess-
barer, nicht bestimmter Höhe oder Tiefe. Ton dagegen heisst
„jeder Eall der Stimme durch gleichartige Anspannung zum Gesänge
geeignet"'2), d. i. jeder also gleichartig festgehaltene Klang, dass er
eine bestimmte, messbare Höhe oder Tiefe annimmt. Diese An-
spannung hat „keine Breite"3), d. i. der Ton muss, damit er gleich-
artig bleibe, zusaimnengefasst werden, darf sich nicht gleich dem
ungebundenen Sprechtone beliebig ausbreiten. Er ist eben deswegen
einfach und untheilbar (uioi.iog) und kann deswegen als „einheit-
1) Nicomachus, I. S. T : Wotpov ia-v SiVCU ."7/.//c/r th'on^ ä&VTtTOV
ir'/nt axorjq.
2) Euklid, 8 1. <l'!hryy<>^ in v ovv S0ti tpcoviJQ xtioou efifieXijg tTtl
iiic.y täaiv. Fast wörtlich so auch hei Gauclentius 8. 3 und Bacchius, S. 2.
3) Nicomachus, I. S. 7. <l>!h'>yyov öt (<ff.iuv sivai) (patvrJQ ipifisXovq
aK).axTj tdaiv.
350 ^ie Musik der antiken Welt.
lieber Tonfall von einerlei Spannung" erklärt werden1), er ist der
„kleinste Theil der zum Gesang geeigneten Stimme.''2) Er ist also,
was unter den Zahlen die Einheit, was in der Geometrie der Punkt
{arjfmov), Avas in der Zeile der Buchstabe.3) Nur wenn die Stimme
in einerlei Spannung stehen zu bleiben scheint, heisst sie Ton und
wird geeignet, in den Gesang eingefügt zu werden.4) Gegen diese
Anschauung der jüngeren Theoretiker schrieb dagegen Lasos von
Hermione und die alte Schule der Epigonier dem Tone Breite (nlönog)
zu, was Aristoxenos ausdrücklich als Beispiel einer irrigen Meinung
anführt.5) Diese „Breite des Tones" war wohl die Empfindung einer
gewissen Körperlichkeit, Fassbarkeit des Musiktones gegenüber der
unbestimmt zerfiatternden des gewöhnlichen Sprechtones. 6) Denn
..wenn wir sprechen, scheint die Stimme nirgends stehen zu bleiben,
weshalb, wer im Sprechen auf einem einzelnen Klange verAveilt, so-
gleich in einen singenden Ton verfällt. Wir hüten uns aber beim
Reden gar sehr, dass wir im Affecte nicht in so etwas verfallen.
Wer aber singt, beobachtet gerade das Entgegengesetzte." 7) Die
Sprecbstimme ist deshalb ungetheilt {irweUfi) , die Singstimme ist
dagegen getheilt, indem sie von einem Orte (Intervall) auf den
andern übergeht (öiacnv/jcninj) und eben deswegen rational, logisch
{j.nyc/.-i)*). Zwar erhöht und senkt sich auch die Sprechstimme, aber
sie macht diese Uebergänge rasch und unmerklich, während die
Singstimme solche Spannungen deutlich wahrnehmbar (rünei^ q>avegnc)
l/tn'iT«) hören lässt. Es gibt auch einen Mittelweg, eine Mischung
von Sprach- und Singeton, man bedient sich dieser Art beim Lesen
der Gedichte (riou^iÜTav avayvaaio) , während die in ganz bestimmten
Intervallen einhergehende Stimme melodisch (/MeÄw&xij) wird.9) Die
Sprechstimme übersteigt, auch wenn sie noch so sehr steigt oder
1) A. a. O., S. 24: ^EntnTi'Joi^ tpüjvrjq tnl iiir.r tdaiv xal aitkr/v.
'!) Aristides, I. S. '.I. <P(ovr}q ififiskovg (XSQoq i'/r./ioiov.
'■\) Anonym. Syngramma, S. '2!(. Niconiachus, S. ;57. Aehnlieh Theon
von Smyrna S. TV
1) Gaudentius, S. 3.
•">) Aristoxenos, I. S. 3.
6) Die Sprechstimme bewegt sich in nicht zu „unterscheidenden Intervallen
(uÜQtGTa SiaGTt'ii-uaa), sie geht, wie Bacchius sagt, zu Fusse" (ntt,)]) und wird
nach den vielen berührten aber nicht festgehaltenen Intervallen von Gaudentius
dein Wellenschlägen (qvosi) von Ptolemäos den verschwimmenden Regenbogen-
fnrben, oder, weniger huflich, dem Ochsengebrülle und Wolfsgeheul {ßovxa-
VLGfioTq xal Xvxtov (DOvy/noTq) verglichen. Dagegen bewegt sich die Singstimme
(ia-).v>nUc oder iv(päog) durch bestimmte Intervalle (ujoto/ntra (hccoTtj/iiaza).
/) Aristox. , l. 9. Bekanntlich stellte Cajus Gracchus, wenn er eine Rede
hielt, einen Sklaven mit einer Flute hinter sich, der ihn durch einen tieferen
Flötenton mahnen musste, wenn ihn der Affect fortriss , die Stimme allzuhoch
/u heben.
8) A. a. 0.
'.)) Aristid., I. S. 7.
Die griechische Musik. 35 I
sich senkt, nicht den Umfang einer Quinte. ') Für die Singstimme
wird als Aeusserstes der Umfang zweier Octaven angenommen, wo
sie in den hohen Tönen nicht kreischend, in den tiefen nicht dumpf
und klanglos werde.2) Als tiefster hörbarer Ton gilt die tiefste
Note (Proslambanomenos) der hyperdorischen Tonart, welches nach
unserer Schrift dem grossen F entspräche, nach der Stimmung aber
vielleicht wie unser grosses Des klang.3) In solche Tiefe stieg aber
die Singstimme nie herab, man sang weder zu tief, noch auch zu
hoch, und bewegte sich am liebsten und besten im Umfang einer
einzigen Octave.4)
Es gibt unendliche Töne nach der Höhe und Tiefe zu, aber
Stimme und Ohr sind beschränkt, jene kann nur Töne von bestimmt
begrenzter Höhe oder Tiefe hervorbringen, dieses sie nur eben so
beschränkt fassen. 5) Die Stimme steigt in der Epitasis (iniraaiQ
Anspannung) von der Tiefe in die Höhe, und erreicht eine Spitze
(o|i-Tr;c) als Ziel ihres Emporsteigens, sie senkt sich in der Anesis
(«Veenc Nachlassung) aus der Höhe in die Tiefe herab, wo sie eben
so wieder auf einer gewissen Tiefe (ßrtgvTijc) als Grenzpunkt stille
steht. Diese vier Momente: Steigen, Spitze, Senkung, Tiefe,
müssen wohl unterschieden werden, und nicht blos zwei, wie
Manche irrig meinen, welche Steigen und Spitze, und eben so Senkung
und Tiefe immer nur für eins und dasselbe halten.6)
Das Verhältniss der Töne zu einander ergibt die Intervalle.
Ein Intervall {diacrrqfia) ist die Abgrenzung, der Raum, den zwei
Töne von ungleicher Spannung einnehmen7), oder der Unterschied
(ßicccpoQn) zwischen zwei nach Höhe und Tiefe verschiedenen
Tönen. 8) Die Intervalle wurden mannigfach eingctheilt : nach der
1) Dionys. Haue, (de comp. verb. XL) SittXsxrov /Ar ovv /u/.oq ivl
iitT^tiTCL öiaozijfiazi tw /.tyo/a'rw Siam-rre uig tyyiGrrc xcd ovxs tnt-
tslvsxai TtbQa tvjv tqiwv xal rjftirovlov iitl to ö^r ovrt avlsvai vov
ywolov rovtov TtXstov i'nl zo ßagv.
■1) Nicom. I. S. 20.
3) Siehe Bellermann's Commentar zum Syngramma, S. 0 u. s. w. , wo man
die scharfsinnige Beweisführung nachlesen wolle.
4) Ptolem. III. 11.
5) Aristox. LS. 13 und 14.
6) Aristoxenos, 1. S. 10. Auch Aristides (I. 8) macht diese Viertheilung;
aveoiq und iriiraaiq sind ihm, ganz richtig, Modifikationen der Spannung der
Stimme TC.Giq, die Tiefe ßaovrrjq ist dasjenige, was aus der Anesis, und um-
gekehrt die Spitze, o'§vri]q, was aus der Epitasis entsteht. Die Tasis kann
aber auch ohne Senkung oder Hebung stehen und verweilen (auf demselben
Tone verharren) xcloiq. 6h iaxi fiovrj xal axccaiq T/';q watvrjq.
7) Aristox. I. S. lö. JiäarijUf. öh i'oti. to vtco ovo </ 9-oyyoov utoiaia'-
VOV lUj VTjV CCVTTjV ir.OiV £yOVX(tiV.
8 ) Bacchius, S. 2. — Nicomachus, I. S. 24 definirt; SvoiV <f ih'tyywv (iaxaS,V-
ntq; Gaudentius, S. 4: vtco ovo (p&öyywv TtSQiSYOfiSVOV; Aristid., I. S. 13: ^e-
ys&oc, </ (ßvrjq vtco dvoivq 9-6yyct)V7i£0iey()C(fjt(ievov. Alle diese Definitionen sind,
wie man sieht, fasl gleichlautend, weil dien alle das Hechte genau treffen.
352 FMe Musik der antiken Welt.
Grösse, nach dem Geschlechte (diatonisch, chromatisch, enarmonisch),
ferner je nachdem sie Consonanzen, oder Dissonanzen, zusammenge-
setzt oder nicht zusammengesetzt, rational oder nicht rational sind.
Nach der Grösse schied man sie in grosse und kleine, je nachdem
ihre Grenzen einen weiteren oder engeren Raum einschliessen 1).
Der Ton (roroc) beträgt so viel als der Zwischenraum der Quarte und
der Quinte ausmacht.'2) Daher wird Ton dennirt, als „der Unterschied
zwischen den ersten Consonanzen nach der Grösse."3) Er galt als das
erste Intervall, durch welches die Stimme sich ausdehnt1), bbschon
er seihst wieder in die Hälfte, das Drittel und Viertel seines Raumes
eingetheilt werden konnte. Der Halbton hiess Hemitonion {v\finöviov\
der dritte Theil eines Tones hiess die „kleinste" chromatische Diesis
(piems ■/QMf.iany.i) i i.n/luTi, ) , der Viertelton hiess kleinste enarmo-
nische Diesis (Sleaig ivagpöviog tlnyluTi]) 5) oder auch kurzweg
('Harmonische Diesis.6) Bacchius bezeichnet die Diesis als „den
kleinsten Theil eines Tones, den singbar {ffifielag) zu erhöhen oder
nachzulassen die Natur gestattet." Nach ihm und Aristides ist sie
so viel als der vierte Theil eines ganzen Tones, denn die Diesis
doppelt genommen gibt den Halbton, der Halbton doppelt genommen
den Ton. 7) Ein kleineres Intervall als die Diesis vermag weder
die Stimme hervorzubringen noch das Ohr zu unterscheiden. 8) Die
Erhöhung des tiefern Tones zum höhern Halbtone geschah mit zwei
Modihcationen, welche den Namen Limma (teiftfia) und Apotome
trugen. „Denn," sagt Gaudentius, „was insgemein Hemitonium
genannt wird, ist kein genaues Hemitonium (kein ganz genauer
halber Ton), sondern heisst nur gewöhnlich Hemitonium, ist aber
eigentlich ein Limma."9)
Zur Erklärung dieses Gegenstandes (der einer der characteristi-
schesten Unterscheidungspuncte der griechischen Musik von der
unsrigen ist) wird es nöthig, auf den mathemathisch -akustischen
Theil der griechischen Tonlehre einen Blick zu werfen. Es ist eine
bekannte Erzählung, dass Pythagoras, als er zufällig an einer
1 ) Euklid. S. S.
2) Aristox. I. S. 45. Bacchius, S. 2.
3) 'Eari ih) tovoq t) Tiör Tioonioi- ovfi(p(ovo)v xaxa (if-ye&oq SicupoQU.
Aristox. S. 21. Töro^ hiess auch so viel wie Ton überhaupt (Euklid 19)
oder wie Tonart (Aristides, I. S. 22.)
4) Aristides, I. S. 15.
5) A. a. O., IL, S. 4(i.
<i) Gaudentius, S. 5.
7) Bacchius, S. 2. Aristides, T. S. 13. Mit dieser Rechnung geht das
„Limma" freilich nicht zusammen.
8) Aristox., I. S. 14 und 21.
'.)) Gaudentius, S. 15. Tb äe fjfiixöviov xakovfievov ovx i'otiv v.xqi-
ßwg tj/uToviov. A&y£Tcct ös xoiv.wq fihv m tuiT oviov, ISlmc, *'.'• keififia.
Die griechische Musik. 35Ü
Schmiedewerkstatte vorüberging, die Hämmer in verschiedenen
Tönen klingen hörte, und sogleich eintrat, um der Ursache dieses
Unterschiedes nachzuforschen. Er habe nun, lieisst es, die Ursache
in dem verschiedenen Gewichte der Hämmer gefunden. Denn der
doppelt schwere Hammer Hess gegen den einfachen die. Octave
hören, der 3 : 4 schwere die Quarte, der 2 : 3 schwere die
Quinte. ') Nun habe Pythagoras zwei Saiten von gleicher Länge
und Stärke genommen, und daran Gewichte aufgehängt, welche
der Schwere der Hämmer entsprachen. Richtig liess die mit doppel-
tem Gewicht gespannte Saite die Octave hören u. s.w.'2) Damit
sich nicht begnügend, habe Pythagoras verwandte Experimente mit
Kssigkrügen , Steinplatten u. s. w. gemacht, und überall das beob-
achtete Gesetz durch die gleichen Erscheinungen bestätigt gefunden.
Nun habe er einen Kanon, d. h. ein genaues Richtmass genommen
und darüber gespannt. Die halbirte Saite tönte die Octave, das
Verhältniss von drei zu vier gab die Quarte, jenes von zwei zu drei
die Quinte. Innerhalb der Octave, erklärte nun Pythagoras, müsse
alle Erkenntniss der Musik (fjovar/.r,~ inip>amq) gesucht werden,
und man dürfe die Tonverhältnisse nicht nach dem Gehöre («*o?;),
nicht nach dem Sinneneindrucke {(uodrpu) prüfen und beurtheilen,
sondern nach der Schärfe des Verstandes (voüc)3), d. h. auf mathe-
matischem "Wege. Der Kanon, oder das Monochord, wurde der
wissenschaftliche Apparat, an den sich eine Welt voll Arbeit und
Wissenschaft knüpfte, Noch sterbend empfahl es Pythagoras seinen
Schülern. Von Euklid ist eine „Theilung des Kanons" (xaraTOfiij
xavovo?) erhalten, welche 20 Sätze (Theoremen) enthält.
Nach den Rationen ergab sich für den grossen ganzen Ton (rovog,
die höhere Spannunng von leiva) das Verhältniss von 8/9; da es (dein
Kl. Theorem des Euklid) unmöglich war, den ganzen Ton in zwei
1) Die Schmiedehammer des Pythagoras sind mit Recht in's Fabelbuch
geschrieben worden, denn es ist ja nicht der Hammer, der beim Anschlagen
klingt, sondern der Ambos, und folglich das verschiedene Gewicht der Häm-
mer für die Höhe des erklingenden Tones ganz gleichgültig. Ebenso ist die
Geschichte mit den an Saiten gehängten Gewichten, wie schon Galileo Galilei
bemerkte, ein Märchen. Denn es verhalten sich (nach Muschenbroek) die gleich-
zeitigen Schwingungszahlen wie die Quadratwurzeln der angehängten Ge-
wichte, so dass zur Octave eine Belastung 1 : 4 gehört. S. Forkel, Gesch.
d. Musik, 1. B. S. 32(1.
2) Gaudentius, S. 13. Nicomachus, S. 10. Letzterer Autor spricht von
vier Saiten, die mit Gewichten im Verhältnisse von ß. S, 9, 12 gespannt
wurden. Die äussern Saiten tönten die Octave, die mittlem die Quarte und
Quinte. Auch ein gewisser Diokles, von dem Suidas Erwähnung thut, soll
eine ähnliche Entdeckung gemacht haben, da er an einer Töpferwerkstätte vor-
überging, wo der Töpfer eben Töpfe anschlug.
3) Plutarch de mus. 37.
Ainbros, Geschichte ilcr Musik. I. 23
354 Die Musik der antiken Welt.
gleiche Tlieile zu theilen, so geschah nun die Theilung in fol-
gender Art :
Apotome = 2048 : 2187
Limma = 243 : 256. Komma = 524288 : 531441.
P
P*- jfcs
Apotome = 2i>48 : 2187. Limma = 243 : 256.
Ganzton.
In der diatonischen Skala kommen zwei Limma, nämlich zwei Halb-
tonschritte vor. In der Chromatik bildet z. B. in der lydischen
Tonart der Schritt von e nach fis-) einen Ganzton, da aber da-
zwischen der Limmaschritt e nach f liegt, so bildet /' zu f'i.s folge-
richtig den Ueberrest, d. i. Apotomeschritt. Das Limma ist kleiner
als der wahre Halbton, und steht nach den Rationen der Pytkagoräer
im Verhaltniss 243 : 256. Der Rest von da bis zum folgenden Halb-
tone heisst Apotome (Abschnitt) und steht im Verhältnisse von
2048 : 2187. Die Differenz zwischen Limma und Apotome aber,
die im Verhältnisse von 524288 : 531441 steht, beisst Komma (xo/upa,
Abschnitt). Die Verhältnisse unserer Scala sind im Vergleiche zur
antiken folgende (wobei die höheren Ziffern die antike, die darunter
gesetzten die moderne Berechnung versinnlicben ; ferner die Ziffern
unter den Noten das Verhaltniss, in dem zum Grundtone jeder
folgende Ton steht, ausdrücken, dagegen die Ziffern oberhalb der
Note das Verhaltniss jedes Tones zum vorhergehenden tiefern).
Verhaltniss l ...
z. früheren a
ITone. ineu:
Prime.
gr
.See.
.10
gr.Terz.
Quarte.
8/9
Quinte.
9/l0
gr. Sexte.
gr. Sept.
™lase
,ü;i6
Oct.
O
— G> —
" S>
Verhältniss \ .. .
zum Grund- ^"„ t
ton. /neu: 1
5»
8;9
*
3/4
3/4
o'3
2/3
1G/-27
35
815
'S
Die Abweichungen bei Berechnung der Terz (und ihrer Verwandten,
der Sexte) fallen von selbst auf. Die weitere Folge ist, dass sich
1) Die ungleiche Theilung des Tones wird bei Boethius durch folgende
Berechnung anschaulich gemacht: das Verhaltniss des ganzen Tones ist 8 : 9,
zwischen welche Zahlen keine natürliche Mittelzahl fällt. Nimmt man sie um's
Doppelte höher, 16 : 18, was wieder das Verhaltniss des Ganztones gibt, so
ist 17 ihre natürliche, aber sie nicht gleichmässig abtheilende Mittelzahl.
Denn 17 zu 16 verglichen hat letztere Zahl ganz in sich, und überdies ihren
sechzehnten Theil (d. i. eins). Vergleicht man dagegen IS zu 17, so hat
erstere Zahl die andere ganz in sich und überdies deren siebenzehnten Theil.
Nun ist aber Vi6 grösser als Vit» folglich die Theilung ungleichmassig. Mehr
darüber im Anhange.
2) Oder, wie man nach griechischer Terminologie sagen müsste, „von Hy-
pate hypaton zu Lichanos hypaton." Das Nähere darüber weiterhin.
Die griechische Musik.
355
das Verhältnis« des Halbtonschrittes (des Limma) von e zu f nach
antiker Berechnung wie 243/256j uach neuer wie 15/i6 ergibt. Eben
so der Halbtonschritt von // zu r. Sonach ist nun z. B. in der Scala
von G-dur der Schritt von fis zu g (das Limma) nach antiker "Weise
kleiner, nach der natürlichen grösser als der Schritt von f zu fis.
Eben so ist in Dcs-äuv der Limmaschritt von /' zu ges nach antiker
Weise kleiner, nach der natürlichen grösser, als der Schritt von
ges zu g. Daher ergibt sich rücksichtlich der Halbtöne gerade das
Umgekehrte
Apotome. Limma.
Limma. Apotome.
Antik:
grosser
kleiner
kleiner
9*
-&>-
fcz
grosser
i
Natürlich :
kleiner
grosser
grosser
kleiner.
Scala von G-dur.
Scala von Des-dur.
Wir sehen das fis als Erhöhung von fi das ges als Erniedrigung von
g an, bei uns steht ges dem g näher als dem f, und fis dem f näher
t) Zu mehrerer Deutlichkeit diene die Vergleichende Zusammenstellung
der antiken, der temperirten und der natürlichen Scala (Bellermann,
Toni. d. Gr., S. 20). Die Tactstriche bedeuten den Puukt der Temperirung.
1,0000 0,8889 0,7901 0,7500 0,GG67 0,5926 0,5268 0,5000
i
Antik.
Temperirt.
Natürlich.
**=£
3
^r±
:=±
0,5926
:|=
(9 /9
1,0000 0,8909 0,7937
- '3 .
0,7592 0,6674
0,5946
~1—
0,5297 0,5000
J=EE1£
I
1,0000 0,8889 0,8000
0,7500 0,6667 0,6000 0,5333
0,5000
3=
t=-
%
10
716
Octave.
,5ll6 % 9/lO %
gr. See. gr. Terz. Quart. Quint. gr. Sext. Sept.
Genau trifft in allen drei Scalen nur die Octave zusammen, Secunde, Quarte
und Quinte sind in der natürlichen und der antiken gleich. Die Terz, Sext
und Septime sind in der natürlichen Scala tiefer, in der antiken höher als in
der temperirten. Die temperirte Secunde und Quinte sind tiefer, die tempe-
rirte Quarte ist hüher als die natürliche und antike. Bellermann bemerkt dazu :
„Das wesentlich von unserer Scala sich Unterscheidende ist also hier das gänz-
liche Ausserachtlassen und Nichtkennen der Terz; und man muss gestehen,
dass die Alten, denen die Natur so gut wie uns die natürliche diatonische
Scala erklingen Hess, ihre wahre Bedeutung und ihren Ursprung nicht richtig
verstanden haben. Denn mag auch die Ableitung des a als dritter Quinte von
c aus nicht auffallen und bei einer harmonischen Begleitung der Scala durch
darüber angebrachtes Dur oder Moll sich rechtfertigen lassen, so ist doch jeden-
falls das Verkennen der Töne e und li als Terzen des Grund- und Dominan-
tenaecordes und ihrer Ableitung aus der vierten und fünften Quinte von c aus
durchaus wider die Natur."
23*
356 I^' Musik der antiken Welt.
als dem g. Die Griechen kannten nicht die Erniedrigung eines
Tones in unserem Sinne, sondern nur Limma und Apotome, beide
auf denselben tieferen Ton bezogen. Selbst in der Tonleiter, die
wir a-moll nennen würden, sind die Töne r und /' Limmas von
// und e.
Aristoxenos sagte sich von den Pythagoräischen Rationen los,
und tbeilte die Octave in 12 gleiche Halbtöne. Er wurde dadurch
der Vater der sogenannten temperirten Stimmung, wo fis und ges,
eis und dt'.s u. s. w. auf einen mittlem Punct zusammenfallen, und
eben deswegen keines mathematisch ganz genau ist. Aristoxenos
(nachdem er die Quarte als aus zwei Tönen und einem halben Tone
bestellend ansehen gelehrt) sagt nun: „es sei e — a die Quarte, nun
nehme man die Terz a — /'und e — gis, dann die Quarten /' — b und
gis — dis, so wirst du hören, dass das dis gegen das b eine Quinte
bildet:"')
Es ist also dis vollständig an die Stelle des es getreten, folglich die
temperirte Stimmung erzielt. -) G-audentius nennt die Tonzeichen
z. B. für dis und es gleich hoch (oliÖtotci), bei denen „es keinen
Unterschied macht, welche davon man zur Notirung anwendet."
Denn das Notenzeichen, welches z. B. in der phrygischen Tonart
diatonischen Geschlechtes auf den Ton es fällt, wird im enarrno-
nischen Geschlechte für denselben Ton es durch das Notenzeichen
für dis ersetzt. Hier ist also seihst eine Art enharmonischer Ver-
wechslung eingetreten.
Der ganze Ton (roro?) wird in einen grossen und kleinen unter-
schieden. Das Verdienst, diesen Unterschied zwischen dem grossen
Ganztone (8/g) und dem kleinen Ganztone (9/io) gefunden zu haben,
gebührt wieder dem Alexandriner Didymus. 3J Intervalle, welche
1 ) Aristoxenos, S. 56, 57. Um mehrerer Deutlichkeit willen sind hier die
Töne mit den uns geläufigen Namen genannt.
2) Friedr. Bellermann (Tonleitern d. Gr., S. 20.) sagt darüber: „Dass die
Alten sich bei Ausübung ihrer Musik der Temperatur bedient und ihre Instru-
mente darnach gestimmt haben, und nicht zweierlei Saiten oder bei den Blas-
instrumenten zweierlei Löcher für den Unterschied von fis und ges u. dgl. ge-
braucht haben, kann allein schon wegen der Schwierigkeit jene feinen Unter-
schiede für's Ohr darzustellen nicht wohl anders sein."
3) Das Verh'altniss der Durscala ist nach dieser Unterscheidung folgendes:
ST. Ton. kl. Ton. gr. Halbt. gr. T. kl. T. gr. T. gr. Halbton.
,. — ff — f, — j- — (j — ,, — /, — ,.
Der kleine Ganzton unterliegt, bei ausgeglichener Stimmung, nie der Tempe-
rirung. Den sehr fühlbaren Unterschied zwischen grossem und kleinem Ganzton
durch ein Monochord mit vier Saiten (die Contradictio in termino mag hin-
geben, man spricht in ähnlichem Sinne von silbernen Hufeisen und Jean
Die griechische Musik. 357
eine Berechnung zulassen, heissen rational (gr/za), im entgegengesetzten
Falle irrational («Ao/«).1) Diese Eintheilung ist höchst schwankend,
mau könnte beinahe eben so gut sagen, die Musik werde eingetheilt
in richtig ausgeführte und falsche. Tonos, Hemitonion, Ditonos,
Tritonos und ähnliche, deren Grösse sich ausdrücken lässt, sind
rational, die aber diese Grössen in Grösseres oder Kleineres in nicht
tasslicher Weise (tdöyoj ml ftsjrs&et) verändern sind irrational. '-)
Die Intervalle sind ferner grössere oder kleinere. Die grösseren
heissen :
Diatessaron die reine Quart,
Tritonos die übermässige Quarte oder
kleine Quinte,
Diapente die reine Quinte,
Tetratonos die kleine Sexte,
Hexachordon die grosse Sexte,
Pentatonos , die kleine Septime (4 ganze und
2 halbe also zusammen 5 ganze
Töne enthaltend),
Heptachordon grosse Septime,
Diapason Octave (5ia und ji«? „das Ganze
umfassend") ,
Diapason und (xa*) Diatessaron . Octave und Quarte (Undecime),
Diapason und Diapente . . . Octave und Quinte (Duodecime) ,
Disdiapason zweite Octave,
Trisdiapason dritte Octave (wurde jedoch nie
angewendet). 3)
Die kleinern Intervalle sind:
Diesis (enarmonisch und chromatisch), Hemitonion.
Tonos, Triemitonion (kleine Terz, drei Halbtöne).
Ditonos (grosse Terz, 2 Töne).
Nach ihrer näheren oder entfernteren Beziehung: auf einander
werden die Intervalle in Consonanzen und Dissonanzen einge-
theilt. Consonanz (avuqmht) ist die Mischung zweier Töne von
ungleicher Höhe und Tiefe, bei denen das Melos nicht mehr vom
tiefen Tone zu nehmen scheint als vom höheren, und umgekehrt
nicht mehr vom höheren als vom tieferen4), oder „Consonant sind
Paul wünscht, im Titan, einmal eine Handvoll Erde aus dem Monde),
experimentirend herauszustellen lehrt sehr deutlich Mattheson in seinem voll-
kommenen Kapellmeister.
1) Euklid, S. 8. Äristides, I. S. 13.
21 Euklid, S. 9.
3) Aristox., I. S. 20.
1) Svfigxovia Se tiian; Kgaoiq ovo (pü-oyyoiv, avo/ioiwv o^vtijti xal
358 Die Musik der antiken Welt.
solche Töne, bei welchen, wenn man sie zugleich anschlägt oder
auf der Flöte bläst, immer das Melos des tiefern gegen den höheren,
und des höheren gegen den tieferen dasselbe ist, indem bei ihrem
Hervorbringen gleichsam eine Vermischung und eine Verbindung zu
einer Einheit sich ergibt, während Einklänge (Unisone o/yo'qnwroi)
eine wirkliche Einheit zeigen, da sie sich weder durch Tiefe noch
durch Höhe von einander unterscheiden." J) Oder kurz „Consonanz
ist die Vermischung eines höheren und tieferen Tones."2) Durch
den wohllautenden Zusammenklang dieser Mischung kommen in der
Consonanz beide unter einander verschiedene Intervalle gleichartig
und gleichberechtigt zur Geltung und bilden in ihrem Zusammen-
tönen ein Drittes, das selbst wieder eine Art von Einheit vorstellt.
„Dissonanz (Smcfiorln) dagegen ist die Nichtvermischung zweier Töne,
welche, indem sie der Vereinigung widerstreben, durch ihren Miss-
klang das Ohr hart berühren,"3) bei denen das Melos entweder den
höheren oder den tieferen Ton vorklingen lässt.4) Die kleinste und
erste Consonanz war den Griechen die Quarte, „Avas noch kleiner ist
dissonirt,"5) folglich nicht allein die Secunde, sondern auch die
Terz. Nach den Rationen der Pythagoräer besteht die Quarte aus
zwei Ganztönen und einem Limma. Sofort ist die Quinte Consonanz,
die nach den Pythagoräern aus drei Ganztönen und einem Limma
besteht. Da Aristoxenos und die ihm beistimmenden Harmoniker
die nach dem Gehöre gefundene Octave in sechs gleiche Ganztöne
und zwölf gleiche Halbtöne theilten, so bestand nach ihnen die
Quarte genau aus 2V2, die Quinte aus 3V2 Tönen. Quarte und
Quinte zusammen geben die Consonanz der Octave :
4 5 5 4 _
c — / ~\~ f — c ocler e — g + g — c
Diese drei Intervalle kannten schon die ältesten Musiker, Philolaos
nannte dieOctavevorzugsweiseHarmonia, die Quarte Syllabe (avl-
laßrj), weil sie die erste Zusammenfassung consonirender Intervalle ist,
ßaovxijxt ?.tcfißt(vo/.u-rcov , ev y ovSiv xi (xäXXov xb (/.eXoq (paivexai xov
ßaovxeoov (pQ-öyyov, tjueo xov o^vxeqov' ov6h xov o^vxsqov tjTteo xov
ßccQvxsQOV. Bacchius, S. 2.
1) ''Oßöcpiovoi Litv slan:, oi /o'jxe ßaovxijxt fxt'/xe o&uxtjxi diatpsgovTsg.
cl ?.?.>'] ?.iov. GVfupcovoi 6h cov a/xa XQOVOfievoav >/ avkovfievwv ad xb
fisXOQ XOV ßtlQVXhQOV 71QOQ XO OCV XCt.1 O^VXSQOV 71QOQ XO ßcCQV XO fU'XO
7} oxav oiovel xqügiq iv x% nooipooä dvolv cp&oyyoiv xal wqneo tvöxijq
TtaQSfiqjaivrjxat. Gaudentins, S. lt.
2)"Eaxc 6h ovfMpcovltt fxiv xpäaig 610 <p9-öyy<ov , o^vxtoov xai ßanv-
xIqov. Euklid., S. 8.
3) diaqxovla 6h xovvavxiov 6vo (fftöyyojv d/xi^la, /«} o"cov xe xoa-
f}?jvai d)J.a xoa%vr9-?jvcu xijv axo>'/v. Euklid., S. 8.
4) /Itaifcovla 6h xl toxtv; oxav 6vo (p&oyytov dvouoicov xvitxofi&vwv
rjxoi xov ßaovxtQOv (f&öyyov x6 [i£XoQV7tUQ%% i] xov o^vxeqov. Bacchius, S. 14.
5) Nicomachus, I. S. 16.
Die griechische Musik. 359
die Quinte aber Dioxian (St o&iar), weil sie, der Quarte angrenzend
diese an Schärfe übersteigt.1) Aristoxenos nennt gleichfalls nur diese
drei als Consonanzen, „was dazwischen ist, dissonirt." 2) Euklid
nennt sie auch, deutet aber mit dem Zusätze „und andere solche"
(y.cxl tcc o^ioia) auf die Möglichkeit noch anderer hin.3) Bacchius
zählt auch noch auf: Diatessaron, Diapente, Diapason, Diapason
mit Diatessaron, Diapason mit Diapente, Disdiapason.4) Die ein-
fachen Rationen, 1 : 2 für die Oetave, 2 :3 für die Quarte, 3 :4 für
die Quinte, sicherten diesen Intervallen die Ehre, Consonanzen zu
sein. Die schwer fassliche Kation 64:81 (statt des richtigen 4:5)
für die grosse Terz und 16:27 (statt 3 : 5) für die grosse Sext ver-
wies diese Intervalle unter die Dissonanzen, obschon sie sich nicht
minder trefflich mischen als Quarten oder Quinten. Aber nach dem
pythagoräischen Glaubensbekenntnisse durfte man den so oft Täu-
schungen unterworfenen Sinnen nicht, sondern nur dem nicht irren-
den Verstände vertrauen. Dieses Vorurtheil setzte sich im Laufe
der Jahrhunderte so fest, dass selbst Aristoxenos von der An-
schauung, die Terz sei eine Dissonanz, nicht loskam. Man unter-
schied neben der Symphonie und Diaphonie auch noch die Anti-
phonie (den Gegenklang), und die spätere Theorie nahm auch noch
eine Paraphonie (den Nebenklang) an. Antiphon waren Octaven,
welche die angenehmste Symphonie5) bilden, und selbst eine Zu-
sammensetzung der beiden anderen Symphonien (Quarte und Quinte)
sind. Die Oetave ist es allein, deren man sich im zweistimmigen
Gesänge bedienen kann.6) Der Ausdruck Paraphonie kommt erst
bei Gaudentius und Bacchius vor. Des Bacchius Definition „Para-
phonie entstehe, wenn bei zwei ungleichen Tönen das Melos vom
tieferen nicht mehr habe als vom höheren,"7) fällt mit seiner
Definition der Symphonie unterschiedlos zusammen. Aus der Dar-
stellung des Gaudentius8) dagegen sieht man, dass die Paraphonie
ein Mittelding zwischen der Symphonie und Antiphonie ist, weder
die vollkommene Mischung derersteren, noch den harten Widerstreit
der letzteren zeigt. Paraphonien sind : die grosse Quarte, kleine
Quinte und grosse Terz9), und zwar nur diese, nämlich: der Intervall
in drei Tönen von Parypate meson zur Paramese und in zwei
Tönen der Intervall von Meson Diatonos zur Paramese. Nun ist
aber z. B. in der Tonreihe von a, Parypate meson gleich /", Meson
1 ) und 2) Aristox., I. S. 45.
3) Euklid, S. 8.
4) Bacchius, S. 3.
5) Nicomachus, S. 9.
6) Aristoteles, Problema 18.
7) Bacchius, S. 15.
8) riaQu<po)voi 6h ol jxiooi //tv ov/Kroh'ov xal öiwpoh'ov. Gaudentius,
S. 11.
9) Gaudentius, S. 11.
,360 Die Musik der antiken Welt.
Diatonos gleich </, Paramesös gleich //. In der Tonreihe von k sind
diese drei Töne gleich y, a, eis. Und so analog in jeder von einem
andern Tone beginnenden Tonreihe. Der zwischen den vollkomme-
nen Consonanzen Quarte und Quinte mitten inne stehende Tritonos
galt also als Halbconsonanz, und der grossen Terz (dein Ditonus)
wurde die gleiche Vergünstigung zugestanden, denn man hatte
mittlerweile das wahre Zahlenverhältniss für sie gefunden; brachte
es aber gleichwohl nicht über's Herz, sie zur Consonanz zu machen,
sie brachte es nur zur Halbconsonanz. ')
Wird zur Octave ein anderes consonirendes Intervall beig-efüfft,
so entsteht wieder eine Consonanz-), daher die Undecime (Octave
nnd Quarte) und Duodecime (Octave und Quinte) Consonanzen
sind.3) Das Aeusserste ist die Doppeloctave mit der Diapente,
denn bis zur dritten Octave dehnt man die Stimme nicht aus, ob-
sebon der höchste Ton der sogenannten Jungfrauflöten gegen den'
tiefsten der sogenannten übervollkommeiieu Flöten (mit denen man
Männerchöre begleitete) einen weiteren Abstand bildet.4) Nach
Theon von Smyrna erweiterten aber die Neueren (vecjTSQoi) den Um-
fang auf 25 Stufen, das ist auf das Trisdiapason und einen Ton.5)
Die Intervalle waren zusammengesetzte (ovrOsra) oder einfache
(auvt'deza), je nachdem andere zwischen ihnen lagen und in ihnen
einbegriffen waren oder nicht. Der Schritt von unmittelbar nach
einander gesetzten Tönen (tu vno tJJs ejfjjjs (fdöyycov neQii-xöfieva) ergab
nicht zusammengesetzte Intervalle und umgekehrt. Einige Intervalle
waren gemeinschaftlich. So ist der Halbton im enarmonischen Ge-
schleehte zusammengesetzt, denn er begreift zwei Yierteltöne, im
chromatischen ist er nicht zusammengesetzt. Eben so ist der ganze
Tun im chromatischen Geschlechte zusammengesetzt, denn er theilt
sich in zwei Halbtöne, im diatonischen ist er nicht zusammengesetzt.
1 >ie kleine Terz ist im chromatischen Geschlechte nicht zusammen-
gesetzt, denn sie bildet (wie wir sehen werden) zum nächsttieferen
Tone den unmittelbaren Schritt, dagegen ist sie im diatonischen
(ieschlechte zusammengesetzt, denn es liegen zwischen ihr und
dem sie bestimmenden Tone andere Intervalle, z. B. zwischen c und
a der Ton // , der abwärts einen Ton, aufwärts einen Halbton weit
•1) Manuel Bryennius nimmt, S. -WÜ, die Paraphonie des Gaudentius an.
Bryennius gehört übrigens nicht mehr der antiken Zeit, sondern dem byzanti-
nischen Mittelalter an, er lebte im 14. Jahrhundert.
2) Aristoxenos, I. S. 20 u. 45, Ptolm. I. Kap. 6.
3) Aristox., I. S. 20.
4) Euklid, S. 13.
5) Theon, S. 98. Plutarch (de Ei Delphieo lü) spricht von fünf Consonan-
zen: Quarte, Quinte, Octave, Octave und Quinte, Doppeloctave. Es gebe
nicht mehr und nicht weniger als diese fünf, denn die Octave mit der Quarte
(die Undecime), sei nicht dahin zu rechnen, weil sie sich nicht unter die regel-
mässigen Zahlenproportionen der übrigen einreihen lasse (ei-co fxtzQOV ßcd-
vovoav.)
]>i<' griechische Musik. I>61
entfernt ist. Ans ganz gleichen Gründen ist die grosse Ter/, im
diatonischen Geschlechte zusammengesetzt, nicht aber im chroma-
tischen, wo sie zum nächsttieferen Tone einen unmittelbaren Schritt
bildet. Die Vierteltöne sind alle nicht zusammengesetzt. Was
grösser ist als die grosse Terz, also Quarten, Quinten u. s. w., ist
Alles zusammengesetzt1), denn es gibt kein System, in dem Quarte
unmittelbar auf Quarte, Quinte auf Quinte u. s. w. folgte, sondern
es liegen zwischen ihnen andere Intervalle.
Durch geordnete Zusammenstellung mehrerer Intervalle entsteht
ein System (ownj/ua). 2) Die Zusammenstellung von Intervallen
nach Octaven, Quinten, Quarten u. s. w. würde also mit diesem
Namen zu bezeichnen sein. Insofern nun die Intervalle nach den
Einschnittspunkten der Quarte, Quinte, Octave in Gruppen zu-
sammengefasst sind, ergibt sich für sie eine neue Unterscheidung,
je nach der Stellung, welchen der Halbton schritt darin einnimmt3),
was bei Quarten drei Unterschiede gibt, z. 1>. :
1. h^c (I e
2. a h c d
3. (j a k c
bei Quinten vier:
1.
6 f^
a h
2.
d e~*f
g (i
c d e
7 9
4.
h c d
O
bei <>ctaven, rücksichtlich der zwei vorkommenden Halbtöne, sieben
Unterschiede. Die Distinction erhält ihre Wichtigkeit und practische
Anwendung erst in der Lehre von den Tonarten. Diese Unter-
scheidungen gehören dem diatonischen Geschlechte an, im enarmo-
nischen werden die Quarten und Quinten, je nach ihrem tiefsten
Tone unterschieden, wie er nämlich nach einander auf die Töne
fällt, die wir weiterhin als „tiefdicht, mitteldicht und hochdicht"
kennen lernen werden, was bei den Quinten dann den Unterschied
gibt, dass der sogenannte diazeuktische (ganze) Ton zwischen Mese
1 ) Euklid, S. 8.
2) SvatTjfia de San ro ?/. 7tXsiov(ov >/ evoq öiaGxrjßüxav ovyxelfitvov.
Euklid, S. I. —fim/ixa öl t! iffxt; zb ex nteiövwv >j ovo (p&6yya>v /n-
).ipSov(ievov. BacchiasS. 2. Svoxijua öi ioxi <)vnir r\ uXeiovotv öuxoxt]-
fidtwv avvoöoc. Nicom., S. 25. Svoxr]fia öe ioxi tu vtco nXeiövtav ölcc-
(yTijiir.rvn- .7. oCc/öut-ror. Aristid., LS. 15. Thrasyllus der Mathematiker (bei
Theo n von Smyrnn, c. 3) definirt: SvoxTjua Siaoxrniäxwv Ttoltt Tt£Qioyr\,
olov texQccyoQÖov , oxxüyoQÖov.
3) Euklid, S. 14. Gaudent., S. 18. Ptolem., II. 3.
1.
h
2.
a
3.
9
1.
e
2.
d
3ß2 Die Musik der antiken Welt.
und Paramese von den griechischen Schriftstellern liier kurzweg
ö Tovog genannt, immer an eine andere Stelle rückt (wie im diato-
nischen Geschlechte der Halbton). Derselbe Platzwechsel des dia-
zeuktischen Tones wird bei den Octaven mit Rücksicht auf ihren
Ausgangspunct hervorgehoben. Ferner zeigen die Octavenreihen
mit Rücksicht auf ihre Zusammensetzung aus Quarte und Quinte oder
aus Quinte und Quarte zwischen den Kategorien bei der Intervalle
den Zusammenhang, dass immer gleichartige zusammentreffen, das
heisst solche, die beide den Halbtonschritt auf der ersten oder auf
der zweiten u. s. w. Stufe haben.
Quarten und Quinten.
c d e e f g a h
h c d (1 e f (j a
a h c c d e f g
Quinten und Quarten.
f g a h h c d c
e f g a a h c d
3. c d e f g g a h r
Die Eintheilungen der Systeme in consonirende und dissonirende,
je nachdem ihre äussersten Töne gegen einander Consonanzen oder
Dissonanzen bilden, in rationale und irrationale, je nachdem sie
aus rationalen oder nicht rationalen Intervallen zusammengestellt sind,
in stufen- oder sprungweise fortschreitende (diu t$r,g xat vneißmov) '),
sind eine Nachbildung der ähnlichen Eintheilung der Intervalle.
Wichtiger ist die Eintheilung der Systeme nach ihrer Grösse
— in das grössere System {avurri(ta fiEi~,ov) und das kleinere {avaxufia
iXanov) — nach ihrer Zusammensetzung aus Viertonreihen (Tetra-
chorden) oder Octaven, nach der Verbindung der Tetrachorde unter
einander (tnmjpftiva) oder deren Getrenntheit (pie&vj'fieptt) nach
ihrer Veränderlichkeit (a/jsjaßoXov xal f'/jfiBTaßölov) nach ihrer Bezieh-
ung auf einen einzigen Mittelton (Mese) oder auf eine zweite, dritte
Mese, wodurch sie einfache, doppelte, dreifache Systeme werden
(av(TTr][i<tTa ttnln, öinkü, T^mA«), endlich nach dem Geschlechte (x«t«
yivog) je nachdem sie diatonisch, chromatisch oder enarmonisch sind.
Obwohl nun die Octave ein wichtiges Element der System-
bildung ist, so ist die Quarte doch ein noch ungleich wichtigeres,
denn auf ihr beruht die Vi er tonreihe (das Tetrachord), aus
welcher die Griechen ihre Systeme in ähnlicher Art auf-
bauten, wie das Guidonische Mittelalter seine Systeme
aus Sechstonreihen (Hexachorden) und wir die unseren aus
verbundenen Achttonreihen (Octaven). Wir haben vorhin
1) Marpurg übersetzt recht gut: „Stufen- und Sprungintervalle'
Die griechische Musik.
363
drei Arten von Tetrachorden (nach der Stellung des Halbtons)
kennen gelernt; fing nun das System mit einem Tetrachord der
ersten Art (Halbton von der ersten zur zweiten Stufe) an, so mnsste sieb
consequenter Weise die gleiche Bildung in allen übrigen das System
bildenden Tetrachorden wiederholen. Das war im diatonischen
und chromatischen Geschlechte der Fall. Beim enarmonischen be-
gannen dagegen alle Tetrachorde mit dem Schritte eines Viertel-
tones. Dass gerade diese eigenthümliche Tonverbindung den Grie-
chen benagte mag seinen Grund weniger in der Ehrfurcht vor der
heiligen Vierzahl (Tetraktys) des Pythagoras, als vielleicht in der
altherkömmlichen Stimmung der älteren, viersaitigen Lyra haben,
oder auch in der dunkeln, unverstandenen Empfindung für die
Schlusskraft des Quartenschrittes, des Schrittes von der Oberdo-
minante als Unterquarte zur Tonika
t-
u. s. w.
Ferner ist die Quarte nach griechischer Anschauung die erste
Consonanz, die sich in der Reihe der Töne ergibt, Aristoxenos hebt
diese Eigenheit der Quarte in Bezug auf das Tetrachord eigens hervor.1)
Noch bei Aristoteles und dessen Schüler Aristoxenos be-
schränkt sich die Scala auf acht Töne, welche auch schon auf der
Lyra des Pythagoras sich befunden haben sollen, darum sie pytha-
goräische Achttonreihen (octockordum Pi/f/iaf/orar) hiessen und aus
zwei unverbundenen Tetrachorden zusammengestellt waren:
/
Nete (letzter Ton).
Paranete (vorletzter Ton).
Trite (dritter Ton).
Paramesos (neben dem Mitteltone).
Mese (Mittelton).
Lichanos (Zeigefinger, der Ton wurde so nach dem Finger-
satze auf der Lyra bezeichnet).2)
Parypate (neben dem obersten Tone).
rr^ Hypate (oberster Ton).
9m>
1) Aristoxenes, I. S. 21 (zu Ende) und 22.
2) Ar/avol — — 6/uojriftcoq rw nh'jzzovzio, daxzvj.o) z>)v ?}yovoav
avz>)v (pwvijv. Aristid., Quint. , I. S. 10.
3(34 Die Musik der antiken Welt.
Jeder Ton hat, wie man sieht, seinen klangvollen Namen, der zu-
gleich seine Stellung im Systeme bezeichnet. Diese Namen soll
zuerst Pythagoras angewendet haben. l)
Wurde an ein erstes Tetrachord ein zweites, an dieses ein
drittes gehängt , so entstand die Tonreihe
// c (I e /' g ti b c d.
Diese drei Tetrachords sind verbunden, d. h. der höchste Ton des
tieferen Tetrachords bildet zugleich den tiefsten Ton des nächst-
höheren. Ferner rindet sich in diesen Quarten der Halbtonschritt
immer zwischen der ersten und zweiten Stufe. Durch diese, bei
dem Aufbau der Tonreihe im Einzelnen strenge festgehaltene Con-
sequenz ergab sich aber in dieser Eeihe, als Ganzes betrachtet, eine
grosse Inconsequenz , der auf den Ton a folgende nächste Ton er-
scheint in der tieferen Lage als h (als b quadrum , wie es das Mittel-
alter nannte), in der höheren Wiederholung aber als b (rotundum).
Um nun jenes h auch in der höheren Eeihe zu gewinnen, musste
man folgende Tonreihe bilden
// c (I e /' g (i h <■ (I <J
d. h. zu den beiden tieferen, verbundenen Tetrachorden ein drittes
gtrenntes hinzufügen, das eine Wiederholung des tiefsten, ersten
Tetrachordes in der höheren Octave ist. Darauf gründet sich die für
die griechische Musiktheorie so wichtige Eintheilung der Tetrachorde
in verbundene (synemmena) und getrennte (diezeugmena). Die
Verbindung selbst hiess Synaphe (awaqt]), die Trennung Diazeuxis
Das Intervall eines ganzen Tones, welches zwei getrennte
Tetrachorde von einander schied, wurde der diazeuktische Ton,
das ist der Trennungston, genannt. Er liegt, wie man sieht, zwi-
schen den Tönen a und h. Um den Tonumfang zwei vollständiger
Octaven zu gewinnen, fügte man später in der Tiefe einen Ton
hinzu (er hiess davon der „beigefügte" Proslambanomenos) und
setzte in der Höhe die Tetrachordreihe durch ein viertes, verbunde-
nes Tetrachord fort:
./ // C ü E F (1 a h c d e /' g a
Der diazeuktische Ton fiel gerade zwischen die beiden Octaven,
aber auch der hinzugefügte "tiefste Ton, der mit seinem höheren
1) 'Ovofiäoag <>.;- intarriv u. s. w. Nicomaclms, I. S. 13.
Die griechische Mnsik. 365
Nebentone nur eine tiefere Wiederholung der Diazeuxis war
(./ // — a //) hiess diazeuktisch.1)
Den Ton b wollte man aber nun auch nicht, nachdem er ein-
mal gefunden war, ungenützt lassen, man schob also das in die-
sem Ton enthaltene Tetrachord in die Tonreihe ein
./ // C I) E F G a b c d h c d e /' g a.
So entstand eine Reihe von 18 Tönen-), zusammengesezt aus
Proslambanomenos, vier verbundenen und einem getrennten Tetra
chord. Diese Scala findet sich schon im 3. Jahrhundert v. Chr. bei
Euklid, sie hiess das unveränderliche System (avarr^ta aftsräßolov),
im Gegensatze zu den auf Octavenumläufen beruhenden, die
Reihenfolge der zwei Halb- und fünf Ganztöne jeder Octave stufen-
weise verrückenden Tonleitern der einzelnen Tonarten.
Zur Bezeichnuno- der einzelnen Töne wendeten die Griechen
mehr- und zum Theile aehtsylbige Namen an, in deren jedem das
Tetrachord dem der Ton angehörte und die Stellung des Tones in
diesem Tetrachorde angedeutet war. Für den Gebrauch ist die Be-
zeichnung der Töne nach Buchstaben unendlich bequemer, und
selbst Glareanus, der Freund und Kenner des griechischen Alter-
thums meint, es seien dieses ganz ungeheuerliche Namen zur Be-
zeichnung eines einzigen Tones.3)
1) Nicomachns, I. S. 23 :
Tovreov <>;- dut^evt-eiQ fiev eivat Svo
— ■ — aal ic-ra^v xov TtQOßXafißavofiivov.
Wurde eine Octavenreihe in zwei verbundene Tetrachorde eingetheilt, so hiess
der überzählig bleibende Ton auch diazeuktisch, z. B.
// A c (/ e /' (j (i oder a li c rl e /' g a
2) 'püdyyot yj'.'S 'ixaOXOV Ttävxa ZQOTtOV (ieX(pÖOV(/.SVOL SlGlV OXTüi-
aaiÖEXa. Syngramma, S. "■•.
3) (Dodecachordon, I. 20.) „Proslambanomenos, Paranete diezeugmenon,
quam portentosa vocabula pro A-re, D-la sol re — unicam chordarn sesquipe-
dali, imo bipedali, aut mavis, tripedali verbo nominare." Glarean übersieht,
dass das D la sol re, C sol fa ut, A la mi re u. s. w. , der Solmisation eigent-
lich nur sehr wenig besser ist. Die Griechen kannten die Buchstabenbezeich-
nung für die Töne in der Notenschrift, wendeten sie aber in der Benennung
der Töne nicht an; sie hätten dabei auch nichts gewonnen, denn Omega
oder Lambda plagion apestrammenon u. s. w. ist um nichts kürzer oder be-
quemer. Sie behielten also lieber die alten pythagoräischen Bezeichnungen
bei, zumal diese den Ton anschaulich individnalisirten und gleichsam be-
schrieben.
366 Die Musik der antiken Welt.
Die Nomenclatur war nämlich folgende :
H-
rrT
c
o
V
CS
"o
x>
I-
o
c
o
c
s
SO
3
o
'S
/ ♦
u
■ 1 1 1 1
An
o
p
c
CS
• :
Öi_
TS
(Nach der Uebersetzung des Albinus.)
Nete hyperbolaeon ultima excellentium
die Letzte
Paranete hyperbolaeon excellentium extenta
Trite hyperbolaeon tertia excellentium
Nete diezeugmenon ultima divisarum
Paranete diezeugmenon divisarum extenta
Trite diezeugmenon tertia divisarum
Paramesos prope media
\
die Vorletzte', £ cj
die Dritte
die Letzte \ q
die Vorletzte \§ g1
die Dritte
neben der Mittlern
Nete synemmenon
ultima conjunctarum
die Letzte
?=-
Paranete synemmenon
conjunctarum extenta
die Vorletzte
— 0>
1 o ~.
Trite synemmenon
tertia conjunctarum
die Dritte
1 — '"
Mese
media
die Mittlere
Lichanos mesön
mediarum extenta
Zeigefinger
1 2
Parypate mesön
subprincipalis mediarum
Zweitoberste
o
Hypate mesön
principalis medianum
Oberste i
Lichanos hypatön
principalis mediarum
Zeigefinger
O
Parypate hypatön
principalium extenta
Zweitoberste
er
2
Hypate hypatön
principalis principalium
Oberste
Proslambanomenos
adsumta v. adquisita
der Hinzugefügte.
Der phantasievolle, alles lebendig anschauende Sinn der Griechen
zeigt sich auch hier. Jeder Ton ist ein Individuum und hat seinen
Familiennamen nach dem Tetrachorde, dem er angehört, und seinen
Vornamen, der ihn in dieser einzelnen Tonfamilie individuell kenn-
zeichnet. Nur Proslambanomenos, Mese und Paramesos stehen da
wie Könige, deren Familienname nicht, sondern nur der Vorname
genannt wird. Eben darum bleibt in diesem Namen die Identität
der höheren Octaventiine unbeachtet; nichts deutet z. B. an, dass
Die griechische Musik. 367
Proslambanomenos, Mese und Xcte hyperbolaeon der gleiche Ton in
drei ( )ctaven sind. Die Namen der Tetrachorde werden durch ihre
Stellung erklärt: hypaton das oberste1), meson das mittlere, synem-
menon das (durch den gemeinsamen Ton der Mese a) mit ihm ver-
bundene. Mit Rücksicht auf diese drei Tetrachorde ist Meson wirk-
lich das Mittlere. Jetzt schliessen sich aber noch zwei Tetrachorde
an, das aus den bereits vorhin angedeuteten Gründen beigefügte
Tetrachord diezeugmenon, das getrennte, denn sein tiefster Ton ist
mit dem höchsten des vorhergehenden Tetrachords nicht verbunden,
und zu höchst das überschreitende (hyperbolaeon) Tetrachord. Ob
die Griechen ihre Scalen von der Höhe nach der Tiefe gehen
Hessen oder umgekehrt, kann uns ziemlich gleichgiltig sein, die Be-
nennung hypaton (das Oberste) kann wenigstens kein Argument
sein, dass die Griechen, gleich den Chinesen, „hoch" nannten, was
wir „tief nennen, denn die Bezeichnung hyperbolaeon für das
höchste Tetrachord ist ein nicht abzuweisender Gegengrund.
Ein Ueberblick der Scala lä'sst sogleich erkennen, dass für die
individuelle Bezeichnung der einzelnen Töne der Mittelton (ptotj)
den Scheidepunct bildet. In den oberhalb gelegenen Tetrachorden
wiederholen sich symmetrisch dieselben Benennungen: Nete, die
Letzte; Paranete, die Vorletzte; Trite, die Dritte.2) In den
unterhalb gelegenen: Lichanos, Zeigefinger; Parypate, Zweit-
oberste; Hypate, Oberster; Paramesos, der im pythagoräischen
Octochord in der That neben der „Mittlern" stand, hat seinen Na-
men beibehalten, obschon er kraft des eingeschobenen Tetrachordes
Synemmenon von der Mese durch drei Töne getrennt ist. Der
Hauptton in jeder Tonart ist der Mittelton, Mese, nach ihm werden
die übrigen Töne erkannt und bestimmt. 3) Einige Töne haben
auch einen zweiten Namen :
Paranete hyperbolaeon hyperbolaeon diatonos oder chromatike od. enarmonios
Paranete synemmenon synemmenon „ „ „ „
Lichanos mesos meson „ „ „ „
Lichanos hypaton hypaton „ „ „ „
1) Die Ursache, warum man das tiefste Tetrachord zum „obersten" machte,
gibt Nicomachus in glaubhafter Weise an (I. S. 6): Pythagoras nannte den
tiefsten Ton seiner Lyra den „obersten" (hypaton), weil er nach seiner Idee
von einer Harmonie der Sphären, dem obersten, von der Erde entferntesten
Planeten, dem Saturnus, entsprach. Der höchste Ton hiess der „Letzte"
(Nete), denn er entspricht dem Monde, dem letzten, der Erde nächsten Plane-
ten. Auf die Sonne fällt gerade der Hauptton, die Mese.
2) Dies würde allerdings auf ein Zählen von oben nach unten deuten,
allein dann dürfte der höchste Ton consequenter Weise nicht Nete, letzter,
sondern müsste Prote, erster, heissen. Beachtenswerth ist es aber, dass die
Zeichen der Notenschrift von der Höhe gegen die Tiefe gerichtet sind, indem
A = #Ä ß = /"ist. f
3)"^inro rfe rfjq (MtoijQ xccl tvjv Aoatcäv (p&oyyotv ui öwa/xEtq yvcoQi-
tfivxai. Euklid, S. 19.
;>,(;<S Die Musik der antiken Welt.
Man sieht, dass die Bezeichnung diatonos, „Fortschritt durch einen
ganzen Ton Siü rörov" nur auf den Paraneten, und die Lichanos
(die eigentlich auch Paraneten sind) angewendet wird ; denn diese
Töne erlitten in den drei Klanggeschlechtern (dem diatonischen,
chromatischen und enarmonischen) eine characteristische Aende-
rung. Wenn man, statt die Kenntniss jener Namen zu einer Sache
des blossen mechanischen Gedächtnisses zu machen, die Sache als
das auffasst, was sie ist, als ein wohlgeordnetes Ganze, so wird die
Anwendung nicht so schwer zu handhaben sein. Ein Mangel, der im
Systeme liegt, ist. ausser der Nichtbeachtung der Wiederholung
derselben Töne in den einzelnen Octaven auch noch, dass die-
selben Töne zweimal unter verschiedener Bezeichnung vorkommen
(im Tetrachord synemmenon und diezeugmenon) ; Paranete synem-
menon ist zugleich Trite diezeugmenon und Nete synemmenon ist
zugleich Paranete diezeugmenon. Daher begreift das System
bei 18 Benennungen nur 16 Töne. Durch die Einschaltung
des getrennten Tetrachordes geschieht es ferner, dass die Trennung
die Diazeuxis, statt eines blossen Ganztones noch mehr, nämlich
eine kleine Terz (d — //) ausmacht. Die Einschaltung der Synemme-
non begründet ferner eine Modulation in der Tonart der Oberquarte:
kraft des eingeschalteten b modulirt obige Tonreihe von «-moll nach
rf-moll. Diese Scala ist also kein natürliches Product der natürlichen
Tonfolge, wie sie durch die Theilung der Saite des Monochords
sich ergibt, sondern ein Ergebniss der Speculation. Euklid und
(iaudentius unterscheiden daher das grössere System trwmjfiä
[ie?£ov: welches aus den Tetrachorden hypaton, meson, diezeugme-
non und hyperbolaeon bestehend, somit unserer absteigenden Moll-
scala entsprechend, zwei Octaven umfasst:
I. ^ IL
hypaton meson diezeugm. hyperbol.
A H c d e f g a h c d e f g a
von dem, aus dem Tetrachorden hypaton, meson und synemmenon
bestehenden, somit jene Modulation in die Oberquarte enthaltenden
kleinen System avmr^a tlaTxov.
hypaton meson synemm.
A H c d e /' g a b c d1)
Ein Blick auf das grosse System zeigt, dass die Diezeugm enoi nur
die in der höheren Octave wiederholten Hypatoi, so wie die Hyper-
bolaeoi die in gleicher Art wiederholten Mesoi sind. Euklid unter-
scheidet ausserdem noch drei Verbindungen (<rvray :«/) von je zwei
Tetrachorden. Die tiefe {ßaQVTnxri) besteht aus den Tetra chorden
1) Kuklnl, S. 17. (iaudentius, S. 8 und 9.
Die griechische Musik. 369
hypaton und mesou , ist also im Grunde nichts als das halbe Systema
meizon und zwar dessen tiefere Octave. Die mittlere Verbindung
(avvacfjlj fiiari) enthält die Tetrachorde meson und synemmenon,
also z. B.
e f g a b c d
In dieser Gestalt rückt die Parypate meson die ganze Tonreihe in
eine ganz andere Tonart. Obige Reihe ist z. B. eigentlich der Hy-
polydischen Tonart
V-2 i i V« i_i_
A II c d e f g a b c d h c d e f y a
entnommen, entspricht aber, an sich genommen jener Octavenreihe,
oder Tonart, welche man mixolydisch nennt, und die sich von der
Hypate hypaton bis zur Paramese erstreckt
vT i i 'vT 1 1
// c d e f g a h
Die höchste Verbindung (o^vrärrj avvacpri) verknüpft die Tetrachorde
synemmenon und hyperboläon, also z. B. im Hypolydischen
/2
l l V- l l
/ •£
Hede f g ii
wobei abermals die mixolydische Tonfolge zum Vorschein kommt.
Sonach ist also eigentlich nur die tiefe Verbindung gut zu heissen.
Wir haben die Tonreihe, wie es bisher, sowohl bei den Schrift-
stellern des Mittelalters (Hucbald, Guido u. s. w.), als bei den neue-
ren Schriftstellern über griechische Musik (Marpurg, Forkel, Kiese -
wetter u. a.) der Fall war, zwischen den Tönen A — a angesetzt,
wonach die Mese, der Mittelton, unserem kleinen a entspricht.1)
Wir konnten es, ohne einen Fehler zu begehen, thun, denn es
hatten die Namen: Mese, Nete, Hyperboläon u. s. w. eine doppelte
Bedeutung, je nachdem man sie xarä dvvafiiv (nach der Geltung)
das ist, als Intervallbezeichnung oder xaiü &£aiv (nach dem An-
sätze) nämlich als Bezeichnung der Tonhöhe nahm. Als Inter-
vallbezeichnung sagen sie genau so viel, wie bei uns erste, zweite,
dritte u. s. w. Stufe, Prime, Secund, Terz u. s. w.2) und wie wir mit
dem Ausdruck Terz z. B. die Töne H — d oder e — es u. s. w. meinen
können, so kann Proslambanomenos zu Parypate hypaton nicht allein
1) Marpurg sagt (Krit. Einl., S. 124): „Nun weiss man durch die Ucber-
licferung von Aristides bis auf den Guido, dass der Ton, den die Griechen den
tiefsten unter allen nennen, unser grosses A auf dem Ciavier in der ersten
Octave ist." Friedr. Bellermann hat in seinem trefflichen Commentar zum
Syngramma diese vermeinte Tradition kritisch beleuchtet und widerlegt.
2) Siehe D. Friedrich Bellermann : Die Tonleitern und Musiknoten der
Griechen, S. 27.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 24
370
Die Musik der antiken "Welt.
a — />, sondern auch h — d, c — es, d — fu. s. w. bedeuten, denn
man kann die oben mit A angefangene Scala von jedem andern
Tone aus beginnen und in den entsprechenden Intervallen transpo-
niren. "Wurden die Namen zur Bezeichnung der Tonhöhe ohne
besondern Zusatz gebraucht, sagte man z. B. Lichanos meson nach
dem Ansätze, so war der entsprechende Ton der dorischen Ton-
art, als der griechischen Haupttonart gemeint. Da diese nun un-
serem /i-moll (richtiger ais:mo\\) entsprach, nämlich B ihren Ton
Proslambanomes bildete, so war mit obiger Bezeichnung der Ton
as (gis) gemeint. Wollte man jene Bezeichnung nicht brauchen, so
nm^sti' man ausdrücklich die Tonart nennen, z. B. lichanos meson
lvdice, und da nun der Proslambanomenos der lydischen Tonart D,
oder mit andern "Worten die lydische Tonart unserem rf-moll analog
war, so bedeutete obiger Name hier den Ton c.
Die Art wie die Töne innerhalb eines Tetrachordes eingetheilt
wurden, begründen die Klanggeschlechter yivrh l) Die Anordnung,
dass jedes Tetrachord aus der Fortschreitung */2 1, 1, bestand, hiess
diatonisch, sie begründete das einfache diatonische Klangge-
schlecht. Neben diesem diatonischen Klanggeschlechte ordneten
aher die Griechen die Töne noch in anderer, sehr eigentümlicher,
eigentlich widernatürlicher Weise, der chromatischen und enar-
monischen.
Der erste und letzte Ton eines jeden Tetrachordes, seine
äussern, blieben in allen drei Klanggeschlechtern unverändert die-
selben, sie Messen deshalb stehende Töne egtcÖte? oder a/.hvelc.
Dagegen waren die beiden mittleren Töne veränderlich, begründe-
ten dadurch den Unterschied zwischen den drei Klanggeschlechtern
und wurden eben deswegen bewegliche Töne (y.mjiol, -/.ivov^evoi oder
y.ey.'/.iairoi bei Bacchius: (fegö/jeroi bei Boethius: soni mobiles) genannt.
Die Fortschreitung im chromatischen Geschlechte bewegte sich
durch zwei halbe Töne und eine kleine Terz, im enarmoni-
schen durch zwei Vierteltöne und eine kleine Terz; während
das diatonische Geschlecht eine Fortscbreitung in einem hal-
ben und zwei ganzen Tönen zeigte,2)
Das Schema dieser Fortschreitungen wäre also folgendes :
diatonisch. chromatisch. enarmonisch.
21
/2
2\2
5=t
1 l
— *-#*--
v* vT 1V2
1) Euklid, definirt: Ttoiu tsogc'.qojv <f&6yya)V öiaiQ£Oig,y Aristoxenos:
7101a TtrQayöfJÖov Sialgeaiq. Ptolemaeus: nom. ayioig xoog d/.'/.i'j ?.ovg rcöv
mvriS-tinwv qOüyycjy tijv Sia i€goc(Qo>v GV(i<po>viav.
2) Fortlage sagt: „Rückt Lichanos um einen Halbton in die Tiefe, während
. Die griechische Musik. . 37 1
Das diatonische Geschlecht hat seine Entstehung in der Natur
der Töne, es bedarf keiner weiteren Rechtfertigung. Dagegen ist
das chromatische und enarmonische im Sinne griechischer Musik
nur auf dem Wege einer historischen, unter besonderen Umständen
erfolgten Entwickelung begreiflich.
Plutarch führt eine historische Xotiz des um vierhundert Jahre
älteren Aristoxenos an, dass „Olympos unter den Musikern für den
Erfinder des enarmonischen Geschlechtes gelte, denn vor ihm war
alles diatonisch und chromatisch. Sie vermuthen aber, es sei diese
Erfindung in folgender Weise geschehen : Olympos sei, im diatoni-
schen Geschlechte verweilend und in der Melodie öfter die diatoni-
sche Parypate berührend, auf diesen Ton öfter mit Ueb ergehung
des diatonischen Lichanos unmittelbar von der Paramese oder Mese
übergegangen, und habe in dieser Manier etwas Schönes gefunden
(xrtTctfia&eir io xallog tov jj«9wc)."
Der melodische Uebergang, an dem Olympos so viel "Wohl-
gefallen fand, war also z. B. // n f statt h a g j\ und iifTler That
klingt die in solcher Art reduzirte dorische Tonleiter eigenthümlich
und feierlich : n
:.±g-^B|
m
^
Nach Plutarch, oder eigentlich Aristoxenos war die Manier
des Olympos eine halb zufällige Entdeckung desselben. War aber,
ehe das enarmonische Geschlecht auf solche Art angebahnt wurde,
wie jenes alte Zeugniss versichert, das chromatische schon bekannt,
so kann nicht erst Olympos jene Reduction der Scala vorgenommen
haben, denn das chromatische, in seiner Fortschreitung (V2 ~f~ \ 2
+ IV2) ebenso sonderbare Geschlecht beruht auf derselben Ope-
ration. Wir werden sehen, dass das Chroma ebenso aus der asia-
tischen (jonisch-phrvgisch-lvdischen) Stimmung hervorging, wie das
enarmonische Geschlecht aus der altdorischen Scala. Wie kommt
nun die Vereinfachung in die asiatische Tonweise ? Friedrich Bel-
lermann ist der Ansicht, dass die Griechen diese Reduction aus
Trite an ihrer Stelle bleibt, so ist dies das chromatische Tetrachord. Rückt
Lichanos um einen ganzen Ton in die Tiefe, während Trite um einen Viertel-
ten dasselbe thut, so ist dies das enarmonische Tetrachord."
1) Die Harmonisirung (nach Friedr. Bellermann OvyyQttfifjia TCEQl jxov-
oixrjq, S. 62) ist beigefügt, um dem modernen Leser jenes Eigenthürnliche
und Feierliche fühlbarer zu machen.
24*
372
Die Musik der antiken Welt.
einem „gewissen Sinn für Einfachheit" vornahmen. Vielleicht
zwang auch die geringe Saitenzahl der alten Lyren, sich auf das
Notwendigste zu beschränken. So entstand (die Reduction auf
jenes unveränderliche Fundamentalsystem angewendet) die reducirte
Tonreihe:
hypaton meson synemm. diezeugm.
%
ifeis^^igs
hyperbol.
_JJ_,
Fasst man hierin die Octavenscala von a
sich die Tonreihe:
■a zusammen so ergibt
i
1 2 3 4 5 6 7
±=»
. rfO TL
8
-4
Das ist: die uralte chinesische, gälisehe Scala, ohne
Quarte und Septime. Sollte das ein reiner Zufall sein? Sollte
nicht, von China oder dem alten Indien aus diese Tonreihe nach
Westasien gedrungen, sich dort als Tradition erhalten haben, so dass
sich das Chroma aus den asiatischen Tonreihen entwickeln konnte?
Sollte nicht Olympos, oder wer es sonst war, dadurch erst auf den
Gedanken gekommen sein, in der alt -dorischen Scala die gleiche
Operation vorzunehmen , wodurch das enarmonische Geschlecht ent-
stand? Die eigentümliche Sonderbarkeit desselben mag die Ur-
sache gewesen sein , dass sich die Wissenschaft bis auf Aristoxenos'
Zeiten vorzugsweise mit diesem Tongeschlechte zu thun machte.1)
Die dorische Scala e, f, y, «, Ä, c, r/, e ergab nun nach
jener afterthümlich einfacheren Fassung die Tonreihe
Wurde mit den ausserdem in Anwendung befindlichen Scalen, der
ionischen, phrygischen, lydischen, eine gleiche Simplificirung vor-
genommen, so gaben sie alle drei dasselbe Resultat
I) Aristoxenos, S. 2: „Die vor uns waren, wollten nur Harmoniker sein,
da sie sich nur mit der Harmonie beschäftigten (zijq aQ/xoviaq ijnrovxo (xovov)
und die übrigen Geschlechter unbeachtet Hessen.
Die griechische Mu9ik.
373
Ionisch
Phrvgiseh
E/ydisch
Vereinfacht
E3^Ü^^Ö=^Ü
*
^Efe^EEE^j
<S>
ä
-<3-
*— (
te
=t
±
#*
fe^i^fef
Wer nun seine sechssaitige Lyra (dergleichen auf alten Male-
reien vorkommen) in solcher Weise gestimmt hatte, konnte nach
dorischer Weise Melodien spielen, wie etwa folgende :
ft
=»^=5=i
=1
/t\
*-»-?:
3E3:
-&-
\
oder in der asiatischen (ionisch -pluygisch-lydischen) Stimmung
/TN
iü
Tongebilde, in deren erstem wir unser Moll, im andern unser Dur
sogleich wiedererkennen. Das war die alte, echte, dreisaitige, d. h.
statt Tetrachorden Trichorde ') anwendende Enarmonik des Olym-
pos, und wer in der unverfälschten alterthümlichen Weise musiziren
wollte, spielte oder sang in obiger Weise. Aber die manchen Sän-
gern, besonders bei ausdrucksvollen, weichen Stellen eigene, wenig
löbliche Manier, aus einem Ton in den andern nächstangrenzenden,
statt beide klar und fest anzugeben, vielmehr hinüberziehend,
wischend überzugehen, machte sich auch bei den Griechen geltend;
sehr möglich, dass ihnen Fortschreitungen in Vierteltönen, die für
die musikalische Halbcultur etwas besonders Reizendes haben und
im Orient noch heut als eine besondere Feinheit angesehen werden,
gleich den asiatischen Völkern schon aus den dunkelsten Zeiten
ihrer Musik her nichts Ungewohntes waren.
So sang man dorisch statt
hinüber/ziehend
— I (n-l — ä —
t) Tor/opde. yuQ ovxa. Plutarch de mus. IS.
374
und asiatisch statt
Die Musik der antiken Welt.
-~] — ^ — in ähnlicher Art
In dieser weichlichen, kraftlosen, schmelzenden Manier würden sich
ohige Melodiebeispiele also ausgenommen haben:
So entstand aus der Verweichlichung und V< runstaltung der
dorischen Tonweise das enarmonische , aus der asiatischen das chro-
matische Tongeschlecht. Nur auf diese Weise ist es erklärlich, wie
die Griechen, allmäüg an das öfter Gehörte sich gewöhnend, jene
sonderbaren, unmusikalischen, unmelodischen Fortschreitungen als
eigene Tongeschlechter gelten lassen mochten. Plutarch's Angabe,
„dass man in des Olympos Enarmonik das untere Tetrachordintervall
(<• /' — // c) erst in der Folge in zwei Vierteltöne gespalten habe,
dass wer in alterthümlicher Weise («^«mcö?) musiciren wolle, es
nicht thue", erhält dadurch ihre Bestätigung und wird nur auf solche
Weise verständlich. Ein anderer auffallender Umstand ist es, dass
sich in der für die diatonische Weise ganz consequenten Tonschrift der
(t riechen und in der Benennung der Töne für das chromatische und
enarmonische Tongeschlecht grosse Inconsequenzen und Ungeschick-
lichkeiten herausstellen, ein Beweis, dass die klar und consequent
durchgeführte diatonische Weise die eigentliche Hauptmanier der
Musik war, wie sie auch die natürlichste ist. Als man die beim
weichlichen Vortrage sich geltendmachenden Zwischentöne fixirte,
in 's System und in die schon für das diatonische Geschlecht ge-
regelte Notenschrift und Nomenclatur einreihte, entstand unvermeid-
lich jenes gegen die Klarheit und (Jonsequenz des Uebrigen unange-
nehm abstehende Flickwerk. Man darf dabei nicht vergessen, dass
die sogenannte Harmonie des Olympos auch diatonisch ist, eine dia-
tonische Scala mit Auslassungen der Paraneten. d. i. der zweithöch-
sten Tetrachordtöne. Erst durch jene Tonspaltungen wurde sie das,
was man dann chromatisch und enarmonisch nannte. *) Nur so er-
klären sich die Widersprüche, dass die alten Schriftsteller, wie Plu-
tarch und Aristides Quintilianus u. a. bald das diatonische, bald das
1) Ich gebe diese Darstellung getreulich nach der Auseinandersetzung
Friedrich Bellermann's in seinen „Tonleitern und Musiknoten der Griechen",
da ihre Klarheit und Anschaulichkeit wirklich nicht iitiertrotYen werden kann.
S. 24. 25.
Die griechische Musik. 375
enärmonische Tongeschlecht für das älteste erklären, dass sie
das chromatische und enärmonische Wesen bald gelten lassen,
oder gar höchlichst loben, bald es tadeln. J) Ersteres bezieht
sich auf die echte, alte Weise, letzteres auf die spätere, aus-
geartete, manierirte Singweise. So sagt Aristoxenos eine Melöpöie
mit weggelassenem Lichanos sei nicht nur nicht schlecht, sondern
beinahe die beste.2) Aristides3) und der von Friedrich Bellermann
herausgegebene Anonymus4) nennen das chromatische Geschlecht
mit halb tadelndem Ausdrucke üppig süss und weinerlich (ijdtaTov xäi
yoegör) und Aristoxenos meint, es werde von jenen Musikern ange-
wendet, die immerdar vor Süssigkeit zerschmelzen wollen {jfXvxni-
vsiv ml). Das enärmonische Geschlecht aber sei die schönste Weise
(a/sdoi' tj x«M«mj), und eben deswegen hiess sie vorzugsweise Har-
monie5), oder aber sie hiess so wegen des engsten Zusammenklingens
der drei untern „dichten" Töne des Tetrachordes ,- wogegen das
diatonische ( Geschlecht (das weit-tönige) vom weitereren Auseinander-
stehen der Töne, wo sich die Stimme kräftiger ausbreiten kann oder
weil es allein in (Ganz-) Tönen fortschreitet, und das chromatische
(farbige), weil es „so in der Mitte steht, wie die Farbe zwischen
Schwarz und Weiss."6) Das diatonische Geschlecht erklärt Aristides
für „mannhaft und strenge" (ctQuevomov xra aiat^QotBQöv)', das chro-
matische sei anregend (dn]yrjxiy.6v) und sanft (rpbov). 7) Dagegen er-
klärt Theon die gerühmte Enarmonie für höchst unmelodisch
(öva/.ie).ojöijTÖT((jor) und so überaus schwierig, dass man sie nicht leicht
anwende.8) Daher denn auch das diatonische Geschlecht mit Recht
für das nächstliegende (Troevßvxcaov) und natürliche (cpv&ütat^ov) galt,
welches allen, auch den in der Musik nicht eigens Unterrichteten
singbar ist (/.teloßrjöv eVn), nur musikalisch Gebildete vermögen die
chromatische Weise, welche schwieriger ist (xexvixarta.Tov)\ auszu-
führen, die enärmonische ist aber für die Meisten rein unmöglich,
nur den Gebildetsten zugänglich, da es insgemein für höchst un-
singbar {afteX&diftöv) gilt.9) Das weichliche, schmelzende chroma-
tische Geschlecht blieb bei dem hohen Ernste der Tragödie von
1) Aristid., II. S. 111.
2) Aristox., I. S. 23.
3) Aristid. S. 18.
4) Secfc, 26, S. 31.
•")) Ebend. %(>ixovlu jär ovv xaXstxm xb xolg (juxQOxdxoiq TtXsovdaav
öutax^fiaaiv , dito xov aw^QfiooQ-ai.
6) diäxovov ös xb xövoic. TtXeovd'Cov, ijtsiöy a<poÖQOX£QOV tj (pcovrj
y.az avtb ötaxslvsxai yyüj/na öh xb öl r](iixovl(DV avvxsivo/ievov' ojq ya.Q
xb fiezagi) Xsvxöv xal fieXavoq /qü/mc xaXelxai, ovtoj xal xb öia ftsoiov
dfitpolv d-eü)QOV(i£vov %f>ä>(ia itQOGeiQrjzai. Aristides I., S. 18. Und Nico-
machos, S. 25: Kai ex rovxov ys öiarovixbv xaXelxat tx xov TtQoycugetv
öuc twv xovojv avzb /wvojxuxov xcüv aXXoav.
7) Aristid., S. 111, Aehnliches im Syngramma, S. 30.
8) Theo. S. 88, der Autor citirt Solches als Meinung des Aristoxenos.
9) Aristoxenos, S. 19, Aristides, S. 19,
370 Die Musik der antiken Welt.
dieser ausgeschlossen1) und verschwand endlich ganz aus dem Ge-
brauch, eben so gerieth das enarmonische in Vergessenheit, so
dass Gaudentins versichert: „Das diatonische Geschlecht ist von
allen dreien das einzige, welches noch jetzt gesungen wird2)
und Viele wollten den kaum merkbaren Vierteltonschritt nicht ein-
mal für ein Intervall gelten lassen.3) Es ist eine blosse Phrase,
wenn die Schriftsteller den Verlust der Enarmonik bedauern. Es
gab übrigens auch Leute, die nach einem derben Ausdruck des
Aristoxenos „Galle spieen" (*/olrjs f'^lv), wenn sie einen enharmoni-
schen Gesang hörten." 4)
Jenes nahe Zusammendrängen der Töne im chromatischen und
enarmonischen Geschlechte, wonach die drei ersten Töne des Te-
trachordes nicht so viel Raum einnahmen, als der weitere Schritt
zum vierten und letzten Ton, heisst das „Dichte" (nvxvov) 5) , daher
das diatonische Geschlecht kein solches „Dichte" besitzt, vielmehr
das „weite" (agaiov) Geschlecht ist. Im chromatischen Geschlechte
umfasst das Pyknon einen Ganzton (z. B. // c eis) , im enarmonischen
einen Halbtou (z. B. //; // -f- ^4; c), während von da zum obersten
Tone des Tetrachords der Zwischenraum im Chroma IV2 Töne,
in der Enarmonik zwei Töne ausmacht. Die tiefsten Töne des
Pyknon, also die Lichanoi, hiessen die hochdichten (6$vnvxroi), die
Triten hiessen mitteldicht (iiwonvxvoi) , die Hypaten hiessen „tief-
dicht" (ßaqvnvy.roi). Die ausser dieser Verbindung stehenden drei
Töne Proslambanomenos, Nete synemmenon und Nete hyperboläon
hiessen „nicht dichte" (anvxvot). Der höchste Ton des nächstfolgen-
den verbundenen Tetrachords war natürlich wieder „tiefdicht" u. s. w.
Im Systeme selbst wurden, wie man schon aus der Beibehaltung der
Tetrachorde sieht, die Viertel- und Halbtöne nicht etwa in fort-
schreitender auf- oder absteigender zusammenhängender Reihe
geordnet, also nicht z. B. a, X n § a, h X //, r, X c § c u. s. w. 6),
sondern es bestand die Tonleiter, wie im diatonischen Systeme,
aus 18 Tönen, oder, wenn das Tetrachord synemmenon weggelas-
sen wurde, aus 15 Tönen, die Namen der unantastbaren Tetrachorde
1) Plut. de mus. 20.
2) Gaudentius , S. 0.
3) Aristides, S. 19: Aiu %r\v avtSv (der Vierteltüne) «o&tvzw.v.
4) Plutarch, Problem., VII. Buch, No. 8. Qnaenam potissimum aci-oa-
ninta ooenae sint adhibenda.
5) Es wurde im Gegensatze gegen den vierten , höchsten Ton des Tetra-
el
rov
t« ovo öiacrmiara
0) Doch zählt Nicomachos, II. 39 die Töne wirklich nach dem Systeme
geordnet, in solcher Art auf, wodurch letzteres von 18 auf 28 Töne erweitert
wird: Proslambanomenos, Hypate hypaton, Parypate hypaton, Hypaton en-
armonios, Hypaton chromatike, Hypaton diatonos. — Hypate
meson. Parypate meson, Meson enarmonios u. s. w.
Die griechische Musik.
377
blieben für alle drei Geschlechter dieselben, ja sogar auch die Na-
men der Töne.
Die oben als Repräsentantin des „unveränderlichen Systems",
angesetzte Tonreihe (die hypolydische Scala) sieht in den drei Ge-
schlechtern also aus:
Enarmonisch.
Chromatisch.
Diatonisch.
<#K>
apyknos ^Ji
bary" (gl
oxy- \ •■
u
b.
in.
o.
m.
o.
apyknos
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meao- \
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Nete
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Paranete en-
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Hypate
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Parypate
Lichanos
chromatikos %.
Hypate
Parypate
Lichanos
chrom.
Mese
Trite
Paranete
chrom.
Nete
Paramese
Trite
Paranete
chrom.
Nete
Trite
Paianete
chrom.
Nete
&LL
k
|%J_L
TT"»I
1-iSW I
T Ö
TT»
Proslambanomeiio»
Hypate
Parypate
Lichanos
diaton.
Hypate
Parypate
Lichanos
diaton.
Mese
Trite
Paranete
diaton.
Nete
Paramese
Trite
Paranete
iliaton.
Nete
Trite
Paranete
diaton.
Nete
X
«<
c
X
378 Die Mnsik der antiken Welt.
Die charakteristisch veränderten Liehanos und Paraneten wer-
den, wie man sieht, durch den Beisatz: „enarmonisch-, chromatisch-,
diatonisch" unterschieden. Hier zeifft sich nun aber der Missstand.
Derselbe Name bezeichnet ganz verschiedene Töne. Die Parypaten
und Triten treffen im diatonischen und chromatischen Geschlechte
zwar auf einerlei Ton , aber im enarmonischen heisst derselbe Ton
„enarmonischer Liehanos" oder „enarmonische Paranete". DiePary-
pate oder Trite im enarmonischen Geschlechte bezeichnet gegen
dergleichen Namen in den zwei anderen Geschlechtern eine um
einen Viertelton tiefere Stufe: dagegen Liehanos (oder Paranete)
chromatisch um einen Halbton höher ist als im enarmonischen, itm
einen Halbton tiefer als im chromatischen. So fällt also der gleiche
Name Liehanos (oder Paranete) auf drei ganz verschiedene Töne,
z. B. c, eis, d , oder a, ais, h u. s. w.
Neben diesen drei Klanggeschlechtern nahmen die" Theoretiker
noch zwei andere an : ein „gemischtes" (/jixtov) und ein „gemein-
schaftliches" (xoow)1); dem gemeinschaftliehen Geschlechte gehörte
ein aus den stehenden, in allen drei Geschlechtern unverändert vor-
kommenden Tönen zusammengesetzter Gesang an, das gemischte
Geschlecht vereinigte die Eigenheiten des diatonischen, chromati-
schen und enarmonischen Geschlechtes, oder doch zweier davon,
z. B. des diatonischen und chromatischen, oder des diatonischen
und enarmonischen. In diesem Mischgeschlechte ergaben sich also
in der Tonreihe, z. B. A, folgende Schritte
./, // X //, c £r, (IcX e /'§/' y n
Lässt man die Vierteltöne bei Seite, und berücksichtigt nur
die in der Octave von A bis a enthaltenen Halbtöne, so ergibt sich
die Reihe
— &> :& *— fr 1 1 ! ' '
Man sieht, dass die Töne dis und gis nicht vorkommen, und dass der
für unsere Musik so wichtige Satz: „die Octave werde in zwölf halbe
Töne eingeteilt", der griechischen Musik in den Systemen fremd
Avar. Dagegen kommen die hier fehlenden Töne dis und yis in den
Transpositionen obiger Tonreihe (auf welcher die Tonarten beruhen)
allerdings vor, wie denn die Griechen dafür auch ihre Tonzeichen
hatten. Dagegen fehlen z. B. in der mit H beginnenden Tonreihe
//, Cis, (I, dis e, fis y, yis, a h
wieder die Töne Eis und Ais. Und so in jeder andern Tonreihe.
Dass aber die Octave an sich genommen zwölf Halbtöne enthalte,
1) Aristoxenos, S. 44. Euklid, S. \\. Nicomach us, S. 27.
Die griechische Musik. 379
wüssten die Griechen recht gut. Aristides Quintilianus stellt das
„durch die Hemitonien (Halbtöne) vermehrte Diapason (Octave)"
in der Tonreihe
(/) flsi !/■> 9*st n '■> (l'si I' - cj ''*') ^5 ^'v' ''■> I
dar1), und das System des Aristoxenos beruhte auf der Emtheilung
der Octave in zwölf gleiche Halhtöne.
In naher Beziehung zu den Geschlechtern standen drei Arten
von Ueb ergangen , welche Eklysis, Spondeiasmos und Ekbole
hiessen, und von welcher Aristides Quintilianus erklärt, dass sie
den „Alten" (ro/c -nakmolc) zur Unterscheidung der Harmonieen
(Geschlechter) gedient haben : „Eklvsis heisst das Herahstimmen
um drei verbundene Vierteltöne, Spondeiasmos wird das Hinauf-
stimmen um eben dieses Intervall genannt, Ekbole ist das Hinauf-
stimmen um fünf Vierteltöne.''2) Zum Verständnisse dieses Vor-
ganges denke man sich ein enarmonisch.es Tetrachord, z. B.
- — & — *# *
Wurde nun die Trite um drei Vierteltöne, d. i. nach f'ts hinaus ge-
stimmt, so ergab sich die Tonreihe
#iüsgi^i=püä
das heisst: Das Tetrachord wurde chromatisch. Somit war der
Spondeiasmos der Uebergang vom Enarmonischen in's Chromatische.
Das umgekehrte Verfahren, die Eklysis, d. i. das Herabstimmen
von f'is nach dem um einen Viertelton erhöheten e machte das chro-
matische Tetrachord enarmonisch. Stimmte man den Ton wieder
um fünf Vierteltöne in der Ekbole hinauf, so stellte sich
T
y — &-
F==F^
±t-
-
"gg •
<5>
das diatonische Tetrachord heraus. Es «rentierte also das Umstimmen
einer einzigen Saite, und dass die Griechen mit ihrer Anstelligkeit
diese einfache, schnelle Manipulation wirklich herausgefunden haben,
wird eben durch den Umstand bewiesen, dass sie dafür jene beson-
deren Kunstausdrücke besassen.3) Die Erfindung dieses praktischen
Kunstgriffes wurde dem Polymnestos zugeschrieben, oder doch wenig-
1) S. 15. Die Tonzeichen (des Gesanges) dafür sind: X <P T C II 0
M K I H Z r. Die von Pherekrates dem milesischen Timotheos vorgewor-
fene „Zerspaltimg der Musik in zwölf Töne" war vielleicht dasselbe, bezog
sich aber vielleicht auch auf Tonarmen.
2) Aristid., 1. S. 27 vergl. auch Bacchius, S. 1 1 .
3) Vergl. darüber Friedrich Bellermann : Die Tonleitern und Musiknoten
der Griechen, S. 81.
380 Die Musik der antiken Welt.
stens eine viel geschicktere Anwendung desselben, als vor ihm
bekannt gewesen war. *)
Die Töne und Tonverhältnisse waren übrigens ein Gebiet,
auf dem sich die antike Musiklehre „zu eigener Qual verdammte."
Nicht zufrieden mit den Feinheiten der Enarmonik und Chromatik,
brachten die Schrifsteller in die Diatonik und Chromatik noch so-
genannte Färbungen (xqöni), welche auf verschiedener höherer oder
tieferer Stimmung der einzelnen Töne innerhalb der Quarte bestan-
den. So zeigte z. B. das syntonisch- diatonische die Fortscheitun-
gen I/2, 1, 1. Dagegen das weiche diatonische (fia).ax6v) 1/2, 3/4,
lxl\ u. s. w. Gaudentius, Aristoxenos, Euklid, Ptolemaeus u. s. w.
machten sich mit diesen Feinheiten zu schaffen, die für die Praxis
von keinem Nutzen sein konnten.2)
V. Die Tonarten der griechischen Musik.
Die mächtigen Aenderungen, kraft deren die griechische Musik
eine innere Entwickelungsgeschichte durchmachte, zeigen sich kaum
auf einem anderen Gebiete so auffallend, wie auf jenem der Ton-
arten {tqÖtioi oder auch tovoi). Insofern jedem Musikstücke ein
gewisses Tonsystem zu Grunde liegt, aus dessen einzelnen Tönen
jenes zusammengesetzt ist, insofern der Ton, auf den das Ton-
system als auf ein Fundament gebaut ist, auch als der in dem
Musikstücke vorzüglichst zur Geltung kommende auftritt, von dem es
ausgeht, sich in Nebentönen (die wieder nach dem Masse ihrer Wich-
tigkeit besondere Einschnitte und Ruhepuncte bilden) bewegt, und
zu jenem Haupttone zurückkehrend sich auf diesem beruhigt und
darin seinen Abschluss findet, trägt es die Kennzeichen jenes Ton-
systems an sich, welches ihm hier als Tonart seinen Charakter,
seine Eigen thümlichkeit gibt, ja, welches dem Tonstücke gleichsam
den Körper baut und die Glieder rundet. In den allerältesten Zeiten
galten seltsam missgeformte Tonsysteme als Tonarten, von denen
wir nicht wissen, wann und wie sie ausser Gebrauch kamen,
von deren Existenz wir keine Ahnung hätten, wäre uns nicht in
Aristides Quintilianus eine beiläufige Notiz darüber erhalten. Diese
ältesten Bildungen bezeichnen die erste Periode der griechischen
Tonarten. In der zweiten Periode kamen sieben Tonarten in
Gebrauch, die auf Octavenreihen beruhten, das heisst auf einer
und derselben Mollscala
A, //, c, tl, e, /", g, a
1) Plut. t\c mus. 29: IIo?.v/AväaToj 6h - — xal rt/v txkvoiv y.td r/}r
t'xßo?Jjv 7io kv fiei^o) TteTtOirjXhvai <paalv avzov.
2) S. Anhange zu S. 316.
Die griechische Musik. 381
von der ein Ton nach dem andern zum Anfangspunkte genommen
und die Tonreihe ohne einen der Zwischentöne durch Er-
höhung oder Erniedrigung zu ändern bis zur höheren Octave
fortgesetzt wurde.1) Die dritte Periode, etwa mit dem 4. Jahr-
hundert v. Chr. beginnend, transponirte dieselbe Mollscala:
./, //, c, d, e, f, y, a
welche den Octavenreihen (Octavengattungen , Species diapaso/i,
etöjj öiunöcrcov) zu Grunde gelegt werden, nach einander aufdiezwölf-
Halbtöne, in welche sich die Octave theilen lässt. Während wir,
wie bekannt, das ähnliche Verfahren mit zwei Scalen, der Moll-
und Durscala vornehmen, wurde bei den Griechen nur die Mollscala
in ihrer relativen Tonhöhe einer Veränderung von Stufe zu Stufe
unterzogen. Da nun unter den Octavenreihen die eine (lydische)
unserer Durscala und eine andere (die hypodorische) unserer Moll-
scala entspricht, so beruhen unsere Tonarten gleichsam auf einer
Zusammenfassung der Operate der zweiten und dritten Periode der
griechischen Tonarten, und die Kirchentöne des gregorianischen
Gesanges fallen gar mit den griechischen Octavenreihen der zweiten
Periode zusammen. Aber in der Durchbildung und den Consequen-
zen zeigt es sich, dass die griechischen Tonarten von den unseren
und den Kirchentönen doch im Wesen verschieden, dass sie etwas
Eigenes und Fremdartiges sind. Scharfsinnig durchgeführt, tief-
sinnig begründet, verdienen sie in ihren Eigenthümlichkeiten eine
der anziehendsten Partien griechischer Musik zu heissen.
Wie ein Block unförmlichen Urgesteins, der mitten im blühen-
den, wohlaugebauten Lande zu Tage stösst, nehmen sich jene ur-
alten Tonreihen aus, deren mitten in der Darstellung des geklär-
ten, geordneten Systems Aristides Quintilianus erwähnt. „Es gibt,"
sagt er, „noch andere tetrackordisehe Eintheilungen , deren sich
die allerältesten Musiker (ol nävv nalaioiaioi) zu ihren Harmonien
bedienten, welche zuweilen das ganze Octachord ausfüllen, zuweilen
mehr als das System von sechs Tönen, zuweilen auch weniger.
Denn sie wendeten nicht immer alle Töne an, wovon ich die Ur-
sache später sagen werde." Leider hält Aristides nicht Wort. Nach
seiner weiteren, in Worten und Tonzeichen gegebenen, Erklärung,
setzten jene ältesten Musiker das Lydische (i-vöiov didaDjfia, es soll
wohl heissen avatiifia) :
Diesis, Ditonus, Ton, Dieses, Dieses, Ditonus, Diesis,
V«, 2, 1, */*, V*,. 2, t/4,
zusammen sechs ganze Töne, d. i. eine Octave.
1) Unter den älteren Theoretikern gab sich mit Anordnung der Intervalle
nach den Octavenumläufen vorzüglich Erastokles ab. Siehe Aristoxenos,
I. S. 6.
382 Die Musik der antiken Welt.
Dorisch: Ton, Diesis, Diesis, Ditonus, Ton, Diesis, Diesis, Ditonus,
*> V*. Vi, 2, 1, i/4, i/4, 2,
zusammen sieben ganze Töne, cl. i. eine grosse None.
Phrygisch: Ton, Diesis, Diesis, Ditonus, Ton, Diesis, Diesis, Ton,
*> Vi, Vi, 2, 1, 1/4, Vi, 1,
zusammen sechs ganze Töne, eine Octave,
lastisch (ionisch): Diesis, Diesis, Ditonus, Trimitonium, Ton,
Vi, V4, 2, l'/2, 1,
zusammen fünf Töne, d. i. eine kleine Septime.
Mixolydisch: Diesis, Diesis, Ton, Ton, Diesis, Diesis, drei Töne,
Vi, Vi, i, i, Vi, Vi, 3,
zusammen sechs Töne, eine Octave.
Syntonolydisch: Diesis, Diesis, Ditonus, Trimitonium, Ditonus,
Vi, Vi, 2, 1V2, 2,
zusammen sechs Töne, eine Octave.
Diese Tonreihen sind, wie man sieht, durch verschiedene Combi-
nation der Intervalle innerhalb der Grenzen einer Octave (beim
Lydischen, Phrygischen, Mixolydischen und Syntonolydischen) einer
None (Dorisch) oder Septime (lastisch) entstanden. 1)
Aristides stellt diese monströsen, nach seiner Angabe allcr-
äl testen Tonreihen hin, ohne ihre Erklärung zu geben, oder auch
nur zu versuchen. Es macht beinahe den Eindruck, als wolle er
nichts weiter denn durch eine verwunderliche Antiquität in Ver-
legenheit setzen. Diese unnatürlichen Fortschreitungen durch winzig
kleine und dazwischen wieder übertriebene grosse Schritte, durch
Vierteltöne und Terzen, müssten als sinnlose Producte reiner Will-
kür erscheinen, wenn sich nicht noch glücklicher Weise die natür-
liche Grundlage erkennen Hesse, aus der sie durch Verschiebung
und Zusammendrückung der Töne entstanden sind. Diese natür-
liche Grundlage ist die diatonische Scala, deren Kenntniss und
Existenz sie so unbedingt voraussetzen, dass man ohne Weiteres
Aristides anklagen muss, in seinen „ältesten" Tonarten eine unvoll-
ständige Darstellung gegeben, und nur das enarmonische Geschlecht
berücksichtigt zu haben.
Die älteste griechische Lyra war ein Tetrachord, und konnte
in jede der drei nach der Stellung des Halbtones unterschiedenen
Quartengattungen gestimmt werden. Als man aber sieben-, acht-
und neunsaitige Lyren zu gebrauchen anfing, so galt es, die hinzu-
gekommenen Saiten in passender Weise zu stimmen. Das einfachste
war, die Quartenreihe wiederholen2), also
1) Vergl. Bückh, de metr. Find. S. 237.
2) Ebend. S. 215.
Die griechische Musik. 383
e, /', g, a * li c d r
d e f g * a h c d
c, d e f * g (i h c
Dadurch waren Octavenreihen gewonnen, welche in der That den
ursprünglichen drei Tonarten entsprechen. Die Reihe von e bis r,
hiess dorisch, die Reihe von d bis d hiess phrygisch, die Reihe
von c bis c, hiess lydisch, oder richtiger, da es aut' eine absolute
Tonhöhe nicht ankam, so hiess eine Stimmung von
1 1 dorisch
Va 1 phrygisch
1 '/2 lydisch.
Wo die zwei Tetrachorde aneinander grenzen, zwischen dem höch-
sten Ton des tiefern, und dem tiefsten Ton des höheren Tetrachordes
(oben zwischen a, h\ g, a; j\ g), zeigt sich jenes Intervall eines
ganzen Tones, dass die zwei Tetrachorde trennt und darum, wie
wir schon hörten: diazeuktischer Ton, Trennungston heisst.
Nun hatte, wie wir wissen, Terpander eine siebensaitige Lyra,
deren Stimmung folgende war1):
Hypate, Parypate, Lichanos, Mese, Paramese, Paranete, Nete,
Vi 1 * iVi 1 1 _
e f g a c d e
In dieser Octavenreihe fehlt der Ton //, und sie beruht nicht auf
zwei symmetrisch wiederholten Tetrachorden. Pythagoras hatte
seine Lyra mit acht Saiten bezogen. Das Octachordon des Pytha-
goras hatte den bei Terpander fehlenden Ton eingeschaltet, bestand
also aus den Tönen :
Hypate, Parypate, Lichanos, Mese, Paramese, Trite, Paramete, Nete,
V, 1 11 Vi _ 1 _ 1 _
c /' g a * /> r d e
welche sonach die zwei symmetrisch wiederholten durch den dia-
zeuktischen Ton getrennten Tetrachorde enthielt. Diese Octaven-
reihe ist zugleich, wie man sieht, die älteste, ehrwürdige, dorische
Tonleiter in diatonischer Forin. Nach Boethius2) soll Lykaon von
Sani os den ausgelassenen Ton (A) in die Reihe einbezogen haben,
was Böckh dahin zu vereinigen sucht, dass Lykaon das Octachord
1) Böckh, a. a. 0., S. 205.
2) Boethius, de mus. I. 20.
3g4 Die Musik der antiken Welt.
vervollständigt, Pythagoras die Intervalle dieser Octavenreihe be-
rechnet habe.
Eine sinnreiche Erklärimg des Terpander'schen Heptachordes
gibt Otfried Müller. „Unter Terpander's Erfindungen," sagt er,
„steht die siebensaitige Kithar oben an. Die älteren griechischen
Sänger hatten zur Begleitung ihrer Stimme nur eine viersaitige
Kithar, das Tetrachord, und dieses Instrument Avar so verbreitet,
und in solchem Ansehen gewesen, dass das ganze System der Musik
immer auf das Tetrachord gegründet blieb. Terpander war der
erste, der diesem Instrumente drei Saiten zusetzte. Die Saiten des
Tetrachords waren so gespannt, dass die beiden äussersten in dem
Verhältniss zu einander standen, welches die Alten Diatessaron,
die Neuem die Quarte nennen, und welches im Wesen darauf be-
ruht , dass die untere Saite in demselben Zeittheile dreimal vibrirt,
in welchem die obere vier Vibrationen macht. Zwischen diesen
beiden Saiten, welche den Hauptaccord dieses einfachen Instrumen-
tes bildeten, waren zwei andere gespannt, und zwar in der ältesten
Einrichtung der Tonleiter, welche das diatonische Tongeschlecht
genannt wird, auf solche Weise, dass die drei Intervalle zwischen
diesen vier Saiten zweimal einen ganzen Ton und an der dritten
Stelle einen halben Ton betrugen. Dies Instrument erweiterte
nun Terpander so, dass er an das eine Tetrachord ein an-
deres anfügte, jedoch nicht auf die Weise, dass der höchste Ton
des unteren Tetrachords der tiefste des oberen wurde, sondern so,
dnss zwischen den Tetrachorden ein Intervall von einem Tone blieb.
Auf diese Weise würde aber die Kithar acht Saiten erhalten haben,
wenn nicht Terpander die dritte Saite des oberen Tetra-
chordes, die ihm von geringerem Belange geschienen
haben muss, weggelassen hätte. Dadurch erhielt nun das
Terpander'sche Heptachord den Umfang einer Octave, oder, nach
griechischem Ausdrucke, eines Diapason, indem der höchste Ton des
oberen und der tiefste des unteren Tetrachords eben dieses Verhält-
niss bildeten, das, unter allen das einfachste, indem es auf der
Proportion von 1 zu 2 beruht , auch von den Griechen bald als der
Grund -Accord erkannt wurde. Zugleich steht der höchste Ton des
oberen Tetrachords zum höchsten des unteren im Verhältniss der
Quinte, deren arithmetische Bezeichnung 2:3 ist, und überhaupt
waren die Töne ohne Zweifel so geordnet, dass die einfachsten Con-
sonanzen nach der Octave, die Quarten und Quinten das Ganze be-
herrschten. Daher das Terpander'sche Heptachord auch lange in
Ehren blieb, und noch von Pindar gebraucht wurde, wiewohl da-
mals schon von Andern die fehlende Saite ergänzt und ein Octachord
daraus gemacht wurde." l)
1) Otfried Müller, Gesch. d. gr. Lit, 2. Aufl. 1. Bd. S. 270.
Die griechische Musik. 3S5
Diese skizzirte Auseinandersetzung Otfried Müller's bedarf nur
einiger retouchirender Züge, um mit überraschender Lebendigkeit
hervorzutreten. Was vorerst die Annahme betrifft, dass die älteste
Stimmung des Tetrachords wirklich aus Fortschreitungen wie
1 2) lj 1 oder 1, 1j'.2, 1 oder 1,1, \ 2 beruhte, so hat sie viel Glaub-
würdiges, wenn man erwägt, dass die drei Urtonarten der Griechen
(dorisch, phrygisch, lydiscb) aus der Wiederholung jedes dieser
Tetrachorde oberhalb des zwischen beiden liegenden Trennungs-
tones (des diazeuktischen) Tones entstanden sind. Die Zeugnisse,
welche das alte Tetrachord des Orpheus in der Stimmung der Prime,
Quarte, Quinte und Octave schildern, haben wenigstens den einen
Umstand gegen sich, dass sich so gut wie nichts Ansprechendes
daraus zusammenstellen lässt, und ein solches Tetrachord nur dazu
geeignet ist, dem Sänger den Ton anzugeben, und ihn im Tone zu
erhalten. Dagegen lässt ein diatonisches Tetrachord , z. B. c, d, e, /'
allerdings mannigfache melodische Combinationen zu. "Wie Polygnot
mit nur vier Farben malte, können die alten Aöden immerhin mit
nur vier Tönen gesungen haben. Die griechische Melodie scheint
überhaupt durch alle Folgezeit eine Neigung behalten zu haben, sich
zwischen vier Tönen ganz oder doch in den einzelnen Melodie-
gliedern zu bewegen.1) Die Stimmung des Terpander'schen Hepta-
chords wäre nun nach Otfried Müller :
1 1 V« * I IV«
=1:
ö=d=3=*==t
— i — ^ — I — 0 —
-.J. — ä — * — =^=^~
( Ursprüngliches Tetrachord) (Zusatz Terpander's)
Das ist genau die lydische Scala mit Weglassung des vorletzten
Tones h. Wirklich ist Terpander durch die saitenreichere Pektis,
die er bei den Gastmahlen der Lydier hörte, auf den Gedanken
gekommen, der gar zu einfachen viersaitigen Lyra noch drei Saiten
beizufügen. Hiernach hätte er, um eine entsprechende Stimmung
1) Andeutungen davon finden sich selbst noch in den christlichen grego-
rianischen Gesängen. Beaulieu unterzieht in seiner Schrift die erhaltene altgrie-
chische Pindar'sche Ode /jjvata (poQ/uyg einer Vergleichung mit der Präfation
und dem Te Deum. Auch in den Kirchenmelodien des Magniricat u. s. \v. , so-
gar im Ton des Psalmodirens
Primi toni. ^
-& — i — a \?<°' — 0 — & — <s — » — -* <g
Di - xit Do-mi-nus Do - mi - no nie
. _(S — s, — & — _
■ — I — I p-
se - de a dex-tris me - is.
ist diese Einrichtung des Tetrachordes (/| </, u, b) bemerkbar.
Ambro s, Geschichte der Musik. I. *D
386 Die Musik der antiken Welt.
für die neu zugesetzten drei Saiten zu finden, das lydische Tetra-
cliord wiederholt 1, 1, l/2, und dabei lieber den siebenten als den
achten Ton (lieber // als c) weggelassen, um nicht die äusseren
Saiten der Lyra in die barsche, beunruhigende grosse Septime c — //
zu stimmen, sondern durch die wohlklingende Octave c — c mit ein-
ander in ein consonirendes, den Tonumfang wohl abgränzendes Ver-
hältnis* zu setzen. Wurde nun das Terpander'sche Heptachord
dorisch umgestellt (und wir wissen, dass der wichtigste Schauplatz
seines AVirkens das dorische Sparta war), so ergab sich die Scala:
Hier klaffte die Lücke, die kleine Terz zwischen a und c unan-
genehm genug, der diazeuktische Ton verschmolz mit dem das
zweite Tetrachord beginnenden halben Ton. Mit dem // fehlte
überdies die zweitwichtigste Consonanz des Grundtones, es
fehlte die Quinte. Natürlich also, dass Lykaon oder Pythagoras
diesen Ton noch einschaltete. Durch den eingeschalteten Ton
wurde die Paramese aus der Nachbarschaft der Mese weggedrängt
und erhielt den Namen Trite, dafür wurde der neue Ton Para-
mese. Nicomachus sagt: Pythagoras habe den Zusatzton zwischen
Mese und Paramese eingeschaltet, so dass er gegen Mese einen
ganzen, gegen Paramese einen halben Ton bildete, also
i V.
Mit dieser seiner Angabe geräth Nicomachus seihst in Widerspruch,
wenn er sagt, Pythagoras habe den einen Ton beigefügt, damit der
Mittelton (y.i(rtf) nach beiden Seiten hin nicht blos eine Quarte bilde,
sondern neben der Quarte nach der einen Seite, auch nach der an-
dern Seite hin eine Quinte gehört werde, wodurch nicht allein Ab-
wechsluno-, sondern auch ein vollkommener Abschluss der Tonreihe,
durch eine Consonanz, die Octave, gewonnen worden sei.1) Wäre
diese Angabe richtig, so hätte Pythagoras nothwendig das obere e
und nicht das mittlere h beifügen müssen.
1) Nicomachus, I. S. 9.
Die griechische Musik.
3S7
Nicomachus vergisst dabei ferner seine weitere Angalte, dass schon
die ältesten Musiker die Octave kannten und Harmonie nannten.
Das Octachord enthielt sonach die Zusammensetzung der
Quarte und Quinte, welche der Octave zu Grunde liegt, und zu-
gleich als wesentliche Einschnittpunkte die drei von Pythagoras an-
erkannten Consonanzen Quarte, Quinte, Octave. Die dorische
Tonleiter in den drei Klanggeschlechtern hatte also folgende Gestalt,
wobei der tiefste Ton als Zusatzton des Enneachords anzusehen ist:
Diatonisch
Chromatisch
Enarmonisch
Die Intervallfortschreitungen der enarmonischen Reihe sind nun:
i, 74, V4, 2, 1, v«, V«, 2
und, siehe da, es ist jene allerälteste dorische Tonreihe des Ari-
stoxenos.
Wird die phrygische diatonische Scala d, c, j\ _</, a, //, c von der
Parypate anfangend (d. i. demselben Ton, der in der dorischen Hy-
pate oxytera war) enarmonisch umgebildet,
so zeigt sich wieder die Intervallfolge jener ältesten phrygischen
Scala, aber freilich auch die Irregularität, däss im höheren Tetra-
chord der letzte Schritt statt der richtigen grossen Terz, welche die
enarmonische Folge verlangt, nur ein Ganzton ist, aus dem leicht
einzusehenden Grunde, Aveil die Enarmonisirung bei der Parypate
25*
•JS8 Die Musik der antiken Welt.
statt bei der Hypate anfangt, und weil bei Ansatz der grossen Terz
(c) zum Schlüsse jeder Unterschied zwischen der dorischen und phry-
gischen Scala wegfiele; endlich, weil der schliessende Ganzton-
schritt die Reihe mit der Octave des tiefsten Tones (//) beendet.
Am seltsamsten erscheint die Enarmonisirung der lydischen Scala,
welche mit Lichanos beginnt, d. i. mit demselben Tone, der im dori-
schen Hypate oxytera, im phrygiscben Parypate war, und bei dem
auch dort die Enarmonisirung anfängt:
oder durch Umstellung der Stufen
1 + 1
74 2 1 7< 74 ~ 74
X e /' a h li c e X c
wodurch die Intervallfolge jener ältesten lydischen Scala zum Vor-
schein kommt. Obwohl also nicht willkürlich und obwohl aus dem
diatonischen System hervorgegangen, sind diese Scalen doch ent-
schiedene Missbildungen, welche nur zu einer Zeit entstehen konn-
ten, wo man die Gesetzmässigkeit der Fortschreitungen der Töne
noch nicht ergründet hatte. Das an der dorischen Tonleiter dafür
gefundene, dort noch erklärliche, und wenigstens nicht absurde
Schema wurde, wie man sieht, auf die phrygische, lydische u. s. w.
leider äusserlich angepasst und hatte nun jene wunderlichen Ver-
zerrungen zur Folge. Hierin liegt aber eine nicht zurückzuweisende
Bestätigung: erstlich, dass das diatonische Geschlecht, wie es das
natürlichste ist, auch das älteste war, trotz aller Gegenversicherun-
gen alter Autoren ; denn um die phrygische und lydische Scala so
zu enarmonisiren, musste sie vorerst in der diatonischen Form zur
Hand sein; zweitens, dass die dorische Tonleiter die ursprüng-
liche, die eigentlich griechische war, weil von ihr das Schema zur
Enarmonisirung der andern hergenommen worden. Man hat also
jene missgebildeten, unmelodischen naturwidrigen Scalen doch
jedenfalls als ein wichtiges Durchgangs- und Bildungsmoment in
der griechischen Musikgeschichte gelten zu lassen.
Es ist, und zwar speciell in der Musikgeschichte, oft genug
ausser Acht gelassen worden, dass die griechische Kunst nicht, wie
die geharnischte Pallas aus Zeus' Haupte, mit einem Schlage fertig
und gerüstet hervorsprang, sondern in langer Entwickelungsge-
Die griechische Musik. 389
schichte wechselnde Phasen durchlief. Der Kunstfreund, der sich
in begeisterte Anerkennung der anmuthigen Sculpturwerke eines
Praxiteles oder Skopas ergiesst, würde, wenn man ihm unvermuthet
die Selinuntische Medusa entgegenhielte, diesem Fratzenhilde ver-
mutlich die mythologische Ehre anthun davor zu erstarren. Noch
der Apollo von Tenea steht gespreizt gleich einem Sumpfvogel da,
und ist mit seinen flachliegenden Augen, seiner spitzen Nase und
seinem dumm lächelnden Munde nichts weniger als schön. Und
doch kann die Kunstgeschichte mit vollem Rechte nachweisen, dass
diese Glieder die ersten Spuren jener Durchbildung zeigen, welche
später Götter- und Heldenleiber zu schaffen vermochte, dass aus
diesem maskenhaften Gesichte ein Familienzug auf die Aegineten
und von diesen auf die Centaurenbekämpfer der Parthenonmetopen
übergegangen ist. Die ältesten Vasenbilder sind für den ersten
Blick lächerliche oder abscheuliche Karikaturen, aber ein zweiter
Blick lehrt, dass ein eigentümliches Lebensgefühl sie durchzuckt,
und man begreift, dass sich aus solchen Anfangen endlich die
Kunst eines Polygnot und Apelles entwickeln konnte. So mochte
denn auch die Musik mit ungestalten, ja widerwärtigen und ver-
zerrten Anfängen auftreten. Forkel sagt bei Gelegenheit der alten
Enarmonik des Olympos, „dass in der alten Enharmonik wahr-
scheinlich noch kein solches Tonverhältniss vorhanden gewesen sei,
welches sich mit den Tonverhältnissen der Neueren oder irgend eines
alten noch vorhandenen Volks vergleichen lasse. So ist es noch
jetzt mit den Tonleitern aller halbkultivirten Völker beschaffen.
Die Intervalle ihrer Tonleitern sind alle von der Art, dass sie von
europäischen Künstlern mit europäischen Tonzeichen nicht geschrie-
ben werden können und von den Proben, welche uns einige Rei-
sende z. B. von der Musik der Südseeinsulaner gegeben haben, wird
versichert, dass sie in unseren Noten nur ohngefähr das bedeuten,
was sie in den Kehlen und auf den Instrumenten dieser Völker
wirklich sind. Ebenso sind auch noch jetzt die Volksgesänge in
verschiedenen Gegenden Deutschlands, z. B. im Westphälisehen be-
schaffen. Sie lassen sich auf keine Weise auf unsere gebildete
Scala anwenden, oder mit unseren Noten schreiben, und sind blos
durch Tradition, wer weiss, durch wie viele Jahrhunderte von Ge-
neration zu Generation fortgepflanzt worden, ohne in ihrer ursprüng-
lichen sonderbaren Beschaffenheit sinnige Veränderung zu leiden
oder etwas musikalischer zu werden." ')
Durch Wiederholung des Tetrachordos entstanden, wie wir
sehen, Octavenreihen. Kannte man einmal die Tonreihe r, f, g, a,
/>, c, (I (die dorische), so lag es nahe, die Octavenreihe auch von
der zweiten Stufe /", von der dritten Stufe g u. s. w. anfangen zu
I) Forkel, Gesch. d. Mus., I. B S.
390 Die Musik der antiken Welt.
lassen und die Töne bis zur höheren Octave des gewählten Grund-
tones fortzuführen. In der Anordnung der Grundtöne
a g /' e d^lTll (./)
nahm der Stammton der dorischen Keihe gerade die Mitte ein, drei
andere Stammtöne über sich, drei unter sich, und die Anordnung
selbst ergab wieder eine Octavenreihe (a — ^-/), welche unter dem
Namen der hypodorischen Tonreihe bekannt war.
Auf dieser Operation beruhen die älteren griechischen Ton-
arten, welche zugleich Octavengattungen sind. Es liegt dem ein-
fachen Sinne näher, dieselbe Tonreihe siebenmal jedesmal von
einem anderen Tone anzufangen (zumal wenn man zum Esperimen-
tiren nur ein Instrument mit unveränderlich klingenden Saiten, wie
die Lyra, zur Hand hat), als dieselbe Tonreihe zu transponiren und
darnach das Instrument mühsam umzustimmen. Die transponirte
Mollscala, auf welche die späteren dreizehn (oder fünfzehn, richtig
zwölf) griechischen Tonarten gebaut waren, kam wirklich erst im
4. Jahrhunderte v. Chr., das ist zur Zeit des Aristoxenos auf. Sie
waren, wie sich weiterhin zeigen wird, im Grunde nur die ver-
ändere Fassung derselben Sache.
Die sieben alten, auf Octavengattungen beruhenden Tonarten
waren folgende : ')
Hypodorisch (oder lo krisch) von der Mese bis zur Nete hyper-
boläon, oder von Proslambanomenos zur Mese.
Hypophrygisch von Lichanos meson bis Parames hyperboläon.
Hypolydisch „ Parypate meson bis Trite hyperboläon.
Dorisch „ Hypate meson bis Nete diezeugmenon.
Phrygiseh „ Lichanos hypaton bis Paranete diezeug-
menon.
Lydisch „ Parypate hypaton bis Trite diezeugmenon.
Mixolydisch „ Hypate hypaton bis zur Paramese.
Man kann sich diese Tonreihen aus dem Systeme jeder der
15 transponirten Tonarten herausheben: es trägt also jede Tonart
gleichsam alle anderen in sich, eine wechselseitige Durchdringung
voll Wechselbeziehungen. Aus dem System der hypolydischen
neueren Scala {a-nioll)-) z.B. ergeben sich die Tonarten in folgender
Weise und stellen sich zu einem Gebilde zusammen, das Aristides
mit einem Flügel vergleicht {niiQvyi nnQunliiaior)^):
1) Euklid, >S. 15. Gaudentius, S. 19.
2) S. Seite 399.
3) Aiistid. Quint, S. 26.
h
c d
l'J
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h
c
1,
Die griechische Musik. 391
Hypodorisch a
Ilvpoplnygisch g (i
Hypolydisch /' g a
Dorisch e f g a
Phrygisch d e /' g a
Lydisch c d <■ /' g a
Mixolydisch ....He d c f g a
und so aus jeder andern der neuern Scalen, die dann in unverän-
derter Gestalt die Basis der Umlaute bildet. Es kommt hier nicht, wie
bei der fünfzehnmal transponirten Mollscala des neueren griechischen
Tonartensystems auf die relative Tonhöhe, sondern auf die Reihen-
folge der Intervalle an. Der Sänger konnte sich also seine Lyra
ganz nach dem Vermögen seines Stimmumfanges stiminen^, er sang
dorisch, ob er sich nun in den Tönen £, j\_ g± a^/i, c, d, e oder./«,
g, a, />, eis, d, e, fis, oder g, as, b, c, d, es, f\ g u. s. w. bewegte.
Die neunsaitige Lyra hatte gar noch den Vortheil, dass stets zwei
Tonarten zur Verfügung standen, ohne dass man umzustimmen
nöthig hatte, z. B. :
Phrygisch. Lydisch. ')
_^_S DI
Mixolydisch
Eine eigenthümliche Beziehung dieser Tonarten zu einander ist
auch die, dass, mit Ausnahme der phrygischen, jede der sechs
übrigen eine Geg-entonart hat, d. h. eine Tonart, in welcher die
1) Fortlage (Die Tonarten der Griechen) erblikt darin „ein zusammen-
gesetztem Tonlciterspiel von wunderbarer Schönheit". Dass die Griechen diese
Zusammensetzung zu benutzen verstanden, beweist ein Gedicht des Jon,
welcher zuerst die zehnsaitige Lyra angewendet haben soll (Euklid, S. 19). Die
zehnsaitige Lyra gestattete es, in drei Tonarten zu spielen, z. B.
Phrygisch
Mixolydisch
n 3-
,— S-
Lydisch
Jon rühmt mm in einem Gedichte wirklieh „den dreifachen Weg der Harmonie"
seiner Lyra.
392 Die Musik der antiken Welt.
Reihenfolge ihrer Intervalle in umgekehrter Ordnung erscheint,
wonach sie sich in folgender Weise gruppiren:
\ Hypodorisch .
1,
Vi,
1,
1,
Vi,
1,
1.
/Hypophrygisch .
1,
1,
Vi,
1,
1,
Vi,
1.
1 Dorisch ....
Vi,
1,
1,
1,
Vi,
1,
1.
/Lydisch ....
1,
1,
Vi,
1,
1,
1,
V*
iHypolydisch .
1,
1,
1,
Vi,
1,
1,
Vi.
IMixolydisch .
Vi,
1,
1,
Vi,
1,
1,
1.
Phrygisch (ohne mög-
liche Gegentonart)
1,
Vi,
1,
i,
1,
Vi,
1.
Es ist wohl kein Zweifel, dass die Griechen, die kein zu einem
centralisirten Staate vereinigtes Volk, sondern selbstständig neben
einander wohnende Stammgenossen waren, nach individueller Sitte,
Bildung und Neigung der einzelnen Gaue ihre eigenen, eigenthiiin-
lichen Volkslieder hatten, deren sich auch die Stimmung der Lyren
und Flöten accomodiren musste. Kamen nun die Stämme bei sre-
meinsamen Opfern chorsingend zusammen u. dgl., so mussten die
Unterschiede in der Singweise sich auffallend bemerkbar machen.
So sagt auch Heraklides von Pontus, aus den von den Dorern ge-
sungenen Melodien sei die dorische Tonart entnommen, aus äolischen
Gesängen die äolische, aus ionischen die iastische. 1) Die Nach-
weisung nach solchen Volksliedern , inwiefern diese Tonreihe
gerade phrygisch, eine andere lydisch hiess, die wirklichen phry-
gischen, lydischen u. s. w. Liedweisen den Tonfolgen der mit
den gleichen Namen bezeichneten Octavenreihcn entsprechen, ist
uns freilich nicht mehr zugänglich, da uns keine dieser Liedweisen
erhalten geblieben ist, und wir uns an nichts weiter halten können,
als an die Versicherungen der alten Schriftsteller: es sei so gewesen.
Aristoteles spricht nur von zwei Tonarten, der dorischen und
phrygischen, das ist: der griechischen und fremden (barbarischen)
Tonweise.2) Aristides und Plutarch nennen drei Tonarten als die
Haupttonarten: dorisch, phrygisch, lydisch. Plutarch nennt
dabei den Polymnestcs und Sakkadas. Letzterer habe in diesen
Tonarten nur die rechten "Wendungen angegeben, und die Chöre
darin singen gelehrt, erst dorisch, dann phrygisch, dann lydisch.3)
Dass m^diesen Tonarten Eigentümlichkeit und wechselnder
Character zu finden sind, bedarf keines Nachweises, schlagend stellt
sich dieses in dem Unterschiede zwischen der lydischen Tonart, die
unserem Dur, und der hypodorischen, die unserem Moll entspricht,
heraus. Feiner sind die Unterschiede zwischen den übrigen Ton-
il Ti]v ovv ay(oy7]VTfjq[isk(pötccq,T]v otdwQistq £Ttoiovvro,d(ÖQio v ixä-
'i>?r uQfzoviav' ixaXovv rV? xal Aio XLSa «Qfiovlavyv AloteTq ySov' Iaot l
rii tfjv tQixrjV s<pa<Jxov >)r qxovov aSovzcov x<äv Ia>vo)v. Athen. XIV. 19.
2) Aritotclcs, Republ., IV, 3.
:t) Plntarch <lo mus. Aristides, I. S. 25: tlol ör- rw y&fi TQÜq' öiÖqioq,
(pQvyioq, XvSioq.
Die griechische Musik. 393
reihen, aber sie sind so unläugbar da, als bei unseren Kirchentönen,
die ja auch Octavenreihen sind. ')
Schon an diesen Octavenreihen bcsass also die griechische
Musik ein weites Feld zu reicher, wahrhaft künstlerischer Ent-
wiekelung. Wir wollen dieses gerne anerkennen, ohne, wie Fort-
lage, in unserer Musik mit ihren zwei immer nur auf anderen Ton-
stufen wiederholten Scalen (Dur- und Mollscalen) gegen die grie-
chische Kunst eine Beschränkung und Verarmung rinden zu
wollen.2) Von diesen Octavenreihen sind übrigens in der That nur
ZAvei weniger befriedigend, die hypolydisehe wegen des Tritonus
f — //,3) die mixolydische wegen der Quinte // — f.
Ganz merkwürdig ist es auch, wie sich die griechischen Octaven-
reihen dem practischen Bedürfnisse dadurch anbequemten , dass sie
durch einfache Umstimmung der achtsaitigen Lyra sehr leicht,
bequem und rasch hervorgebracht werden konnten. Nehmen wir
die Grundstimmung der Lyra als das geheiligte Dorisch an:
e, /; g, a, h, c, d, e.
Man brauchte nur die zweite Saite, um einen halben Ton (von
/'nach fis u. s. w.) höher zu stimmen, um die hypodorische Tonart
zu erhalten: stimmte man auch die sechste Saite in solcher Art höher,
so war die Stimmung phrygisch, und so weiter, wenn man die dritte,
die siebente, die vierte und endlich die erste und achte Saite um einen
Halbton höher stimmte, womit der Kreis der Tonarten geschlossen
war. Oder aber, man konnte umgekehrt vorgehen : die vierte Saite
um einen Halbton tiefer stimmen, wodurch die Stimmung mixo-
lydisch wurde, und so fort, bis durch Tieferstimmen wieder die fünf
noch übrigen Tonarten entstanden. Die zu nehmende Zahl der Ver-
setzungszeichen lä'sst die Tonarten im Quintenzirkel geordnet er-
scheinen.4) Da es nun aber bei den Octavenreihen auf die relative
Tonhöhe nicht ankommt, so bedeuten die Zusätze hypo und hyper
auch noch etwas Anderes als die Lage der Nebentöne in der Ober-
quinte «der Unterquinte der Haupttonart. Die Nebentonarten sind
1) Der Grund, warum die Kirchentöne zwar nach den griechischen Na-
men, aber nicht richtig benannt sind, wird an gehöriger Stelle angegeben
werden (im zweiten Bande).
2) Es genüge hier, auf Moritz Hauptmannes „Natur der Harmonik und Me-
trik" hinzuweisen.
3) Die gleiche Tonreihe heisst unter den Kirchentönen „lydisch" und ist
eben wegen der ominösen Quarte h nur äusserst selten in Anwendung gekom-
men. Beethoven's Canzonetta in modo lydico in dem Quartett Op. 1 32 und
Chopin's „lydische" Mazurka sind übrigens Werke, wo dielydische, oder rich-
tiger hypolydisehe Tonart, noch in der Neuzeit ihre Verwerthung gefunden hat.
4) Nämlich dorisch ohne Vorzeichnung, wie C-dur, mixolydisch mit einem
//, wie F-dur, hypolydisch mit zwei b, wie ß-dur u. s. w. , oder: hypodorisch
mit einem Kreuz, wie G-dur, phrygisch mit zwei Kreuzen, wie ö-dur, hypo-
phrygisch mit drei Kreuzen, wie //-dur u. s. w.
394
Die Musik der antiken Welt.
nämlich aus denselben Tetrachorclen zusammengesetzt wie die
Haupttonarten, wobei aber immer ein Ton, eben der diazeuktische
Ton , überzählig bleibt. Je nachdem er nun die Tonreihe eröffnet
oder schliefst, also unten oder oben steht, wird ein hypo oder
hyper beigesetzt. ')
I. Durisch.
Hypodorisch uder
äolisch.
Hyperdorisch uder
mixolydisch.
II. Phrygisch.
Hypophrygisch oder Hyperphrygisch oder
ionisch lokrisch
1
III. Lvdisch.
Hynolydisch oder
syutonolydisch
Hyperlydisch
1
Ft
-1
i^m
-*+t=&
^^T^^:|±^?«=^=a=|tf&
Der Unterschied zwischen dem Hyperphrygischen (oder, wie es
auch hiess: Lokrischen) und dem Hypodorischen liegt also darin,
dass Jenes den diazeuktischen Ton oben , dieses ihn unten hat ; der
gleiche Unterschied waltet zwischen dem Hyperlydischen und dem
Hypophrygischen ob. -)
Das Hypolydische wird auch angespanntes Lydisch (Syn-
tonolydisch) genannt , das Hyperlydische auch nachgelassenes
(inaivBftivov) Lydisch und das Hyperdorische auch vermischtes
Lydisch (Mixolydisch). Es ist nämlich das Characteristische
des Lydischen das Tetrachord mit dem Halbtone zwischen der
dritten und vierten Stute, also: c, r/, r, f. Im angespannten,
emporgetriebenen Lydisch steht dieses Tetrachord zu oberst, gleich-
sam von den Tönen f, g, a, h emporgetrieben, im nachgelassenen
Lydisch hat sich die Reihe auf den Ton g herabgesenkt, im Mixo-
lydischen (Hyperdorischen) ist das Tetrachord c — f auf die zweite
1) BeHermann, a. a. 0., S. *J. 10. 11%
2) Aristides Quintilianus sagt S. 25: Tovxtov 6 fthv öÜqloq ngbq r« ßa-
Die griechische Musik. 395
Stufe gestellt, der dritte Ton des zweiten Tetrachords zum Grund-
tone gemacht, und so alles gleichsam vermischt.
Obschon nun diese üetavengattungen und die darauf basirten
Tonarten nie in Vergessenheit und ausser Gebrauch kamen, so lernte
man endlich im Laufe der Zeiten die Sache noch von einer andern
Seite ansehen. Jenes Umstimmen der Lyra nach dem Quintenzirkel
(practisch, wie wir sahen, das Klügste, was man thun konnte)
führte wie von selbst auf die transponirten Tonarten, denn be-
stand z. B. das Hypodorische aus den Tönen
a h c <I e f </ a
so ergab sich durch Umstimmung der dorisch gestimmten Lyra die-
selbe Tonart als
c fis (/ a h c d e
oder als
es /' ges as b res des es
das heisst: als Transposition. Es musste noth wendig auffallen, dass
man die gleiche Keihenfolge von Intervallen auf jeder Tonstufe d. i.
innerhalb der Octave zwölfmal wiederholen könne. Die hypodorische
Oetavenreihe, welche die Eeihe der Octavengattungen einleitet, und
die also in gewissem Sinne als Anfangstonart gelten kann, aus der
die übrigen durch Octavenumläufe hervorgehen, entsprach auch
dein aus regelmässig mit dem Halbtone beginnenden Tetrachorden
entwickelten Systeme von zwei Octaven, und wenn man das Tetra -
chord syneinmenon &, c, d, e einschob, dem grösseren Systeme.
Man transponirte also diese hypodorische Tonart, oder dieses System,
oder (wie wir sagen würden) diese Mollscala zwölfmal nach den
zwölf Halbtönen der Octave. Auf dieser Transposition derselben
Mollscala desselben unveränderlichen Systems (ori/r?;/*« h^btÜ^oIov)
beruhen die neueren Tonarten der Griechen.
Dieser Umschwung der Dinge muss im 4. Jahrhundert v. Chr.
geschehen sein. Die älteren Musiker und die Schriftsteller, welche
sich auf sie berufen, kennen vor dieser Zeit nur die sieben alten
Tonarten, und Aristoxenos bezeichnet die transponirten als neu, als
modern. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die von dem Lust-
spieldichter Pherekrates dem „milesischen Rothkopf Timotheos"
qvtsqcc tijg (pcovrjq eveQyij(ieiZtt%()i]GtfjtOQ. 6 6h /.vöio q ti(>oc tc. o|i'rfp«>
o 6h (pQvytog n^bq lafieaa. Da von diesen drei Haupttonarten die Scala
der dorischen am höchsten liegt, so sind ihre tieferen Töne zugänglicher.
Von der lydischen gilt das Umgekehrte. Die phrygischc nimmt die Mitte
zwischen beiden ein.
396 ^Je Musik der antiken Welt.
vorgeworfene „Zerspaltung der Musik in zwölf Töne" so viel
heisst, als die Theilung in die zwölf nach den zwölf Halbtönen der
Octave geordnete Tonarten statt der alten sechs, für welche der
conservative Dichter im Namen der alten Sitte das Wort nahm.1)
Auf diese Art besass die griechische Musik nunmehr zwölf Tonarten;
aber schon Aristoxenos (der älteste uns erhaltene musikalische
Schriftsteller der Griechen) nahm deren dreizehn an.2) Man theilte
das Hypophrygische, Hypolydische, Phrygische, Lydische und Mixo-
lydische in ein „Höheres" und „Tieferes" ein, wozu noch Hypodorisch
und Dorisch kam, was die zwölf Tonarten ergab. Aristoxenos
nahm aber auch noch ein Hypermixolydisch an, das um eine Quarte
höher stand als das Phrygische (daher auch Hyperphrygisch hiess),
im Grunde aber nur die höhere Wiederholung des Hypodorischen
war. Auf das Dorische entfiel die Molltonart von /y-moll, oder
richtiger ais-mo\\.3) Es war ein auffallendes Ergebniss, dass die
Urtonart in eine Scala übertragen wurde, welche Avenigstens uns,
kraft der vorgezeichneten sieben Erhöhungskreuze, überaus unbe-
quem vorkommt. Sollte aber das neue Dorisch, d. i. die Mollscala
auf ihrer gehörigen Tonstufe dein alten Dorisch mit seiner Fort-
schreitung von '/2, 1, 1, 1, '/2, 1, 1 entsprechen, so konnte es gar
nicht anders sein. Wir werden weiterhin sehen, warum die zwei
anderen Haupttonarten phrygisch und lydisch wurden, in je zwei
Tonreihen eine höhere und tiefere, unterschieden, die um einen
Halbton von einander differirten. Nach dieser Manipulation
entstand:
1) Eigentlich sagt Pherekrates : „Zwölf Saiten", uitslvöt xcCvsXvas /oq-
öalq fio'jötxa. Diese zwölf Saiten waren aber ohne Zweifel in die zwölf Halb-
töne gestimmt, da Timotheos sehr häutig von der Chromatik Gebrauch machte
(Hephaest. Gaisford, S. 437) und .sehr rasch aus einer Tonart in die andere
überzugehen pflegte. ^ , <_ ,
2) ovoiiä'Qfi ö* avxovq ovxatq 'ÄQioxö&voq' VTtodioQtoq.^vTtoyiQV-
yim Svo 6 uhv ßaovq, oq xal vTiniäciTio; xaXsixai, o de ol£vq. i.in
oq wv VTtSQdOJQioq , 0 <>:■ ogvq, oq vvv rnityiaozioq. vn i-o/( igo /.i/vi n^
elq, oq xal v7tSQ<pQvyioc. Tovxoiq hin xiäv vetotsQOJV TtQoqxi&svxaC o
ts vneQaiöhoq xal 6 vnegXvöioq. (Aristid. Quint. I. S. 23. Vergl. auch
Euklid. S. 19). Diese Tonarten steigen um Halbtöne: h'xacxoq 6 avy avtcöv
>}/(it ovui) /dv i-nini'^i tov tcqoxsqov. u. s. w.
3) Auf die traditionelle Annahme, dass das Hypodorische als trans-
po nible Tonart unserem rt-moll entsprochen habe (eine Annahme, die da-
durch noch mehr täuschenden Schein gewinnt, dass das Hypodorische als Oc-
tavenreihe wirklich unser <7-moll ist), wird insgemein das Dorische gleich
</-nioll angenommen, und alle Tonarten, wie sie hier angesetzt erscheinen,
um eine grosse Ter/, iu die Höhe gerückt. Fricdr. Bcllermann hat das Ver-
dienst, hier Licht gemacht und bewiesen zu haben, dass das Hypodorische
in ersterer Beziehung nicht unserem fl-moll, sondern unserem /-moll glich.
Das Nähere darüber n der Lehre von den Tonzeichen.
Die griechische Musik. 397
«'in höheres Phrygisch, beginnend auf dem Tone c,
ein tieferes Phrygisch, auf dem Tone //,
und ähnlich
ein höheres Lydisch, beginnend auf dem Tone <I,
ein tieferes Lydisch , beginnend auf dem Tone eis.
Das tiefere Phrygisch bekam später den Namen „ionisch" oder
„iastisch", das tiefere Lydisch den Namen „äolisch", während hei
dem höheren Phrygisch und höheren Lydisch das nunmehr überflüssig
gewordene Beiwort ausser Gehrauch kam, und diese Tonarten kurz-
weg „phrygisch" und „lydisch" hiessen. Noch Aristoxenos kannte
diese Tonarten nur unter der älteren Bezeichnungsweise. Er nahm
nach Aristides Quintilianus zwei Phrygisch und zwei Lydisch an,
dagegen nur ein einziges Lorisch. Es ist immerhin möglich, dass
auch das Dorische eine Doppelgestalt (höher und tiefer) gehabt , und
nicht allein eine Abweichung von den beiden andern Tonarten
gezeigt hat.1) Die Tonreihe von // war schon als tieferes Phrygisch
bezeichnet, konnte also nicht zugleich höheres Dorisch sein, folglich
blieb dieses höhere Dorisch nur die Tonreihe von ais, und die Ton-
reihe von a (das wohlbekannte unveränderliche Mustersystem) bil-
dete das tiefere Dorisch, welches eben mit Rücksicht, dass es
eine Quarte tiefer stand als das Lydische, den Namen Hypolydisch
bekam, wonach bei „höherem" auf ais gebauten Dorisch das Bei-
wort wegblieb , und die Tonreihe kurzweg „Dorisch" genannt
wurde.
Wie das höhere Dorische von Ais-B, ging nun das Phrygische
von C, das Lydische von D aus. Und die Tonreihen von ß, C und I)
bildeten gleichsam die Stammtrias der griechischen Tonarten. Trans-
ponirte man die gewonnenen drei Tonarten jede um eine Quarte tiefer,
so deutete man es durch den Zusatz hypo (unter) an, und so ent-
stand dann die hypodorische Tonart, von F beginnend (die
tiefste von allen), die hypophrygische von f, und die hypo-
lydische von A ihren Ausgang nehmend. Die dorische wurde aber
auch in die Oberquarte es transponirt, und die überdorische,
(hyperdorische) Tonart genommen, welche auch, als Nachbarin
der lydischen , den Namen der gern iseht-lydi sehen (mixo-
lydischen) erhielt. So stand also das Dorische, gleichsam als
Stammton in der Mitte des Systems; und zwar auch in zwei Ge-
stalten; denn nach dem vorhin Gesagten galt die nächstangränzende
mit a beginnende Tonart als ein tieferes Dorisch, bis sich dafür
später die Bezeichnung „hypolydisch" feststellte.
Nun konnte man aber auch noch die Zwischentöne fis, gis, It
und eis in gleicher Art benutzen, dadurch waren jene Tonarten ge-
1) Wie Friedr. Bellermann meint.
398 Die Musik der antiken Welt.
woiinen, die sich neben die nächsthöheren als vier: tieferes Hypo-
phrygisch (hypoionisch), tieferes Hypolydisch (hypoäolisch),
tieferes Phrygisch (ionisch) und tieferes Lydisch (äolisch)
anreiheten. Als später das tiefere (ßagv?) Lydisch die äolische
Tonart genannt wurde, ward das um eine Quarte tiefer stehende
tiefere Hypolydisch zum Hypoäolischen. Ebenso wurde, als
man das tiefere Phrygisch die. ionische Tonart1) zu nennen
anfing, consequenter Weise das tiefere Hypophrygisch die hypo-
ionische genann t.
Man konnte nun auch ebenso gut die Tonreihe nach der Höhe
zu fortsetzen, das hyperdorische oder mixolydische Es um einen
halben Ton erhöhen, dies gab ein von Aristoxenos genanntes höhe-
res (o$v$) Myxolydisch, welches später, da es eine Quarte höher
stand als das mit // beginnende Ionisch, die hyperionische Ton-
art genannt wurde.
Sonach konnte von diesen Tonarten Hypodorisch, Hypophry-
gisch, Dorisch, Phrygisch und Mixolydiscb auf die nur einen Halb-
ton höhere Stufe gehoben werden. Lydisch und Hypolydisch da-
gegen nicht, weil die um einen Halbton erhöheten Tonarten schon
unter selbstständigen Namen (Hypodorisch und Dorisch) im Systeme
erscheinen. Hiermit war der Umkreis der in der Octave befind-
lichen Halbtöne geschlossen. Man setzte später die Transponirung
noch durch drei Töne nach der Höhe zu fort, und erhielt so nebst
dem schon bei Aristoxenos bekannten Hyperphrygisch, oder
Hypermixolydisch, noch die zwei höchsten, das System abschliessen-
den Tonarten Hyperäolisch und Hyperlydisch. Man sieht, dass
diese drei hohen Zusatztonarten nur eine scheinbare Bereicheruns:
des Tonsystemes sind, und dass das Hyperphrygisch, wie gesagt,
nur die höhere Wiederholung des Hypodorischen , das Hyperäolische
eine Wiederholung des Hypoionischen und endlich das Hyperlvdische
des Hypophrygischen ist. Das ganze System der fünfzehn griechi-
schen Tonarten, wie es in der Tonzeichentabelle des Alypius vor-
liegt und von Aristides Quintilianus (pag. 123) und Euklid (p. 19)
aufgezählt wird, nach den Grundtönen geordnet, ist sonach folgendes,
bei dem nun die fünf Mitteltonarten den Kern bilden und oben und
unten mit dem Beisatze „hyper" und „hypo" ihre Nebentonarten
finden :2)
1) Die ionische Tonart heisst auch iastisch: „Quia Jonica regio etiam
Jas appellata est a situ Jasio, nt Plinius I. V. c. 29 refert. Apnlejus
(Florida).
2) In Folge des Tetrachordes synemmenon moduliren sie in einander, so
dass /"-moll nach Z/-moll und dieses nach «».v-moll hinübergeht, d. h. das Hy-
podorische in's Dorische und dieses in's Ilypodorische hinüberdeutet, und so in
jeder anderen Tonartentrias auch.
Die griechische Musik. 399
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Tiefe Tonarten. Mittlere Tonarten. Hohe Tonarten.
So stellt sich das Endresultat heraus, dass diese Tonarten
eine stets um einen Halbton höher gerückte Mollscalä ( vom
grossen F bis zum kleinen g in den Grundtönen steigend) darstellen.
Wurden die Tonarten in chromatischer oder enarmonischer Gestalt
angewendet, so blieben, wie sich von selbst versteht, die stehenden
Tetrachordtöne dieselben wie. im diatonischen Geschlechte; die be-
weglichen Töne erfuhren die entsprechende Aenderung.
Der Unterschied zwischen den transponirten Tonarten und den
Octavengattungen ist von selbst auffallend. Jene zeigen stets dieselbe
Folge von Intervallen , aber immer auf eine andere Tonstufe gerückt.
Die beiden Halbtöne, erscheinen in der Octave immer an derselben
Stelle, die zwei Halbtöne bilden in allen Tonarten den Schritt von der
zweiten zur dritten und von der fünften zur sechsten Tonstufe, wie
in unserer Mollscalä. Die Octavengattungen zeigen dagegen Tonart
für Tonart eine jedesmal andere Intervallfolge und die. zwei Halb-
töne jedesmal an eine andere Stelle gerückt. Dieser Unterschied
ist so gross, dass es für den ersten Anblick den Anschein hat, als
sei durch Einführung der transponirten Mollscalä eine ungeheure
.Revolution, eine radicale Umänderung in der griechischen Musik
vorgegangen, und als sei die Uebertragung der Namen: „dorisch,
phrygiscb, lydisch" u. s. w. auf die neuen Tonreihen eine reine
Willkür, ja eine Ungehörigkeit. So unzusammengehörig und willkür-
lich es nun aber auch immer scheinen mag, z. B. eine unserem />-moll
entsprechende Scala „lydisch" zu nennen , und eine Scala die unserem
C-dnr oder/J-dur gleicht, ebenfalls als „lydisch" zu bezeichnen: es
scheint nur so, und mit vollem Rechte führen beide Tonreihen den Na-
men der lydischen Tonart. Um dieses einzusehen, muss man sich erin-
nern , dass wenn die Griechen ihre Tonarten anwenden wollten , da alles
im Einklänge gesungen wurde, Bedacht genommen werden musste,
dass keine zit hohen und ebenso wenig etwa gar zu tiefen Töne den
Sängern zugemuthet werden.1)
1) Die scharfsinnige Nachweisung dieser Identität gehört F. Bellermann an.
400
Die Musik der antiken Welt.
Bewegte sich daher der Gesang- z. B. zwischen den Tönen f
und /", so durften, sollten anders die Tonarten entschieden zur Gel-
tung kommen, innerhalb dieser Grenze keine andern, als die der
Tonart eigenen, und es mussten die für sie characteristischen Töne
angewendet werden. Diese treffen aber mit den Octavenreihen
gleicher Benennung, Intervallfortschreitung für Intervallfortschrei-
tung, zusammen:
Hypodorisch /-moll.
Hypodorisch als Octavenum-
lauf von Proslambanomenos
zur Mese.
Ü
*VfL
-j-jW*4
t~-
■s-e
■tt^t
II
Hypophrygisch </-moll
Hypophrygisch (Lichanos
meson bis Paranete hyper-
boliion).
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%
I4=H — i —
hz£
t=i=
fe
«tOT^
1
1
m
und so bei allen folgenden
Tonarten.
Hier wird auch klar, warum in der neuen Fassung das Dorische
auf die unhandliche Tonart ^/w-moll (ß-moll) fallen musste, in keiner
andern hätte die Intervallfolge der älteren dorischen Octavenreihe
entsprochen.
Diese Combinationen hatten
dorische Tonreihe konnte bei solcher Anordnung
mannigfache
Vortheile. Die
z. B. ebenso gut
im Siime unseres Des-dnr als unseres //-moll gebraucht werden, die
lydische konnte F-dur und D-mo\\ repräsentiren , und so weiter.
Damit war dem anschliessenden Vorherrschen eines trüben Moll-
characters, wie er aus den blossen transponirten Mollscalen sich hätte
ergeben müssen, eine sehr wohlthätige Schranke gesetzt.
In der Mitte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. machte Ptole-
maeus mit den alten Tonarten einen Keductionsversuch. Er setzte
ihre Zahl auf sieben herab , indem er neben den drei Haupttonarten
des Dorischen, Phrygischen und Lydischen noch drei entsprechend
benannte Untertonarten (hypodorisch u. s. w.) und eine mixolydische
Tonart statuirte. Seine Scalen
begriffen
den Umfang von zwei
Octaven, von demselben Stammtone ihren Umlauf beginnend, und
mit also geordneten Intervallenfolgen, dass die Stellung des Halb-
tones in den Tetrachorden jedesmal eine andere war, und auch die
des diazeuktischen Tones wechselte.1) Der Haupt- und
Stellung
1) Oder wie Forkel (Gesch. der Mus. 1. Bd. S. 346) die Sache ausdrückt:
,Der eigentliche Unterschied unter diesen ptolemaeischen Tonarten und den
Die griechische Musik. 401
Grundton wurde die Mese, auf welcher die beiden Octaven zu-
sammentrafen. Der ältere Baechms schloss sich den sieben Tonarten
Octavengattungen bestand eigentlich darin, dass in den Octavengattungen bei
allen sieben Versetzungen, die in der diatonischen Octave enthaltenen Inter-
valle unverändert, nur in einer andern Ordnung aufeinanderfolgten, in den
ptolemäischen Tonarten hingegen wurden sie bald erhöht, bald erniedrigt und
gingen von stets eben demselben Grundtone aus." Auf Grund der Ausein-
andersetzungen des Ptolemäus (S. 75 — 81) gibt Forkel folgendes Diagramm
seiner Tonarten:
Ilypodorisch A // c d e fis g a h c d e (hier sind noch drei Töne
,.— — - — -^. , — - — „ zur Ergänzung der zweiten
Ilypophrygisch A II eis il e fis gis a h eis <l e Octave hinzu zu denken.)
Ilvpolvdisch A B e d es /' g a b e d es
Dorisch / II e d e /' g a li c d e
Phrygisch A II eis d e fis g a h eis d e
Lydisch As B c d es f g us b c d es
Mixolydisch A B c d e f g ab c d <■
Zu diesen sieben Tonarten mussten dann die Musiker des Mittelalters,
welche die acht Kirchentöne als mit den antiken Tonarten identisch heraus-
demonstriren wollten, durchaus eine achte Tonart haben. Franchinus Gafor
redet daher von einem Modus hypomixolydius, nach der Analogie der drei
andern Untertonarten, der aber, wie Glarean (Dodecachordon S. 60) bemerkt,
„cum Dorio eandem habet oetavam." Gafor gab diese Auffassung selbst auf
und nahm nun. den von Boethius erwähnten, auf Ptolemäus zurückgeführten
modus hypermixolydius an : „ut (wie Glarean sagt) cum vulgata omnium opi-
nione octonorum modorum numerum colligat ac autoritate sua flrmet — —
Septem Boethii modis : Hypodorio, Hypophrygio, Hypolydio, Dorio, Phrygio,
Lydio ac Mixolydio (dieselben Töne wie bei Ptolemäus) et uni Ptole-
maei H ypermixol ydio Aristoxenum ait Franchinus quinque hos adjeeisse
modos: Hypoiastium, Hypoaeolium, Iastium, Aeolium et Hyperiastium ac sie
tredeeim efTecit: sed in bis quinque autoritate Bryennii rejeetis cum Hypo-
mixolydio nomeu non inveniret, ignorans eundem esse cum Aristoxeni Hyper-
iastio, confugit ad Ptolemaei Hypermixolydium ut sie saltem pulchellus iste
octonarius modorum numerus non periret." Diese Boethisch- Ptolemäischen
Tonarten des Franchinus Gafor waren aber wieder wahre Octavengattungen,
wobei Hypodorisch mit A, Hypophrygisch mit H u. s. w. anfing und zuletzt auf
das problematische ptolemäische Hypermixolydische wieder a kam. Darüber ge-
rieth Gafor, wie Glarean nicht ohne eine kleine Schadenfreude bemerkt, in Ver-
legenheit. Er weiss sich in der That nicht besser zu helfen, als dass er kurz
sagt : „Oetavo (dem achten Kirchentone) non admittitur proprium nomen nisi
forte aliorum, ut diximus, imitatione hypomixolydium appellavero." (Pract.mus.
I. 7). Uebrigens gehört diese Idee nicht dem Franchinus, sondern es redet
schon Tinctoris (liber de natura et proprietäre tonorum) davon : „Porro oc-
tavum tonorum Ptolemaeus superaddidit quem hypomixolydium nominavit."
Gleich darauf spricht aber Tinctoris vom hypermixolydius, „qui necessario ex
specie alterius formabatur." Diese bedeutende Confusion hatte ihren Grund
Ambros, Geschichte der Musik. I. 26
4l)2 Die Musik der antiken Welt.
des Ptolemaeus au, sonst blieb der Reform versuch, bei welchem den
beibehaltenen alten Benennungen neue Scalen untergelegt wurden,
ohne Erfolg.
Fast wichtiger als der musikalisch -technische Gehalt der Ton-
arten war den Griechen jener ethische, den sie darin fanden oder
zu finden wähnten. Fast möchte man annehmen, dass der Character
der Melodien, welche man dorisch, phrygisch u. s. w. nannte, dazu
mehr Anlass gab, als die Eigenheit der einfach hingestellten Ton-
leiter. Das abfällige Urtheil Platon's über die ionische oder über die
Irdische Tonart ist z.B. sicher durch die Erinnerung an dieUeppig-
keit der kleinasiatischen Ionier und der Lyder hervorgerufen.
Heraklides von Pontus, ein Schüler des Piaton und Aristo-
teles, sagt: Die. dorische Tonart sei prachtvoll und feierlich, ernst
und erhebend ; die äolische grossartig und zugleich beruhigend,
daher sie (wie er sehr naiv hinzufügt) sehr zweckmässig sei Gäste
zu empfangen und Pferde zu bändigen (InnoTooqüu.- xal Zevodoxlatg),*)
sie passe zu Wein, Liebe und Wohlleben, wogegen die ionische
rauh, düster und erhaben sei. Lukian nennt die phrygische Ton-
art begeistert, die lydische bacchisch, die dorische würdig ernst, die
ionische zierlich glatt.2) Apulejus characterisirt die äolische als ein-
fach, die lydische als klagevoll, die phrygische als religiös, die
dorische als kriegerisch.3) Piatun schilt die mixolydische und syn-
tonolydische weinerlich und nicht einmal für Frauenzimmer, welche
einen muthigen Sinn behalten wollen, gut: die ionische und lydische
findet er zu weichlich und gastmahlmässig ((tiponxoc), nur die do-
rische und phrygische seien geeignet bei der Erziehung angewendet
zu werden. 4) Aristoteles zieht für die Bildung des jungen Staats-
bürgers die dorische Tonart vor5), d. h. die altgriechischen Ton-
arten im Gegensatze zu der phrygischen Weise, d. h. den fremden
barbarischen Tonarten.
darin, dass einestheils die antiken Schriftsteller über Musik den mittelalter-
lichen Tonlehrern nicht genügend zugänglich und also nicht genügend bekannt
waren (Aristoxenum non legimus gesteht Glarean ganz ehrlich), anderentheils
in dem Streben um jeden Preis die Kirchentöne mit den antiken Tonarten zu
identifiziren. Man darf daher auch den Anachronismus nicht übel nehmen,
dass der um Jahrhunderte ältere Aristoxenos die Tonarten des Boethius und
Ptolemäus um fünf vermehrt haben soll. — Ueber die Art, wie Wallis, der
Herausgeber des Ptolemäus, und wie Stiles die ptoleinäischen Tonarten ver-
stehen und demonstriren, wolle man Forkel a. a. O. vergleichen.
1) Athen. XIV.
2) Kai ttjq uQfxoviuz hxccartjq diu<{v).äxz£iv xb l'diov — xrjg <I>Qvylov
tu tv&sov, xijg Avdiov xb Bu/./i/.bv , xrjg AatQiov xb ot/xvbv, xrjq lwvt-
tctjg xb y).a(fVQÖv.
3) Apulejus Florida: Aeolium simplex, lydium querulum, phrygium re-
ligiosum, dorium bellicosum.
4) De Republ. III. Die weinerlichen Tonarten sind wirklich wegen des
Tritonus und der falschen Quinte nicht gut verwendbar.
5) Polit., VIII. 7.
Die griechische Musik. 403
Die Griechen schrieben die Erfindung ihrer Tonarten einzelnen
Tonkünstlern zu. So soll die mixolydische Tonart nach Aristoxenos
eine Erfindung- der Sappho, nach Anderen eine Erfindung der Sän-
gerin und Dichterin Damophila von Lesbos sein, wieder Andere,
z. B. Plutarch schreiben sie dem Pithoklides zu. Die lokrische
(hyperphrygische) Tonart ist nach Julius Pollux von Philoxenos,
die syntonolydische von Anthippus erfunden worden1): als Erfinder
der nachgelassenen lydischen (hvperlydischen) Tonweise nennt
Plutarch den Danion, und erwähnt an derselben Stelle, dass Lam-
prokles bei der mixolydischen Tonart die Entdeckung machte, ihr
diazeuktischer Ton liea-p oben, und nicht, wie man bis dahin an-
genommen hatte, zwischen dem 5. und 6. Tone (/"und g).2) Alles
dieses bezieht sich auf abgeleitete, künstliche Tonarten. Die Haupt-
tonarten (dorisch, phrygisch, lydiscb) haben sich, wie es scheint.
aus dem Volksgesange entwickelt, ohne auf diesen oder jenen Mu-
siker zurückgeführt werden zti können. Zuweilen galt, wer in einer
Tonart viele Gesänge gemacht, wie z. B. Pythermos in der ionischen,
für den Erfinder. 3) Aber es ist wohl überliefert, dass eine solche
Tonart durch irgend einen Musiker da oder dort zuerst eingeführt
wurde. So lernten die Sparter die lydische Harmonie durch Po-
lvmnestes kennen, in häufige Anwendung brachte sie dort Alkman.4)
J Do *
Es wäre jedoch irrig zu glauben, dass sich ein Tonstück stets
strenge in der Tonart halten musste, in welcher es angefangen hatte,
so wie bei uns ein längerer Tonsatz nur höchst selten z. B. durch-
weg in C-dur oder ^/-moll geht, sondern in seinem Verlaufe in
andere Tonarten ausweicht. So setzte Sakadas von Argos in den
Chorgesängen, die er in Sparta dichtete, die erste Strophe in do-
rischer, die zweite in phrygischer, die dritte in lydischer Harmonie.
Diese Gesänge hiessen davon dreitheilig (Tgipagr^). Die Griechen
fanden in einer solchen rein äusserlichen Verbindung der Tonarten
eine so ansprechende Abwechslung, wie in der geschmackvollen
Verbindung dorischer und ionischer Architectur in demselben Bau-
werke, dessen eine Fronte, wie z. B. bei den Propyläen in Athen,
dorisch, die andere ionisch war, oder wo das Aeussere der do-
rischen, das Innere der ionischen Bauweise angehörte.
Der Uebergang aus einer Tonart in die andere hiess Me-
tabole, Veränderung. Da die Metabole ganz einfach durch
Zuweisung je einer anderen Tonart an jede Strophe geschah,
selbst bei allmäligem Uebergange (da sie melodisch und nicht, wie
bei \ins, harmonisch bewirkt wurde), ergab sie nicht die Ver-
1) Pollux IV. 10.
2) Plutarch 16.
3) Athen. XIV. 20.
4) Himerius Orat. V. 3.
26*
404 Die Musik der antiken Welt.
Wickelungen und Schwierigkeiten unserer Modulationslehre. Die
Metabole war in der griechischen Musik die allezeit geschäftige
Dienerin. Auch die Aenderung des Rhythmus, des Klanggeschlech-
tes, ja der Uebergang aus einer ernsten in eine heitere Melodie,
oder umgekehrt, hiess Metabole. In der griechischen Musiklehre
bildet die Metabole demgemäss ein eigenes Kapitel, in dem ihre
verschiedenen Arten zusammengefasst und erläutert werden.
"VI. Die Rhythmik der griechischen Tonkunst.
Die Rhythmik der griechischen Musik steht mit der Rhythmik
der griechischen Poesie in genauem, theilweise sogar in ganz un-
mittelbarem Zusammenhang. Die Musik der Griechen hatte sich
an der Poesie herangebildet, der Ton fand am Worte nicht blos
einen Spielraum zum Erklingen überhaupt, es lehnte sich auch das
Mass seiner Dauer und das Gewicht seiner Accentuirung an das
Wort, war sogar davon abhängig. Diese Entstehungsweise war
für das tiefste Wesen griechischer Musik, auch in ihrer höchsten
Entwickelung, von der grössten Bedeutung. Selbst als sich die
Instrumentalmusik von der Vocalmusik völlig getrennt und ernan-
cipirt hatte, als man es gelernt hatte Melodien für sich allein auf
der Lyra oder Flöte als selbstständige Werke der Kunst hören zu
lassen, verlor die Musik nicht diesen ihr einmal angeborenen Zug.
Die Instrumentalmusik unserer Neuzeit hat sich zum grossen Theile
aus der von Instrumenten gespielten Tanzweise entwickelt. Bei der
Tanzweise aber wird der Wechsel der Tondauer, das Gewicht der
Accentuirung nicht durch die metrische Gestaltung eines Gedichtes,
und die stärkere oder schwächere Betonung des Wortes nach dem
Sinn der Rede, sondern durch den Rhythmus der geregelten Körper-
bewegungen im Tanze bestimmt. Hier tritt das rein formelle Gleich-
mass der Theile, die rein symmetrische Bedeutung entschieden
und überwiegend hervor, hier konnte sich also auch der musika-
lische rhythmische Periodenbau , das symmetrische Gleichmass wie-
derkehrender Melodieglieder oder ganzer grösserer Melodietheile
entwickeln. In Griechenland wurde aber selbst der Tanz zugleich
auch Tanzlied. So musste selbst hier die Musik sich der poetischen
Declamation anschliessen. Mit der Benennung Rhythmus wird in
der griechischen Musik das geregelte Mass der nach der Zeitdauer
geordneten Töne verstanden, derselbe Begriff, den wir mit diesem
Worte verbinden. Piaton definirt Rhythmus als die „Ordnung der
Die griechische Musik. 405
Bewegung"1), und Aristides nennt ihn eine Zusammensetzung ge-
ordneter Zeitlängen.2) Durch dreierlei sinnliche Wahrnehmung,
fährt Aristides fort, lässt sich der Rhythmus erkennen, durch das
Gesicht im Tanze, durch das Gehör im Melos, durch das Tasten im
Schlage des Pulses. Der Rhythmus in der Musik aber wird durch
Gesicht und Gehör wahrgenommen, denn es wird die Bewegung
des Körpers, die Melodie und die Sprache rhythmisch geregelt.3)
Hier greifen also wieder, unter dem gemeinsamen Namen der Musik
der Tanz, die Musik im engeren Sinne und die Poesie in einander,
Avie denn bei den einfach empfindenden, Alles gleichsam aus der
Quelle schöpfenden Griechen diese ursprüngliche Vereinigung der
zeitlichen Künste (zeitlich im Gegensatze zu den räumlichen Kün-
sten der Bau-, Bild- und Malerkunst) sich nie völlig verloren hat.
Geht jemand gemessen, nicht bald hastig, bald zögernd einher,
ist seine Rede im Vortrage abgewogen, nicht durch irgend einen
Affect oder eine andere Ursache in ihrem klaren, gleichmässigen
Strome unterbrochen oder getrübt, so lebt in seinem Gange, in sei-
ner Rede ein schöngemessener Rhythmus, man sagt von ihm, er
gehe oder spreche eurhy thmisch , d. i. wohlgemessen (evgv&ixoig).*)
Alter selbst an unbeweglichen Körpern, sagt Aristides, zeigt der
Rhythmus seine Macht, wie man denn von einer wohlrhythmischen
Statue (evQv&iiov ocvögiocvra) zu sprechen pflegt. 5) In diesem Sinne
rühmt Diogenes von Laerte den Bildgiesser Pythagoras von Rhegion
(470 v. Chr.), er habe „zuerst den Rhythmus und die Symmetrie
beachtet." Hier bedeutet Rhythmus so viel als das sich in der
Durchführung der einzelnen Partien der Menschengestalt zeigende
Mass einer harmonisch geregelten Bewegung, da ja die Statue uns
mit dem Scheine des Lebens täuschen soll, und wir, ob wir auch
seh« m ihre Unbeweglichkeit recht gut kennen, ihr dennoch nach den
Motiven ihrer Haltung und der lebensvollen Durchführung des Ein-
zelnen Bewegung zutrauen. Die Gegensätze von Hebung und
Senkung, von Stützung und leichter Haltung, wie sie sich in den
symmetrisch wiederholten Gliedmassen den Beinen und Armen, wie
sie sich in den Umrissen und in der Musculatur des Rumpfes aus-
sprechen, machen uns den Eindruck, als bewege sich sonst die Ge-
1) J'l zrjqxtviqaecoq tccSet oil) iibqovoßa *"// uv. (Platon.delegg.il.)
2) QV&fidq toivvv iavl avorrjfia tx -/qÖvcov xaxü xiva xä^iv avyxei-
in'vfir. Aristid. I. S. 31. Bacchius erklärt: jqovov xazttfieTQrjßiq xivi'/ascoq
yivofievrjq tcoiäq xivoq. Aristoxenos (citirt bei Bacchius) %QÖvoq öiygijfiivoq
i'<fy ixuGTv) rojv QV&fdtßß&ai övvaßhiov. Kürzerund besser Nicorrmchus :
ynnror Bvtaxtoq avv&SGiq. Leophantos : -/qÖvojv ovv&soiq xaxcc avaXo-
ylccv t: xal GVfißSTQlav 7iQoq havxovq d-sojQovfASveov.
3) Qv&fißQszcu 6s sv (xovoixy xlvTjaiq avj/uaxoq, ßskioöia, ).s§iq.
Aristid. a. a. 0.
4) A. a. 0.
5) A. a. O.
406 Die Musik der antiken Welt.
stalt, die wir da vor uns sehen, gleich andern lebenden Wesen
und es sei ihre Bewegung nur in irgend einem Moment durch eine
Art Zauber fixirt und festgehalten worden, daher selbst noch in
dieser Fixirung von dem vollen Pulse des Lebens durchströmt. So
verschwindet der anscheinende Widerspruch, den Rhythmus, der
seinem eigensten Wesen nach in Bewegung besteht, auf etwas an
sich Unbewegtes anzuwenden, und es ist ein Beweis von dem fein-
fühlenden Sinne der Griechen, dass sie eine solche Anwendung
machten. Wenn nun der Grieche in den rein plastischen Bewe-
gungen des Palästrakampfes, ja im ernsten Kriegeskampf (den
Otfried Müller ausdrücklich zu den schönen Künsten der Hellenen
zu rechnen geneigt ist), wenn er in seiner Orchestik, wie in seiner
jede unedle Hast ausschliessenden Würde in Gang und Geberde
(asfivoTTj?) ein geordnetes Mass der Bewegung, das heisst den
Rhythmus sorgsam und ungezwungen einhielt, und dieser Rhythmus
ein Zügel war, der ihn vor jeder Uebersehreitung bewahrte und ihm
das jnflb uyav, das „Nichts zu viel" auch hier zu beobachten be-
hilflich war: so ist es ganz natürlich, dass diese sein ganzes Leben
durchdringende Macht auch in seiner Musik höchst wichtig wurde.
Hier ist der Punct, wo ihm in der Musik der Rhythmus
Ersatz für den mangelnden Zusammenklang der Viel-
stimmigkeit der Harmonie leistete und im Vereine mit den
nach der Tonart entsprechend verbundenen Tönen ihm ein Bild
jener herzerhebenden Ordnung (xt'a/iog) gewähren konnte, um derent-
willen seine Denker in der Musik ein Abbild des Weltalls und im
Weltall mit seinen eurhythmisch bewegten Himmelskörpern eine er-
habene All -Musik erblicken konnten.
Wenn am Bildwerke der Rhythmus in der contrastirenden
Hebung und Senkung der Gliedmassen fühlbar wird, wie im Tanze
oder ruhigen Gange sich der Fuss in regelmässigen Bewegungen
hebt und wieder senkt, oder wie strömende Wellen wechselnd an-
schwellen und abrliessen '), so beruht, auch der Rhythmus der Töne
auf der Hebung und der Senkung (Arsis und Thesis). „Die Ein-
drücke des Rhythmus", sagt Aristides, „nennen wir Arsis und
Thesis.2) Die Arsis ist die Hebung des Körpers nach Oben, die
Thesis dessen Senkung.3) Durch die Theile des Rhythmus erhält
1) Buckh (de metr. Find. S. 10) gebraucht dieses Bild, er sagt: „Itaque,
quia seqnentes arses thesesque omnes a prima arsi thesique propagatae sunt,
velut undulae ab ea, quae prima percussa est, truduntur omnes, modo sur-
gente aqua, modo delabente, ab primo positionis sublationisque pari cetera
pendent omnia."
2) Aristid. I. S..31.
f Z) ÄQöiq_[iev ovv toxi tpoga awßaxoq tnl rb uro/ &&oig de inl to
xazet) zavxov ßtQovq, a. a. O. Bacchius (S. 24) nennt Arsis die Hebung des
Fusscs beim Ausschreiten, Thesis dessen Niedersetzung.
Die griechische Musik. 407
die Melodie erst Gestalt und Nachdruck. *) Denn unterschiedlose
Töii'e von völlig ähnlicher Bewegung- bilden nur einen unwirksamen
Gesang und täuschen über den Sinn."2) Die Hebung und Senkung
ist natürlicher Weise nur sinnbildlich zu verstehen. Die nachdrück-
lichere Betonung gibt den Eindruck des Gewichtigeren, Lasten-
deren, daher der Senkung, der Thesis; die flüchtigere den Ein-
druck der Leichtigkeit, Hebung, der Arsis. 3)
Arsis und Thesis der Töne sind also die Elemente der Rhythmik
in der Musik. Die Griechen hatten nichts unserem musikalischen
Tacte und seiner Eintheilung nach Notenquantitäten völlig Ent-
sprechendes, auch nicht eigentlich was wir musikalisches Tempo
nennen, und da bei fehlender Mehrstimmigkeit die Notwendigkeit
nicht empfunden wurde die Notenquantitäten gegen einander auf
ein bestimmtes Mass festzusetzen (so dass z. B. die ganze Note zwei
halben, vier Vierteln u. s. w. , die halbe Note zwei Vierteln u. s. w.
in der Dauer des Ausgehaltenwerdens gleichkommt), auch nicht
eigentlich ein System von strenge gegen einander abgemessenen
Dauerzeiten der Töne. Aber auch bei ihnen bildete Arsis und Thesis.
Kürze und Länge, die Grundlage der Rhythmik.
Die Grundsätze dieser ihrer Rhythmik stellten sie in einen
gewissen Parallelismus mit den Grundsätzen ihrer Harmonik, sodass
diese zwei Hauptsäulen, auf denen das Gebäude ihrer Tonkunst
ruht, gegen einander eine Art Symmetrie wahrnehmen liessen. *)
So wie der Ganzton (iotoc) das Element der Harmonik bildet, so
bildet das Element der Rhythmik der rhythmische Fuss (jtoi'v),
welcher aus der Arsis und Thesis zusammengenommen besteht. Er
lieisst auch wohl Rhythmus in engerem Sinne. Im Verhältniss zu
dem vollständigen rhythmischen Gebilde erscheint der Fuss als Theil
und gibt zugleich den Massstab, die Formel ab, um das ganze
Gebild überblicken und verstehen zu können.5) Fuss heisst es nach
einem vom Tanze hergenommenen Bild. „Denn," sagt Suidas, „da
das schnelle oder langsame Heben und Setzen (agaig xal Vieris) der
Füsse unter sich ein Verhältniss (löyov) hat, so entsteht daraus
ein Rhythmus."6) Zwischen der Hebung und Setzung des Fusses
1) Tu tov Qvd-fioi- ninij tijv dvvafuv tijq uskmölaq ivaoyij xaS-laxrjai.
a. a. O.
2) Kad-oXov yaQ T(~jr <p&6yyct>v Sia r>/i' bfioiozrfta rtjq xivnostoq
ttvefjupaxov rt/v tov ui'/.ovq tcoiov/isvojv n\oxr\v /.a) slq nXdvqv dyovtcov
t/jV öidvoiav /.. t. /.. a. a. 0.
3) Die römischen Grammatiker (Martianus Capella de nupt. IX. Priscia-
nus u. a.) nehmen gegen diese griechische Anschauung gerade das Entgegen-
gesetzte an. Der gute Tacttheil ist ihnen: Arsis, der schwache: Thesis.
4) Vergl. darüber Böckh, De metr. Pind. S. 38. Aehnliche Ideen führt
Hauptmann in seiner „Natur der Harmonik und Metrik" durch. S. auch Zusätze.
(5 Iloyq /«-)• ovv tozt fxsgoq tov navxbq nilhun- , öl ov tov o'/.ov
xavaXafißavofiev. Aristid. I. S. 34.
6) Suidas ad voc. Qi'&iitöc.
40S Die Musik der antiken Welt.
entsteht allerdings noch ein Zwisehenmonient, der thatsächlich vor-
banden, aber so geringfügig ist, dass er dem Auge und Ohr
entgebt und daher nicht weiter in Anschlag zu bringen ist. l) Daher
besteht der Rhythmus wirklich nur aus Arsis und Thesis, wiewohl
es Theoretiker gab, die auch die „leere Zeit" die „Pause" (xgovog
KBvog) als ein drittes Element des Rhythmus gelten Hessen. 2) 1 >a
aber, wie Aristides ganz richtig bemerkt, die leere Zeit nur zur
Ausfüllung und Ergänzung des Rhythmus (noo; avanXrigaaiv tov
gv&{toi>) dient und eigentlich nichts ist als eine rhythmische Zeit
ohne Klang (xqovos avev (f&oyyox') 3) und folglich selbst die Stelle
einer Arsis oder Thesis einnimmt, so ist die andere, den Rhythmus
blos in Arsis und Thesis scheidende Ansiebt ohne Zweifel die rich-
tigere. Wenn für den Rhythmus das wesentlich Kennzeichnende
der Wechsel von Hebung und Senkung, oder, wie wir in unserer
musikalischen Rhythmik sagen, von starken und schwachen Tact-
gliedern ist: so müssen sich, da ja der Rhythmus an sich nichts
Anderes als die regelmässig geordnete Zeit ist, Arsis und Thesis jede
einen gewissen Zeitmoment lang fühlbar machen, sie können gar
nicht anders als in der Zeit (weil successiv nach einander) zur Er-
scheinung kommen, sie sind nicht blos Bewegungs- sondern auch
zeitliche Erscheinungen. Das Wesen der Arsis und Thesis als Be-
wegunffserscheinuno- wird in keiner Art dadurch modificirt. ob Bie
als zeitliche Erscheinung einen längeren oder kürzeren Zeitraum
einnehmen. Jedenfalls muss aber dieser Zeitraum lange genug
währen, um bestimmt wahrgenommen werden zu können. Die
noch wahrnehmbare Mindestdauer eines rbvthmischen Gliedes war
für das rhythmische Gefühl so das Aeusserste, wie für den Tonsinn
das Erkennen der Diesis, als kleinst unterscheidbaren Theiles eines
Ganztones, daher beide auch einander verglichen wurden.4) Nur
war der Unterschied dabei, dass der Viertelton stets nach Natur-
gesetzen dasselbe Mass hat, und zu seiner Unterscheidung eine
feinere Ausbildung des Gehörs und Aufmerksamkeit erheischt wird,
während jene erste, einfachste Zeit in ihrer Dauer relativ ist und
oft lange genug dauert, um thatsächlich in noch kleinere Theile ge-
theilt werden zu können, gerade so wie bei uns unter Umständen
nach dem Tempo eine Viertelnote im Largo thatsächlich länger er-
klingen kann, als eine Tactnote im Presto. Einigermassen mit un-
serem Tempo kann verglichen werden, was die Griechen duetus
rhythmicus, ayayrj, nannten, denn sie hatten für die Recitation (atich
t) Bacchius S. 24.
2) Das Syngramma (S. 17) beginnt: o Qvd-fibq GVVtGTijXfr 8% T£ ccq-
gs(üq xal &iGS(og xal yoörov tov xaXovftevov Traget xiat xsvov.
3) Aristid. I. S. 40.
4) Mt'/Qi yv.Q TSTQuöoq Jtooij/Jter o {ji&/uxog yoörog, xal yaQ
dvu'/.oysl reo Tc'/.t'i&ti t<3v tov xövov oiecsfov. Aristid. I. S. 33.
Die griechische Musik. 409
die musikalische) kein mittleres Normalmass, keinen integer valar
notarum, wie die Mensuralmusik des Mittelalters kein tcmpo (jius/o,
das ein- für allemal hätte festgehalten werden müssen, sondern es
konnte der Recitirende, nach Beschaffenheit des Inhaltes seines
Vortrags, den Gang der Rhythmen beschleunigen oder verzögern,
worin eben jene rhythmische Agoge bestand, gerade wie auch bei
uns ein Declamator nach Sinn und Geist der Worte, die er vorträgt,
jetzt ernst, gewichtig, gedehnt spricht, jetzt die Redesätze rasch
einherstürzen lässt. Fehlte auch den Griechen der so unendlich
wirksame Wechsel des Adagio und Allegro unserer Musik, so
empfanden sie doch die ästhetische Notwendigkeit dieses Gegen-
satzes sehr wohl und trugen ihm theils durch die rhythmische Agoge,
theils durch den Bau der Verse (und zugehörigen Tonsätze) im
Häufen langsamer oder rascher Sylben Rechnung. Länge und Kürze
und deren Wechselspiel sind Momente, welche auch ohne Rücksicht
auf die mit dem Rhythmus allerdings zusammenwirkende Metrik in
dem Fühlbarwerden der Arsis und Thesis wesentlich mit in An-
schlag kommen. Der ältere Bacchius sagt über diesen Gegenstand
in seiner „Einleitung" wörtlich Folgendes: „Aus wie vielen Zeiten
ist er (der Rhythmus) zusammengesetzt? Aus drei Zeiten. Und
diese sind? Folgende: die kurze, die lange und die irrationale
(tovtcdv xqovov ßgn/vav/.).äßov te y.atl (.taxQov, v.ui aloyov). Was
ist die kurze Zeit ? Jene kleinste , die keine weitere Eintheilung
zulässt. Und was die lange ? Das doppelte Mass der kurzen. Was
aber ist die irrationale Zeit? .Jene die länger ist als die kurze, aber
kürzer als die lange. Weil sich nun aber mit genauer Rechnung
nicht ermitteln lässt (öia rö löyyf slvui övtjcmoöojor), um wie viel sie
eigentlich länger oder kürzer sei, heisst sie eben deswegen irrational,
alogos. Wie vielerlei Zusammensetzungen der Zeiten gibt es im
Rhythmus? Vier. Entweder wird die kurze Zeit der kurzen ver-
bunden : oder die lange der langen, die irrationale der kurzen1),
die irrationale der langen." Irrational zu irrational kommt nicht
vor. Denn die irrationale rhythmische Zeit ist im Rhythmus, was
in der Metrik die Syllaba ariceps (xoirö?), welche erst durch ihre
Stellung neben einer lonya oder brevis selbst einen bestimmten
Character von Länge oder Kürze annimmt. So muss also die irratio-
nale rhythmische Zeit stets neben einer rationalen (v»iTo?) d. i. einer
langen oder kurzen stehen, um ein wenigstens annähernd bestimm-
tes Gewicht zu erlangen, während irrational zu irrational nur wieder
ein irrationales Ganze ergeben könnte. Die Combination lang gegen
kurz und kurz gegen lang hat Bacchius übergangen, vielleicht wegen
1) Meibom (S. 23) übersetzt aus Versehen: irrationale irrationali, wahrend
s im Original heisst akoyoq ßga/ü.
4 1 0 Die Musik der antiken Welt.
der rhythmischen Aequiponderation , welche aher keineswegs in
numerischer Gleichzahl der Zeiten besteht. Diese Combinationen
finden sich wirklich in den vielgebrauchten Rhythmen des Trochäus
— ^ und des Jambus ^ — , welche übrigens Bacchius selbst weiterhin
als Rhythmen erklärt, und für den Choreios das Beispiel nwAoc, für
den Jambus das Beispiel &eov gibt.
Aristides unterscheidet die rationale von der irrationalen Zeit
„je nachdem wir das Verhältniss der Arsis zur Thesis bestimmt
(Ad^w) auszudrücken vermögen, oder aber dieses Verhältniss der
Zeittheile (-/>>oviY.iüv /jequv) zu einander in solcher Weise zu be-
stimmen nicht im Stande sind." *) Als Beispiel führt er weiterhin
den irrationalen Choreus jamboides undtrochoides an2), und Martianus
Capella sagt übereinstimmend : sunt sane (numeri) qui etiam irratio-
nabiles esse dieuntur, quos „alogos" voeitamus, quos etiam chorios
appellare consuevimus.3) Länge und Kürze sind übrigens relativ:
klinge ist doppelt genommene Kürze; Kürze ist halbirte Länge.
Ihr Nebeneinanderstellen bestimmt erst ihre Geltung. So können
wir den Notenwerth eines allein und einzeln angeschlagenen Tones
nicht unterscheiden. Ob er eine Tactnote, halbe Tactnote, Viertel-
oder Achtelnote gilt wird erst durch seine Stellung im Ganzen
erkennbar. Die Genesis dieses Verhältnisses zwischen Länge
und Kürze wird evident aus Worten mit zusammengezogenen Vo-
calen, z. B. vovg statt vöog, yßcöv statt yßüov. Zwei kurze Vocalc
zusammengezogen geben einen langen, d. i. zwei Kürzen zusammen
eine Länge. So sagt auch Quintilianus, man spreche bei langen
Sylben einfache Vocale wie doppelt aus, z. B. maaler statt matev,
<lce in il statt demit. 4)
Was aber irrational heisse, davon gibt Aristoxenos ein an-
schauliches Beispiel. Der Dactylus besteht aus vier rationalen Zeiten,
zeigt also das Verhältniss von 2 : 2. Der Trochäus, aus drei ratio-
nalen Zeiten bestehend, stellt das Verhältniss von 2 : 1 dar. Denkt
man sich nun in der Arsis statt der zwei kurzen Zeiten des Dactylus
und der einen kurzen Zeit des Trochäus ein Mittleres, eine Zeit die
länger ist als die eine des Trochäus und kürzer als die zwei des
Dactylus (so wie die syllaba aneeps kürzer als die longa, länger als
die brevis ist), so wird das Verhältniss irrational und man könnte es
allenfalls nur durch einen Bruch versinnlichen, z. B. 2 : ll/%. Wenn
1) Aristid. I. S. 34.
2) Ebend. S. 39.
3) De nupt. philolog., IX. S. 197 ed. Meibom.
4) Quint. orat., I. 7.
Die griechische Musik. 1 1 1
in unseren Noten ähnliche Proportionen darzustellen wären, so
müsste man ihnen folgende Gestalt geben :
i I
,' p f p = 2 : 2 gerader Takt
ß ß
J =2:1 ungerader Takt
d #• =2- IV«.
ß 0 0 ß i
II \ [f
Für die Bildung 2: l1 o haben wir in unserer musikalischen Tactir-
kunst kein analoges Verhältniss, Combinationen wie
-»— f~
=PÜ=:
-ß m m • f
.-^
i-U-fi-
~
:p=
-
^=3
würden uns mit Recht als Missbildungen erscheinen. Dennoch sind
uns in der Musik irrationale Verhältnisse nicht so ganz fremd, sie
entstehen durch Verzögerungen des Tempo, durch Anwendung des
Tempo rubato, durch Dehnung einzelner Noten mittelst Fermaten:
lauter Kunstmittel, durch welche das strenge rhythmische Grleich-
mass aufgehoben wird, zwischen die rationalen rhythmischen Glie-
der einzelne irrationale eingeschoben werden. Allzuviel Regel-
mässigkeit wird Steifheit, allzustrenge Symmetrie ist Leblosigkeit.
Die Natur zeigt jene starre Symmetrie nur in der Krystallbildung.
Zwar hält sie auch in der organischen Bildung an dem Prinzip der
Symmetrie fest, aber sie formt dort niemals beide Hälften einander
vüllicr g-leich. Die Griechen erkannten auch dieses sehr wohl. Es
waren Anschauungen solcher Art, kraft welcher sie dem Stylobat
ihrer schönsten Tempel einen leisen Schwung nach oben gaben, die
Säulen etwas einwärts neigten u. s. w., statt Alles nach Messschnur
und Bleiloth geometrisch genau und schnurgerade zu legen und zu
stellen. Gerade diese Eigenheit gibt ihren Bauten das wunderbare
Leben, das so viele spätere nach dem Lineal geregelte Werke ver-
missen lassen. Anschauungen dieser Art waren es, welche sie in
ihre Rhythmen irrationale Zeiten aufnehmen hiessen, gerade so wie
wir unsere Fermas und Ritardandos aus dem gleichen Grunde ge-
brauchen. Die späteren Grammatiker hielten dann freilich an der
linealgemessenen Regelrichtigkeit ihrer Längen und Kürzen geistlos
fest, während die glückliche Zeit, wo alles Schöne den Griechen
wie von selbst zufiel, die "Wahrheit begriffen hatte, dass Schönheit
ohne geistige Freiheit nicht bestehen kann , und dass die Kunst des
Rhythmus ein anderes Ideal anstrebt, als durch einen pochenden
Eisenhammer oder eine klappernde Mühle erreicht wird.
412 Die Mu«ik der antiken Welt.
Das erste Element der rhythmischen Bewegung in der Zeit
heisst also selbst Zeit (/gövog). Sie ist entweder zusammengesetzt
(uvv&stoq XQovog), oder nicht zusammengesetzt, je nachdem sie in
kleinere Zeiten getheilt erscheint, oder ein ungeteiltes Ganze
bildet. Diese Theilung ist nicht in dem Sinne der blossen Möglich-
keit noch weiterer, dem Ohr und Geiste noch immer fasslicher
Untertheilungen zu verstehen (wie wir z. B. im Adagio die Viertel-
note noch in Achtel, Sechzehntel, Zweiunddreissigstel, Vierund-
sechzigstel theilen können, im Presto aber schon Sechzehntel un-
deutlich würden) , sondern im Sinne der wirklichen Scheidung eines
rhythmischen Gliedes in mehrere Zeiten. So ist z. B. der Spondeus
( ) und der Hegemon ( w ^ ) aus zwei ungetheilten Zeiten zu-
sammengesetzt, aber der Anapäst (^> -!_) oder der Daktylus (j. ^Z,)
bestehen aus einer zusammengesetzten und einer ungetheilten Zeit.
Das Verhältniss der Zusammensetzung wird also immer erst im
Gegensatze gegen eine einfache Zeit bemerkbar. Aehnlieh können
wir z. B. bei dem Anfang der ersten Nummer in Seb. Bach's „Kunst
der Fuge"
sagen, im ersten und zweiten Tacte bestehe jeder Schlag aus einer
ungetheilten Zeit, dagegen sei im dritten und im vierten Tacte nur
der erste Schlag ungetheilt, der zweite dagegen zusammengesetzt. Im
Vergleiche zu den zusammengesetzten Zeiten heissen die einfachen
zweizeitig (Öi'xgovoi oder Siaij^oi) , dreizeitig (rgl/govoi), vierzeitig (tb-
jQcc/govoi) u. s. w. , je nachdem sie zwei-, drei-, viermal u. s. w. so
lange dauern als sonst zwei, drei, vier Zeiten. Im Jambus ( w j. )
oder Trochäus (_^) ist z. B. die längere Zeit zweizeitig, weil sie
doppelt so lang ist als die nebenstehende kurze.
Die erste, kleinste Zeit (txqcotos xqövoo) lässt eben deswegen,
weil sie die erste und kleinste Zeit ist, keine weiteren Theilungen
zu, sie ist untheilbar («ro/io? v.m ila/iato?) und heisst deswegen auch
Zeichen (arjpeiov), wie auch der Geometer das kleinste Untheilbare
(den Punkt) Zeichen nennt. Sie heisst erste in Berücksichtigung
der Uebrigen, welche nachfolgen können. Aus der Grösse der
folgenden (ix tov t% i^g fiE]'s&ovg) ist eigentlich die Grösse der
ersten Zeit erst zu beurtheilen. ') Eine einzige ungetheilte Zeit
1) Aristoxenos"elem. rhythm., S. 288 : ori idv i-S evdq ynorov Ttovq OVX ay
Sit] tpavsQOV, ifCSLÖ^TtSQ i-r atj/Ltelor ov noiet 6iaU>£Giv xqovov' o:rtc Aicupe-
O£i»gyj)övov itovq ov <)oxHylrt(>9-cu. M. Hauptmann (die Natur der Harmo-
nik und Metrik, S. 224) sagt: „wenn ein Schlag noch keinen Zeitraum, keine
Zeitgrösse bestimmt, sondern nur einen Anfang ohne Ende bezeichnen kann,
so erhalten wir mit zwei nacheinander folgenden Schlägen ein zeitlich be-
Die griechische Musik. 413
bildet noch keinen Rhythmus, so wenig wie eine einzige ausgehaltene
Tactnote einen solchen bilden würde. Denn die ungetheilte Zeit
ist entweder nur Arsis oder nurThesis, erst die Vereinigung dieser
beiden bildet den Rhythmus. Insofern msfcn sich aber die unge-
theilte Zeit in mehrere kleine gctheilt denken kann , fliessen in ihr,
eben weil sie ungetheilt ist, die auf die kleineren Zeiten fallenden
Arsen und Thesen unterschiedslos zusammen. Tritt dagegen selbst
zur kleinsten Zeit eine zweite kleinste, so entsteht schon ein Rhyth-
mus, der von Bacchius und Aristides genannte Hegemon (w ^),
wiewohl ihn Aristoxenos verwirft, aus demselben Grunde, aus dem
wir einen Zweiachteltakt zwar für möglich, aber wegen seines klein-
lich trippelnden Wesens für kaum brauchbar erkennen.1) Hier,
sowie im Spondeus ( ) dem Opferspenderhythmus, dorn „Choral-
rhythmus" könnten wir sagen ^ I), tritt die gleiche Zeit gegen die
gleiche. Das Hinzutreten einer dritten Zeit ergibt ein noch
immer fassliches rhythmisches Verhältniss, so entsteht der Tri-
braehys (auch Choreus genannt, w w ^), mit dem sich, wie Dionys
von Halikarnassus (der Jüngere) meint, „nichts Edles ausdrücken
lässt"; durch drei lange Zeiten entsteht der Molossus ( ),
(von Dionys der weitschreitende, diaßeßijxög, genannt), durch Zu-
sammenfassen zwei kurzer Zeiten in eine lange der Jambus (^ _)
und Trochäus (_^)'. Für den Tribrachys könnte unser 3/8 Takt,
für den Molossus der 3/2 Takt, für Trochäus und Jambus unser
3/4 Takt ein Gegenbild abgeben. Das Hinzutreten einer vierten
Zeit vollendet und schliesst das rhythmische Gebilde2). Im Dak-
tylus, ^ w w (so genannt nach der Analogie der Fingerglieder)
werden aber insgemein die zwei ersten kurzen zusammengezogen
_ vS ^- Das Gegenstück des Daktylus ist der Anapäst, der „rück-
kehrende" (nämlich vom Bewegteren zum Ruhigem) ^ w _, der
frische, kampfesfreudige kriegerische Rhythmus. Aus einer andern
Combination entsteht der „weiberhaft gehende" Amphibrachys
w _ w , dessen Gegentheil der Amphimacer oder Cretius ist :
^ 3) Vier lange Zeiten ergeben den Dispondeus ( ),
stimrates Ganze, von welchem der durch die beiden Schläge eingeschlossene
Zeitraum die Hälfte ist."
1) Doch hiess er auch Pyrrhichius , weil er an die raschen Wendungen
des Waffentanzes erinnerte. Auch der doppelte Hegemon (der Proceleus-
maticus) hiess so. Athenäus leitet die Bezeichnung von TtVQ , Feuer, her,
wegen der feurigen Bewegung.
2) Darüber zu vergleichen: Hauptmann a. a. O.
3) Ohne Zweifel ursprünglich in Kreta heimisch. Die Kreter galten schon
in alter Zeit für sehr musikalisch, wenigstens sagt der Homerische Apollon-
hymnus (v. 518): „Die Muse habe ihnen süssen Gesang in die Brust gelegt":
KQrjxzq,
OLOix8 Movaa
Er GTrjÜEGOir i'fh/xe 9-sä fXSXlyt]QW äoiSrjv.
414 D'e Musik der antiken Welt.
vier kurze den wild lebhaften Proceleusniatikus (^ ^ w ^). "Wenn
nun Aristides sagt, dass mit vier kleinsten Zeiten die rhythmische
Zeit völlig- geschlossen sei, wenn Aristoxenos dasselbe sagt,' und zu
beweisen verspricht, es könne gar nicht anders sein (die be-
weisende Stelle ist leider verloren), wenn also vier Zeiten den
rhythmischen Fuss schliessen, so fallt es von selbst auf, dass der
Molossus (drei lange gleich sechs kurzen Zeiten), der Amphimacer
(zwei lange eine kurze, zusammen fünf Zeiten), der Dispondeus
(vier lange, gleich acht kurzen Zeiten) dieses Mass überschreiten.
Noch mehr: trotz des Grundsatzes von den vier, den rhythmischen
Fiiss schliessenden Zeiten erscheint ein grosser Spondeus, der vier
Zeiten inArsi, vier in Thesi hat (--'w w w w w w v-y, es ist derzu-
sammengefasste Dispondeus ^^_ jztzl)- Aristoxenos nennt einen dop-
pelt grossen Trochäus — — ~ ^ ^—^ ausdrücklich einen rhyth-
mischen Fuss, ungeachtet er nicht nur vier, sondern sechs Zeiten
enthält: der Spondeus Semantes hat nach Aristides acht Zeiten in
Arsi, vier in Thesi, der Orthios vier in Thesi, acht in Arsi.1)
Wenn die Griechen keinen Spondeus mit acht Zeiten in Arsi, acht
in Thesi (den doppelten Dispondeus oder vierfachen Spondeus der
ersten Art) annahmen, was sie nach der Analogie des Semantes
und Orthios ganz consequent hätten thun können, so geschah dies
wohl, weil er gar zu schwer und schleppend ausgefallen wäre. Da
die Proportionen der Zeiten alle auf die Zweizahl gegründet werden,
so kann das Verhältniss: dass eine Zeit gleich sei drei kürzeren, nicht
vorkommen, unser Augmentirungspunkt war den Griechen fremd.2)
Aristoxenos sagt, man dürfe sich nicht irre machen lassen, wenn
der rhythmische Fuss als nur vierzeitig angenommen wird, und doch
noch mehrfach getheilt erscheint. Der Grund liege in dem Unter-
schiede zwischen dem Verfahren der Metriker und Rhythmiker.
Die Metriker haben es nur mit dem Sylbenmasse der Worte zu
thun. Sie unterscheiden nur die lange Sylbe und die kurze. Erstere
ist noch einmal so lang als die letztere. Einen weiteren Unterschied
macht die Metrik nicht, und kann ihn nicht machen. Sie richtet
sieb nach dem Geiste der Sprache, und in dieser wird die längere
Sylbe höchstens doppelt so lang ausgehalten als die kurze. Die
musikalische Rhythmik kann sich unter Umständen mit dieser Unter-
scheidung von kurzen, und deren doppelte Dauer einnehmenden
Tönen begnügen. Aber sie könnte nur auf Kosten der Schönheit
und Lebendigkeit sich auf einen so beschränkten Standpunkt ban-
nen. Die alten Aöden, deren „göttlichen Gesang" wir uns als
eine ziemlich monotone Recitation denken dürfen , die nur bestimmt
war ihrem Vortrage Haltung und Styl zu geben (wie noch jetzt die
Volksrhapsoden in Neapel die Abenteuer Prinz Rinaldo's, die
I) Aristid. LS. 37. Aristox. dem. rhythm. S. 4.
*2) Rückli. de metr. Find.
Die griechische Musik. 415
Persischen Rhapsoden, nach Gobineau, die Abenteuer Rustem's u. s. av.
vortragen), mochten damit allerdings auskommen. Als aber die
Metrik einerseits, die Musik andererseits reicher ausgebildet wur-
den, konnte man nicht bei dieser einfachsten Rhythmisirung stehen
bleiben. Die ehemals als eine zweifellose Sache festgehaltene An-
sicht, als habe sich der musikalische Rhythmus der griechischen
Tonkunst dem Metrum der Verse auf das Genaueste und in solcher
Art angeschlossen, dass durchaus und ausnahmslos die Länge je
zwei Kürzen nach streng festgehaltenem Quantitätenmasse gleich-
gekommen sei, hat einen der stärksten Anklagepunkte gegen die
antike Musik abgegeben. Forkel findet „den Hauptfehler in der
griechischen Rhythmik" darin, „dass nur zweierlei Arten von Zeiten
angenommen wurden, nämlich eine lange und kurze, da es doch
in jeder geschwinden oder langsamen Bewegung mehrere kurze und
mehrere lange gibt, ohne deren Beobachtung selbst die blosse Reci-
tation eines Gedichtes, ohne alle weitere Rücksicht auf Gesang,
steif, unnatürlich und ermüdend werden muss. Im Gesang ist es
ebenso auffallend, wenn nicht noch auffallender, und eben zur
Vermeidung einer so steifen Einförmigkeit sind unsere kleinen Takt-
noten eingeführt worden. Keine Kunst der Melodie ist im Staude,
eine solche steife und ängstlich abgemessene Quantität der Sylben
erträglich zu machen, und eine gehörige Abtheilung der ganzen
Zeile in gleiche mit einander im Verhältniss stehende Takte ist gänz-
lich unmöglich.'' Und so kommt denn Forkel auf den Schluss,
dass „entweder die Griechen den wahren innern Verhalt der Sylben
nicht gekannt und beachtet haben, oder dass sie, wie wir, mehrere
Arten von kurzen und langen Sylben annehmen mussten." Da aber
„alle alten Schriftsteller einmüthig von der genauen Ueberein-
stimmung des griechischen Gesanges mit der festgesetzten Quantität
der Sylben sprechen", so sei kein Zweifel, dass die Griechen eine
Rhythmik besassen, deren „Unbequemlichkeit, Armseligkeit und
gänzlichen Mangel an Verhältniss und Schönheit" Forkel1) an einem
Chore aus König Oedipus von Sophokles (w fsveal ßgoräv) nachweist,
wogegen ein anderer deutscher Gelehrter, Isaak Vossius, anräth,
unsere barbarische Mannigfaltigkeit von Noten abzuschaffen und
nach griechischem Muster nur Viertel- und halbe Taktnoten anzu-
wenden. '2) Keinem fiel es ein zu fragen , ob ein Volk , dessen
Poesie noch heut unübertroffen ist, dessen Baukunst die Idealität
des Rhythmus der reiüsten Verhältnisse zeigt, sich wirklich so un-
bedingt unter das Tyrannenjoch langer und kurzer Sylben gebeugt
haben könne, um einer Conventionellen Formenschnitzerei Geist
und Schönheit zu opfern !
1) Gesch. d. Musik, I. Bd: S. 384,
2) Citirt bei Forkel a. a. O.
416 Die Musik der antiken Welt.
Wie die Griechen den rhythmischen Fuss in vier Zeiten theil-
ten, theilen auch wir, und zwar genau aus demselben Grunde,
den ganzen Takt in vier Viertel. Wir haben ferner wirklich einen
Takt von zwei kurzen J J, einen dreizeitigen Takt ' J aber kei-
nen fünfzeitigen, denn der sogenannte Fünfvierteltakt ist nur in
folgender Weise zu verstehen
a/*j Ji" jjir*/.j ji%jju.,w .
xusammengefasst aber ein Unding :
5 4 J I MM II U. S. W.l)
0 0 0 0 0 > 00000
Dass wir nun einen aus vier Schlägen oder Vierteln bestehenden
Takt den ganzen Takt nennen, hindert nicht, dass wir einen Drei-
zweiteltakt annehmen, der sechs Viertel umfasst, also über das
Mass des sogenannten ganzen Taktes hinausgeht, gerade so wie
die Griechen ihren Molossus aus drei langen (das ist soviel als sechs
kurzen) Zeiten bildeten. Wir haben zumal in älteren Tonstücken
einen Doppeltakt, der acht Vierteln gleichkommt
I I I I
ei ei ö ö
o o
1=1
gerade so wie die Griechen ihren aus vier langen bestehenden, acht
kurze Zeiten umfassenden Dispondeus hatten. Dass aber im ganzen
Takt die Viertelnote die erste Zeit {jcQovoq tioÜto;) ist, hindert nicht
sie in kleinere Notenwerthe zu zertheilen, in Achtelnoten, diese in
Sechzehntel,' und so fort, so lange nur das Ohr genügt den kleineren
Notenwerth zu fassen. Die Notwendigkeit nach einem lebhafteren
Gange der Melodie, nach bunteren Tongestalten, nach Abwechslung,
nach Unterbrechung des monotonen Ganges der Halben- und Viertel-
noten, nach lebendiger, nicht blos metrisch geleierter Declamation im
Gesänge hat diese Theilungen der Viertelnote hervorgerufen, und un-
sere Vorfahren, welche die Menge Abstufungen des Tempo vom Pres-
tissimo bis zum Adagiosissimo und vollends das Metronom nicht
kannten, bewirkten den Unterschied zwischen bewegt oder gemessen
einherschreitenden Tonsätzen zuerst zur Zeit der Mensuralmusik
1) Vergl. Hauptmann a. a. 0. Dass dieser Rhythmus vom natürlichen
Gefühl selbst des ungebildeten Menschen als 3 + 2 verstanden werde, zeigt der
Rhythmus des — Dreschens zu fünf. Drei Drescher rhythmisiren 3/s, vier
Drescher 4/4 ( j j '| '| ) , fünf Drescher 3/ _}_ 2/ ( ' | | '| | ) sechs
y 0 4 4 4 ' , . \rf 4 4 I • äf
Drescher 3/4 in raschem Tempo ( hhMNM» wobei der erste die Thesis
t- c ,,.. . ^4 4 4 4 4 4 >
Stets scharfer anschlagt.
Die griechische Musik. 417
durch Proportionalzeichen, später durch Anwendung kleinerer oder
grösserer Notengeltungen. Noch in Sebastian Bach ist es sehr deut-
lich herauszufühlen, während Mozart's und des folgenden Beethoven
Zeit es so gut wie unbenutzt Hess, Mendelssohn aber, ohne das
Neue aufzugeben , die Sache zuweilen wieder aufgriff. r) Mit einem so
reichen Apparat kann , mag und darf sich die Musik nicht sklavisch
an die Sylbenquantitäten des Worttextes fesseln. Der Dichter skandirt
in langen und kurzen Sylben, aber der Musiker behandelt seinerseits
diese Längen und Kürzen, wie er es für Zweck und Wirkung seiner
Composition passend findet, ja man würde ihn gar nicht zu loben
finden, wenn er etwa, streng nach dem Versmass sänge.
Der Componist macht also aus langen Sylben des dichterischen
Metrums kurze, und umgekehrt. Er dehnt die langen und verkürzt
die kurzen. Dass es nun die griechischen Rhythmiker, das heisst
Musiker genau so machten, dafür haben wir eine Reihe gewichtiger
Zeugnisse.
Dionysius von Halicarnassus (der Musiker) sagt: „Die gewöhn-
liche Rede thut den Zeiten keine Gewalt an und verwechselt sie
nicht, sondern wie sie die Sylben in natürlicher Weise lang oder
kurz überkommen hat, behält sie solche bei. Die Rhythmik und
Musik aber verändern sie, machen sie länger oder kürzer,
so dass sie oft das Entgegengesetzte werden; denn sie
richten nicht die Zeiten nach den Sylben, sondern die
Sylben nach den Zeiten." Die Dichter, sagt er weiterhin,
pflegen oft Sylben, welche accentuirt sind und schärfer ausge-
sprochen werden, die Stelle accentloser zugeben, und umgekehrt,
und in der Musik müssen sich die Worte der Melodie anbequemen,
nicht die Melodie den Worten.
In ähnlichem Sinne bemerkt Longinus, der Rhythmus mache
lange Sylben kurz, kurze Sylben lang. Sehr deutlich bezeichnet
Marius Victorinus die Sache mit den Worten: „Zwischen den Me-
trikein und Musikern ist wegen der in den Sylben begriffenen Zeit-
räume nicht wenig Meinungsverschiedenheit. Die Musiker behaupten,
dass nicht alle langen oder kurzen Sylben das gleiche Mass haben,
es gäbe Sylben, die man kürzer als kurz und länger als lang machen
könne. Die Metriker dagegen bleiben dabei, dass jede Sylbe lang
£
1 ) In Seb. Bach's englischer /J-moll Suite ist z. B. die Alleniande eigent-
lich ein rascher Allegrosatz, obwohl man sie faktisch in einem ganz ruhigen
\ndantetempo zu spielen hat. Bei Mendelssohn genüge es an den Chor „Steiniget
ihn" im Paulus zu erinnern. Sehr richtig sagt Sechter (Grundsätze der
musikal. Composition, Bd. 2. S. 4): „Die Alten bezeichneten das Zeitmass fast
immer nur durch die Notengattung. Wenn die zweizeitige Tactart langsamer
oder geschwinder ausgeübt werden sollte, so wurde diesem gemäss der
2/ij 2/2» ~U oder 2/8 Tact gewählt, und wenn die dreizeitige Tactart mit 3/1}
3/a> Vn 3/s oder 3/io Tact bezeichnet wurde, so geschah es, um anzudeuten,
ob sie langsamer oder schneller ausgeübt werden sollte."
Ambros, Geschichte der Musik. I. 27
4 IS Die Musik der antiken Welt.
oder kurz bleiben müsse, wie sie es in der natürlichen Aussprache
ist, und eine Verlängerung oder Verkürzung sei unzulässig. Aber
bei rhythmischen Modulationen oder lyrischen Gesängen verstehen
es die Musiker durch Dehnung des Vortrages im Aussprechen die
langen Sylben zu verlängern, durch rasches Zusammenfassen die
kurzen Sylben zu verkürzen, wie es nun eben die Anordnung der
Zeiten erheischt." Diese Stellen alter Schriftsteller geben Licht
über das ganze Verhältniss. Die Metrik er, welche von Musik und
ihren Bedingungen nichts oder nicht so viel verstanden als die Mu-
siker von Profession, blieben eigensinnig bei ihrer abstrakt gefassten
Schulregel stehen, jede Sylbe sei entweder lang oder kurz auszu-
sprechen, und die lange dauere so lang als zwei kurze. Die Musiker,
welche sehr wohl einsahen, dass mit dieser Beschränkung ihnen die
Hände gebunden seien, etwas Wohlklingendes und Schönes zu
schaffen, kehrten sich nicht an den Machtspruch der Metriker, son-
dern folgten der unvermeidlichen Notwendigkeit : sie dehnten und
verkürzten die Sylben zu nicht geringem Aergerniss der Metriker,
ja sie erlaubten sich kurzen Sylben Dauer zu geben, lange zu ver-
kürzen. Sie konnten es sehr wohl thun, ohne in Declamations-
fehler zu verfallen , oder vielmehr es war gerade die natürliche dem
Sinn und Accent der Worte folgende Declamation, der zu Liebe sie
die Regeln der Metrik bei Seite setzten. In den neueren Sprachen
fällt der Accent der Sylben und deren Länge zusammen. Anders
war es bei den antiken Sprachen, der griechischen und römischen,
insbesondere der ersteren. Im Griechischen fällt die Dauer der
Sylben, die Quantität in der Metrik keineswegs mit der schulge-
rechten Accentuirung in der Schrift und beide fallen nicht mit dem
natürlichen Accente der Rede zusammen. Der Grund dieser sonder-
baren Eigenheit liegt in der historischen, unter besonderen Verhält-
nissen geschehenen Entwickelung. Ursprünglich, meint Quintilianus,
mass man im Metrum die Länge und Kürze der Sylben nur nach
der ungefähren Beurtheilung des Gehörs , das heisst mit anderen
Worten : nach der natürlichen Accentuirung der Rede. Man kann
diese einfachste Art noch aus dem Homer herausfühlen. Der Dich-
ter, der zugleich auch Sänger war, brauchte nicht mit sich selbst
in diesen zwei Eigenschaften in Zwiespalt zu gerathen : er declamirte,
wie man redete, und sang, wie er declamirte. Er war blos bedacht,
die accentuirten längeren und accentlosen kürzeren Sylben in einem
wohlgeordneten rhythmischen Wechsel ertönen zu lassen. Späterhin
bemächtigte sich die Schulbildung der Sache, und man braucht nur
die sogenannten Probleme oder die Arbeiten der gelehrten Alexan-
driner, der Grammatiker u. s. w. anzusehen, um zu der Ueber-
zeugung zu gelangen, dass die Griechen gerade auf diesen Gebieten
sehr oft Mücken seigten und eine kleinliche Pedanterie an den Tag
legten, die klar beweist, dass es auch bei diesem genialen Volke
an Philisterei und gelehrter Fraubaserei nicht gefehlt hat. Die
Die griechische Musik. 419
Accentzeichen kamen erst in der Ptolemäerzeit auf. Nach Apollo-
nius war es der Grammatiker Aristophanes, welcher zuerst den
früher unbekannt gewesenen Gebrauch derselben einführte ; ihm
schloss sich sein Schüler Aristarchos an, dem wieder sein Schüler
Dionys von Thracien folgte.
Der Accent {accentus von accinendo), die Prosodie (ngoauidln
von TtQoauösiv) haben es, wie schon der Name zeigt, mit der Art
der Betonung im Vortrage zu thun. Keine Sprache ist nämlich so
monoton, dass alle Sylben in einförmiger Betonung ausgesprochen
würden. In mehrsylbigen Worten wird eine Sylbe schärfer hervor-
gehoben, auch wohl eine zweite, wodurch das Wort eine Glie-
derung, einen Wechsel betonter und unbetonter Sylben erhält,
so dass man sagen kann, jedes mehrsylbige Wort enthalte eine
rhythmische Gestalt, wobei die scharf betonten, gehobenen Sylben
(ovrToroi, acuti) die Arsis, die dumpf- gewichtiger ausgesprochenen
(avEiiJsvoi, graves) die Thesis bilden.1) Neben diesem im Geiste der
Sprache liegenden, schon bei Betrachtung des Wortes an und für
sich zu beachtenden Accent kommt in der Zusammensetzung der
Worte der syntaktische Accent, welcher im Redesatze die einzelnen
Worte nach ihrer Stellung betont und den Redesatz so gliedert , wie
im grammatikalischen Accent das einzelne Wort gegliedert wurde.
Wir legen in der Rede auf das Subject verhältnissmässig den
grössten Nachdruck , das Beiwort tritt gegen die Präposition hervor,
aber gegen das Hauptwort zurück, das Zeitwort nimmt zwischen
ihnen allen eine Mittelstellung ein, die Artikel und Bindeworte wer-
den am mindesten hervorgehoben. Der syntaktische Accent lässt
in der Regel den grammatikalischen ungeändert, es werden blos
mit dem svntaktisch betonten Worte auch dessen einzelne Sylben
schärfer ausgesprochen. Allerdings aber übt das Zusammentreffen
gewisser Worte in der Rede einen modificirenden Einfluss auf deren
ursprüngliche Betonung. Von dieser Accentan Ordnung, welche ohne
Rücksicht auf den zufälligen Inhalt einer Rede in allgemeine Regeln
gefasst werden kann, ist der ethische Accent nach dem Sinne der
Rede zu unterscheidei* , welcher zwar nicht den grammatikalischen,
wohl jiber den syntaktischen Accent modificiren kann; man wird
nämlich nie das einzelne Wort in seinen Sylbenaccenten um des
Ausdruckes willen falsch aussprechen, wohl aber im Redesatze ein
Nebemvort oder ein Bindewort u. dgl. gegen die allgemeine Ge-
wohnheit stark betonen, wenn es der Sinn verlangt. Endlich ist
eine zufällige Accentuirung diejenige, welche man dramatisch oder
1 ) Athanas. Kircher sagt darüber in der Musurgie (II. Bd. VIII. Buch
6. Kap.): Rhythmus est sonus quidam proportionatus ex tardis et velocibus
motibus, sive, qi/od idem est. ex variis acuminis et gravitatis gradibus coni-
positus. Omnes motus ordinati et certa lege adstricti rhythmi dici possunt.
Vergl. Böckh, De metr. Pind.
42() Die Musik der antiken Welt.
hypokritisch nennen könnte, die durch die Eigenheit eines beson-
d.rcn Pathos, eines Affectes, einer Leidenschaft bewirkt wird.1)
Die Lehre von den Accenten hat es sich nur mit der grammati-
kalischen Accentuirung zu thun gemacht, und die syntaktische nur
insoweit beachtet, als sie einen Accentwechsel , oder Accent-
ubereaüff von einem Worte auf das Nachbarwort bewirkt. Es ist
nun das einfachste Operat von der Welt, dass der geschriebene
Accent dem natürlichen angepasst werde, ja es sollte so sein, weil
der geschriebene Accent für sich keine andere Bedeutung hat, als
den natürlichen vorzustellen, und die aus den blossen Buchstaben
eines Wortes nicht erkennbare Accentuirung anzudeuten. Nach
Eustathius, Apollonius von Alexandrien und Dionys von Thracien
wurde dieser Gesichtspunkt anfangs auch wirklich festgehalten. Die
Schulwissenschaft mochte sieb nicht der lexikographischen Arbeit
unterziehen, jedes Wort der Sprache mit den zukömmlichen Accenten
zu versehen; sie konnte es nicht einmal, weil dann bei jedem Haupt-
worte auch durch die ganze Declination, bei jedem Verb durch die
ganze Conjugation, wo die natürlichen Accente nach der Umbildung
des Stammwortes wechseln, das mühsame Geschäft der Accent-
bezeichnung vorzunebmen gewesen wäre. Man ging also rationell,
Avissenschaftlich , nach Principien zu Werke , man stellte allgemeine
Regeln und Grundsätze auf, statuirte Ausnahmen u. s. w., und so
kam allgemach jene verwickelte Accentlehre zu Stande, welche einen
integrirenden Bestandttheil der griechischen Grammatik bildet und
jeden geschriebenen griechischen Pedesatz, ja das einzolne Wort
mit jener Unzahl von Stricbelchen, Häkchen, Pünktchen und
Schnörkelchen krönt, welche der sclireibenden Hand mehr als der
aussprechenden Lippe zu thun geben , und die selbst einen Griechen
der voralexandrinisehen Zeit verinuthlich in Verwunderung setzen
würden. Trotz aller Regeln und Ausnahmen, welche der Fleiss
der Alexandriner und ihrer Nachfolger festgesetzt, will nun doch in
gar vielen Fällen die Accentbezeicbnung nach der Kegel der Aus
Sprache des Einzelnen nicht conform ausfallen. Die lateinische
Sprache hat von der geschriebenen Accentuirung nicht Gebraucb
gemacht, von den neueren Sprachen machen aber gerade die Tochter-
sprachen des Lateinischen (das Französische u. s. w.) davon eine
wiewohl massige AnAvendung; die slavischen Sprachen haben eine
einfache Accentbezeicbnung, das Deutsche ersetzt zum Theilc die
Accentuirung durch Dehnungsbuchstaben, das mittlere//, Doppel-
\ -orale, Doppelconsonanten.
Mit dem Accent ist eigentlich auch die Sylbenquantität , d. i.
1) Auch Böckh,ra. a. 'O. S 58, unterscheidet mehrere besondere Arten
des Accentes , den accentus vocalium (a e i o //) nach dem Grade der Hellig-
keit u. s. w., rhythmieus (Arsis und Thesis „ non necessarie eadem cum arsi
cl thesi verborum") melodicus. orationis, affectus.
Die griechische Musik. 421
deren Länge oder Kürze gegeben, und so ist es in den neueren
Sprachen der Fall. Die Sylbe, auf welche der Nachdruck kommt,
(selbst der ethische oder hypokritische), wird lang, die andere als
kurz geltend gefasst. Anders ist es bei den antiken Sprachen, ob-
schon nach der bereits erwähnten Meinung Quintilian's auch bei ihnen
ursprünglich das Mass des Gehöres, der natürliche Gang der Beto-
nung das Entscheidende gewesen war. Die Kunst, die Wissenschaft,
bemächtigte sich auch dieser Sache, und die Metriker lösten ihre
Aufgabe ohne Rücksicht auf die Accentlehre der Grammatik. An
sich genommen, ist auch wirklich mit der scharfen Betonung der
Sylbe nicht auch schon deren Dehnung nothwendig verbunden.1)
Ferner ist es völlig richtig, dass jene Sylbe, zu deren Aussprache
man mehr Zeit braucht, eben dadurch lang wird, im Gegensatze zu
der in kürzerer Frist aussprechbaren. Wo nun Vocale zusammen-
treffen, wo Doppelconsonanten durch Zusammenziehung entstehen
und dergleichen mehr, braucht man thatsächlich mehr Zeit zum
Aussprechen derselben, als wo einfach der Yocal steht, oder der
Vocal mit dem einfachen Consonant verbunden ist u. s. w. Nach
diesen und ähnlichen Rücksichtnahmen stellten die Metriker ihre
durch vielfache Ausnahmen und feine Distinctionen verwickelte.
Lehre über die Sylbenquantität zusammen, eine Lehre, bei der also
nicht, wie in der neuem Metrik, Accent, Sinn und Stellung des
Wortes in der Rede entscheidet, sondern die äussere Gestalt und
die Zusammensetzung aus bestimmten Lauten und Lautcombinatio-
nen. Böckh findet diese Messung der Worte nach ihrer äusserlichen
augenfälligen Gestalt ganz dem Charakter der Alten angemessen
und sieht darin eine consequente Aeusserung ihres plastischen
Sinnes. 2)
Mit Recht findet Böckh die neuen gereimten Masse musika-
lisch, weiblich, mild, abspannend, die antiken Metra dagegen
mannhaft, strenge, kräftigend.
Die Metrik konnte von der Rhythmik getrennt werden, wohl
aber war es erst der Rhythmus, der ihr Schwung, Bewegung und
Leben gab. Nicht eben richtig verstehend, nennt Varro den
Rhythmus Stoff (materia), das Metrum Regel (regula); denn es wird
ja aus dem Stoffe erst durch die Regel wirklich ein Geregeltes
d. h. Rhythmisches.3) Für uns ist das Wort in der Poesie, der Ton
1) Hiernach bedarf Kircher's vorhin citirter Ausspruch einer Berichtigung
oder wenigstens Beschränkung.
2) Veteres quam maxime in versibus pangendis mensuram potius syllaba-
rum quam accentus spectantes , vocis acutum saepissime in thesi , gravem in
arsi pedibus admisere: idque congruum veterum ingenio , in universali arte
externam figuram, sensibus aspectam et quasi adspectabilem quae sita est in
syllabarum quantitate, effingere studentium quam perfectissime. Eum nostri
philosophi plasticum dicunt veterum characterem (de metr. Pindar. , S. 58).
3) Böckh (a. a. 0., S. 18) meint dagegen billigend: „rnrsura quatenus
422
Die Musik der antiken Welt.
in der Musik Stoff für den Rhythmus, aber für die Alten gab scbon
das blosse Gerüste von Längen und Kürzen, ohne Rücksiebt auf
einen concreten Redeinhalt, dem Rhythmus den nötbigen Spiel-
raum, seine Tbätigkeit zu entwickeln; ein Schema von Längen und
Kürzen ist gleichsam nur der Tanzplatz des Rhythmus. Vier Kür-
zen w w w w sind ein Metrum, aber noch kein Rhythmus, erst
dieser ist es, der aus ihnen den Daktylus w w ^ w, oder den Ana-
päst ^ w ^7--, oder den doppelten Hegemon .». . , I .", . ., oder den
Proceleusmaticus ^ w ^ w bildet. ') Die Alten nannten den Rhyth-
mus den „Vater des Metrums" (niarjo pitgov pvd/iog) insofern
ohne die Bedürfnisse der.Rhvthmopöie das Messen und Anordnen
der metrischen Längen und Kürzen gar nicht nöthig wäre. Man
konnte aber eben so gut den Rhythmus den Sohn des Metruins nen-
nen, denn erst durch das Metrum gewinnt der Rhythmus die Mög-
lichkeit sich überhaupt geltend zu machen, wenigstens in der anti-
ken Poetik und Musik. In unserer Musik haben wir Rhythmen,
aber keineswegs so bestimmt abgegrenzte Metra, wie die Alten für
ihre verbundenen Künste (Poesie und Musik) am sapphischen, al-
käischen u. a. Vermasse besassen, wo sich Längen und Kürzen in
einem geschlossenen metrisch-rhythmischen Gebilde zu einem plasti-
schen Ganzen abrunden :
(Z. B. im alkäischen Metrum
k^/ J_ **s J— y-s **~s ^-/
^_y J_ k^ _1_ ^^ ^y \~*
\^s J_ v_/ \^> IL ^~s
\_s v^ ks _i_ v_-* — \s J
rhythmus liberiorem patitur mensuram, metrum vero ipsam syllabarum raen-
suram definit Varro rhythmum materiam , metrum dicit regulam.
1) Quintilian sagt, nachdem vom Daktylus, Päon und Jambus die Rede
gewesen: „Sunt hi et metrici pedes, sed hoc interest, quod rhythmo in-
dift'erens est , daetylusne ille priores habeat breves an sequentes. Tempus
enim solum metitur (der Tact würden wir sagen), ut a sublatione ad positionem
idem spatii sit (wie z. B. bei uns die Tacte folgenden Sätzchens
+ + + +
#^3=E
--:
zßnm
trotz der verschiedenen Quantitäten der Noten demselben Rhythmus gehören,
aber anders abgetheilt gleich auch einen ganz anderen Rhythmus ergäben
+ + _ß - + + +"- ^+
t-
«=
111=11 )
Rroinde alia dimensio est versuum : pro daetylo poni non poterit anapaestus
aut spondeus u. s. w. Böckh bemerkt dazu, der Rhythmus berücksichtige die
Qualität (den Ausdruck, die Betonung), das Metrum die Quantität (die
Zahl der Längen und Kürzen), rhythmus qualitatis, metrum quantitatis est
(a. a. 0.).
Die griechische Musik.
423
Unsere Strophenlieder bieten nur annäherungsweise etwas
Aehnliches. Allerdings würden die Griechen in einer ans Synko-
pirungen gebauten Melodie
Andante. +.
-r*-*-*-r^-*-b-H*-»-'-r*-s-»-|-s * Tr
■2— F-ß-*- -F-»-."H-h-F-f]
0-0-0
den Weiberschritt ihres Amphibrachys erkennen. So ist eine aus
Trochäen zusammengesetzte Ordnung _w_w_w_^ das völlige
Gegenbild der bekannten Sechsachtelbewegung
! IM h
0 0 e e
M >
0000
welche also monoton fortgesetzt uns eben so eine gemeine Be-
wegung scheint, wie dem Dionys von Halikarnassus das trochäische
Mass, und welche unsere Componisten daher gerne mit anderen
Bewegungen mischen, unterbrechen, oder durch reiche, ausdrucks-
volle melodische Figuren maskiren, wie z. B. Mozart in der wunder-
vollen Gartencavatine der Susanna.
Bei unserer Musik haben wir einerseits die Hände viel freier
als die alten Rhythmiker, in anderer Beziehung sind wir gebun-
dener. Den Gesetzen unseres Tactes ist genug geschehen, wenn
dasselbe Tactspatium durch das nach dem voraus bestimmten
Tactmasse bestimmte Quantum an Dauerzeiten ausgefüllt ist, gleich-
viel in welcherlei Notengeltungen , ob mit oder ohne Zuhilfenahme
von Pausen das Spatium vollständig gefüllt erscheint und in
welcherlei Gruppen sich die Notengeltungen innerhalb dieses Rau-
mes zusammenbauen. Kein Jamben- oder Anapästen- oder son-
stiges Mass beschränkt den Componisten die Quantitäten so und
nicht anders zu ordnen. Dagegen sind wir durch den grossen
Rhythmus, d. i. den Aufbau ganzer rhythmischer Perioden aus
einzelnen Tacten in einer Weise gebunden, die den Griechen
fremd war. Der grosse Rhythmus wiederholt die Proportionen des
kleinen oder Tactrhythmus in grossen Dimensionen. Der musika-
lische Liedsatz gliedert sich z. B. insgemein binnen eines Umfanges
von 16 Tacten in zwei Haupttheile von je acht Tacten, diese
theilen sich wieder in zwei Glieder von je vier Tacten, folglich
der ganze Satz in vier viertactige Glieder. Ein anderer Satz
mag sich aus dreitactigen Gliedern 3 X 4 = 12 oder 3 X 3 = 9)
aufbauen; fünftactige oder siebentactige Glieder sind dagegen
(gleich den fünf- oder siebengliederigen Tacten) unfasslich, wenn
die Irrationalität nicht durch andere Hilfsmittel der Kunst ausge-
glichen wird. Auf der Construirung des grossen Rhythmus aus dem
kleinen beruhet der musikalische Periodenbau, und auf diesem wie-
der der Bau ganzer grosser Tonsätze. Dass sich nun die musika-
lische Periode z. B. in viermal vier Tacte gliedert, wird durch die
Einschnitte der Melodie fühlbar; die Einschnitte der Melodie aber
421 Die Musik der antiken Welt.
selbst werden dadurch fühlbar, dass ihnen natürlicher Weise ge-
wisse harmonische Bildungen zu Grunde liegen, Halbsehluss mit
dem achten, Ganzsehluss dem sechzehnten Tact, leichtere Ein-
schnitte, entweder unvollkommene Ganzschlüsse oder derlei Halb-
schlüsse, oder ausweichende Trugschlüsse für den vierten und
zwölften Tact. Es ist also das harmonische Element, welches
hier in letzter Instanz entscheidend ist.
Da nun die Harmonie den Griechen fremd war, da sie die
Eigenschaft des Dominantenaccords den Halbsehluss zu bilden so
wenig kennen konnten als die vollkommene Schlusskraft des Drei-
klanges der Tonica, so musste ihrer Rhythmik und Melodik jene
eben daraufgebaute Symmetrie und Regelmässigkeit fehlen, welche
unsere musikalische Periodik kennzeichnen, und insofern waren sie
also weniger gebunden als wir. Zum Aufbau des grossen Rhythmus
war also ein anderes Mittel nöthig, und dieses lag eben in jenen
sinnigen Combinationen der Metrik, die unter dem Namen des
arehilochisehen, sapphischen, alkäischen, alkmanischen u. s. w.
Metrums geschlossene Organismen darstellen, die einen nach den
Gesetzen des "Wohlklangs geordneten, symmetrischen Wechsel
langer und kurzer Masse zeigen, der selbst wieder durch rhyth-
mische Accente in fassliche, überschaubare, unter einander cor-
respondirencle Gruppen geschieden wird. So besteht das alkäische
Metrum aus einer schwungvollen Combination, der die Motive des
Jambus und des Daktylus zu Grunde liegen :
— v_/ — v_^ | — v> v^ > — '
\>/ V_^ I 'w' V> \_^
\^y — v^ — v_^ \^
v^
und treffend schildert Moritz Carriere die alkäische Strophe als „ein
stürmisches Auf- und Abwogen: zwei Jamben mit einer Nachschlag-
sylbe steigen empor, zwei Daktylen senken den Ton wieder herab:
dies wiederholt sich, dann verdoppelt sich im dritten Vers das
Anstreben, um im vierten einem ebenfalls verdoppelten erst dakty-
lisch raschen, dann trochäisch langsamen Abschwung Raum zu
geben."1)
Sanft und weiblich ist neben dem männlichen feurigen Schwünge
der alkäischen Strophe das sapphische Metrum:
\s — —
von welchem der gedachte Autor sagt: es „drücke eine innere Be-
) Aesthetik, 2 Bd. S. 47'.).
Die griechische Musik. 125
seligung, eine heiter bewegte Seelenstimmting aus." Besonders ist
der in einen adonischen Vers ausklingende Schluss von wunderbar
musikalischem Reiz.
Das zweite archiloehisclie Metrum combinirt den heroischen Vers
mit einem jambischen Tetrameter und klingt in zwei Daktylen nebst
Anhangsylbe aus :
t '
K^/ \_/ \^S K_S V_y V^ \S V— ' V-' V--*
t t
w — \^/ — v_/ — w
r
— v_y \_y — v_y \^» —
Und was sonst der geistvollen Combinationen mehr sind, die wir unter
dem Namen der „antiken Versmasse" zusammenzufassen pflegen.
Will man für den grossen Rhythmus unserer Musik allge-
meine Formeln entwerfen, so müssen sie eine wesentlich harmo-
nische Grundlage haben, z. B.:
Tonica- Tonica-
Einschnitt Halb-Schluss Einschnitt Ganz Schluss
4 Tacte I 4 Tacte Dominante
4 Tacte 4 Tacte Tonica
1. Theil. 2. Theil.
In der That sind die Schematisirungen für Liedsätze, welche z. B.
Marx in seiner Compositionslehre entwirft, völlig in dieser Art,
und ein anderer Theoretiker der Neuzeit, Simon Sechter, zeigt bei
Behandlung der Tactgesetze umständlich, wie man die harmonischen
Fundamente damit in Uebereinstimmung zu setzen habe. Die grie-
chische Musik hatte keinen gleichmässig fortgehenden Tact gleich
der unseren, keine Periodik, welche unserer gliche. In dem Wechsel
der Quantitäten anscheinend weit freier und ungebundener, klang
sie mehr an unser Recitativ an, oder höchstens an jene eigentüm-
liche und eigenthümlich schöne Mischung von Recitation und lied-
artiger Melodie, wie davon der alte christliche Kirchengesang Proben
enthält. Die erhaltenen drei Hymnen des Dionysius undMesomedes
gehören der ersten Art an, die erhaltene Ode Pindar's der zweiten
Art. Das gleicbmässige Fortströmen unserer (so lange kein vor-
geschriebener Tactwechsel eintritt) stets die gleichen Quantitäten-
combinationen enthaltenden geraden oder ungeraden Tacte ist musi-
kalischer, die mannichfach zusammentreffenden, den gleichen Fluss
der Melodie unterbrechenden Rhythmen der Griechen waren
schroffer, eckiger, sagen wir: plastischer. Antike Versmasse im
Geiste unserer Musik zu componiren ist überaus schwer, schwerer als
die ganz ungebundene Bibelprosa.1) Aber eben so sind otlavc rtme,
1) Mendelssohn's Chöre der Antigone, des Oedipus in Kolonos verdienen
als geistvolle Lösung dieser schwierigen Aufgabe die höchste Anerkennung.
426 Die Musik der antiken Welt.
Sonette u. s. w. durch ihr rein musikalisches Spiel mit dem Klange
der Reime dem Musiker nicht günstig, weil sie beinahe schon allein
leisten, was er erst mit seiner Kunst hineinbringen soll, und im
besten Falle doch verlieren; da der musikalische Klang und Reiz des
Reimspiels durch den stärkern musikalischen Klang der Musik selbst
übertönt und unkenntlich wird. Rhythmische Formulare, welche
der Musiker mit wechselndem Inhalt zu füllen hätte, gibt die
moderne Musik für die höheren Gattungen der Musik gar nicht, für
Tänze und Märsche nur in ziemlich allgemeiner Fassung, und auch
hier nur wegen des äussern Zweckes solcher Musik, weil solche zum
Tanzen oder Marschiren dienen. Die antike Musiklehre gab da-
gegen durchgängig dem Musiker ihre bestimmten rhythmischen
Formularien in ihrem reichen metrischen Apparat, und sicherlich
wäre er in die grösste Verlegenheit gekommen, hätte man ihm zu-
gemuthet zu componiren, ohne seinem Tonstücke ein ganz be-
stimmtes Metrum zu Grunde zu legen. Mit wie wenig man übrigens
für den Hausgebrauch auskommen konnte, beweist die Aufzählung
der Rhythmen im Katechismus des älteren Bacchius, deren Dürftig-
keit und Ungenauigkeit schon Böckh gerügt hat. Es ist in Er-
Avägung des vorstehend Auseinandergesetzten begreiflich, dass der
Rhythmus in der griechischen Musikbildung eine so überaus
wichtige Stellung behauptete, so dass auch Piaton erklärt : wer die
Rhythmik nicht vollkommen inne hat, dürfe nicht für einen Musiker
gelten. In eitler Selbstüberhebung behaupteten die Musiker zum
grossen Verdrusse der Redner sogar, dass sie durch den blossen
Rhythmus grössere Wirkung hervorzubringen im Stande seien, als
je irgend eine Rede hervorbringt, *) Es ist ferner deutlich geworden,
warum die Metrik, die Kirnst der Versmasse, welche bei uns mit
der Musiklehre nichts zu thun hat, in die griechische Musiklehre her-
übergezogen wurde und Gemeingut der Poetik und Musik war.2)
Gleichwie wir nun, ohne den charakteristischen Wechsel von
Arsis und Thesis zu stören , und ohne die einem Tacte zukommende
Länge zu verkürzen oder zu überschreiten, kleine Notengeltungen
in grössere zusammenziehen, oder grosse in kleine auflösen dürfen,
so durfte auch der Metriker, und also auch der Musiker, wenn es
1) Hermogenes tibql iSeoiv.
2) Böekh (a. a. O. S. 17) sagt: Metrum est systema syllabarum certo
ordine dispositarum earumque longarum et brevium nullo positionis sublatio-
nisque discimine, quod in rhythmo solo spectatur. Porphyrius (Comment.
zum Ptolemäus) setzt das Wesen des Rhythmus in die exradiQ xal ovorofo]
(Arsis und Thesis) , jenes des Metrums entstellt jisql xayyxi]xoq xal ßpccövTrjTog
(Schnelligkeit und Langsamkeit, d. i. Kürze und Länge). In ähnlicher Auf-
fassung sagt Quintilian (de orat IX): Rhythmi spatio temporum constant, metra
etiam ordine. Aristides (I. S. 43 fg.) behandelt in dem die Metrik betreffenden
Theile seines Werkes: Buchstaben, Sylben, Füsse, Metra und Dichtungen
(nouiitara).
Die griechische Musik. 427
ohne Störung des rhythmischen und metrischen Organismus ge-
schehen konnte, Sylben und Töne zusammenziehen. Das Schema
des heroischen Verses, des Hexameters, ist:
t _#_ ___
Aber nur in seltenen Fällen wurden die ersten fünf Füsse aus lauter
Jamben gebildet, weil der Vers dadurch zu hüpfend wird, und z. B.
ein ganzes Epos aus lauter solchen Hexametern geradezu lächerlich
werden müsste. Homer bildet einen solchen Vers zur Nachahmung
des polternden Herabrollens des von Sisyphos mühsam zum Berg-
gipfel gewälzten Felsblockes : Virgil malt so in einem allbekannten
Verse den Pferdegalopp. Man kann nun zur Vermeidung des sprin-
genden Rhythmus die Daktylen in Spondeen zusammenziehen. Aber
ein spondeischer Hexameter wird schwerfällig. Virgil wendet ihn
an, um das wuchtige Hämmern der Cyclopen zu schildern:
Uli i/iter sese magna vi brachia tollunt.
Insgemein vermied man solche aus lauter gleichartigen Füssen zu-
sammengesetzte „monoschematische" Verse. x) Meist werden Spon-
deen und Daktylen gemischt, und diese Mischung kann wieder zu
besonderen Klangwirkungen benutzt werden , wie z. B. Virgil das
wilde Gebraus der Stürme, welche aixs dem von Aeolus gespaltenen
Berge ausfahren, charakterisirt :
qua data porta ruunl et lerras turbine perflanl.
Andere Feinheiten linden sich häutig, öfter bei den lateinischen als
den griechischen Dichtern. So schildert Ovid den blitzwerfenden
Zeus :
tum paler omnipotens misso perfregit Olympum
fulmine . . .
wo das fulmine im zweiten Vers wirklich wie ein Donnerschlag
niederfällt. Bekannt ist auch der monströse Vers, in dem Virgil des
monströsen Polyphem gedenkt.
Durfte nun der Dichter sein Material so geistreich und mannig-
fach handhaben, so musste dem Musiker das Gleiche gestattet sein.
Aber Dichter und Musiker durften ihre Freiheit nicht so weit aus-
dehnen, um den Wechsel von Arsis und Thesis zu verrücken oder
das Metrum unkenntlich zu machen. Unter allen Bedingungen
mussten die Zeiten ihre Eigenheit als rhythmische Zeiten be-
halten. Es sind nämlich nach der Unterscheidung der griechischen
Theoretiker die Zeiten entweder rhythmisch (tQov&fioi) oder un-
1) Nach dem Pseudo-Plutarch {ithQi 0/jj/j.Ütojv) sind monoschematische
Verse (/uovöa/^fioi) nämlich solche, die aus lauter Daktylen oder Spondeen
bestehen. Die Pentaschemoi haben einen Spondeus zwischen Daktylen , oder
einen Daktylus zwischen Spondeen; die Dekaschemoi haben zwei Spondeen
/.wischen Daktvlen oder umgekehrt.
428 Oic Musik der antiken Welt.
rhythmisch («gov&fioi) oder rhythmenartig (fadfioeideig). Erstere
halten eine geregelte Ordnung unter sich fest, haben daher Regel-
mässigkeit {löyog) und können als Doppeltes, Dreifaches, Vierfaches
bezeichnet werden. Die unrhythmischen sind ungeregelt und un-
geordnet, Sie verhalten sich wie Vers und freie Prosa. Die rhyth-
menähnlichen stehen zwischen beiden mitten inne und zeigen theils
die Regelmässigkeit der ersten , theils die ungebundene Regellosig-
keit der zweiten ; denn bei anscheinender Regelmässigkeit eilen sie
entweder rascher vorbei, als das rechte, richtig eingehaltene Mass
erheischen würde, und heissen dann rund {(jTooyyvXui) , oder sie
schleppen sich schwer und über das rechte Mass hinaus, in wel-
chem Falle sie überschüssig [neginlea) heissen.1) Das Wesent-
liche für den Rhythmus bleibt der Gegensatz von Arsis und Thesis,
wo er fehlt ist auch kein Rhythmus. Arsis und Thesis stehen also
in untrennbarem Weehselverhältniss und können eine ohne die
andere nicht gedacht werden. Die aufschäumende Welle muss wie-
der abfliessen, der gehobene Fuss wieder niedergesetzt werden.
Doch ist solches nicht in dem Sinne zu fassen , als ob Arsis und
Thesis stets im Paare erscheinen müssten, denn es kann sich eine
mittlere Arsis auf zwei Thesen beziehen, wie z. B. j_ w, oder
eine mittlere Thesis auf zwei gemeinsame Arsen, z. B. ^ _ ^.
Arsis und Thesis müssen ferner im Gleichgewichte stehen. Erreicht
die Thesis nicht das Gewicht der Arsis, so erweckt sie das Gefühl
der Unbefriedigung, es fehlt etwas daran. Ist sie gewichtiger, so
ergibt sich ein störender Ueberschuss.2) Dieses Gleichgewicht liegt
aber nicht einzig und allein in der blossen Gleichheit der Glieder
der Zahl nach, sondern Avird auch ohne eine solche wesentlich
durch die Intensivität des Gewichtes bewirkt. Wird Arsis und
Thesis in kleinere Glieder (in Noten kleinerer Geltung, wie wir
sagen würden) getheilt, so Aviederholen diese das Wechselspiel von
Arsis und Thesis.
1) Aristides, I. S. 33. 34. Martianus Capella de nupt. IX. übersetzt diesen
ganzen Abschnitt wörtlich. Ein Beispiel des „Rhythmenähnlichen" können
jene im freien Metrum geschriebenen Dichtungen Goethe's, „Ganymed", „Harz-
reise im Winter" u. s. w. geben.
2) Daher hat auch bei uns ein mit einem Auftact beginnender Satz im
Viertel tact im letzten Tacte nur drei Viertel.
0^0»
<z) e)
d> &
i J
Der Auftact ist hier das vorweggenommene, gleichsam entl eh nte letzte Vier-
tel des letzten Tactes.
3) Ein Beispiel aus der modernen Musik möge solches deutlich machen,
der Anfang von Beethoven's C-moll-Symphonie:
Die griechische Musik.
121)
Th.
A.
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I
*§Ö
Der erste Tact hat die Bedeutung einer Arsis, der zweite die einer Thesis.
Der blossen arithmetischen Gleichheit nach geht die Thesis über das Mass der
Arsis hinaus:
4
2
2
•^ "-'
1 ^~" "~
• 3/ . 4/'
> /8 • /8-
Die Pause im ersten Tacte gleicht es anscheinend aus '/8 -f- ! 8 = s/s- Aber
da diese leere Zeit ('/Qornc xerög) dem allerersten Anfange angehört, oder
vielmehr der Zeit, wo das Werk noch gar nicht angefangen hat, so ist das
zweite Achtel der eigentliche Beginn des Tonstückes. Die Fermate auf dem
zweiten Tacte macht diesen vollends irrational, (a/.oyoc). Und doch ist es ge-
rade und einzig das Rechte. Denn die drei Achtel der Arsis stürmen mit der
gewaltigsten Energie los — der Anfang fällt auf das zweite Achtel, also auf
die kleine Neben -Arsis im Takte, der selbst als Ganzes Arsis ist — wodurch
die Wirkung (Arsis zu Arsis) potenzirt wird. Man setze den Anfang so:
th. a. th. a.
und er ist bedeutend abgeschwächt. Eine so gewaltig energisch auffah-
rende Arsis braucht das Gegengewicht einer eben so entschieden Fuss fas-
senden Thesis. Für eine solche reichen die zwei regelmässigen Viertel des
folgenden Tactes nicht aus — wie man empfinden wird, wenn man den An-
fang in folgender Weise setzt:
lis^iiii
r
Der zweite Tact muss also, um die rhythmische Aequiponderation zwischen
Arsis und Thesis herzustellen, durch die Fermate künstlich verlängert wer-
den. Hätte Beethoven statt der Fermate die Dauer der Thesis ausschreiben
wollen, hätte er sogar jedes Achtel der Arsis mit einer vierfach grössern Note '
der Thesis ausgleichen müssen, so gewaltig ist der Accent der erstem !
m^^mmm
—0^-0
5i
d
s)
u. s. w.
Sehr treffend spricht sich über diesen Gegenstand Böckh (a. a. O.S. 28) aus;
430 Die Musik der antiken Welt.
Ueber die Frage, ob ein rhythmisches Glied als Arsis oder als
Thesis zu gelten habe, entscheidet immer seine Stellung zu dem folgen-
den Gliede. Denken wir uns (um die Sache durch ein Beispiel im
Sinne moderner Musik zu erläutern) den Satz
„Primnm, quum supra viderimus , arsin thesinque esse tales, ut neutra existat
nisi existente altera, consentaneum est utramque eatenus tantum naturam ser-
vare suam, quatenus ei opposita sit altera, ideoque nullam posse vim exserere
majorem quam alteram, sed utriusque debere aequale esse momentum, quo al-
tera alteram veluti contineat adstringatqne: unde necesse est utriusque nasca-
tur quaedam aequilibritas, ut, quantum elata sit arsis, tantum deprimatur the-
sis; et quantum depressa sit thesis, tantum rursus insurgat insequens arsis, et
sie deineeps — similiter atque in vibratione oscilli, in fidium intensione et
remissione, in percussione et repercussione. Quod arseos theseosque aequi-
librium esse non potest, nisi temporis particularum arsin, thesinque efficien-
tium aequilibrium sive sit aequale pondus, quia illae temporis particulae ipsam
assumpsere positionis sublationisque naturam et conditionem. Pone arsin
unius momenti A (pondus intellige, non tempus) et thesin unius B; jam haec
duo momenta sese invicem afficient et continebunt. Sed arsi posita unius mo-
menti A, thesi autem duorum B, C, momentum B adstringet momentum A, et
ab A adstringetur; sed C quo constringatur non habebit, ideoque in hujus
numeri communionem non poterit reeipi, liberumque vagabitur, strepitum
edens, non rhythmum. Vicissim vero, si thesis sit unius momenti A, arsis bi-
norum B, C; momentum C ab A non affectum numero solutum erit. Sic evieta
arseos theseosque aequilibritas necessitate quaeritur seeundo loco, qua ratione
aequalia utriusque fiant pondera. Primum igitur si temporis spatia erunt
aequalia, ut, si arses thesesque singulae singulorum erunt momentorum, et
prorsus aequabili vocis eft'erentur motu, non vehementiori arseos impetu quam
opus est ad notandam ejus abs thesi difterentiam (ad quod opus est minimo)
tum aequale habebunt pondus, ut ^ w O w- Deinde duplicato in arsi impetu
percussionis, sive in voce, sive in instrumento, sive in corporis motu, unum
signum duorum poterit pondus sustinere: nam motus duplo celerior sive vehe-
mentior, duplam quasi motus momentorum copiam uno temporis spatio absol-
vens, eandem habet vim quam tardior, qui duplo temporis spatio totidem
motus momenta absolvit, id quod physici docent. Sit enim A duplo impetu
praeditum quam B, jam quas motus particulas B absolvet binis moris, totidem
A absolvet mora singulari. Igitur si motus vocis duplo est spissior in arsi
quam in thesi, arseos spatium debebit dimidium esse theseos, quo fit aequi-
librium; ideirco singula arseos momenta binis theseos respondere poterunt,
modo vocis sive soni sive corporis impetus in arsi sit duplicatus, ut ejus
motus duplo spissior, theseos duplo sit rarior. Sic rhythmus existit hie
», ' _ _ », w ^. Item si arseos impetus sit triplus, ternis theseos moris aequi-
parabitur singularis arseos mora (man sehe oben das Beispiel aus der C-moll
Symphonie, y J^ /* 'J ' J ' J | ), sed neque ars proferre arsin tanto
impetu decore potest (unser Beispiel beweist, dass es doch möglich ist) neque
sensua distinete pereipere: ideoque consistendum est in hoc, ut theseos men-
sura dupla esse^possit arseos."
Die griechische Musik. 431
vergrössert
a. th.
-G>— ,— gr
r* — ^-
*S>-
ÜE^l
so kann man sich sehr leicht täuschen und den ersten Tact für in
Thesi anfangend halten, während er doch in Arsi beginnt, ein Um-
stand, der erst durch Prüfung und Vergleichung des ganzen rhyth-
mischen Gebildes klar wird. Die eigentliche ursprüngliche Thei-
lung des rhythmischen Fusses bildeten aber, wie schon erwähnt,
vier Zeiten, sehr analog unserem auch vierzeitigen ganzen Tact,
Der Grundsatz, dass der rhythmische Fuss vier Zeiten enthalte,
kam bereits in dem heroischen Versmasse, in welchem Homer seine
Gedichte sang, zur Geltung. Der „Sechsfussvers", der Hexameter,
hat demgemäss 24 Zeiten.
Die breite Pracht, der feierlich gemessene Gang des heroischen
Verses war trefflich geeignet Helden- und Göttergeschichten episch
zu besingen; andere, lebhafte, aufgeregtere Stimmungen und Stoffe
konnten aber in so mächtig austönenden Rhythmen nicht schicklich
unterbracht werden. Archiloehos, der wie Homer einen der An-
fänge und zugleich Gipfel griechischer Dichtung bildet, schnellte
seine giftigen Bitterkeiten, mit denen er, wie die Griechen meinten,
die Todten trotz des Cerberus aus dem Hades hätte jagen können,
und über welche die davon getroffenen Leute sich erhängten, in den
kurzgeschnitzten, raschfliegenden, spitzen Pfeilen der Jamben ab.
Nach Aristides soll der Name Jambus von iaftßi^tv („lästern" oder
„schimpfen") herrühren - - nach Andern hat der Jambus seinen Na-
men von Jambe, der Magd, welche die trauernde Demeter mit
allerlei unfeinen Spässen erheiterte, und zu deren Gedächtniss man
sich an den Festen der Demeter allerlei ausgelassene Scherz- und
Spottreden zuzurufen pflegte. Es war also der Jambus gegen
den heroischen, erhabenen Hexameter ursprünglich und ehe ihn
ernste Dichter auch adelten, die Ausdrucksweise für das Nied-
rige, Gemeine, Alltägliche, wie denn auch Aristoteles in seiner
Poetik bemerkt, dass im Verkehre der gewöhnlichen Rede viele
Jamben, aber nur selten Hexameter unterlaufen. Bedürfniss nach
Mannigfaltigkeit der Rhythmen gab, wie auch Aristoteles meint, An-
lass mannigfache Combinationen von Hebung und Senkung, von
Länge und Kürze zusammenzustellen. Es konnte diese Auswahl
keineswegs willkürlich oder nur mechanisch durch Verwechslung
und Andersstellung der Elemente geschehen, sondern das Proportio-
nalgesetz (für Avelches dem Menschen ein natürliches Gefühl einge-
boren ist, und welches sich in den Ornamenten, Bauwerken u. s. w.
selbst auf niedriger Kunststufe stehender Völker nicht verläugnet)
musste zur Geltung kommen. Proportionen beruhen auf Zahlen,
432 Die Musik der antiken Welt.
und so wurden die verschiedenen Arten von Rhythmen auf Zahlen-
verhältnisse zurückgeführt :
Der gleiche Rhythmus (i'crov) auf das Verhältniss von eins
zu eins , : , ; , • , •
Jeder solche gleiche Theil konnte aber bis zu acht, der ganze
Rhythmus also bis zu sechzehn Zeiten anwachsen. Noch reichere
Bildungen, meint Aristides, vermögen wir nicht mehr zu unter-
scheiden. ') Ein Beispiel gibt der Vers :
Aeye 6h av y.axa TtoSa vtö'/.vxa fi^Xsa.
Aber Pindar ist im zusammengesetzten jambischen Masse bis zu
zwanzig Zeiten geschritten. 2)
Der doppelte Rythmus (dmlnatov) besteht aus zwei Theilen,
deren eiuer doppelt so lang war als der andere. Sein Verhältniss
war also 2 : 1 oder 1 : 2. Durch Theilung in kleinere Zeiten kann
er sich im Verhältnisse von 12 : 6 oder 6 : 12 gestalten, also im
Ganzen bis 18 Zeiten enthalten. 3)
Rhythmen im Verhältnisse von 1 : 1 und von 2 : 1 sind einfach,
natürlich und leicht fasslich. Künstlich, verwickelt und schwer
fasslich ist das rhythmische Verhältniss von 3 : 2 und von 4 : 3. Sic
machen an sich keine befriedigende, vielmehr eine durch die. Un-
gleichheit ihrer einander widersprechenden Elemente beunruhigende
Wirkung, und werden nur dann erträglich, wenn durch eine fort-
gesetzte Reihe derselben wieder eine fassliche Regelmässigkeit, eine
überschauliche symmetrische Folge entsteht, wobei der Hörer die
fünf- oder siebenzeitigen Bewegungsgruppen als eine caprieiös wech-
selnde Reihe von zusamniengekoppelten geraden und ungeraden
Tacten aurfasst. Dies ist die einzig richtige Bedeutung der in
unserer Musik so äusserst selten gebrauchten Fünfviertel- und Sieben-
vierteltacte. Die Griechen aber bildeten aus dem Verhältnisse
3:2 ihren sogenannten hemioli sehen Rhythmus {^(jloXov), welchen
Aristides als die dritte Hauptgattung neben dem einfachen und
dem doppelten aufzählt. Seine fünf gleichen Zeiten (welche zwei
ungleiche Theile bilden 1 . 2 . 3x4.5) können wieder durch
Theilung in kleinere bis zu fünf und zwanzig Zeiten gesteigert
werden, insofern nämlich jede der fünf primären Zeiten in
fünf kleinere zerfallen kann, sonach I ?: ?==J?|' Im gleichen
(lo : 10 = 25)
1) Aristid. I. S. 35.
2) Böckh, De metr. Pind. S. 20.
•3) Aristid. a. a. 0.
Die griechische Musik. 433
Rhythmus geschieht, wie wir sahen, die Vermehrung der Zeiten
nach dem Multiplicator 2, im doppelten nach 3, im hemiolischen
nach 5, so dass die Summe der primären Zeiten zugleich das Mass
für die weitere Untertheilung eben derselben ergibt. Den noch
weniger tasslichen Rhythmus von 4:3 nannten die Griechen epi-
tritos (miTyiTov), und wendeten ihn nur selten an, wenigstens
erklärt Aristides, dass zu den drei Hauptarten des Rhythmus von
Einigen das Epitriton gezählt, aber nur sehr selten gebraucht
werde. Aristoxenos verwirft es sogar völlig als unrhythmisch. ')
Der hemiolische Rhythmus gibt die Formen des Bacehius, desPalim-
bacchius, des Creticus, und der fünf Formen des Päon (erster
j_ w oTtLi zweiter w __ Jv, dritter ^^ _ s_/1 vierter ^f~~l w
Päon epibatos | _* ). Beim einfachen und beim doppelten
Rhythmus werden oft zwei zusammengesetzte Füsse für einen ein-
zigen gerechnet.
An allen diesen Formeln besass nun die griechische Musik
ein weites Feld sich zu bethätigen. Wenn sie ihr Ersatz für den
Tact, der in unserer Musik den Rhythmus regelt, leisteten, so war
es insbesondere jene rhythmische Agoge, welche ihn vertrat, oder,
strenge genommen, in jene, die gleichmässige Tactbewegung an-
scheinend sii oft unterbrechenden Combinationen der Längen und
Kürzen den musikalischen Tact gleichsam heimlich einschmuggelte.
Auch wir machen von der Agoge in unserer Musik viel öfter Gehrauch,
als wir insgemein denken. Die gleichzeitige Mischung von zwei- und
dreizeitigen Tactgliedern (Achteltriolen und Achtel u. dgl. zusam-
men) oder die Anwendung von Quintolen, Septimolen u. dgl., wird
durch die Agoge rhythmisch ausgeglichen und geregelt. 2) Die
Agoge ist nicht allein das Tempo, das Grundmass der Bewegung
überhaupt, die Schnelligkeit oder Langsamkeit der rhythmischen
Zeiten3), sondern auch jenes Mittel, durch dessen Anwendung es
allein möglich wird zu bewirken, dass, wie Aristoxenos verlangt,
die rhythmischen Füsse gleichmässig und dieselben wer-
den, obschon die Rhythmopöie viele und mannigfache Bewegungen
verwerthet. 4) Die Griechen begnügten sich daher auch in ihrer
Tonschrift nicht damit, blos die Töne anzugeben, sondern hatten
1 ) Aristox. elem. rhythm. S. 304.
2) Vergl. Casimir Richter, aliquot de mnsica Graecorum arte. S. 48.
3) Aristides S. 42. Aytoyfj 6i iazt qv9-(mx^ yydroji- zäyoq >/ ßQaSvzrjq.
4) Ka&ölov S& ebtelv ij fAy QvB-fWKoäa nollaq xcel TCavzoöaitaq
xivijaetq xiveVcai' oi dt nöötq, oiq oy/xaivo/ueti-a zovq QvQ-fiOvq aniäq ze
zc.\ zecq avzaq uti. Aristoxenos härm. II. 34. Und in seiner rhythmischen
Abhandlung (292) sagt derselbe Autor: „Kai TtQoqdszeov 6h rolq stQrftievoiq
ort xa jühv txc'coTOV TtoSbq orjfitia SiafXhvhi loa övta xal ziö aQib/ufj xal
to) [Atyt&ei. Vergl. Casimir Richter, aliquot de musica Graecorum arte. S. 43.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 2^
434
Die Musik der antiken Welt.
auch für deren Dauer eigene Zeichen — ein Beweis, dass das
Metrum der Poesie allein keinen ausschliessend angewendeten Re-
gulator dafür bildete. Auch die sogenannte leere Zeit, d. i. „die
Pause", zur Ausfüllung des Rhythmus erhielt ihr richtiges Verständ-
niss erst durch die Musik, während sie in der Poesie bei dem so-
genannten katalektischen Verse wohl empfunden und angewendet,
aber nicht eigens ausgedrückt wurde, beim a katalektischen (voll-
kommenen) Verse aber von ihr ohnehin keine Rede sein konnte. Den
Pentameter schreibt die Metrik also : _ ~ ~ | w v | ^ | _ y — j
_ w. w. | ü, aber die Musik muss ihn, soll er kein Unding sein, so
notiren: JJ I J J/2 T J 1 I JJT? I J JT3 I J^U^s also die
Pause eigens ausdrücken. So finden wir uns, wo wir auf fremde-
stem Gebiete zu weilen meinen, unvermuthet im Bereiche der uns
vertrauten Kunst. J) Denn die Grundlagen der Kunst sind zu allen
Zeiten und an allen Orten dieselben.
Die Mctabole (Veränderung) hatte die griechische Rhythmo-
pöie mit der Harmonik, der Melodik u. s. w. gemein — ihr Begriff
erklärt sich von selbst — jede Veränderung des rhythmischen Mas-
ses heisst so. Die Eintheilung der Rhythmen in systaltische, dia-
staltische und hesychastische (niederdrückende, aufregende, beruhi-
gende) geht das Ethos der Rhythmen an, das bei den griechischen
Denkern mit Recht als ein bedeutendes und sehr wirksames galt;
daher der Rhythmus, wenn er wild und ungeregelt ist, nach ihren
Ansichten so schädlich werden kann, als umgekehrt edle Rhythmen
die Seele erheben und edel stimmen, wie denn Pythagoras durch
Anwendung des spondeisehen Masses jenen Rasenden beruhigt haben
I ) Nachstehende Melodie, die nichts Fremdartiges hat. könnte als eine
treue musikalische Version eines Distichons gelten :
Hexameter
Pentameter.
:f:
-m-ß-
=t
fe^
-l — U-
Hl
Die ausserordentlich energische Wirkung des Scythenchors in Gluck's tauri-
scher Iphigenia beruht wesentlich auf dem scharf markirten Rhythmus:
-M-r>— F~~ E~t~ m
*
— # — #— w — ' — g—
' T TT V
-ß
*zl fzr^t — ß—ß-i—&.—ß-
t-w T TT
:S-i=: ::
Die griechische Musik. 435
soll. Man braucht sich nur den rhythmischen Gegensatz von Tanz
und Choral zu vergegenwärtigen, um zu fühlen, dass solche An-
schauungen keineswegs völlig aus der Luft gegriffen waren.
VII. Die Melodik der griechischen Musik.
Die Melopöie wurde von der Theorie als einer der Haupttheile
der Musiklehre anerkannt — und die Musik bestand ja selbst theo-
retisch aus der Kenntniss, praktisch auf der Ausführung eines „voll-
kommenen Melos". Aristoxenos sagt, nachdem er eine Uebersicht
der übrigen Haupttheile der Musik gegeben : „und nun zuletzt noch
von der Melodie selbst. Denn es ist klar, dass, wenn aus den au
sich genommen bedeutungslosen Tönen eine grosse Verschieden-
heit der mannigfachsten Gesangformen entsteht, diese nur durch
die mannigfache Verwendung derselben entstehen kann. Dies ist
aber, was wir Melopöie nennen." Wenn die Harmonik zeigt,
welcherlei Töne nach der zu Grunde gelegten Tonart und dem
Klanggeschlechte, mit Ausschliessung der anderen, ungehörigen,
verwendet werden dürfen und dem praktischen Musiker den zur
Bearbeitung bereiteten Stoff, das musikalische Material bieten,
wenn die Rhythmik die Dauerzeit der einzelnen Töne in ein über-
schauliches, nach den Proportionalgesetzen geregeltes Verhältniss
bringt, so lehrt die Melopöie die an Höhe und Tiefe von einander
verschiedenen, von der Harmonik zur Verfügung gestellten, von
der Rhythmik in ihrem Flusse geregelten Töne in mannigfachsten
Combinationen zu geschlossenen, gerundeten Gebilden zusammen
fügen. Der Rhythmus (sagt Aristides) ist der Mann, die Melodie
das Weib. x) Die Melopöie schliesst consequenter Weise die grie-
chische Musiklehre ab, weil sie die übrigen Theile derselben vor-
aussetzt. „Die Lehre der Harmonik (r, negl xb ^^uoa^sVo*' ngaypa-
ie/oe) nimmt, nachdem sie durch die vorgenannten Theile fortge-
schritten, diesen Ausgang (in der Melodik)."
Die Melodik hat in der antiken, wie in unserer Musik die
gleiche Bedeutung. Sie ist Blüte und letzter Abschluss, eben so
gut wie sie auch Wurzel und allererster Anfang heissen darf. Me-
lodie kann verstanden, geübt, aber sie kann nicht eigentlich gelehrt
1) TsXsvxaZov dl xb Ttegi avxrjg vrjg /teXwötag. inel yäg iv xolq avxotq
<pd-6yyoiq, döiuifÖQoiq ovoi xb xaW avxovq, jtoXXat xt xal navxoSanai
fiOQ(pa\ (xeXwv ytvovxai, öfjXov oxi Tiayc: vqv %Qrjoiv tovxo ysvoix av.
xaXovfiev 6s tovxo (jisXonouav. Aristox. Harm S. 38.
2s*
436 Die Musik der antiken Welt.
werden, weil sie sich nicht in abstrakte Regeln fassen lässt, wie
Harmonik oder Rhythmik. Was unsere Lehrer darüber sagen, über
Periodenbau, Halbschluss, Ganzschluss, Vermeidung zweier un-
mittelbar nach einander folgender Halbschlüsse u. s. w., spielt stai-k
in das Gebiet der Harmonik hinüber. Bei den Griechen nahm die
Rhythmik einen ähnlichen direkten Einfluss auf Melodiebildung.
„Melopöie", meint Aristides Quintilianus, „ist die Fähigkeit, einen
Gesang hervorzubringen (dvvn/jic xuToc<Txevncruy.rl (islov?). Die Me-
lopöie ist das Angeben (wajyslia uü.ov~), Melodie die wirk-
liche praktische Ausführung (l'$i? ■noujc/.r) eines Melos."1) Was
nun aber an Lehren über Melodie in den alten Schriftstellern etwa
enthalten ist, reducirt sich auf die Kenntniss gewisser Tongruppen,
Manieren u. s. w. Diese Lehren stehen im Grunde neben der Com-
positionslehre wie etwa die Ornamentik neben der Architektur und
können, an sich genommen, so wenig Melodien bilden lehren, als
die Kenntniss, was gerade aufsteigende, absteigende u. s. w. Be-
wegung, oder Avas (nach Marx) „Satz" oder „Gang" sei, um-eren
Musiker ohne eingebornen Sinn für die singende Seele der Musik
befähigen, Melodien zu erfinden, oder als jemand deswegen schon
dichten kann, weil er gewisse oratorische Redemanieren (die Apo-
strophe, das Epiphonem. die Metapher u. s. w.) kennt. Neben
dieser Kenntniss der Manieren enthält die griechische Tonlehre
einzelne Regeln, welche einigermasscn an unsere „Reinheit
des Satzes" anstreifen, die wir aber bekanntlich nicht in die Me-
lodik, sondern in die Harmonik setzen. Die Griechen setzten sie
ganz natürlich in die Melodik, da ihnen unsere Harmonik fehlte.
Die melopöisehen Tropen (tqotioi fje'/.onoii'it;) werden als netoides,
mesoides und hvpatoides unterschieden, je nachdem die Melodie
ihren Anfang von den entsprechend benannten Tönen nimmt. Man
unterschied diese drei Tropen auch als nomisch, dithyrambisch und
tragisch. Die Kunst, eine Melodie in solchem Sinne richtig anzu-
fangen, hiess Lepsis, Ergreifung (lyipic). „Durch die Lepsin, sagt
Aristides, „wird der Musiker befähigt zu finden, von welcher Lage
der Stimme (noiov ijjc qpcai^c jotiov) er das System zu machen
hat, ob hypatoidisch oder sonst woher. Die Mixis (ui£u , Mischung)
ist es, durch welche wir die Töne unter einander, oder die Stimm-
lagen unter einander angemessen ordnen (ag/Liö?ouev), die Melodie-
geschlechter oder die Tropensysteme; die Chresis {xqwic der Ge-
brauch) ist eine gewisse Art, die Melodie zu bilden (now t?/c /jeXojdiai
ltnsQya(jl(t).u Zu dem „Gebrauche" gehört die Art und Weise die
Töne in auf- und absteigenden Gängen, Tonverbindungen und
Tonwiederholungen zu ordnen. Die Melodiegeschlechter, deren
Aristides erwähnt, sind dieselben wie in der Harmonik; die Me-
1) S. pag. 28 und 29.
Die griechische Musik. 437
lodie hiess diatonisch, chromatisch, enarmonisch, je nachdem ihr
eines dieser drei Klanggeschlechter zu Grunde lag. Eine andere
Unterscheidung lag in der Tonart, auf welcher die Melodie beruhte
(Aristides nennt ausdrücklich dorisch, phrygisch, lydisch), gerade
■wie wir von einer Melodie sagen, sie gehe aus C-dur oder ^-/-nioll.
Die Unterscheidung der Melodien in epithalamisehe (Hochzeits-
gesä'nge) , komische und enkomiastische hat offenbar nur Beziehung
auf gewisse, den griechischen Hörern gewohnte Manieren, auf
einen herkömmlichen Zuschnitt und eine herkömmliche Färbung
solcher Gesänge, etwa wie bei uns die Symphoniescherzi oder die
Trauermärsche iL s. w. unter einander einen gewissen verwandten
Familienzug haben. Nicht in die Compositionslehre, sondern in
eine musikalische Aesthetik gehört vollends die Eintheilung der
Melodien nach dem Ethos. Sie Messen systaltisch, wenn sie
einen ernsten, düstern, den Geist zur Trauer niederdrückenden Ein-
druck machten, dias taltisch, wenn sie aufregend und begeisternd
wirkten, hesychastisch, wenn sie den Geist in Ruhe wiegten.
Analoges könnte man in unserer Musik z. B. in Beethoven's
Op. 59, No. 1 beisammen finden, und das erste Stück hesychastisch,
das Adagio systaltisch, den Schlusssatz diastaltisch nennen. Für
die Erkenntniss des Wesens dieser Sätze oder gar für die Ein-
sicht in ihre Construction wäre aber mit solchen Stichwörtern nichts
gethan. Die Neigung der alten Musiklehrer, feingegriffene Unterschei-
dungen zumachen, die weiter keinen oder doch nur einen sehr zweifel-
haften Werth haben, zeigt sich in derMelopöie besonders auffallend.
Der Melodik der Griechen scheint wesentlich das Tetra-
chord zu Grunde gelegen zu haben. Die erhaltene Pindarsche
Melodie spricht für diese Annahme. Nicht dass etwa nur vier Töne
verwendet wären, aber die Melodieglieder zeigen vorwiegend vier-
tünige Gruppen und Beziehungen von je vier Tönen auf einander.
Diesen Zug mag die griechische Melodie schon in allerältester Zeit,
wo die Lyra noch viertönig war, angenommen haben. Er wirkt
selbst noch in den Gregorianischen Kirchengesängen nach.
Die Melodie war stets in einer gewissen Tonart und einem
gewissen Klanggeschlechte angelegt, konnte jedoch durch die har-
monische Metabole (Modulation würden wir sagen) in eine andere
übergehen. Die melodische Metabole war etwas anderes, sie be-
stand in einer Aenderung des Ethos, wenn z. B. eine ernste systal-
tische Weise in eine schwungvolle diastaltische überging. Das (mit
dem Paukenwirbel beginnende) Einleitungsandante und folgende
6 s Allegro in Haydn's Zsls-dur-Symphonie wäre aus der neuen Kunst
das Beispiel einer solchen melodischen Metabole. Viel wichtiger
als diese, wieder sehr müssige Distinction ist der Grundsatz der
griechischen Melodik, dass der Mittelton (Mese) vorwalten müsse.
Unzweifelhaft ergibt sich solches aus einer Stelle der Aristotelischen
Probleme: „Alle gebräuchlichen Gesänge wenden die Mese häufig
438 Die Musik der antiken Welt.
an, und alle guten Musiker schlagen sie öfter an, und kehren bald
wieder zu ihr zurück, wenn sie sich davon entfernt haben; nicht so
zu den übrigen Tönen." Die Mese wird dann den Bindewörtern
der Sprache (rj, xai) verglichen, die man zur Verbindung der
übrigen Worte sehr oft anwendet und einmischt, ohne dass es dem
Hörer zum Ueberdrusse wird. Wir wissen aus der Harmonik,
dass die Mese der Hauptton jeder Tonart, nach unserer Redeweise
der Grundton oder die Tonika ist, wovon der tiefe Ton, Pros-
lambanomenos, nur die Wiederholung in der tieferen Octave dar-
stellt. Somit waltete in der Melodik die Tonika vor, nicht aber in
dem Sinne einer blossen Bindung (wie das Problem meint), sondern
weil sie in der That naturgemäss der Grund- und Eckstein jeder
vernünftigen Melodiebildung sein muss. Die zwei Consonanzen
der Quarte und Quinte waren nach dem Gewichte, welches die
griechische Musik darauf legt, ohne Zweifel die zwei nächstwich-
tigen Töne, d. h. die Unter- und Oberdominante.
Die Natur selbst leitete die Griechen zu einer geregelten,
massvollen Melodiebildung, wenn sie sich auch über die letzten
Gründe nicht immer klar Rechenschaft zu geben wussten. Es
scheint, dass die Melodik eine gewisse Neigung zu herabsteigenden
Gängen hatte, bei systaltischen und hesychastischen Melodien war
es wenigstens sicherlich der Fall. In den Aristotelischen Problemen
wird die Frage aufgeworfen, warum es harmonischer sei, von der
Höhe zur Tiefe herabzugehen, als von der Tiefe nach der Höhe,
und warum die Tiefe nach der Höhe edler und wohlklingender
wirke?1) Hierin liegt ohne Zweifel eine richtige natürliche Empfin-
dung. Die Pindar'sche Melodie hat eben auch diesen Zug von der
Höhe nach der Tiefe.
Die griechische Musiklehre schied die fortschreitende Bewe-
gung der Töne in Gattungen, die mit unserem motus rectus,
contrarius u. s. w. eine gewisse Analogie haben, wiewohl wir diesen
Gegenstand nicht in die Lehre von der Melodie, sondern in die
Harmonielehre einreihen, wo er, auf dem wechselseitigen Verhält -
niss von zwei oder mehr Stimmen beruhend, bekanntlich für die
Vermeidung unzulässiger Intervallfortschreitungen (Quinten, Octa-
ven u. s. w.) wichtig wird. Die griechische Musiklehre unterschei-
det bei der Fortbewegung mehrerer Töne die Agoge (ayropi) und die
Ploke (nloy.rj). Erstere besteht in der sekundenweisen ununter-
brochenen Fortschreitung der Töne, letztere entsteht, wenn andere
Intervallschritte eingemischt werden. Die Agoge ist gerade (ev&bXcc),
wenn sie von der Höhe zur Tiefe steigt, im entgegengesetzten Falle
1) Probl. XIX. 33: Am xl evaQ/.i6axepov cmb xov oStog sitl vo
ßuQv t] dnb xov ßdQeoq enl rb o§v rj oxi xb ßaQv dnb xov »ch».
ytvvaiotEQOv xal svqjwvoxsQov ;
Die griechische Musik. 439
beissst sie umgekehrt (waxoptow«), werden beide Bewegungen
gemischt, so heisst sie schweifend (nsgiipeQ'te) , das Ausschweifen
eines Tones hiess Tone (iovrj), das öftere Anschlagen desselben
Tones wurde Petteia (neTTtin) genannt.1) Ptolemaeus unterscheidet
die Ploke als Anaploke (mnmlmtij) und Kataploke (x«t cmloxr)) , erstere
scheint einen Gang von der Tiefe zur Höhe, die andere das Um-
gekehrte zu bedeuten; weniger deutlich ist, was er Syrma (aigpa)
nennt. 2)
Neben diesen Hauptformen der Melodik unterschied die grie-
chische Musiklehre noch eine Anzahl von kleineren Formen oder
Tongruppen, die ihre bestimmten Namen hatten. Am deutlichsten
handelt sie der freilich erst dem Mittelalter angehörige Bryennius
ab. Er unterscheidet folgende Formen, denen er andere Namen
für die Gesangmusik (xata ftovtrixov fjüog), andere für die In-
strumentalmusik (x«T« oyynvixbv ftüo?) giebt, eine völlig unnöthige
Unterscheidung.
Die Prolepsis (ngafappig , auch v(p IV lacodev). Sie entsteht
durch Anschlagen mehrer höherer Töne über einem stets wieder-
kehrenden vorschlagenden Grundtone. In der Instrumentalmusik
heisst sie Prokrusis (n^öxQovaig, Vorschlag).
Die Eklepsis (exirppiG oder vcp IV t'J-wöe»'), in der Instrumental-
musik Ekkrusis (sxxgovaic) , ist dieselbe Tongestalt mit nachschla-
gendem Haupttone. Die Einschaltung eines höheren Tones
zwischen einen wiederholt angeschlagenen tieferen heisst Pro-
lemmat i s m o s (nQoh^if.imiaij6i) , in der Instrumentalmusik P r o k r u s-
mos (nooxQovattög). "Wird umgekehrt der höhere Ton wiederholt
und der tiefere eingeschaltet, so heisst diese Manier Eklemmatis-
mos (ixlynpotTKrfio?) , in der Instrumentalmusik Ekkrusmos ((xxqovcf-
fiög). Der Melismos {fieha^ög) besteht in dem wiederholten An-
schlagen eines Tones auf derselben Sylbe. Eine wenig schöne
Manier , welche rasch ausgeführt dem sogenannten Bockstriller ent-
spricht. Auf Instrumenten gespielt hiess sieKompismos (xü/miir/iog),
und wenn sich darin Singstimme und Lyra vereinten, Teretismos
(TtQETUjfioQ), d. i. Grillengezirpe.3) Die Grille oder eigentlich Cikade
galt den Griechen als Gesangesfreundin, Anakreon besingt sie
scherzend als seine Collegin, und man hielt auch wohl diese Thier-
1) Darüber zu vergleichen: Aristox. pag. 29. Euklid, p. 22 u. 23.
Aristid. pag. 19. Bacchius 12. Bryennius p. 503.
2) Buch II. cap. 12. Darüber zu vergl. Friedr. Bellermann's Anmer-
kungen zum Syngramma Anonymi S. 87. Ist unter OvQfia, wie Bellermann
annimmt, eine sprungweise Fortschreitung gemeint, so fällt diese Manier mit
der Ploke zusammen.
3) Ovt(o xal yaQ ivaQywg xeQStUCßiv oi xLxxiytq (fcurovxai sagt
Bryennius. Er gibt übrigens vom Teretismos eine abweichende, wenig be-
friedigende Erklärung. Vergl. Syngramma Anon. S. 24.
440 Die Musik der antiken Welt.
chen in leichtgeflochtenen Binsenkäfigen wie StnbenvTögel. Ein auf
der Lyra nach Art eines Tremolo schnell wiederholter Ton mochte
wohl mit dem „Schellengeläute" der Cikaden (wie es Goethe treffend
bezeichnet)1) Aehnlichkeit haben, und so erklärt sich jener tech-
nische Ausdruck der Musiker von selbst. Als dem Eunomos von
Lokrien im musikalischen Wettstreite in Delphoi eine Saite der
Lyra sprang, setzte sich, erzählte man, eine Cikade auf das In-
strument und ersetzte den Ton der mangelnden Saite. Zur Erinne-
rung weihete Eunomos das eherne Bild eines Sängers, auf dessen
Lyra eine Grille sass. Die griechische Anthologie gedenkt in einem
Epigramm des Paulus Silentiarius dieses Mirakels :
Eunomos weihet, der Lokrer, die eherne Grill', o Lykoreus2),
Dir, kranzliebenden Wettkampfs Erinnerungsbild.
Denn wir stritten zur Zither, und Gegenmann war der Porthes.
Doch wie die lokrische Laut' unter dem Stift mm erklang,
Siehe, da sprang von der Leyer mit heiserem Schwirren ein Saitlein;
Aber bevor noch des Lieds hüpfende Welle gestockt,
Setzte sich, lieblich schrillend darein, auf die Zither ein Grillchen
Und des verlorenen Drahts Ton übertrug es behend:
Wendete so den zuvor in den Hainen geschwätzigen Vollklang
Unseres Saitenspiels Tact und Bewegungen zu.
Drum, du seliger Sohn der Leto, schenket er deine
Grill' und den Sänger in Erz stellt auf die Laut' er dir hin.3)
Vielleicht siegte Eunomos in den Pythien durch Erfindung und
Anwendung des Teretismus, und die leichtbewegliche Phantasie
der Griechen machte aus dem anspielenden Bildwerke die Wunder-
sage, so gut wie aus dem Delphin der Arionstatue am Vorgebirge
Tänaron. Die vorerwähnten Benennungen wurden aber von den
Theoretikern und Lehrern keineswegs übereinstimmend gebraucht.
So nennt das Syngramma des Anonymus Ekkrusmos: die Bei-
fügung eines höheren Tones zwischen einen zweimal wiederholten
tieferen.
Die Prolepsis ist nach dem Syngramma: der Fortschritt im
Melos (y.mu (iiXoq anhacnc) vom tieferen Tone zum höheren, oder die
Hinzufügung (avaöoai?) des höheren Tones zum tieferen, und geschieht
entweder unmittelbar (a/is<rcoc) wie z. B. d — e, oder mittelbar durch
drei Töne (d — /'), durch vier (d — g), durch fünf (d — a). Das um-
gekehrte Verfahren (t« vneitoii'a jovjoiq) heisst Eklepsis.
Die Prokrusis entstellt, wenn auf eine kleine rhvthmische
Zeit (ihmovoz -/qovov) zwei Töne vom tieferen zum höheren an-
geschlagen werden. Das umgekehrte Verfahren heisst Ekkrusis.
Hiernach ist es so ziemlich klar, dass diese zwei Manieren unserem
kurzen Vorschlage von unten und von oben entsprechen, dagegen
1) In der Ital. Reise.
2) Ein Beiname des delphischen Apollon.
3) Nach der Uebersetzung von Johann Gottlob Regis.
Die griechische Musik. 44 1
Prolepsis und Eklepsis dem langen Vorschlage ähnlich und folglich
auch in grösseren Noten darstellbar sind. Hieraus wird auch deut-
lich, dass alle diese Formeln eigentlich nichts waren als Vortrags-
manieren, Zierden des Vortrags, Feinheiten, welche muthmasslich
erst durch die eigentlichen Kunstmusiker und Virtuosen auf-
kamen und so sehr das Entzücken der feinen „Kenner" in Athen
oder Alexandrien erregen mochten, wie bei uns ein brillanter Triller
oder eine gelungene Coloratur unfehlbar die Hände der Zuschauer
in Bewegung bringt. Das Syngranima nennt sie geradezu Melodie-
formen, Melodiemanieren (rov fiiXov? ayr^axct). Entschiedene Vir-
tuosenmanier eines raffinirten Vortrags ist vollends der Kompismos
(Kompos) und Melismos. Er beruht auf der Art und Weise, dieselbe
wiederholte Note zu betonen, nämlich auf der Manier, entweder
~0—f- oder ~f ,*- zu accentniren. Die Verbindung beider wird von
Einigen Teretismos genannt. Alle diese Kunststücke setzten, wenn
sie wohlklingend ausgeführt werden sollten, allerdings Uebung und
ausgebildete Vortragsweise voraus. Die Regeln der melodischen
Satzreinheit reduciren sich auf einige Vorschriften, welche sich
vorzugsweise bei Aristoxenos zusammengestellt finden. Es sind im
Wesentlichen folgende Verbote : „Dichtes gegen Dichtes wird
nicht gesungen" (nvxvov ngbi nvxva ov {ie/möeItcu). Folglich waren
fortgesetzte chromatische Gänge, Avie wir sie in unserer Musik zu-
weilen anwenden, verboten. Der Grund liegt darin, weil sie das
Wesen des chromatischen Klanggeschlechtes I 2 a ' 2/ 1* nicht
1/ 1/ 1/ 1/ *
aDer c *~r J ^i "• s- AV-) geradezu aufgehoben hätten. An den
Grundgesetzen durfte nichts geändert werden. Aristoxenos erklärte
als Ursache des Verbotes : dass bei einer solchen verbotenen Fort-
schreitung der vierte Ton auf keinen Fall die reine Quarte, noch
der fünfte die reine Quinte gibt, zwischen „dicht und dicht" aber
immer eine kleine Terz liegen muss, weil sonst das Tetrachord-
system umgestossen würde. Auch wir wenden chromatische Ton-
gänge nur ausnahmsweise an.
Nachstehender, im Sinne einer griechischen chromatischen Me-
lodie gedachter harmonisirter Satz :
-Gl.
*G>
^a±
-[— r — d
442
Die Musik der antiken Welt.
-t-4. h r
mm
möge aber den beiläufigen Beweis liefern, dass selbst Melodien die-
ser Art nicht durchaus unnatürlich und hässlich sein mussten, wie-
wohl unverkennbar etwas Zerflossenes, Flebiles darin liegt.1)
Die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit gewisser Tonfolgen rich-
tete sich nach dem Wesen der Klanggeschlechter.
In der Enarmonie und dem Chroma dürfen nicht zwei ganze
Töne auf einander folgen, in der Enarmonik ist die (melodische)
Folge zweier grosser Terzen verboten, im diatonischen Geschlecht
l) Dass sich unter den Händen eines Meisters die so widerstrebende
griechische Chromatik auch contrapunktisch bewältigen lasse, beweist ein auf
die Tetrachorde e /'ö/' — «, ab h — (f/) gebautes Ricercar cromatico vonFres-
cobaldi, das in seinen 1635 erschienenen Fiori musicali steht. Die Stimmen
treten fugenmässig antwortend ein — der Anfang dieses gewaltigen Satzes ist
folgender
i — , — | — s~
sr» ?■*■
mmm
$
s
w^. — äT
-J^^
IT-
Hier ist sogar Kraft und tiefer Ernst!
T«=
Die griechische Musik. 44^>
dürfen nicht zwei Halbtöne nach einander oder vor und nach einem
Tone gesetzt werden, eben so dürfen höchstens drei, niemals vier
ganze Töne auf einander folgen (z. B. d e %[ \(j a nicht aber d e
$/' #</ $«), „denn", sagt Aristoxenos, „der vierte Ganzton würde
weder eine reine Quarte noch eine reine Quinte geben" (c — ais\
d — ais). Ueberhaupt erklären sich diese Regeln aus der Natur der
Geschlechter von selbst. Es ist z. B. klar, dass durch mehr als zwei
Halbtöne nach einander
—£pr-*—
oder durch zwei Halbtöne vor und nach einem Tone
"vT "vT
3=äEfr
(was ganz dasselbe ist) das Wesen der Diatonik aufgehoben würde.
Im Grunde sind also diese Regeln nur eine Anwendung der Eigen-
heiten der Klanggeschlechter auf die melodische Fortschreitung.*)
In unserer Musik ist von einer solchen Beschränkung keine Rede,
wiewohl auch bei uns manche schwer fassliche, schwer zu treffende
Intervalle, z. B. Schritte in übermässigen Secunden, in grossen
Septimen u. s. w., wenigstens halbverpönt sind.2)
Hie Melodik der Griechen war wesentlich aus dem Gesänge
hervorgegangen, und zwar aus dem recitirenden Gesänge. Der
eigentümliche Zug, den sie dadurch erhalten musste, ging auch auf
die Instrumentalmelodie um so gewisser über, als die Instrumente
ursprünglich die Bestimmung hatten, den Gesang zu leiten. Von
jenen bunten lebhaften, für die Singstimme unpassenden Figuren
unserer Instrumentalmusik wusste die griechische Instrumentalmusik
kaum etwas, selbst nicht in den Hyporchemen, die ja auch mit Ge-
sang begleitet wurden. Ob die spätere Virtuosenzeit nicht auch
hierin von der alten einfachen Kunst abwich, lässt sich nicht mit
Zuversicht behaupten, wohl aber ist es nicht eben unwahrschein-
lich. Der Seesturm, den Timotheos auf der Kithara nachahmte.
1) Man vergleiche Aristoxenos, S. 62 — 66. Meibom hat in den Anmer-
kungen S. 123 die nicht eben deutlichen Erläuterungen des alten Autors gut
erklärt.
2) „Soll man so viel als möglich vermeiden, von einer Klangstufe zur
andern, durch übermässige Intervalle, als: übermässige Secunde, Quinte und
Sexte, wozu auch die grosse Quarte und Septime gerechnet werden, fortzu-
schreiten u. s. w." Dion. Weber, Lehrbuch der Harmonie, 1. Bd. S. 8S.
444 Vie Musik der antiken Welt.
scheint denn doch , wenn die Tonmalerei nicht geradezu absurd blei-
ben sollte, rapidere Gänge erfordert zu haben, und auch das von
Pherekydes getadelte „Ameisengewimmel" deutet auf Aehnliches hin.
Dass die Griechen einen Fonds bestimmter Melodien, be-
stimmter Nomen hatten, hatten wir bereits Gelegenheit auseinander-
zusetzen. Der Individualisirungstrieb der Hellenen erblickte in jeder
solchen ein- für allemal festgestellten Melodie ein Individium, sie
hatte daher ihren bestimmten Namen. Merkwürdiger Weise kommt
diese Eigenheit bei den ungriechischesten aller Gesellen, bei den
deutschen Meistersängern des Mittelalters, in ganz ähnlicher Weise
vor. Aber bei diesen ehrenwerthen Leuten hatte die Sache einen
ganz anderen Sinn, der „blaue Ton", die „geschwänzte Affenweis",
der „gläserne Halbkrügelton", die „schwarze Tintenweis" (und
wie wunderlich jede ihrer Melodien sonst hiess) war ihnen kein
Individuum, sondern ein in die geistige Zunftlade hinterlegtes
Zunft eigenthum, oder ein musikalisches Handwerkszeug, das so
gut seinen Namen haben musste, wie in der Werkstätte der Pfriem
oder die Schneiderseheere.
Dass die Griechen auch zusammengesetzte Tonstücke kannten,
beweist der pythische Nomos mit seiner bestimmten Folge von
Sätzen. Dass die griechische Melodie endlich nicht immer blos
gleich dem Recitative sich in beliebigen Gängen erging, sondern
eine gewisse regelmässige Wiederkehr der Melodieglieder, eine
Eeciprocität der Theile und eine symmetrische Anordnung statt-
fand, lassen die in den Chören des Aeschylos nicht seltenen nach
Art eines Refrains stets wiederkehrenden Verse vermuthen, denen
sich doch wohl auch immer die gleiche Melodie angepasst haben
wird. Von den spärlichen Trümmern griechischer Musik, die uns
erhalten sind, gehören die Hymnen des Dionysos und Meso-
medes der recitirenden , die Pindar'sche Ode gehört der cantabeln
Manier an.
Die Regeln der Melodik waren wie natürlich für den Sänger
wichtig. Er sollte ein Melos machen (jue'Auc noielr), folglich musste
er mit der Melopöie innig vertraut sein. Das sichere Tontreffen
lernte der Schüler am Monochord (wiewohl dieses mehr ein Apparat
zur Erforschung der musikalischen Rationen war) oder mit Hilfe
einer kleinen Flöte von Elfenbein. ') Dem blossen Gehöre traute
man nicht. „Grosse Unterschiede", meint der ältere Bacchius,
„merkt die blosse Empfindung recht wohl, nicht aber kleine. So
ist es auch mit dem Gehör. Denn gäbe Jemand einem Musiker
1 ) Das Instrument, womit der Sklave Licinius den Cajus Gracchus zur
Sänftigung der Stimme mahnen musste, wenn er auf der Rednerbühne in's
Schreien gerieth, war, wie Plutarch (Tib. Gracchus 2) ausdrücklich bemerkt,
eine solche Flute „zur Ausbildung der Stimme". Cicero (de orat. III. 60)
nennt sie eine „cburneola tistula". Zur Zeit der Gracchen hatte sich in Rom
griechische Kunst und Kunstübung bereits eingebürgert.
Die griechische Musik. 445
eine Lyra zu stimmen, dann einem zweiten eine andere gleich zu
stimmende, die zweite Lyra einem dritten, die dritte einem vierten,
die. vierte einem fünften Musiker, so würden die allmäligen kleinen
Abweichungen der einzelnen Stimmungen bei Vergleicnung der
ersten und letzten Lyra einen merklichen Unterschied herausstellen." *)
Da die vielsylbigen Benennungen der Töne nicht wohl geeig-
net waren heim Gesänge ausgesprochen zu werden, so bedienten
sich die Griechen beim Solfeggiren der vier Vocale «, >], w, e. Auf
die stehenden Töne der Teträchorde kam immer der Vocal Alpha,
auf die Parypaten und Triten Eta, auf die Triten und Paraneten
Omega. Mese und Proslambanomenos, als die Haupt- und Grund-
töne, erhielten zur besondern Kennzeichnung das kurze, scharfe
Epsilon. Während unsere Gesangschüler durchaus auf a vocalisiren,
hatte für den griechischen Scholar der Vokalwechsel den Vortheil.
dass dadurch zugleich die Stelle bezeichnet wurde, die der Ton im
Tetrachordensystem einnahm. Damit aber die Vocale in ihrer un-
aufhörlich wechselnden Folge nicht einen Hiatus, einen hässlichen
Gähnlaut hervorbringen2), wurden sie durch den Consonant Tau
getrennt, also: t«, ti], tgj, ts, weil der angewendete Consonant von
allen am besten den Ton einer angeschlagenen Saite nachahmt.3)
Wurden zwei Töne verbunden , z. B. in der Prolepsis , so geschah
das Gleiche mit den zugehörigen Vocalen, z. B. raco, rar), toj«, t>;m
u. s. w. ; wurden zwei Töne derselben Höhe nach einander ange-
geben, so sang man, wenn sie in der Verbindung des Melismus
waren: ravm, Teawco, wenn sie nicht verknüpft waren, im Kom-
pismus : rmTn, tgWm u. s.w., beim Teretismos aher rnvinwa, toivtcowo)
u. s. w.4). Diese Art zu vocalisiren ging auf das christliche Mittel-
alter über, und in den Tractaten des gelehrten Mönches Hucbald
aus dem zehnten Jahrhundert und anderen Mönchstractaten jener
Zeiten finden sich ganz monströse auf diese Art entstandene Bil-
dungen, als: Nonenoeane, Nonanoeane, Noeoeane, Noeagis,
Aianoeane, hin und her auch Oies oder Aies.5) Aurelianus
Peomensis, ein Schriftsteller derselben Epoche, erzählt, er habe
Griechen um den Sinn dieser Bezeichnungen befragt, und die
Auskunft erhalten, dass sie gar nicht erklärt werden können6), son-
dern blosse Interjektionen der Freude seien {adverbin laetantis.}
In der Musik der Neugriechen spielen sie noch immer eine Kolle.
1) Bacchii sen. introduetio (herausgegeben von Friedrich Bellermann).
S. 10-2. 1 0.V
2) 'Otiojq fit) 6 nyoz. ~/-tyJ\vi,i sagt Aristules S. 91.
3) A. a. 0.
4) Vergl. die sehr gute Darstellung Friedrich Bellermann's in den An-
merkungen zum Syngramma. S. 26.
5) Gerliert (de cantu, II. fc>. 56) bemerkt dazu: magna exstat farrago
ejusmodi vocabulorum.
6) Mus. diseiplina. Cap. 9. Der Maulbronner Codex (II. Jahrhundert
aus der gräflich Thun'schen Bibliothek zu Tetschen) versucht gleichwohl
446 l^ie Musik der antiken Welt.
Mochten nun bei den Griechen die einzelnen Melodien sogar
bestimmte, individualisirende Namen tragen, schwerlich ist ihnen,
als Tongebilde betrachtet, auch eine scharf individualisirende Aus-
prägung für jede von ihnen oder, mit anderen Worten, Mannigfal
tigkeit im Sinne unserer Melodien zuzutrauen. Der Gesang war
wesentlich recitirend, oder, um das verwandte, noch bezeichnen
dere Wort zu wählen : recitativisch. Wie nun unser Recitativ ge-
wisse Wendungen, Phrasen und Schlussfälle anwendet, die so
sehr Gemeingut sind, dass sie von jedem Componisten ohne Be-
sorgniss vor dem Vorwurf eines Mangels an Originalität oder eines
Plagiates ganz unbefangen in stets gleicher Weise angewendet wer-
den, und wie die Schönheit des modernen Recitativs (z. B. des
Gluck'schen) , nicht in besondern, neuen Notencombinationen be-
steht, sondern auf der Wahrheit des declamatorischen Ausdruckes
beruht, so war es bei den antiken Melodien sicherlich weniger der
eigentlich melodische Gehalt, der ihnen das Wohlgefallen der
Hörer errang , als die Feinheit des Ausdruckes in der Declamation
beim Vortrage derselben. Trat der Sänger im Wettkampfe auf, so
fiel gewiss weit leichter in's Gewicht, was er sang, als wie er sang.
Er war musikalischer Declamator, was er vortrug, erschien fast wie
ein Erguss augenblicklicher Begeisterung, freier Improvisation, seine
persönliche Leistung drängte die objective Bedeutung des Kunst-
werkes in den Hintergrund. Auch im Gregorianischen Gesänge
haben die Melodien unter einander eine gewisse verwandte Phy
siognomie, und gewisse Suspensionen und Schlussformeln kehren
stereotyp wieder. Das Wenige, was uns von griechischen Me-
lodien gerettet ist, widerspricht diesen Voraussetzungen nicht.
Die älteste erhaltene Melodie (ihre allerdings bestrittene Echt
heit vorausgesetzt) ist die schon erwähnte zur ersten pythischen
Ode Pindars. P. Athanas. Kircher fand sie in einer Handschrift
des Klosters S. Salvador« bei Messina und theilt sie in seiner
Musurgie mit1), wo er auch eine Entzifferung versucht, die aber
später durch Bürette berichtigt wurde. Kircher war ein Mann von
grossem Wissen, aber dabei phantastisch und leichtgläubig in hohem
Grade: so hat denn schon Bürette Zweifel gegen den Fund, zumal
xine Bemühungen, dem Originalmanuscrij>te auf die Spur zu kom-
(Folio 11 in der Abhandlung ratio breviter super musicam) eine Erklärung :
None dieitur a graeco, quod est „nus" id est sensus, noe flatus, ane sur-
sum. Inde nonenoeane dieitur ,, sensus ad superiora ducens". O/es vel
aies interjeetiones sunt exhortatoriae, quasi dicatur ,,agite sursum". Quae
videlicet interjeetiones apud nos interpretari possunt „eia". Dagegen sagt
Regino von Prüm: omnino nullam reeipiunt interpretationem, neque enim
quidquid significant, sed ad hoc tantum a Graecis sunt reperta, ut per eorum
diversos et dissimiles sonos tonorum admiranda varietas aure simul et mente
posset comprehendi (bei Gerbert Script. I. Bd. S. 247).
1 ) Theil I. S. 542.
Die griechische Musik. 4-17
meu, weder durch Zuhilfenahme des von Possevin herausgegebenen
Verzeichnisses der Manuscripte des Klosters S. Salvadore, noch
durch die Mithilfe des gelehrten Manuscriptensammlers Bernhard
Montfaucon zu einem günstigen Resultate führten. Neuerlich hat
der Klosterbibliothekar neue Nachsuchungen eben so vergeblich unter-
nommen, und D. Breitschwert auf Ansuchen D. Friedrich Beller-
mann's sämmtliche Manuscripte der Bibliothek von S. Salvadore
genau , aber wieder ohne Erfolg untersucht. *). Da nun aber ein
bedeutender Theil der Bibliothek in die Vaticana übertragen wor-
den, ein anderer in's Escurial gekommen ist, so bleibt die Mög-
lichkeit nicht ausgeschlossen, dass das bisher vergeblich Gesuchte
einmal noch zu Tage kommen kann. Kircher hätte geradezu ein
Betrüger sein müssen, um ein Fabrikat eigener Erfindung unterzu-
schieben, und das wenigstens war er nicht. Wesentlich spricht für
ihn gerade der Umstand, dass ihm die Entzifferung nicht glückte
und erst Bürette aus den griechischen Tonzeichen eine viel bessere
Melodie, als die in Kircher's Entzifferung angegebene, herausfand.
Noch weniger lässt sich annehmen, dass irgend ein Zeitgenosse der
Fabrikant ist. Die Tafeln des Alypius mit dem Verzeichnisse der
griechischen Tonzeichen wurden durch Meibom 1652 zu Amsterdam
herausgegeben, die Musurgie erschien zwei Jahre früher in Rom.
Was die monströse Gelehrsamkeit eines Kircher nicht vermocht
hatte, war einem Andern wohl noch weniger möglich. Der An-
beter der Griechen, Vincenzo Galilei, litt noch (1581 — 1602)
Tantalusqualen vor den Dionysischen und Mesomedischen Hymnen,
die ihm in griechischer Tonschrift vorlagen, ohne dass er sie zu
lesen vermochte. Hätte ein Fälscher damaliger oder früherer Zeit
einen Betrug versucht, so würde er auf gut Glück haben griechische
Tonzeichen, die weder er noch ein Anderer verstand, hinsetzen
müssen. Dann wäre es aber ein ganz und gar ausserordentlicher
Zufall, dass er gerade eine so wohl zusammenhängende Melodie
getroffen hätte, als in jene Zeichen niedergelegt ist. Für alt mag
also die Melodie gelten. Ob aber aus Pindar's oder aus welchen
Zeiten ? Ohne kritische Prüfung des zur Stunde noch nicht wieder
aufgefundenen Originalmanuscriptes lässt sich nur sehr vermuthungs-
weise darüber sprechen. Böckh hält die Melodie für echt, und so-
gar für Pindarisch — - ein Hauptargument ist ihm, dass nach alter-
thümlicher. von Pratinas' Zeiten an vorwaltender Weise der Solist
anfängt und erst später der Chor mit Kitharn einfällt. 2) Er selbst,
der tiefe Kenner Pindav'scher Metrik, rhythmisirt die Melodie,
1) Fr. Bellermann: die Hymnen des Dionysius und Mesomedes. S. '1.
2) De metr. Find. S. 266. Man müsse, obwohl es heisst yoQo^ tlq
ZLÜc.'jc.r doch Kitharen in der Mehrzahl verstehen, meint Böckh: nam
plures accinuisse choro haud dubium est.
448
Uie Musik der antiken Welt
welche er als die beste der erhaltenen griechischen und als zur Har-
moriisirung geeignet belobt, in folgender Art ') :
Coryphaeus.
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1) Eetis macht dagegen in seinem gediegenen Tractate über die Harmonik
der Griechen und Kömer Einwendungen , weil der syntactische Inhalt der
Verse auseinandergerissen und durch Absätze getrennt werde, und bringt eine
andere rhythmische Anordnung, die als Declamation tadellos ist. Es ist
nur die Frage, ob die Griechen so declamirten , wie wir.
Die griechische Musik.
449
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to»' tttjf - j«« - t«»» xe - oav - j'ov
Goldene Phorminx, deren Besitz Apollon
Mit euch, ihr veilchengelockten Musen, theilt,
Deiner horcht der Schritt bei Beginn des Festes —
Chor. Und der Sänger lauscht dem Wink,
Wenn du leise geregt dem Gesang vorangehst
Und den Blitzstrahl löschest du aus , den Wurfspeer
Ewigeu Feuers
Ein eigen thümlicher Zug, ein alterthümlicher Klang ist in die-
ser Gesangweise ganz unverkennbar. Der französische Akademi-
ker Beaulieu las am 31. Mai 1856 in der Academie des beaux arts
ein Memoire: „sur ce qui reste de la musique de l'ancienne Grece
dans les premiers chants d'eglise", worin er vorzüglich auf die Con-
struction aller uralterthümlichen Volks- und Kirchengesänge aus dem
Tetrachorde hinweist und neben die Pindar'sche Melodie eine sehr
ähnliche indische 2) zur Vergleichung hinstellt :
jfflg&Hiifl^EÜ^
1 ) Siehe Zusätze und Nachträge.
2) Beaulieu sagt: „j'ai recueilli de la bouche d'un jeune Indien cet air.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 29
450 l^e Musik der antiken Welt.
Auch die alte indische Frühlingshymne auf Krishna hat einen ver-
wandten Grundklang-. Aber das schöne griechische Mass der Pin-
darschen Melodie fehlt dort völlig. Die inneren Gründe der Be-
schaffenheit jener altgriechischen Gesangweise sprechen denn doch
wohl einstweilen und so lange entschieden für ihre Authenticität,
als für das Gegentheil nicht triftigere Gründe, als bisher der Fall
Avar, vorgebracht werden. Die drei anderen erhaltenen Hymnen
(des Dionysius und Mesomedes) veröffentlichte zuerst Vincenzo
Galilei in seinem Dialogo della musica antica e della moderna
(1581 — 1602) aus der Bibliothek des Cardinais S. Angiolo in Rom,
wo sie einem die Tractate des Aristides Quintilianus und des
Bryennius enthaltenden Manuscripte angehängt waren. Sie fanden
sich nachmals wiederholt in Handschriften der Bibliotheken von
Neapel, Venedig, München, Paris und Leyden. Die Mehrzahl
dieser Handschriften ist indessen nichts weniger als alt, sondern
rührt aus dem 15. und selbst aus dem 16. Jahrhundert her. Das
Venezianische Manuscript enthält überdies nur den Text ohne die
Tonzeichen. Das älteste und wichtigste ist eins der neapolitani-
schen Manuscripte. J) Friedrich von Drieberg ist bisher der Einzige,
der ihre Echtheit bestritten hat; freilich wollen seine Gründe nicht
viel bedeuten. 2) Ein „widersinniges Durcheinander von hohen
und tiefen Klängen'1 kann man diese Melodien wenigstens nicht
nennen, wenn sie auch nicht entfernt die Schönheit der Melodie
Pindar's erreichen.
Schon Synesius von Cyrene, Bischof von Ptolemais (aus dem
Anfange des 5. Jahrhunderts), citirt in seinem 95. Briefe einige
Verse aus dem Hymnus an die Nemesis. Dieses und das öftere
Vorkommen dieser Hymnen zeigt, dass sie sehr populär gewesen
sein müssen. Nach einer Notiz des Geschichtsschreibers Johannes
von Philadelphia (von dessen Werken die Pariser Bibliothek ein
Fragment besitzt) ist der Verfasser der Nemesishymne ein gewisser
Mesomedes, ein Kretenser, der nach Suidas, Eusebius und Julius
( 'apitolinus ein Zeitgenosse der Antonine war. Nach Suidas war er
unter Hadrian's Regierung geboren, war ein Lyriker (IvqixÖ;),
schrieb kitharodische Nomen (xidugoidiy.ovQ rö/jovg) und wurde von
Antonmus Pius durch ein Ehrendenkmal (xEtoruqiov) ausgezeichnet,
nachdem ihm derselbe Kaiser (wie Capitolinus erzählt) bei Leb-
Dans Tun comme dans l'autre (der Pindar'schen Melodie) c'est une succession
descendante plusieures fois repete'e et composee de quatre sons d'un te'traeorde
avec cette diffe'rence cependant que le mode n'est pas le meme, et que dans
l'air indien le rhythme est vif et anime, tandis qu'il est beaucoup plus grave
dans le fragment antique.
1) Vergl. die sehr gründliche, schon vorhin citirte Monographie von
Dr. Friedrich Bellermann.
2) Prakt. Mus. d. Griechen. 1. Th. S. 69.
Die griechische Musik.
451
zeiten eine bezogene Pension geschmälert hatte (salarium imminnit).
Als Verfasser der zwei andern Hymnen (an die Muse und an
Apollon) wird ein Dionysius genannt, dessen Person bei dem oft
vorkommenden gleichen Namen noch unsicherer ist. In einem
griechischen dem Tractate des älteren Bacchius angehängten Ge-
dichte wird ein Dionysius (und muthmasslich derselbe, da gleich
darauf der erste Hymnus an die Muse folgt) als Zeitgenosse Con-
stantin des Grossen genannt; Andere meinen in ihm den Diony-
sius zu erkennen, den Suidas als Zeitgenossen Kaiser Hadrian's
bezeichnet. Es fallen also jedenfalls diese Hymnen in sehr späte
Zeit - — in's zweite Jahrhundert und, wenn Dionysius unter Constan-
tin lebte, die beiden ihm gehörigen gar in's vierte Jahrhundert nach
Chr. — d. h. in eine Zeit, wo die antike Kunst bereits in totaler
Zersetzung begriffen war.
Die Dichtungen selbst sind
so glatt aus
gewohnten "Wendungen und Phrasen zusammengesetzt, wie etwa
die Reliefs derselben Epoche aus gewohnten Figuren und Motiven,
die, in einer lebenskräftigeren Zeit entstanden, ihren edeln Grund-
zug nicht verleugnen und doch Geist und den Hauch des Ursprüng-
lichen vermissen lassen und nicht selten in's Schwülstige und Manie-
rirte übergehen. Die Melodie zu den Worten hat einen kaum ge-
sangmässig zu nennenden Gang; sie bewegt sich phrasenhaft de-
clamatorisch und mit dem Ausdruck einer eigenthümlichen leiden-
schaftlichen Unruhe zwischen doch nur wenigen Xoten umher,
gleich einem wild eingefangenen Vogel, der in einem engen Käfig
heftig hin- und herfährt, ohne den gewünschten Ausgang finden zu
können. Es sind schätzbare Antiquitäten, als Massstab für die
griechische Musik der Blütenzeit können sie uns nicht gelten.1)
1) Der Anfang der zweiten Hymne, an Apollon (mit Bellermann's Rhyth-
misirung), mag davon einen Begriff geben:
B
y=t=±=?=^
S^fcJ
m
Xi - o - vo - ßXs-tpd - (jov nd-TSQ 14. - ovg (jo - 66-
Der die E - os mit schnce - i - gen Wim-pern du er -
ZEEiEElE
i=p
SO - oav oc tcr
zeugst und den ro
-P-
: :
^:-i£
tv - ya 7C(6 - Xü)v nza - volq vti l'y -
si - gen Wa - gen auf Pfa - den ge -
vsa - oi 6i - (o - tff/..' yjjv - oi-c.iatv d - ya). - ).6 - /.i£ - voq xö -
flu -gel - ter Ros - se hin - ja - gest , im Schmucke des gold-nen
29*
452 ®ie Musik der antiken Welt.
VIII. Die Homophonie der griechischen Musik.
Das Wort „Harmonie" spielt in der griechischen Musik eine
grosse Rolle. Die meisten griechischen Theoretiker, deren Schritten
erhalten geblieben , betitelten darnach ihre Tractate oder Lehrbücher;
so nennen Euklid und Gaudentius ihre Bücher „Anleitung zur Har-
monik (eioctyuyyrj otg/jorixii) , Nikomachos nannte das seine „Harmonik"
(aQftonxrjg e'^e^AW) , Aristoxenos schrieb „Elemente der Harmo-
nie" (aQfionxcc oro^eta), Ptolemäos „von den Kennzeichen der Har-
monie" (neol xäv h aofiovivi/ HQnrtokor\
Aber während wir unter Harmonie das gleichzeitige Zusam-
menklingen mehrerer unter einander verschiedener Töne, insbe-
sondere das gleichzeitige, einen solchen Zusammenklang hervor-
bringende Nebeneinandergehen zweier oder mehrer selbständiger
Stimmen verstehen, verbanden die Griechen mit diesem Worte
einen ganz andern Begriff. Man sagt auch wohl bei uns, wenn ein
Redner etwa zum Schlüsse auf etwas Ungehöriges, welches der
Anfang nicht erwarten Hess, geräth, „das Ende seiner Rede habe
mit dem Eingange nicht harmonirt" — man beurtheilt also das Zu-
sammenpassen, die Zusammengehörigkeit zweier der Zeit nach ge-
trennt und successiv auftretender Partien. So spricht man oft von
„harmonischen Versen" und versteht darunter einen nach schönem
Masse geordneten Wechsel dumpfer und heller, scharfer und milder
Laute. Genau so verstand der Grieche das Wort Harmonie in
der Musik. Aristoteles sagt: „indem die Musik hohe und tiefe,
lange und kurze Klänge verbindet, bringt sie dadurch in verschiede-
nen Tönen eine einige Harmonie zu Stande." ') Der Zusatz „lange
und kurze Töne" zeigt deutlich, dass hier nicht von einem gleich-
zeitigen, sondern von einem successiven Erklingen der hohen und
tiefen Töne die Rede ist. In gleichem Sinne stellt Piaton dem
Rhythmus, der das Mass der Bewegung regelt, die Harmonie ent-
gegen, welche in dem Wechsel hoher und tiefer Töne besteht.2)
^M0$3^m^$^g=^
*)
fjiaic, ns - pJ V(ö - xov d - Tifi - qi - xov ov - occ - vov
Haars um des Itim - mels im - end - li - che Wöl-bung rings.
1) fxovoixij <& ÖSsZq aua xal ßaQsZq, (xaxooyq xe xal ßQ«%eZq
(fS-öyyovq fil&oa ev SicupoQOiq <p<ovaZq /aav antxeksasv aou.ovtav (de
anima I. 4). , „ „
2) Piaton II. de legib. Tg äs rt]q xivtjaecoq xa$ti yvtruoq ovojm so]
— TJ? tf av xijq (fojvrjq xoi xt ogeoq, afia xal ßaQsoq, avyxsQavwfisvaty,
agfiovlaq ovou.cc nooGuyoQ£voixo , yootla oh xo ^vvafKpoxeQOV xhfteiv.
«) Und so weiter. Wer die Hymnen vollständig kennen zu lernen wünscht, möge sie
bei Bellermann, oder allenfalls in Forkel'a Gesch. d. Musik. 1. Bd. S- 420 aufsuchen Der
erste Chor der Mendelssohn'schen Musik zur Antigone macht mir den Eindruck, als haue
der Componist vorher die Dionysius- und Mesomedeshymnen studirt und absichtlich einen
ähnlichen Ton angeschlagen. Aber wie geist- und schwungvoll hat er es getlian und wie
weiss er Schönheit, Kraft und Abrundung hineinzubringen, während der melodische Oang
der antiken Originale nirgends hin- und nirgends herführt:
Die griechische Musik. 453
Oder aber hiess Harmonie so viel als Kenntniss der Tonarten und
Klanggeschlechter: „von den fünfzehn Tonarten das Geeignete für
die melodischen Geschlechter unterscheiden zu können, Avelches
diese sei und welches jene, und wie es nicht mehr als drei Ge-
schlechter geben könne, das diatonische, chromatische und enarmo-
nische". ') Von einer Harmonie in unserem Sinne ist nirgends die
leiseste Erwähnung. Dennoch hat die Frage, ob die Griechen eine
Harmonie, wie wir sie besitzen, gekannt haben, von jeher einen
Tummelplatz gelehrter Kämpfe abgegeben, bei denen es an auf-
wirbelndem Staube, Schlachtgeschrei und Hieben in die Luft nicht
gefehlt hat. Am weitesten ging Franchinus Gafurius von Lodi, wel-
cher in dem Werke des Bacchios Kenntniss nicht allein der Harmonie,
sondern auch des Contrapunktes zu finden wähnte.2) Minder
resolut waren Zarlino3), Doni4) und Zacharias Tevo 5) ; sie schrie-
ben den Griechen den Gebrauch der Harmonie, wenn auch nicht
des Contrapunktes, zu; Isaak Vossius focht für dieselbe Meinung mit
Faust und Kolben. Noch in neuerer Zeit hat sich ihnen Marpurg,
in neuester August Böckh6) und Casimir Richter7) angeschlossen.
Dagegen sprechen Glareanus8), Salinas9), Cerone10), Artusi11),
Keppler12), Wallis, P. Martini, Burney, Forkel und Bürette und
neuestens Fx-iedr. Bellermann und Fetis 13) ihnen Kenntniss und
Gebrauch der Harmonie ab. Ueber Gafor's griechischen Contra-
punkt hat sich schon Bontempi sehr nachdrücklich ausgelassen. Die
Philhellenen blieben in der Minderzahl und haben einstweilen die
Schlacht verloren ; es ist auch keine Aussicht da, die Gegner durch
irgend ein aufzufindendes antikes Lehrbuch des Generalbasses und
Contrapunkts in neuem Angriff aus dem Felde zu schlagen, oder
etwa in der Gegend des perikleischen Odeions eine hellenische Par-
1) xal TTJc (tev äfjfxovixijc tig TpÖTiovq dsxcaitvre StaiQOVftsvrjq t'diov
ro xeyl Tcör rtj4 fisXcpölaQ ysviöv öuxXafißdvsiv , nöoa re i'oti xal nola
ravxa . xcrf wc ov dvvaxbv TtXslw yeveo&at tqmov, öuxtovov ts xal yQu>fj.uxoi
xul aofioviag. Anonym, script. de mus. herausgeg. v. Friedr. Bellermann. S. 27.
2) Pract. musicae utriusque. III. t.
3) Das mit beiden Händen gespielte Epigonium und eine Stelle des Piaton
de legg. bewegen Zarlino zu der Meinung „che gli antichi cantavano e sona-
Tano in consonanze alcune sorte d' istrumenti antichissimi (Sopplimmenti VIII.)
4) De praest. mus. vet.
5) II musico testore.
6) De metr. Pindar.
' ) Aliquot, de musica Graecorum arte.
s ) Dodecachordon III in proem.
9) De musica. V. 25.
Mi) El melopeo. II. 27.
1 1 ) Arte del contrappunto.
12) Harmonices mundi, III.
13) Les Grecs et les Romains ont-ils connu l'harmonie simultanee des sons?
in den Memoires der k. belg. Akademie der Wissenschaften, Bd. 31. Jahrgang
1859. Eine treffliche, gründliche Monographie, auf welche wir den Leser
verweisen.
454 Die Musik der antiken Welt.
titur auszugraben. Das Hauptargument für den Gebrauch der Har-
monie bei den Griechen war von jeher eine Stelle des Piaton, durch
welche sich schon Zarlino zu einer solchen Ansicht bewegen liess.
Sie lautet: „Es soll also der Meister der Lyra und sein Schüler in
gleicherweise spielen wegen der Reinheit des Tones der Saiten, und
sie sollen sich begnügen, getreulich die vom Tonsetzer vorgeschriebe-
nen Töne wiederzugeben. Was die Veränderungen auf der Lyra be-
trifft, wenn nämlich die Lyra gewisse Züge, die in der Composition
nicht vorkommen, ausfülrrt, dass man die Symphonie und Antiphonie
zwischen dem dichten und weiten (Klanggeschlecht), der schnellen
und langsamen Bewegung, der Höhe und Tiefe anbringt, und so
auf der Lyra alle Arten rhythmischer Veränderungen hören lässt :
so ist es nicht nöthig, alle diese Feinheiten den Kindern einzuüben,
welche nur drei Jahre (Zeit) haben, um so schnell als möglich zu
erlernen, was die Musik Nützliches hat. Die Entgegensetzungen
verwirren die Gedanken, und machen unfähig sie zu fassen: es sol-
len aber unsere jungen Leute im Gegentheil so leicht als möglich
lernen u. s.w." Die Stelle ist nicht gerade sehr deutlich, aber soviel
(sagte man) geht doch evident daraus hervor, dass Lehrer und
Schüler allenfalls auch in nicht gleicher Weise spielen können, das
heisst: dass der Lehrer eine zweite Stimme secondirend ausführt,
was ohne Anwendung der Harmonie nicht möglich ist, folglich be-
sassen die Griechen deren Gebrauch, was zu beweisen war.
Neben dieser grossen Karthaune, mit der man in die Festung
der Antihellenisten Bresche schoss, feuerten die Philhellenen noch
aus einer kleinen Haubitze, als welche zwei unschuldige Verse im
Horaz (Ode V. 9) dienen mussten :
Sonante mistum tibiis carinen lyra
Hac dorium, illis bar bar um.
Wenn die Lyra „dorisch" spielte und die Pfeifen dazu „barbarisch"
bliesen, so war es nicht im Einklänge, sondern in irgend einem
Intervalle, folglich u. s. w. Es ist freilich stark, aus zwei gelegent-
lichen Versen, die mit musikalischer Theorie gar nichts zu thun
haben, eine Fundamentalfrage dieser Theorie endgiltig beantworten
zu wollen. Man bedachte nicht, dass von einer so wichtigen Sache,
wie dem Zusammenspielen zweier verschiedener Tonarten , doch
wohl irgend einer der musikalisch-theoretischen Schriftsteller eine
Erwähnung gemacht hätte, und dass, sie aus zwei Versen einer Ode
deduciren zu wollen, ungefähr ebenso vernünftig ist, als es ver-
nünftig wäre, z. B. aus Schiller's „Spaziergang", weil darin von
Feldrainen, dem „Teppich, den Demeter in die Flur gewirkt
hat," gesprochen wird, die Principien des deutschen Grundbesitz-
und Hypothekenrechtes zu entwickeln. Ein schwieriger Punkt war
nun , was man denn unter der „Barbarenweise" der Flöten zu ver-
stehen habe? Je nachdem man die phrygische, lydische u. s. w.
Tonart voraussetzte, kamen nicht nur Fortschreitungen in den nach
Die griechische Musik. 455
den Begriffen der griechischen Musiktheorie dissonirenden Terzen,
sondern auch in Secunden, Quarten und Quinten heraus.
Was man zu Gunsten der Ansicht füglich vorbringen kann, ist
der Umstand, dass die Griechen, im Besitze saitenreicher Instru-
mente, die Erfahrung sehr leicht machen konnten — beinahe könnte
man sagen, machen mussten, dass der Zusammenklang mancher
Töne, weit entfernt das Ohr zu beleidigen, von höchst angenehmer
Wirkung ist, dass ein so sinniges Volk eine solche Erfahrung zu
verwerthen kaum unterlassen haben wird, dass verbürgte Nachrich-
ten über bedeutende Wirkungen griechischer Musik zweifeln lassen,
ob ein unaufhörliches, eintöniges Unisono im Stande sein konnte
solche Wirkungen hervorzurufen ; dass bei der Blüte aller übrigen
Künste doch wohl die Tonkunst nicht allein in einem so unent-
wickelten Zustande zurückgeblieben sein wird.
Aber wir haben es schon darzulegen versucht, dass der Mangel
an Mehrstimmigkeit im tiefsten Wesen griechischer Musik begrün-
det und daher kein Mangel war. Uns dünkt Harmonie freilich
unentbehrlich. Aber z. B. die Völker des Orients denken anders.
Weit entfernt an europäischen harmonisirten Melodien Gefallen zu
haben, erklären sie jene Vielstimmigkeit für einen Fehler, für eine
sinnlose Ueberladung und fassen die Sache in dem Sinne auf, wie
wenn zwei oder drei Declamatoren zwei oder drei unter einander
völlig verschiedene Gedichte zugleich sprechen wollten. Ein Ara-
ber, dem ein Franzose die Marseillaise auf dem Piano vorspielte,
fasste die linke Hand des Spielers mit den Worten: „nein, erst
jene Melodie, dann kannst du mir diese andere auch spielen!"1)
Niebuhr spielte im Vereine mit einigen Freunden in Kairo europäi-
sche Musik. Auf der Gasse begegneten sie beim Heimgehen einem
Sänger und einem Flötenbläser, und der die Reisenden begleitende
arabische Diener konnte sich nicht enthalten , diesen zuzurufen :
„Maschallah, das ist schön, Gott segne euch!" Als nun Niebuhr
fragte, wie ihm ihre europäische Musik gefallen habe, meinte der
Araber: „euere Musik ist ein wildes, unangenehmes Geschrei,
woran kein ernsthafter Mann Vergnügen finden kann".
Trotz des nach orientalischen Begriffen allein zulässigen Uni-
sono übt die dortige Musik auf Araber, Inder u. s. w. die grösste
Wirkung aus, und ihre traditionellen Wundergeschichten können sich
neben den Mirakeln der griechischen Musik ohne Weiteres sehen
lassen. Und wenn man auch nicht mit Rousseau die Harmonie für
eine gothische Barbarei erklärt, so gibt es doch Fälle genug, wo
sie, weit entfernt die Wirkung zu fördern, ein lästiger Ueberfluss
wird. Es gibt gewisse, in singender Urkraft gedachte Melodien,
insbesondere Volksmelodien, welche durch Harmonisirung nicht
1) Fetis, a. a. O.
45b
Die Musik der antiken Welt.
nur nicht gewinnen, sondern entschieden getrübt werden und an
Kraft und Eindringlichkeit einbüssen. }) Recitative Note für Note
oder auch nur Wendung für Wendung an die ihrem musikalischen
Inhalte entsprechende Harmonie anzunageln und so um das Leben
zu bringen, wird auch heutzutage keinem Menschen einfallen. Die
Präfation ist weit erhabener, ergreifender, wohlklingender, wenn
sie der Priester ohne alle Begleitung singt, als wenn, wie es zu-
weilen geschieht, der Organist dazu generalbassmässig begleitet.
Musik, die mit alle dem Aehnlichkeit hat, wird also die Harmoni-
sirung leicht entbehren, vielleicht nicht einmal ertragen: die grie-
chische gehörte aber zweifellos in diese Klasse, und wenn ihr ein-
fachst rechnendes, der harmonischen Vielstimmigkeit bares Wesen
bei manchen Melodien kern Vorzug war, so war es doch sicherlich
bei andern, und vielleicht den zahlreichern, kein Fehler. Die Er-
fahrung vom Zusammenklingen des Grundtons und der Quinte
oder vom Grundton, Terz und Quinte haben die Griechen gemacht.
Der Platoniker Aelianus spricht in seinem Commentar zum Timaeus
zweifellos von einem Accord. „Ein Zusammenklang, eine Sympho-
nie", sagt er, „ist die gleichzeitige Setzung und Mischung
zweier oder mehrerer Töne von verschiedener Tiefe und
Höhe."2) Allein von einer solchen empirischen Wahrnehmung ist
1) Statt alles weitem Beweises sehe man die folgenden zwei böhmischen
Volksweisen.
EEE^^F=^F?=g=fe»
£=*-*-1^EEg
I
Larghetto.
.0 m-
-«--
-& — i
£
V-
• -
T'ß-
m
ß-y-S^
m
im
-0— *-
Der musikalische Leser versuche es diese Melodien zu harmonisiren, ohne
das« sie dadurch an eindringlicher Kraft verlieren.
2) Svfig>aivltt de tozi övolv ?j n/.eiovcov (pQ-oyyiov 6£vzr/zc xal ßaQvzyzi
Die griechische Musik. 457
es, wie auch Fetis ganz richtig bemerkt, noch ein sehr weiter Weg
bis zum Besitze eines ausgebildeten harmonischen Systemes. Nicht
die einfach beobachtete Thatsache macht den Werth einer Ent-
deckung aus, sondern die Art ihrer Verwendung und was man dar-
aus zu folgern vermag.
Hätten die Griechen eine wirkliche Harmonielehre besessen,
so hätte man nicht nöthig, sie aus sehr vereinzelten zweideutigen
Stellen alter Schriftsteller mühsam heraus- oder vielmehr sie in
solche Stellen hineinzucommentiren, es würde etwas Deutliches,
Gründliches darüber zu finden sein. Während die Subtilitäten der
Intervalle, der Consonanzen und Dissonanzen, der Tonarten u. s. w.
umständlich abgehandelt werden, findet sich nicht die Spur einer
Kegel, wann und unter welchen Umständen man zu einem Tone
etwa die Quinte, die Septime u. s. w. anschlagen könne. Die
Musikschriftsteller des Mittelalters, welche sonst gewohnt sind, jede
Kleinigkeit durch die Autorität der Alten zu bekräftigen, bezeichnen
das Organum mit keiner Sylbe als das Eigen thum der antiken Welt.
Die oft citirte Stelle des Piaton1) will nichts weiter sagen als:
man solle die Kinder lehren, die Melodien ganz einfach, wie sie
der Componist geschrieben hat, zu spielen und die Schüler keine
solchen Verzierungen machen lassen, wie damit Virtuosen von Pro-
fession die einfachen Gesänge zu verbrämen pflegten. Die „zwölf
Harmonien", welche Phrynis in „fünf Saiten" hatte, konnten nach
den möglichen Oombinationen der letztern keine Accorde, wohl aber
zwölf, durch Tonfolge, Rhythmus u. s. w. von einander charakte-
ristisch unterschiedene Melodien sein. Wo sonst noch irgend ein
alter Schriftsteller von Mehrstimmigkeit zu sprechen scheint, ist
immer nur die Eede von einer successiven Verbindung hoher und
tiefer Töne, so bei Seneca : „Du lehrst mich, wie hohe und tiefe
Stimmen unter sich zusammenklingen, wie Saiten verschiedenen
Klanges in Einklang zu bringen sind: mache lieber, dass die Seele
in sich selbst übereinstimme u. s. w." 2)
Aristoteles sagt, die Octave entstehe dadurch, dass die Stimme
eines Kindes mit jener eines Mannes vereinigt werde. 3) Er könnte
dtci(f£(j6vT(ov xara rn avxb tizojoi.: xal XQÜaiq. Also das Zusammenklingen
zweier oder mehrerer Töne. Der Ausdruck xQoaig ist hier sehr bezeichnend,
da man in der Grammatik unter der Krasis das Verschmelzen zweier Sylben
zu einem Misch laut versteht. Die Wendung y.axa to avrb drückt dies noch
schärfer als „Gleichzeitigkeit" aus. Euklid sagt (introd. härm. S. ^) in ähn-
licher Fassung : tau 6h ovrtfojvia fiev xqüoiq ovo (f&öyyojv , ogvrtQOv xal
ßUQVT!(JOV.
1) Sehr gut dargestellt und erläutert von Stallbaum: Musica ex Piatone
secundnm locum Legg. VII. Lipsiae 1846.
2) Doces nie, quomodo inter se acutae et graves voces consonent, quo-
modo nervorum, disparem reddentium sonum, hat concordia; fac potius quo-
modo animus secum consonet, nee consilia mea discrepent. (Ep. 88.)
3) Problem. 39.
458 lJ'e M"s'k (ler antiken Welt.
nicht so apodiktisch und ausnahmlos sprechen, wenn die Griechen
die Kinderstimme (den Sopran) nach Art eines Discantus zu be-
nutzen und in der Obersexte u. dgl. mitgehen zu lassen verstanden
hätten. Sang ein Kind oder ein Weib mit einem Manne, so verstand
es sich von selbst, dass ihr Gesang um eine Octave, und nicht etwa
um irgend ein anderes Intervall höher stand. Aber noch mehr !
Aristoteles wirft das Problem auf „warum man denn beim Gesänge
nur die Consonanz der Octave anwendet", und er bemerkt ausdrück-
lich: man habe bis jetzt noch nie eine andere Consonanz ver-
wendet. l)
Diesen klaren und zweifellosen Zeugnissen gegenüber zerfällt
alles, was man zu Schutz und Trutz der griechischen harmonisirten
Musik an Argumenten mühsam aufgebaut hat.
Die Griechen konnten aber auch gar keine Harmonie haben,
so lange ihnen die Terz als dissonirend galt. Den Kern, das
Wesen der Harmonie bilden Accorde. Was sind aber Accorde
»line Terz, und wird der primitive Dreiklang nicht erst gewonnen,
wenn zum Grundtone und der Quinte die Terz hinzutritt? Der
leere Klang von Grundton und Quinte, welcher kraft der sich darin
aussprechenden Entzweiung das Ohr weniger befriedigt als der
Grundton allein, war wenig anlockend, um ihn zu einem Gesänge
statt des vollen Accordes anzuschlagen. Und wie nun fortsetzen ?
Wie die höhere Stimme gegen die tiefere weiter fortschreiten
lassen ? Terzen — Dissonanz nach Dissonanz — oder Sexten als
deren Umkehrung in Anwendung zu bringen, ging nach pythago-
räischen Principien nicht an. Gegen Quint- und Quartparallelen
hatte das Ohr der Griechen denn doch wohl protestirt, da sie ohne
Zweifel Gesang von Geheul sehr wohl zu unterscheiden wnssten.
Selbst Fetis hat sich durch jene Horazischen Verse täuschen lassen
und nimmt an, dass so, wie es zu Aristoteles' Zeiten eine Magadisa-
tion in Octaven gab, in der spätem Zeit (schon zu Anfang der
römischen Kaiserzeit) eine Magadisation in Quinten und Quarten,
d. h. das Organum Hucbald's und Gtiido's, in Aufnahme kam, sich
auf die Sänger der christlichen Kirche vererbte, und dann bei Huc-
bald und Guido eine ausdrückliche theoretische Behandlung fand.
Unglaublich! Von einer so prägnanten, eigenthümlichen Gesang-
manier sollte von allen alten Schriftstellern keiner etwas erwähnt
haben, als ein Dichter in einem vagen Verse? Boethius,
Maerobius und Martianus Capella kein Wort? Ein Jahrtausend
lang hätte man in dieser Manier gesungen, ehe zwei mittelalter-
liche Mönche die Sache des Erwähnens werth fanden ? Und
die überschwere Singmanier in Quinten (denn die Natur empört
^ich dagegen) hätte die christliche Kirche angenommen, der es
1) Problem. IS.
Die griechische Musik. 459
doch Jahrhunderte lang um nichts zu thun war, als um einfachsten
Volksgesang V
Man könnte sich allenfalls noch auf die thatsächlich angenehme
Wirkung der Terzenfolgen berufen und vermuthen , dass die Grie-
chen, so wie sie, unserer Ansicht nach, in Quinten deswegen nicht
sangen, weil die Wirkung abscheulich ist, umgekehrt doch in Terzen
sangen, weil es sehr gut klingt, und dass sich hier, wie sonst öfter,
die Praxis von der Theorie emancipirt habe. Aber wie viel ein
einmal gefasstes Vorurtheil vermag, zeigt die Aeusserung des Faber
Stapulensis (1514), der in seiner Schrift „Elementa miisicae" sagt:
„dass die Terzen und Sexten dem Gehöre zwar höchst angenehm schei-
nen, aber deswegen doch nicht für Consonauzen gehalten werden dür-
fen", und Prätorius, welcher meint: „Essolle keiner so vorschnappig
sein und so klug sich dünken lassen wollen, dass er es besser als
Ptolemäus, Boethius, Euklides und andere fürtrefflieke Musici wis-
sen wollte." Die arme Terz ! Sie konnte sich gross oder klein
machen, sie konnte so sanft, schön, voll und einschmeichelnd klin-
gen als sie wollte: sie musste eine Dissonanz bleiben, denn die
„fürtrefflichen Musici" hatten es gesagt. Wenn je ein Rechnungs-
fehler von unermesslichen Folgen gewesen, so ist es jener der
pythagoräischen Schule bei Berechnung der Terz.
Sonach blieb den Griechen von den Consonauzen nur die Oc-
tave übrig, um damit eine andere Stimme zu verdoppeln. Für diesen
Octavengesang haben wir, wie wir sahen, zahlreiche und deutliche
Zeugnisse, und darauf hat sich denn auch der ganze mehrstimmige
Gesang, die ganze Polyphonie der griechischen Musik beschränkt.
Allerdings gibt Aristoxenos (II. 55 und 56) für die Art, wie zu einem
gegebenen Tone der Ditonus genommen werden könne, folgende
Formel
r-
■0- -0- »
-0-
„Wer erkennt" fragt Casimir Richter „hierin nicht sogleich Grund-
sätze des vollkommensten harmonischen Zusammenhanges?" Die
Formel ist nun an sich ein durch Synkopirung auseinandergerückter
Quartengang, oder ein Quintengang:
m
9:
:r:
:±
A -g>-
-<S>-
-f — r
Die Grundstimme kann unter solchen Umständen nicht die Bedeu-
tung der 1. 2. und 3. Tonstufe von C-dur haben, sondern eine
Nebeneinanderstellung der Harmonien von C, D und E mit wegge-
lassener Terz, die in dieser Fortschreitung unvermittelt und unzu-
460 Die Musik der antiken Welt.
lässig einander auf die Fersen treten. Aristoxenos wollte sicher-
lich weiter nichts als das schwieriger zu erklärende Intervall der
grossen Terz aus der Grundconsonanz der griechischen Musik, auf
der das Tetrachord beruht, herausdeduciren , und zwar in einer Art,
wie noch jetzt unsere Ciavierstimmer einen ähnlichen "Weg ein-
schlagen, die es dabei auch nicht auf Harmoniegebilde, sondern
auf Reinstimmung jedes Intervalls, an und für sich genommen, ab-
sehen. ')
Der mehr oder minder befriedigende Zusammenklang zweier
Töne konnte den Griechen nicht Anlass werden, ihn in der prakti-
schen Tonkunst zu verwenden. Sie sahen in einer gleichzeitig er-
tönenden Consonanz nicht zwei Töne mehr, sondern eine Krasis,
eine Mischung beider zu einem einzigen, ganz neuen Ton, etwa wie
unter den Farben die Mischung von Gelb und Roth das Orangefar-
bene, oder Purpur und Blau zusammen das Violette als ganz
neue, eigene Farbe ergeben. Es lag dieser Auffassung der Sache
wieder der allgemeine Individualisirungstrieb der Griechen zu
Grunde; r und«/ zusammen angeschlagen verschmolzen im Wohl-
klange, aus zwei Tönen wurde ein ganz neues Tonindividuum, das
indessen keinen andern Xamen erhielt, als den Namen des zu Grunde
liegenden Intervalles : Diatessaron, Diapente u. s. w. In das ein- für
allemal angenommene System der 18 Töne Hess sich dieses neue
Tonindividuum durchaus nicht einreihen, folglich war es unbrauch-
bar. Es verstiess gegen das Grundgesetz. Jener Sinn für Gesetz-
lichkeit und unverrücktes Festhalten daran, der sich im griechischen
Staats- und religiösen Leben so entschieden geltend macht, Hess
den Gebrauch eines ausserhalb des gesetzlichen Tonsystems liegen-
den Klanges nicht zu. Die griechische Musik beruhte gleich von
Anfang an auf dem recitirenden Gesänge des Einzelnen, und auf dem
naturalistischen Zusammensingen im Chore. Bei dieser Hauptrich-
tung der Tonkunst ist es begreiflich, dass die Harmonie etwas
Gleichgültiges oder gar Störendes bleiben musste und der geregelte
melodische Fortgang der Töne allein für vollbefriedigend gelten
konnte.
1) Was Richter sonst noch für seine Ansicht aus den alten Schriftstellern
herbeiholt, besteht zum Theile aus schon anderwärts geltend gemachten Argu-
menten, theils aus zu wenig klaren Stellen, welche ebenso gut auf successiv ge-
ordnete Töne passen, wie Cicero de repnbl. II. 42, 69 (ed. Nobbe) oder wie die
Stelle aus Aristoteles' Probl. XIX 39: xal yuQ ovxoi rä aXXa ov tiqoocivXovv-
rec, iav elq xavtbv xaxaaTQitpeaaiv, £v<pQaivovai (x&XXov rw viXsi rj Xvnovo i
raig rroo zov rtXovg diu<pOQaic, wo schwerlich Auflösungen der Dissonanzen,
sondern ganz einfach ungeschickte Flötenbläser gemeint sind, die im Laufe
des Stückes auseinander und zum Schlüsse wieder zusammen kommen, oder
vielleicht auch ein effektvolles Schlussunisono früher alternirender Flöten.
Die griechische Musik. 461
IX. Die Instrumentalmusik der Griechen.
Gegen den bunten Reichthum des ägyptischen oder hebräischen
Orchesters erscheint das Instrumenteninventar des griechischen ein-
fach und fast dürftig , und reducirt sich eigentlich auf zwei Instru-
mente: die Lyra und die Flöte. Wenn auch die Trompete
((jnkniy^) und das Krummhorn (y.sQag) in Olympia bei der Preis-
bewerbung erscheinen durften, von der höheren Musik blieben sie
ausgeschlossen und die bacehischen Lärmtonzeuge, die Handtrom-
meln, Schallpauken, kleinen Metallzimbeln u. s. w. zählen vollends
nicht mit. Aber diese Dürftigkeit ist nur scheinbar, in Wahrheit
ist sie wieder nur ein Beweis des echt künstlerischen Masses, das
die Griechen in allen Dingen beobachteten. Was hätte es zu ihrem
declamatorischen Gesänge mehr bedurft? Mit weiser Einsicht
Hessen sie die orientalischen Harfen, Psalter u. s. w. nur beiher zu
und wählten für ihre künstlerischen Zwecke gerade die rechten,
bescheidenen Mittel. Die Lyra lag in den Händen des National-
gottes Apollon und war das rechte Nationalinstrument, sie kommt
schon auf den sehr alterthümlichen Vasenmalereien mit den be-
kannten steifen schwarzen Figuren auf gelbem Grunde, den
spitzbärtigen, spitznäsigen Männern und den zierlich trippelnden
Frauen , vor.
Der plastische Schönheitssinn der Griechen gestaltete die Lyra
aus der blos die dürftig einfachste Zweckmässigkeit berücksichtigen-
den ägyptischen und semitischen Form schon in ihrer äussern
Gestalt zu einem reinen Kunstgebilde. An sich war ihre Con-
struction höchst einfach. Ueber einem hohlen Schallkörper (^eTov)
erhoben sich zwei schön geschwungene Arme {tt^/vq oder ayaüra).
welche oben durch einen einfachen Querarm verbunden waren,
welcher, zur Erinnerung, dass er ursprünglich aus Rohr gefertigt
war, xä).a/Aos oder 86vals hiess; unten war ein ähnlicher Quersteg,
vno).v(>iov}) oder fiayäSiovV) angebracht, welcher als Saitenhalter
diente, während die Saiten am oberen Querarm durch Wirbel, voÄXone;
oder x6).l(xßoi, angespannt und mittelst eines Schlüssels (wie es
scheint) x°9^OT^vov 3)> gestimmt wurden. Man hat aus den verschie-
denen Namen der Lyra zu Liebe eine Menge wesentlich verschiede-
ner Instrumente deducirt. Euphorion sagt aber ausdrücklich, dass
der Unterschied auf ganz geringen Construetionsabänderungen be-
ruhte und es im Wesen immer dasselbe Instrument war. Athenaeus
1) So heisst er bei Julius Pollux (Onomast. Hb. IV. c. 9. segm. 62).
2) Lacian, Göttergespräche (Apollon, Hephaistos). Beide Stege zusttiu-
men hiessen auch im Plural xä?.a/xoi oder öovazeg.
3) Pollux, IV. 62.
462 l}'e Musik der antiken Welt.
erzählt vom Pythagoräer Klinias sl'noxe xukinaive diu x>]v ooyrjv
Ixi&Üoiob xij Ivoa.^ So wie Klinias, um seinen Zorn zu besänftigen,
„auf der Lyra kitharisirt", so kommt auch bei Homer in der Ilias der
Ausdruck (poof.uyyi m^a^siv2) und in der Hymne an Hermes der Aus-
druck Xvqj] xi&a(ji£en>3) vor. Aristides Quintilianus nennt die Lyra ein
männliches Instrument, wegen ihres Tiefklanges und ihrer Rauhig-
keit {noos xo aqqsv avaÄoyovuar, dta xrjv nokvv ßaovxijxa aal xoaxvxyxocY
die Kithara habe aber einen beinahe ebenso mannhaften Klang.4)
Pausanias macht ganz ausdrücklich einen Unterschied zwischen
beiden Instrumenten. Er erzählt, dass Hermes und Apollon zu
Olympia einen gemeinsamen Altar (ßco/jo^ iv xoivoi) hatten, und zwar
deswegen, weil Hermes der Erfinder der Lyra, Apollon der Erfin-
der der Kithara war.5) Ebenso unterscheidet Julius Pollux (IV. 8)
zwischen xi&aobjdia und kvgoßiu, und nennt (IV. 9) unter den Saiten-
instrumenten neben einander Ivqu und mdtxQu. Denselben Unter-
schied macht Piaton6) und der von Bellermann herausgegebene
Anonymus. 7) Nach Bürette 8) bestand der Unterschied darin , dass
bei der Lyra die Saiten weniger auseinander standen und dass der
Boden einer Schildkrötenschale glich. Begründeter ist Fetis' Ansicht,
dass die Kithara gegen die Brust (xixrdga) gelehnt wurde, daher
einen viereckigen Untersatz hatte, wogegen man die unten nach
Schildkrötenform gerundete Lyra im Arme oder zwischen den
Knieen halten musste. Nach Doni war die Lyra länger und mit
stärkern Saiten bespannt, die Kithara breiter, mit kürzern und
schwächern Saiten, folglich hatte letztere einen höheren, helleren
Klang.9) Andere Schriftsteller (Drieberg) behaupten, dass die
Lyra blos nach Harfenweise mit leer anzuschlagenden Saiten be-
spannt, die Kithara dagegen mit einem Griffbrete versehen, also
unendlich tonreicher war. Es ist nun freilich auffallend, dass auf
griechischen Malereien nirgends ein Instrument dieser Art vor-
kommt. Der Schönheitssinn hätte nicht nöthig gehabt, gegen
1) Athenaeus XIV.
2) Iliad. XVIII.
3) V. 423. Böckh (de metr. Pind. S. 2(30) bemerkt treft'end , man sage
im Griechischen auch ßov&vrslv Gin', obschon Ochse und Schwein sehr ver-
schiedene Thiere sind. Etwas Aehnliches bei Herodot, VI. 129. oxskeai
ixsiQovoitfjas.
4) Aristid. Quint. II. S. 101.
5) Pausan. Eliac. I (V).
6) Avya 6rj ooi , r\v £ eya> , xal xi&äoa Xtintxai. Iiepubl. III, ebenso
im Lach es.
7) ivzaza usv loxiv ooyava xi&aoa xt xal Xvgu, xal xä Tiayanlrjöia.
S. 28.
8) Dissert. sur la synphonie des anciens , in den Mem. de l'academie des
inscriptions et des belies lettres. vol. IV. p. 116.
9) Lyrae, citharaeque discrimina praecipue haec adnotasse videor: quod
lyra longior fuerit, cithara latior potius, ac proinde crassioribus et prolixiori-
1ms nervis illa instrueretur, haec brevioribus (Comment. de lyraBarberina.IV).
Die griechische Musik. 463
eine solche Darstellung zu protestiren, denn die Stellung eines
Lauten- oder Mandolinenspielers ist in hohem Grade malerisch ; wie
oft und wie gerne haben die venezianischen und niederländischen
Maler dergleichen auf ihren Bildern angebracht! Jene Pektis,
Magadis, Trigonon, Simmikon u. s. w., welche uns von Piaton,
Aristoteles u. s. w. als mit vielen Saiten bezogene Instrumente ge-
schildert werden, sind denn doch nichts anderes als Versuche statt
der höchstbeschränkten Lyra tonreichere Instrumente zu verwenden,
ein Versuch, an dem sich der conservative, strenge Sinn Platon's
ärgert. Wozu wäre all' das nöthig gewesen, wenn man an der
Kithara mit ihrem GrifFbrete schoii etwas Vollkommeneres gehabt
hätte, als jene Pektis u. s. w.'? Und würde Piaton, der die Pektis
und das Trigonon aus seiner Republik verbannt, nicht aus dem-
selben Grunde auch haben die Kithara verbannen müssen ? Piaton
sagt, dass jene von ihm zurückgewiesenen Instrumente in ihrem
Tonreichthum von der Flöte nachgeahmt werden. Wie man auf
der Flöte durch das wechselnde OefFnen und Schliessen der Ton-
löcher eine grosse Mannigfaltigkeit von Tönen hervorbringt, so auf
dem Griffbret eines Saiteninstrumentes durch Verkürzen der Saite;
was wäre natürlicher, als dass Piaton hier mit gleicher Missbilligung
der Kithara erwähnt hätte? Es ist bekannt, dass für jede Tonart
die Lyra eigens gestimmt sein musste, etwa wie das Naturhorn des
modernen Orchesters nach Bedürfniss in C, D, Es u. s. w. stehen
muss, und dass der Sänger, welcher die Tonart wechseln wollte,
die entsprechenden Lyren bereit und zur Hand haben musste, gerade
wie unsere Waldhornisten ihren D-, Es- u. s. w. Bogen. Pytha-
goras von Zakynthos hatte den Einfall, auf einem Dreifuss, dessen
Obertheil sich sehr leicht umdrehen Hess, drei Lyren anzubringen,
welche in den drei griechischen Haupttonarten , der dorischen , phry-
gischen und lydischen, gestimmt waren, und so den raschesten Ton-
Avechsel erlaubten, eine Erfindung, welche sehr bewundert wurde.1)
Wozu so weitläufige Vorkehrungen, wenn man das Alles ganz
leicht auf der Kithara haben konnte? Die Stelle des Lustspiel-
dichters Pherekrates : „Phrynis habe in fünf Saiten zwölf Har-
monien",2) beweist nicht für, sondern gegen. Wenn die Kithara
allgemein mit einem GrifFbrete versehen war, was war es denn
besondere erwähnenswerthe Eigenheit des Phrynis, auf fünf Saiten
zwölf Töne hervorzubringen? Ebenso gut (und ebenso falsch)
könnte man daraus schliessen, er habe durch zwölferlei Combi-
nationen ebenso viele Accorde hervorzubringen verstanden. Nach
1) Athen. XIV. 15. Als Haupt einer musikalisch-theoretischen Schule
wird Pythagoras Zakynthios bei Aristoxenos, S. 36, genannt.
2) Citirt von Plutarch de musica (iv nti'TS yoQÖaZq ötoöexa UQf-iovlaq
t/OJl).
464 Die Musik der antiken Welt.
dem griechischen Begriffe von Harmonie bedeutet es vielmehr, dass
Phrynis auf seinen fünf Saiten zwölf verschiedene Melodien zu
spielen verstand, was bei so beschränktem Tonmaterial immerhin
für ein Kunststück gelten kann, mit dem ein Musikus aus der grie-
chischen Virtuosenzeit so gut sein Glück beim Publikum machen
konnte, wie etwa Paganini mit seinem Spiele auf der 6-Saite bei
uns gemacht hat. Aristoteles nennt die Kithara ■ ein künstliche
Behandlung verlangendes Instrument {iex>iv.6v ogyaroi)1), und das
Hesse sich allerdings ungezwungen auf ein Griffbret ausdeuten. Dass
die Aegypter zu einer Zeit, wo man in Griechenland noch cyclo-
pische Mauern baute, schon Instrumente mit Griffbretern hatten,
ist zweifellos, allein daraus folgt nicht, dass die Griechen sie von
ihnen auch wirklich annehmen mussten. Sie haben auch die ägyp-
tische Harfe, das herrliche thebanische Prachtinstrumeut, nicht an-
genommen. 2) Auch das sogenannte p a r a p h o n i s c h e M o n o c h o r d
des Ptolemäos gibt in dieser Sache wesentliche Anhaltspunkte.
Schon Ptolemäos und Aristides beschreiben ein dem Monochord glei-
chendes, mit vier in den Einklang gestimmten Saiten bezogenes Instru-
ment, den Helikon, der aber auch nicht zum Musiciren, sondern
in der musikalischen Kanonik zum Prüfen der Töne diente.3) Dass
man aber wirklich das Monochord zu noch saitenreicheren Tonwerk-
zeugen umgemodelt, beweist das arabische Instrument Kamin,
dessen Name seine Verwandtschaft mit dem xctvcjv, dem antipho-
nischen Monochord, deutlich erkennen lässt, und el' eud, die Laute,
die Verwandte paraphonischen Monochords, der die Araber, wie
wir hörten, ausdrücklich, aber irrthümlich, einen griechischen Ur-
sprung zuschreiben. 4) Eine Lautengattung war vermuthlich ein bis
fast auf die neuere Zeit unter dem Namen Pandure bekanntes Instru-
ment, das bei Julius Pollux als nurdovQoi und bei Nikomachus (aus
dem vierzehnten Jahrhundert) als (favdovQn vorkommt. Diese Pandura
(deren schon vorhin bei der Musik der Araber Erwähnung geschah)
1) Aristoteles, Polit. VIII.
2) Ueber die Verschiedenheit der Lyra, Kithara n. s. w. spricht sicli Vin-
cenzo Galilei in seinem Dialogo, S. 61 , mit der guten Bemerkung aus: con la
sola considerazione della diversita de nomi con i quali vien da noi chiamato
il nostro strumento de tasti si toglie facilmente via ciascuno scrupulo che ap-
portare ci potessero le parole di questi gravi e famosi scrittori — il quäle,
come ciascuno sa, vien chiamato da noi con il nome di Clavicordo, d' Har-
picordo, di clavicimbalo, dispinetta, di Buonaccordo, diHarchi-
cimbalo ed altro, solo per la diversa quantita e qualita delle corde e de re-
gistri e della grandezza e forma dello strumento e pur nella sua essenzia e
l'istessa cosa.
3) Lodovicus Celius Rhodiginus sagt : er habe neun Saiten gehabt. Siehe
Zusätze und Nachträge.
4) Guitarre, Cither, Kyutarieh sind Namen, die alle der griechischen Be-
nennung Kithara nachgebildet sind; deswegen ist aber noch nicht zu schliessen.
dass sie ihr gleichen, denn es sind selbst untereinander verschiedene Instrumente.
Die griechische Musik. 465
war mit drei Saiten bezogen, und nach einer Abbildung- derselben
bei Bartbolinus de tibiis vetcrum (welche einer [angeblich] antiken
Malerei nachgebildet ist) ist sie nichts anderes als jenes paraphonische
Monochord mit drei statt einer Saite. l) So flüchtig die Umrisse
der Copie auch sind, die weiblicbe Figur, welche die Pandure
spielt, lässt jeden einigermassen geübten Blick sogleich erkennen,
dass das Original schwerlich der antiken Welt angehört und von
den echto-riechischen edel einfachen Vasen- und anderen Bildwerken
durch seinen manieristisch flauen Styl sehr verschieden ist. Wich-
tiger als dieses vereinzelte Bild sind die häufigen Abbildungen der
Lyra auf echt griechischen, oder unter griechischem Einflüsse ent-
standenen Denkmalen, welche ganz interessante Varianten dieses
edlen Instrumentes zeigen.
Ptolemaeos beschreibt zweierlei Monochorde, das antiphonische
(gegenstimmige) und das schon erwähnte paraphonische (neben-
stimmige). Beide dienen nicht dazu, um Musik damit zu machen,
sondern nur zum Unterricht, ersteres zur Prüfung der Intervalle
und Intervallverhältnisse, letzteres beim Lernen des Gesanges,
und sollen schon von Pythagoras in dieser Weise verwendet worden
sein. Das antiphonische Monochord besteht, gleich dem noch jetzt
gebräuchlichen, aus dem viereckigen Kasten (»#•£">)), über welchen
eine Saite an zwei Saitenhaltern ({myaSia) gespannt ist. Ein unter
dieser Saite angebrachter beweglicher Steg (vnayayevg) dient dazu,
die Intervalle hervorzubringen : befindet er sich gerade in der Mitte,
so tönen beide Saitenhälften gleich (1 : 1): wird er so viel weiter
geschoben, dass der eine Saitenabschnitt doppelt so lang ist als der
andere, so tönt die Octave (1:2) u. s. w. Dies ist, was nach
Pythagoras „Theilung des Kanons" heisst2), und schon der In-
strumentenmacher bemerkt auf dem Oberdeckel des Monochords
die richtigen Eintheilungspunkte. Dieses Tonwerkzeug heisst also
deswegen „gegenstimmig", weil sein Gebrauch auf steter Ver-
gleichung zweier gleichzeitig angeschlagener Töne beruht. Das
nebenstimmige Monochord gleicht nach der Beschreibung und Zeich-
nung völlig einer Laute mit etwas langem Halse. Der Schallkörper
ist oval mit runder Schallöffnung, am Halse {nftxv?) befindet sich das
( i riffbrett (xavtav) mit Bunden (vnnyoyia) zur festen Bezeichnung
der Intervalle auf der einen Saite, womit das Instrument bespannt
ist. Man sollte nun denken, dass es ganz natürlich ist, diesen
Apparat, mit mehreren Saiten bespannt, zu einem sehr brauch-
I) Nikomaehos (I. 8) nennt die „Phandura" ein Monochord ; dasselbe sei
was die Pythagoräer „Kanon" nennen. Auf einem Relief im Louvre. aus
spätrömischer Zeit, sieht man eine Muse, die ein solches Instrument spielt
(Clarac. Musee IL Taf. 119).
2) Aristid. 117.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 30
466 L)ie Musik der antiken Welt.
baren Musikinstrumente zu erheben. Nun sagt aber Ptolemaeos:
zum Musikmaeben sei es das schlechteste und geringste aller Instru-
mente, weil man wegen der weiten Entfernung der Intervalle keine
Verbindung und keine Feinheiten in den Vortrag bringen könne.
Diese ganze Bemerkung wäre müssig, hätte man schon ein voll-
kommneres Instrument dieser Art gekannt. Der Form der Lyra
las immer die Construction zu Grunde, welche in rohester Fassunsr
sich an der Lyra des Semiten im Grabe des Nefera-si-num-hotep
zeigt, aber mit unendlichen Varianten im Einzelnen, welche mei-
stens weniger die Zweckmässigkeit des musikalischen Instrumentes
als den Schönheitssinn zur veranlassenden Ursache haben. Manche
Lyren mahnen noch stark an die ursprüngliche viereckige Gestalt
der asiatischen, doch geben ihnen schwungvolle Ausbuchtungen,
energisch oder zierlich geschwungene Ornamente, säulenartige Fort-
sätze über den Armen u. s. w. ein so veredeltes Ansehen und etwas
so architektonisch Stylisirtes, dass sie neben der semitischen Lyra
sich fast wie ein Kunstwerk, dessen Formschönheit auch seinen
ganzen Zweck ausspricht, neben einem blossen Handwerksgeräthe aus-
nehmen. In diese Klasse gehören jene wuchtigen Lyren, welche mit
dem Namen Phorminx ') bezeichnet wurden, und schon auf Vasen-
malereien des alten Styles, aber auch auf Prachtvasen der reichen
Periode vorkommen. So tragen auf einer herrlichen alterthüm-
lichen Vase des Berliner Museums bei einem Atheneopfer keilbär-
tige, spitznäsige Spieler gewaltige, prächtige Phormingen dieser
Art : das Piektrum ist an einer Schnur am Instrumente selbst befes-
tigt. Eine solche Phorminx spielt der in der Unterwelt singende
< »l'pheus auf dem figurenreichen Bilde der berühmten grossen Am-
phora von C'anusium (Canossa) in der Pinakothek zu München.
Der Schallkörper bildet einen mächtigen kastenartigen Untersatz;
die kräftigen Arme sind mit Schnitzwerk überreich geziert, fast kreis-
förmig ausgeschwungen, und laufen in ziemlich hohe Säulen aus.
Das prächtige Instrument wurde nach Harfenweise aufrecht und
an einem reich gestickten Bande umgehängt getragen. Entschieden
waltet die quadratische Form auch in jenen nicht minder massigen
und schweren Lyren vor, welche die Apollonstatuen der Periode
nach Phidias oft in Händen tragen. Hier nimmt der Schallkörper die
1) Fetis : Les Grecs et les Romains ont-ils connu l'harmonie etc. S. 79.
Die Erzählung von der durch Zufall veranlassten Erfindung der Lyra, als Her-
mes mit dem Fusse an die todte Schildkröte stiess, ist noch immer eine sinnige
Götteranekdote. Ein ganz prosaischer, überdies wcrthloser Erklärungsversuch
der spätem, spitzfindigen doctrinären Zeit ist es, wenn Philostratus und nach
ihm Hygin (bei Erklärung der Himmelszeichen) die Entstehung der Lyra da-
durch erklärt, dass man zwischen die Homer eines Ziegenschädels ein Querholz
angebracht und dazwischen Saiten gespannt habe. Lukian's Polyphem richtet
sich auf solche Art den Schädel eines Hirsches zu.
Die griechische Musik. 467
Form eines viereckigen Kästchens an, die Arme gleichen viereckigen
Pfeilern und sind zuweilen vorwärts gebogen, so an jener schönen
Statue des Apollo Musagetes im Pio-Clementinischen Museum.
Auch dieses Instrument hat der Spieler an einem starken Riemen um-
gehängt. L>iese reichgeschmückten, geschnitzten, wahrscheinlich im
Schmucke der Farben und des Goldes leuchtenden Tonwerkzeuge sind
jene „goldene Phorminx des Apollon" {xQvaia <pagfuv$ AnoMavog),
mit welcher er öfter als mit der leichten einfachen Lyra abgebildet
ist. So erscheint er auf einer schönen Vasenmalerei, den Wettstreit
mit Marsyas vorstellend1), so auf einem geschnittenen Steine aus
der Sammlung des Lorenzo Medicis: Apoll neben dem überwunde-
nen Marsyas2); eine solche Phorminx tragen die Apollonstatuen im
Pio-Clementinischen Museum, in der Egremontischen Sammlung
zu Petworth3), im Capitol, wo die Phorminx, ziemlich plump, fast
einer Schuhsohle gleicht, in die ein ovales Loch eingeschnitten
ist.4) Aehnliches findet sich auf einer Broncemünze von Delphoi5),
auf einer Silbermünze der delphischen Amphiktyonen c) , auf dem
Relief der Borghesischen Vase des Sosibios im Louvre u. s. w.
l»en Gegensatz gegen diese massigen Instrumente bildet die Chelys,
die kleine leichte Lyra zum- Begleiten der Weiberstimmen 7) , deren
Schallkasten die Gestalt der Schildkröte nachahmt, über welche sich
zwei sehr schlanke Arme in jener leichten Schwingung erheben,
die man insgemein als „lyraförmig" zu bezeichnen pflegt. Die
Saiten sind oft geradezu oberhalb der Schildkröte befestigt, so dass
letztere als müssiges Anhängsel, oder als blosses Untergestelle und
nicht als Schallkasten anzusehen ist. 8) Dieser runde Schallkasten
1) 0. Müller und Wieseler, Denkmäler II. Bd. Taf. XIV. Fig. 149.
2) Ebend. Fig. 151.
:V) Ebend. Taf. XII. Fig. 132 und 133.
4) Ebend. Taf. XI. Fig. 128.
5) Ebend. Taf. XII. Fig. 134. Die Umschrift ist: JEA<P£2X.
>>) Ebend. Fig. 135. Merkwürdig ist es, dass diese Apollon -Phorminx
von drei tanzend aufmarschirenden Silenen auf einem archaistischen Vasen-
bilde gespielt wird. 0. Müller u. Wieseler. Bd. II. Taf. XLII. Fig. 514. So
edel die Lyra ist, so ist sie doch auf antiken Bildwerken nicht eben selten in
den Händen der Figuren des bacchischen Schwarmes.
7) Fetis, a. a. 0., S. 79.
8) Zamminer (a. a. O. , S. 3S2) vermuthet hierin den vielbestrittenen Unter-
schied zwischen Lyra und Kithara: „wahrscheinlich zogen sich bei demeinen
Instrumente die Saiten, wie bei der Guitarre, über einen Resonanzboden, so
dass sie nur von einer Seite gegriffen werden konnten, während die Saiten des
andern Instrumentes frei gespannt waren, wie bei unserer Harfe, so dass sie
dem Angriffe des Spielers von zwei Seiten zugänglich waren." Wieder anders
findet sich die Sache im „Leben der Griechen und Römer" von Guhl und
Koner, S. 222, erklärt. Die Verfasser erklären das Instrument, welches wir
als Phorminx bezeichnen zu können glauben, für die Kithara.
30*
468 Die Musik der antiken Welt.
und Untersatz (der sich an der nubischen Lyra noch jetzt findet)
scheint die Erzählung von der Erfindung der Lyra durch Herines
veranlasst zu haben, auf welche anspielend man später am Schall-
körper die Eigenheiten der Schildkrötenschale nachahmte, auch
wohl geradezu Schildkrötenschalen nahm. Auf einem Volcenter
Stamnos im britischen Museum hält Paris, dem sich die drei wett-
streitenden Göttinnen vorstellen, eine Lyra, an deren Schallkörper
die dachziegelartigen Schuppen deutlich vorgestellt sind. l) Eine
gleiche Lyra hält Erato auf der grossen Vase aus der „schönen"
Periode in der Münchener Pinakothek. Auf einer trefflichen Vasen-
malerei der herzoglich Blacas'schen Sammlung sind auf der Lyra des
Paris die Tigerflecke der Schildkrötenschale ausgedrückt. 2) Obwohl
nun in der mittlem Epoche die Lyren meist schlank, leicht und
zuweilen sehr langgestreckt sind3), so wäre es doch irrig zu
glauben, dass in der ältesten Zeit nur schwere Instrumente im Ge-
brauche waren. Auf dem sehr alterthümlichen Vasenbilde einer in
Florenz befindlichen Volcenter Amphora ist eine Lyra abgebildet, die
mit ihren magern Armen und fächerförmig gespannten Saiten sehr
an die ägyptische Form mahnt : eine ähnliche hält auf einem andern
Bilde ein Satyr in Händen. 4) Auf der alterthümlichen Amphora
Candelori (jetzt in München) hält der spitzbärtige Paris eine schon
griechisch geformte, einfache, magere Lyra in Händen, die an jene
andere Genesis der Lyra, Saiten zwischen den Hörnern eines Ziegen-
oder Ochsenschädels an ein Querholz gespannt, erinnert.5) Eine
einfache, sehr schlanke, aber schon stattlichere Lyra hält Paris auf
einer Malerei (roth auf schwarzem Grunde) ,' die einen Nolaner Kylix
der Koller'schen Sammlung ziert, welcher sich jetzt im Berliner
Museum befindet. 6) Der Schallkörper aller dieser Lyren ist rund.
Auf der Malerei jenes Nolaner Kylix ist er sehr gross; eine beach-
tenswerthe Eigenthümlichkeit ist es, dass die Saiten oberhalb des
unteren Saitenhaiters über einen besonderen Steg gespannt sind.
Kinen solchen Steg hat auch die Lyra der Kalliope auf der Münchener
Musenvase, jene Phorminx des Orpheus u. s. w. In der mittlem
Zeit (der Periode der Vasenbilder des schönen Styles) sind die
Lyren bei edler Form sonst fast durchgehends äusserst einfach und
schmucklos. In der Spätzeit wird reicheres Ornament zu allerlei
sinnigen Zügen benutzt. Z. B. bildet die Lyra eine Art doppelten
1) Overbeck, Gallerie heroischer Bildwerke, Abth. 1. Taf. IX. Fig. S.
2) Ebend. Taf. X. Fig. I.
3) Weiss, Costürakunde, S. 900.
4) Overbeck, Gallerie, Taf. IX. Fig. 5 und Taf. XLI. Fig. 4S6.
5) Die Nachbildung jener Malerei sehe man bei Overbeck, Taf. IX.
Fig. 6.
6) Overbeck, Taf. X. Fig. 3.
Die griechische Musik. 469
Schwanes dessen Hälse die Lyrenarme, und die abwärts gesenkten
Köpfe zugleich Handhaben zum Anfassen und Halten abgeben u. s. w.
Gewöhnlich sind diese Lyren wieder etwas derber als die Lyren der
früheren Epoche. Beim Spielen hielt man diese im Ganzen doch
leichten Apparate entweder im Arme, oder zwischen den Knieen,
oder man lehnte sie gegen die Hüfte, oder hatte sie mittelst eines
Bandes an dem linken Arm befestigt. Die Saiten der Lyra waren
oben, wie noch jetzt an der nubischen Lyra, an eine Art Knöpfe
oder Wirbel befestigt, durch deren Umdrehung man die Saiten
fester spannte und richtig stimmte 5 so ist auf der Münchener Mu-
senvase Kalliope, ihre Kithara stimmend, abgebildet. Doch hatte
man auch ein eigenes Werkzeug zum Stimmen, Chordotonon, das
eine Art Stimmhammer gewesen sein muss. ') Ihre eigentliche
Gestalt soll die Lyra oder „Kithara" erst durch Kepion, einen
Schüler Terpander's, erhalten haben, und die „asiatische" genannt
worden sein; weil sich ihrer die Lesbischen gegen Asien wohnen-
den Kitharöden bedienten. Die Saiten der Lyra waren Darmsaiten
oder Thiersehnen; Metallsaiten kannte man im Alterthume nicht.2)
Die alte viersaitige Lyra wurde von Terpander um drei Saiten ver-
mehrt3), unter den Händen des Pythagoras wurde sie zum Octochord,
dann durch Theophrastos den Pieriden mit neun Saiten zum
Enneachord. 4) Ion fügte die zehnte Saite bei und rühmte sich, er
singe
— zum zehntgereiheten Klange;
Dreifachen Weg schlägt ein der Sang harmonischer Töne.
Da die Hellenen sonst im siebentönigen Vierklang
Sangen, denen gefiel die allzuärmliche Muse.5)
1) Pollux im lateinischen Texte IV. 9: „Instrumentum, quo chordae in-
tenduntur."
2) Es ist bemerkenswerth, dass Aristophanes in seinen „Rittern" den
Schal'händler Lysikles (der nach dem Tode des Perikles die Aspasia heira-
tete) zugleich als Saitenmacher bezeichnet (V. 132 u. 739). Die Schafdär-
me aus der Schlächterei des Lysikles wurden in seiner Saitenfabrik verwerthet.
3) Er schreibt sich in einigen Versen dieses Verdienst zu und nennt die
alte Lyra ausdrücklich viersaitig. Die mythische Erzählung der Homeri-
schen Hymne, wo es freilich heisst (V. 51):
S7ZTCC 6h oifMpojvovg 6'twv hxavvoaaxo yogöäg
kann keinen ernstlichen Einwurf dagegen bilden.
4) Nicomachus, II. S. 35.
5) Euklid., S. 19:
T7\v öexußü^iova rägiv P/ovau
Tag GVfKfcovovaag ayixoviag tqioöovc
II<Jiv ßhv a tTLjüxovov ipä/J.ov öiaztoaaQu Tiävxtg
"EkXrjvsg, onavlav fxovaav deiQo/isvoi.
Unter dem „sielientünigen Vierklang" versteht Ion die zwei verbundenen Te-
trachorde, welche die Stimmung der siebensaitigen Lyra bildeten. Sehr be-
merkenswerth ist die Stelle von dem „dreifachen Weg"; die Erklärung ist vor-
hin Seite 391 gegeben worden.
470 Die Musik der antiken Welt.
Auch Histiäus von Kolophon bespannte seine Lyra mit zelm Saiteu,
Timotheus von Milet (der „milesische Rothkopf") brachte die eilf'te
Saite an , nach Pherekrates gar eine zwölfte ; endlich stieg man bis
zu achtzehn Saiten, dem System von achtzehn Tönen zu Liebe, das
sich endlich als unantastbares Fundament in der griechischen Musik
festgestellt hatte. l) Eine so reich besaitete Lyra war eigentlich
schon eine Art von Harfe, oder bildete doch den Uebergang zu den
Harfen. Da die Griechen in ihrem Tonsysteme tiefe Töne hatten,
welche von Basssängern nur selten erreicht werden, und man es
(wie wir wissen) vermied, Singstimmen zu hoch hinaufzutreiben
oder zu tief herabzuzwingen, so wurden derlei Töne wohl den von
Aristides Quintilianus ausdrücklich als tiefklingend bezeichneten
Lyren zugetheilt, deren tiefste Saite in tiefster Stimmung also um
etwa einen halben Ton höher klang als die tiefste Saite unserer
Violoncells. Die Lyren, die in jeder Grösse von den grossen Phor-
mingen an bis zur kleinen hellklingenden Chelys vorkamen, waren
in der griechischen Musik was die Geigenintrumente in der unsern
sind, die auch in allen Grössenabstufungen die Töne von den
tiefsten Tiefen des Basses an bis zur höchsten Höhe des Diskantes
beherrschen. In den weiten Theatern der Griechen waren auch
wirklich die kräftig tönenden Basslyren sehr nöthig, natürlich nicht
in dem Sinne unserer Bassinstrumente, da die Griechen die Har-
monie nicht anwendeten, und also nie Anlass fanden, die Funda-
mente einer Melodie in den entsprechenden Basstönen anzugeben.
Die Lyra wurde entweder mit den Fingern oder mit einem leichten
Stäbchen (nii/.TiJov) gespielt, zuweilen auf beide Arten zugleich,
was eine besondere Mischung von Klängen hervorgebracht haben
mag. Auf dem Münchener Vasenbilde spielt Orpheus, und auf
dem den Streit mit Marsyas vorstellenden Bilde Apollo auf diese
Weise. 2) Das Plektron war (wie man z. B. auf der Berliner
Vase mit dem Atheneopfer deutlich sieht) gleich einer Schreib-
feder zugespitzt, man riss damit die Saiten, und führte es stets in
der rechten Hand. Es ist eine sehr alte Erfindung, es wird seiner
schon in der Homerischen Hymne an Hermes erwähnt. :5) In
ältester Zeit scheint man überdies nur mit dem Plektron gespielt
zu haben; der erste, der ganz ohne Plektron spielte, war
Epigonos. 4)
1) Nicomachus, a. a. 0.
2) Für das Schlagen mit dem Plektron hatte man den besonderen Aus-
druck XQbxeiv, das zupfende Rühren der Saiten mit der Hand hiess V'('ü.).:iv.
3) V. 53 Tt'/.rjXTQO) hcstQfqxitfi xaxa (XiiQoq.
4) Pollux, IV. 9 (iniXQOvoaq uvev TrhjxtQOv). Aber Epigonos lebte erst
zu Nero's Zeiten, und wie zahllose Vasenbilder zeigen, kannte man die Art mit
den blossen Fingern zu spielen längst vorher. Auch der ältere Ovid sagt von
Die griechische Musik. 471
Wie den Hindostanern ihre Yina, war den Griechen die Lyra
eine zn herrliche Erfindung, uni nicht einem Grotte anzugehören.
Die Homerische Hymne an Hermes schildert gar anmuthig, wie
der sehlaue Götterknabe aus der Wiege entweicht, an der Thüre
des Vorhot'es begegnet ihm eine Schildkröte, im üppigen Grase wei-
dend und auf weichlichen Füssen schreitend. Er begrüsst sie
freundlich lachend: ,,Du bist mir ein gutes Zeichen, du sollst mir
nützen! Lebend sollst du böser Bezauberuno- wehren, nach dem
Tode aber süssen Gesang tönen!" Und er trägt sie in's Haus, und
höhlet sie mit scharfem Eisen und befestigt in den harten Schild
Rohrstäbe und bespannt sie mit sieben Saiten. Er prüft nun die
Saiten, sie nach der Reihe mit dem Plektron anschlagend, und als
sie unter seinen Händen wunderbar ertönen, versucht er aus dem
Stegreife schönen Gesamr. Aber der Schelm hat die Rinder
Apollon's entwendet, und als dieser sie zürnend sucht, liegt Hermes.
dem gebadeten Kinde gleich, ruhig in der "Wiege, die Lyra im
Arme. Da ihn nun Apollon hart anlässt und ihn in den Tartaros
zu schleudern droht, spielt er den Unschuldigen: ..was kümmern
mich die Rinder? mir ist am Schlummer und an Muttermilch nur
gelegen, und Windeln zu haben -und lauwarme Bäder. Ein neu-
geborenes Kind, das Binder wegtreibt, war' ja ein Wunder!" Aber
als sich die Uebelthät nicht vertuschen lässt. schenkt er dem 1 >elei-
digten Apollon die helltönende Gefährtin, schicklich zum fröhlichen
Mahle und zum lieblichen Beigen, des Tages und der Nacht
Freude. Apollon nimmt froh das Geschenk, schlägt mit dem
Plektron die Saiten, Gesang anstimmend.
Mit so anlachenden Mythen umgaben die Griechen ihr Xational-
und Lieblingsinstrument !
Saiteninstrumente, die neben der Lvra genannt werden, sind
das Barbit on (ßctoßnov, ßuov/jiTov) , dessen Erfindung bald dem
Alkaeos, bald dem Anakreon zugeschrieben wird: das Epigoni um,
nach seinen Erfinder Epigonos von Ambracien so genannt, mit
vierzig Saiten1): die Sambuka (aaußvxt]), als deren Erfinder (nach
Neanthes von Cyzicum) der durch Schillers Gedicht wohlbekannte
Uiykos gilt: das Psalter ion, das nach Jobas (Juba) ein gewisser
Alexander von der Insel Kvthere mit mehreren Saiten bezogen
haben soll2): die Magadis, deren Erfinder Lysander von Sikvon
gewesen sein soll: das Simmikon mit fünfunddreissig Saiten , so
genannt nach seinem Frfinder Simos (der bald nach Homer lebte);
Apoll im Wettstreite mit Marsyas „nunc digitis, nunc plectro pulsat eburno."
Epigonos lehrte den Nero seine besondere Spielweise.
1) Fortlage's Vermuthung (in Pauly's Encycl. d. Alt. ad vocem Rhythmica),
das Epigonium, hTCtyövttov, sei eine Knieharfe gewesen, verdient scharfsinnig
genannt zu werden, und es scheint, dass man die Erfindung dem Epigonos nur
wegen der zufälligen Namensähnlichkeit zuschrieb.
2) Athen. XIV.
472 Die Musik der antiken Welt.
das Trigonon, welches an Alexander von Alexanrlrien einen vir-
tuosen Spieler fand; das Nablium (vdßXa), die lydische Pektis,
endlieh noch einige, die Pollux aufzählt: Phönix, Spadix, Lyro-
phönikion '), Klepsiambos, Pariambos, Jambyke, Skindapsos,
wonach er die lange Liste noch mit einem x. t. X., mit einem „und
so weiter" schliesst!
Obschon die Griechen die Erfindung, wie wir eben hörten, einhei-
mischen Künstlern zuschrieben, so waren es doch fremde, asiatische
Instrumente, welche den europäischen Griechen, zum Theil direct
nachweisbar, durch den Verkehr der kleinasiatischen mit den dor-
tigen Nachbarvölkern zugekommen waren , und deren Namen und
Gestalt wir bereits bei den Assyrern, Phrygern u. s. w. gefunden
haben. Die von der kleinasiatischen Küste zum Theile nur durch
schmale Meeresarme getrennten Inseln waren völlige Einbruch-
stationen der asiatischen Saiteninstrumente nach Griechenland, ganz
insbesondere aber Lesbos. Die Lyra kam über Lesbos dahin2),
auch das Earbiton heisst „lesbisch" und ist das Instrument des
lesbischen Alkaeos und der Sappho. Die Magadis war nach Athenaeus
vorzüglich zu Mitylene auf Lesbos beliebt. Auf dem der klein-
asiatischen Küste so nahe gelegenen Samos scheinen, ehe „Solysos
Raum machte", am Hofe des Polykrates die asiatischen Saiten-
instrumente auch sehr beliebt gewesen zu sein. Anakreon, des
Tyrannen Hofpoet, rühmt sich, er spiele die zwanzigsaitige Ma-
gadis, und preist den schönen Knaben Simalos, der mit der Pektis
in Händen im Chore steht. Die Harfe gelangte als Kinyra über
das halbphönikische Kypern als Trigonon, die Dreieckharfe, aus
Phryo-ien nach Hellas. Aristoteles3) spricht von einem Heptagonon,
welches also siebeneckig gewesen sein muss. Keines dieser Intru-
mente erlangte je die Bedeutung der Lyra, welche nach wie vor
Nationalinstrument blieb, während jene andern mehr als exotische
Seltenheiten in der Hand dieses oder jenes Künstlers, welcher durch
etwas Besonderes glänzen wollte, zur Geltung kamen. Bei den
grossen nationalen Festspielen wurde kein einziges davon zum Wett-
kampfe zugelassen. Aristoxenos nennt sie fremd (exqnXa)*), es
1) Das Instrument Lyrophönix war nach Athenaeus (IV. 77) mit der Sam-
buke eins und dasselbe.
2) Plutarch (de mus.) erwähnt es. Mythisch gefärbt findet sich die gleiche
Angabe in einer Erzählung des Nicomachus (II. S. 29.) Hermes, heisst es,
habe seine Schildkrötenlyra dem Orpheus übergeben. Als die thrakischen
Weiber den unglücklichen Sänger zerrissen, warfen sie die Lyra in's Meer.
Sie wurde bei der Stadt Antissa auf Lesbos an's Land gespült.
Fischer fanden sie und gaben sie dem Terpander, dieser verbesserte sie sorg-
sam (exnovijoaVTCc) , nahm sie nach Aegypten mit, zeigte sie den dortigen
Priestern und gelangte so zu dem Rufe, ihr Erfinder zu sein. Auch dem Kad-
mus wurde die Erfindung zugeschrieben.
3) Politic. VIII. 6.
4) Citirt bei Athenaeus IV. 80.
Die griechische Musik. 473
waren im Grunde barbarische Instrumente . und keines davon dankte
seine Entstehung irgend einem Gotte, wie es bei der Lyra, Kithara
und Flöte der Fall war, keines davon lag in den Händen der Musen.
Es ist ein merkwürdiger Ausnahmetall, dass auf der die Musen dar-
stellenden Malerei der schon erwähnten prachtvollen, aus der Zeit
Alexanders des Grossen herrührenden, in München befindlichen
Vase Polyhymnia eine Harfe in Händen hält1)» oder dass der
Bildhauer Lesbothemis von Mitylene die Sambuka einer Muse in
die Hände sab.2) Jene Harfe der Polvhvmnia mahnt durch ihre
bedeutende Grösse und den leichtgeschwungenen Schallkasten an
die ägyptischen Harfen: eigen thüm lieber Weise wird der Kasten
muh oben zu stärker. Gewöhnlicher war die kleinere, trianguläre
Harfe, das Instrument der asiatischen Hetären. Man findet derlei
Trigona abweichend von den ägyptischen und asiatischen mit einem
Vorderholze versehen, dafür aber mit äusserst schmalem Resonanz-
kasten. 3) Die Form ist bisweilen mit griechischem Schönheitssinne
veredelt. Bespannt sind diese Harfen mit eilf bis dreizehn Saiten.
Die Kinyra war zehnsaitig. Die vielsaitigen Instrumente waren
geringe Varietäten eines und desselben Apparates, in der Behand-
lung unter einander gleich, und eigentlich nur dem Namen nach
verschieden.4) Sie waren zum Theile schon in früher Zeit bekannt,
Anakreon und Alkman 5) erwähnen der Magadis : des phrygischen
Trigonon6), der lydischen Pektis gedenkt ein erhaltenes Fragment
der Mysier des Sophokles ; Piaton will den Verfertigern der Pektis
und des Trigonon in seiner Republik kein Bürgerrecht zugestehen.7)
Es ist mehr als wahrscheinlich, dass alle diese Instrumente dem
assyrisch -hebräischen Psalter ähnlich waren8), woraus sich auch
ihre grosse Saitenzahl gegenüber dem geringen Umfange des grie-
chischen Tonsystems erklärt; es waren, wie auf dem ähnlichen oder
vielleicht identischen Kanun der Araber, mehre Saiten zusammen
1) Abgebildet: Carl Lenormand und de Witte, Elite de moiraments cera-
mographiques , tom. IL pl. LXXXVI.
2) Athen. IV. 80 nach einer Stelle des Euphorion.
3) Mus. Borb. V. 51 und Th. Panofka, „Die griech. Trinkhürner " 111.
Fig. 3. Auf einem das Sirenenabenteuer des Odyssens darstellenden Sarkophag-
relief von Volterra, später, römischer, schlechter Arbeit (abgeb. Overbeck,
Gull, heroischer Bildwerke Taf. XXXII) spielt die eine Sirene eine kleine
dreieckige Harfe.
4) tu noXvxoQÖa twv oQydvcov ovofiaai fiovov naQijXXdx&cu, nau-
TUxXaiov d' avzwv eivat tijv xQiJGtv.- Athen. XIV. 9.
■r>) Anakreon gedenkt ihrer in der oben S. 191 citirten Stelle, Alkman
in Fragm. 81.
6) Nach Athenaeus ist das Trigonon eine Erfindung der Syrer (IV. 175).
Ptolemaeos nennt das Trigonon -ägyptisch" (Harm. III. 7). Beide Bezugsorte
deuten mit aller Bestimmtheit auf die Harfe hin.
7) De republ. III.
8) Böckh (de metr. Pind. S. 260) nennt das Epigonium psalterium erectum
quadraginta chordarum.
474 I^e Musik der antiken Welt.
im Einklänge gestimmt, um durch die Verdoppelung eine grössere
Schallkraft zu erreichen, oder in Octaven, so dass jede Melodie in
der höhern Octave verdoppelt mittönte, wodurch sie an Klarheit, Kraft
und Fülle sehr gewinnen, und den eines solchen Effektes von ihren
Lyren und Kytharen nicht gewohnten Griechen ohne Zweifel sehr
neu ixnd reizend klingen musste. Diese Stimmung der Saiten in
Octaven war die Eigenheit der Magadis, welche also mit zwanzig
Saiten zehn Töne hören Hess und in ihrem Effekt dem Gesang von
Männern und Weibern (avvajSla ccrdgwv ts xal fvvaimv) glich. ')
Davon heisst magadisiren (pajradi&iv) so viel als in Octaven singen
oder spielen, so bei Aristoteles'2), so in einer Schöbe Pindar's an
Hiero, wo der Dichter von dem gegensthnmigen Gesänge ^yalphg
uvilcp&oyyo*) spricht, Die Wirkung wird dem Zusammensingen von
Männern und Knaben verglichen.3) Die Sambyke war der Magadis
so ähnlich, dass Eupborion behauptet, sie sei aus letzterer entstan-
den; es war also wohl nur die chaldäische Varietät der Magadis.
Das Epigonion mit seinen vierzig Saiten war nur die Verdoppelung
der z wanzig-saitigen Magadis, es klang natürlich doppelt so stark.4)
Der altasiatische Ursprung dieser Instrumente macht es wenigstens-
glaubhaft, dass das Simikon, dessen fünfunddreissig oder nach Pollux
dreissig Saiten auf keinen Fall ebenso viele Töne enthielten, son-
dern auch in Verdoppelungen zu zwei oder drei gestimmt sein moch-
ten, durch Simos bald nach der Homerischen Zeit bekannt wurde.
Dass alle diese Instrumente eine gewisse Aehnlichkeit mit unserer
Bergzither, mit dem Hackbret hatten, ist augenscheinlich; auch
das Barbiton soll in diese Klasse gehört, haben. Die Nabla war.
wie der Name andeutet, dem ähnlich benannten Instrumente der
Aegypter und Hebräer verwandt; sie war bei den Griechen zwei-
saitig. Philemon erwähnt ihrer :
/. Es sollt', o Pafmenion, hier sein
eine Flötistin — irgend eine Nabla!
B. Was ist eine Nabla? A. 0 Dummkopf!
Weisst du das nicht?!
1) Telestes nennt in einem bei Athenaeus (XIV. 38) erhaltenen Fragment
die Magadis xSQCCTOqHDVOV fiayaöiv, die „horntönende Magadis"; woraus man
auf eine den Annen (Hörnern) der Lyra ähnliche Gestalt schliessen könnte.
Das ganze Fragment ist afier so undeutlich, dass sich daraus eigentlich gar
nichts entnehmen lässt.
2) Problem. XIX 18. ^ w' ^ , > . -
3) Sia xo ovo yevwv apca xal 6ia naoojv e%eiv r>)r avvtpölav wvSqüv
rf xal TtcciSöiv. Athen. XIV. VI.
4) Diese Vermuthung hat zuerst Fetis ausgesprochen, s. dessen Abhandl.
Les Grees et les Romains ont-ils connu Pharmonie simultanee des t.ons? im
31. Bd. der Memoires de l'academie royale des sciences de Belgique Jahrg-
1859.
Die griechische Musik. 475
/>'. Nein doch beim Zeus! A. Was, Mensch,
Du kennst keine Nabla? Da weisst du
gar nicht was schön ist,
und kennst wohl auch nicht Sambuken? ')
Der Skindapsos war viersaitig und, wie es scheint, nur eine reicher
besaitete Nabla; nach Theopompos von Kolophon war er der Lyra
ähnlich.2) Bei den andern hin und her noch genannten Instrumenten
fehlt uns sogar der Anhaltspunkt der Namenähnlichkeit; aus der
Angabe des Pollux z. B., nr\h]% bedeute nicht blos einen Helm,
sondern auch ein musikalisches Instrument, lässt sich gar nichts
schliessen. Mancherlei Instrumente barbarischer Völker waren den
Griechen bekannt, so die Psithyra der Libyer, auch Askaron ge-
nannt3), so ein fünfsaitiges , den Skythen eigen thümliches In-
strument, das aus Riemen von Ochsenhaut zusammengesetzt war
und mit den Kinnladen der Ziege (niyäv xrMty als mit einem
Piektrum gespielt wurde'1), die arabische Pandura u. s. w. Der
Verfertiger von Lyren hiess Xvgonoppg, er musste sich aber auch
darauf verstehen, jene fremden Instrumente zu verfertigen, wie
sich denn ein solcher bei Anaxides rühmt : ich habe Barbitons,
Trichorde, Pektis und Kitharen, Lyren und Skindapsis gemacht.5)
Die Kunst, Saiten durch das Streichen mittelst eines Bogens in
Vibration zu setzen, war den Alten völlig unbekannt. Der Beweis
dafür liegt nicht nur in dem Mangel an Bildwerken6) und im Manuel
an darauf sich beziehenden Stellen alter Schriftsteller, wo der jede
denkbare Sache mit allen möglichen Details nennende, die bezeich-
nenden Eigenschaftsnamen oft wie ein Schneegestöber ausschüttende
Julius Pollux sicher nicht ermangelt hätte davon Meldung zu
thun7), sondern auch in der Natur der Sache, in dem Umstände,
dass die antike griechisch-römische Welt Saiteninstrumente mit
Griffbretern wenig beachtete. Damit der Bogen zweckmässig an-
gewendet werden könne, muss er nur über wenige Saiten hin- und
hergeführt werden dürfen; damit wenige Saiten genügen, muss man
1) ...... . — tdei nuQflvai,
TlaQfihviov , av?.rjTQlda ?j rdß/.av xwä.
2) Athen. IV. 81. J.vQoevra.
3) S. oben S. 13.
4) Pollux, a. a. O., und Athen. IV. 81.
5) Pollux, IV. 9.
6) De la Borde hat für seinen Essai eine antike Malerei nachstechen lassen,
einen geigenspielenden Orpheus. So lange keine authentische Copie
eines in seiner Aechtheit strenge geprüften Originals vorliegt, ist jener
Kupferstich werthlos. De la Borde's Kupferstecher haben alles in den Zopf-
styl ihrer Zeit übersetzt, man sehe nur z. B. den thebanischen Harfner oder
jene Copien aus mittelalterlichen Manuscripten der Pariser Bibliothek, wo die
Damen so herausgeputzt sind, dass sie jede Minute zur Cour nach Versailles
in den Wagen steigen könnten.
7) Das Piektrum kann schon seiner etymologischen Abstammung (jtkijffßat,
attisch nXriTTüJ, schlagen) stets nur ein Werkzeug zum Anschlagen, nie ein.»
zum Streichen bedeuten.
476 Die Musik der antiken Welt.
ihnen mit Hilfe des Griffbrets eine grosse Mannigfaltigkeit an
Tönen zu entlocken verstehen. Die Aegypter , welchen bei ihren
vielen und mannigfachen Lauten und Guitarren die Erfindung nahe
lag, waren bei ihrem hieratischen Conservatismus nicht die Leute
dazu, bei einem Haupt-, Staats- und Tempelinstrumente eine so
durchgreifende Reform zu machen; die Griechen hatten die Lyra
als Hauptinstrument und behielten sie aus politischem Conservatis-
mus. Wie hätte Piaton gegen den bebenden, nervenanregenden
Ton der Geige geeifert, er, der schon die Flöte, das Trigonon
nicht leiden mag! Bei den Römern war in der früheren, alt-
väterischen Zeit die Musik nicht sonderlich geschätzt, in der
späteren Epoche des Luxus eine Sache vornehmer Passion und
dilettantischen Musikmachens. Es ist bequemer, die Töne auf dem
Instrumente fertig zu finden, als sie erst machen zu müssen; und wie
aus derselben Ursache unter unseren Dilettanten auf hundert Pia-
nisten ungefähr fünf Violinspieler kommen, kamen in Rom auf
hundert Lyra- oder Kitharaspieler schwerlich mehr als fünf Pan-
duraspieler. Daher erklärt sich der sonst wirklich befremdende
Umstand, dass die Araber zuerst auf den Gedanken verfielen, aus
den Lauten durch Streichen der Saiten Rebabs, d. i. Geigen zu
machen. Ein geistreiches, aufgewecktes, phantasievolles, an-
stelliges und unruhiges Volk dieser Art, das keine hieratische oder
politische Satzung band, und das von seinen ägyptischen Nachbarn
her die Laute seit Jahrhunderten besass, konnte in guter Stunde
am ehesten auf einen solchen Einfall gerathen.
Unter den Blasinstrumenten nahm die Flöte den Vorrang
ein, sie war neben der Lyra und Kithara das dritte eigentliche
Nationalinstrument. Der Mythen , welche ihre asiatische Abkunft
andeuten, ist bereits gedacht worden. Die Flöte mag zugleich mit
den kleinasiatischen ausschweifenden Naturculten, jener wilden
Klage um den gestorbenen, dem schwärmenden Jubel über den
wiederbelebten Gott nach Griechenland gekommen sein. *) Sie
wurde zuerst zur Elegie gespielt und war daher auch eben so sehr
ein zur Klage gestimmtes als ein dem Dionysoszuge eigenthüm-
liches Instrument; auf dem Schilde des Herakles wird der Zug des
Komos von Flötenbläsern begleitet.2) Daher blieb auch der Flöte,
welche bei uns für das sanfteste, mildeste, nur zum Ausdrucke
schmelzender Zärtlichkeit oder weicher Trauer geeignete Instrument
gilt, bei den Griechen der Ruf, ein aufregendes, orgiastisches Tonwerk-
zeug zu sein, wobei man freilich nicht ausser Acht lassen darf, dass
die mehr pfeifenartige Langflöte der Griechen greller und schärfer,
mehr wie unsere Oboe geklungen haben mag. Die Flöte war spä-
1) S. Duncker, Geschichte des Alterthums, Bd. 4. S. 267.
2) Vers 281 — 285.
Die griechische Musik. 477
testens schon im siebenten Jahrhundert v. Chr. in Griechenland ein-
heimisch; denn auf dem Kasten des Kypselos fanden sich Abbildungen
phrygischer und griechischer Fluten '), und Polymnestos von Ko-
lophon brachte um das Jahr 620 v. Chr. mit der Irdischen Harmonie
zugleich die Flötenmusik als Begleitung des festlichen Choralgesanges
nach Sparta. Im ersten Drittel des sechsten Jahrhunderts fand sie
an Echembrotos, an Pythokritos von Sikyon und an Sakadas von
Argos, der zuerst ein Flötenstück allein, ohne damit einen Gesang
zu begleiten, vortrug, eifrige Förderer. Diese Drei errangen zu
Delphoi mit ihrem Flötenblasen bei den pythischen Spielen wieder-
holt den Sieg: in der zweiten Pythiade (582 v. Chr.) siegte Echem-
brotos mit der Flötenbegleitung, Sakadas als Solospieler, in der
3., 4. und 5. Pythiade (576, 572, 568 v. Chr.) blieb in eben dieser
Weise Pythokritos Sieger. Der Gott, der den Leuten, welche die
Flöte seiner Lyra vorgezogen hatten, zur Strafe Eselsohren ansetzte
oder ihnen die Haut abzog, musste sich gefallen lassen, dass das
pythische Flötenspiel (rö nvlrjfia xö nv&ty.6v) einen Hauptbestand-
teil der Feier seines Sieges über den Pythondrachen bildete. Zwar
versuchte man es in der 6. Pythiade (564 v. Chr.) die Flöte aus der
Reihe der wettstreitenden Instrumente zu streichen , aber schon in der 7.
und 8. Pythiade (560, 556 v. Chr.) half sie abermals dem Pythokri tos
zum Siege, und in der 24. und 25. Pythiade (492, 488 v. Chr.)
siegte durch sie Midas von Agrigent. Während des Wettstreites
zerbrach das Mundstück seiner Flöte, er blies ohne Unterbrechung
weiter. Schon diese Geistesgegenwart und Geschicklichkeit sicherte
ihm den Preis, man fand sogar den Ton der Flöte viel schöner,
und Pindar verherrlichte den Sieg in der zwölften pythischen Ode. -)
Zu den gepriesenen Förderern des Flötenspieles gehörte insbesondere
auch der Thebaner oder Tegeate Klonas, der seine epischen und
elegischen Dichtungen mit der Flöte begleitete und dazu eigene
röfiovg nvlcoöiy.ovg componirte. Bei so bewandten Umständen durfte
die Flöte nicht länger ein Tonwerkzeug von bedenklich barbarischer
Abkunft bleiben , sie musste auf irgend eine Nationalgottheit zurück-
geführt werden. Da sang denn Pindar von der Kunst,
— — so einst
Pallas erfand und der furchtbarn Gorgonen
Trauervoll vortönend Weh darstellt Athana.
Was aus der unnahbarn Jungfraun Häuptern von Schlangen sie Ieis'
Niedergeträufelt vernahm bei klagenumweinetera Weh,
Als ihnen vernichtend der Schwestern drittes Theil Perseus ergriff.
— — Doch da den theueren Mann aus dieser Gefahr sie mit Macht
1) Pausan. V. 17.
2) Mlöa jixQccyavzlvw avkijty. Vers 28 spielt Pindar nach Tyeho
Mommsen's Meinung auf das Ereigniss an: „erscheint ein Glücksfall unter den
Menschen u. s. w."
478 I>ie Musik der antiken Welt.
Entrissen, da ordnet die Jungfrau wohl der Flut' alltönend Lied ').
Dass es der Euryale aus heftiger Kiefer hervor
Entstürzete Klagen, den vielliedreichen Laut nachahmt im Rohr.
Dies fand sie, und gab das Erfundne ein Eigenthum für Männer dar.
Nennend die Weise der Kunst „vielhauptige." '2)
Also ahmte Athene in der Flöte die Klagen der Medusaschwestern
Stheno und Euryale und das pfeifende Zischen der ihr Haupt um-
gehenden Schlangen nach, das sie hören Hessen, als Perseus mit
Athene's Hilfe der Medusa das Haupt abgehauen. Das war eine
echt böotische Lokalmythe, wie sie dem Thebaner Pindar leicht
einfallen konnte, denn die Böotier waren grosse Flötenbläser und
grosse Verehrer der Athene Onka, die vor einem nach ihr genannten
Stadtthor vor Theben ein hochgehaltenes Heiligthum hatte, und ist
es wahr, dass (so wie in Phrygien das Schilf der Aulokrene) in
Böotien das in reicher Fülle wachsende Schilf des Kopaissees Anlass
zur Ausbildung der böotischen Flötenmusik geworden, so möchte
man die Entstehung des guten deutschen Spruches, dass „wer im
Rohre sitzt, leicht Pfeifen schneiden könne," nach Böotien ver-
setzen.
Um die Zeit der Perserkriege, d. i. im 5. Jahrhundert, bildete
das Flöteublasen einen Theil der musischen Bildung der Knaben.
Diese Sitte erhielt sich in dem Flötenlande Böotien 3) , noch der grosse
Epaminondas lernte diese Kunst von einem Meister Kamens Olym-
piodoros. In Athen kam die Sache zur Zeit des Perikles, also* im
letzten Viertel des .">. Jahrhunderts in Verruf, sei es, dass man bei
den ewigen Spöttereien über die böotischen Böotier sich von ihrem
Leib- und Lieblingsinstrumente lossagen Avollte, sei es, dass die
Ansicht des späteren Aristoteles von der bedenklich leidenschaft-
erregenden Wirkung der Flöte schon damals nachdrücklich geltend
gemacht wurde. *) Der freigeborne Athener verschmähte es fortan,
die Flöte blasen zu lernen: da man aber den einmal beliebten musi-
kalischen Genuss nicht gerne entbehren mochte, so fanden fremde,
insbesondere böotische Flötenbläser zu Athen die beste Aufnahme.
Die Flötenvirtuosen hatten allmälig eine ganz andere Stellung er-
rungen, als ursprünglich den zum Dithvrambos spielenden Flöten-
bläsern zugestanden worden. Letztere waren blosse Miethlinge der den
Dithyrambenchor aufstellenden und leitenden Dichter gewesen und
wurden von diesen bezahlt. Allmälig wurde der Antheil an der Ehre
der Ausführung auch für diese Mithelfer ein grösserer. Suidas erzählt,
1) Hap&evoq (u'/.wy iev%a nafi<p<üvov ßt/.oc.
2) KE<paXüv itoXXäv vöfJLOV. Bippart meint, dass ein alter Nomos dieses
Namens dun Pindar zur Erfindung obiger Mythe anregte.
3) In den Acharnern des Aristophanes tritt ein Thebaner in Begleitung
einer Bande Flötenbliiser auf.
4) Alkibiades mochte aus demselben Grund nicht Flöte blasen, wie die
Göttin Athene: die Verzerrung der Gesichtszüge verleidete ihm die Sache.
Die griechische Musik. 479
dass Antigenides, Sohn des Satyros, ein thebanischer Flötenbläser
und Flötenspieler des Dithyrambendichters Philoxenos, in milesi-
schen Schuhen und in krokosfärbigem Mantel '), d. h. in bac-
chischem Festanzug, gleichsam als dramatische Person auftrat.
Zur Zeit des jüngeren Melanippides (Olymp. 80) war es Sitte
geworden, dass die Flötenbläser von Staatswegen honorirt und
dass ihre Namen, gleich jenen der Dichter, selbst öffentlich
angeschrieben wurden. Das empfänden die Dichter sehr übel,
und Melanippides machte seinem Unmuth in einem Gedichte
unter dem Titel „Marsyas" Luft. An die phrygischen Sagen vom
Flöteneffinder Marsyas und den Pindar'schen Mythos von der
Flötenerfinderin Athene anknüpfend, und beide gleichsam ver-
einigend, dichtete er: Athene habe aus Verdruss über die sich beim
Flötenblasen auf das Hässlichste verzerrenden Gesichtszüge ihr neu
erfundenes Instrument weggeworfen, Marsyas habe es gefunden
und sieh in jenen unglücklichen Wettstreit mit dem kitharspielen-
den Apollo, dem Dichtergotte, eingelassen.2) Die Anspielung
konnte nicht deutlicher und die Warnung für die Flötenbläser nicht
nachdrücklicher sein. Glücklicher Weise wussten sie aber, dass
den erzürnten Dichtern nicht Macht zu einer Exekution im Ge-
schmacke der Marsyasnrythe gegeben sei, und bliesen ruhig für
eigene Rechnung fort. Da nun aber die Fabel des Melanippides in
ganz Griechenland nacherzählt wurde, nahm der Dithyrambendichter
Telestes von Selinus, ein eifriger Förderer des Flötenspielens, das
Wort und dichtete eine etwas schwülstig gefasste Entgegnung :
..Nicht glaub' ich die Sage, dass die weise Athana, als sie die klug-
erfundene Flöte im Bergwald genommen, sie aus Furcht vor schmäh-
licher Verzerrung wieder wegwarf für den nymphengebornen , chor-
reigen führenden , wilden Marsyas. Was quälte hier sie so heisse
Liebe zur Schönheit, da Klotho doch Jungfräulichkeit, ohne Ehe,
ohne Kinder, ihr zugetheilt? Vergeblich verbreitet der Dichter
Wort die tadelsüchtige Schmähung trefflicher Künste (den Menschen
verhasset). Es gab das lauttönende Werkzeug der Göttin erhobener
Atliem, gefördert von der glänzenden Hände Gewandheit, dem lau-
tes Getöne liebenden Bromios !" 3)
So wurde also aus dem verächtlich weggeworfenen Instrument
!) Suklas ad voc. Avxiy£vL6f}q.
2) Athenaeus XIV.
3) Julius Pollux zählt mit seiner gewöhnlichen Vollständigkeit, IV. 0, ein
langes Register der Grimassen auf, die ein Flötenbläser allenfalls machen kann,
und meint: es sei ein Vorzug, wenn er beim Flötenspielen keine Gesichter
schneidet. Aristoteles (Polit. VIII) deutet den „sinnigen" (sv?.oyog) Mythus
von der flötewegwerfenden Athene in moralisch -allegorisirendem Sinne:
Athene habe die Flöte weggeworfen, nicht weil sie beim Flötenblasen entstellt
wurde, sondern als Göttin der Weisheit, da die Flöte auf geistige Bildung
Siävoia) keinen günstigen Einfluss übe.
4g0 Die Musik der antiken Welt.
vielmehr ein Ehrengeschenk der Göttin an Dionysos. Dass später-
hin eine Flötenbläserin es in Athen selbst bis zn einem Tempel
und göttlicher Verehrung bringen konnte, haben wir schon erzählt.
Das Flötenspiel wurde so sehr ausgebildet, dass die Meister der
Flöte ihre besonderen Schuleigenheiten und Feinheiten hatten,
sogar ihren Sektengeist: so stand zu Philipp's von Makedonien Zeiten
die Schule des Antigenides und jene des Dorion in offener Fehde:
wie es scheint, war erstere eonservativ, die andere reformlustig.
Auch der berühmte Flötenbläser Telephanes von Samos trat als
Reformator der Flöte auf, er blies stets ohne das Mundstück anzu-
wenden, suchte die Flötenmacher zur Weglassnng dieses herkömm-
lichen Bestandtheiles zu bereden, und entsagte lieber der Bewerbung
um den Preis bei den pytbischen Spielen, wo Neuerungen nicht zu-
lässig waren, als dass er von seinem Grundsatze abgewichen wäre.
Man hatte für die Flöte eine Menge eigener Nomen. Zu den ältesten
und berühmtesten gehörte neben dem schon genannten „vielköpfigen
Nomos" auch der harmatische Nomos, die Streitwagenweise (von
aofia) des Olympos, jene Melodie von so aufregend kriegerischem
Klange, dass Alexander der Grosse bei ihrem Anhören die Waffen
ergriff. Auch den pythischen Drachenkampf Apollon's feierte
ein Nomos des Olympus, und gewisse andere Weisen desselben
alten Tonkünstlers, epitymbisehe Nomen (vofxot dnnvußioi), waren
vermuthlich eine klagevolle Begräbnissmusik. ') Der kläglichste
aller Nomen, eine Art Trauermarsch, war der Nomos Kradias,
welcher in den ionischen Städten die schauderhafte Bestimmung
hatte, die zum Menschenopfer bestimmten Personen auf ihrem
Todesgange zu geleiten. 2) Der Elegiendichter Mimnermos liess
zu seinem Vortrage öfter diese Melodie spielen. 3) Ein anderer
sehr alter Nomos war der schon genannte hierakische. Der „py-
tbische Nomos des Sakadas", mit dem dieser Künstler in Delplni
gesiegt, blieb in Ansehen; ferner gab es einen Kreisnomos (xw.lai6s)
des Euios, einen spondeischen Nomos epibomios (entßu/Mos) auf den
Altar, der, wie es scheint, ein Opferbymnus war: einen Nomos
Klonas, der offenbar von Klonas, dem Flötenbläser, den Namen
hatte. Der Nomos Schönios oder Schöniones, den man dem Ter-
pander zuschrieb4), kann, da „Binsenmelodie" keinen Sinn gibt,
1) Pollux, IV. 1U. Die Analogie zu den Hochzeitliedern , hTU$a)äiJAV.,
liegt in der Wortbildung. Flöten als Begräbnissmusik fanden wir schon bei
den Aegyptern und Hebräern.
2) Unseren unbedingten Hellenenanbetern sollte man von Rechtswegen zu-
weilen den Nomos Kradias vorblasen und die Geschichte von den Neffen des
Xerxes vor der Schlacht bei Salamis erzählen.
3) Julius Braun, Gesch. d. Kunst, Bd. 2. S. 290.
4) Pollux behauptet, dass die Flütennomen Schönione^ und Apothec ->>
dem Terpander nur irrig zugeschrieben werden (IV. 9). Die meisten obbena-.m-
ten Nomen finden sich bei Pollux genannt (IV. 10).
Die griechische Musik. 4SI
gleich anderen nach dem Orte der Entstehung benannten Nomen,
vielleicht auf die festlichen Opfer des Poseidon zu Schönos am
korinthischen Isthmus (wo sich auch das Grab des Sisyphos befand)
bezogen werden. Sogar zur Pferdezucht hatte mau einen eigenen,
.,Hippothoros" (Beschäler) genannten Flötennomos, den man so
anwendete, wie weiland Jakob bei der Schafzucht die bunten
Stäbe.1) Der pythische Flötennomos bestand nach Pollux aus fünf
Haupttheilen : neigu die Prüfung, y.azny.elBvn^o; die Aufforderung,
la^tßixov, crnotdelor, die jambische und spondeische Abtheilung, und
endlich xtxtnxoQevaig der Reigen. Den Gegenstand bildete die Dar-
stellung (örfitaptt) des Kampfes Apollon's gegen den Drachen, im
ersten Theile prüfte Apoll den Ort, ob er zum Kampfe geeignet
sei, im zweiten rief er den Drachen (naouy.ai.ehta tov tWxorr«): im
Jambikon wurde der Kampf vorgestellt, wobei die Flöte die Stösse
der kriegerischen Trompete und, in einer besonderen, Odontismos
genannten Vortragsweise, das wüthende Zähneknirschen des pfeil-
getroffenen Ungeheuers ausdrückte2); das Spondeion stellte den
Sieg des Gottes vor (t>V-o7 T>)v vixqv tov &eov), im Schlusssatze aber
tanzte der Gott die Siegesfeier (odtb~ r« inivixux %ogei>ei). Einer Nach-
richt Strabo's3) danken wir dieKenntniss, wie der Compositeur dieser
ersten und ältesten aller Programm -Musiken geheissen. Es war
Timosthenes, Schiffscapitain {vavmr/oq) des zweiten Ptolemaeos (Phi-
ladelphos, geb. 309, regierte von 285 bis 246). Es fällt also dieses
Tongemälde in eine Zeit, wo sich die griechische Kunst überhaupt
bereits in allerlei raffinirten Aufgaben gefiel und der alten edeln
Einfachheit nicht mehr ganz treu war. Nach Strabo wirkten bei
diesem ohne Gesang von Flöten vorgetragenen Tonstücke auch
Kitharisten mit (noous&eaav d? tcmc xi&ocQ(pdo7g avhjToc; te y.al y.i&itQiaxag
■/(oglg Ädrig) und er nennt fünf Bestandteile : avdxgovaig, afmetqa,
y.aToty.efov(T/.io.-, 'iapßoi xal Säy.Tvt.oi , avoiyveg. Die Anakrusis war die
Einleitung, die Ampeira der erste KampfVersuch (ngüxr} x«Trmeoa
tov ayävog), der Katakeleusmos der Kampf selbst, die Jamben und
Daktylen feierten den Sieg, die sogenannten Syringen ahmten das
Verenden des Ungeheuers (i'xhiipiv tov &r,glov) nach, indem die
Flöten ein pfeifendes Zischen (tivuq o-vQiypovg) und vermuthlich
rasche, kurze Läufe, wie sie der Syrinx eigen sind, hören Hessen.
Böckh vereinigt die anscheinend von einander abweichenden An-
gaben des Pollux und Strabo in solcher Art, dass er annimmt, das
Stück habe mit der Peira begonnen, welche die Vorbereitung zum
1) Dieser Noraos wird in einem kleinen Aufsatze Plutarch's „über die
Gefahr üppiger Musik" erwähnt. Ein scharftünendes Hirtenhorn der Libyschen
Nomaden hiess Hippophorbos.
2) xul xä r>a).7CLOxtxa XQOVuaxa , xal tov oöovxia(xov, atq tov 6()d-
y.orroQ iv toj TSToi-Evo&ca ßVftTtQiovxOQ ror.' oöövxaq. Pollux, IV. 10.
3) Strabo, IX.
Ambros, Geschichte der Musik. I. 31
4£2 Die Musik der antiken Welt.
Kampfe malte und zugleich als Präludium oder vielmehr als eine
Art Ouvertüre das Folgende einleitete1). Denn erst die Anakrusis,
die nach Böckh's Ansicht von Kitharisten vorgetragen wurde, war
das eigentliche Präludium oder Ritornell. In der Ampeira bezieht
Apollon den Kampfplatz, im Katakeleusmos fordert er den Drachen
zum Kampfe auf, unter den (ohne Zweifel chormässig gesungenen)
Zurufen der Parnassier „Ie Päan, ie Päan!" Die Jamben, während
welcher der Gott mit dem Drachen kämpft, enthalten auch die
Trompetenrufe und den Odontismus. Die Jamben sind geeignet,
den Kampf zu malen: auch bemerkt ein Grammatiker, dass darin
ein Ausdruck des Schmäheiis lag (U^skh yuQ lu/tßi&tp to l.otdogeir)-).
Nach Böckh's Meinung fielen hier wirklich Trompeten ein, Avährend
die Flöten das Wuthgezisch des Drachen ausdrückten. Nach sieg-
reich beendetem Kampfe geschah die Opferspende (anorör]) in den
Daktylen (derselbe Theil, denPollux anoidsiov nennt) und zwar nach
Bemerkung des Grammatikers zu Ehren des Bacchus, welchen sich
nach seiner weiteren Angabe ein Satz im kretischen Metrum (to
Kinjr/öv) zu Ehren des auf Kreta geborenen Zeus anschloss, und
ein Satz im ionischen Rhythmus a majori, genannt Metroon {(*>,-
Totöor), zu Ehren der Mutter Erde, die ja die „Urprophetin" war
(rroauö^f/rr;-- yuia, wie sie Aesehylos in den Eumeniden nennt) und
auch das delphische Orakel, den Ort des Drachenkampfes , ursprüng-
lich innegehabt. Böckh vermuthet, dass dieses Metroon nach phry-
gischer Weise von Flöten und Pauken ausgeführt wurde. Die
Svringenpfiffe endlich mahnen an die Mythe von den von Athene
auf Flöten nachgeahmten Klagetönen der Schlangen bei Medusa's
Tod (von denen Pindar singt), Apollon tanzt zugleich in der Kata-
choreusis den Siegesreigen. Wenn nun also dieser Nomos kein
blosses Solostück für Flöten war, sondern auch Kitharen, Trom-
peten und Pauken mitwirkten, so haben wir daran das erste und
älteste Beispiel einer Symphonie, und obendrein einer Symphonie
mit Programm, einer „symphonischen Dichtung" im strengsten
AVortverstande, die zugleich kraft der Daktylen, Kretiker und des
Metroon in das Fach der religiösen, der Kirchenmusik einschlägt.
Der Tonsetzer unserer Tage, der bereits eine ganze Reihe sympho-
nischer Dichtungen geschrieben, mag also in Timosthenes einen
Geistesverwandten begrüsscn. Jedenfalls gehörte zu der blossen
Unternehmung einer solchen Tondichtung zu einer Zeit, wo nicht
lange vorher Piaton gesagt hatte, bei blossen Instrumentalstücken
könne man durchaus nicht wissen, was damit gemeint sei, ein sehr
origineller Geist, und der Seesturm des Timotheus kommt gegen
diese ausführliche Tonmalerei gar nicht in A'ergleichung.
1) Böckh, de metr. Pind., S. 182.
2) Auch Strabo jagt: 6 de 1'afJ.ßoQ xaxiOfiolq y.c.) ro> lajißvQEiP.
Die griechische Musik. 400
Eine grosse Zahl von Nomen für die Flöte, welche insbeson-
dre zum Tanze geblasen wurden, zählt Trypho auf: Komos, Buko-
liasmos, Gingras, Tetrakomos, Epiphallos, Choreios, Kallinikos
Polemikon, Hedykomos, Sikvnnotyrbe, Thyrokopikon (auch Kru-
sithyron, der „Thürklopfer", genannt), Knismos, Mothon1), andere
nennt Plutarch: Apothetos, Elegoi, Komarchios, Schönion (schon
vorhin erwähnt), Kepion, Deios, Trimeles, und gewisse „Polyinna-
stiseh" genannte Nomen2). Die zahlreichen Benennungen, die sich
auf charakteristische Unterschiede gründen mussten, zeigen, wie
fleissig die griechischen Musiker waren. Mehr als die Benennungen
kennen wir freilich nicht.
Den Bukoliasmos soll ein sicilischer Hirt Namens Diomos er-
funden haben, auch der Name deutet auf eine Hirtenmelodie. Der
Gingras wurde, wie es scheint, auf jenen ursprünglich phönikischen
Flöten vorgetragen: die Namen Komos, Epiphallos, Sikvnnotyrbe
Polemikon (der „Kriegerische"), Kallinikos („Schönsieg") lassen
wenigstens auf die Art der zugehörigen Tänze schliessen, wenn
uns auch die Hauptsache, die Melodien, leider nicht erhalten
worden.
Am reichsten ausgebildet war die Flötenmusik bei den Böotiern
- und es war kein kleiner Beweis für die „nicht ethische, sondern
orgastische" Natur der Flöte, dass die Böotier in Bildung u. s w
die Athener nicht erreichten, sondern etwas Bäuerisches und Bohes
behielten. 3) Bei den Spartanern leitete die Flöte den Chorgesang*)
und war das Instrument der Feldmusik. Bei Opfern und bei Gast-
mahlen durfte sie nicht fehlen. Plutarch hält ihr in dieser Beziehung
eine wanne Lobrede, im Gegensatze gegen den Piaton-Aristoteli-
schen Mötenhass. Die Flöte," sagt er, „kann bei der Mahlzeit
durchaus nicht entbehrt werden, denn sowohl die Trankopfer als
die Kränze machen ihre Gegenwart notwendig — zuerst begleitet sie
den an die Gottheit gerichteten Lobgesang, dann dringt sie mit
ihren lieblichen und hellen Klängen in's Gehör und verbreitet heitere
Luhe bis ins Innere der Seele."
Die von Piaton und Aristoteles ausgesprochene Abneigun»
gegen die 1- lötenmusik beruht eigentlich auf demselben Gründet der
1 ) Athen. XIV. 9.
2) De mus. 4.
:\) Dennoch gingen aus der Mitte dieser Bauern Männer wie Pindar und
Epamuiondas hervor und der Löwe auf dem Schlachtfelde von Chäronea er-
zählt noch heut von der Bravheit der Thebaner. Man darf nicht vergessen
dass die aberwitzigen citeln Athener ihrer Eifersucht gegen Böotien in Bonmot
Luft machten und eigentlich hier keinen Glauben verdienen. Wäre ,. B nTc
Voltaire'« Baron Thunder-ten-Tronk und dessen Tochter Cunegonde Tn
düng "nnenT" " «****■"* ™ Rutscher Sitte, deufscher Bil-
-1) Athen. XIV.
31*
484 Die Musik der antikeu Welt.
in dem Marsyasmythus dem Apollon zum Siege verhilft — der Fiöten-
bläser konnte seiner Musik nicht auch das Wort gesellen (es wäre
denn, dass ein Anderer mitsang). Roth bemerkt, dass für die
Griechen der Klang der Lyra, den sie mit Hymnen zu Ehren der
Götter gepaart zu hören gewohnt waren, schon durch diese Remi-
niscenz etwas Feierliches und Gottesdienstliches haben mochte, wie
für uns der Klang der Orgel. l) Hiernach standen Lyra und Flöte
einander beinahe wie geistliche und weltliche Musik gegenüber,
obwohl die Flöte beim Opfer doch auch zum Götterdienste herbei-
gezogen wurde. Ein Vorspiel von Flöten hiess Proaulion (tiqouv-
/.iov), Zwischenspiele wurden Mesaidia (/xeauvkia) genannt.-) Ein
Flötensolo ohne Gesang wurde als yjdi/ avkqaig bezeichnet, analog
dem ipdij v.i&Üquju genannten Solospiel auf der Kithara.
Das Geschlecht der Flöten theilte sich in die Arten der ein-
fachen, doppelten und vielröhrigen Flöte. Die einfache Flöte,
Monaulos oder auch vorzugsweise Aulos genannt, war das eigent-
liche Instrument der Künstler, der Solospieler, der Virtuosen. Sie
war eine Langflöte, oboenartig aus Bux, Lorbeerholz, Elfenbein3),
Rohr, Lotos, auch wohl Metall verfertigt, mit einem Mundstücke
versehen, welches p.wTiig, lingula (Zünglein) hiess und wohl nicht
von Metall, Hörn oder Holz gemacht war, sondern wahrscheinlich
wie bei unseren Oboen aus Rohr verfertigt wurde, da es bei länge-
rem Gebrauche der Abnützung unterlag und damit unbrauchbar
ward.4) Doch gab es den Abbildungen nach auch Flöten mit ein-
fachem Schnabel, gleich unseren Kinderpfeifen. Es mag aber auch
Mundstücke von Metall gegeben haben, da Pindar in der 12. Pythi-
schen Ode von „Erz und Schilfrohr"5) redet. Das ganze Mund-
stück der Flöte hiess Holmos (oA^öV, Cylinder, AValze) , der zunächst
angrenzende Theil Hypholmion, das eigentliche mit Tonlöchern
versehene Flötenrohr wurde Bombyx genannt (von ßoftßv!;, die Luft-
röhre der Vögel)6), Trypema (von tqvjiu, Loch) die Schallöffnung und
1) Roth, Geschichte der abendl. Philosophie. Bd. II. Abth. Pythagoras.
2) Aristoteles, Rhet. III. 14.
3) Die Elfenbeinflöte war ursprünglich phönikisch, aus Lotos war eine
in Alexandrien beliebte Querflöte „Photinx" , aus Rohr der „Calamaulos" ver-
fertigt. Athen. IV, TT.
4) Julius Pollux spricht von „ausgeflöteten alten Mundstücken" e£t]V?.ij-
ßhai y)M%xai itafoual, und sagt an anderer Stelle: (pav).oq av).bq xal
«ykfoxxoq. A. a. 0. IV. 9.
5) Xercxov diaviGOOptsvov %aXxov #«/<« xal SoraxüJv. Johannes Tycho
Mommsen (des Pindaros Werke) übersetzt „durch feingewundenes Erz oft
wechselnd gedrungen und Rohr" und bemerkt dazu: „das feingewundene Erz
ist das Mundstück." Friedrieb Thiersch bemerkt zu derselben Stelle: „nahe
der Stadt Orchomenos an den schilfigen Ufern des Kepbisus oder im Gehege
der Nympbe Kaphisis wohnen die Rohre (valovai), sind sie einheimisch,
welche als die besten zur Bereitung der Mundstüke an den
Flöten geachtet wurden."
6) Herr von Drieberg hält die Bombyx oder die Bombyces für Klappen.
Die griechische Musik. 485
Parat vypemata die „Nebenlöcher", d. i. die Tonlöcher zum Greifen
der Töne. Sie waren meist nur einfach in das Flötenrohr gebohrt,
zuweilen aber, besonders bei den krummen phrygischen Flöten, von
kleinen vortretenden Cylindern eingefasst. Solcher Tonlöcher gab
es anfangs nur wenige (j'oramine pauco, sagt Horaz im Pisonen-
brief), so dass die ältesten Flöten deren nur zwei gehabt zu haben
scheinen und davon „diope" (zweilöcherig) hiessen. J) Flöten mit
drei Tonlöchern hiessen „halboffen — hemikope oder mesokope" —
hatten sie dagegen drei Löcher an der Vorderseite und rückwärts
ein mit dem Daumen zu schliessendes, so nannte man sie hypo-
trete." 2) Natürlich war der Tonumfang gering. Alexandrides er-
regte Bewunderung, dass er es verstand, derselben Flöte hohe und
tiefe Töne zu entlocken.3) Wie man für jede Tonart eine eigens
gestimmte Lyra haben musste, so auch eigene Flöten (etwa Avie wir
C, .•/, B u. s. w. Clarinetten haben). Als geeignete Tonarten
nennt Julius Pollux die dorische, phrygische, ionische, lydische und
syntonische. Allmälig kam die Idee auf mehr Tonlöcher anzu-
bringen — der Erste, der es versuchte, soll der Thebaner Diodoros
gewesen sein. 4) Bei Spohn findet sich die Abbildung eines Sar-
kophagreliefs aus der Villa Mattei in Rom, auf dem eine Muse dar-
gestellt ist, welche eine Doppelflöte mit je fünf Tonlöchern hält.
Pronomos von Theben verstand es auf derselben Flöte dorisch,
phrvgisch und lydisch zu blasen - — die Sache dünkte seinen flöte-
liebenden Landsleuten so ausserordentlich, dass sie ihm eine Statue
neben jener ihres grossen Epaminondas setzten. 6) Eine so ton-
reiche Flöte hiess „vollkommen" (nvlog Ts).ecoc), und solche voll-
kommene Flöten dienten beim pythisehen Wettkampfe (rikeioi nv&t-
xol). 7) Neben den Langflöten waren auch Querflöten , Schräg-
flöten bekannt, sie hiessen ■nhtymvloi und qÖTiyyez, erstere waren
aber keine eigentlich griechischen, sondern, nach Pollux, libysche
Instrumente8), und die Photinx war in Alexandrien zu Hause.
1) Vielleicht hat von der alten zweilöchrigen Flöte, der tihia biforis, die
italienische „pifera" und unsere „Pfeife" den Namen. Die Bezeichnung biforis
(dat tibia cantura, bei Virgil) wird auch für die Doppelflöte gebraucht, wegen
der beiden Schallöffnungen. Wir sind, was technische Ausdrücke betrifft, sehr
oft an Dichter und Schriftsteller angewiesen, welche es nicht genau nahmen.
2) Athen. IV. 25.
3) Athen. XIV.
4) Pollux IV. 10.
5) A. a. O., IV. II.
6 ) Pausan. IX. 1 2.
1) Pollux IV. 10.
S) A. a. O. Wir haben solche Schrägflöten, welche so diagonal gehalten
wurden, wie der Derwisch noch jetzt seine drei Fuss lange Nay hält, schon auf
den Denkmalen der Pyramidenzeit gefunden. Irrig ist es unter Plagiaulos
eine gleich einer Zinke oder einem Lituus gekrümmte (phrygische) Flöte zu
verstehen. Pollux nennt gekrümmte Hörner nicht nXäyioi , bei Artemidorus
heissen sie vielmehr nxoyyvloi ; iilüyioz heisst nicht „krumm", sondern schief,
schräg, seitwärtig.
486 Die Musik der antiken Welt.
Die griechischen Kunstdenkmale ignoriren sie auch völlig-, obwohl
die Stellung des Flautotraversisten von vorne gesehen malerischer
ist als jene des Langflötenbläsers. Man kannte übrigens in Griechen-
land eine reiche Auswahl exotischer Flöten, insbesondere eine Ma-
gadis, dann die schon erwähnten phrygischen, phönikischen und
arabischen Flöten, ägyptische Giglarosflötchen *), tyrrhenische Flö-
ten u. s. w. 2). Die Namen berekynthische, idaeische, mygdoni-
sche u. s. w. Flöten scheinen keine besondern Spielarten, sondern
nur die beim Kybeledienste gebräuchlichen Pfeifen im Allgemei-
nen zu bezeichnen. Man unterschied ferner Jungfrauenflöten (aiXol
Tiay&ei'iol) zu deren Schall die Jungfrauen ihre Chortänze ausführten,
Knabcnflöten (naidixol), die zum Gesänge der Knaben, und Männer-
flöten (vnegiiteioi), die zu den Männerehören ertönten.3) Nach
der Art der Verwendung gab es Kriegsflöten (avkovs i/ißax^Qtovg),
Opferflöten {oTiovdeiuv.ovs), und Theaterflöten (vnodecnQovc).*) Die ita-
lischen Dorier hatten, nach Amerias von Macedonien, eine „Titv-
ronos" genannte Flöte.5) Die Flöte galt für wichtig genug, dass ihr
Aristoxenos seine Schrift neol (tvbjüv 7) negl avXüv xat ooj ärcoi' wid-
mete, und eine Monographie „vom Flötenbohren" (ne^l ctvfoöv to>;-
(jbok) schrieb 6) ; auch die Pythagoraeer Euphranor und Archytas
schrieben Abhandlungen über die Flöten. Der Flötenmacher hie*s
avXoTjoio?- man unterschied auch besondere Flötenbohrer ai'ÄoW'-
ntjg, und da das Mundstück von Rohr, wie bei unseren Oboen, eine
grosse Sorgfalt erheischte, Mundstückmacher yluTTonoiöi;. 7) Gute
Instrumente standen hoch im Preise. Nach einer Notiz Lukian's
soll der berühmte Flötenspieler Ismenias von Theben eine Flöte
mit drei Talenten (ungefähr 3000 Thaler) bezahlt haben. Bei sol-
chen Preisen ist es begreiflich, dass ein geschickter Flötenmacher,
wie Theodoros, der Vater des Redners Isokrates, ein reicher Mann
werden konnte. Man verwahrte die Flöten, wenn sie nicht gebraucht
wurden, sorgfältig in eigenen Futteralen — Aulotheken. 8)
0 Von einigen anderen wissen wir nur die Namen, so die von Follux er-
wähnten l&ovöol, so eine kleine, Skytalia genannte Flöte, so die „Athena"
(d&rjvä) eine Flötenart, die Nikopheles der Thebaner zur Begleitung einer
Athenenhymne blies u. s. w. Eine Flötengattung hiess, gleich jenem lydischen
Saiteninstrumente, Magadis. Ion von Chios, ein Zeitgenosse des Sophokles,
nennt in der „Omphale" die Magadis eine lydische Flöte (Athen. XIV. 9);
Tryphon spricht von einer Flöte, genannt Magadis, und der Grammatiker
Aristarch versichert: die Magadis sei eine Flöte.
2) Die tyrrhenischen Flöten klangen stark und wurden im Kriege ge-
braucht.
3) PolluxIV. 10.
4) A.a.O. 81. 82.
5) Athen. IV. 77. Der bei Virgil beliebte Schäfername Tityrus scheint
damit in Verbindung zu stehen.
6) Sie sind verloren gegangen.
7) Pollux IV. 9.
8) A. a. 0. X. 33.
Die griechische Musik. 4§7
Die Doppelflöte war nicht das ausgebildetere, sondern das alter-
tümlichere, rohere Intsrument, der Uebergang von der vielrührigen
Syrinx zur einfachen Flöte. Sie diente nicht etwa Doppeltöne zu
blasen, sondern war dazu vorhanden, dem Bläser ein grösseres Ton-
gebiet in tiefen und hohen Tönen zu öffnen, wenn er es nicht ver-
stand, wie jener Alexandrides, tiefe und hohe Töne auf demselben
Flötenrohr hervorzubringen. *) Nur jene in späterer Zeit vorkom-
menden Flöten, wo beide Flötenröhren in demselben Holmos be-
festigt sind und mit derselben Glottis angeblasen werden, müssen
nothwendig zusammengetönt haben — aber wohl so, dass die tie-
fere Flöte nur wie ein Pedal oder Dudelsack mittönte — gerade wie
es bei dem Arghoul der ägyptischen Fellahs noch der Fall ist.
Dieser gemeinsame Holmos scheint erdacht worden zu sein, um
einen unangenehmen und lächerlich anzusehenden Apparat entbehr-
lich zu machen — die sogenannte Phorbeia — von den Römern
capistrum geheissen, ein breites Leder mit zAvei Löchern, das sich
der Flötist vor den Mund binden musste. In die zwei Löcher wur-
den die zwei Flöten gesteckt. Nach der gewöhnlichen Meinung
diente es als eine Art Windlade, damit der Athem des Bläsers nicht
zwischen den beiden Flöten entweiche, und wirklich wurden im
alten Aegypten die sehr dünnen Doppelflöten, die auch einen see-
wärtigen festen Zusammendruck der Lippen gestatteten, ohne
einen solchen Apparat gespielt. Fetis meint aber, dass die Phor-
beia nur dazu diente, den Flöten Halt zu geben.2) Durch den
Grammatiker Servius wissen wir, dass die Flöte der rechten Hand
ein einziges Tonloch, jene der linken ZAvei Tonlöcher hatte. Schon die-
ses höchst beschränkte Tonvermögen lässt die alterthümliche Einfalt
des Instrumentes erkennen. Sonst wissen wir, dass die libiae dextrae
lang und tieftönend, die libiae sinistrae kurz und hochtönend waren.
Ein antikes Wandgemälde des Museo Borbonico zeigt, wie Marsyas
den Olympos die Doppelflöte blasen lehrt, in ganz interessanter
Weise. Der Jünger muss vorläufig die eine Flötenröhre behandeln
lernen, während ihm der Lehrer die Hand mit der andern Flöte
fest- und vom Munde entfernt hält. Es sind lange libiae de.rfrae.3)
Vollends alterthümlich und hirtenmässig war die Syrinx, die
1) Deutlich genug folgt dieses aus einer Stelle des Apulejus (Florida I.)
„primus Hyagnis in canendo manus discapidenavit, primus duas tibias uno
spiritu animavit, primus brevis et dextris foraminibus acuta tinnitu vi gravi
l/ombo conceiitum musicum miscuit.'1 Eine merkwürdige Doppelflöte bläst
eine tanzende Mänade auf einem geschnittenen Stein des Museo Borbonico.
Das eine Flötenrohr ist die gerade, das andere die phrvgische gekrümmte
Flute. S. O. Müller und Wieseler Bd. II. Taf. XLVI. Fig. 580. Nach Guhl
und Koner (S. 229) sind dies die phrygischen k'kvflOt av).oi.
2) In der schon citirten Abhandlung, S. !)".
3) 0. Müller und Wieseler, Bd. II. Taf. XL1II. Fig. 541.
488 Die Musik der antiken Welt.
Hirtenflöte; nach Ovid's artigem Märchen eine Erfindung des Pan,
der die Nymphe Syrinx verfolgte. Wie Daphne in einen Lorbeer,
wurde Syrinx in Schilfrohr verwandelt ; Pan schnitt daraus Röh-
ren von wechselnder Länge und spielte klagevolle Weisen. Es
war gar nicht rathsam, während der Pansstunde, wo die Natur in
tiefem Schweigen ruht, die Syrinx zu spielen.
„Ja nicht um Mittag, Schäfer, die Syrinx blasen! um Mittag
Nicht ! Pan fürchten wir da ! denn er pflegt vom Jagen ermüdet
Um die Stunde ja immer des Schlafs; gar wunderlich ist er,
Und ihm schnaubt der bittere Zorn aus der Nase beständig! ')
Bei den Sicilianischen Schäfern ist die Syringe das Lieblings-
instrument, ein besonders willkommenes Geschenk2) und ein kost-
bares Besitzthum ; Lakon beschuldigt den Komatas ihm die Syringe
gestohlen zu haben, aber Komatas ruft entgegen:
r welche Syringe? Wann hattest du jemals, Knecht des Sibyrtas,
Eine Syring' im Besitz.'1 Dir also wär's nicht genug mehr,
Dass du mit Korydon was auf der Halmpfeif' schnarrest wie immer?""3)
So ungeschlacht Polyphemos ist — er rühmt sich gegen Galatea :
„Auch die Syringe versteh' ich, wie keiner umher der Kyklopen,
Wenn ich, o Honigapfel, dich sing', und daneben mich selber
Oft noch spät in der Nacht.4)
Ein so schönes Stück ist daher oft der Preis eines Wettgesanges :
„Doch was setzest du dann? was soll da bekommen der Sieger?
..Eine Syring', neunstimmig, gemacht von mir selber besitz' ich,
Unten so gleich als oben, gekittet mit weissestem Wachse,
Die sei von mir gesetzt "
..Eine Syring', neunstimmig, besitze fürwahr ich auch selber,
Unten so gleich als oben , gekittet mit weissestem Wachse —
Jüngst erst fertigt' ich sie, noch thut mir der Finger da wehe,
Weil im Schlitzen des Rohrs mich an ihm gar übel geschnitten."5)
Genau so, indem man mit Wachs die Röhren verband und über-
dies durch Bindfaden dem Ganzen mehr Haltbarkeit gab, verfertigte
man in den gar nicht mehr Thyrsis- und Damöt-gemässen Zeiten des
Commodus die Syringen6), welche also bis in diese letzten Zeiten
der antiken Welt hinein nicht ausser Gebrauch kamen. 7) Der
1) Theokritos Idylle I. In einem Epigramm des Theokrit weiht Daphnis
seine Syrinx dem Pan. Ueberhaupt ist die Syrinx das Hauptinstrument der
bukolischen Welt: siehe auch Bion's „Achilleus und Deidamia" u. s. w.
2) Theokrit V. Idylle, v. 134.
3) Ebend. v. 5.
4) Idvlle XI.
5) Idylle Vllh
6) Pollux IV. 9,
7) Noch jetzt verkauft man in Neapel artige aus durch starke Fäden ver-
bundenen Rohrpfeifen zusammengesetzte Syringen. Eine solche vor mir lie-
gende neapolitanische Syringe lässt die diatonische Durskala hören.
Die griechische Musik. 489
Ärmlichkeit der sieh verkürzenden Pfeifen mit dem Flügel eines
Vogels J) zu Liebe nannte man die Syringen auch wohl nxega. -)
Die einzelnen Röhren hiessen av).i<ry.oi, Flötchen.3) Die von Theo-
krit gebrauchte Bezeichnung als „neunstimmig" ist zuverlässig kein
müssiges Beiwort, und die neuntönige Syrinx entspricht den En-
neachorden der neunsaitigen Lyra. Virgil spricht von einer sieben-
röhrigen Syrinx. s)
Unter den Werken bildender Kunst findet sich übrigrens bei
Darstellung bacchischer Aufzüge weit häufiger die Doppelflöte als
die Syrinx. Unter einem interessanten, die Aufrichtung einer Dio-
nysosherme darstellenden Basrelief sind als bacchische Instrumente
eigens dargestellt: eine Syrinx, eine gerade- Flöte mit trompeten-
artigem Schallbecher, eine gebogene phrygische Flöte mit zwei
Tonlöchern, die durch einen cyl in d erförmig vortretenden Rand be-
merkbar sind , und zwei Zymoeln. ä) An der berühmten Gruppe
des Pan, welcher den Olympos die Syrinx blasen lehrt, in Florenz,
ist die Syrinx nicht echt, sondern restaurirt.
Pollux beschreibt, etwas undeutlich, eine tyrrhenische Flöte,
welche einer umgekehrten Syrinx glich, mit ehernen Röhren, stark -
tönend, von unten anzublasen: also etwas dem chinesischen Chen»-,
oder einer kleinen tragbaren Orgel Aehnliches. 6)
Die wirkliche Orgel entstand im zweiten Jahrhundert v. Chr.
und ist also kein Instrument aus der Epoche der Blüte Griechen-
lands, sondern gehört, in Alexandrien erfunden, der gelehrten,
poly historischen, luxuriösen alexandrinischen Epoche an und
schliesst sich den Riesenbauten , Riesenstatuen, Riesenschiffen,
Riesenbibliothekeii und Riesenfestivitäten dieser Periode in der That
besser an, als sie es der Perikleszeit gethan hätte. Die Orgel, wie
sie die GrewÖlbe unserer Dome mit ihren mächtigen Accorden er-
schüttert, mit dem kunstreichen Gewebe von tausend singenden
Stimmen füllt, in deren zahlreichen Registern der Donnersturm und
die Xaotigal neben einander wohnen, ist aber mit den sehr be-
1 ) TtisQvyt to <yy/i,uf. itQOfSSOtxevai. Poll. IV. 9.
2) In dem von Friedrich Bellcnnann herausgegebenen Anonymus heilst
es: i-unvHGTa Si (sc oQyava) avXoL rt y.cd vÖQavltiQ xal nreQÜ.
'■*>) ilLävlocov toiq (irjxeoi (isysQ-öiv ylvovxai ol dvXlaxoi. Aelian. a
Porphyr.
4) Edog. II. 37.
apnd
Est mihi disparibus Septem compaeta cicutis
Fistula. —
:>) Miller und Wieseler Bd. IL Taf. XLIX. Fig. 615.
fi) Pollux IV. 9. Er spricht dabei von „aufbrodelndem Wasser": die
Stelle laitet im lateinischen Texte: spiritu quidem minore, sed propter aquam
ehnllienfm major sono ipsius spiritus emittitur. Im griechischen Texte: <pv-
oui (ikv o ikaxxatVj vöazi 6h 6 fiel^ojr dva&kvßo/Jiivfp zeit uvquv tcvb v/uarog
(■.(fi/vTtu. s. w. Wenn der Leser die Stelle verständlich findet, so soll es mir
lieb sein — er ist dann glücklicher als ich.
490 Di« Musik der antiken Welt.
scheidenen Apparaten der antiken Wasserorgel (vdQuvlog, buch-
stäblich Wasserflöte) nicht in Vergleichung zu ziehen. Die Orgel
war berufen, das Instrument der christlichen Kirche zu werden; die
antike Zeit wusste damit nichts anzufangen, als daraus einen Luxus-
gegenstand der vornehmen Herrschaften zu machen, insbesondere
bei den Römern, wie denn Nero in seinem Palaste zahlreiche Wasser-
orgeln hatte, und sie damals überhaupt die Stelle unserer Spiel-
uhren in den Prunkgemächern vertraten — statt der mechanischen
Walze voll Stifte hatte man dazu abgerichtete Sklaven, die, so oft
es dem gnädigen Herrn beliebte, ihre Stückchen altspielten. Bei
Gastmahlen wurde oft auf solche Weise Tafelmusik gemacht. ')
Alles dieses gehört in die um zwei Jahrhunderte spätere Römerzeit,
wo Griechenland bereits zu der Rolle eines Pädagogen oder Lustig-
machers der Weltbeherrscherin Rom herabgewürdigt war. Der
Klang der Wasserorgel wird nicht als mächtig, sondern von Athe-
naeus als süss und ergötzend (liögavleag r^oc, naw ne tjdv* xnl itonroS)
geschildert.
Mozart nannte die Orgel nicht mit Unrecht den König der In-
strumente. Dennoch hat dieser „König" sehr plebejische Aeltern,
zwei rohe Hirteninstrumente: die Syrinx und die Sackpfeife. Die
Orgel ist eine in's Grosse ausgeführte Vereinigung beider. Dazu
kommt bei der ursprünglichen Wasserorgel noch ein dritter, sehr
nützlicher, aber unmusikalischer Apparat — die Feuerspritze. Der
Schmiedeblasbalg gibt bekanntlich die Luft stossweise von sich und
mit Unterbrechungen in den Momenten des Füllens der frischen
Luft in den Balg selbst. Wie bei einem Blasinstrument dts gleich-
massige Einströmen des Ath'ems in die Tonröhre wesentlich ist, so
bei der Orgel das gleichinässige Einströmen des Windas in die
Pfeifen. Alexandrinische Mechaniker beschäftigten sich fleissig mit
der Construction von Feuerspritzen und einer von ihnen, Ktesi-
bios, ein Zeitgenosse des Ptolemaeos Euergetes, wurde durch den
Druck der Luft auf das Wasser aufmerksam gemacht und brachte
einen ähnlichen Apparat an der Orgel an2), ein Gefäss, wo die
Luft, ehe sie in die Windlade und von dort in die Pfeifen ein-
strömte, sich sammelte. Dies Gefäss war halb mit Wasser gefüllt;
die überschüssige Luft drückte auf das Wasser und drängte es in
eine Art Reservoir, während gerade das rechte Mass Luft in die
Pfeifen einströmte.3) Nicht also, wie man öfter und urig meint
1) Bei denDeipnosophisten des Athenaeus wird (IV. 75) das Gtspräch der
Gäste durch den Ton der Wasserorgel unterbrochen, worauf Ulpanus dem
Musiker Alkides zuruft: „Hörst du nicht, o bester der Musiker, dtn schönen
Wohlklang, der uns alle ergriffen hat {inkOTQStps nüvxac;)" u. s. w.
2) Wir danken diese Angaben seinem Schüler, dem Mathematker Kern.
Auch Vitruv (de archit. X. II. 12. 13) spricht vom Hydraulos.
3) Forkel bemerkt (Gesch. d. Mus., Bd. 1. S. 410) sehr richtig: ..Das Was-
Die griechische Musik. 491
(und wie Claudian singt „*'« carmina coiuilal t//i</asu), das Wasser,
sondern, wie in unsern Orgeln, die schwingende Luftsäule tönte.
Damit die Töne ansprechen, war ein Ciavier mit Tasten angebracht.
Auf einem römischen Denkstein stellt das Basrelief eine Orgel-
spielerin vor, welche mit beiden Händen auf der Claviatur spielt,
welche jedoch keine Obertasten hat. Die Pfeifen, sechszehn an
der Zahl, zu vieren in vier Reiben hintereinander, sind in einem
kleinen thurmartigen Behältniss verborgen, ein dem Mädchen
gegenübersitzender junger Mensch regiert mit beiden Händen zwei
kleine Blasbälge. Der ganze Apparat, eine leicht tragbare Minia-
turorgel, ist auf einem Tische aufgestellt und gibt eine völlig genü-
gende Vorstellung von jenen römischen Hausorgeln. J) Nach Athe-
naeus glich die Wasserorgel einem runden Altare (ßo)pu gtuo-j jrvim).
Eine deutliche Beschreibung enthält ein kleines griechisches Ge-
dicht aus der Zeit des Cäsar Julianus. Er besass eine Orgel,
welche den dichtenden Gräculus zu folgenden Versen begeisterte:
Röhren erblick' ich hier von anderer Gattung, gezeuget
In dem eh'rnen Gefild der Erde, mächtigen Klanges!
Aber sie klingen nicht von unsrem Athem erreget:
Aus der Höhle hervor der stierhautgefügeten Bälge
Dringet hinein der Wind an der Wurzel tönender Röhren ;
Sieh' ein kräftiger Mann, mit raschen Fingern begaber,
Rühret der Tasten Reih': zusammenstimmend den Pfeifen
Und im Wechselspiel ertönen sie, lieblichen Sanges.2)
Da der poetische Beschreibet- von dem Wasserapparate nichts
erwähnt, so vermuthet Ducange, und mit ihm Forkel, es sei hier
schon von einer Windorgel die Rede. Sponsel in seiner „Orgel-
ser war also in den alten Wasserorgeln nicht mehr und nicht weniger als das
Gewicht, welches in gleicher Absicht und zu gleichem Zwecke auf die Blas-
bälge unserer neuern Orgeln gelegt wird — es war gleichsam eine Windprobe,
und man weiss, dass unsere Windproben, wodurch allen Bälgen ein gleicher
Grad von Wind zugetheilt wird, ebenfalls solche mit Wasser angefüllte Be-
hältnisse sind." Häutig begegnet man der Meinung, dass das Wasser in Be-
wegung gesetzt wurde, wodurch ein in die Pfeifen dringender Luftstrom ent-
standen sei.
1) Leidlich abgebildet als Titelvignette von FoikeFs Gesch. d. Mus-, Bd. 2.
Die Inschrift des Denkmals lautet: L. AFIS1VS . C. F. SCAPTIA . CAP1TO-
LINVS.EX . TESTAMENTO .F1EIU.MONVMENTVM.IVSSIT . EX . ARBI-
TRATV . HEREDVM . MEORVM . SIBI . ET . SVIS.^
2) 'AkXolijv boöoj Sovüxiov tpvaiv' tjnov an äkktjq
ya).xth\q xäya /uä?.?.or uveßXaaxrjoav (xqovqijq
fr/Qioi , ovd' dvifioiaiv v<p' i)fxtxi{>oiq öoviovxai
d)J.' imb zavQelijg ttoo&oqojv oirijlhyyoq ca'jxrjq
vtQ&tv f'vr^i'jTijV xa).ä(xy\v imb $lt,av odevei
xal xtq ävijQ uyi-owyoq }'ywv d-occ öäxxvka ytipbq
"oxaxai ä/upafpotov xnvövaq ovf.i(pQäöfiovaq avlwr
oi (f uiitO.üv oxiyzüjvzeq c.Tio&tißovoiv aoi&qv.
Du Cange theilt diese Verse ad voc. Organum mit — auch Foikel, II. Band.
S. 355.
492 Die Musik der antiken Welt.
Historie" avüI die y.avövaq nicht als Tasten, sondern als etwas unse-
ren Windladen Aehnliches verstanden wissen, worin den Cancellen
der neuern Orgeln verwandte Kanäle waren. Glücklicher Weise
entscheidet das Denkmal des Lucius Apisius die Tastencontroverse
endgiltig. Heutzutage ist die Wasserorgel eine verschollene und
vergessene Curiosität; höchstens dass vielleicht in einem Winkel
irgend einer fürstlichen Kunstkammer ein verstaubtes, verdorbenes
Exemplar steht. Noch im 16. Jahrhundert baute Buontalenti, der
berühmte Schöpfer des Parkes von Pratolino und berüchtigte Ver-
wüster der schönen Facade Giotto's am Florentiner Dom, Wasser-
orgeln für Franz von Medicis, den Gemahl Bianca Cappello's.
So unbedeutend die antiken Orgeln neben den heutigen riesigen
Orgelwerken heissen dürfen, das Alterthum bewunderte den Apparat
unendlich: „Siehe", ruft Tertullianus aus, „das wunderbare Ge-
schenk des Archimedes, die Wasserorgel! So viele Glieder, so
viele Theile, so viel künstlich Zusammengesetztes, so viele Kanäle
der Stimmen, so viele Tongruppen, so viele Vereinigungen von
Tonarten, so viele Reihen Pfeifen, und alles zusammen ein einziges
Werk \ Die mannigfachen Theile helfen dem Winde, der vom
Wasser herbeigedrängt Avird — seinem Wesen nach einer, dem
Dienste nach mannigfach!" J)
Dass Archimed hier als Erfinder genannt wird, fällt nicht in's
Gewicht. Ein grosser Mann muss eben Alles erfunden haben.
Die Trompete (acdm^), sobald sie, wie erwähnt, durch die
Tyrrhener in Griechenland in Aufnahme gekommen, diente vor-
zugsweise im Kriege zum Signalgeben, auch wohl den Muth der
Soldaten anzufeuern, wie denn die mächtigen Trompetenfanfaren
jenes herkulischen Herodoros von Megara die beim Sturme
weichenden Truppen des Demetrios Polyorketes zu neuem An-
griff angefeuert haben sollen.2) Wegen dieses kriegerischen Nutzens
Hess man wohl auch den Wettstreit dieses Instrumentes in Olym-
pia zu. Dass bei feierlicher gottesdienstlicher Pompa und fest-
lichen Opfern der Griechen, Römer, Tyrrhener und Aegypter
Trompeten einen sogenannten „Pompikos" bliesen, erwähnt Pol-
lux. Die dazu bestimmten Trompeter Messen „Heiligentrom-
peter" (lBQOcrai.nfyxTrji()i es wäre aber, meint Pollux, besser, sie
„heilige Trompeter" (Ibqoq a-ai.nl'ptit]?) zu nennen. Man fühlt sich
an die trompetenden hebräischen Priester vor der Bundeslade ge-
mahnt. Der Ton der Trompete wird von den Dichtern stets als
1) Specta portentosam Ärchimedis munificentiam, Organum hydraulicum
d;co — tot membra, tot partes, tot compagines, tot itinera vocum, tot com-
pendia sonornm, tot commercia modornm, tot acies tibiarum, et una mok-i
erant omnia: spiritus qui de tormento aquae anhelat, per partes administrativ
— substantia solidus, opera divisus (De anima).
2) Pollux.
Die griechische Musik. 49g
rauh, schmetternd, schreckenerregencl geschildert.1) Pollux schil-
dert ihn im lateinischen Texte sehr naiv durch das Wort „Taratan-
tara". Die Instrumente waren ehern oder eisern, mit beinernem.
Mundstück. Abbildungen sind auf den Kriegsscenen der Trajans-
und Antoninssäule erhalten. Die Trompeten hatten ihre Abarten,
zum Theil barbarischer Herkunft : die hochtönende aus Metall sre-
gossene galatische (yalmiyrj) Karnyx, deren Mündung die Gestalt
eines Thierrachens hatte, die tieftönende paphlagonische Trompete,
welche in ein Stiermaul auslief und davon „Ochsentrompete"
(ßoivo?) hiess, die medische mit einem Mundstück von Rohr. Auch
die ägyptische Clmue wird genannt, und die tyrrhenische hell-
tönende Tuba mit getheiltem Schallbecher.2)
Die grösste Rolle spielte das Klapper-, Klingel- und Lärmzeug
in der bacchischen Musik , die Zusammenstellung lautschallender Zy m-
beln, Handpauken, Schallbecken mit Doppelpfeifen, Hörnern u. s.w.,
wie sie von den Dichtern bei Schilderung des orgiastischen Herum-
schwärmens der Dionysosfeste geschildert wird und der bildenden
Kunst oft die Motive zu sehr reizenden Darstellungen tanzender und
musicirender Bacchantinnen, Satyrn u. s. w. geboten hat, entsprach
dem asiatischen Vorbilde. Edel ernste Musik wurde höchstens von
einer Vereinigung von Lyren und Flöten ausgeführt, so auf dem Pa-
nathenäenzug desPhidias, so auf jener Berliner Vase mit dem Pallas-
opfer, wo zwei Bläser von Doppelflöten in weiten gemusterten Ge-
wändern zwei eben so gekleideten Phorminxspielern voranziehen. Das
Zusammenspiel von Lyra und Flöte war sehr gebräuchlich, man
nannte es (nach Athenaeus) avvavlia oder tVwiAoc xi&ayiau , und fand
darin eine besonders schöne Wirkung.3) Lysander von Sikyon und
Erigonos sollen diese Mischung zuerst angewendet haben.4) So
findet man also, wenigstens wie in einer entfernten Andeutung, so-
gar einen Anklang an die Kunst des Instrumentirens. Freilich be-
stand diese Kunst vorläufig nur darin, dass die Flöte einfach mit-
1) So in der Batrachomyomachie: dsivbv hjuXtu'C.ov. Die Messenier
wichen vor Schrecken über den ungewohnten Klang aus dem Kampfe.
2) xojÖojva xex).aG[xtvov t-yovoa. Ein erhaltenes Exemplar befindet sich
im etruskJschen Museum des Vaticans. — In Aegypten diente die Chnue, gleich
unsern Glocken, um zum Gottesdienste zu rufen.
3) So sagt der Dichter Ephippos:
xoivojvei yaQ , (o fteipäzior,
>) 'v xotoiv av?.oiq fiovatxr) xal r>/ l.vya
Tolq rifiersQotai nciyvloiq oxav ya.Q ei
(jvvaQ/uooy zig tolq ovrovai top tqÖvcov
TÖ& l) fltyiOTI] TlQlplQ igsvQlöxsrai.
Athen. XIV. 9. Da aber Pollux X. 83 von der avvav).la bei den Panathenäen
spricht, welche eine 6v/u<f(oria av?.?jTcüv, ein Flötentutti ohne Lyren war, so
meint Böckh (de metr. Pind. S. 259.), das Wort sei bei Athenaeus nicht richtig
angewendet.
4) Athen. XIV. 42.
494 Uie Musik der antiken Welt
blies, was die Lyra spielte. Glücklich war die Mischung jedenfalls.
Der kurze trockene Ton der Lyra erhielt vom Flötentone Fülle,
Körper und Rundung-, der sinnlich aufregende Flötenton wurde
durch den Lyraton gedämpft und veredelt.
Neben den Saiteninstrumenten, welche angeschlagen («tctt«),
den Blasinstrumenten, welche durch den Hauch belebt wurden
(iimvevoTa), zählen die griechischen Schriftsteller noch eine Klasse
von Tonwerkzeugen auf, die sie „bloss, nackt, leer" (ydü) nennen,
und die bei Athenaeus „eintönig" (spr^a) heissen: dahin gehören jene
Apparate, die einen blossen Schall geben1), als Zymbeln (xvtufiala),
Pauken {Tamara); Klappern (xQOTcäa), auch, seltsam genug, die
Menschenstimme.2) Der scherzhafte Einfall eines alten athenischen
Komikers Diokles (von Athen oder Phlius) auf abgestimmten Essig-
krügen (o&ßoupoi) durch Anschlagen derselben ein Stückchen hören
zu lassen, wurde, wie es scheint, oft nachgeahmt und verschaffte
diesem Geräthe die Ehre, unter die Musikinstrumente eingereiht zu
werden.3) Waren die Krüge von Erz oder Silber, so genügte ihr
heller Metallklang4), bei irdenen wurde die Stimmung durch Füllen
mit Wasser bewerkstelligt. Auf diese Art machte Theo von
Smyrna akustische Experimente, je nachdem der Krug halb oder
zu zwei Dritteln voll Wasser war, Hess er dieOctave, Quinte u. s. w.
jenes Tones hören, den er ganz gefüllt angab. Auch Pythagoras
soll schon in ähnlicher Weise experimentiert haben.5) Der Name
Oxybapha ging dann auf andere, unsern Nagelharmoniken, Holz- und
Strohinstrumenten u. s. w. oder auch dem chinesischen Kin oder
Javanischen Gambang verwandte Apparate von Bronce (xcxkxög),
Eisen, Kupfer oder Holz über6), welche aber offenbar mehr als
Spielerei zur Ergötzung, denn als wirkliche, zu Musikaufführungen
dienende Instrumente, verwendet wurden.
1) Woyov jiövov naQaaxevaaxuea. Athenaeus XIV.
2) fj/.cc äh oQyavqv xvqiov ,ulr to tov av&Qtonov, öi ov /ueÄiodovfiev,
xai oi o§vßa(poi, öi thv z{>oiorztq vivsq (isXyöovGi. Syngrarama, S. 28.
Li nimmt sich sehr sonderbar aus, liier Menschenstimmen und Essigkrüge
mit einander genannt zu hören.
3) Suidas ad voc. Diokles.
-1) Cassiodor rechnet sie zu den Schlaginstrumenten: percussionalia, ut
sunt acetabula aenea et argentea, vel alia, quae metallico rigore percussa
reddunt cum suavitate tinnitum.
5) Nicomachus S. 13.
')) Suidas ad vocem (amortc.
Die griechische Musik. 495
X. Die Tonschrift i Semeiographie ) der Griechen. ')
Wenn wir uns erinnern, dass die Griechen im Grunde über nur
L8 Töne zu verfugen hatten, so überrascht es uns nicht wenig, bei
Bürette die Nachricht zu finden, dass sie sich mit einem fürchter-
lichen Apparat von 1620 Tonzeichen schleppten. Zählt man in
dem Tractate des Alvpius diese Zeichen nach, so findet man die
Angabe Bürette's bestätigt. Wie jeder Ton seinen eigenen Namen
hatte, so hatte er denn auch sein eigenes Tonzeichen, somit 18 Töne
in 15 Tonarten zusammen 27<> Zeichen. Nun hatte jedes der drei
Klanggeschlechter (diatonisch, chromatisch, enarmonisch), in dem
sieh jede Tonart darstellen Hess, wieder seine eigene Bezeichnung,
somit 27t» dreimal genominen, ergeben sich 810 Tonzeichen. Da
aber -wieder die Tonschrift für die Singstimme und jene für die
Instrumente verschieden war, so gibt letztere Zahl, doppelt genom-
men, richtig jene 1620 Tonzeichen, welche für die griechische
Musik eine Art Wahrzeichen geworden sind. Der griechische Mu-
siker, denkt man, muss Jahre daran gesetzt haben, um diese Armee
von Charakteren nur verstehen zu lernen.
Glücklicherweise ist die Sache nicht so arg. Schon Forkel
bemerkt,. Bürette habe es übersehen, dass die stehenden Töne jedes
Tetrachords in allen drei Klangsreschlechtern dieselben waren,
folglich jede Tonart nur 33 verschiedene Zeichen besass, folglich
die 15 Tonarten zusammen 990, nämlich 495 für die Stimme
und ebenso viel für die Instrumente. 2) Auch das ist noch immer
eine erschreckend grosse Zahl, und hätte Forkel genauer zuge-
sehen, so würde er gefunden haben, dass dieses Phantom gleich
anderen Phantomen verschwindet, wenn man mutbig darauf losgeht.
Ausser der gleichen Bezeichnung der stehenden Töne in allen drei
Klanggeschlechtern ist noch zu bemerken:
dass auch der zweite Ton jedes Tetrachords (Parypate, Trite)
im diatonischen und chromatischen Klanggeschlechte dasselbe Zei-
chen hat, und nur der dritte Ton (Paranete) als der charakteristische
des chromatischen Geschlechtes seine selbstständige Bezeichnung
erhält :
dass das enarmonische Geschlecht genau so geschrieben wird,
wie das chromatische: nur dass die zwei mittlem Zeichen jedes Te-
trachords um eine Stufe zurückgeben, z. B. das Zeichen, das im
diatonischen und chromatischen Geschlechte den Ton /' bezeichnete,
im enarmonischen auf das um einen Viertelton erhöhte c zurück-
1) Vortrefflich und in gedenkbarster Vollständigkeit findet sich dieser
Gegenstand in D. Friedrich Bellermann's Schrift behandelt: „Die Tonleitern
und Musiknoten der Griechen", welche zur Hand nehmen möge, wer sich
gründlich belehren will.
2) Forkel, Gesch. der Mus. Bd. 1. S. 366.
496 Die Musik der antiken Welt.
rückt, und das Zeichen, das chromatisch fis bezeichnet, enarmo-
nisch /' bedeutet, zu welchem Ende als Unterschied durch das
chromatische Zeichen rechts ein kleiner Querstrich gezogen wird;
dass die Tonzeichen für die Töne g, a, /i, d, e, in allen Ton-
arten und Geschlechtern unverändert dieselben sind;
dass die Töne klein a und gross eis ausnahmsweise in der
Singstimme und den Instrumenten dasselbe Zeichen haben und
mehrere Zeichen den Instrumentalnoten wie den Vocalnoten (wie-
wohl nicht für dieselben , sondern für verschiedene Töne) gemeinsam
sind (T3rlEnrFCKü V ü Z \/\ N), dass endlich von
// bis g sich die Zeichen der tieferen Oktave wiederholen und nur
durch einen Accent rechts oben unterschieden werden. Alles dieses
in Anschlag gebracht, schmelzen die angeblichen 1620 Tonzeichen auf
85 wirklich unter einander verschiedene Bezeichnungen zusammen. *)
Allerdings ist selbst diese Anzahl von Tonzeichen noch immer unbe-
quem und hält gegen die Einfachheit und Uebersichtlichkeit unserer
Tonschrift keinen Vergleich aus. Für den griechischen Musiker stand
jedes Tonzeichen ganz isolirt und abstrakt da und sagte ihm seine Be-
deutung. Von jenem raschen Ueberblick der Tongruppen und Ton-
verbindungen, wie sie uns unsere -Nötenschrift gewährt, konnte keine
Bede sein, bei der einfachen Melodik mochte es auch erenüeen. Der
Gedanke, das Steigen oder Sinken der Töne durch entsprechende
steigende oder sinkende Noten zu versinnlichen, gehört erst dem
Mittelalterund der europäisch -abendländischen Musik an, da ja auch
die Araber, Abyssinier, Neugriechen u. s. w. eine der griechischen
Tonschrift analoge abstrakte Zeichenschrift anwenden.
Eine sehr vollständige Uebersicht der griechischen Tonschrift
gewährt der Traktat des Alypius, minder vollständige Angaben fin-
den sich bei Gaudentius, Boethius und Aristides Quintilianus; die
des Aristides weichen überdies mannigfach von jenen der übrigen
ab. Die Grundlage bilden die grossen Buchstaben des griechischen
Alphabets , lind da sie zur Bezeichnung aller Töne nicht hinreichen,
so werden sie auch gelegt, umgekehrt, halbirt, verdoppelt, ver-
zogen und in solcher Art die nöthige Anzahl von Zeichen gewon-
nen. -) Diese Zeichen sind keineswegs willkürlich durch einander
geworfen; ihre Vertheilung auf die einzelnen Töne ist vielmehr
nach Plan und Absicht geordnet: anders bei den Noten für Gesang,
anders bei den Instrumentalnoten. Bei jenen fängt die Bezeichnung
Alpha (./) mit dem Tone fis an und geht nun abwärts bis /', auf
1) Rechnet man die bei Alypius nicht vorkommenden Zeichen für die
Töne E, /F und ]jE zu, so erhält man 90 Zeichen.
2) Jedes Zeichen hat einen seine Gestalt beschreibenden Namen , z. B. A
Lambda, "^J Lambda nXäyiov , L. Lambda nh'cyiov ditear^afifievov u. s. w.
Die griechische Musik. 497
welches der Buchstabe Omega (fl) trifft. Sofort beginnt noch weiter
abwärts eine neue Reihenfolge mit einem umgekehrten Alpha und
den folgenden umgekehrten, verzogenen oder verstümmelten Buch
stahen nach der Reihenfolge des Alphabetes. Bei den Noten für
die Instrumente ist die Anordnung getroffen, dass derselbe Buch-
stabe eine symmetrische Gruppe bildet, in seiner geraden Gestalt
für einen Ton, gestürzt für dessen Erhöhung um ein Limma, ver-
kehrt für die Erhöhung durch eine Apotome, z. B.
oder
11. s. w.
< V > E ^ 3
Diese regelmässige Gruppirung kommt zum Theil in den chro-
matischen Skalen, sonst aber erst zum Vorschein, wenn man das
ganze Tonsystem aus den Tönen der einzelnen Tonarten zusammen-
stellt, weil diese Zeichen an die einzelnen Tonarten nach den einer
jeden zukommenden Tönen vertheilt sind. Auch ergeben sich in
der Durchführung des Princips im Einzelnen mancherlei Abwei-
chungen und Besonderheiten. Es wird hier nöthig nochmals auf
den Punkt zurückzukommen, dass die Griechen das Limma nicht
wie wir als Erniedrigung des nächst höheren Tones (z. B. b von k,
es von c), sondern als Erhöhung des nächst tiefen annahmen.
Darum finden sich keine Zeichen für die Töne fes und ces, weil die
Töne es und b, von denen sie durch Limmaerhöhung übergeleitet
werden müssen, selbst schon Limmaerhöhungen von d und a sind.
Eben deswegen muss die dorische Tonart strenge genommen als
ow-moll und nicht als ft-moll. die hyperdorische als dis-moll, nicht
als es-moll angesetzt werden. Denn der zweite Ton im Tetrachord
synemmenon müsste in der dorischen Tonart, wenn man sie als
ö-moll schreibt, res, in der als e.y-moll genommenen hyperdorischen
/'es sein. Der Ueberleitungspunkt von den /?- Tonarten zu den
Kreuztonarten liegt hier also in dem Schritte vom hypodorischen
zum dorischen Modus. Der hypodorische (gleich F-moll mit vier b)
deutet durch den zweiten Ton des Tetrachords synemmenon c/es, in
dieTonai-t hinüber, welcher dieser Ton angehört, nämlich nach A-moll
mit fünf b, wovon das fünfte eben gleich ges ist. Der Ton ß-moll
Ambros, Geschichte der Musik. I. 32
498 Die Musik der antiken Welt.
(mit fünf b) vermag aber seinerseits nicht mehr so nach Es-mol\
(mit sechs b) hinüberzucleuten , weil das sechste b gleich ces ist,
welches in der griechischen Tonschrift nicht existirt, folglich statt
ces der Ton A, statt b der Ton ais nnd folglich statt der Tonart
A-moll, mit fünf b, die Tonart ais-moll mit sieben Kreuzen ange-
wendet werden muss. Das Festhalten derselben unveränderten Ton-
zeichen für die Töne </ , a , // , d und e in allen Tonarten beruht auf
demselben Grunde. Denn für die Töne g, a und d lässt sich durch
einfache Erhöhung oder Erniedrigung des nächsten Tones nicht ein
äquivalenter Ton geAvinnen (wie z. B. für c durch Erhöhung des h,
für /' durch Erhöhung des e). Die zwei noch übrigen Töne e und
// Hessen sich allerdings durch fes und ces äquivaliren ; allein da
diese Töne dem Systeme fehlen, so werden auch e und A gleich
(/, a und d unveränderlich. Daher waren (wie wir schon in der
Abtheilung von den Tonarten andeuteten) in der unserm a-moll ent-
sprechenden hypolydischen Tonart die Töne c und /"nicht die gleich-
tönigen in der natürlichen Skala enthaltenen Haupttöne, sondern
kraft ihrer Stellung als zweite Töne der betreffenden
Tetrachorde Limmaerhöhungen von h und c und wurden also,
streng consequent, durch Umlegung der Tonzeichen der beiden
letztern Töne dargestellt :
h = K ; c = i4 als Limma ; n als eigener Ton.
e = ^3 ; f = LI als Limma ; N als eigener Ton.
Die Noten für die Singstimme bilden gleichfalls Gruppirungen,
aber nicht durch Umlegung und Verkehrung des Zeichens, sondern
in anderer Art, die sich sogleich zeigt, wenn man nach der Reihen-
folge des griechischen Alphabets die durch die einzelnen Buchstaben
repräsentirten Töne aus den Alypischen Tonleiter- und Tonzeichen-
tabellen zusammensucht:
Die griechische Musik.
499
1_L±.LJ
Es bilden also je drei Buchstaben immer eine Gruppe, durch
welche jedesmal ein Ton nebst seinen Erhöhungen dargestellt wird.
r, B, A ist gleich f, ges, fis; Z, E, A ist gleich e, /', eis u. s. w.
Die beiden Töne c und /"erscheinen ganz folgerichtig zweimal, das
eine Mal als Limmaerhöhungen von h und e, repräsentirt durch die
Buchstabenzeichen S und E- das anderemal als selbstständige, ihrer-
seits die Limmaerhöhungen des und ges entsendende Töne, repräsen-
tirt durch M und I\ Es zeigen sich ferner drei Tonreihen. Die
Reihe der Haupttöne von f bis f enthält jene Tonfolge, die wir als
32*
500 Die Musik der «antiken Welt.
die hypolydische Tonleiter kennen lernten, die oberste Reihe zeigt
sie noch einmal, erhöht um einen Halbton, die Limmas in der mitt-
leren (denn die Zeichen dazu kommen nur bei den Limmaschritten
vor) zeigen sie ein drittesmal bei Temperirung der Töne mit den
Apotomes äquivalent. Es liegt hierin etwas höchst Verführerisches,
eine Enarmonik im Sinne unserer Musik auch für die Griechen an-
zusprechen. Aber dieses Verführerische liegt nur in der nothge-
drungenen Darstellung in unseren Noten; an sich, in den Original-
zeichen war jede solche Trias ganz einfach der Ton mit seinen zwei
Satelliten, Limma und Apotome, welche wohlgeordnet unter das
Alphabet gesetzt wurden, und das Resultat der Darstellung in unse-
ren Noten würde vermuthlich die Griechen selbst überrascht haben.
Die Notenschrift der Griechen ist nicht das Resultat einer alten,
vergessenen, miss verstandenen Enharmonik, die Tonarten sind
nicht aus obigen drei Tonreihen entstanden, obschon darin alle in
irgend welcher Tonart auftretenden Töne erscheinen, sondern die
Sache ist gerade umgekehrt: erst als man durch eilfmalige (be-
ziehungsweise vierzebnmalige) Transponirung derselben Mollskala
den sich nach dieser einfachen und naheliegenden Operation ganz
von selbst ergebenden Umkreis von Tönen nebst ihren Limma und
Apotome kennen gelernt, konnte man an die entsprechenden Zeichen
dafür in der obigen "Weise denken. Man nahm also die Tonreihe
fb'ia f, theilte jedem Tone seine zwei in den transponirten Ton-
leitern vorkommenden Erhöhungen zu und bezeichnete die also ge-
wonnenen Dreitongruppen in einfachst fortlaufender Reihenfolge mit
den Buchstaben des Alphabets nach deren gleichfalls fortlaufender
Reihenfolge. Dann vertheilte man die so gefundenen und fest-
gestellten Zeichen erst wieder an die einzelnen Tonarten. l)
Das ist so einfach wie möglich. Die umgekehrte Operation (das
Feststellen jener drei Reihen und das Herausconstruiren der Ton-
arten) ist dagegen eine unendlich verwickelte, schwierige Sache.
Findet man jemand in einem Hause sesshaft , so kann man mit ziem-
licher Gewissheit annehmen, dass er zur Thür und nicht zum
Rauchfang hineingekommen ist, es müsste denn zufällig gerade der
Kaminfeger sein. Wir werden ebenso wenig zweifeln, auf welche
Art die Griechen ihre Tonarten schufen und ihre Notenschrift zu-
sammenstellten.
1) So erklärt auch Gaudentius, S. 20, die Entstehung der Tonzeichen.
Um die 18 Time des Systems (also nicht die alten Harmonien von acht Tönen!)
schriftlich zu hezeichnen, ohne dass man nöthig hätte den ganzen Namen des
Tones hinzuschreiben, habe man die Tonzeichen (o>jf.(fTa fiOVOued) eingeführt.
Weil aber in jeder Tonart Proslambanomenos, Mese u. s. w. auf einen andern
Ton fällt, so habe man sich für Proslambanomenos u. s. vv. nicht mit einem
einzigen Zeichen begnügen, sondern solche mit den verschiedenen Tonarten
und wechselnden Höhen auch verschieden machen müssen.
Die griechische Musik. 501
Maxi fuhrt die Noteuschrift der Griechen auf Terpander l) oder
Pythagoras -) zurück. Es ist kein Grund zu zweifeln, dass sie
wirklich die Töne schriftlich zu bezeichnen wussten, und nichts liegt
näher, als die Annahme, dass sie sich dazu der Buchstaben des Al-
phabets bedienten. Aber ihre Notenschrift war zuverlässig mit der
Schrift der Alypischen Tabellen nicht identisch. Das pythagoräi-
sche Octachord sieht nach den Alypischen Noten so aus :
:t=t=
:t=
Z I M O C '!> Sl 7
Lässt man es mit fis beginnen (wie Fortlage annimmt), so ist die
gleiche Tonreihe folgende
9E^E&Je^e£e£EJEE|EE
AZIKOCI'X
Terpander oder Pythagoras müsste nicht recht bei Tröste gewesen
sein, um so zu notiren. Wollten sie zur Thüre und nicht durch
den Schornstein in's Haus, so war offenbar zu schreiben:
gF^r:=^:^=^=g=gEIp=^==ff
ABTAEZHQ
Vielleicht haben sie die Töne ihrer Lyra wirklich so
bezeichnet. Eine Notirung wie Z, I, M, 0, C, <l>, Sl, 7 oder
A, Z, I, K, O, C, >P, X setzt die Kenntniss aller möglichen
Transpositionen und eine Tonzeichenvertheilung voraus, wie wir
sie oben zu schildern versucht haben. Man müsste annehmen, dass
zur Zeit, wo die griechische Musik eben erst begann zu einem
wissenschaftlichen Systeme zu crystallisiren, dieser Process schon so
weit gediehen war wie zu einer Zeit , wo die scharfsinnigsten Den-
ker bereits einige Jahrhunderte lang sich daran abgemüht; dass die
Tonarten, die der um mehr als zweihundert Jahre jüngere Aristoxe-
nos „neu" nennt, schon ganz so zur Zeit Pythagoras' oder Terpan-
der's im Gebrauche waren. Das glaube, den Zeugnissen der alten
Schriftsteller zum Trotze, wer da will!
Die Art der Anordnung der Tonzeichen gestattet übrigens auf
die historische Entstehung derselben Schlüsse zu machen. Wer es
1) Clem. Alex. Strom. 1. Plut. de mus. 3. Nach der Parischen Marmor-
chronik geschah solches in der 32. Olympiade.
2) Aristides I. S. 28.
502 Die Musik der antiken Welt.
unternimmt eine Reihenfolge von Tönen mit den Buchstaben des
Alphabets zu bezeichnen, wird selbstverständlich die Bezeichnung
mit dem Alpha anfangen. Wie kommt es nun, dass wir diesen
Buchstaben mitten im Systeme als Tonzeichen für das eingestrichene
ßs erblicken? Offenbar, weil man die Vertheilung der Buchstaben
.in die Töne gerade bei diesem Tone anfing. Dass man aber ge-
rade hier anfing, muss seinen Grund in besondern Rücksichten
haben. Wir wissen nun, dass die Chorgesänge beim Dionysos-
altar wie im Theater von Männern vorg-etras-en wurden. Mochten
die Okeaniden auftreten, den gefesselten Prometheus zu trösten,
die Danaiden sich schutzflehend nahen, Trachinische Jungfrauen
auf der Scene stehen , oder gar die Eumeniden ihre fürchterlichen
Gestalten zeigen — es waren immer verkleidete Männer. Es kam
zuverlässig zumeist darauf an, den Chören das Einstudiren ihrer
Parte durch Aufzeichnung zu erleichtern, während der einzelne
Schüler, der Solospieler, Solosänger seinen Vorrath an Melodien
vom Meister ganz gut durch blosse unmittelbare Ueberlieferung er-
lernen konnte ') und Musikalienhandlungen für das gebildete Pu-
blikum in der antiken Welt nicht zu finden waren. Da Bässe und
Tenore im Einklänge sangen, so durften die Chormelodien weder
in eine den Bassstimmen unerreichbare Höhe hinaufgerückt, noch
in eine den Tenoren verschlossene Tiefe hinabgedrückt werden, sie
mussten sich also in der Tonlage von etwa /"bis höchstens ßs halten.
Im Ganzen konnte die Tenorlage vorwalten, da im Süden die
Tenorstimmen häufig, tiefe Bässe seltener sind. Man fing also die
Notirung bei dem Tone an , über welchen die Chorgesänge nicht
emporstiegen, bei dem eingestrichenen f'is. Wenn dieser Ton für
von Natur tiefere Stimmen noch immer einigermassen hoch liegt, so
entschwindet das Bedenken in Betrachtung der allem Anscheine
nach tieferen Stimmung der antiken Musik — und stand sie, wie man
annehmen kann, gegen unsere um eine grosse Terz tiefer, so klan-
gen die Töne /' bis ßs nach griechischer Stimmung wie unser des bis
t] , eine Höhe, die selbst ein Bassist noch bequem erreicht, und wo
der Tenor, ohne schreiend zu werden, stark, voll und dabei an-
genehm klingt. Diese mittlere Tonreihe
%
S*E
ii
1) So meint auch Aristoxenos, II. 38: „Das Verstand niss der Musik (t'/c
/iovatxrjg gvvsoiq) stütze sich auf zwei Grundlagen: auf die sinnliche Wahr-
nehmung (ai'G&rjGtg) und auf das Gedächtniss {(xv7j/.irf); man müsse durch
die Sinne wahmehinen, was darin geschieht {tu yevöf/evor) — durch das
Gedächtniss aber das bereits Geleistete (rli yeyovöq) behalten."
Die griechische Musik. 503
bildete den Kern der Notation. Da man aber nach der Tiefe zn
weiter notiren wollte, so war es natürlich, dass man nach dem
Omega wieder mit dem Alpha anfing, aber, zum Unterschied von
ilcr mittlem Reihe, die Buchstaben stürzte, verstümmelte u. s. w.
Der tiefste Ton der hypodorischen Tonleiter, das grosse F, traf bei
dieser Vertheilung auf den Buchstaben Phi, der hier halbirt und
liegend zur Bezeichnung- diente. In der That ist dieser Buchstabe
das tiefste Tonzeichen in der Alypischen Tabelle und schliesst die
tiefere, mit dem umgekehrten Alpha anfangende, Wiederholungs-
reihe
5*E
Den Sopranen und Altos für ihren Gesang ein so bequemes Hilfs-
mittel zu verschaffen, dachte man augenscheinlich erst dann, als
die Notirung für die Männerstimmen in Ordnung war. Die Diskant-
reihe (wie wir sie nennen wollen) hielt sich der Tenor-Bassreihe
ganz analog, fing mit dem zweigestrichenen j'is an, ging aber nur
bis zum eingestrichenen h herunter, oder, mit Rücksicht auf die
griechische Stimmung, von d bis g, ein für jede Frauen- oder
Knabenstimme passender, sehr zweckmässig festgesetzter Umfang.
Die Xotirung fing bei dem zweigestrichenen fis wieder mit Alpha
an und erreichte das eingestrichene h beim Omikron, d. h. sie
wiederholte die Bezeichnungen der ursprünglichen Mittelreihe; zum
Unterschiede bekamen die Buchstaben hier einen Accentstrich. Mit
dieser Notation war das praktische Bedürfniss, durch welches die
Notenschrift denn doch zunächst hervorgerufen worden, vorläufig-
ganz vollständig befriedigt. Wollte aber die Musiklehre, die
Theorie von der Notenschrift Nutzen ziehen, so inusste sie ver-
vollständigt werden; denn noch waren viele Töne ohne Tonzeichen.
Mau setzte, gleichsam um der Consequenz willen, das umge-
kehrte u. s. w. Alphabet der tiefen Wiederholungsreihe bis zum
Omega fort, durch das liegende Chi, Psi und Omega wurden also
die unter das gebräuchliche System hinabsinkenden Töne des grossen
Eis, F (als Limma) und E bezeichnet.1) Nun war noch der Ein-
schuh zwischen der Diskantreihe und Mittelreihe, der die Töne vom
eingestrichenen äis bis eingestrichenen g enthielt, mit Notenzeichen
zu versehen. Das Natürlichste und Beste wäre gewesen, die Buch-
stabenreihe nach der Tiefe mit den accentuirten Buchstaben n\ P'
C 7", F' *"* fortzusetzen und so nicht nur die natürliche Ordnung,
1) Diese Tonzeichen kommen bei Aristides Quintilinnus, I. S. 25 und
vor.
504 Die Musik der antiken Welt.
sondern auch die Eepercussion der Zeichen der Mittelreihe festzu-
halten. Sonderbar grenug; — man g-rift statt dessen zu den Zeichen
des tiefsten Zusatzes und den drei tiefsten Zeichen der tieferen
Wiederholungsreihe — das dort liegende T, F, 3», X, W und Sl
wurde hier gestürzt und für den eben zur Diskantreihe noch
hinzutretenden Ton des zweigestrichenen g (den höchsten der
Skala) gab die Einschubreihe ihrerseits wieder das zur Bezeichnung
des eingestrichenen g dienende gestürzte Omega her, das in dieser
höchsten Tonregion zum Unterschiede ein Accentzeichen bekam.
Man hätte durch Doppelaccente die Reihe auch noch bis in die nächst-
höhere Octave fortsetzen können — ■ und dass dergleichen nicht
ohne Beispiel war, beweist ein griechisches Manuscript im Escurial,
den musisikalischen Traktat eines Ungenannten enthaltend. Hier
steigt die lydische Skala noch über das Tetrachordon hyperboläon
zu den Tönen
e ö^eia nnQot/uaaos bezeichnet mit dein herkömmlichen £' fcj '
/' o&ln tqIitj - - £' //'
g o$;e"ia (ivvrjfi^sriüf - - 1?%
und noch über diese hinaus zu
(i b$t~m pqTt) bezeichnet mit den accentuirten Zeichen der tiefern
Octave, dem liegenden Phi und dem verkehrten Ni: © ' l//-1)
Es muss, um das Verhältniss dieser Zeichen zu unseren Tönen
ganz deutlich zu machen, erinnert werden, dass die griechischen
Zeichen uns in den Atypischen Tabellen ihre Bedeutung nur inso-
ferne erkennen lassen, als sie in den einzelnen Tonarten zum Pros-
lambanomenos, Hypate hypaton und so fort weiter bis zur Nete
hyperboläon gehören. Alypius verfährt sehr gewissenhaft, er be-
schreibt jedes Zeichen und fängt z. B. mit der lydischen Tonart in
folgender Weise an :
Proslambanomenos : ein unvollständiges Zeta und einlie-
gendes Tait.
Hypate hypaton: ein verkehrtes und ein gerades Gamma.
Parypate hypaton: ein unvollständiges Beta und ein ge-
stürztes Gamma.
Und so weiter bei dieser und bei jeder folgenden Tonart. Nimmt
man nun (wie z. B. Forkel thut) an, dass die hypodorische Tonart
mit dem grossen A begonnen habe, so wird der lydische Proslam-
banomenos nicht il ', sondern fis sein, und daher das zugehörige
Zeichen, das unvollständige Zeta und linksgelegte Tau , nicht mehr d,
sondern fis bedeuten , und eben so wird die Bedeutung jedes Zei-
chens gegen die von uns angenommene um eine grosse Terz in die
1) Friedr. ßellermann in den Noten zum Syngramma, S. 8.
Die griechische Musik. 505
Höhe gerückt. Aber die Richtigkeit unserer Annahme erhält durch
die Instrumentalzeichen eine merkwürdige Bestätigung. Da die
Legung des Zeichens die Limmaerhöhung bedeutet, so entspricht
die Skala mit einem liegenden Instrumentalzeichen der von uns mit
einem (7 als Vorzeichimng geschriebenen, mit zwei liegenden
Zeichen unserer Skala mit zwei Be, und so fort. Nun zeigt die hypo-
dorische Skala vier liegende Instrumentalzeichen, entspricht also
unserer Skala mit vier Be, d. h. unserem F-moll, und muss also mit
dem entsprechenden Tone anfangen, oder mit andern Worten: ihr
Proslambanomenos und ihre Mese müssen /' sein. ') Bringt man
nun dazu noch den Umstand in Anschlag, dass die Stimmung der
griechischen Musik gegen unsere um eine kleine Terz tiefer stand,
su wird die Uebersetzung der griechischen Tonschrift in unsere eine
ziemlich complicirte Sache, da man stets neben der Umzeichnung
in unsere Schrift sich auch noch den faktischen Klang zu versinn-
lichen hat. Man darf dabei auch nicht ausser Acht lassen, dass in
dem Tetrachord synemmenon die Trite stets eine Erniedrigung
mehr zeigt, als der Haupttonart gebührt, und eben dadurch in die
Tonart der Oberquarte hinüberweist, z. B. entspricht die lydische
Tonart, auf d beginnend, unserm />-moll, hat also bei uns ein 7
vorgezeichnet, und ihre Parypate meson zeigt auch richtig das lie-
gende Sigma ü , das Zeichen der Limmaerhöhung von a {(J). Aber
die Trite synemmenon ist nicht e, sondern es, und zeigt daher das
gestürzte Lambda y als Zeichen der Limmaerhöhung von d (^ ).
Für einige Töne fehlen in der Alypischen Tafel die Zeichen,
so für das grosse Ges, weil es in keiner Tonart vorkommt. Es ist
nach dem Systeme leicht einzusehen, dass das Zeichen in der Sing-
stimme ein liegendes, nach links gewendetes Ypsilon, in der In-
strumentalnotirung das gleiche nach rechts gewendete Zeichen sein
müsste. 2) Eben so fehlen in der zweigestrichenen Octave die
Zeichen für /' (als Limma von e) für eis und ges. Die Lücke ist
eben so leicht auszufüllen.
Die Tonzeichen für Gesang waren, durch das dringendere Be-
dürfniss hervorgerufen , vermuthlich die älteren ; die Zeichen für die
Instrumente sind wohl erst später entstanden. Denn bei den Ge-
sangzeichen ist das Alphabet in seiner vollen, unveränderten Ge-
stalt benutzt, und was darüber hinausgeht, wird durch gestürzte
1) Auch diese Deduction gehört Friedrich Bellermann an, siehe dessen
„Tonleitern und Musiknoten der Griechen." Die Griechen wendeten auch
wohl ein gleichlautendes Zeichen unrichtig an, gerade so wie bei uns ein
in der musikalischen Orthographie nicht Sicherer z. B. , statt dis zu schreiben,
Es schreibt. So sollte in der hypodorischen Tonart Lichanos hypaton ge-
schrieben sein X = es, und Trite hyperboläon y = es. Statt dessen ist an-
gesetzt >*j und i^, = dis.
2) Bei Aristides S. 15 und 27 kommt e9 vor.
506 Die Musik der antiken Welt.
oder verstümmelte Buchstaben bezeichnet. Unter den Instrumenten-
zeichen spielen nun diese gestürzten, verstümmelten, verzogenen
Buchstaben eine Hauptrolle. Da man bei der Auswahl der Zeichen
die Buchstaben doch wohl erst in der Urgestalt angewendet haben
wird, ehe man zu dem Nothbehelfe griff, sie zu stürzen, zu ver-
stümmeln u. s. w. , so deutet schon dieser Umstand auf die Priorität
der Gesangzeichen. Die Auswahl der Zeichen für die Instrumental-
noten erscheint in ihrer Motivirung, insoferne es sich um die Haupt-
töne (d. i. nicht durch Erhöhungen rnodincirte) handelt, willkür-
licher und weniger klar als die Gesangnoten. Die Töne, aufweiche
solche geradestehende Zeichen fallen, sind folgende:
Das erste durch ein stehendes Tau versinnlichte fts ist in seiner Be-
zeichnung gegen das System eine Irregularität. Diese ist durch den
Umstand veranlasst, dass man bei den tiefsten, offenbar später an-
gehängten Zusatztönen
9i
-o—m — <=-
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in den Singnoten das Alphabet (liegend und verstümmelte Form)
bis zum Omega fortsetzte, und für die Instrumente dieselben
Zeichen, anders gestellt, beibehielt. Die ursprüngliche Notirung
fing wohl erst bei dem grossen A, d. i. bei der hypophrygischen
Octavenreihe und Tonart (also bei der tiefsten), an. Denn hier
tritt, uns selbst wieder in den Hauptzeichen eine Art regelmässiger
Uruppirung zu drei und drei entgegen. Erst ein gerades Eta, ein
verstümmeltes Eta und der verwandte Buchstabe Epsilon für die
Töne A, //, c. Dann ein liegendes Tau, ein halbes (einem Gamma
gleichendes) Tau und ein halbes verzogenes Tau für die Töne d,
e, f. Die folgenden drei Töne </, o, // zeigen wieder eine Unregel-
mässigkeit, denn die zugehörigen Zeichen, Digamma, Sigma und
Ka))pa, halien nichts unter sich gemein. Aber gerade hier zeigt
sich ein wichtiger Umstand, dass für den Ton a das gleiche
Zeichen Sigma (C) gewählt ist. Bei Auswahl der Instrumental-
zeichen knüpfte man also an diesen Ton die Mese der hypophrygi-
schen, tiefsten Tonart und Octavenreihe an, und notirte nun ab-
wärts bis Proslambanomenos A, und eben so aufwärts bis einge-
strichen a, also in dem für die griechischen Systeme bestimmten
Die griechische Musik. 507
Gesammtumfang von zwei Octaven (d — a — a). Hier fängt nun
wieder die Dreigruppirung an. Das unvollkommene Pi für c ist
eigentlich (wie man aus dem gelegten und verkehrten Zeichen für
(/es und eis sieht) ein schlecht gezogenes Delta. Der Ton d hat
ein liegendes, nicht geschlossenes Delta, das einem liegenden
Lambda gleicht. Das Zeichen für e ist die Replik des unvollkom-
menen Pi oder eigentlich schlecht gezogenen Delta. Die Töne
/', g, a haben ein gerades, gelegtes (einem Zeta gleichendes) und
umgekehrtes Ni. Bei dieser Gruppirung beiderseits des Mittel-
sigma gingen nur dessen Nachbartöne g und //, gleichsam als über-
zählig, leer aus — und wurden willkürlich mit dem Digamma und
Kappa bezeichnet. Durch Umleguug und Verkehrung der Zeichen
ergaben sich dann bei jenem einmal festgestellten Fundamente die
Zeichen für die übrigen Töne, die alle Erhöhungen jener Haupt-
töne sind, von selbst und konnten in die einzelnen Tonarten an ge-
höriger Stelle eingei'eiht werden. Aber eine Sünde gegen das
Svstem, die man bei den Zeichen für /", g, a begangen hatte, zog
wieder eine Abweichung von der schönen Ordnung der umgelegten
und verkehrten Zeichen nach sich:
I
±=j zz=iz—d=i
SE$|=^riEfc|i^=|
N Z X / M /L \
Eigentlich sollte auf ges das liegende, auf//* das verkehrte Ni kom-
men. Da man aber diese Zeichen schon dem g und a zugewiesen
hatte, so musste man für alle Zwischentöne (ges, fis, as, gis, b, ais)
zu einem Nothbehelfe greifen : man nahm für sie ein halbes Alpha
(Hemialpha), das in sechs verschiedenen Stellungen erscheint, bei
ges und fis gar nur der eine Schenkel als einfacher schräger Strich.
Bei dem Eta (//) ist das verkehrte und gestürzte Zeichen durch einen
Querstrich gekennzeichnet, weil das streng symmetrische Urzeichen
sich durch Stürzung und Verkehrung nicht ändert. Bei eis ist das
verkehrt gelegte Gamma ein gestürztes Digamma — eine Unregel-
mässigkeit, die wohl nur durch Unachtsamkeit beim Schreiben ent-
standen ist. Sonst ist Alles streng regulär. Die hohe Tonreihe
von h bis g enthält nur eine Wiederholung der Zeichen der tieferen
Reihe, denen zur Unterscheidung ein Accent beigesetzt ist.
So sind also auch die Instrumentenzeichen von einer leitenden
Idee getragen, wenn auch in der Notirung der Urskala freie Will-
kür wenigstens in Auswahl der primitiven Zeichen gewaltet zu
haben scheint.
Die Verwendung eigener Zeichen für die Instrumentalmusik
konnte von Nutzen sein, wenn es sich um Vorspiele, Zwischen-
und Nachspiele des Gesanges handelte, oder wenn der Gesang in
508 Die Musik der antiken Welt.
höherer oder tieferer Octave zu begleiten war; durch ein dringen-
des Bedürfniss war sie gerade nicht geboten. Die Instrumenten-
zeichen pflegten unter den Gesangzeichen zu stehen; beim Zitiren
einzelner Töne (z. B. in den Tabellen des Alypius und sonst)
stehen sie auch wohl neben einander, so dass das Vokalzeichen
vorangestellt ist.
Am liebsten notirten die Griechen mit den Zeichen der lydi-
schen Skala, es war gleichsam die musikalische Gurren t- und Ge-
meinschrift. ') Die wenigen erhaltenen Reste griechischer Musik sind
mit lydischen Vokalzeichen notirt, auch wo in einer Pindar'schen
Hymne mitten im Gesänge Kitharbegleitung durch eine Beischrift
angeordnet wird. Alypius stellt in seinen Tabellen die lydische
Skala voran.
Eine wirkliche Inconsequenz und Verwirrung zeigt sich in der
griechischen Tonschrift bei Zusammenstellung der Tonzeichen für
das chromatische und enarmonische Geschlecht. Die Zeichen waren
ursprünglich für das diatonische Geschlecht berechnet und mussten
sich den beiden andern accomodiren, so gut es gehen wollte. Die-
selben Uebelstände, welche sich bei Benennung der Töne zeigten,
machten sich aus ähnlichen Ursachen auch hier geltend. Die stehen-
den Töne behielten freilich wie die gleichen Namen so auch die
gleichen Zeichen in allen drei Geschlechtern, für die beweglichen
Töne aber wurde im chromatischen und im enarmonischen Ge-
schlechte eine besondere Anordnung nöthig. Der zweittiefste Ton
des Tetrachords (Parypate, Trite) behielt in allen drei Geschlech-
tern dasselbe Zeichen, und die Aenderung traf nur den dritten,
zweithöchsten Tetrachordton (Lichanos, Paranete), der ja auch in
der Nomenclatur durch die Beiworte „diatonos, chromatike, en-
armonios" unterschieden wurde. Man gab ihm nun dasjenige Zei-
chen, welches nach der ursprünglichen Ordnung das nächstan-
grenzende war. So wurde z. B. in der lydischen Tonart die Parypate
hypaton (/') in den Singezeichen durch das unvollständige Beta be-
zeichnet, und der nächsthöhere Ton Lichanos hypaton bekam im
diatonischen Geschlechte, wo er unserem g entsprach, ganz richtig
den Buchstaben Phi. Im enarmonischen Geschlechte verblieb das un-
vollständige Beta der Parypate hypaton , die hier aber nicht f, sondern
ein tieferer Ton , nämlich das um einen Viertelton , um eine Diesis
erhöhte e war. Lichanos hypaton enarmonios bekam das nächsthöhere
Nachbarzeichen des unvollständigen Beta, also das gestürzte Alpha.
Dasselbe gestürzte Alpha bekam im chromatischen Geschlechte auch
Lichanos hypaton chromatike, mir dass das Zeichen zum Unterschiede
oben einen kleinen schrägen Querstrich erhielt.2) Dasselbe wieder-
1) Boethius sagt: Nunc igitur descriptio facta est in eo scilicet modo,
qni simplicior est ac princeps quem L/ydium nuncupamus (IV. 1).
2) Der Leser wolle sich dieses und Aehnliches durch Einsicht der Bei-
lagtafel versinnlichen. S. 512 u. 513.
Die griechische Musik. 509
holt sich auch in den höheren Tetrachorden und in allen Tonarten -
was im diatonischen Geschlechte auf den zweittiefsten Ton fällt, stellt
im Chroma einen andern, um eine Diesis tiefern Ton vor. Das für
die zweithöchste Note des Tetrachords im Chroma neu eintretende
Zeichen hat systemmässig eine andere ursprüngliche Bedeutung, in-
dem es nur im Sinne einer temperirten Gleichstimmung der Töne
(eis und /• dis und es u. s. w.) den betreffenden Ton vorstellen
kann, und im Chroma rückt dasselbe Zeichen gar noch um einen
Halbton höher. So wurden also theils Töne mit ungehörigen Zei-
chen notirt, theils musste ein und dasselbe Zeichen ganz verschie-
dene Töne vorstellen. Dieses Flickwerk lässt deutlich erkennen,
dass die griechische Notenschrift zu einer Zeit, wenn auch nicht
erfunden, so doch geregelt wurde, wo das diatonische System
bereits das entschieden herrschende war und die beiden andern Ge-
schlechter so gut wie verdrängt hatte. Denn da bei Belegung der
in Halbtönen niedersteigenden Tonreihe von g bis E mit den Buch-
staben des Alphabetes für die Vierteltöne keine Vorsorge getroffen
worden war, so musste die Enarmonik, um nur ihre Parypaten (und
Triten) bezeichnen zu können, nothgedrungen fremdes Gut antasten;
und dieser Eingriff hatte wieder die Folge, dass in dem Chroma die
Lichanos (und Paraneten), für deren Töne die Zeichen in der Haupt-
belegung doch wirklich dagewesen wären, nicht diese, sondern
ganz unrichtige Zeichen erhielten. Die Instrumentalnoten machten
diese Irrfahrten der Gesängzeichen getreulich in ganz analoger
Weise mit.
Eine Unvollkommenheit der griechischen Tonschrift war es,
dass die Zeichen wohl den betreffenden Ton nach dessen Höhe ge-
nau und zweifellos angaben, aber nicht dessen Dauer im rhythmi-
schen Sinne erkennen Hessen. Das frei deelamatorische Wesen der
griechischen Musik Hess diesen Mangel freilich weniger empfinden.
Wenn die Gesangnoten die Worte eines Gedichts begleiteten (wo
sie dann, gleich Accenten, über die Textesworte geschrieben waren),
so gab das Metrum des Gedichtes einen sichern Anhaltspunkt für
Dauer und Accentuirung der musikalischen Töne. In dieser Art
sind z. B. die Hymnen des Dionysos und Mesomedes in den alten
Manuscripten notirt. Den Instrumentalisten, welche einen solchen
Gesang zu begleiten hatten, schrieb mau auch wohl die Textes-
worte als Regulativ bei: so steht der ersten pythischen Ode Pindar's
(welche Athanas Kircher fand) den Worten ■nti&ovtm <55 aoiSol bei-
setzt „Chor zur Kithara" (/opö;- et.- xt&uQnv). Da aber bei reinen
Instrumentalstücken dieses Auskunftsmittel wegfiel, so musste man
nothwendig auf Zeichen für Kürze und Länge sinnen. Die kurze
Note (ßga^vg) blieb unbezeichnet, die zweizeitige (yuxQo?) erhielt das
Zeichen — , die dreizeitige (fiaxQoc tq!?) L, die vierzeitige (f.mxQOQ
liaactQBq) jj, die fünfzeitige (/jocxgög nsPTe) p_j . Diese Dauer-
510 Die Musik der antiken Welt.
zeichen wurden über die Tonzeichen gesetzt. Für die Pause, die
„leere Zeit" (xgövog xarög) war das Zeichen A bestimmt, welches
der Dauer einer kurzen Note gleichkam (r.evog ßga/vg). Um die
andern Geltungen durch entsprechende Pausen zu bezeichnen, ver-
band man das Kenos- Zeichen mit dein Dauer -Zeichen, A A A A
— L IJ W
und gewann so zwei-, drei-, vier- und fünfzeitige Pausen [xsvbg
(taxgog, x. jj. iQig, i&ravges, nirre). *)
Für die Beschleunigung oder Verzögerung der Bewegung, den
Wechsel zwischen tonstarken und leisen Stellen, das schwellende
Anwachsen und abnehmende Verklingen, kurz alles, was in unserer
Musik Licht, Schatten, Helldunkel hervorbringt, was die Tongrup-
pen von einander abhebt und zu einem lebensvollen Ganzen ordnet,
hatte die griechische Musik keine Zeichen, denn sie besass von alle
dem nichts; sie entbehrte es, ohne Mangel zu fühlen. Die Gestalten
Polygnot's wirkten, ohne sich durch Modellirung zu runden, durch
den strengen reinen Umriss und die einfache Lokalfarbe (ähnlich
den Bildern der alten Florentiner oder Sieneser) ; so wirkte auch
die Musik. Die moderne Symphonie, der moderne fugirte Chor
malt gleichsam riesenhafte Rubens'sche Altarbilder, riesige Michel
Angelo'sche Fresken voll Gestaltengewimmels. Die griechische Musik
malte Vasenbilder — jede Figur möglichst selbstständig, von den
Nachbarfiguren unbeirrt, rein und simpel contourirt, ohne Verkürzung,
ohne perspectivische Vertiefung eines ganz einfältig neben dem an-
dern und doch oft so hinreissend schön, edel und geistreich. Wer
eben aus dem Rubenssaale des Wiener Belvedere oder der Münchener
Pinakothek, wer aus der Sixtinischen Kapelle kommt, mag für den
Augenblick dem Vasenbilde keinen Geschmack abgewinnen. Nach
den Donnern der Beethoven 'scheu C'-moll-Symphonie würde uns der
recitirende Gesang des Aöden, begleitet von den simpeln Accenten
der Lyra, kaum anmuthen. Aber zu anderer Stunde würden wir
vielleicht einen Lichtstrahl jener hohen, reinen Schönheit darin fin-
den, die nun einmal den Lebensathem alles griechischen Seins
bildete. Man hat lange sehr gering von der griechischen Malerei
gedacht (selbst noch Hegel); die Neuzeit denkt anders, und hätte uns
ein freundliches Geschick ein Gemälde des Apelles oder Zeuxis er-
halten, wir würden vielleicht Ungeahntes erblicken. Aehnliches
dürfte der Fall sein, wenn die griechische Musik uns anders und
lebendiger erhalten wäre, als in den dürren Nachrichten einiger
Schriftsteller und Theoretiker. Von der Schönheit einer Oper
Gluck's, einer Symphonie Mozart's könnte, wenn sie unglücklicher-
weise verloren gingen, die Nachwelt sich nach der „Kunst des
reinen Satzes" von Marpurg oder den Schriften Gottfried Weber's
1) Anon. Syngramma, S. 47, 94, 97.
Die griechische Musik. 511
so wenig irgend eine Vorstellung machen, als wir uns von einem
Sophokleischen Chore nach den Traktaten des Aristoxenos oder
Bacchius. So viel ist aber zweifellos: als ein sinn- und geist-
volles, tief durchdachtes, in sich organisch ausgebildetes
Ganze steht die griechische Musik selbst nach dem Ge-
rinsren, was wir davon wissen, vor uns — und es ist schwer-
lieh richtig gedacht, wenn man sich sie als eine Kunst vorstellt, die
nichts Anderes war und blieb, als ein verkümmertes Zwerggewächs.
Was sie dem Griechen nach den tiefsten Bedürfnissen seines ganzen
Daseins auf ihrem Gebiete zu gewähren hatte, das hat sie geleistet,
und damit hat sie genug gethan für alle Zeiten.
512
Die Musik der antiken Welt.
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Ambros, Geschichte der Musik. I.
33
C. Die Musik der italischen Völker, Verfall und Untergang
der antiken Musik.
W ie griechische Bildung und griechische Kunst von Griechen-
land her in Süditalien (Grossgriechenland) und Sicilien durch An-
siedelungen und Städtegründung (Tarent, Kroton, Sybaris, Syra-
kus u. s. w. festen Fuss fassten, und wie manche Erscheinungen der
musikalischen Kunst der Griechen gerade hier zuerst auftauchten,
haben wir an gehöriger Stelle betrachtet. Unter den nicht griechi-
schen Völkern der italischen Halbinsel, den Japygern im Südosten,
den Oskern, Samniten, Latinern, Etruskern u. s. w., nehmen ohne
Zweifel, so lange sich nicht das mächtige Rom in den Vordergrund
stellt, die Etrusker als ein merkwürdiges, in seiner Abstammung
räthselhaftes , durch die Denkmale seiner Kunstanlage höchst be-
achtenswerthes Culturvolk die Aufmerksamkeit zumeist in Anspruch.
Die cyclopischen Mauern der uralten Städte Populonia, Todi u. a.
deuten auf pelasgische Elemente ; der etruskische Tempel zeigt eine
entschiedene Verwandtschaft mit dem dorischen; Gegenstände der
griechischen Götter- und Heldensage werden von etruskischen
Künstlern in ihrem eigenen Style gebildet, dabei lassen die diesem
Volke eigenen Gewölbbauten sie als ebenso tüchtige Techniker,
wie ihre ausgezeichneten, geschmackvollen Goldschmuckarbeiten,
ihre gravirten Spiegelplatten und Metallkistchen (die ficoronische
Cista), endlich manche tüchtige Bildwerke in Erzguss als mit
entschiedenem und bedeutendem Kunsttalente begabt erkennen.
Aus den Gräbern tauchen Funde auf, welche nach Aegypten, Assy-
rien und Phönikien räthselhaft hindeuten. Ein durchgehender
seltsam phantastischer Zug gibt allen diesen Elementen etwas eigen-
thümlich Anregendes; und der Todtencult mit den schwarzen und
weissen Genien, den Todespforten und verhüllten Geisterschatten,
die auf den Wänden der oft tief eingehöhlten Gräbergrotten in
wunderlichen Malereien zu schauen sind , diesen oft weit gedehn-
ten Todtenstädten selbst einen eigen mystischen Reiz. Wie die
Grabmalereien der Aegypter oft die Todtenfeier durch Chöre von
Etrusker. 515
Lyraspielern, durch Bläser von Doppelflöten u. s. w. mit Musik be-
gleitet zeigen, so^sehen wir auch bei den Etruskern bei der gleichen
Feier Musik und zwar ganz vorzugsweise die Doppelflöte in An-
wendung. Während der Verstorbene zur Beerdigung bereit auf
dem Lager ausgestreckt und mit Teppichen zugedeckt lag, stand zu
den Füssen der Leiche ein Flötenspieler, der zu den lauten Klagen
und vielleicht auch Todtenliedern der Weiber die Töne seiner
Doppelflöte hören Hess.1) Auf einer steinernen Aschenkiste von
Clusium (jetzt in der Sammlung Paoluzzi zu Chiusi) ist eine solche
Scene zu schauen2), eine ganz ähnliche auf einem Grabsteine oder
kleinen Altar im Berliner Museum.3) Während der Leichenmahle
pflegten Doppelflöten den (nach einer Malerei in einem Grabe bei
Tarquinii, der sogenannten grotta Querciola, zu schliessen) aus hef-
tigen, hastigen, seltsam eckigen Bewegungen bestehenden Tanz und
ebenso das Uebertragen der Todtengaben in das Grab zu begleiten. 4)
Auch sonst diente das Spiel von Doppelflöten und grotesker Tanz bei
Mahlzeiten zur Erheiterung, wie insbesondere die Malerei einer
Grabkammer auf dem Fondo-Marzi zeigt.5) Bei Opfern und Fest-
zügen fehlten die Doppelflöten nicht. Auf einer Sepulcralurne von
alterthümlichem Style im Museo Pio-Clementino wird der Opfertod
eines jungen Mädchens, auf deren Haupt der Opferpriester aus
einer Patena eben den weihenden Guss schüttet, von den Klängen
einer Doppelflöte und einer sehr plumpen Pborminx, welche der
Spieler mit einem Plectrum rührt, begleitet.6) So scbreitet einem
etruskischen Festaufzuge auf einem bei Clusium gefundenen Silber-
gefässe (jetzt in den Uffizien zu Florenz) ein Flötist mit der Doppel-
flöte voran, hinter ihm ein Waffentänzer, plump aufhüpfend {tripu-
dians), auf dem untern Theile des Gefässes ergötzt sich ein
Schweinehirt mit dem Spielen auf der Doppelflöte.7) Grabmale-
reien zu Tarquinii (bei Corneto) zeigen bacchische Spiele mit Wett-
reiten, Faustkampf, Wagenrennen und Tanz, wobei wieder Doppel-
flöten, von Weibern und Knaben gespielt, dareintönen.8) Die
Doppelflöte ist also das eigentliche Hauptinstrumeut der Etrusker,
sie ist zuweilen länger, oboenartig, zuweilen eine ganz kurze Pfeife,
zuweilen mit einem Mundstücke versehen und wird bald ohne
1) Ueber die ähnliche Sitte bei den Hebräern sprachen wir bereits; auch
bei den Römern der altern Epoche wiederholt sie sich.
2) Denkmäler der alten Kunst v. Otfried Müller und Wieseler, Bd. 1.
Taf. LXII. Fig. 313.
3) Kugler, Kunstgeschichte, 3. Aufl. Bd. 1. S. 96.
4) Denkm. d. Kunst v. Guhl und Caspar, Bd. 1. Taf. XIV. Fig. 7 und
0. Müller, a. a. 0. Taf. LXIV. Fig. 334 a und b.
5) 0. Müller, Taf. LXIV. Fig. 335.
6) Guhl, a. a. O. Taf. XIV. Fig. 16.
7) 0. Müller, Taf. LX. Fig. 302 und Guhl: Taf. XV. Fig. 14.
8) Guhl, Taf. XV. Fig. 12 und 13.
33*
516 Die Musik der antiken Welt.
Mundbinde, bald mit einer solchen (wie auf der Darstellung in der
Sammlung Paoluzzi) gespielt. Minerva, oder wie sie auf den etrus-
kischen Monumenten beisst, „Menrva", war auch in Etrurien die,
Vorsteherin der Flötenmusik '). Plinius nennt die Opferflöte aus-
drücklich tuskisch und bemerkt, sie sei aus Buxholz verfertigt.2)
Die Lyra erscheint selten; auf späteren, wie es scheint unter Ein-
fluss griechischer Kunst stehenden, Malereien schlank und der grie-
chischen Form ähnlich : auch ihre Klänge regen jene wunderlich
eckigen Tänze an. 3) Dass die kriegerische Trompete für ein ur-
sprünglich tyrrheniscb.es Instrument galt, haben Avir schon bei Ge-
legenheit der ägyptischen Musik bemerkt. In einem Grabe bei
Vulci wurde 1832 eine solche etrurisehe Tuba gefunden. Sie be-
steht aus einem langen Rohr, an welches ein sich unten allmälig
erweiterndes Krummstück ansetzt, welches durch einen anderinnern
Beugungsfläche aufgesetzten Kamm Halt bekommt.4) Sie befindet
sich derzeit in dem von Gregor XVI. gegründeten etrurischen Mu-
seum im Vatican. „Der Ton, welchen dieses akustisch gebaute Instru-
ment hervorgebracht haben wird", meint Emil Braun , „muss allem
Anschein nach von einer sehr kräftigen, gemütherschüttemden Wir-
kung gewesen sein." Sehr ausgebildet dürfen wir uns die Musik
der Etrusker wohl nicht denken. Sie waren ein industrielles, auch
für plastische Kunst talentbegabtes Volk, eben deswegen dürfen wir
ihnen für die unplastischeste der Künste, für das ideale Tonspiel,
keine sonderliche Anlage zutrauen. Wissen wir doch nicht, ob sie
eine Poesie besassen. Ihre Musik mag eine gewisse Aehnlichkeit
mit der griechischen gehabt haben5), aber wohl nur so wie der
etruskische Tempel mit dem dorischen, die auf den ersten Blick
auffällt, aber beim zweiten kaum noch übrig bleibt, wenn man den
nach Vitruv's Ausdruck „schwerköpfigen , gespreizten Bau" mit dem
Parthenon zusammenhält. Manches von ihrer Musik haben die
Etrusker unverkennbar auf die Römer vererbt. Vor dem gewaltigen
1) Döllinger, Judenthum und Heidenthura. Vorhalle zur Geschichte des
Christenthums. S. 458.
2) XVI. 36: nunc sacrificae Tuscorum tibiae buxo fiunt.
3) Kugler, a. a. 0. S. 98. Ich verweise den Leser auf die leichter zugäng-
lichen Werke von Kugler, 0. Müller u. s. w. , da ihm das auf Befehl Gre-
gor's XVI. herausgegebene Prachtwerk, die Alterthiimer des von ihm 1836 ge-
gründeten etrurischen Museums darstellend, nicht so leicht zur Hand sein dürfte.
Bemerkenswert!! ist es, dass auf den Münzen der Stadt Tuder in Umbrien eine
Lyra ausgeprägt ist, deren Form ganz jener griechischen Lyra entspricht,
wie z. B. auf der berühmten Vase von Canossa (jetzt in München) Orpheus eine
in Händen hat. S. bei Otfried Müller, Bd. 1. Taf. LXIII. Fig. 330.
3) Emil Braun, Die Ruinen und Museen Roms. S. 796.
5) Das etruskische Tarquinii stand mit Korinth in Verbindung; die Städte-
namen Pisa, Pyrgi u. s. w. klingen griechisch, und die Einwirkung der griechi-
schen Mythologie und bildenden Kunst auf die etruskische ist unverkennbar.
Es wird also wohl mit der Musik etwas Aehnliches gewesen sein.
Romer. 517
Rom verschwand endlich das etruskische Leben und Wesen und
ging in jenem auf. *
Die Römer, mögen sie nun nach Livius eine colluvies von
mehr als zweideutigem Ursprünge, oder nach den Ergebnissen
neuer Forschung eine Ansiedelung so gut wie irgend eine andere
latinische sein, waren ein Volk von keineswegs bedeutender eigener
Kunstanlage, wiewohl mit Sinn für Kunst begabt. Das Ziel, das
sie anstrebten, war nicht wie bei den Griechen jenes „schön und
gut", welches das öffentliche wie das Privatleben zu einem in sich
vollendeten Kunstwerke rundete und gestaltete und auf dem Ge-
biete der eigentlichen Kunst nach Winckelmann's Ausdruck „Schön-
heit schuf, wie man einen Topf drehet" — es war vielmehr ausschliess-
lich der abstracte Staat, die res publica, unter deren Idee sich jede
andere unterordnete, der in eiserner Disciplm sich Alles fügen musste,
von welcher der einzelne Bürger vollständig abhängig blieb.- Dafür
war der paler familias in seinem Hause ebenso unbeschränkter Herr.
Wenn der Grieche dahin strebte, sein ganzes Dasein in freier,
schöner Menschlichkeit zu gestalten, so war die höchste Sorge des
Römers: ne quid detrimenti respubliva eapial. Darum bildete sich
in Griechenland die Kunst und die Philosophie , in Rom die Juris-
prudenz und die Kriegskunst aus; Griechenland hatte Volksredner,
Rom hatte beredte Advocaten ; Griechenland belebte seinen Olymp
mit lebenden Göttergestalten von unvergänglicher Jugend, Ronfs
Mythologie war ein Complex im Grunde sehr nüchterner Abstrac-
.tionen und allegorischer Figuren — Griechenland baute seine
weissen hellen Marmortempel seinen Göttern als heitere Weihe-
geschenke, Rom's Bauten waren entweder in Brücken, Heerstrassen,
Aquäducten, nach Goethe's schönem Ausdruck „eine zweite Natur zu
bürgerlichen Zwecken", oder sie mussten in den spätem Zeiten mit
ihrem malerisch und prunkhaft gruppirten Säulengewimmel, mit dem
Glänze ihrer bunten Marmorarten die Weltherrscherin würdig
schmücken helfen. In der bauenden wie in der bildenden Kunst
war Rom anfangs von Hetrurien, später von Griechenland ab-
hängig.
Wir werden also kaum fehlgehen , wenn wir die Musik der Römer
in ihren ältesten Festliedern und Opfergesängen von den Etruskern,
die spätere von den Griechen abhängig annehmen. Dionys von
Halikarnassus lässt die Buchstaben , die Musik , die Lyra u. s. w. von
Arkadiern nach Italien bringen, wo man vordem nur einfältige
Hirtenrohre gebraucht habe. Es ist allerdings eine Frage, wie viel
von solchen Angaben später Schriftsteller über die urthümliche Cul-
turgeschichte zu halten ist. Freilich erzählt auch Pausanias von einer
alten Colonisirung Italiens von Arkadien aus, unter Oenotrus, Ly-
kaon's Sohn.1) Bemerkenswert!! ist jedenfalls der Umstand, dass
1) Paus. VIII. 3.
518 Die Musik der antiken Welt.
die Pfeife (tibia) das eigentliche Hauptinstrument der römischen
Musik war und blieb J), dass die Kömer jene hetrurische Doppel-
pfeife so sehr als das Hauptinstrument ansahen, dass sie ihre libias
in dextras und sinistras <zmt\\e\\ten, wovon jene dünner, diese stärker
waren, daher die tibiae dextrae aus dem obern schiankern, die
sinisträe aus dem untern stärkern Theile des Rohrs verfertigt wur-
den.2) So gut sich die Römer ihren ältesten thönernen capitolini-
schen Jupiter, dessen Angesicht an Festtagen mennigroth ange-
strichen wurde, von Turianus aus Fregellä und zu Veji das gleich-
falls thönerne Viergespann für den capitolinischen Tempelgiebel ver*
fertigen Hessen, so gut mag ihnen Etrurien Opfergesänge und
Instrumente geliefert haben. Sie hatten aber uralte Opfergesänge,
darunter jene räthselhafte Marshymne, die uns an die harmonische
Sprache Virgil's Gewöhnten so seltsam und fast schauerlich klingt :
Enos, Lasrs, juvate! Ne velverve Marmor sins incurrere in pleo-
res u. s. w. und das letzte fünffache triumpe (spring!) lässt erkennen,
dass es ein Tanzlied der Arvalbrüder war. Bei der Bestattung
eines Bürgers sang eine ihm verwandte oder doch befreundete Frau
das Leichenlied (nem'a) mit Flötenbegleitung3); bei Gastmahlen
priesen die Knaben wechselnd im Gesänge das Lob der Ahnen bald
mit Flötenbegleitung, bald ohne sie (assa voce canebant), bei den
heitern Festen der Gemeinde , bei dem Mummenschanz der Satura
entwickelten sich die lustigen fescenninischen "Wechselgesänge. Die
Trompete (tuba) rief mit dem Schlachtsignal (clässicum canere) zum
Kampfe, auch mit der Buccina und dem Lituus (Krummhörnern)
wurden Signale geblasen. So war es im alterthümlich patriarchali-
schen Rom, d. i. etwa bis zum Jahre 400 der Stadt (353 v. Chr.),
mit der wenigen Musik beschaffen, und wir werden diese sich hier
aussprechenden Grundzüge bis in die spätesten Zeiten hin deutlich
kennbar fortgesetzt finden.
Wir sehen bei den Römern aus der Zeit der Republik die
Musik durchaus auf dem alten einfachsten Standpunkte — Theil des
1) Horaz spricht von der Flöte oder Pfeife als von einem schon in den
biedern Grossvaterzeiten gebrauchten, altherkömmlichen Instrumente:
Tibia non ut nunc, orichalco vincta tubaeque
aemula, sed tenuis simplexque foramine pauco
adspirare et adesse choris erat utilis, atque
nondum spissa nimis complere sedilia natu:
quo sane populus numerabilis, utpote pärvus
et frugi castusque, verecundusque coibat.
(ad Pison. v. 202 — 207); so sagt auch Ovid (Fastor. VI):
Temporibus veterum tibicinis usus avorum
magnus, et in magno semper honore fuit;
cantabat fanis, cantabat tibia ludis,
cantabat moestis tibia funeribus.
2) Plin. XVI. 36.
3) Dies gründete sich auf das Zwölftafel -Gesetz: easque (laudes) etiam
cantu ad tibieineru prosequitor (Cic. de leg. II. 24).
Römer. 519
Opferdienstes, Erheiterung bei Fest und Mahlzeit. Die Römer, ein
verständig ernstes, praktisches, eisernes Volk, kamen nie auf den
Standpunkt, die Musik in dem hohen Sinne Plato's oder in dem
Sinne eines geistigen Bildungselementes wie Aristoteles zu ver-
stehen. Es sollte sich gut anhören und ihr Ohr ergötzen — mehr
verlangten sie nicht. In den späten ausartenden Zeiten gab es zumal
unter den grossen Herrn feine Kenner *) , enthusiastische Dilettanten
auch für Musik — Tänzerinnen- und Sängerinnencult 2) — sitten-
lose Chöre von Flötenbläserinnen 3) , Citharöden und Choristen,
die bei den grossen Damen ihr Glück machten 4) — Sänger,
wie Marcus Tigellius Hermogenes, deren Arroganz jedem moder-
nen primo uomo Ehre machen würde 5) — lauter Dinge und Zu-
stände, welche die allgemeine Corruption sogar auch auf dem
Gebiete des in Rom stets nur wenig bedeutenden musikalischen
Treibens deutlich erkennen lassen. Musikalische Schriftsteller zählt
Rom sehr wenige und erst in sehr später Zeit — Apulejus von
Madaura (im 2. Jahrhundert n.Chr.) schrieb ein Buch über Musik6),
das wir nicht mehr besitzen. Im 5. Jahrhunderte n. Chr. traten
einige namhafte Autoren : Macrobius (Ambrosius Aurelius Theo-
dosius), Martianus Capella und Boethius (Anitius Manlius Tor-
quatus Severinus) auf, von denen der erste das Somirium Scipin-
nis von Cicero commentirte und bei diesem Anlasse sich in pytha-
goräischem Sinne über Musik ausspricht; der zweite (Verfasser der
noch im Mittelalter hochgeschätzten „Hochzeit des Mercur mit der
Philologie") ein ganzes Buch der Musik widmet; Boethius aber (geb.
455, auf Theodorich's Befehl 524 zu Pavia schuldlos enthauptet)
in seinen fünf Büchern de musica bei den Schriftstellern des Mittel-
alters im höchsten Ansehen stand, so dass sie alle ihre Theorien
aus ihm herausdeduciren und herausconstruiren zu müssen glaubten.
Magnus Aurelius Cassiodorus (selbst musikalischer Schriftsteller,
um 470 n. Chr.) preist das musikalische Buch des Albinus, das er
selbst besessen und mit grossem Nutzen studirt habe, und nennt
einen Mutianus als Uebersetzer des Gaudentius. Auch der Archi-
1 ) Caligula konnte nicht umhin über die herrliche Stimme des auf seinen
Befehl gepeitschten, klagenden und um Gnade bittenden Tragöden Apelles in
Entzücken zu gerathen. Suet. Calig. XXXII l.
2) Sogar Cicero berichtet an Atticus über den Erfolg der Tänzerin Ar-
buscula.
3) Die Ambubajarum collegia, deren Horaz Sat. II. v. 1 gedenkt, syrische
Flötenbläserinnen.
4) Juvenal, Sat. VI, v. 76. 77.
5) Von diesem Gecken erzählt Horaz, Sat. III, allerlei ergötzliche Züge.
6) Nach Cassiodor's Zeugniss, siehe Gerbert script. Bd. 1. S. 19. Auch
Vitruvius spricht im 5. Buche seines berühmten Werkes de architectura von
MuMk , doch nur beiher, so weit es der Zweck seiner Schrift, wo er nämlich
vom Theaterbau redet, erheischt.
52 0 Die Musik der antiken Welt.
tekt Vitruvius redet gelegentlich über Musik. Das mächtigste Förde-
rung smittel der Musik wurde in Rom das Theater. Das erste
Schauspiel sahen die Römer im Jahre der Stadt 389 (v. Chr. 364)
unter dem Consulate des C. Sulpitius Peticus und Cajus Licinius
Stolo *), und zwar als Festspiel zur Abwendung einer herrschenden
Pest; es war eigentlich ein pantomimischer Tanz mit Flötenbeglei-
tung, von etrurischen Tänzern ausgeführt: die römische Jugend
ahmte es nach, wobei scherzhafte Verse im Wechselgesange , wie
es scheint, improvisirt wurden. Einige Jahre später verband der
Dichter Livius damit eine planmässige dramatische Handlung, sang
auch selbst, wobei ihn das Volk in seinem Entzücken seinen Ge-
sang so oft wiederholen liess, bis er heiser wurde und einen andern
Sänger hinstellen musste, der unter Flötenbegleitung weiter sang,
während Livius dazu nur agirte. Vo da an wurde es Sitte, dass
die Schauspieler nur den Dialog (diverbium) sprachen, den Gesang
aber zu ihrer Action ein Anderer ausführte. 2) Doch war es auch,
wenigstens späterhin, nicht ungewöhnlich, dass ein Schauspieler eine
Rolle selbst sang und agirte. So sang und spielte Nero im Costüm die
Canace, den Muttermörder Orest (er war, wie allbekannt, selber einer),
den blinden Oedipus, den rasenden Herkules. 3) Bei dem Trauerspiele,
wie bei dem Lustspiele, wirkte nämlich die Musik so mit, dass ersteres
dadurch etwas, gleichsam der heroischen Oper Analoges wurde, letz-
teres einen vaudevilleartigen Charakter annahm. Wir wissen von
der Theatermusik der Römer mehr als von ihrer übrigen — Dank
sei es den Notizen, die unsDiomedes und Donatus darüber gegeben
haben. Diomed unterscheidet bei den Lustspielen das Diverbium,
die Cantilena und den Chorus, d. i. den Dialog, den Einzel- und
den Chorgesang, bemerkt aber dazu, dass die lateinische Komödie,
ohne den Chor anzuwenden, blos aus Diverbium und Gesang be-
stehe. 4) Die musikalische Partie wurde dabei für so wichtig ge-
1) Livius VII. 2.
2) Dieses seltsame Auskunftsmittel kommt sogar noch zu Ende des
16. Jahrhunderts vor, z. B. im Anfiparnasso des'Orazio Vecchi (1597), in dem
Ballo delle ingrate von Monteverde. Dr. Werner Reinhold in seiner Schrift
über die Anwendung der Musik in den Komödien der Alten (Pasewalk 1839)
will unter diverbium nicht den Dialog, sondern ein Recitativ, unter canticum
ariosen Gesang verstanden wissen. Warum hätte in aller Welt der Schau-
spieler, wenn er schon das Recitativ musikalisch vortrug, das dankbarere, die
Arie, einem Andern überlassen? Aber die Musik der Alten kannte ja den
erst im 17. Jahrhundert unserer Zeitrechnung aufgekommenen Unterschied
zwischen recitativischem und ariosem Vortrag gar nicht! Dr. Reinhold's Schrift
hat den Fehler, dass er sich die antike Musik immerfort so wie unsere vor-
stellt; er spricht sogar von Ouvertüren, Duetten u. s. w.
3) Tragoedias quoque cantavit personatus inter caetera cantavit
Canacen parturientem , Orestem matricidam, Oedipodem excaecatum, Hercu-
lem insanum. Sueton, Nero XXI.
4) Latinae vero comoediae chorum non habent, sed duobus tantum mem-
bris constant, diverbio et cantico.
Römer. 521
halten, dass man den Komponisten eigens nannte; besonders scheint
ein gewisser Flaccus, Freigelassener des Claudius, die Lustspiele des
Terenz sämmtlich oder doch viele davon mit der nöthigen Musik-
begleitung versehen zu haben, und zAvar, wie ausdrücklich bemerkt
wird, mit Begleitung von Tibien. l) Die Tibia wurde mit Messing
eingefasst. 2) Sie erhielt dadurch einen hellen , starken Ton , der
sie der schallkräftigen Trompete ähnlich klingend machte (tubae
aeinula). Späterhin scheint man selbst die so verbesserte Tibia für
die kolossal angelegten Theater zu schwach befunden zu haben.
Der Luxus an Chorsängern und Instrumentalisten muss schon zu
Nero's Zeiten sehr gross gewesen sein. Sagt doch Seneca: es gebe
jetzt bei den Theatervorstellungen mehr Chorsänger als ehedem
Zuseher — das ganze Rund sei mit Trompetern besetzt, und vom
Pulpitum ertöne der Klang aller Arten von Tibien und anderen In-
strumenten. 3) Der Hang dieser Zeit, jeden Genuss, jeden Auf-
wand in's Kolossale zu treiben, zeigt sich auch hier. Nero selbst
hatte den Plan, Wasserorgeln im Theater einzuführen; offenbar soll-
ten sie mit ihrem weithin dringenden Ton an die Stelle der blos
mit dem Munde angeblasenen Tibien treten. Diese Idee beschäftigte
ihn selbst da noch lebhaft, als die Empörung der Gallischen Legio-
nen unter Julius Vindex seine ganze Existenz in Frage gestellt
hatte. 4) Die Tibien begleiteten nicht blos den ' Gesang und die
Pantomime, sondern es liegen ganz bestimmte Nachrichten von
Einleitungsmusiken und von Musik in den Zwischenakten der Lust-
spiele vor. 5) Die Flötisten hatten sogar ihre besonderen Manieren
1) In den Didaskalien der Terenzischen Lustspiele wird bemerkt : egere
L. Ambivius Turpio — L. Atilius Praenestinus — modos f'ecit Flaccus Claudii
tibiis duabus dextris. — zum Spado: item modulante Flacco Claudii tibiis
dextra et sinistra ob jocularia multa permixta gravitate. Und zur „Schwieger-
mutter" ; modulatus est eam Flaccus Claudii tibiis paribus. Hermann (Opusc.
T. I. p. 295) und Salmasius (ad Script, hist. Aug.) wollen hierin blos das eigent-
liche Musikmachen linden , Dr. Reinhold, wie es scheint mit mehr Recht, die
Composition. Man legte auf die Gesänge grossen Werth. So heisst es in der
Vorrede zur „Andria": diverbiis et canticis lepide distincta est — zur „Schwie-
germutter" : cantica et diverbia summo in hac favore suscepta sunt.
2) Prätorius (Syntagma I. S. 291) liest statt orichalco vincta vielmehr
iuncta und meint: juncta fuisse orichalco, id est associatam lituo ex orichalco
confecto , neque tantum musicam ex tibiis sed etiam ex tubis constitatam —
ergo tibiam factam „tubae aemulam" quia tuba commixta cum ipsa sonum suum
non amiserit etc.
3) In commissionibus nostris plus cantorum est quam in theatris olim spec-
tatorum fuit — quum omnes vias ordo canentium implevit, et cavea aeneatori-
bus cincta est, et ex pulpito omne tibiarum genus organorumque consonuit,
fit concentus ex dissonis. Seneca, Epistola 84.
4) Quosdam e primoribus viris domum evocavit reliquam diei partem
per Organa hydraulica novi et ignoti generis circumduxit, ostendensque singula
de ratione et difficultate cujusque disserens, jamque se etiam prolaturum in
theatrum affirmavit „si per Vindicem liceat". Suet. Nero XLI.
5) Donat. : hujusmodi adeo carmina ad tibias fiebant, ut his auditis multi
522 ^ie Musik der antiken Welt.
und Nuancen des Vortrags. J) Es scheint, dass manche Tragödien
ihre eigene Musik hatten; wenigstens sagt Cicero: bei beginnender
Musik werde der Kenner gleich sagen können, ob eine Andro-
rnache u. s. w. gespielt werde. Schwerer ist zu bestimmen, was
insbesondere in den Lustspielen, z. B. jenen des Terenz oder Plau-
tus, eigentlich gesungen wurde. Dr. W. Eeinhold meint, dass, wo ein
Vers unvollständig ist (z. B. im Spado „oeeidi" — in den Jdelphi
„discrudor animi" — ), die Musik den Versrhythmus ergänzte und
stummes Spiel des Acteurs begleitete — dann, dass gewisse Poin-
ten und Schlüsse des Dialogs liedartig gesungen wurden 2) mit oft
wiederholten Textesworten und öfter gewechselter Melodie. 3) Die
Verse des Phädria aus dem Spado Akt 1. Scene 2. V. 111 — 116
haben in der That etwas äusserst Musikalisches — fast wie der ge-
lungene Text einer Cavatine — es klingt selbst wie eine Mahnung
an Keime durch. Von welcher Art die Musik war, können wir frei-
lich nicht mehr wissen ; da aber etwa von 146 v. Chr. an die grie-
chische Bildung in Rom das völlige Uebergewicht erhielt und die
römischen Lustspieldichter ihre Komödien griechischen Mustern
nachbildeten, so mag auch wohl die Musik sich dem Charakter der
griechischen angeschlossen haben.
Von der Opfermusik der Römer wissen wir, dass die allbelieb-
ten Tibien dabei den Vorzug hatten. 4) Die Tibicinisten bildeten
ex populo discerent, quam fabulam acturi essent scenici. Hermann liest „assis
tibis", Dr. Reinhold macht mit Recht darauf aufmerksam, dass Carmen nicht
blos Vers, sondern auch Musik und Poesie im Allgemeinen bedeute. An ge-
reimte, abgesungene Prologe darf man dabei wohl nicht denken. Auf Musik
in den Zwischenakten deutet die Anrede an's Publikum im Pseudolus des
Plautus (I. 5. 160): tibicen vos interea hie delectavit.
1) Cicero sagt (de Orat. III. 26. 102): augetur, extenuatur, inflatur, varia-
tur, distinguitur.
2) Dass jenes iykavs näzso , vylouvs /xrjrtQ , womit der Atellanenspieler
Datus Nero zu höhnen wagte, gesungen wurde (in cantico quodam), sagt
Sueton (Nero XXXIX) ausdrücklich. Eben so in Galba XIII. : Siquidem Atel-
lanis notissimum canticum exorsis „venit io, Sitnus a villa" euneti simul spec-
tatores consentiente voce reliquam partem retulerunt, ac saepius versu repe-
tito egerunt. Das war also eine bekannte Melodie, in welche die Zuhörer, um
gegen Galba eine Demonstration zu machen, einstimmten.
3) Donat: mutatis modis exhibita. Schriftlich wurde dies mit M. M. C.
(mutati modi cantici) bezeichnet.
4) Doch bemerkt Dionys von Halikamassus: (Antiq. Rom.), dass neben
den „alterthümlichen kurzen Tibien" bei allen altertümlichen Opferfeier-
lichkeiten der Römer auch siebensaitige Barbita, deren Gebrauch bei den
Griechen längst aufgehört habe, im Gebrauche seien. Die etrurischen Bild-
werke liefern dazu den Commentar und zeigen überdies, dass das Bar-
biton so ziemlich'mit der Phorminx ein und dasselbe Instru-
ment war. Auch die Tubicinisten bliesen bei gewissen Opfern, mit Lorbeer be-
kränzt, ihre Instrumente. Varro spricht von ihnen: tubicines sacrorurn, qui
tubis in sacrarum administratione canebant.
Römer. 523
eine eigene Gilde 1). Dass bei Opfern und religiösen Festen auch
Chorgesang und zwar "Wechselgesang von Knaben und Mädchen
gebräuchlich war, lehrt das Carmen saeculare von Horaz — von ihm
eigens in dieser Form gedichtet — und ein anderer feierlicher
Wechselgesang (Ode. XXI) :
Dianam tenerae dicite virgines;
Intonsum pueri dicite Cynthium u. s. w.
Als späterhin während der sittenverderbten Kaiserzeit allerlei orien-
talischer und ägyptischer Aberglaube in Aufnahme kam, entfernte
sich die Festmusik freilich sehr weit von diesem zucht- und mass-
vollen Wesen, wie es sogar noch jene Verse des Horaz erkennen
lassen — rauschende Instrumentalmusik, Pfeifen und Hörner (tibia,
cörnu), half bei den geheimen, von Weibern gefeierten Festen der bona
dea die rasendste Sinnlichkeit aufstacheln (Juv. Sat. VI. v. 314 fg.).
Apulejus, der bekannte Verfasser des „goldenen Esels", der im
2. Jahrhunderte lebte, beschreibt eine grosse Procession zu Ehren
der Isis, welche durch lieblich klingende Pfeifen (fistulae) eröffnet
wurde, Jünglinge in weissen Kleidern sangen im Chor, späterhin
kam eine Abtheilung dem Serapis geweihter Pfeifer, welche auf
gebogenen Pfeifen die gewohnten Tempelweisen bliesen [dicati
magno Serapi tibicin.es, qiii per obliquum calamuni ad äurem
porrectum äextram familiärem terhpli deique modulum frequen-
tabanl), die Initiirten aber wurden von Priestern begleitet, die mit
ehernen, silbernen und goldenen Sistern ein grosses Geklapper und
Geklingel erregten (aereis et ärgenteis, immo ifero aareis etiam si-
stris arg a tum tinnitum constrepentes).-) Zu solchem Götzendienst
und Aberglauben war die altrömische ehrenfeste Religiosität
entartet.
Die Tibiae, welche für die Römer fast die ganze Musik vertre-
ten, fehlen auch bei der Tafelmusik nicht. Das Hauptgericht, das
caput coenae, die fercula wurde unter Flötenbegleitung aufgetragen.
Liessen während des Schmauses sich Tänzer oder Pantomimen sehen,
so durfte begleitende Musik ohnehin nicht fehlen. In alledem
war die Musik blos eine lu.vuriae ministra. Die Gaditanischen
Sängerinnen scheinen bei der eleganten Welt besonders beliebt ge-
wesen zu sein — Martial schildert es als eines der Kennzeichen eines
1) Für wie unentbehrlich die Tibiae beim Opfer galten, sieht man aus der
bei Livius IX. 39 vorkommenden Erzählung, dass im Jahre der Stadt 443 die
Tibicinisten, sich beleidigt wähnend, nach Tibur auswanderten, und weil sie
freiwillig nicht zurückkehren wollten , auf listige Weise nach Rom zurückge-
bracht wurden — da der Senat bei ihrem längeren Ausbleiben für den unge-
störten Fortgang des Götterdienstes Besorgnisse hegte — „ejus rei religio tenuit
senatum; legatosque Tibur miserunt, ut darent operam, ut hi homines Ro-
manis restituerentur etc."
2) Metamorphos. seu lusus Asini. XI.
524 Vie Musik der antiken Welt.
Gecken, dass er gaditanische Melodien trällert1) — etwa wie heutzu-
tage mit beliebten Opernmelodien geschieht. Dass die Kömer zuweilen
Musikproduktionen gehabt, die etwas einem Concerte Analoges
heissen dürfen, zeigt eine Stelle bei Apulejus2), wo von einer Art
musikalischer Unterhaltung die Rede ist, bei welcher Cither- und
Flötenspiel, Einzel- und Chorgesang mit einander wechseln; der
Erzähler preist die süssen Klänge, welche den Hörern schmeichel-
ten — es ist also wieder nur rein als Genusssache gefasst — wenn
man nicht Falerner trank, so hörte man Musik. Nero ahmte in
den alle fünf Jahre zu feiernden „Neronien" die griechischen Spiele
nach, wobei auch musische Wettkämpfe stattfanden.3) Er wollte
später auch Wettkämpfe mit Wasserorgeln und Flöten einführen —
sein Sturz verhinderte dieses Vorhaben. 4) Auch Domitian ordnete
dem Capitolinischen Jupiter zu Ehren fünfjährige Wettkämpfe an
(ci-r tarnen musicum, equestre, gymnicum) — es traten dabei Citharö-
den, Chorcitherschläger und Solospieler (citharoedi, ckorocitkaristae,
fsilocilharistae) auf5). Es war ein Amüsement für die Welthaupt-
stadt — weiter nichts. Trajan Hess (nach Dio Cassius) durch sei-
nen Architekten Apollodorus ein Odeum erbauen.
In der Bildung und Erziehung der römischen Jugend scheint
die Musik eine nur untergeordnete Rolle gespielt zu haben6); man
konnte, da sie ja doch nicht Bildungs- sondern Genussmittel war,
besser und bequemer von Sklaven und Freigelassenen, gleichsam
von Kammervirtuosen "sich vormusiciren zu lassen. Nero pflegte
gleich nach dem Antritte seiner Regierung dem Citharöden Terpnus
nach der Mahlzeit bis in die Nacht hinein zuzuhören.7) Dass es zu
den geselligen Talenten junger römischer Damen gehörte, zu singen
und die Cither zu spielen {chordas tangere) wissen wir aus Ovid's
berufener „Kunst zu lieben." Auch das Nablion war ein Instrument
des eleganten römischen Welt.8) Zur äussersten Caricatur verzerrt
1) Cantica qui Nili, qui Gaditana susurrat. Von der frechen Ueppigkeit
dieser Gaditanerinnen gibt Martial anderwärts eine sehr drastische Schilderung.
2) Lus. As. V. jubet citharam loqui — psallitur, tibias agere, sonatur —
choros canere, cantatur. Quae euneta praesente nullo dulcissimis modulis
animos audientium remuleebant.
3) Instituit et quinquennate certamen primus omnium Romae, more
Graecorum triplex, musicum, gymnicum, equestre, quod appellavitNeronia. Sue-
ton , Nero XI.
4) Suet. Nero LIV.
5) a. a. 0. Domitian IV.
6) Doch sagt Sueton von Nero (XX) inter ceteras dtsciplinas puetntiae
tempore imbutus est musica.
7) Suet. Nero XX.
8) Ovid räth an:
Disce etiam duplici genialia nablia palma
Plectere, conveniunt dulcibus illa modis.
Hier ist der Name „Nablia" von dem ursprünglichen Lauteninstrumente offen-
bar auf ein anderes, kitharartiges übertragen, weil Ovid vom „Schlagen mit
beiden Flachhänden" spricht.
Römer. 525
sich der musikalische Dilettantismus in Nero, der die Sache frei-
lich betrieb, wie man es von einem Cäsar erwarten durfte, welcher
selber meinte, vor ihm habe kein Fürst gewusst, was er alles thun
dürfe. l) In den verzweifelten letzten Augenblicken in Phaon's
Landhaus konnte er sich nicht darüber trösten, dass an ihm ein sol-
cher Künstler zu Grunde gehe (qualis artifex pereo). Während
des Ungeheuern Brandes von Rom sang er im Theatercostüm auf
dem sogenannten Thurme des Mäcenas die Zerstörung Troja's (riXo)-
atv 'iXlov), er musste sieb alles zum dramatischen Kunstwerke zureebt
machen — wie später sogar seinen eigenen Tod. 2) Aber lächer-
lich und verächtlich zugleich wird der gekrönte Komödiant, wenn
wir lesen, dass er zur Schonung seiner Stimme zu den Soldaten nie
selbst sprach, sondern durch einen Andern sprechen Hess, dass er
dünne Bleiplatten auf der Brust trug, um den Wohlklang seiner
Stimme zu erhalten, dass er einen Singmeister (plionascus) bestellte,
der ihn, so oft er zu laut redete, ermahnen oder ihm ein Schnupf-
tuch vor den Mund halten musste. 3) Der eitle Tyrann fand unter
den spätem Kaisern einen Nachahmer an Heliogabalus , der die
Caricatur carikirte, sich überhaupt zu Nero verhält wie die Tiger-
katze zum Tiger. Heliogabalus war nach dem Berichte des Lam-
pridius ein Musikgenie wie Nero — er sang, tanzte, recitirte mit
Flötenbegleitung, blies die Tuba, spielte die Pandura und orgelte.4)
Auch Caligula befasste sich mit solchen Künsten. Einmal machte
er sich den gnädigen Spass, plötzlich bei Nacht drei consularische
Männer kommen zu lassen, die sich von dem tollköpfigen Tyrannen
des Aergsten versahen und sich zitternd einstellten. Aber siehe da
— es ertönten Flöten, Caligula sprang costümirt heraus, agirte zu
einem Gesänge eine Scene und ging dann ruhig ab — worauf die
beängstigten drei Zuseher entlassen wurden. 5)
Derlei Züge gehören eigentlich nicht in die Kunst-, sondern in
die Sittengeschichte. Dennoch sind sie, wie sie uns grösstentheils
von dem Historiker der Hofanekdote (wie Mommsen den Sueton
nennt) glaubhaft überliefert vorliegen, auch für die Kunstgeschichte
wichtig genug. Nur unter Verhältnissen dieser Art wurde in Rom,
das allgemach der Repräsentant der gesammten antiken Bildung ge-
worden, noch Musik getrieben — sie musste dort alle Würde ver-
lieren und dem Untergange entgegeneilen. Zwar wurde nicht sie
allein dem Untergang entgegengerissen — sie folgte nur dem Zuge
1) Es durfte z. B., wahrend er sang, niemand unter irgend welcher Bedin-
gung das Theater verlassen, daher manche über die Mauer sprangen oder
einen Schlaganfall fingirten, um nur wegzukommen. Suet. Nero XXIII.
2) Suet. Nero XXV.
3) Ebend.
4) Ipse cantavit, saltavit, ad tibias dixit, tuba cecinit, pandurizavit, organo
modulatus est (Lampridius in Heliogab. XXIII.)
5) Suet. Calig. LIV.
526 Die Musik der antiken Welt.
der die ganze antike "Welt unwiderstehlich dahin trieb. Rom war in
seinem Beginne nach jenem oben angewendeten Ausdrucke des Li-
vius eine colluvies gentium im kleinen Sinne gewesen; als es auf dem
Gipfel seiner Macht stand, wurde es eine colluvies gentium im kol-
ossalsten Massstabe.1) Das ganze Leben der alten Welt concen-
trirte sich in Rom — Griechisches, Orientalisches, Hispanisches,
Aegyptiscb.es u. s. w. In Rom und durch Rom wurde in alle diese
Elemente der Keim des Verderbens gelegt, der sich sehr schnell
entwickelte.
Die in sich zerfallene, entartete, glaubens- und sittenlos ge-
Avordene antike Welt ging immer entschiedener ihrem Untergänge
zu. Den Cäsarenthron bestiegen bald unsinnige, vom Gefühle ihrer
Allmacht bis zur schrankenlosesten Willkür berauschte Tyrannen,
bald Emporkömmlinge und Abenteurer, welche das Glück hatten,
die Gunst der Prätorianer zu besitzen oder sie für baares Geld er-
kauften. Mit der äussern Noth des Ungeheuern Römerreiches ging
der innere Verfall Hand in Hand.
Die alten Götter hatten die Lebensfähigkeit, der alte Glaube der
Väter hatte seine tröstende Kraft verloren. Die Besseren flüchteten
in die eiskalte, verzweifelte Resignation des Stoicismus, eine weit
grössere Zahl proklamirte das im Grunde nicht minder verzweifelte
epikureische System des Lebensgenusses, der den Tag bestens be-
nutzt und lachenden Mundes spricht: „sterb' ich, mag die Welt ver-
brennen." Der grosse Haufe aber griff in seiner Seelenangst zu
jedem noch so unsinnigen Cult, der aus Syrien, Kleinasien, Persien
oder Aegypten herüberkam.
Die antike Kunst verfiel in dem Masse, als das antike Leben
verfiel. Die Skulptur, in deren grösstem Werke, dem olympischen
Zeus des Phidias, die antike Welt den gegenwärtigen Gott zu er-
blicken wähnte, war so herabgekommen, dass sie nur noch Mithras-
steine und Kaiserinnenportraits mit abnehmbaren Rococofrisuren
meisselte; die Baukunst suchte vergebens durch Marmorluxus die
Missgestalt ihrer ausgebauchten Architrave u. s. w. zu heben, und
nur ein Wunder hätte die antike Musik vor Aiisartung bewahren
können, wenn sie zur Dienerin luxuriöser Genusssucht und der
schlimmsten Unsittlichkeit herabgewürdigt ward. Schon Ovid hatte
Cythern, Lyren und Gesang verweichlichend genannt2) und Quin-
tilian spricht sich über die weibisch und zuchtlos gewordene Musik
seiner Zeit, wie man sie von der Scene hörte, vollends mit Indigna-
tion aus. 3)
1) In diesem Sinne heisst es hei Athenaeus (I. 36): ort olxov/.iev?jg öij-
ftov xijv 'Pio/lojv (ftjol. ?.äyei de xal, ort ovx äv zig ozottov tco^qvj to-
§svoi Xey<ov vtjv 'Pwftalojv nöuv enirofiriv rf/g oixovfxtvtjg.
2) Enervant animos citharae jocique lyraeque
Et vox et numeris brachia mota suis.
3) Er sagt (lib. I. Instit. orat. c. 17.): Quamvis autem satis jam ex ipsis,
Römer. 527
Die Lascivität muss in der That alle Begriffe überschritten
haben. Juvenal, der die Gebrechen seiner Zeit nicht wie Horaz
zum Gegenstand seines Behagens am Lächerlichen, zum Spielplatze
rines feinen Witzes macht, sondern in sittlichem Zorne die Dinge
unverblümt sagt, schildert in seiner sechsten Satyre das Benehmen
der grossen Damen bei den pantomimischen Darstellungen des Tän-
zers Bathyllus in einer Weise, welche auf den Grad von Ueppigkeit
schliessen lässt , welche diese Schaustellungen erreicht hatten. Natür-
lich musste eine solche Pantomime ihre entsprechende Musik zur
Begleitung haben. Und so begreifen wir, warum die Kirchenväter,
die christlichen Schriftsteller gegen die heidnischen Schauspiele,
gegen heidnische Musik so sehr eiferten — ■ warum der heilige
Hieronymus sagt: „eine christliche Jungfrau solle gar nicht wissen,
was eine Lyra, eine Flöte sei — oder wozu sie diene".1)
Cäsar Julianus suchte bekanntlich das zusammenbrechende
Heidenthum zu stützen, dem ausgelebten Polytheismus neue Lebens-
kraft einzuflössen. Die alte Sitte, die alte Religion sollte hergestellt
werden. Damit, meinte der Cäsar, werde die Zeit der alten Blüte
und Herrlichkeit wiederkehren. Kaiser Hadrian's Restaurations-
versuche waren wesentlich auf ästhetische Feinschmeckerei , auf ge-
bildete Kunstkennerschaft hinausgelaufen. Julianus griff tiefer —
er fasste die Sache bei der ethischen und religiösen Seite an. Da-
neben hatte er für die Einrichtungen des damals schon sehr ver-
breiteten Christenthums offene Augen. So entging dem Cäsar
auch die Bedeutung; und Wichtigkeit der °;ottesdienstlichen Musik
der Christen keineswegs. Ihre Hymnen- und Psalmengesänge hatten
zahllose Gläubige im Leben zur Andacht erhoben, oft auch noch
im Märtyrertode gestärkt. Die Heiden sollten statt ihrer zucht- und
heillos gewordenen, weichlichen, üppigen, lasciven Musik im
Theater und bei Tafel eine edel ernste heilige Musik , eine
Musica sacra für den Götterdienst erhalten, welche diesem
Dienste nicht nur zur Zierde gereichen, sondern auch alle jene
sittlichen Wirkungen hervorzubringen geeignet sein sollte, die
einst Männer wie Pythagoras, Piaton, Aristoteles der ethischen
Tonkunst zuschrieben — und womit es nach Versicherung der
Leib-Mystagogen und geheimen Oberhofgeisterseher seine volle
Richtigkeit hatte. Dass Julianus , wenn auch kein allgemeines
Gesetz, so doch wenigstens speciell für Alexandrien eine solche An-
ordnung ergehen Hess, beweist sein Brief an den Exarchen von
quibus sum modo usus exemplis credam esse manifestum, quae mihi et quate-
nus musica placeat, apertius tarnen profitendum puto, non hanc a me praecipi,
quae nunc in scenis effeminata et impudicis modis fracta , non ex parte mi-
nima, si quid in nobis virilis roboris manebat, excidit. Also gerade das Um-
gekehrte von dem wirkte sie, was Aristoteles als Aufgabe der Musik betrachtet.
1) Tibia, lyra, cithara cur facta sint nesciat.
528 Die Musik der antiken Welt.
Aegypten Ekdikios.1) „Wenn etwas unserer Sorgfalt werth heissen
darf", schreibt Julianus, „so ist es die heilige Musik (Uga ftovaixTj).
Suche also unter dem Volke von Alexandrien Knaben von guter
Abkunft (sv feyoroia? jjetyctxiaxovg) und lass für jeden monatlich zwei
Artaben2) Oel, Getreide und Wein zuweisen — für Kleidung wer-
den die Vorsteher des kaiserlichen Schatzes zu sorgen haben. Man
soll sie nach Verschiedenheit ihrer Stimmen zusammenstellen (oinoi
Ss jia; ex cpwvrjg xttTuXsyeu&uaav). Bringen es einige davon in dieser
Kunst zur Vollkommenheit, so können sie keiner geringen Beloh-
nung ihrer Bemühung von Uns gewärtig sein. Dass sie ferner,
neben dieser Unserer Anerkennung, keinen kleinen Nutzen daraus
ziehen, wenn ihre Seelen mittels der göttlichen Musik gereinigt
werden (t«c tpi^ag arö rrjg &slag fjovaixrfi xa&aQ&svTsg) , lassen Jene
irlaitben, welche einst über diesen Gegenstand richtige Ansichten
ausgesprochen haben. So viel von den Knaben. Was aber die
Schüler des Musikers Dioskoros betrifft, so siehe zu, dass sie sich
der Kunst {t^/vi]) eifriger widmen. Denn Wir sind bereit sie zu
unterstützen, in was immer für einer Sache sie wollen werden."
Ein andermal, wo sich Julian über die wünschenswerthen
Eigenschaften eines Priesters auslässt, schreibt er: „Lernt die Hym-
nen der Götter auswendig, deren es überaus schöne alte und neue
gibt; ganz besondere Sorgfalt wendet auf solche, die bei
den Ceremonien gesungen werden. Denn die Mehrzahl da-
von haben die Götter den sie anflehenden Menschen selbst mit-
getheilt, andere sind von gottbegeisterten Menschen gedichtet, deren
makellose Seele voll Ehrfurcht vor den Göttern war."
Julian's schon 362 im 31. Lebensjahre erfolgter Tod beim Zuge
gegen die Perser machte allen seinen Plänen ein Ende und Hess ihn
die Resultate seiner Alexandrinischen Pflanzschule, aus welcher Chöre,
wie sie weiland in Athen an den Götteraltären gesungen worden,
hervorgehen sollten, nicht mehr sehen. Der römische Staat konnte
den wiederholten Stössen, die ihn jetzt stärker und häufiger trafen,
nicht widerstehen, in ein Ost- und Westreich gespalten, erlag er
endlich seinen immer heftiger herandringenden Feinden. Der Sturm
der Völkerwanderung warf alles nieder, die wilden Eroberer über-
fluteten verheerend die blühenden Lande — die Jahre der antiken
AVeit waren gezählt. Vor dem Waffenlärm verstummten und flohen
die Künste. Mit der antiken Welt ging auch die antike Musik zu
Grunde. Aber ein reiches Erbe blieb den neu beginnenden Zeiten.
Die geistigen Schätze, welche die Denker, die Dichter, die Künstler
der alten Welt aufgehäuft, obwohl in den wilden, blutigen Zeiten
1) In der Sammlung der Briefe ist es der 56. Brief.
2) Ein ägyptisches Mass, oder eigentlich ursprünglich ein persisches.
Es fasste eine attische Medimne, mehr als drei Chönix. Herodot I. 192.
Römer. 529
vielfach zersplittert, verschleudert und zum Theil unwiederhringlich
verloren, vermochten noch in ihren Resten die neue Welt zu
lehren, was schön, gross und bedeutend sei. Mitten im Leben der
antiken Welt war christliche Kunst und insbesondere christliche
Musik in schüchternen, einfachen und dabei zukunftreichen Anfän-
gen aufgetaucht — von der antiken Kunst bedingt und abhängig,
war sie dazu berufen, sich dereinst zu einer ganz neuen , ganz eigenen
gewaltigen, Himmel und Erde mit ihrem Dufte erfüllenden Blüte
zu entwickeln. Das Grab der antiken Kunst, der antiken Musik
wurde die Wiege der christlichen.
Ambros, Geschichte der Masik. I. 34
Zusätze und Nachträge.
Zu Seite 227. In der Formel 6 : 8 = 9: 12 zeigen sich folgende Verhält-
nisse: 8 ist um den dritten Theil von 6 (um 2) grösser als das kleinere äussere
Glied vorstehender Proportion, nämlich als 6. Es ist aber auch um ein Drittel
von 12 (um 4) kleiner als das grössere äussere Glied, nämlich als 12. Es
übertrifft sonach 8, als die wahre Mittelzahl, das eine äussere Glied in dem
Masse, als es von dem andern übertroffen wird (vergl. Platon's^Timaeos VII, wo
er von der Verbindung zweier Zahlen, Masse oder Kräfte — ccQiS-fiiöv , oyxwv,
6vväfiEO)V — durch ein Drittes redet, und von der Proportion, dvaloyia, redet,
welche als schönstes der Bänder — deOflüiv 6h xä).haroq—&\ch selbst und das
Verbundene zur Einheit macht). Was dagegen das andere Mittelglied 9 be-
trifft, so ist es um dieselbe Zahl, um 3, grösser als 6, und kleiner als 12. Ein
Mittelglied der ersten Art, hier also 8, nannten die Griechen harmonisch
(fxfaortjg vnevavrla xal «Qfiovixij), eines der zweiten Art, hier 9, arith-
metisch (fieaortjg dQi&fitjTiX^). Es liegen darin aber auch ganz genau die
Verhältnisse der consonirenden Intervalle :
G : 8 = 9: 12
Quarte Ton Quai
„ SS
te
M-
'S
Quinte
^
Quinte
üctave
-
denn 6 : 8 und 9 : 12 gibt das Verhältniss der Quarte, 6 : 9 und 8 : 12 das
Verhältniss der Quinte, 6:12 das Verhältniss der Octave, 8 : 9 ist das Ver-
hältniss des ganzes Tones. Die Scheidung der Octave durch die Quinte, z. B.
C— G — c, ist also gleich 6:9: 12, jene durch die Quarte C—F—c
gleich 6:8: 12. Letztere Proportion, die fxsaörrjq vTtevavrla,
ist die Grundlage der ganzen Harmonik. In diesem Sinne nannte
der Pythagoräer Philolaos den Cubus die geometrische Harmonie, denn^.'er hat
6 Flächen, 8 Winkel und 12 Seitenlinien, drückt folglicb/diefZahlen 6,], 8, 12
aus (S. Böckh's „Philolaos" S. 88). Hiernach ist auch begreiflich, warum das
Tetrachord und nicht das Pentachord zum Eintheilungsmasse des ganzen Ton-
systems genommen wurde.
Zu Seite 272. Wären Parallelen zwischen bedeutenden Personen nicht
eine endlich doch missliche Sache, so könnte man zwischen' Pythagoras und
Nachträge. 531
Guido von Arezzo eine ungezwungene ziehen — auch darin, dass beide mit
ihrem Namen für Alles einstehen müssen , was sich in ihrer Schule erst später
ausbildete. Manches, z. B. die Vorstellung von einem Centralfeuer , schrieb
schon das Alterthum nicht dem Pythagoras selbst, sondern dem Philolaos zu.
(Man sehe die Stelle bei Stobaeos, Ecl. I. 23: <PiXö Xaoq tcvqJv /j,eau) tcsqI
xb xIvxqov , otcsq lEaxlav xov navxbq xaXü, xal Jibq olxov, xal iir\-
xsoa Qeaiv, ßwfiöv xe xal avvo%r]v , xal /lisxqov (pvaeoq — Böckh
meint statt dioq olxov werde es wohl geheissen haben Zavbq nvoyov. S.
dessen Philolaos S. 94 und 96). Auch die Berechnung des Tones in seiner
Theilung wird von Boethius (III. 5) wesentlich auf Philolaos zurückgeführt.
Das Ansehen dieses Pythagoräers war überhaupt gross. Claudianus Mamertus
rühmt von ihm „de mensuris, ponderibus et numeris juxta geometriam,
musicam atque arithmeticam miririce disputat." Philolaos und Pythagoras
werden auch wohl zusammen genannt: so sagt Macrobius (de Somn. Scip. 14),
dass Pythagoras und Philolaos die Seele eine Harmonie genannt. Uebrigens
soll Philolaos in ziemlich später Zeit gelebt haben , nämlich ein Zeitgenosse
des Sokrates gewesen sein. Man wolle das Nähere in Böckh's zuvor cithter
trefflicher Schrift nachsehen. Wenn man nun auch Vieles erst durch die Nach-
folger des Pythagoras ausgebildet annehmen muss (man unterschied Pytha-
goräer, Schüler des Pythagoras , und Pythagoriker , anderweitige Nachfolger),
so hat doch der Meister gewiss so gut dazu die ersten Keime gelegt, wie Guido
von Arezzo zur Solmisation u. s. w. Pythagoras selbst hinterliess keine
Schriften (ipse nihil scriptitaverat, sagt Claudianus Mamertus); von denen der
Pythagoräer Archytas und Philolaos haben wir nur Fragmente.
Zu Seite 292. Beim Einüben, auch wohl bei Aufführung von Chören
wurde durch den „Chorleiter" r\ys(iv)V geradezu tactirt — man sehe darüber
in den Problemen des Aristoteles 19, 22. Der Tact wurde förmlich mit der
Hand oder mit dem Fusse geklopft — (Pollicis sonore vel plausu pedis di-
scriminare qui docent artem solent. — Terent. Mam. 2254). Auch Horaz
(Od. IV. 6 ad Apollinem et Dianam) erwähnt des klopfenden Daumens (pol-
licis ictum). Die Instrumentalisten pflegten den Tact zu treten; bemerkens-
werth ist die Stelle bei Quintilian (Inst. 1. 12. 3): Citharoedi ne pes quidem
otiosus certam legem servat? Cicero (Orat. 58) sagt: „tibicini percussionum
modi." Mehr darüber in R. Westphal's „Fragmente der gr. Rhythmiker
S. 98." Der Name der Tactirschuhe bedeutete Holzschuhe im Allgemeinen.
Zu Seite 293. Eine andere, und ohne Zweifel bessere Erklärung des
Hti£i£i£i£iUö6£X£ ist die, dass sich Aristophanes über elsihOGÖfxevoq des
Euripides (Elektra 437) lustig machen wollte — wie denn der genannte
Tragiker in den Fröschen überhaupt auf das Schlimmste mitgenommen wird.
Zu Seite 294. Heimsoeth (Die Wahrheit über den Rhythmus in den Ge-
sängen der alten Griechen S. 36) denkt an ein wirkliches Durchcomponiren
des Worttextes durch den Dichter selbst. „Es wurde mit bestimmtem /xeloq,
Melodie , gesungen. Diese Melodien componirten die alten griechischen
Dichter, die lyrischen wie die dramatischen, selbst zugleich mit den Worten.
Denn der alte metrische Dichter ist zugleich Componist, wie überhaupt an-
fangs die Künste immer mehr verbunden sind. Wohl zeichnet sich der eine
durch besonders schöne Lieder aus, bei dem andern will das Musikalische
nicht recht von Statten gehen; aber Trennung ist den alten Zeiten fremd.
Die Dichter selbst schreiben die Musik mit den ursprünglich von Buchstaben her-
rührenden, uns von den griechischen Schriftstellern über Musik aufbewahrten
und erklärten musikalischen Zeichen in zwei Reihen, die obere für den Ge-
sang , die untere für die Instrumentalbegleitung. Der Chor bekommt dieselben
mit den Worten vorher einstudirt und trägt sie unter Leitung des Chorführers
bei der Aufführung vor, und zwar der ganze Chor unisono, wodurch zu-
gleich die Möglichkeit des Verständnisses unterstützt wird."
Weiterhin (S. 40) sagt der Autor: „Ihre Melodien sind alle verloren ge-
gangen, wohl nach und nach, als man die alten Gesänge nicht mehr executirte,
34*
532
Die Musik der antiken Welt.
sondern blos las. Die Musik antiquirte schneller, und die Alexandriner schon
brauchten in ihren officiellen Ausgaben nur noch den Text zu liefern."
Zu Seite 316. Ptolemaeos übernahm die Rolle, die sich in der Welt bis-
her noch überall als die undankbarste bewährt hat, — zwischen streitenden
Parteien den Vermittler zu spielen und es beiden (und keiner) recht zu machen.
Er stellte in seiner Harmonik (I. 5, 6) ein ganz neues Zahlensystem auf —
und wollte den Streit der Kanoniker und der Harmoniker vermitteln. Die
Harmonie, lehrt er, beruht ebenso sehr auf dem Gehöre wie auf der Berech-
nung — man darf keines dieser beiden Momente hei Seite lassen, denn sie
unterstützen einander auf das Wesentlichste. Das Gehör wirkt auf die unmittel-
bare Empfindung durch das Materielle, die Berechnung verschafft die intellec-
tuelle Erfassung des Begriffes, die Erkenntniss der Ursache, die Anschauung
der Form. Jene Spätlinge der antiken Musikgelehrtheit, die der Autorität des
Ptolemaeos folgten, nannte man darum auch wohl Ptolemaeer. Zu ihnen ge-
hören Porphyrius, Boethius, Bryennius — und durch Boethius wurde
der Einfluss des berühmten alexandrinischen Astronomen auch noch auf das
christliche Mittelalter fortgepflanzt. Eine eigentliche Schule haben die Ptole-
maer denn doch eigentlich nie gebildet. Das Wichtigste und Beste, was die
Speculation des Ptolemaeos hervorbrachte, war das sogenannte syntonische
Geschlecht. Es hatte nämlich Didymos die Unterscheidung des von ihm
berechneten und unterschiedenen grossen und kleinen Ganztones im diatoni-
schen Tetrachord auf eine Weise geordnet, welche Ptolemaeos einer Revision
und Verbesserung unterzog:
$=
Quarte
Ptolemaeos:
Didymos:
15
IG
kleiner Ganzton
9 : 10
grosser Halbton | grosser Ganzton
15 : 16 8:9
grosser Ganzton
8 : 9
kleiner Ganzton
9 : 10
Dieses syntonische Geschlecht (ovvzovov) hat nachmals viele Freunde gefun-
den. — Vincenzo Galilei in seinem Dialogo (1600) lobt es sogar ander
Posaune, dass sie die „Specie Sintona di Tolomeo" vollkommen herausbringen
könne. Auch Doni, Nicolo Vicentino (s. Kircher's Musurgie V. Band
S. 637), Wallis und Smith haben es für die beste Abtheilung der musika-
lischen Skala erklärt (vergl. Forkel , Gesch. d. Musik , I. Band S. 364). Ptole-
maeos nahm neben dem syntonischen Geschlechte auch noch ein weiches (fiaka-
xöv) und ein gleiches an — letzteres in den Proportionen 9 : 10 — 10 : 11 —
11:12. Eine Vergleichung der sogenannten „Schattirungen" für das diatonische
Geschlecht nach A rchytas, Didymos undPtolemaeos gibt folgendes Schema :
Ptolemaeos
Archytas (tonisch) Didymos svntonisch. weich. gleich.
Halbton 28 : 27 . . 16 : 15 16 : 15 ... 2t : 20 ... 12 : 11
Ton 8: 7 10: 9 9: 8 . . . 10 : 9 . . . 11 : 10
Ton 9 : 8 9 : 8 10 : 9 . . . 8 : 7 ... 10 : 9
So wird auch das chromatische Geschlecht bei Ptolemaeos in ein weiches
(28 : 27, 15 : 14, G : 5) und in ein scharfes (22 : 21, 12 : 11, 1: 6) getheilt.
Archytas hatte das chromatische Geschlecht also berechnet: 28 : 27, 243 : 224,
32:27. Didymos also: 16:15, 25:24, 6:5. Durch die Schattirungen
wurden, wie Bellermann (Toni. d. Gr. S. 27) bemerkt „dem Ohre und der
Stimme unerträgliche Intervalle, Drciachtel-, Viertel- und Dritteltöne zuge-
nnithet", und gewiss hat er Recht, wenn er behauptet, dass sie „auf keinen
Fall jemals eine wirkliche Anwendung gehabt haben".
Nachträge.
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534 Die Musik der antiken Welt.
Zu Seite 349. Die sich zeitlich manifestirenden musischen Künste, Poesie,
Musik, Tanz, zu deren Verwirklichung jedesmal eine unmittelbare Thätigkeit
erforderlich ist (die Poesie wird nicht als Leetüre, sondern recitirt gedacht),
hiessen eben deswegen „praktische" oder thätige Künste {jtQtixrixal), wie es
Schol. Dionys. Thrac. S. 655 heisst: fisrä yaQ trjv Ttgäl-iv ov% vtiÜq'/ovoiv.
Zu Seite 352. Die Geschichte von den Schmiedehämmern des Pythagoras
ist eine von den berühmtesten. Das Mittelalter wurde nicht müde sie nachzu-
erzählen — sie kommt vor bei Regino von Prüme (Gerbert, Scriptores
1. Band S. 239. Der fromme Abt Regino bemerkt dabei „consonantiae ne-
quaquam sunt humano ingenio inventae, sed divino quodam nutu Pythagorae
sunt ostensae), im Microlog des Guid o von Arezzo (a. a. 0. 2. Band S. 23),
bei Aribo (S. 220), bei Johannes Cotton (S. 234), bei Aegidius von
Zamora (S. 371), bei Marchettus von Padua (a. a. 0. 3. Band S. 65),
bei Johann de Muris (S. 249), bei Adam von Fulda (S. 367) u. s.w.
und noch P. Athanas Kircher hat auf das Titelblatt seiner Musurgie eine Figur
in orientalischem Phantasiecostüme zeichnen lassen , die mit der einen Hand
auf die geometrische Figur vom Quadrat der Hypotenuse, mit der andern auf
hämmernde Cyclopen zeigt und den Pythagoras vorstellen soll. Dass die
mittelalterlichen Mönche für den Ordensstifter Pythagoras eine Art Sympathie
empfanden, ist natürlich. Etwas anachronistisch sagt Engelbert von Admont:
ex proportionibus ponderum cymbalorum horologii, ex quibus etiam
Pythagoras et Plato primo proportiones vocum seu sonorum ad invicem invene-
runt. Uebrigens wurde die weltberühmte Geschichte von den Schmiedehäm-
mern auch in die Urzeiten des Menschengeschlechtes verlegt und mit Tubalkain
dem Schmied, und Jubal dem Musiker in Verbindung gebracht. „Jubal filium
Lamech sonorum proportiones priorem invenisse (sagt Adam von Fulda) nemo
est, qui negat — cui frater erat Tubalcain nomine, primus faber aerarius, penes
quem conversatus in fabrica per malleorum et aeris sonum harmonias primum
perpendisse fertur , qui et artem duabus insculptam columnis post se reliquit."
Letztere Erzählung gehört dem bekannten Flavius Josephus an. Jubal habe drei
Säulen aus Stein und aus Backstein gemacht, damit sie den Untergang der
Erde durch Wasser und durch Feuer überdauern — und man könne die Marmor-
säule noch in Syrien finden, da die andern durch die Sündfluth zu Grunde
gegangen. Dass Pythagoras von den Zahlenproportionen der Töne mächtig
berührt werden musste, ist erklärlich, wenn man sich erinnert, dass er in der
Zahlenharmonie den Grund und das Bestimmende alles Existirenden und in der
Welt wie in den einzelnen Dingen den Ausdruck von Zahlen oder, wenn man
will, Zahlen selbst erblickte (daher ihm das Tetraeder gleich dem Feuer, das
Octaeder gleich der Luft , der Cubus gleich der Erde u. s. w. war und von einer
Zahl des Feuers, der Luft u. s. w. die Rede ist). Daher der hohe Werth, den
die Pythagoräer auf Musik legten. Sie war ihnen der reinste Ausdruck der
übersinnlichen Zahlenharmonie. So erklärt auch Ptolemaeos (IH. 3 und 4)
die Harmonie als die Ursache alles geordneten Bestehens und Wohlseins — sie
lebt in allem, was vollkommen und vernünftig ist, und manifestirt sich ganz
vorzüglich in den Seelen der Menschen und in den Bewegungen des Himmels.
Zu Seite 353. Die pythagoräische Schule, welche, wie Aristoteles sagt,
„die Mathematik zur Philosophie machte" und das Weltganze als Zahlenformel
ansah, setzte begreiflicher und consequenter Weise auch die Berechnung der
Tonverhältnisse mit ihrer Zahlenmystik in Verbindung. Die Pythagoräer fanden
die Vollendung ihrer Tetraktys (und in ihr die Vollendung alles Daseins) in
der Zahl 27. Wenn 1 der Punkt ist; 2 der Linie, der direkten Verbindung
zweier Punkte , 3 als erste Zahl mit Anfang , Mitte und Ende als erste ungerade
Zahl, als erste Flächenzahl dem Dreieck, und wegen der drei Dimensionen
den Körpern, 9 aber als Quadrat von 3 (3x3 = 9) dem geometrischen Qua-
drate entspricht, so vollendet sich das Körperliche erst in dem von Quadraten
eingeschlossenen Würfel oder Cubus, oder in der Zahl 27 als dem Cubus von 3.
Die durch Addition entstehende Tetraktys, die durch die Zahl 10 abge-
Nachträge. 535
schlössen wird, ist 1, 2, 3, 4, — die durch Multiplication entstehende
Tetraktys ist eine doppelte, eine gerade und eine ungerade, je nachdem zum
Exponenten 2 oder 3 genommen wird — in der Form eines Lambda (nach
Maerobius in Sonvn. Scipt. II. 2) geordnet, gibt sie folgendes Schema:
2 X 1 X 3
Hiernach ist die ganze vollendete Tetraktys gleich 1, 2, 3, 4, 8, 9, 27, —
addirt man aber die ersten sechs Zahlen, so ergibt sich wieder die siebente
und letzte Zahl 27. Das Verhältniss des Ganztones beruht nun auch auf dieser
cubischen Zahl, denn es ist gleich 24:27, was eben so viel ist wie 8:9
(tnöyöoov). Zwischen 24 : 27 ergibt sich aber wieder 3, die Wurzel des
Cubus, als Differenz der beiden Zahlen. Das Verhältniss der Tontheilung,
das Verhältniss zwischen Diesis (Limma) und Apotome berechnet Philolaos mit
243 : 256, zwischen welchen eine Differenz von 13 besteht — das Verhältniss
des Tones mit 216 : 243 (8 : 9 = 24 : 27 = 216 : 243), zwischen welch' letzteren
Zahlen sich abermals die heilige 27 als Differenz ergibt. Hiernach nahm
Philolaos für den Ton 27 Einheiten an, und für die Diesis (nach obiger Diffe-
renz) 13 Einheiten, wonach für die Apotome natürlich 14 Einheiten erübrigten.
Schon das Alterthum erkannte aber das Ungenaue dieser Berechnung. (Siehe
Bückh's Philolaos S. 70—72.) •
Zu Seite 353. Die Uebung des Gehörs, die wir für den Musiker mit Recht
so äusserst wichtig halten , galt den griechischen Denkern nicht blos für werth-
los, sondern der Erkenntniss durch intellectuelle Mittel (voijnxä) gegenüber
sogar für etwas Niedriges und Verwerfliches — sie konnten nicht schätzen, was
wie Plato sagt, „durch gedankenlose Uebung, Schärfung der Sinnenempfindung
und blosse Abschätzung [a/.öyio rivl TQißij) erworben wurde. Die bloss sinn-
liche Harmonie, welche an die Instrumente gefesselt ist, kommt ihnen nicht
in Betracht gegen die in Zahlen und Vernunftanschauungen beruhende
intellectuelle Harmonie. Eine solche Auffassung war allerdings der Weg
zu besserer Philosophie als Musik. Man darf jedoch die Machtsprüche der
Philosophen , die sich der Menge (oy'/.oq) als Auserwählte gegenüberstellten,
nicht für den Ausdruck der Ansichten der Griechen überhaupt nehmen. Wir
wenigstens werden ohne Zweifel einen Mozart, der schon als Kind Stimmungs-
unterschiede von einem halben Viertelton im blossen Gedächtnisse festzuhalten
wusste, für zur Musik berufener halten als einen Euler, der eine Sonate durch
blosse Berechnung componirt. Jene antike Auffassung hat bis in das Mittel-
alter nachgewirkt. Georg Valla von Piacenza, Lehrer der Musik zu Venedig
um 1450 (de Mus. libri V. , 2. Buch, Cap. 3), und nach ihm An dreas Ornito-
parchus von Meiningen (Musicae art. micrologus 1517) unterscheidet die
Musica inspectiva und activa in folgender Weise: „Inspectiva Mitsica est sci-
entia sonos, naturalibus instrumentis formatos, non auribus, quarum obtusa
sunt judicia, sed ingenio rationeque perpendere — acliva Mitsica, quam et
practicam dicimus, ut divus Augustinus Lib. 1. musicae suae refert, est bene rao-
dulandi scientia" u. s. w.
Zu Seite 354. Die ältere pythagoräische Tontheilung durch Philolaos war
folgende: er theilte den Ton in Diesis (die später als Limnla bezeichnet wurde)
und in Apotome — letzteres übertraf die Diesis um ein Komma. Die Diesis
begriff vier Komma, und wurde wieder in zwei gleiche Theile getheilt, welche
Diaschisma hiessen; eben so wurde das Komma in zwei Theile — Schisma —
gespalten.
Der genaue Halbton war also gleich zwei Diaschismen und einem Schisma.
53G Die Musik der antiken Welt,
Diese Auffassung wurde von den späteren Pythagoräern verworfen. Der Ton
ist gar nicht gleichmässig theilbar (lehrten sie), denn 9 : 8 ist ein übertheiliges
Intervall (superparti ciliare, §7ti[/.OQtov) , d. h. die grössere Zahl entsteht, wenn
man die kleinere ganz und noch einen aliquoten Theil derselben setzt — z. B.
hier 9 = 8 -\- 8/s oder 1 '/s der kleineren Zahl. Dies ist die ratio sesquioctava,
?.nyog tnöyöooq — eben so wie 4 zu 3 (4 = 3 -f- 3/3 oder 1 73 der kleineren
Zahl) die ratio sesquitertia, ),6yoq hniTQiroq, 3 : 2 (IV2 der kleineren Zahl)
die ratio sesquialtera, löyoq i/fuohoq. Zwischen 3 und 2 ist keine Proportional-
zahl zu finden, die kleiner als 3, grösser als 2 wäre. Denn um solches zu be-
werkstelligen , müsste die Einheit getheilt werden — die Einheit (ßovccq) ist aber
untheilbar — eben weil sie die Einheit ist. Denn V2 ist nicht die Hälfte von
1 , sondern von 2/a ; wollte man 1 in l/2 «nd V2 theilen , so wäre '/a selbst als
Einheit gesetzt — und man verfiele in den Widerspruch zu behaupten, dass die
Einheit (1) aus zwei Einheiten (V2 und V2) bestehe. Da nun zwischen über-
theiligcn Intervallen eine wahre Mittelzahl nicht zu finden ist, so ist der Ganz-
ton auch nicht in gleiche Theile theilbar (man sehe Euklid Th. IG und 17 und
Boethius III. 5). Aristoxenos machte es diesem pythagoreischen Beweise ge-
genüber wie der launige Diogenes, welcher Angesichts jenes die Bewegung
läugnenden Sophisten aufstaud und munter auf und ab spazierte. Er theilte
den Ton thatsächlich in zwölf gleiche Theile — sechs davon machten den Halb-
ton (Euklid S. 11). Dies ist der Unterschied der pythag oräischen und
der aristoxenischen Tontheilung.
Zu Seite 353 und 354. Winterfeld (Gabrieli, 2. Theil, S. 76) sagt: „Als
völlig unbrauchbar für harmonische Entfaltung finden wir das dia-
tonische Klanggeschlecht der Alten, das zwei Töne in gleichem Verhältnisse
und einen kleinen Halbton in sich befasst (8/n, 8/n, -i3j^r,)- Zwar stellt es alle
Quarten und Quarten (die sogenannten vollkommenen Wohlklänge) in völlig
reinen Verhältnissen dar: von den Terzen und Sexten jedoch, auf denen alle
Mannigfaltigkeit und Eigenthümlichkeit der neuen Tonkunst beruht, ist durch-
aus keine brauchbar; um vieles zu scharf sind die grossen, um vieles zu matt
die kleinen Terzen, und im umgekehrten Verhältnisse die gleichnamigen,
beide ergänzenden Sexten. Eine Abweichung von diesen Verhält-
nissen war unerlässlich, sollte der Tonkunst durch die Har-
monie ein neues Leben aufgehen. Nicht minder ungenügend aber war
der Wechsel des grossen und kleinen Tones (nunmehr dem grossen Halbtone
gesellt), durch welchen man ein in seinen Verhältnissen reineres, harmonischer
Entfaltung mehr günstiges Diatonische darzustellen bestrebt war. Die un-
gleichen Hälften der Octave, gebildet durch die verschiedene Lage des Halb-
tones, die Zusammenfügung der harten und weichen Tonreihe (in dem oft dar-
gelegten älteren Sinne), vorausgesetzt, dass beide ein fortgehendes, gegen-
seitige Uebergänge zulassendes Ganze bilden sollen — verursachten bei dieser
Theilung der Verhältnisse jene Ungleichheit, dass des kleinen Tones
halber eine Terz (d — f) zu matt, eine Quarte (fl — d) des doppelten grossen
Tones wegen zu scharf wurde — jene Zusammenfügung, dass ein Ton
{b — c) und in demselben Masse auch eine dadurch gebildete grosse Terz (b — d)
zu scharf wurde, wie denn hier wiederum der kleine Ton eine zweite kleine
Terz (y — b) abstumpfte. Fünf Tonverhältnisse also , und rechnet man ihre
Ergänzungen hinzu, deren zehn zeigen sich unvollkommen." Unsere Tempe-
rirung hat alle diese Missstände ausgeglichen — dagegen sie freilich selbst auch
wieder ihr Unvollkommenes hat. Die vergleichende Zusammenstellung S. 355,
Anm. 1 gewährt eine deutliche Uebersicht dieser Verhältnisse.
Zu Seite 356. Dass die Griechen die Eigenschaft der Terz und Sext als
Consonanzen auch selbst durch das Gehör nicht erkannten , erklärt sich grossen-
theils auch durch den Umstand, dass die nach ihrer Stimmung viel zu grosse
Schärfe der grossen Terz und kleinen Sext, und die flaue Mattigkeit der kleinen
Terz und grossen Sext diese Intervalle in ihrem Wohlklange sehr beeinträchtigte.
Die Autorität des Pythagoras allein hätte für Nicht- Pythagoräer denn doch wohl
nicht ausgereicht.
Nachträge. 537
Zu Seite 357. Die p^r« und a?.oya würden genauer so zu bestimmen
sein: Rational sind jene Intervalle, „die sich (mit R. Westphal zu reden) auf
die in der Scala vorkommende Masseinheit des natürlichen Ilalbtons als des
kleinsten in der diatonischen und chromatischen Scala vorkommenden Intervalls
zurückführen lassen." Bei den irrationalen ist solches der Fall nicht. Sie, zu
deren Bestimmung Aristoxenos den Viertelton, die enarmonische Diesis zu
Hilfe nimmt, kamen in den „schattirten" Tonarten zur Anwendung. Solche
Intervalle nun, wie der verminderte Ganzton, der übermässige Ganzton, die
verminderte kleine Terz u. s. w., werden aber vom Ohre als dem richtigen, in
der Natur begründeten Zusammenhange der Töne nicht angehörig empfunden
werden, mit anderen Worten: sie sind und klingen falsch, und
zwar desto mehr, je mehr sie d'/.oya sind — d. h. je weiter sie sich von jener
vorhin erwähnten Bestimmbarkeit durch das natürliche in der Scala selbst ge-
gebene Mass entfernen.
Zu Seite 360, Es wird kaum nöthig sein zu erinnern, dass das Bild dieser
Namengebung von unserer Weise — nicht von der antik griechischen herge-
nommen ist.
Zu Seite 3S0. Ueber die wirkliche Anwendung der yaöut sagt Rudolph
Westphal (Die Fragm. d. gr. Rhythmiker S. 209): „Die bisherigen Bearbeiter
der griechischen Musik haben den Gebrauch der nachgelassenen Intervalle
läugnen wollen. Die ausführlichen Nachrichten der Alten aber sagen vielmehr,
dass die Griechen diese Intervalle sogar mit grösster Vorliebe gebrauchten.
Denn was bei Plutarch de mus. 38. 39 über ihre Anwendung berichtet wird
(fiaXdzzOVOi yr.{i r.f-i te z.iyarovz xal xaq TlttQVTtdxaq) , wird durch die in's
Einzelne gehende bisher freilich noch niemals berücksichtigte Darstellung des
Ptolemaeus bestätigt, Harm. 1, IG; 1; 2, 16, wo auf's genaueste dargelegt
wird, in welchen Tonarten, in welchen Tetrachorden der Scala und für welche
besondere Compositionsweisen von den Kitharöden und Lyröden jene verschie-
denen Stimmungen des diatonischen und chromatischen Tongeschlechtes ange-
wendet werden. Schon die besonderen Namen für die durch die Anwendung
bestimmter Stimmungsarten charakterisirten Compositionsweisen, y.axa tag
toitojv aQjxoyuq — y.uxa racvTiSQTfioTtojv uQßoyuq — x^onixi' — laaxuuöhu
— gtzqscc u. s. w. , weisen schon für sich allein mit der grüssten Bestimmtheit
darauf hin, dass wir es hier nicht etwa mit Abstraktionen der Theoretiker, son-
dern mit Thatsachen der Praxis zu thun haben. Dabei kann es denn freilich
nicht befremden, dass Ptolemaeos nicht überall mit Aristoxenos in den Angaben
über die Stimmungsverhältnisse übereinstimmt, im Laufe der Jahrhunderte
hatte sich die Praxis in manchen Stücken verändert." Wenn wirklich diese
verschiedenen Stimmungen sogar in dem Sinne angewendet wurden , dass sie
Gattungen von Compositionen charakterisirten, so müssen Musiker und Zu-
hörer bei den Griechen eine unglaublich verfeinerte Ausbildung des Gehörs
besessen haben — daran ist, trotz der Autorität des Ptolemaeos, doch sehr zu
zweifeln. Die Theoretiker des 15. und 16. Jahrhunderts gingen auf ähnliche
Feinheiten aus — und das in einer Zeit, wo die Ausbildung des Gehöres, der
Sänger u. s. w. nichts zu wünschen übrig liess. Das Ende der Sache war, dass
die temperirte Stimmung das Feld behauptete.
Zu Seite 390 u. folg. Dass die Griechen ihre Scalen, ihre Tetrachorde.
ihr ganzes System von der Tiefe nach der Höhe zu bauten, das Proslambano-
menos der tiefste, Nete hyperbolaeon der höchste Ton war, wurde bisher so
ziemlich allgemein angenommen. Es gab indessen auch Zweifler. Forkel
(Gesch. der Mus. 1. Band, S. 369) sagt darüber: „ein sehr verkehrter Gebrauch
der griechischen Worte i~iö , sub, vn&Q , super, vitaxoQ, summus, vtjxoq,
imus, und rraoe, prope, juxta, von welchen man nicht genau weiss, ob sie
mehr zur Bezeichnung wirklicher Töne, oder der Stellen gedient haben, auf
welchen sie auf der Lyra lagen und gegriffen werden mussten, scheint Anlass
zu solchen Zweifeln gegeben zu haben ; und wenn sie stattfinden sollten , so
würden wir in unserer Kenntniss von den griechischen Tonarten, so wenig wir
538 Die Musik der antiken Welt.
auch mit Gewissheit davon sagen können, doch noch viel weiter zurückgesetzt
werden. Wir hätten bisher alles verkehrt angesehen, könnten also eben so
wenig Sinn und Verstand darin gefunden haben, als jemand in einem rückwärts
gelesenen Gedichte finden würde. So arg ist es indessen noch nicht geworden.
Eine Stelle aus dem Kanon des Euklid rettet uns von dieser Schande und zeigt
deutlich, dass der Ton Proslambanomenos im Tonsystem der Griechen der
tiefste , wenn auch nicht gerade das A aus unserer sogenannten Bassoctave war.
Euklid nimmt nämlich bei seiner Abmessung des harmonischen Kanons Pros-
lambanomenos als die ganze Saite, Mese als die halbe, Nete diezeugmenon
als ein Drittheil und Nete hyperboläon als ein Viertheil an; woraus, wenn wir
Proslambanomenos, den tiefsten Ton, für unser grosses A ansehen, folgende
Töne herauskommen :
Doppeloctave a — Nete hyperboläon
Quinte der Octave e — Nete diezeugmenon
Octave a — Mese
Grundton A — Proslambanomenos —
welches gerade alle Consonanzen sind , welche die Griechen annehmen. Dieser
Punkt wäre also , insofern er die Ordnung der Tonleiter in Absicht auf Höhe
und Tiefe betrifft, durch die angeführte Stelle des Euklid von allen ferneren
Zweifeln befreit." Nicht so ganz! Es ist ein Lieblingsgedanke unserer musika-
lisch gewordenen Philologie, dass man die griechischen Skalen von der Höhe
nach der Tiefe zu führen habe, wonach also auch die Klanggeschlechter ganz
anders herauskommen.
Diatonisch. Chromatisch. Enarmonisch
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Die dorische Scala wird dann unsere Durscala chag\fede, die
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lydische dagegen e d c h u g f e, also gerade das Umgekehrte der
Benennungen bei aufsteigender Tonreihe. Casimir Richter {Aliquot de musica
Graecorum arte S. 12 — 21) vertheidigt die Ansicht eines zweifachen Systems —
eines aufsteigenden und eines absteigenden , welche beide Geltung gehabt haben
sollen :
„Primum animadvertendum est Graecos duos habuisse sonorum ordines.
Hoc intelligi licet ex dupla signorum, quibus soni musici significabantur, serie,
quarum superior sonosvoce, inferior instrumentis canendos indicat, cf. Alyp. 2:
„HtjfXHa xa [xlv avoj'xrjq ?.tqS(oq, xa 6h xaxco xijqxQoyasmq," et Aristkl. I, 26 :
„diTclv 6h j) exd-saic xüiv onueiwv yeyovev fiulv (oixtoq) ix xvq xwv xuxoj
•/Qa<fOi.itvt}q ojj.01
roTq jxlv xuxa> xu
roTq 6h ävco xac
eluceat duos sonorum ordines apud Graecos in usu fuisse, hoc unum, id quod
summum est, restat,ut eorum sonorum, qui voce cantabantur, ordinem inverso
modo ab acumine ad gravitatem processisse demonstremus."
Die Durscala solle bei aufsteigenden Tönen (c, d, e u. s. w.) lydisch
heissen, „nostra vero species dura, quae Lydiae, si intervalla a gravi acutum
versus sumuntur, prorsus aequalis est — quum severitatis, honestatis, virilitatis
prae se ferat indolem , quomodo potuerit Graecis libidinosa, mollis, effeminata
apparere equidem non video." Die diatonische Durscala sei die natürliche —
sollten die Griechen sie als fremd (lydisch) gekannt haben? Die absteigende
Scala e d c u. s. w. habe wirklich etwas Weihisches u. s. w. Am meisten in's
Nachträge.
539
Gewicht fällt eine Stelle aus Gaudentius S. 17, von der Richter sagt: „in
utroque ordine sonorum rationes numeris arithmeticis exprimens alteri pros-
lambanomeno maximum, alteri vero minimum attribuit numerum — —
Prioris ordinis
Proslambanomenos 2304
2048
1944
Alterius ordinis
648
729
768
ceterorum sonorum numeros facile addere possumus toni ratione = 9/8 —
bemitonii 256<243 posita." Und so stellt unser Autor endlich die zwei Systeme
in folgender Art zusammen:
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Ist diese Annahme richtig, so ist der Forschung ein unübersehbares Gebiet
geöffnet — und der heillosesten Verwirrung auch! Aber von einer solchen
Fundamentalsache, von den zweierlei Systemen sollte kein einziger alter Autor
reden? Keiner sagen: wir haben zwei Systeme unb xov 6<~tog inl xb ßaQv
aal ano xov ßctQtog inl xb o£v — was bei letzterem Proslambanomenos
heisst, wird bei jenem Paranete hyperbolaeon genannt — jeder Name be-
zeichnet also zwei verschiedene Töne, je nachdem man izl xb ßctQv oder
tnl xo o$v fortschreitet, je nachdem man das eine oder andere System zu
Grunde legt, daher es nöthig ist jedesmal zu sagen: Proslambanomenos xov
ßccQsog oder Proslambanomenos xov ogeog und so bei jedem andern Tone?
— Mit einer solchen Auseinandersetzung wäre das Ganze abgethan. Statt
dessen muss man die Sache aus zweifelhaften Stellen und aus einer beiläufigen
unvollständigen Berechnung eines Autors wie Gaudentius (der damit obendrein
mit sich selbst in Widerspruch kommt, ohne den Widerspruch aufzuklären)
mühsam entiäthseln. Die von Richter bezogenen Stellen aus Alypius und
Aristides beweisen nichts; es ist nicht von Systemen, sondern von Zeichen
(atj/usTa) die Rede. Wenn die Griechen für Gesänge absteigende, für Instru-
mentalsachen aufsteigende Systeme anwendeten, so war dieselbe Melodie, wenn
sie gesungen wurde, dorisch und folglich mannhaft, würdig u. s. w.; spielte
man sie auf Flöten und Lyren, so wurde sie lydisch — und folglich weich-
lich, üppig u. s. w. Wer soll das glauben?
Die Berechnung des Gaudentius hat meines Erachtens nicht die Wichtig-
keit, welche ihr Richter zuschreibt. Euklid's Berechnung steht ihr bestimmt
entgegen — und Euklid's Name wäre denn doch eine ganz andere Autorität,
wäre es nur sicher, ob die Schrift auch von ihm herrührt (die Isagoge kommt
auch unter dem Autornamen Kleonidas vor). Die vereinzelte Annahme des
Gaudentius beweist so wenig, als manche Annahme unserer tüchtigsten
Theoretiker für den allgemeinen Gebrauch derselben — wann hat z. B. unsere
Musik je Hauptmann's Molldur-Tonart anerkannt oder angenommen? Und
540 D'e Musik der antiken Welt.
■warum heisst es in den bekannten Problemen (Probl. 35), dass sich die Nete
gegen die Hypate doppelt verhalte, d. h. in der höhern Octave stehe? Warum
schreibt Boethius seine Diagramme alle aufsteigend? Warum beobachten die
unter Einfluss und noch während der Giltigkeit antiker Musiklehre entstandenen
Kirchentöne die Ordnung von der Tiefe nach der Höhe? — Doch genug —
der Leser hat Gründe und Gegengründe gehört und mag entscheiden!
Zu Seite 404. Unter allen den einzelnen die antike Musik berührenden
Wissenschaften hat wohl keine sich einer so tiefen und allseitigen Verarbeitung
durch gelehrte Forscher der Neuzeit zu erfreuen gehabt, als die antike Rhyth-
mik und Metrik. Es genüge die Namen Hermann, Böckh, Feussner
und aus neuster Zeit Pfaff, Dr. Hirsch, Weil, Rossbach und Westphal
zu nennen. Ganz besonders möchte ich dem Leser , der sich speziell auf diesem
äusserst weitläufigen und viele Schwierigkeiten enthaltenden Gebiete Orientiren
will, die „Metrik der griechischen Dramatiker und Lyriker nebst den begleiten-
den musischen Künsten" von A. Rossbach und R. Westphal, und „die Frag-
mente und Lehrsätze der griechischen Rhythmiker" von R. Westphal empfehlen.
In letzterem Buche findet der Leser auch den Text der griechischen Autoren
über Rhythmik (Aristoxenos, Aristides u. s. w.) in höchst sorgsamer Redaction.
Ich habe mich bei meiner Darstellung wie natürlich auf dasjenige beschränken
müssen , was mit dem Hauptzwecke meines Buches in directem Zusammen-
hange steht. Die einzelnen Ausblicke auf neuere Musik, die ich mir hin und
her erlaubt habe, dürften vielleicht nicht unwillkommen sein.
Zu Seite 405 und 400. In der von Aristides gegebenen Definition des
Rhythmus heisst es im Texte bei Westphal S. 47 : „ix yva>(Ji/iia>v yQÖvojr"
— ■ allerdings für die richtige Begriffsbestimmung ein wichtiger Zusatz. Ebenso
heisst es in der Erklärung, was Arsis und Thesis sei, statt <poQU ow/xaroq
so: (fOQU jiiQOvq cojfzazoq — ohne Zweifel richtig, weil es weiterhin
heisst ramov tui'(JOvq, was ohne jene Einschaltung ganz unverständlich bliebe.
Zu Seite 407. Der Parallelismus zwischen Harmonik und Rhythmik wurde
insbesondere von Aristoxenos ausdrücklich anerkannt, der zwischen dem
noöixbq löyoq im Rhythmus und der Consonanz in der Harmonik eine Analogie
fand. 8o wissen wir auch aus einer von Porphyrius (ad Ptol. S. 220) citirten
Stelle des Dionysius , dass der /.öyoq ißoq und der Einklang, der /.öyoq diTi/.äoioq
(1 : 2), und die Octave, der /.öyoq >){itö?iog (2 : 3), und die Quinte, der löyoq
inixQLXOC, (3 : 4), und die Quarte, der ).6yoq XQmlÜGioq (1 : 3), und die
Duodecime wegen des für beide gleichen Zahlenausdruckes als Analoga ver-
standen wurden. Man sehe auch in den aristotelischen Problemen 19, 39.
Zu Seite 409. Ueber die irrationalen Zeiten sehe man die treffliche Aus-
einandersetzung bei Westphal S. 208 — 228. Der Kern der gegebenen Er-
klärung ist folgender (S. 216): „Rational sind diejenigen Zeitgrössen {-/qÖvov
/xsyt&t]), deren Umfang sich zurückführen lässt auf die der Rhythmik zu Grunde
liegende kleinste Masseinheit, auf das /LiitQOV qv&/uov — den yoövoq TiQÖnoq.
Es gibt nun aber in der griechischen Rhythmik auch Zeitgrössen, deren
Umfang sich nicht als ein vielfaches des yoövoq TtQcöxoq bestimmen lässt; dies
sind die irrationalen Zeitgrössen, yoövoi ä/.oyoi. Ihr Umfang lässt sich zwar
durch Zahlenangaben ausdrücken, aber nur durch Bruchtheile des yoövoq
rtoiüxoq, oder der auf ihn zurückführenden rationalen Grössen." Die Zu-
sammenstellung der rationalen Zeiten mit den rationalen Intervallen der Scala
und der irrationalen Zeiten mit den irrationalen Intervallen, „zu deren Grössen-
bestimmung der gewöhnliche Halbtoii nicht ausreicht," sehe man a. a. O.
Zu Seite 413. Nimmt man wie R. Westphal die erste Zeit (yoövoq 7tQ<Sxoq)
gleich der Achtelnote, ^ = |\ so ist der Tribrachys w w _ = 3/8 J J 0
der Jambus und Trochäus auch gleich % („_, _ 00 #, und _^ 000 0(jer
richtiger halbirtenSechsachteltacten J J'J J J> I der Molossus gleich 6/8 oder
r n ~ !
richtiger 6/8 : 2 = 3/4 = 00*000- Das ist streng mathematische
Nachträge.
541
Richtigkeit. Aber das Tempo, die (cycjy//, gibt dem Trybraehys den rasch
hüpfenden Charakter des Dreiachtlers
^S V_/ <S \ W W V_/ I V-> <S\^* | ^-> v_y \_J | v_y ^^ v^»
Seb. Bach
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dem Jambus und Trochäus den gemessenen , nicht übereilten Gang des Drei-
vierteltactes :
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dem Molossus das schwerwuchtige des Dreizweitiers :
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Aristoxenos verwirft den Zweiachteltact, weil Thesis und Arsis sich darin
verwirrend schnell folgen: navtsXtöq av £%oi TtvxvrjV ti)v nodixtjv aij/uaolccv.
Westphal (S. 107) macht aufmerksam, dass das Alterthum die beiden ungeraden
Tactarten nicht, wie die moderne Rhythmik, in drei oder fünf Theile, sondern
nach zwei ungleichen Abschnitten sonderte. „Der Jambus und Trochäus," sagt
er, „ist derselbe wie unser 3/8 Tact, aber in der Poesie erscheint er ursprünglich
und auch späterhin wenigstens in den bei weitem häutigsten Fällen als die Ver-
bindung blos zweier Sylben, einer zweizeitigen Länge und einer einzeitigen
Kürze. Von den drei gleichen Zeitmomenten des Tactes erscheinen hier also
zwei in der festen Einheit einer langen Sylbe vereinigt." Prototyp aller geraden
Tacte {noStg Fiisse) war der Daktylus, insofern er unserem Zweivierteltacte
entsprach 9 J f 4 nach ihm hiessen alle grösseren geraden Tactarten auch
SaxxvXtxoi — sowie alle grösseren dreitheiligen nach dem Jambus utfißixoi
genannt wurden.
Zu Seite 42'J. Es ist als habe Beethoven mit den Anfangstacten der C-moll-
Sympbonie die Lehre von der rhythmischen Acquiponderation in ihrer ganzen
Bedeutung darlegen wollen:
TH.
Ü^
/T\
S3E
jtj^SZ
m
Was soll der eingeschaltete vierte Tact? Antwort: wiederum die Aequipon-
deration der Tacte 3,4,5 gegen Tact 1, 2 herstellen. Was S. 429 über die
beiden ersten Tacte gesagt ist, wiederholt sich hier in grösseren Dimensionen.
Tact 1, 2 kann im Grossen als Arsis, Tact 3, 4, 5 als Thesis gelten. Das
Gleichgewicht gegen die heftige Arsis verlangt in der Thesis die Verlängerung
um einen Tact. Man versuche es nur ihn wegzulassen. Ist es aber nicht er-
staunlich, wie das Genie dergleichen wie im Traume findet? Es ist ein wahres
Glück, dass Beethoven jene Verschlimmbesserungen der C-rnoll- Symphonie,
die ihm viele Jahre nach ihrer Veröffentlichung in einem hypochondrischen
542 Die Musik der antiken Welt.
Augenblicke in den Kopf kamen und welche gerade jene Geniezüge gründlich
zerstört hätten, unausgeführt Hess.
Zu Seite 431. Ueber den zweigliedrigen und den dreigliedrigen Hexa-
meter sehe man Westphal a. a. O. S. 179 u. f.
novq novq
Der zweigliedrige od. heroische _~w w'^- ww — w O ' — ^ L> —^ " — —
XQ- XQ- XQ- XQ- XQ- XQ-
novq novq novq
Der dreigliedrige oder daktylische , ... , „
XQ- XQ- XQ- XQ- XQ- XQ-
Zu Seite 434. „Die Pausen sind aber nicht, wie man wohl früher glaubte,
auf die Instrumentalmusik beschränkt. Der Anonymus p. 69, 15 — 19 spricht
ausdrücklich von ihrem Vorkommen in den codul , ferner redet das Fragm.
Paris. 78, 17 von einer awjntjOiq zwischen zwei ßvXXaßal, Quintilian und Augu-
stin von einer Pause in der Mitte und am Ende des Verses, von einem „inane
tempus in metris", Heliodor von einer „uvanavöiq zwischen zwei katalektischen
Dipodien" (Westphal, a. a. 0. S. 257). Eine treffliche Auseinandersetzung
über die ßdßtq und die xaraX^iq wolle der Leser bei Westphal S. 257—262
einsehen. Die Katalexis, welche am Schlüsse der Verse (in ultima versus
parte, wie Marius Victorinus sagt) vorkommt und von Bacchius definirt wird
Jl Ttavxoq eXtehtovroq nhoov xftevxula öv'/lußif , ist auch durch die natür-
liche Empfindung für die Vollständigkeit des rhythmischen Masses hervor-
gerufen worden.
Zu Seite 444. FriedrichHeimsoeth („Die Wahrheit über den Rhythmus
in den Gesängen der alten Griechen") sagt über die griechische Melodik : „Es
war also nach Allem der griechische Gesang in melodischer und rhythmischer
Hinsicht im Wesentlichen nicht verschieden von dem neuern ; und wer immer
in dieser Beziehung Ausdrücke wie „erhöhte" Declamation, wie „Recitativ"
und dgl. auf das Alterthum anwendet, scheint der Autor in Träumereien be-
fangen zu sein. Auch Casimir Richter möchte sehr gern beweisen, dass die
griechische Musik unserer innerlichst verwandt war. Mephisto würde also finden,
dass man auch hier „von Harz bis Hellas lauter Vettern" begegne. Aber die
erhaltenen (freilich spärlichen) Reste griechischer Musik und sogar der gre-
gorianische Kirchengesang sind slarke Gegenbeweise! Sehr beach-
tenswerth aber ist, was Heimsoeth a. a. 0. S. 39 sagt: „Die griechischen Ge-
sänge wurden nicht, was man heute nennt , durchcomponirt, sondern die
Musik kehrte genau in gleichen Verhältnissen wieder wie die
Rhythmen. Ein in Strophe und Gegenstrophe gebautes Gedicht wieder-
holt ein und dieselbe Melodie von Anfang bis zu Ende; ein epodisch gebautes
hat zwei Melodieen, eine für die Strophen und Gegenstrophen, eine für die
Epoden; im Dithyramb, im Drama, überall ändert die Melodie, wo die Rhyth-
men sich ändern." Diese Vermuthungen haben etwas ungemein Einleuchtendes.
Zu Seite 448 — 449. Gegen Böckh's Rhythmisirung der Pindarschen Hymne
spricht sich auch F r i e d r i c h H e i m s o e t h (a. a. O. S. 45) scharf aus , er findet
sie „völlig fehlerhaft: wegen der Bezeichnung der Daktylen, wegen der in Folge
derselben eintretenden Bezeichnung des dritten Fusses im vierten Verse, und
wegen der Pausen, besonders der innerhalb der Verse selbst Arsis von Arsis
trennenden." Fetis ereifert sich (als Musiker mit vollem Rechte) auch gegen
die seltsame Tactrechnung Böckh's : „Remarquons d'abord que Böckh n'a pas
su ecrire sa pensee d'une maniere reguliere enmusique; car ayant a exprimer
par des notes le metre trochaique dimetre acatalectique, il a choisi la mesure
de 6/i, qui ne pouvait lui en fournir le moyen. II a cru sesoudre la difficulte
qui consiste a opposer le spondee au troche'e , en marquant les^deux longues
par une blanche suivie d'une noire pointee; mais oü a-t-il vu que des valeurs
semblables peuvent entrer dans la composition de la mesure musicale?" Fe'tis
Nachträge.
543
gibt daher folgende Anordnung, und es ist nicht zu läugnen, dass sie entschie-
dene Vorzüge vor allen sonstigen hat :
v^ —
gfe
^n
-i-
=ä
— W w — — v_-<
:•
±
=F
-g-t-g
X^f-ae-a <fÖQjj,iyq li.-n6)J.u>-voq xal l- o-n.?.o-xd-f/.(ov ovv-öi-
Eg»-p:
— w ^^
— 1 1-
— I h-
F=4=
1 i 1_
-4 — u
-<s> — * — •—
^
"-• #-
-^—^r~
;-ä)
— 0 *--*>-
* *
xov Moi-aäv xxea-vov xüq d-xov-si fikv ßdoiq d-y).a-i-
Chor mit Kitharen.
uq UQ - ya
Ttel- &ovtca 6 cc-oi-öol oa/iaoiv
a
K_/ -J- V W
'.
3^49^
*
■L^-
HHÜ^S
-^5^
yf -oiyö-Qov bnöxuv' noo-oi - fii- wv djx-ßo-).dq zsv-yjjq i?.e
— v^. \_/ — — w
m
$
*
*
i
m
021
).l - t,o/:cE - va' xal xbv myjw-xdv xegav-vov aßevvv-eiq
Wer wird läugnen, dass die Melodie in dieser Fassung schön und erhaben
klingt? Bei einer Melodie bleibt nun aber Melodie immer die Hauptsache, und
die Bemerkung des Dionysius über die ersten Worte Elektra's im Parodos des
Euripideischen Orestes, oder eigentlich über die Musik dazu, verdient alle Be-
achtung: „dass sich die Melodie in der Tonhöhe nicht nach der
Tonhöhe der Sylben durch den Accent richte." Ganz richtig:
die Melodiebildung hat ihre eigenen Rechte.
Zu Seite 464. Der Helikon (o ihxvn'), welcher die Theilung des Kanons
in sehr überschaulicher Weise zeigte, war der Grundform nach ein quadratischer
Schallkasten A, B, C, D.
auf
544: Die Musik der antiken Welt.
Die Eintheilung geschah nun in folgender Art: Die Linie ////.wurde hal-
birt und von dem Halbirungspunkte E au» die mit A C parallele Linie E G ge-
zogen. Ferner wurde die Linie BD halbirt, und vom Halbirungspunkte L
nach A eine Diagonale geführt. Endlich wurde durch den Durchschneidungs-
punkt A~, parallel mit A C und B D, die Linie F H gezogen. Nun wurden bei
A C, EG, F II und B D vier Saiten von gleicher Stärke gezogen und völlig
gleich gestimmt. Sofort wurde auf der Diagonale A L ein die Saiten theilender
Steg augebracht. Dies war die einfachere Theilung, wie sie bei Ptolemäos
(Harmon. II. 2) vorkommt. Sie ergab folgende geometrische Verhältnisse:
A B = 2 B L = 2 L D
IB . BL= A E . EJ
. _ 4 C AC
AI: -2 -=—£-■. EJ
1 : >/2 = ~T : L J
JG = 3 A AC
3 EJ=JG
Aß: BL= AF : F A
3 FR = AC
Hier fand man nun auf den vier Saiten ganz genau die Cousonanzen — zu
A C tönte BL und L D die Octave, JG die Quarte, A'//die Quinte, F K die
Quinte der nächsthöheren Octave (Diapason und Diapente), EJ die Doppel-
octave (Bisdiapason), BL und LI) den Einklang. Weit reicher wurde der He-
likon, wenn man ihn auch noch mit den Saiten a c, b d und e /'bezog. Dabei
waren
A a — a E — E e — e B
\Aa=*A B
Ab = bF=FB
ZAb = AB
Hier fand man folgende Tonverhältnisse:
Unison B L zu L D
grosser Halbton . . . . . . . ifzuKH
kleiner Ton h d zu J G
grosser Ton F K zu e i
kleine Terz fG.if
grosse Terz i f: L D
Quarte F K : E J
Quinte LD :F K oder J G: LD oder A C : KB
kleine Sext AC:if
grosse Sext if-.ie
Octave AC: LD
Octave mit kleinem Ton . . . . hd: e i
Octave mit grossem Ton 1 G : F K
Octave mit grosser Terz . . hd: F ' R
Octave mit Quarte K II : E J
Octave mit Quinte LD : a g
Octave mit grosser Sext . . . . Ii d : E J
Doppeloctave Kh : ag oder AC: EJ
Ueber den Helikon sehe man Kircher's Musurgie 1. Band S. 189 und For-
kels Gesch. d. M. 1. Band S. 355. —
Zweifellos ist übrigens, dass der arabische Kamin [xavwv) und das mittel-
alterliche Psalter ihre äussere Gestalt dem Helikon danken. Statt den Kasten
Nachtrage. 545
quadratisch zu machen, Hess man den überflüssigen Theil ABL weg — und
erhielt so die Form, welche das mittelalterliche Psalter auf allen guten gleich-
zeitigen Abbildungen (Orcagna u. s. w.) hat.
Zu Seite 466. Die Phorminx wäre also ein Mittelding zwischen Lyra uud
Kithara. Sie hat einen viereckigen Untersatz wie letztere, wird aber nicht
gegen die Brust gelehnt, sondern gleich der Lyra aufrecht getragen, wozu bei
dem Gewicht des Instrumentes ein Umhängeband nöthig ist. Dass aber auch
leichte Lyren, wenn sie im Gehen (zumal mit beiden Händen) gespielt wurden,
an einem solchen Bande hingen, ist sicher. Die Vasenmaler haben das Band
weggelassen, aber Guhl und Koner (S. 219) machen aufmerksam, dass die
Lvren dann gleichsam in der Luft schweben.
Zu Seite 467. Sehr glücklich ist der Gedanke bei Guhl und Koner a. a. 0.
S. 224 (Abbildung dazu S. 220), dass auf dem Münchener Vasenbilde die drei
Musen als die Repräsentantinnen der drei Hauptformen besaiteter Instrumente
(Harfe. Kithara, Lyra) erscheinen. Die Kithara, welche eben von Kalliope
gestimmt wird, hat hier einen viereckigen Schallkörper, was mit der von Fe'tis
ausgesprochenen Vermuthung (S. 462) zusammenstimmt.
Zu Seite 4S4. Die Bezeichnung Kalamaulos scheint sich auf das Mittel-
alter als calamelle oder calimelle vererbt zu haben, von dem wieder „chalu-
meau" und „Schalmei" abstammt. Bei Godefroi de Bouillon wird erzählt:
La puissiez oir calimels cantant
Taburs et Cifonies i vont leur lais cantant.
Bei du Cange ad v. ceramella heisstes: „Gallis Ckalumeau, fistula, calamellus''
und ad v. Calamelle wird ein Wunder „ex vita S. Faronis" erzählt, der einen
Gelähmten heilt: „reptantem manibus et calameUis tibiarum contractum "
Dazu bemerkt du Cange, man sage noch jetzt von dünnen Beinen „greles comme
des flageolets". Dass aber calemiaus und chalemeaus identisch sind, beweisen
folgende von P. Paris (Bulletin du Bibliophile, Serie 2, Nr. 7, 1S36) citirte
Varianten :
Une fois dit lais e descors Une heure dit chants de descors
Et sons nouviaus de Cournouaille Et soas nouveaux de Contretaille
A ses calemiaus souffle et taille Aus chalemeaus de Cournouaille
Diese calemelles, calimels, calamelles, ceramelles, calemiaus oder chalemeaus
waren im Mittelalter sehr beliebt. Der Chronist Jean Cousin erzählt (Hist. de
Tournai IV. 24), dass bei den Festen der sogenannten Ritter der Tafelrunde in
Tournai unter andern Instrumenten auch calamelles ertönten: a chaque fois,
qu'ils disnoient ou souppoient ensemble et pareillement l'on sonnait les trom-
pettes, muses, calemelles, cornes, sarasmois et je ne scay quelle autre sorte
d'instrumens, nomme's nacaires." Die Identität von Schalmei und calamelle
dürfte wohl zweifellos sein, zweifelhaft ist die von calamelle und Kalamaulos.
Es ist gefährlich nach Klangähnlichkeit der Worte voreilige Schlüsse zu machen,
wie wenn z. B. Kircher bei Gelegenheit der altchaldäischen Sumphoneia oder
Samponia auf das italienische Wort Zampogna hinweist.
Zu Seite 4S6 und 457. Ich finde hei 0. Jahn ein antikes Bildwerk be-
schrieben, wo die Nymphe Echo eine Querflöte bläst. Guhl und Koner
(S. 227) sagen: „auf Bildwerken begegnet uns dieses nach Art unserer Quer-
flöten geblasene Instrument als bestimmt nachweisbar nur selten." Die Ab-
bildung, die sie S. 229 Fig. 242 m dazu geben, zeigt aber ein von unserem Flauto
traverso ganz verschiedenes Instrument, konisch zugespitzt, und in's spitze
Ende hinein angeblasen — allerdings aber schräg gehalten. Was die Doppel-
flöten betrifft, so konnten sie natürlich nie schräg gehalten werden. Ueber
Doppelflöten, wie sie bei Blanchini und Gironi abgebildet vorkommen und bei
gleicher Rohrlänge und Rohrstärke die Löcher zu zwei und drei also geordnet
haben :
Ambros, Geschichte der Musik. I. 35
546 Die Musik der antiken Welt.
macht Fe'tis in dem Aufsatze sur l'harmonie simultane'e des sons ehez les Grecs
et les Komains S. 99 die Bemerkung, dass sie im phrygischen Modus nur die
Töne e fi f g und e £ f g a, zusammen also höchstens Harmonieen
hören lassen konnten wie folgende:
" £ jf /' (', a g § f e, £a_<J_e_§ f <?_
e 9 % f <-' e g $ /' e g e g e § f e
Tieferklingende Tibias dextras nannte man wegen ihres tiefern Klanges auch
die Männerflöte (av'/.bq v.röoffioz), höherklingende Tibias sinisfras die Weiber-
flöte (av'/.bq yvi'ar/.i'fioc). Ob die von Herodot berichtete Verwüstung der
Erndten „bei Männer- und Weiberflöten" etwa bei Doppelflöten geschah , ist
doch zweifelhaft. Die alten Autoren nennen meines Wissens die Doppelflöten
nie mit dieser Wendung, sondern sie sagen tibiaegeminae, ccvXol yafiijXioi oder
OfiotyVysq avXol. Ueber das Mundleder {jcpoQßeia, Oto/tiq, /ei/.con^Q) machen
Guhl und Koner die nicht uninteressante Bemerkung, dass auf Vasenbildern
die zum Gastmahle aufspielenden Flötenbläserinnen stets ohne Phorbeia er-
scheinen. Natürlich — ein schönes Mädchengesicht wäre dadurch arg entstellt
worden. Wo die Flötenhläser bei Opfern u. s. w. länger und angestrengter,
blasen mussten, nahmen sie stets ein Mundleder.
Zu Seite 490. Die Wasserorgel war ein im Grunde ebenso einfacher als
sinnreicher Apparat und beruhte wesentlich auf der Verweithung derselben
Naturgesetze, die sich bei dem Heronsball u. s. w. bethätigen. Die Beschrei-
bung Heron's undVitruv's von diesem Instrumente genügt, uns eine völlig deut-
liche Vorstellung zu geben. Den eigentlichen Windapparat bildete ein vier-
eckiger wasserdichter, nach Vitruv von Metall verfertigter Kasten, in dem sich
eine Art Glocke oder Trichter befand, mit der Oeffnung abwärts, und auf
leichten Untersetzen oder Füssen wenig über den Boden des Kastens er-
höht. Wurde nun in den Kasten Wasser geschüttet, so stand es, wie natür-
lich, in dem Kasten (dem Reservoir) und der Glocke (dem Regulator) in
gleichem Niveau — es durfte aber nur so viel eingeschüttet werden, dass im
Regulator über dem Wasser noch ein leerer, oder vielmehr ein mit Luft gefüll-
ter Raum blieb. Durch Einpumpen von Luft mittels eines neben dem Reservoir
angebrachten besondern, mit dem Regulator durch eine Leitungsröhre verbun-
denen Apparates wurde nun die Luft im Regulator über der Wasserfläche ver-
dichtet — sie drückte auf letztere und drückte dadurch das Niveau des Wassers
im Regulator herab, Mährend es im Reservoir stieg und seinerseits einen Ge-
gendruck auf die comprirairte Luft ausübte. Der Regulator stand mit der
eigentlichen Windlade durch eine Leitungsröhre in Verbindung. Wurde nun
eine Taste niedergedrückt, so öffnete sich eine Verbindung zwischen der Wind-
lade und der betreffenden Pfeife, die comprimirte Luft strömte in die Pfeife
ein und machte sie ertönen. Je mehr comprimirte Luft auf solche Art in die
Pfeifen entwich, desto höher stieg im Regulator das Wasser, desto tiefer sank
es im Reservoir. Kam es endlich in beiden auf das gleiche Niveau, so hörte
natürlich aller Druck und Gegendruck und alles fernere Ausströmen der Luft
auf — die Orgel verstummte. Um dieses zu verhüten, regierte der Spieler (wie
bei uns der Physharmonikaspieler) mit dem Fusse einen Apparat, durch den
die Luftpumpe neben dem Reservoir fortwährend bewegt und unaufhörlich
Luft eingepumpt wurde. Der Gegendruck des Wassers, das nach Mass der
eingepumpten oder entweichenden Luft im Regulator sank oder stieg, sorgte
dafür, dass das Einströmen der Luft in die Orgelpfeifen stets gleichmässig ge-
schah. Auch der Tastenapparat war sinnreich angelegt — ähnlich den Schleif-
laden der Register unserer Orgeln. Zwischen die Windlade und die Pfeife
legte sich ein schubladenförmig herausziehbarer Leisten, der etwas nach rück-
wärts senkrecht durchbohrt war. Durch den Niederdruck der Taste wurde er
vorwärts gezogen, die Oeffnung kam dabei zwischen Windlade und Pfeife und
gestattete der Luft das Durchströmen in die Pfeife; hörte der Druck auf die
Taste auf, so wurde der Leisten durch eine Feder zurückbewegt und die Ver-
Nachträge. 547
bindung zwischen Windlade und Pfeife wurde wieder unterbrochen. Sogar ein
Crescendo und Decrescendo konnte durch stärkeren oder schwächeren Druck
auf die Taste bewirkt werden, wenn nämlich nur ein Theil der in den Leisten
gebohrten Oeffnung oder die ganze Oeffnung unter die Pfeife geschoben wurde
(was, wie sich von selbst versteht, vom stärkeren oder schwächeren Druck auf
die Taste abhing) und folglich weniger oder mehr Luft in die Pfeife einströmen
konnte. Es konnten aber, wie sich aus der Beschreibung ergibt, eben nur
kleine Werke sein — ähnlich den sogenannten Regalen. Unbegreiflich ist es,
dass das Spielen auf diesen Orgeln nicht den Weg zu einer harmonisirten Musik,
wenigstens zum Gebrauch von Accorden bahnte. Im Gegensatze gegen diese
zierlichen Apparate der Hausmusik waren die Orgelwerke des frühen Mittel-
alters plump schwerfällig — wovon im zweiten Bande das Nähere zu berichten
sein wird. Eine sehr hübsche Abbildung einer Wasserorgel enthält ein rö-
mischer Mosaikfussboden zu Nennig, wovon sich die Nachbildung in Guhl
und Koner's „Leben der Griechen und Römer" S. 232 findet. Das Instrument
gleicht hier einer grossen Panspfeife auf einem altarähnlichen Untersatz — da-
neben steht ein Hornbläser mit einem gewaltigen, fast kreisförmig gebogenen
Krummhorn.
Zu Seite 493. Diese fremden paphlagonischen , ägyptischen u. s. w. Trom-
peten scheinen in Griechenland nie das Bürgerrecht erlangt zu haben. Zweifel-
haft bleibt es vom Hörn (_xsQccq). Bei Guhl und Koner (S. 231) wird eines
Vasengemäldes erwähnt, welches eine Kampfscene zwischen Griechen und
Asiaten darstellt, wobei ein Hornbläser {x£ QaxavXr^q) , den ein wollener Pileus
als Asiaten bezeichnet, die Seinen zum Kampfe aufmuntert, während auf Seite
der Griechen eine gerade Salpinx geblasen wird. Das Hörn des Asiaten gleicht
den im Mittelalter gebräuchlichen Rolandshörnern, wie sie z. B. in der der
Frühzeit des 13. Jahrhunderts angehörigen Bilderhandschrift des „wrelschen
Gastes" (Bibliothek zu Heidelberg) auf der Darstellung einer Bärenjagd vor-
kommen, und wie deren der Domschatz zu Prag zwei besitzt, darunter ein
uraltes aus dem 7. oder 8. Jahrhundert. Die Römer besassen neben dem ge-
raden, der Tuba die Horngattungen Cornu, Lituus, Buccina. Vegetius unter-
scheidet Tubicines, Cornicines und Buccinatores. Das Cornu scheint dem
Rolandshorn, der Lituus einem Augurenstab (lituus) oder dem Krummhorn
(storto) des 16. und 1 7. Jahrhunderts geglichen zu haben. Vom Cornu sagt
Varro: „dass es ursprünglich aus Büffelhörnern (ex bubulo cornu) verfertigt
wurde. Die Buccina kehrte fast kreisförmig in sich selbst zurück (Buccina,
quae in semet aereo circulo reflectitur. Vegetius IH. 5). Sie diente vorzüglich
zu Signalen, wiePolybius erzählt: tccSiccq'/oq zr)v tblifzeksiav Ttoisirai tov xaxä
(pvXaxrjV ßovxavav. Varro leitet den Namen Buccina davon her, dass das In-
strument Bu Bu töne. Besser wäre es vielleicht von Pausbacke (bucca) abzu-
leiten, wie Juvenal (Sat. III. v. 34) in einem drastisch anschaulichen Bilde sagt:
Quondam hi cornicines et municipalis arenae
Perpetui comites, notaeque per oppida buccae.
Abbildungen der Buccina finden sich auf den Reliefs der antiken Monumente.
Merkwürdig ist, dass die Buccina unserer Posaune den Namen gege-
ben hat durch die frühmittelalterlichen Wortformen Bitgsine, Buisine und
die im 16. Jahrhundert gebräuchliche Form Busone und Pusone. Bei Guhl
und Koner wird ein auf Vasenbildern (bei Gerhard II. Taf. 103 und Micali
Taf. 100) abgebildetes trompetenartiges Instrument beschrieben, das aus einem
sehr langen dünnen Rohr und einem weiten Schallbecher besteht, und gegen
den Boden gekehrt geblasen wird. Es scheint ein fremdes nicht griechisches
Instrument gewesen zu sein — auf jenen Bildern ist es in den Händen einer
Amazone und eines Asiaten; letzterer bläst es durch eine Phorbeia.
Im Verlage von F. E. C. Leuckart in Leipzig erschienen:
Opuscula.
Vermischte Au fs ätze
von
Moritz Hauptmann.
Geheftet. Jl. 3.
Inhalt: Klang. — Temperatur. — Der Dreiklang und aeine Intervalle. — Dreiklang mit
der pythagoreischen Terz. — Zum Quintenverbot. — Zur Auflösung des Dominantseptimen-
accordes durch Erweiterung der Septime zur Octave. — Einige Regeln zur richtigen Beant-
wortung des Fugenthemas. — Das Hexachord. — Authentisch und Plagalisch. — Contrapunkt.
— Metrum. — Zur Metrik. — Ueber die Recitative in Joh. Seb. Bach's Matthäus-Passion. —
Kunstvollendung. — Form in der Kunst. — Ironie in der Kunst. — Männlich und Weiblich. —
Egoismus. — Mechanik. — Die Sinne.
Des
Anicius Manlius Severinus Boetius
Fünf Bücher über die Musik.
Ans der lateinischen in die deutsche Sprache übertragen und
mit besonderer Berücksichtigung der
Griechischen Harmonik
sachlich erklärt von
Oscar Paul.
Mit vielen Tabellen und Facsimiles. 27 Bogen gr. 8. Geh. Jl 16.
Längst hat die historische Forschung die fünf Bücher über Musik des Boetius für
ein äusserst wichtiges Werk zum Verständnisse der griechischen und mittelalterlichen Musik
erklärt , aber auch stets ist von den vorzüglichsten Musikgelehrten auf die erheblichen
Schwierigkeiten der umfangreichen Schrift hingewiesen worden , deren Inhalt in ein kaum
aufzuhellendes mystisches Dunkel gehüllt sei. Bisher wurde niemals der Versuch gewagt
durch Uebertragung in eine der lebendigen Sprachen den Schleier zu lüften und den For-
schungen über die Akustik und die Tonsysteme der Griechen, welche Boetius für das
Mittelalter gewissermassen rettete, neue Bahnen zu eröffnen. Mit der vorliegenden, ersten
deutschen Uebersetzung und den sachlichen Erklärungen dazu ist nun endlich der Literatur
ein Werk geschenkt , welches die griechische Harmonik erschöpft und das Verständniss
der musikalischen Theorien des früheren Mittelalters vermittelt.
System der antiken Rhythmik
von
Rudolf Westphal.
Geheftet. Jl. 3.
Geschichte fler alten ifl mittelalterlichen Musik
von
Rudolf Westphal.
Erste Abtheilung XII u. 248 Seiten, gr. 8. Geh. Jl 5,25.
Dritte Abtheilung 96 Seiten, gr. S. Geh. Jl 3,75.
Auch unter dem Titel:
Plutarch über die Musik von Rudolph Westphal.
Geheftet. Jl. 3,75.
I>ruck rem C. Grumbach in Leipzig.
780.9Aml5g
MUSIC
. . 3 5002 02023 3925
Ambros, August Wilhelm ~«-w
Geschichte der Musik /
ML 16© , A493 1
Ambros, August Wilhelm, 1816
-1Ö76.
Geschichte der Musik
MÜ*IC LIBRARY
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